Theorie und Pädagogik der Heterodoxen Ökonomie

Die Alternativen zum Neoliberalismus


Masterarbeit, 2014

196 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Einleitung

I. Theoretischer Teil
1.1. Wirtschaft und Ökonomie
1.2. Wirtschaft im historischen Kontext
1.3. Wirtschaft und komplexe Rahmenbedingungen
2. Orthodoxe Ökonomie (Mainstream-Ökonomie)
2.1. Begriff und Abgrenzungskriterien zur Heterodoxen Ökonomie
2.1. Das Paradigma der Neoklassik
2.2. Neoliberalismus
3. Heterodoxe Ökonomie
3.1. Begriff
3.2. Ausgewählte Ansätze und Theorien Heterodoxer Ökonomie
3.2.1. Marxismus und Radikale Ökonomie
3.2.2. Keynesianismus und Neokeynesianismus
3.2.3. Feministische Ökonomie
3.2.4. Österreichische Schule der Ökonomie
4. Aktueller Stand der heterodoxen Ökonomie-Forschung
5. Kritik und Ausblick

II. Pädagogischer Teil
1. Rahmenbedingungen für heterodoxen Ökonomie-Unterricht
1.1. Dominanz und Schwächen orthodoxer Lehrbücher
1.2. Heterodoxer Ökonomieunterricht an Berufsbildenden Höheren Schulen (BHS)
1.3. Heterodoxer Ökonomieunterricht an Fachhochschulen
1.3.1. VWL-Curricula an österreichischen Fachhochschulen
1.3.2. Analyse des VWL-Lehrinhalte an den österreichischen Fachhochschulen
2. Heterodoxe Ökonomie lehren
2.1. Unterrichtsmodi der Heterodoxen Ökonomie
2.1.1. Heterodoxer VWL-Unterricht als Enrichment
2.1.2. Modulare Vermittlung heterodoxer Theorieansätze
2.1.3. Orthodoxe und Heterodoxe Ökonomie als Parallelperspektive
2.2. Heterodoxe Ökonomie im Blickwinkel unterschiedlicher Lehrertypen
3. Lehrerfortbildung und Heterodoxe Ökonomie
3.1. Pädagogik der Heterodoxen Ökonomie - Umdenken durch „Andersdenken“
3.2. Synopse Heterodoxer Ökonomie und wirtschaftsethischer Problemfelder
3.3. Literaturempfehlungen zur Heterodoxen Ökonomie
3.4. Heterodoxe Ökonomie im Internet

III. Anhang
Anhang 1: Die mächtigsten 50 Konzerngruppen und deren Lenkungsmacht
Anhang 2: Auszug aus dem Lehrplan der Handelsakademie (BGBL II, Nr. 291, 19. Juli 2004)
Anhang 3: The Economist’s Oath
Anhang 4: Informationsblatt „Der Multiplikatoreffekt“
Anhang 5: Einstieg in die Heterodoxe Ökonomie (geeignet für BHS)

IV. Verzeichnisse

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abstract

In dieser Arbeit wird untersucht, ob Alternativen zum Mainstream der neoklassischen Modellökonomik der Wirtschaftswissenschaften existieren. Die geringe Pluralität der wissen­schaftlichen Ansätze und Perspektiven behindert den wissenschaftlichen Fort­schritt und hat negative Auswirkungen auf die Realwirtschaft und die Politik. Neo­liberale Strömungen und der um sich greifende Finanzkapitalismus tragen zur Ver­schärfung der Krise einer pluralen Ökonomik bei. Die vorliegende Arbeit gibt einen Über­blick über die Ansätze und Theorien der Heterodoxen Ökonomie und zeigt zu­dem Möglichkeiten und Umsetzungskonzepte einer Didaktik der Heterodoxen Öko­nomie auf. Der Autor möchte mit dieser Arbeit einen Beitrag für mehr Pluralität im Volks­­­­wirt­schaftslehre­­unterricht an berufsbildenden Schulen und wirtschaftswissen­schaftlichen Fachhochschulstudienlehrgängen leisten.

Keywords: Heterodoxe Ökonomie – Pluralismus – Wirtschaftswissenschaften – Pädagogik – Didaktik der Wirtschaftswissenschaften

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abstract

The following thesis discusses the question whether there are any alternatives to the mainstream of neoclassical model economics. The lack of plurality in scientific approach and in future perspectives impede scientific progress and lead to negative effects on economic development and also on politics. Neoliberal tendencies and the speed of financial capitalism aggravate the crisis of plural economics. By showing various concepts of didactics of heterodox economics and their possible application this thesis wants to be conducive to more plurality in the didactics of economics in vocational schools.

Keywords: heterodox economics – pluralism – economics – padagogics - didactics economics

Einleitung

Das globale Wirtschaftssystem steckt in einer tiefen systemischen Krise. Die Latenz dieser seit den 1970er-Jahren des vorigen Jahrhunderts stattfindenden Entwicklung wurde spätestens mit der Krise von 2008 aufgedeckt. Nur durch größte Anstreng­ungen der internationalen Staatengemeinde ist es mit mechanischen, symptom­at­isch­en System­eingriffen gelungen, den globalen Super-Gau einer Welt­wirt­schafts­­krise nach dem Muster von 1929 zu vermeiden.

Fünf Jahre später ist ernüchternd festzustellen, dass die Wirtschaftstheorie des Neo­liberalismus weiterhin (fast) weltweit die Grundlage für wirtschaftspolitisches Denken und Handeln bleibt. Nach der Devise „Business as usual“ wurde aus der Krise nichts gelernt und keine systemischen Änderungen vorgenommen. Der Traum des Keynes­ian­ismus von einer lenkbaren Marktwirt­schaft ist längst ausgeträumt, der Zusammen­bruch des realen Sozialismus und der Polarsturm der Globalisierung haben die Vor­stellung einer Volkswirtschafts­lehre als National ökonomie endgültig ad absurdum geführt (Brodbeck 2013, VII). Der Neoliberalismus, fußend auf den theoret­ischen Grundlagen der Neoklassik, ist und bleibt voraussichtlich das Betriebs­system der globalisierten Wirtschaft.

Trotz aller theoretischen Veränderungen seit dem Hauptwerk von Adam Smith (An Inquiry into The Nature and Causes of the Wealth of Nations, 1789) - in etwas durch die Lehre vom Nutzen im 19. Jahrhundert und durch die bis in die Gegenwart fort­gesetzte vielfache Art und Weise der Verfeinerung und Mathe­matisierung der Öko­nomie - bleiben die eigentlichen Grundlagen der Ökonomie als all­gemein­er theoret­ischer Rahmen in den modernen Wirtschaftswissenschaften paradig­matisch unange­tastet. Als Beispiele hierfür können Schlagworte wie „Nutzen- oder Produktions­funktion“, „Gleichgewicht“, „Marktmechanismus“, „Knappheit“ oder das „Rationalitäts­postulat“ genannt werden. Die in der neoliberalen Doktrin verankerte Trennung von Subjekt (Mensch) und Objekt (Wirtschaft) verdrängt die erkenntnis­theoretische Position der Einbettung der Wirtschaft in die ganze mensch­liche Gesell­schaft.

Wenngleich das neoklassische bzw. neoliberale Paradigma als Orthodoxe Ökonomie den Mainstream in der Realwirtschaft, in der Lehre und in weiten Teilen der Forsch­ung bildet, existieren zahlreiche alternative Ansätze und Theorien, die das starre Gedanken­korsett einer mechan­istisch­en Marktideologie durchbrechen. Unter dem Begriff der Heterodoxen Ökonomie zusammengefasst gewinnen sie aufgrund der immer offensichtlicher werdenden Schwächen und Mängel der Orthodoxen Öko­nomie sowohl im wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs als auch in der Lehre zu­nehm­­­end an Bedeutung.

Im Rahmen dieser Masterarbeit wird die Methodik und individualistische Sichtweise der vorherrschenden Ökonomie kritisch beleuchtet. Die Heterodoxe Ökonomie zeigt auf, dass ökonomische Prozesse nicht ausschließlich mit „individuellen Rational­verhalten“ (Stichwort homo oeconomicus) erklärt werden können, dass „das Soziale“ auch oder gerade eben in auf Größenwachstum basierenden Wirtschaftssystemen ein wesentliches systemisches Element darstellt und dass die Wirtschafts­wissen­schaften (Plural!) über die Initiierung eines kritischen Selbst-Reflexionsprozesses das vorhandene Potential ihrer Pluralität, ihrer Offenheit und ihrer Interdisziplinarität im Sinne einer den gegenwärtigen Forschungskorridor des Mainstream durch­brech­enden anderen, wieder an den Wurzeln der Ökonomie ansetzenden Forschung und Lehre, besser nutzen können.

