Was passiert, wenn wir etwas als schön wahrnehmen - sei es ein Kunstobjekt, eine Landschaft?
Ist es das „schöne Ding“, welches das ästhetische Erlebnis auslöst? Doch warum erscheint uns dieses möglicherweise nicht immer als schön, und warum sind andere wiederum anderer Meinung. Es gibt jedoch Objekte, die von einer Mehrheit als schön empfunden werden. Was zeichnet sie gegenüber anderen Objekten aus, denen diese Qualität nicht zugesprochen wird?
Sicherlich ist die Wertung, das Urteil, ob man etwas als schön ansieht bis zu einem gewissen Grad (oder sogar vollständig) kulturell präformiert. Darum liegt die Annahme nahe, dass es sich dabei um einen Vorgang handelt, der zumindest partiell an frühere Vorgänge des eigenen Erlebens anknüpft.
Whitehead widmet sich weniger der Frage, ob die „Empfindung von etwas als schön“ kulturell beeinflusst wird als vielmehr der Beschreibung des elementaren Vorgangs selbst. Er versucht, das gemeinsame der vielfältigen Empfindungen von Schönheit heraus zu filtern und bietet eine Theorie über das Erleben der Schönheit und die Schönheit selbst an. Dabei beschränkt er sich nicht auf das Kunstschöne, obwohl es einen besonderen Stellenwert, besonders hinsichtlich dessen zivilisatorischen Elements in seinen Ausführungen einnimmt.
Whitehead verwendet vielfältige Begriffsschöpfungen, die er innerhalb seines philosophischen Systems definiert. Sollte man sich jedem Begriff extra widmen, würde das jeglichen Rahmen sprengen, und die Hausarbeit in eine Kette von Begriffserklärungen münden, da jede Erklärung wieder neue Whiteheadsche Begriffe einführen würde. Auch wenn es primär um das Phänomen der Schönheit bei Whitehead gehen soll, besteht meiner Meinung nach dennoch die Notwendigkeit, sein Grundkonzept von den „Erlebensprozessen“ kurz darzulegen, den fundamentalen Mechanismus innerhalb Whiteheads Philosophie.
Die Textgrundlage bildet Whiteheads Werk „Abenteuer der Ideen“, und hier hauptsächlich das Kapitel über die Schönheit.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Kurze Einführung in die „Welt der Erlebensprozesse“
2. Schönheit
2.1 Niedere und höhere Formen von Schönheit
2.2 „Das schöne Objekt“
2.3 Disharmonie
2.3.1 Anästhesie – rein negatives Erfassen
2.3.2 Ästhetische Destruktion
2.3.3 Abdrängen in den Hintergrund. Hervorheben des Vordergrunds
2.3.4 Regionenbildung
2.4 Verflechtung von Harmonie und Dissonanz
3. Beziehung zwischen Wahrheit und Schönheit
4. Ideale Kunst
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Schönheit im Kontext der ästhetischen Erfahrung und deren Beitrag zur Förderung von Kreativität basierend auf Alfred North Whiteheads Werk „Abenteuer der Ideen“.
- Struktur und Mechanismus der „Erlebensprozesse“ bei Whitehead.
- Unterscheidung zwischen niederen und höheren Formen der Schönheit.
- Die Rolle von Disharmonie, Hemmung und Dissonanz im ästhetischen Prozess.
- Wechselbeziehung zwischen Wahrheit und Schönheit.
- Die schöpferische Bedeutung der idealen Kunst für die Zivilisation.
Auszug aus dem Buch
2.3 Hemmung
Das positive Erfassen von Gegebenheiten kann unterschiedliche Grade von Integration erreichen. Die Integration der einzelnen Erfassensakte ist bereits nicht mehr vollkommen, wenn Kontraste zwischen den Komponenten bestehen bleiben, welches auf eine Disharmonie im Gegebenen zurückgeführt wird.
Die Kontraste entstehen nach Whitehead durch unterschiedliche Arten von „Hemmung“ („inhibition“). Er spricht bereits von Hemmung, wenn die einzelnen Erfassensakte eines Erlebensvorgangs einen individuellen Eigenwert aufweisen, der - wie oben im Abschnitt über höhere Formen der Schönheit beschrieben – eine unauflösbare Spannung zwischen dem Ganzen und seiner Teile erzeugen.
