Nach einer kurzen Einführung zur Auswahl der richtigen Bilderbücher für den Grundschul-Unterricht werden praktische Beispiele behandelt. Die Bilderbücher „Stimmen im Park“ von Anthony Browne und „Die Insel“ von Armin Greder werden vorgestellt, analysiert, gedeutet und ihre Möglichkeiten zum Einsatz im Unterricht nahe gebracht und fachdidaktisch begründet.
Die Frage, welches Buch im Unterricht behandelt werden soll, ist eine Frage, die sich jeder Lehrer immer wieder aufs Neue stellen muss und sich dabei nicht selten überfordert fühlt. In erster Linie belastet einen die Tatsache, dass man stellvertretend für die Schüler ein Urteil fällen muss über etwas, was eigentlich für die Kinder gedacht ist. Auch die Zweifel, ob das eigene Urteil über die Qualität einzelner Bücher nicht zu subjektiv ist und die Frage, warum es keine besseren Auswahlkriterien gibt, beschäftigen viele Lehrer. Sahr hat für diese Problematik ein meiner Meinung nach sehr einleuchtendes Bild formuliert: Er spricht von einem „Vorkoster“, der ein Buch hinsichtlich seiner Bekömmlichkeit probieren muss und gleichzeitig die Zusammensetzung der Speise analysieren und gesunde und ungesunde Zutaten erkennen und voneinander trennen muss. Dies alles wohl wissend, dass sich seine Geschmacksnerven von denen der Kinder unterscheiden (vgl. Sahr 1998, 6 ff.). Auch wenn Sahr meines Erachtens in dieser Symbolik einen rein analytischen Blick auf das Buch wirft und Wirkung etc. vernachlässigt, wird daran deutlich, vor welchem Problem man als Lehrer steht, wenn man ein geeignetes Buch für seine Klasse auswählen möchte. Ein weiteres Problem stellt die Tatsache dar, dass selten Einigkeit in der Beurteilung herrscht. Bücher, die manche als empfehlenswert bezeichnen, sind für andere minderwertig, da die Beurteilung abhängig ist von individuellen Erziehungsgrundsätzen und Wertvorstellungen und vom persönlichen Geschmack der Rezensenten. Dementsprechend lässt sich im Folgenden kein allgemeingültiges starres Raster zeigen, an Hand dessen man jedes Buch in „gut“ oder „schlecht“ klassifizieren kann. Es geht vielmehr darum, eine allgemeine Basis zu zeigen, von der aus Bewertungsaspekte entwickelt werden können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Auswahl
2.1 Generelle Problematik
2.2 Bilderbücher analysieren
2.2.1 Inhaltliche, sprachliche und erzählerische Ebene
2.2.2 Visuelle Ebene
2.2.3 Typographische Gestaltung
2.3 Bilderbücher auswählen und präsentieren
3 Anthony Browne: Stimmen im Park
3.1 Biografisches zu Anthony Browne
3.2 Inhalt & Typografie
3.3 Analyse & Deutung
3.3.1 Inhaltliche Ebene
3.3.2 Bildliche Ebene
3.4 Legitimation für den Einsatz des Buches
3.4.1 Literarische Qualität
3.4.2 Pädagogische Qualität
3.4.3 Bildqualität
4 Armin Greder: Die Insel. Eine tägliche Geschichte
4.1 Biografisches zu Armin Greder
4.2 Inhalt & Typografie
4.3 Analyse & Deutung
4.3.1 Inhaltliche Ebene
4.3.2 Bildliche Ebene
4.4 Legitimation für den Einsatz des Buches
4.4.1 Literarische Qualität
4.4.2 Pädagogische Qualität
4.4.3 Bildqualität
5 Umsetzung in den Literaturunterricht
5.1 Grundlegendes
5.1.1 Klassenzuordnung „Stimmen im Park“
5.1.2 Klassenzuordnung „Die Insel“
5.2 Hinführung zum Bilderbuchinhalt
5.2.1 Einstieg
5.2.2 Erlesen des Bilderbuches
5.3 Literarisches Unterrichtsgespräch
5.4 Handlungs- und produktionsorientierte Umsetzung
5.4.1 „Stimmen im Park“
5.4.2 „Die Insel“
5.5 Textanalytische Verfahren
5.6 Fächerübergreifende Verfahren
6 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Bilderbücher gezielt in den Literaturunterricht der Grundschule integriert werden können, um literarische, ästhetische und soziale Bildungsprozesse zu fördern. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie durch fachdidaktisch fundierte Analyse und methodische Aufbereitung die Rezeption komplexer Bilderbücher gelingen kann.
- Fachdidaktische Kriterien für die Auswahl von Bilderbüchern
- Vertiefende Analyse der Bilderbücher „Stimmen im Park“ und „Die Insel“
- Methoden des literarischen Unterrichtsgesprächs
- Handlungs- und produktionsorientierte Umsetzungsformen
- Fächerübergreifende Möglichkeiten der Arbeit mit Bilderbüchern
Auszug aus dem Buch
3.3.2 Bildliche Ebene
Ein wichtiger Aspekt des Buches ist die Tatsache, dass alle Figuren Gorillaköpfe haben (s. Abb. 3). Die Art der Umsetzung unterscheidet sich aber deutlich von den niedlichen Hasen und Bären, die sonst häufig als Ersatz für menschliche Protagonisten genutzt werden.