Im theoretischen Teil der Arbeit wird in den Kapiteln 1 und 2 der Bogen von der dogmenhistorischen Entwicklung wirtschaftlichen Denkens und Handels bis zur Her­aus­­bildung der Orthodoxen Mainstream-Ökonomie in Differenzierung zur Hetero­doxen Ökonomie gespannt. Das dritte Kapitel widmet sich dem Wesen der Heterodox­en Ökonomie unter Berücksichtigung der Herausarbeitung ihrer unter­schiedlichen Ansätze, Theorien und Schulen. Der aktuelle Stand in der heterodoxen Ökonomie-Forschung wird in Kapitel 4 dargestellt, in Kapitel 5 werden Kritik und Aus­blick be­handelt.

Der pädagogische Teil der Arbeit beschreibt vorweg die Rahmenbedingungen für heterodoxen Ökonomie-Unterricht. Einleitend wird die Dominanz der in Unterricht und Lehre verwendeten orthodoxen Lehrbücher thematisiert und im Anschluss der Status Quo des Volkswirtschaftsunterrichts an Berufsbildenden Höheren Schulen (BHS) und Fachhochschulen dargestellt.. Das zweite Kapitel „Heterodoxe Ökonomie lernen“ ist der Lehrer­Innenfortbildung im Bereich der Heterodoxen Ökonomie gewidmet. Das dritte Kapitel „Heterodoxe Ökonomie lehren“ beschäftigt sich mit der Vermittlung von heterodoxen Lehrinhalten. Hier ist es Aufgabe der Fachdidaktik eine Brücke zwisch­en den Wirtschaftswissenschaften und den Erziehungswissenschaften zu schlag­en. Die Herausforderung besteht in der Entwicklung von Konzepten, die ein „Andersdenken“ der SchülerInnen bzw. der Studierenden in wirtschaftlichen Be­langen initiieren können sowie in der Ausformulierung von ökonomischen Thematik­en, die für den Einstieg in die Hetero­doxe Öko­nomie geeignet sind. Für die praktische Umsetzung und An­wendu­ng werden Literatur- und Ideenquellen zur Heterodoxen Öko­nomie angeführt, die eine Einarbeitung in die Materie der Hetero­doxen Ökonomie und in weiterer Folge eine qualifizierte Unterrichtsplanung er­mög­lichen sollen.

Durch die Auffächerung der Perspektivenvielfalt ökonomischer Betrachtungsweisen, soll diese Masterarbeit die ersten Schritte einer Entdeckungsreise zu einer „anderen Ökonomie“ begleiten und Inspirationsquelle für das weitere Studium der Heterodoxen Ökonomie sein.

I. Theoretischer Teil

1. Ökonomisches Denken im Wandel der Zeit

1.1. Wirtschaft und Ökonomie

Der Begriff der Wirtschaft bezieht sich auf den Bereich menschlichen Handelns, der sich im weit­esten Sinn auf die Produktion knapper Güter und deren Konsum bezieht. … Im eigentlichen Sinn bezieht sich der Begriff ‚Wirtschaft‘ (Ökonomie) auf denjenigen Teil menschlichen Handelns, der in Verfügungen (Entscheidungen) über knappe Mittel zur (insbesondere arbeitsteiligen) Produktion von Gütern für den Konsum besteht; dabei sind alle Mittel, die mittelbar oder unmittelbar dem Konsum dienen, wirtschaftliche Güter (Brockhaus 2013)1.

Knappheit ist zentrales Moment dieser Definitionen von Wirtschaft und Ökonomie. Output­seitig statuiert sich Knappheit über die implizit als vorhanden angenommene Nachfrage nach (knappen) Gütern, oder anders ausgedrückt: Produziert wird nur, was nachgefragt oder angebots­seitig2 formuliert - nachgefragt werden könnte - und in weiterer Folge mittelbar oder unmittelbar konsumiert wird. Mittelbarer Konsum bezieht sich auf die Produkt­ion von Investitions­gütern, die im Produktions­prozess von Gütern eingesetzt werden und deren prim­är­­er Verwendungs­zweck auf die Schaffung von Mehrwert ausgerichtet ist. Unmittelbarer Konsum bedeutet Nutzen­generierung durch Wertverzehr; das Gut wird zur Befried­igung eines oder mehrerer Bedürfnisse ein­gesetzt. Wie aus der Brockhaus'schen Definition des Wirtschaftsbegriffs her­vo­rgeht, kommen nur knappe Ressourcen als Wirtschaftsobjekt in Betracht. Freie Güter bedürfen keiner bewirtschafteten Ressourcenbasis und sind somit keine Wirtschafts­güter. Die Entscheidungsfindung über den Einsatz knapper Ressourcen ist durch das Spannungsverhältnis zwischen einerseits unbe­grenzt­en Bedürf­nissen und anderer­seits durch einen beschränkten Bedarf, der sich aus der Kaufkraft ergibt, geprägt. Entscheidungen zwischen Konsumwünschen (Bedürfnissen) und Güter­­versorgung (Bedarf) sind daher gemäß dem Wirtschaftlichkeitsprinzip3 zu treffen, das die Rational­ität von Ent­scheidungen auf eine Zweckrationalität einengt indem dieses Handlungs­modell explizit auf die Maximierung von (wirtschaftlichem) Nutzen ge­richtet ist. Der homo oeconomicus, der „Wirtschafts­mensch", als Vollstrecker dieser Weltanschauung handelt rational und egoistisch. Mit seinem einzigen Interesse an Gewinn­maximierung und persönlichem Vorteil ist er eine Konstante in den Formeln des neoklassischen Marktmodells. Die in der Begriffsklärung vorge­nommene Trenn­ung von Produktion und Konsum (Unternehmen und Haushalt) steht für die neu­zeitliche Ablösung vom Leitbild der Autarkie. Wirtschaft ist somit zu verstehen als komplexes Geflecht wirtschaftlicher Beziehungen zwischen arbeitsteilig organisierten Akteuren, die mithilfe von Geld (Geldwirtschaft) Güter und Dienst­leistungen auf Märkt­en (Marktwirtschaft) unter bestimmten rechtlichen, politischen und wirtschaft­lichen Rahmenbedingungen (Wirtschaftssystem) aus­tauschen.

Mit dem Bezug auf die Prozesse der Produktion und des Konsums verweist die Brockhaus’sche Begriffsdefinition von Wirtschaft auf die dahinter stehenden Wirt­schafts­subjekte der Unternehmen und privaten Haushalte. Als produzierendes Wirt­schafts­­subjekt treten Unternehmen in Erscheinung, die angebotsseitig ihre Erzeug­nisse bzw. Dienstleistungen auf den Güter- und Dienstleistungsmärkten im Aus­tausch gegen Geldleistungen der Haushalte anbieten. Als konsumierendes Wirt­schafssubjekt agieren Haushalte, die im Austausch für ihre Arbeitskraft, Geld­leistungen (Löhne und Gehälter) erhalten, um in weiterer Konsequenz ihre Nach frage nach Gütern und Dienstleistungen finanzieren zu können. Aufbauend auf diesen äußerst simplen wie logischen Über­leg­ungen wird in der Volkswirtschaftslehre ein einfaches Geld- und Güterkreis­lauf­modell erstellt (siehe Abbildung 1, „Einfacher Wirtschafs­kreislauf", Edling 2008, 9), das in nahezu jedem orthodoxen Lehrbuch über die Grund­lagen der Volks­wirt­schafts­­lehre zu finden ist.