Die Hemmung wird beschrieben als ein spontaner Vorgang, der sich während des positiven/negativen Erfassens vollzieht, wenn ein Datum bzw. ein Gegebenes akzeptiert oder nicht akzeptiert und damit Teil eines neuen Erlebensprozesses wird oder nicht wird.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Fragestellung nach dem Wesen der Schönheit und Whiteheads Konzept der Erlebensprozesse.
1. Kurze Einführung in die „Welt der Erlebensprozesse“: Erläuterung der fundamentalen Struktur von Subjekt-Objekt-Beziehungen und der affektiven Tönung als Basis des Erlebens.
2. Schönheit: Definition der Schönheit als Qualität von Erlebens- und Formprozessen.
2.1 Niedere und höhere Formen von Schönheit: Differenzierung zwischen einfacher Harmonie und der gesteigerten Intensität durch Kontraste in höheren ästhetischen Formen.
2.2 „Das schöne Objekt“: Analyse der Rolle objektiver Inhalte und der Individualität für das Entstehen von Schönheit.
2.3 Disharmonie: Untersuchung der verschiedenen Hemmungsformen und deren Auswirkungen auf das Erleben.
2.3.1 Anästhesie – rein negatives Erfassen: Erläuterung der ersten Form der Hemmung zur Vermeidung dissonanten Fühlens.
2.3.2 Ästhetische Destruktion: Beschreibung der unvereinbaren Fühlenskomponenten und des Schmerzes als Teil des Erlebens.
2.3.3 Abdrängen in den Hintergrund. Hervorheben des Vordergrunds: Analyse der Reduktion von Komplexität durch Intensitätsverteilung.
2.3.4 Regionenbildung: Beschreibung der Simplifizierung als Ergebnis eines Erlebensvorgangs zur Dissonanzvermeidung.
2.4 Verflechtung von Harmonie und Dissonanz: Betrachtung der Bedeutung von Details und Signifikanz im Prozess der ästhetischen Erfahrung.
3. Beziehung zwischen Wahrheit und Schönheit: Erörterung der Übereinstimmung von Erscheinung und Wirklichkeit als wahrer Schönheit.
4. Ideale Kunst: Diskussion der schöpferischen Freiheit der Kunst und ihrer Bedeutung für die Zivilisation durch die Wiederholung in zweckfreier Sphäre.
Schlüsselwörter
Alfred North Whitehead, Schönheit, Erlebensprozesse, ästhetische Erfahrung, Kreativität, Harmonie, Dissonanz, Hemmung, Erscheinung, Abenteuer der Ideen, Wahrheit, ideale Kunst, emotionale Tönung, Individualität, Komposition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Verständnis von Schönheit innerhalb des philosophischen Systems von Alfred North Whitehead, insbesondere in dessen Werk „Abenteuer der Ideen“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Struktur der Erlebensprozesse, die Unterscheidung zwischen niederen und höheren ästhetischen Formen sowie die Rolle von Harmonie und Disharmonie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Whiteheads Beschreibung des ästhetischen Erlebens zu systematisieren und aufzuzeigen, wie Schönheit und Kunst zur Förderung von Kreativität beitragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer textorientierten Analyse und Interpretation der philosophischen Begrifflichkeiten von Whitehead, insbesondere unter Einbeziehung seiner Theorie der „Erlebensprozesse“.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Schönheit als prozesshafte Qualität, die Analyse von Hemmung und Disharmonie, das Verhältnis von Wahrheit zur Schönheit und die Funktion idealer Kunst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Schönheit, Erlebensprozesse, Harmonie, Dissonanz, ästhetische Destruktion und die schöpferische Rolle der Kunst.
Wie unterscheidet Whitehead zwischen niederen und höheren Formen von Schönheit?
Niedere Formen zeichnen sich durch die bloße Abwesenheit von Störungen und Harmonie aus, während höhere Formen durch die Spannung und Kontraste zwischen einem Ganzen und seinen Details eine gesteigerte Intensität erreichen.
Warum spielt das Konzept der „Wiederholung“ in Whiteheads Kunstverständnis eine Rolle?
Die Wiederholung (re-enaction) in der Kunst ermöglicht es, ursprüngliche Emotionen in einer zweckfreien Sphäre ohne den Zwang der Notwendigkeit erneut zu durchleben, was zu einer hohen Intensität des Fühlens führt.
- Citation du texte
- Jessica Heyser (Auteur), 2002, Das Phänomen der Schönheit hinsichtlich der ästhetischen Erfahrung und der Förderung von Kreativität in Alfred North Whiteheads "Abenteuer der Ideen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28259