Die Gorillas besitzen eine enorme Ausdrucksstärke, die bei manchen Lesern sogar dazu führt, dass sie die Emotionen der Figuren intensiver wahrnehmen, da man den Personen eine größere Aufmerksamkeit schenkt, als es der Fall bei Menschenköpfen wäre. Dies lässt sich dadurch erklären, dass zum Beispiel das Gesicht einer verärgerten Frau bereits in Sekundenbruchteilen wahrgenommen und als dieses erkannt wird. Dies führt dazu, dass man dem Ausdruck des Gesichtes keine weitere Beachtung schenkt. Wenn man hingegen menschliche Emotionen an Gorillaköpfen ausmacht, weckt dies geradezu die Neugierde, die Illustration näher zu betrachten.
„Wir blicken in die akribisch genau gezeichneten Tiergesichter wie in einen Spiegel, erkennen uns in den Bildern wieder. Aber zugleich wissen wir um die Differenz zum Tier (...).“ (Thiele 2000a, 15). Anthony Browne nutz diesen Effekt auch in anderen Werken, um „die Erzählung auf eine absurde-komische Ebene zu rücken, die Spielraum lässt für surreale Motive.“ (Kretschmer 2003, 58). Die Differenz zum Menschen ist nur durch die Köpfe gegeben. Die Figuren handeln, denken und kleiden sich wie Menschen, so dass der Leser zwar nie „vergisst“, dass die Figuren keine Menschenköpfe haben, aber ihr Verhalten mit den gleichen Maßstäben misst. Dies hat zur Folge, dass man die Handlung aus einer gewissen Distanz heraus sieht, vor allem Kinder können dann das Verhalten der Figuren objektiver betrachten und dann auf das Verhalten von Menschen übertragen. Browne hat mit seinen Menschenaffen ein „offenes, ambivalentes Figurenrepertoire geschaffen, mit dem er Aussagen über Mensch und Tier gleichermaßen treffen kann, das er sowohl für realistische als auch für fantastische Geschichten verwenden kann und das stets Doppelbödigkeit und Uneindeutigkeit garantiert.“ (Thiele 2000a, 15).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung erläutert die Ziele des Literaturunterrichts und führt in die Relevanz der ästhetischen und literarischen Bildung durch Bilderbücher ein.
2 Auswahl: Dieses Kapitel thematisiert die Herausforderungen bei der Auswahl geeigneter Bilderbücher und stellt Kriterien für eine fundierte Analyse vor.
3 Anthony Browne: Stimmen im Park: Es erfolgt eine inhaltliche und visuelle Analyse des Werkes sowie eine Begründung für dessen Einsatz im Unterricht unter Berücksichtigung literarischer und pädagogischer Aspekte.
4 Armin Greder: Die Insel. Eine tägliche Geschichte: Dieses Kapitel bietet eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der parabelhaften Geschichte, ihrer Symbolik und den Chancen für den Einsatz in der Grundschule.
5 Umsetzung in den Literaturunterricht: Hier werden methodische Ansätze wie das literarische Unterrichtsgespräch, handlungs- und produktionsorientiertes Lernen sowie fächerübergreifende Verfahren praktisch dargelegt.
6 Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit, Bilderbücher als komplexes Medium für Lernprozesse bereits in der Grundschule zu nutzen.
Schlüsselwörter
Bilderbuch, Literaturunterricht, Grundschule, Anthony Browne, Armin Greder, Medienkompetenz, Literarisches Gespräch, Handlungs- und produktionsorientierter Unterricht, Analyse, Didaktik, Ästhetische Bildung, Symbolik, Fremdenfeindlichkeit, Perspektivwechsel, Leseförderung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der didaktischen Analyse und dem Einsatz von Bilderbüchern im Literaturunterricht der Grundschule, illustriert an den Beispielen „Stimmen im Park“ und „Die Insel“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Auswahlkriterien für Bilderbücher, deren inhaltliche und visuelle Interpretation sowie methodische Konzepte zur Unterrichtsgestaltung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie komplexe Bilderbücher durch eine gezielte methodische Aufbereitung zur literarischen Bildung und zur Förderung der Lesemotivation beitragen können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf fachdidaktische Theorien, insbesondere zur Bilderbuchanalyse, Rezeptionsästhetik sowie handlungs- und produktionsorientierten Literaturdidaktik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Autoren, die detaillierte Analyse der beiden Bilderbücher sowie die konkrete Darstellung didaktischer Umsetzungsformen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Bilderbuchanalyse, Grundschuldidaktik, literarisches Unterrichtsgespräch und handlungsorientiertes Lernen geprägt.
Warum wählt die Autorin ausgerechnet diese beiden Bilderbücher?
Sie dienen als Beispiele für die Vielseitigkeit der Gattung: Eines betont eher ästhetische und individuelle Aspekte, während das andere ein gesellschaftskritisches Thema (Fremdenfeindlichkeit) für junge Leser aufarbeitet.
Wie bewertet die Arbeit den Einsatz von „Die Insel“ im Unterricht?
Obwohl das Buch thematisch herausfordernd ist, wird es als sehr wertvoll eingestuft, da es komplexe gesellschaftliche Prozesse wie Ausgrenzung als Parabel abbildet und zur Reflexion über Empathie und Toleranz anregt.
Was ist die Rolle des Lehrers bei der Arbeit mit diesen Büchern?
Der Lehrer soll eher moderierend als führend auftreten, um den individuellen Interpretationsspielraum der Kinder zu wahren und eigene Deutungsprozesse zu ermöglichen.
Welche Bedeutung misst die Arbeit der visuellen Ebene bei?
Die visuelle Ebene wird als essenziell betrachtet, da bei den untersuchten Werken ein Großteil der Bedeutung und Stimmung über die Bildsprache sowie deren Interaktion mit dem Text vermittelt wird.
- Quote paper
- Theresa Linnéa Müller (Author), 2007, Bilderbücher analysieren in der Grundschule. „Stimmen im Park“ von Anthony Browne und „Die Insel“ von Armin Greder, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282585