Die zitierte Begriffsdefinition von Wirtschaft sowie der „Einfache Wirtschafts­kreislauf" (siehe Abbildung 1) sind hier als Beispiele orthodoxer Mainstream-Ökonomie ange­führt, jener Ansätze, Theorien und Methoden, die „in der universitären Lehre und in den Lehrbüchern dominieren, deren Forschung (bevorzugt) gefördert wird und die in den angesehenen Top-Fachzeitschriften sowie auf Tagungen diskutiert werden" (Dequech 2012, 354 in Hirte und Thieme 2013, 3). Die heraus­geschälten Kernelemente der Knappheit, Präferenzen und Nutzenfunktionen, der ökonomischen Rationalität, dem Gleich­gewichts­denken sowie dem ausgeprägten Drang zur Modellisierung und Mathe­mat­isierung sind vorrangig dem neoklassischen Paradigma zuzuordnen. Der Markt als effi­zient arbeitende „Maschine" (Dobusch und Kapeller 2009 in Hirte und Thieme 2013, 3) ist die unveränderliche Kern­metapher des gegenwärtigen Mainstreams, der für sich die Deutungshoheit für sämtliche wirtschaftliche Agenden beansprucht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Einfacher Wirtschaftskreislauf4

Der Elementarkreislauf bildet in einer ersten oberflächlichen Betrachtung einen ein­fach sachökonomischen Zusammenhang ab. Verlässt man den Korridor einer öko­nomisch orthodoxen, am Mainstream orientierten Sichtweise, so werfen sich Fragen auf, die in der Orthodoxen Ökonomie nicht gestellt werden. Beispielsweise wird „das Soziale" (Machtverhältnisse, Wohlstand­sstruktur, wirtschaftsethische Aspekte, etc.) in der gegenwärtigen Main­stream-Ökonomie weitgehend ausgeklammert (Hirte und Thieme 2013, 12). Das Kreis­laufschema fokussiert einseitig auf die formalen Tauschbeziehungen, das Verhältnis zwischen privaten Haushalten und Unternehmen wird ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt der Zirkulation betrachtet. Die Wirtschaftssubjekte treten bezogen auf diesen Tauschakt in einem Verhältnis der Gleichheit gegenüber. Vom Inhalt der Aus­tauschbeziehung betrachtet, dienen Haus­halte und Unternehmen jeweils dem anderen, um sich selbst zu dienen, sie begründ­en in dieser Wechselseitigkeit zu­gleich Mittel und Zweck. Ein Blick hinter die Kulissen des Austausches zeigt, welche gesellschaftlichen Verhältnisse der Wirtschafts­kreislauf ausblendet:

Sie [Anm. des Autors: Haushalte und Unternehmen] müssen sich also wechselseitig als Eigentümer der Waren anerkennen. Damit ist eine besondere Art der Freiheit gesetzt: Freiwilligkeit der Transaktion, Verzicht auf Gewalt, Anerkennung der selbstsüchtigen Interessen. … In den verborgenen Stätten der Produktion ist nur die ‚Arbeit‘ in der Gestalt des Lohnarbeiters als Person präsent. … Statt Freiheit herrscht Unterwerfung unter fremde Zwecke und Bedingungen, statt Gleichheit besteht ein System der Hierarchie mit fein differenzierten Unterordnungsverhältnissen, statt Eigentum am Resultat der eigenen Arbeit existiert Eigentumslosigkeit. Der gegen Lohn arbeitende Mensch wird auf einen Produktionsfaktor re­duziert, reiht sich also ein unter die Produktionsinstrumente und den Boden, steht als ‚sprechender Produktionsfaktor‘ faktisch auf derselben Ebene mit den anderen Faktoren. (Sandleben 2002, 1 ff)

Der im Wirtschaftskreislauf angenommene „Subjekt-Charakter“ der Arbeitnehmer­haushalte ist nur unter dem Aspekt der Ausklammerung der tatsächlichen Ver­hält­nisse der Produktion aufrechtzuerhalten. Durch die Konzentration des Wirt­schafts­kreislaufs auf die Zirkulationssphäre gehen die Rollen der ökonomischen Klass­en im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess verloren. Ökonomische Gegen­sätze und Widersprüche, die damit zusammenhängen, werden ausgeblendet (Sandleben 2002, 3). Weiters ist kritisch anzumerken, dass dem einfachen Wirt­schafts­kreislauf eine Theorie der Wertschöpfung fehlt: Es ist aus den verschiedenen Einkommensarten nicht ableitbar, wie das Sozialprodukt konstituiert wird. Die Differenzierung von Wert­entstehung, Einkommensarten und Einkommens­verteilung wird dadurch aufgelöst. Letztendlich blendet die Konzentration auf den Einkommens­kreislauf zwischen Haus­halten und Unternehmen die Frage aus, wie die sachlichen Produktions­voraus­setzungen erneuert werden. Der Saldo der quantit­ativ­en Änderung­en des Kapital­stocks (Sachinvestitionen minus Abschreibungen) wird nicht weiter berücksichtigt. Es wird unterstellt, dass das Einkommen durch das Wert­äquivalent der produzierten Waren berechnet werden kann, ohne das dabei das Kapital insgesamt angegriffen wird (Sandleben 2002, 3).

Wie diese Ausführung zeigt, können Gegenpositionen zur heutigen Ausprägung des Mainstreams, der einen klassisch adäquationstheoretischen5 Standpunkt vertritt, selbst bei grundlegenden wirtschaftlichen Zusammenhängen leicht formuliert werden. Neben der Frage nach den „richtigen" Modellen sowie nach dem angemessen „Realitäts­bezug" ist ebenso die soziale Praxis der Wirtschaftswissenschaften zu hinter­fragen. Das erkenntnistheoretische Grundverständnis der Mainstream-Öko­nomie entspricht dem kritischen Rationalismus nach Popper. Als der sich daraus ergeb­enden weitreichenden Konsequenz verstehen sich ÖkonomInnen vorrangig als „Describer" der Realität, ohne wahrzunehmen, dass sie mit ihren Ideen, Modellen und Paradigmen die Gesellschaft mitformen (Hirte und Thieme 2013, 44).

Ökonomie als „die Wirtschaft“ verstanden, war ursprünglich in umfassende Theorien der Gesellschaft eingebettet. Fragen um die Stabilität einer Gesellschaft waren bei­spiels­weise eng mit Fragen der Gerechtigkeit oder Wohlfahrt verknüpft. Erst später wurde ökonomisches Handeln, im Sinne der Verfolgung von Gewinninteresse als primärem Ziel, Gegenstand der Überlegungen. Im Vordergrund der Analysen stand dabei die Frage, welche Auswirkungen die am eigenen Einkommen orientierten Handlungen auf das gesamtgesellschaftliche oder gesamtwirtschaftliche Resultat haben (Rosner 2012, 30). Diese Analysemethode betraf zunächst nur Handlungen auf Geldmärkten, später auch die Produktion von Gütern. Noch später wurde die Orientierung der Analyse vom ausschliesslich materiellen Reichtum zunehmend zugunsten einer Orientierung an Nutzen und Wohlfahrt verlagert. Die Kontinuität dieser Entwicklung ist vom grundlegenden Tenor geprägt, dass stets nach dem gesamt­gesellschaftlichen Resultat gefragt wurde, also nach dem Ergebnis, wenn alle Personen ihre Handlungen an der für sie maximalen Wohlfahrt orientieren. Die moderne Ökonomie durchbricht dieses Prinzip:

Am eigenen Nutzen orientiertes Handeln betrifft nicht mehr nur die 'Wirtschaft'. Vielmehr werden mit den Methoden und den Konzepten der Wirtschaftstheorie alles menschliche Handeln und dessen Konsequenzen auf der Ebene eines Aggregates analysiert: das Eingehen und Auflösen von Ehen, die Größe der Familien, das Ein­halten und Übertreten von Gesetzen, das Entstehen von Institut­ion­en, die Teilnahme an der Politik und vieles mehr (Rosner 2012, 31).

Die Fokussierung der gegenwärtigen Nationalökonomie auf den Markt hat zur Folge, dass politische Prozesse immer stärken in den Hintergrund treten. Der gegen Ende des 19. Jahrhundert gebräuchliche Begriff der Politischen Ökonomie wurde durch den Begriff „Economics“ ersetzt:

Die konsequente Ablehnung des Begriffs [Anmerkung des Autors: der Politischen Ökonomie] und der dahinter liegenden Analyse­perspektive der neoklassisch geprägten und beherrschten Wirt­schafts­wissenschaften ist bis in die Gegenwart programmatisch ge­blieben. Die meisten orthodoxen wirtschaftswissenschaftlichen Lexika, Hand- und Lehrbücher kommen heute ohne den Begriff der Politischen Ökonomie aus und nehmen die heterodox sich ent­wickelnde Politische Ökonomie kaum zur Kenntnis. Das enge Denk­en in Schulen und Disziplinen führt zur gegenseitigen Ab­schottung und selbstherrlichen Nabelschau statt zu gegenseitigen Lernen und transdisziplinären Forschungsperspektiven (Meier 2012, 218).

Somit ist das Anwendungs- und Handlungsspektrum der Begriffllichkeit von Wirt­schaft und Ökonomie viel weiter zu fassen, als in der eingangs zitierten Brock­haus’schen Begriffsdefinition.

Unter Zugrundelegung eines derart differenzierten, bunten Bildes von Wirtschaft und Öko­nomie wird im nächsten Kapitel die Bedeutung der verschiedenen ökonomischen Theorien in den jeweiligen historischen Epochen für die Konstruktion der Hetero­doxen Ökonomie herausgearbeitet.

1.2. Wirtschaft im historischen Kontext

Ökonomische Theorien lassen sich nicht aus sich selbst erklären. Jede historische Epoche hat ihre „eigene" Ökonomie. Die real-historische Basis ökonomischer Denk­ansätze reflektiert die Entwicklung der zeitgenössischen Ideen, hat ihre philo­sophische Systemstruktur und baut auf der Beschäftigung mit konkreten gesell­schaftlichen Problemen auf (Pierenkemper 2012, 32). Die Verkürzung, vergangene Bemühungen um die Gewinnung ökonomischer Erkenntnisse, aus­schliesslich aus einer Sicht der „modernen" Ökonomik vorzunehmen, ist daher nicht zulässig (Pierenkemper 2013, 10). Vielmehr kann und soll die „moderne" Ökonomik aus dem reich­en Reservoir der Erkenntnisgewinne vergangener Wirtschafts­epochen schöpfen, sodass sich ein breiter „Fluss des Wissens" im Bereich des ökonomischen Denkens rekonstruieren lässt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Der Fluß des Wissens6

Es ist die Vielfalt an Ansätzen, Denkschulen und Theorien, die ein wesent­liches Merkmal der Wirtschafts­wissen­schaften (Plural!) darstellt und letztend­lich die Grund­lage für die Heraus­­bildung einer orthodoxen (Mainstream-)Ökonomie und hetero­doxer Ansätze der Ökonomie bildet.

Edgar Salin (1892-1974), Philosoph, Historiker, Wirtschaftsgelehrter, von „Der Zeit"7 als letzter großer Humanist gewürdigt, konnte 1929 mit seinem Werk "Die Ge­schichte der Volkswirtschafts­lehre" einen Meilenstein der Nationalökonomie setz­en. Er gliedert die Geschichte der Volkswirtschaftslehre in die drei Epochen der Vor­ge­schichte (Athen, Rom und das katholische Europa des Mittelalters), der Ge­schichte (Merk­antilismus, Physiokratimus und Klassiker, Sozialismus und Historis­mus) und der Nachfahren und Vorläufer. Die einleitenden, ersten Worte in seinem Werks laut­en:

Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft ist eine Erscheinung, die aus­schließlich der europäischen-amerikanischen Moderne angehört. Ihre Geschichte beginnt mit dem Erwachen des individualistischen Geistes, mit der Entstehung nationaler Territorien und Reiche und mit dem Sieg des rationalen Kapitalismus über das traditionale Wirt­schafts­handeln des Mittelalters. Ihre geistige und politische Be­deutung wird enden an dem Tag, da diese schon ermattenden Kräfte den Kampf aufgeben gegenüber neu-aufkommenden oder alt-erstark­end­­en Bindungen religiös-universaler Herkunft (Salin [1929] 2007, 1).

Wie Abbildung 2 zeigt, baut Pierenkemper (2012) weitgehend auf Salin‘schen Struktur der Unterteilung historischer Epochen auf und trifft dabei bewusst die Entscheidung, die moderne Ökonomik mit Adam Smith und seinen „Wealth of Nations“ (1776) beginnen zu lassen sowie sich auf die zahlreichen Denkschulen des ökonomischen Main­stream zu konzentrieren. Diese Einschränkung kann durchaus als sinnvoll erachtet werd­­en, da sich das Wirtschaften der Menschen bis in das 16./17. Jahrhundert hinein noch nicht als ein ausdifferenzierter Bereich der Gesell­schaft, sondern eher als inte­grierter Teil der gesellschaftlichen Existenz, als real bestehende Einheit von „Arbeit" und „Leben", begreifen lässt. Das Wort Ökonomie leitet sich von „oikos“ (griechisch „Haus“) ab und bezeichnet zunächst die eng­ere Hauswirtschaft (Bauer und Matis 1988, 43).

In der alteuropäischen traditionalen Gesellschaft8 gehören Haus, Herrschaft und Öko­nom­ie untrennbar zusammen. Das „Haus“ und die „Gemeinde“ sind die primären Sozialisations­einheiten und zentraler Bezugspunkt menschlichen Lebens. Wirt­schaft­­liche Selbstgenüg­samkeit und Eigenversorgung (autarkeia) sind die ökonom­ischen Ziele des „Hauses“. Das ökonomische Denken der Vormoderne folgt einer anderen Logik, als der, die in modernen Marktgesellschaften vorherrschend ist und sich erst in der Neuzeit herausbilden konnte. Antike Autoren wie Xenophon (430-354 v. Chr.) oder Aristoteles (384-322 v. Chr.) beschäftigten sich vornehmlich mit dem „oikos", der Hauswirtschaft und nicht mit den wirtschaftlichen Fragen ihres Gemeinwesens insgesamt. Getrennt von der "Oikonomik", sozusagen der Manage­ment­lehre der Haushalte, ist die Chrematistik, die Kunst des Gelderwerbes und seiner Vermehrung, zu sehen. Aristoteles unterscheidet strikt zwischen den natur­gerechten Formen des Erwerbs, die der angemessenen Haushaltsführung und der Gestaltung eines sittlich „guten" Lebens dienen, sowie widernatürlichen Formen des Erwerbs. Der homo oeconomicus im ist also genau das Gegenteil von dem, was Aristoteles unter einem guten Ökonomen verstanden hätte (Pierenkemper 2012, 35).

Im Mittelpunkt des vorklassischen ökonomischen Denkens steht die Annäherung an das Armutsproblem mittels einer moralisch begründeten distributiven Logik und den sich daraus ergebenden Verhaltensanweisungen für ein „gutes“ Leben. Diese distribut­ive Logik wird in der Politischen Ökonomie der Klassik durch die Logik der Produktion abgelöst: Überlegungen zu Wachstum und Verteilung rücken in das Zent­rum der ökonomischen Analyse. Zu den Hauptakteuren dieser wirtschaftlichen Epoche zählt Adam Smith (1723-1790), der in seinem 1776 erschienen Werk „An Inquiry into The Nature and Causes of the Wealth of Nations“ vornehmlich „die Eigentümlichkeiten und Ursachen des seinerzeit erstmalig umfassend zu beob­achtenden Wohlstandes der Völker“ (Pierenkemper 2012, 153) untersucht. Thomas Robert Malthus (1766-1834) widmet sich den Ursachen der Armut der Unter­schichten und versucht Lösungsansätze für das exponentielle Bevölkerungs­wachs­tum seiner Zeit zu geben (1798: „An Essay on the Principle of Population, as it Affects the Future Improvements of Society“). Überlegungen zur Bedeutung der staatlichen Rahmenordnung bilden das Fundament der Thesen von John Stuart Mill (1806-1873). David Ricardo (1772-1823) beschäftigte sich mit Fragen der Ein­kommens­verteilung zwischen den Gesellschaftsklassen sowie der Geldordnung und dem Außenwirtschaftsregime der Staaten (1817: „On the Principle of Political Economy and Taxation“). Gemeinsam bilden diese vier Autoren den Kernbestand eines in England entwickelten klassischen ökonomischen Paradigmas (Pierenkemper 2012, 154). Die sich in England durch die rasant fortschreitende Industrialisierung gegen Mitte/Ende des 18. Jahrhunderts ergebenden Heraus­forderungen (Ein­komm­ens- und Verteilungsgerechtigkeit, Bevölkerungs­wachstum, Außenhandel, etc.) wurd­en durch die hier angeführten, aber auch durch andere Autoren aufgegriffen und zweck­­s Komplexitäts­reduzierung erstmals mit der Methode isolierter Abstraktion, dem „Denken in Modellen“ abgehandelt. Wenngleich in den Fragenstellungen der Autoren Parallelen zu finden sind, zeigt sich im Paradigma der klassischen Öko­nomie nicht die Her­aus­bildung eines „Mainstreams“ - im Sinne einer axiomatisch vorgegebenen System­umgebung mit klar definierten Randbedingungen - der bestimmte Lösungs­ansätze von vornherein ausschliesst. Die ökonomischen Theorien der Autor­en sind eigen­ständige, zumeist in sich selbst geschlossene (Theorie-) Gebäude, zwischen denen keine Brücken bestehen. Dennoch soll damit nicht gesagt sein, dass die Autoren dieser Epoche nicht einen regen Gedanken­austausch unter­einander pflegten. David Ricardo stand beispielsweise in engem freund­schaft­lichem Kontakt mit Thomas Robert Malthus und James Mill, dem Vater von John Stuart Mill.

Erst mit der expliziten Behandlung von Fragen des Wirtschaftslebens und der Ak­zept­­anz, dass Gewinnstreben positive Auswirkungen haben kann oder sogar hat, kann von einer ökonomischen Theorie im eigentlichen Sinn des Wortes gesprochen werden (Rosner 2012, 32). Ökonomische Überlegungen sind bis zum Ende des 14. Jahrhunderts in politische und philosophische Fragestellungen eingebettet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Grosse Ökonomen und ihre Zeit (Geburt zwischen 1620 und 1820)9

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Grosse Ökonomen und ihre Zeit (Geburt nach 1820)10

Eine eigen­ständige ökonomische Theoriebildung gab es nicht. In den Anfängen der öko­nomischen Literatur11 12, versuchen die Autoren immer wieder, wie bereits in dieser Arbeit beschrieben wurde, ein neues, eigenständiges Fundament für die gesamte Disziplin zu errichten. Erst ab 1870, mit der marginalistischen Revolution, beginnt die Geschichte der modernen ökonomischen Theorie der Neoklassik. Als ihre Väter sind William Stanley Jevons (1835-1882) in England, Leon Walras (1840-1921) in der Schweiz und Carl von Menger (1834-1910) in Österreich zu nennen.

Aus dem Blickwinkel der Heterodoxen Ökonomie macht es erst ab 1870, mit dem sich aus den neoklassischen Theorien konstruierenden Mainstream, Sinn, überhaupt erst von einer solchen zu sprechen. Das Heterodoxe braucht für die Kausalität seiner Existenz zwangsläufig das Orthodoxe. Dennoch sind es gerade in der Heterodoxen Ökonomie die ökonomischen Denkansätze, Thesen und Theorien der Klassiker und ihrer Vorläufer, die eine besondere Rolle spielen: Zum einen dienen sie als Ideenpool für eine „andere“, sozialere Ökonomie, da „das Soziale“ und die Einbettung der Ökonomie als ein Teilbereich gesellschaftlichen Denkens und Handelns als inhärent­es Merkmal heterodoxer Überlegungen in einem viel höherem Ausmaß zu finden ist, als das in aktuellen neoklassischen (neoliberalen) Denkansätzen der Fall ist. Zum and­er­en ist die Geschichte der Ökonomie als Lernprozess zu verstehen, der eine weit vor die Zeit der marginalistischen Revolution reichende Kontinuität der Frage­stellung auf­weist. Zur Entwicklung ökonomischer Theorien ist festzustellen:

Um die Entwicklung eines Objektes über die Zeit hinweg erzählen zu können, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein. Erstens, dieses Objekt muss eine Identität in der Zeit haben; zweitens, es muss eine Entwicklung haben. Anders gesagt, es muss im Zeitablauf eine Kontinuität der Existenz vorhanden sein und doch einige Ver­änderungen zeigen. Man stelle sich etwa eine Insel vor, die alle paar Jahre von einem anderen Volk besiedelt wird. Zwischen zwei Besiedlungen vergeht immer einige Zeit. Die Abfolge dieser Be­siedlungen kann wohl nicht als Entwicklung dieser Insel gesehen werden. Eher ist jede der Besiedlungen ein Abschnitt in der Ent­wicklung eines der dort kurzfristig lebenden Völker. Würde hingegen auf dieser Insel immer ein und dasselbe Volk leben, wobei die Lebensform immer gleich geblieben wäre, höchstens die Namen der Könige […] hätten sich geändert, es hätte ebenfalls keine Entwicklung gegeben (Rosner 2009, 19).

Österreich im Jahr 2000 hat in vielen Aspekten die gleiche Entität wie Österreich im Jahr 1920, wenngleich sich sehr viel zwischen diesen beiden Eckdaten geändert hat. Für das heutige Staatsterritorium Österreichs im Vergleich zum Jahr 1400 ist das nur in geringerem Maße der Fall. Es ist jedoch eine Kette von Ereignissen zwischen 1400 und 2000 zu sehen, die es erlaubt, von der Entwicklung „Österreichs“ zu sprechen. Gäbe es bei den späteren Ereignissen keine Beeinflussung durch die früheren, wie bei der wechselnden Besiedlung einer Insel, so läge lediglich eine Ab­folge von Geschehnissen vor (Rosner 2009, 19).

Die Konstruktion des Orthodoxen und vice versa des Heterodoxen im zeitweiligen ökonomischen Kontext wird erst durch die Aneinanderfügung der einzelnen Glieder (Theorien) zu einer Kette von Ereignissen ermöglicht. Die theoriegeschichtliche Be­tracht­ung schärft den Sinn für das Verständnis von geschichtlichen Situationen und Ent­wicklungen, vor allem im ideengeschichtlichen Bereich. In diesem Zusammen­hang können aufschlussreiche Fragen gestellt werden:

Wieso gibt es Zeitperioden, in denen eine Theorie dominiert, und Zeitperioden, in denen Theorienvielfalt besteht? Wieso wird ein lange dominierender theoretischer Ansatz (Keynesianismus in 1950er- und 1960er-Jahren) durch einen anderen abgelöst (Neoklassik und Monetarismus ab den frühen 1970er-Jahren bis jetzt)? Damit im Zusammenhang steht die Dominanz von bestimmten Problemen in der einen Zeitepoche, die abgelöst werden von anderen. So dominierte das Problem der Beschäftigung die merkantilistische Epoche, ungefähr 1550 bis 1750. Das Beschäftigungsproblem verschwindet seit Adam Smith (1776) von der Agenda, um mit Keynes (1936) wieder aufzutauchen; in der klassischen und neo­klassischen Ära, vor allem im 19. Jahrhundert und weitgehend auch im 20. Jahrhundert dominiert die Theorie der Wettbewerbs­märkte, die eine Tendenz zu Vollbeschäftigung implizieren (Bortis 2012, 12).

Das Studium der grossen Autoren ist Triebfeder für die Kreativität der Heterodoxen Ökonomie, in der es u.a. darum geht, in einer Zeit der Spezialisierung das Ganze zu sehen13. In einem gewissen Sinn sind der Mensch und die Gesellschaft strukturierte Ganzheiten. Die Verkürzung, den Menschen und die Gesellschaft in Stücke zu schneiden und dann diese im Rahmen von speziellen Sozial­wissen­schaften (Ökonomie, Recht, Politikwissenschaft, Soziologie) zu analysieren, ist aus einer ganzheitlichen Sicht nicht zulässig (Bortis 2012, 11). In diesem Bewußtsein beschäftigen sich die Ansätze der Heterodoxen Ökonomie daher durch­gängig nicht mit weitgehend autonomen Bereichen, sondern mit integrierten Aspekten (Dimens­ion­en, Teilen) der Gesamtgesellschaft.

Kerngeschäft der Heterodoxen Ökonomie ist die kritische Auseinandersetzung mit der Ökonomik als Wissenschaft. Es gilt Denkprozesse anzuregen, die dazu bei­trag­en sollen, die wissenschaftlichen Standards eines verkrusteten theoretischen und methodischen Monismus aufzuweichen und eine Debatte für mehr Pluralismus in den Wirtschaftswissenschaften, inklusive eines kritischen Diskurses für mehr wissen­schaftliche Redlichkeit und einen Ethik-Kodex in der Ökonomik anzuregen.

So wie in vergangenen Epochen ergibt sich die Notwendigkeit einer solchen Ford­erung über den Zustand der vorherrschenden Ökonomik zu reflektieren nicht aus einem altruistisch aufzufassenden „Gutenmenschentum“, sondern vielmehr aus dem Zu­stand der in der Öffentlichkeit als „Sinnkrise“ wahrgenommenen ökonom­ischen Krisenphänomene.

Auf welchen Ebenen eine solche Reflexion stattzufinden hat, hängt sehr stark mit dem ­Komplexitätsgrad eines Wirtschaftsystems zusammen. In einfachen struktur­ierten Gesellschaftssystemen weist wirtschaftliches Handeln die Systemstruktur einer linealen Kette auf. Der Begriff der „Linealität“14 beschreibt dabei die wie an einem Lineal geradlinig ausgerichtete Weitergabe von Ursachen und Wirkungen. Die Bewegungsabläufe im wirtschaftlichen System beschränken sich auf die Wieder­holung eines klar vorgegebenen Verhaltens­programms. Die im System-Umwelt-Verhältnis fehlenden Rückkopplungsschleifen führen dazu, dass in einem solchen klassisch-mechanischen Weltverständnis weder auf interne Zustands­änderungen noch auf externe Rahmenbedingungen reagiert werden kann. In diesem Sinne besitzen diese Systeme keine definierte Schnittstelle zu ihrer Umwelt und sind daher Veränderungen in der Umwelt hilflos ausgesetzt. Da sich die Ursach­en niemals ver­brauchen und jeweils aufgrund des Prinzips der Linealität nur an Wirk­ung­en weiter­gereicht werden, die ihrerseits zu Ursachen für weitere Wirkungen werden, ergibt sich die Zukunft gesetzmäßig zwingen aus den Bedingungen der Gegenwart.

Sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft sind miteinander kausal gekoppelt, sodass eine Vorhersage der Zukunft und eine Ermittlung der Vergangenheit nur ein Problem der Verfügbarkeit der nötigen Informationen, nicht jedoch ein prinzipielles Problem bereitet, wie es sich ergeben würde, wenn tatsächlich Neues entstünde oder wenn auf eine Ursache mehrere verschiedene Wirkungen folgen könnten. Damit erscheinen das Universum und alles in ihm als großes Räderwerk, das sich ewig drehen wird. Die konsequente An­wendung des klassisch-mechanischen Weltbildes auf alle Naturvorgänge führt zu unendlichen Ursache-Wirkungsketten, aus denen logisch der Laplace’sche Dämon folgen muss, der, wenn es ihn gäbe, Zukunft und Vergangenheit des Universums kennte (Schiepek und Strunk 2006, 19).

In einem mechanischen System fehlt es grundsätzlich an der Möglichkeit, Neues, Kreativität oder den freien Willen zu erklären. Die bestehende Ordnung wird als gott­gegeben angenommen und gilt als unveränderbar. Die alteuropäische tradition­ale Gesellschaft entspricht diesem klassisch-mechanischen Weltverständnis, in dem sich die Zukunft gesetzmäßig zwingend aus den Bedingungen der Gegenwart ergibt (siehe Seite 14). Die Wirtschaft in einem solchen System dient der Bedarfsdeckung, Fortschritt und (Wirtschafts-)Wachstum sind systemimmanent nicht möglich.

Die Neuzeit durchbricht die Mechanismen des Determinismus und der Kausalität. Mit den zunehmenden Freiheitsgraden wirtschaftlicher Entwicklung nimmt auch die damit verbundene Komplexität wirtschaftlichen Denkens und Handelns stetig zu. Welche Her­aus­forderungen für die Wirtschaftswissenschaften mit einem zunehmenden Kom­plex­itätsgrad verbunden sind und inwieweit ein solcher zur Herausbildung ortho­doxer und heterodoxer Wirtschaftstheorien beiträgt, wird folgenden Unterkapitel 1.3. darge­stellt.

1.3. Wirtschaft und komplexe Rahmenbedingungen

Wirtschaftliche Krisenzustände werden zunehmend auch als Krise der mono­kultur­ellen, mainstreamdominierten Wirtschaftswissenschaften interpretiert. Warum wurde die Krise 2008 nicht von den ÖkonomInnen vorhergesehen? Sind die in der Öko­nomik angenommenen Modelle und Methoden "richtig", besteht ein ange­messen­er Realitätsbezug? Oder ist die Krise selbst gar Ergebnis einer jahrzehnte­lang kultiviert­en ökonomischen Monokultur, die Pluralität und den fairen Umgang mit anderen Ström­­ungen ins Hintertreffen geraten ließ?

Die räumliche und die zeitliche Dimension ökonomischen Handelns unterliegen einer rationalen Kontinuität (vgl. Unterkapitel 1.1 und 1.2). Der Weg der Expansion wirtschaft­licher Räume kann beginnend mit der Entdeckung Amerikas (1492), über die Phase der europäischen Dominanz im Freihandel und Imperialismus (1857-1930) bis hin zur gegenwärtigen neoliberalen Globalisierung gezeichnet werden. Mit der „Verdichtung“ des europäischen Weltsystems seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, aus­gelöst durch die voranschreitende Industrialisierung der Ökonomien des Nordens und durch die ein­ge­läutete wirtschaftliche, politische aber auch kulturelle Bindung der Länder des Südens (Rohstofflieferanten, Absatzmärkte) an den Norden, wurden einst wirtschaft­lich autarke Regionen und Räume verstärkt vernetzt und von den Effizienz­kriterien der Ökonomik durchdrungen (Wendt 2007, 253).

Grundlegend waren die revolutionären Veränderungen im Transport- und Kommunikationswesen. Sie intensivierten die Nutzung der Welt als Pflanzgarten für Cash Crops, die für den Konsum in der nörd­lichen Hemisphäre bestimmt waren, und sie verstärkten globale Migrationsströme. Symbolisch zweigt sich die weltweite Dominanz des Nordens in der Verallgemeinerung seiner Normen, etwa in der Zeitmessung. Die ‚Greenwich mean time‘ wurde 1884 zum Bezugspunkt aller Uhren der Welt. Sie orientiert sich an einem Nullmeridian, der durch Greenwich verläuft, den Sitz des Königlich-Britischen Observatoriums (Wendt 2007, 266).

Mit der Vernetzung der Welt ist zwangsläufig die Zunahme der Komplexität wirt­schaftlicher Abläufe und Handlungen verbunden. Letztendlich war es die enge öko­nom­­ische Verflechtung der Welt, die am 24.10.1929 an der New Yorker Börse („schwarzer Freitag“) zur zehn Jahre lang andauernden Weltwirtschaftskrise führte. Als einschneidende Zäsur erfasste eine Art Kettenreaktion alle Kontinente und krisen­hafte Entwicklungen wurden weltweit ausgelöst. Unmittelbar dekolonisierend wirkten die Ereignisse jedoch nicht (Wendt 2007, 320).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Warenexporte zu konstanten Preisen von 1990 (in Mio. USD) 15

Im Zeitraum von 1870 bis zur ersten Weltwirtschaftskrise 1929 hat sich das Welt-Handelsvolumen in etwa verfünffacht. Im Zeitraum von 1929 bis 1998 ist ein An­wachsen auf den 42-fachen Wert zu verzeichnen, in der Betrachtung des Gesamt­zeitraumes von 1870 (Beginn der neoklassischen Revolution) bis 1998 wird nahezu das 200-Fache des Ausgangswerts erreicht. Diese wirtschaftliche Entwicklung, die mit ihr einhergehende Vernetzung heterogener Wirtschaftsräume sowie die exponent­ielle Zunahme der unterschiedlichen Interessen im Beziehungs­geflecht der teilnehmenden (Handels-)Agenten bildet letztendlich die Komplexität der Welt ab, in der wir heute in den (post-)industrialisierten Ländern mit den internationalen Handels­verflechtungen des Realkapitalismus und dem immer mehr um sich greifenden, neo­liberal geprägten Finanzkapitalismus leben.

Die Nationalökonomie - in der Realität längst eine Internationalökonomie - ist im Wesentlichen eine Erfahrungswissenschaft. Die ökonomischen Ideen sind immer auch Ergebnisse ihrer Zeit und ihres Umfelds. Adam Smith sammelte seine Erkennt­nisse zu Beginn der industriellen Revolution. Das Kapital von Karl Marx wäre ohne das soziale Elend und ohne den ungezügelten Kapitalismus seiner Zeit kaum denk­bar, und John Maynard Keynes hat seine bahnbrechenden Theorien nach bzw. in der großen Weltwirtschaftskrise entwickelt (Herz 2000, V).

Wohingegen die klassischen Ökonomen durchaus erfolgreich in ihren Werken ver­suchten, die zu ihrer Zeit bestehenden komplizierten wirtschaftlichen Lebenswelten durch in sich geschlossenen Gesamttheorien zu erforschen („zu erfahren“) und abzubilden16, ist im komplexen 17 Zeitalter der Neoklassik ab 1870 die pragmatische Beschränkung auf die Darstellung von Partialmodellen feststellbar.

So darf es mit nüchterner Logik betrachtet nicht verwundern, dass eben genau diese sich herausbildende Kom­plexität der ökonomischen Rahmen­bedingungen zur Eta­blier­ung des neoklassischen Paradigmas als Mainstream-Ökonomie beigetragen hat. Ein zunehmender Komplexitätsgrad in Wirtschafts­system­en verlangt geradezu nach den komplexitätsreduzierenden Antworten der Neoklassik, die sich selbst­referenziell durch axiomatisch definierte Kernelemente konstituiert: Knappheit, Präferenzen und Nutzenfunktionen, Technologie und Produktionsfunktionen, Rationalität, Gleich­gewicht, ontologischer und methodo­logischer Individualismus. Immunisiert durch die ceteris-paribus-Methode werden Märkte als unveränderliche Kern­metaph­er zu effiz­ient arbeitenden „Maschinen“. Die Reduzierung von Ökonomie auf Modelle, die nach formal-mathematischen Kriterien erstellt werden, mündet in einem durch mangelnde Kommunikations­fähigkeit zum Ausdruck kommenden Dogmat­is­mus und in einer Immun­isierung gegenüber anderen ökonomischen Denk­ansätzen und Theorien. „Rahmen­bedingungen“, wie etwa das Soziale, die nicht ins Ab­bild­ungs­­schema der Modelle passen oder nicht den formal-mathe­mat­ischen Methoden ge­­horch­en, werd­en unreflektiert vernachlässigt.

Zum Begriff der Komplexität schreibt Niklas Luhmann:

Wenn wir den Begriff der Komplexität auf den Begriff einer Unter­scheidung oder einer Form bringen wollen, können wir nicht deswegen auch sagen, dass das Komplexitätsproblem das Problem der Schwelle ist, von der ab nicht mehr jedes Element mit jedem anderen verknüpft werden kann. Einfache Komplexität, wenn man so paradox formulier­en darf, ist die, die es noch erlaubt, alles mit allem zu verknüpfen. Komplexe Komplexität ist der Fall, in dem Selektions­muster nötig sind und progressiv anforderungsreicher, also selektiver, kontingenter und informationsreicher werden, also fordern, dass dies und nicht etwas anderes realisiert werden muss. Diese Art der Formulierung zeigt schon an, dass wir nicht mehr mit der Unter­scheidung von einfach und komplex arbeiten können. Es gibt keinen Begriff des Einfachen in dieser Theorie [Anm. des Autors: der Systemtheorie], sondern allenfalls einen Begriff für Komplexität, die es noch erlaubt, alles mit allem zu verbinden, und einen Begriff für Komplexität einer höheren Stufe, die das nicht mehr erlaubt (Luhmann 2008, 174).

Die neoklassischen Ansätze tragen durch die vorgenommene Komplexitätsreduktion der in der Realwirtschaft tatsächlich vorhandenen komplexen Komplexität nicht Rech­­­nung: Sie sind formal exakt, d.h. in einer mathematischen Sprache mit Sym­bolen formuliert, können aber definitiv nichts erklären (Brodbeck 2013, 102). John Maynard Keynes, übrigens selbst studierter Mathematiker, hält zu den Mathe­matisierungsversuchen fest: „Die neue mathematische Ökonomie ist nur ein Gebräu, ebenso unpräzise wie die anfänglichen Voraus­setzungen, auf denen sie basiert und die dem (jeweiligen) Autor erlauben, den Blick für die Komplexität und Interpendenz der realen Welt in einer Masse über­heb­licher und wertloser Symbole zu verstecken“ (Keynes 1936, 298).

Die von der Heterodoxen Ökonomie an der orthodoxen Mainstream-Ökonomie aus­geübte Kritik bezieht sich nicht nur auf die Frage der „richtigen“ Modelle und Meth­oden die einen angemessenen, dem in der modernen Wirtschaft vorliegenden Komplex­itätsgrad gerecht werdenden Umgang ermöglichen, sondern umfasst eben­so die Mechanismen und Techniken die zu einem methodischen Monismus führen. Hier sind nicht nur die bereits angeführten Vorwürfe einer starken Verein­seitigung und Formalisierung (auch: Mathematisierung) der Ökonomik gemeint, sondern auch die Betonung bibliometrischer Kriterien (Journal-Rankings) bei der Be­setzung von Pos­itionen im universitären Bereich sowie der Beurteilung bei der Zuteilung von Forsch­ungs­geldern (Hirte und Thieme 2013, 2).

Inwieweit das komplexe Umfeld für ökonomisches und wirtschaftspolitisches Handeln auf theoretisch-methodologischer Ebene Berücksichtigung findet, ist sehr stark von der jeweiligen „Schule“ und den getroffenen Annahmen und Axiomen abhängig.

Im den nächsten beiden Kapiteln werden die wichtigsten Denkschulen der den Main­stream konstruierenden Orthodoxen Ökonomie sowie der Heterodoxen Öko­nomie, die gegenwärtig hauptsächlich als Gegenposition zur Mainstream-Ökonomie ver­standen werden kann, dargestellt.

2. Orthodoxe Ökonomie (Mainstream-Ökonomie)

2.1. Begriff und Abgrenzungskriterien zur Heterodoxen Ökonomie

Der Begriff „Mainstream-Ökonomie“ bezeichnet jene Ideen, Ansätze und Theorien in den Wirtschaftswissenschaften die von der universitären Lehre und den Lehrbüchern präferiert werden, deren Forschung bevorzugt gefördert wird und die vorrangig in den Top-Fachzeitschriften zitiert werden (Colander, Holt und Rosser 2003, 5). Dobusch und Kapeller (2009, 1) reduzieren den Mainstream kurzum auf „habits of thought“ die das wirtschaftliche Denken und Handeln dominieren. Freilich unterliegt auch der Main­stream einer dogmenhistorischen Entwicklung, die zusammenfassend wie folgt dargestellt werden kann:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Die Entwicklung des Mainstream18

Seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts gleicht die Mainstream-Ökonomie einem Mono­pol der neoklassischen Modellökonomik, das weniger die öko­nomische Realität als vielmehr die Wunschvorstellungen der Ökonomen abbildet.

Der Begriff des Mainstream zeigt sich als soziologische Kategorie; davon zu unter­scheiden sind die Begriffe der „Orthodoxie“ und der „Heterodoxie“, die als intellekt­uelle Kategorien aufzufassen sind (Dequech 2012, 214). Es gibt allerdings auch Autoren, bei denen sich die soziale und die intellektuelle Kategorie immer wieder überschneiden. Aufgrund des Umstandes, dass in der gängigen Literatur die Ortho­doxe Ökonomie weitgehend mit dem Mainstream gleichgesetzt wird, schlagen manche Autoren vor, einzig in Mainstream und Nicht-Mainstream zu unterscheiden (Dequech 2012). Andere AutorInnen setzen die Orthodoxie mit der Neoklassik und/oder dem Mainstream gleich. Dort wo Orthodoxie und Heterodoxie unter­schieden werden, ist man sich weitgehendst darin einig, dass sich die Orthodoxie und die Heterodoxie jeweils negativ voneinander abgrenzen (Hirte und Thieme 2013, 23). Diese duale Komplementarität widerstrebt jedoch einzelnen Autoren (z.B. Lee 2012 und Lavoie 2012): So wird betont, die heterodoxen Strömungen seien eigen­ständige Alternativen und als solche nicht auf die Orthodoxie angewiesen. Ein Ver­schwinden der Orthodoxie hätte nicht zwangsläufig das Ende der Existenz der Hetero­­doxie zu bedeuten.

Die Frage, ob nun ein Wissenschaftler der Orthodoxen oder der Heterodoxen Öko­nomie zuzuordnen ist, ist fallweise nicht mit einem „Entweder-oder“, sondern vielmehr mit einem „Sowohl als auch“ zu beantworten. Dieser Umstand wird in der Literatur von Colander, Holt und Rosser (2003, 8) aufgegriffen, die diesbezüglich von „the edge of economics“ schreiben:

The edge of economics is that part of mainstream economics that is critical of orthodoxy, and that part of heterodox economics that is taken seriously by the elite of the profession.

Lavoie (2012, 323) spricht von orthodoxen Abweichlern (dissenters), also von ÖkonomInnen die sich noch innerhalb des ökonomischen Mainstreams bewegen, aber durchaus heterodoxe Kriterien in ihre Forschung aufgenommen haben. Die Kritik am Mainstream - ein immer wieder der Heterodoxen Ökonomie zurecht zugeschrieb­enes Merkmal - muss nicht immer heterodoxer Natur sein, sondern kann auch durchaus aus dem Graubereich der „dissenters“ orthodoxen Ursprungs sein. Einzelne, aus der orthodoxen Ökonomie des Mainstreams entstandene „kritische Ansätze“ (z.B. Verhalten-, Neuro- und Komplexitätsökonomie) wirken auf den ersten Blick erfrischend, wagen jedoch bei näherer Betrachtung keine Grundlagenkritik und unterwerfen sich den methodologischen Einschränkungen des Mainstreams.

Dobusch und Kapeller (2012) visualisieren die definierten Überschneidungsbereiche Mainstream, Orthodoxie und Heterodoxie in der untenstehenden Abbildung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Orthodoxie, Mainstream und „Dissenters“19

Die vielfältigen Definitionsversuche in der Literatur zeigen letztendlich, dass die Unter­scheidung zwischen Main­stream, Orthodoxie und Heterodoxie aufgrund der unterschiedlich verstandenen Begrifflich­keiten, der phänomenologischen sowie der inhaltlichen und kategorialen Überlagerungen als auch aufgrund der Diskussion der mathe­matischen Formalisierung als dem Merkmal des Mainstreams, schwierig und strittig ist (Hirte und Thieme 2013, 16).

[...]


1 https://wu-wien.brockhaus-wissensservice.com/brockhaus/wirtschaft (Abfrage 15.07.2013 )

2 Gesamt-Angebot und Gesamt-Nachfrage einer Volkswirtschaft (Makroökonomie) werden seit der „marginalistischen Revolution“ jeweils durch Akkumulation der mikroökonomische Angebots- bzw. Nachfragewerte konstruiert. Als Rechtfertigung für die Mikrofundierung der Makroökonomie dient das Say‘sche Gesetz, welches einen automatischen Ausgleich von Gesamtangebot und Gesamtnachfrage postuliert, also makroökonomische Ungleichgewichte ausschließt (Söllner 2012, 152).

3 Das von Erich Gutenberg (1897-1938) formulierte Wirtschaftlichkeitsprinzip beschreibt optimales wirtschaftliches Handeln entweder mit gegebenen Mitteln (wirtschaftlichen Gütern, Produktionsfaktoren) den größtmöglichen Erfolg (Nutzen, Gewinn) zu erzielen (= Maximalprinzip) oder ein vorweg definiertes Ziel (z.B. eine bestimmte Gewinnhöhe) mit dem geringst möglichen Aufwand zu erreichen (= Minimalprinzip). Das Wirtschaft­lichkeitsprinzip ist auf die bestmögliche Nutzung wirt­schaft­licher Ressourcen ausgerichtet.

4 Edling 2008, 9

5 Die Adäquationstheorie der Wahrheit geht von der Überstimmung gedanklicher Vorstellungen mit der Wirklichkeit aus. Das zugrundeliegende Adjektiv "wahr" kann sich aber auch auf die Echtheit, Richtigkeit, Reinheit oder Authentizität einer Sache, einer Handlung oder einer Person, gemessen an einem bestimmten Begriff, beziehen (vgl. de.cyclopaedia.net/wiki/Adaequationstheorie. Abfrage: 11.11.2013).

6 Pierenkemper 2012, 33

7 A. Föllmi, in: "Die Zeit“ (09.04.1993), „Der letzte Humanist“, http://www.zeit.de/1993/15/der-letzte-humanist (Abfrage: 15.07.2013)

8 „Die traditionale Gesellschaft ist im Vergleich zur neuzeitlich-kapitalistischen eine statische, in sich ruhende Gesellschaft. Ihre Ordnung wird als eine von Gott gewollte, nicht als eine von Menschen geschaffene Realität begriffen.“ (Bauer und Matis 1988, 15)

9 Datenbasis vgl. http://www.oekonomie-klassiker.de/geschichte/index.html (Abfrage 27.10.2013)

10 Datenbasis vgl. http://www.oekonomie-klassiker.de/geschichte/index.html (Abfrage: 27.10.2013)

11 William Petty (1623-1687) wird von Karl Marx als „Vater der politischen Ökonomie“ bezeichnet. In seinen beiden Hauptwerken „Politische Anatomie“ und „Politische Arithmetik“ wird das Fundament für eine moderne Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, die um den Begriff des Nettosozialprodukts kreist, gelegt. Mit Petty steigt die Bedeutung von Arbeit und Produktion für die Reichtumsbildung (anstelle von Raub, Eroberung und Handel). Pettys Kreislaufvorstellung von Wirtschaft wird von Richard Cantillon weiterentwickelt und führt bei François Quesnay zur ersten Darstellung des Produktions-, Verteilungs- und Verwendungsprozesses des gesellschaftlichen Reichtums einer Nation in Gestalt des Tableau Économique (Kurz 2008, 45).

12 „Um es ein für allemal zu bemerken, verstehe ich unter klassischer politischer Ökonomie alle Ökonomie seit W. Petty, die den innern Zusammenhang der bürgerlichen Produktionsverhältnisse erforscht im Gegensatz zur Vulgärökonomie, die sich nur innerhalb des scheinbaren Zusammenhangs herumtreibt.“ (Marx,[1967] 1967, 95, Fn 32 in: Kurz 2008, 44)

13 „Ganze Sachen sind immer einfach, wie die Wahrheit selbst. Nur die halben Sachen sind kompliziert“, Heimito von Doderer.

14 Der Begriff der Linealität wird häufig mit dem in der Mathematik gebräuchlichem Begriff der Linearität verwechselt. Während in der Mathematik der Begriff die Art der Weitergabe von einzelnen Ursachen an bestimmte Wirkungen kennzeichnet (z.B. y ergibt sich aus dem Zweifachen von x), bezieht sich der Begriff der Linealität auf die Struktur des Systems, die für klassisch-mechanische Systeme als eine endlose vorwärts gerichtete Kette ohne Rückkoppelungsschleifen definiert werden kann (Schiepek und Strunk 2006, 18).

15 OECD 2004, 390. Mengenmäßige Entwicklung in den großen Einwanderungsländern und Japan aus A. Maddison, Dynamic Forces in Capitalist Development, OUP, 1991, Anhang F, aktualisiert nach OECD, Economic Outlook, Dezember 1999. Spanien 1826-1980 aus A. Carreras (Hrsg.), Estadisticas Historicas de España: Siglos XIX-XX, Fundacion Banco Exterior, Madrid, 1989, S. 346-347. UdSSR, Lateinamerika und Asien aus Quellen in A. Maddison, The World Economy in the Twentieth Century, OECD-Entwicklungszentrum, 1989, S. 140,aktualisiert anhand mengenmäßiger Entwicklung laut IWF, International Financial Statistics, mehrere Ausgaben. Brasilien 1870-1913 aus R.W. Goldsmith, Brasil 1850-1984: Desenvolvimento Financeiro Sob um Secolo de Inflacâo, Harper & Row, Sao Paulo, 1986, S. 54-55 und 110-111: Peru 1870-1950 aus S.J. Hunt, “Price and Quantum Estimates of Peruvian Exports, 1830-1962”, Discussion Paper 33, Research Program in Economic Development, Princeton University, Januar 1973, (1929 gewichteter Durchschnitt aus 1900-1950, 1900 gewichteter Durchschnitt aus 1870-1900): Venezuela 1913-1929 aus A. Baptista, Bases Cuantitativas de la Economia Venezolana 1830-1989, C. Corporativas, Caracas, 1991, und 1929-1992 aus ECLAC-Quellen. 1990-1998 Entwicklung gemäß ADB, OECD, ECLAC, IWF.

16 Die im Jahr 1890 von Alfred Marshall publizieren „Principles of Economics“ versuchen als letztes großes Gesamtwerk den Anspruch auf eine All-Theorie zu stellen. Allerdings ist bei dem ursprünglich aus zwei Bänden konzipiertem Werk nur der erste Band, der heute als Mikroökonomie bezeichnete Teil der Volkswirtschaftslehre, geschrieben worden. Der zweite Band, der unter dem Stichwort Makroökonomie behandelten Fragen, wurde von Marshall nicht mehr fertiggestellt. Seine makro­ökonomischen Überlegungen waren dennoch für die Entwicklung der makroökonomischen Theorie in Cambridge von großer Bedeutung (Rosner 2012, 342).

17 Komplizierte Systeme bewahren im Unterschied zu komplexen Systemen betreffend ihrer Bestand­teile einen gewissen Grad an Unabhängigkeit. Bei komplizierten Systemen ist es möglich, einen Bestandteil zu entfernen, sodass das System weniger kompliziert wird, funktionell aber im Großen und Ganzen dasselbe System bleibt. Bei komplexen Systemen hingegen führt die Entfernung eines Bestandteils weit über die Aspekte rund um den entfernten Teil hinaus. Entfernt man in einem Auto beispielsweise einen Sitz, so wird es weniger kompliziert, entfernt man den Keilriemen, so wird es fahruntüchtig. Die Tragweite für die neuzeitliche Ökonomie als komplexem System und die modell­hafte Reduktion dieser Komplexität im neoklassischen Paradigma ergibt sich nach dieser Begriffs­definition, wonach nur komplizierte Systeme reduzierbar sind, nicht aber komplexe. Miller und Page (2007), in: Füllsack (2011), 8.

18 Dürmeier 2002, 9

19 Dobusch und Kapeller 2012

Ende der Leseprobe aus 196 Seiten

Details

Titel
Theorie und Pädagogik der Heterodoxen Ökonomie
Untertitel
Die Alternativen zum Neoliberalismus
Hochschule
Wirtschaftsuniversität Wien  (Department für Management - Institut für Wirtschaftspädagogik)
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2014
Seiten
196
Katalognummer
V282580
ISBN (eBook)
9783656801160
ISBN (Buch)
9783656856634
Dateigröße
7539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dogmengeschichte, Neoklassik, Neoliberalismus, Heterodoxe Ökonomie, Orthodoxe Ökonomie, Feminististische Ökonomie, Marxismus, Keynesianismus, Institutionenökonomik, homo oeconomicus, Markt, Pädagogik, Konzerne, Occupy-Bewegung, Alternative Wirtschaftswissenschaften
Arbeit zitieren
Michael Cerny (Autor), 2014, Theorie und Pädagogik der Heterodoxen Ökonomie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282580

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