Selbsterfahrung im Psychodrama. Individuelle Erlebniswelten im gruppentherapeutischen Prozess


Diplomarbeit, 2013

297 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Überblick
1.2 Meine persönliche Motivation
1.3 Zielsetzung dieser Arbeit – Wozu dient diese Untersuchung?
1.4 Zum Aufbau der Arbeit
1.5 Hinweise zum Schreibstil

2 Theorie, Konzepte und Begriffe
2.1 Psychodrama-Theorie
2.1.1 Morenos Basiskonzepte und Theoriebausteine
2.1.1.1 Kreativitätskonzept, Spontanitätskonzept und kreativer Zirkel
2.1.1.2 Tele-Konzept, Begegnungskonzept, soziales Atom und die Theorie sozialer Netzwerke
2.1.1.3 Morenos Rollenkonzept / Rollentheorie
2.1.1.4 Gesundheitskonzept Morenos : Rolle, Spontanität und Tele
2.1.1.5 Surplus Reality als Grundprinzip psychodramatischer Arbeit
2.2 Psychodrama im gruppentherapeutischen Setting und seine Begriffe
2.3 Verwendete Begriffe meiner Gesprächsteilenehmerinnen
2.3.1 Innere Pluralität
2.3.2 Innerer Kritiker

3 Wissenstand in der psychodramatischen Wirksamkeitsforschung
3.1 Outcomevariablen - Empirische Befunde zu den Wirkungen des Psychodramas
3.2 Prozess-Variablen: Wirkfaktoren des Psychodramas
3.2.1 Unspezifische Wirkfaktoren
3.2.1.1 Wirkfaktoren aus der Sicht der Klienten
3.2.1.2 Wirkfaktoren nach Grawe
3.2.1.3 Gruppenpsychotherapeutische Wirkfaktoren von Yalom
3.2.2 Spezifische Wirkfaktoren
3.2.2.1 Katharsiskonzept
3.2.2.2 Erlebnisaktivierung in der Surplus-Reality
3.2.2.3 Sinnkonstruktion, Neuschöpfung und Deutung von Symbolen durch die Surplus Reality
3.2.3 Zusammenfassung: Wirkfaktoren des Psychodramas

4 Zum Forschungsrahmen
4.1 Das Forschungsanliegen
4.2 Die Forschungsmethode
4.3 Durchführung der Untersuchung
4.4 Auswertung der Untersuchung

5 Ergebnisse Teil 1 – Einzelauswertungen
5.1 Das Gespräch mit Veruschka
5.1.1 Vorstellung der Person und unseres Gesprächskontextes
5.1.2 Zusammenfassung des Gespräches mit Veruschka
5.1.2.1 Zugang zum Psychodrama
5.1.2.2 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten
5.1.2.3 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten
5.1.2.4 Gruppenbedingte Erfahrungen
5.1.3 Verdichtungsprotokoll Veruschka
5.1.3.1 Zugang zum Psychodrama
5.1.3.2 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten
5.1.3.2.1 Was hat Veruschka für sich im PD entdeckt?
5.1.3.2.2 Was ist am Psychodrama hilfreich für Veruschka:
5.1.3.2.3 Gesprächstherapie(GT) und Verhaltenstherapie(VT) im Psychodrama(PD)
5.1.3.2.4 Was war schwierig?
5.1.3.2.5 Wie verbindet sich Psychodrama mit dem Alltag?
5.1.3.3 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten
5.1.3.4 gruppenbedingte Erfahrungen
5.1.4 Ergebnisse aus dem Gespräch mit Veruschka
5.1.4.1 Zugang zum Psychodrama
5.1.4.2 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten
5.1.4.2.1 Was hat die Klientin für sich im PD entdeckt?
5.1.4.2.2 Was ist am Psychodrama hilfreich für eine Klientin?
5.1.4.2.3 Gesprächstherapie(GT) und Verhaltenstherapie(VT) im Psychodrama(PD)
5.1.4.2.4 Was war schwierig?
5.1.4.2.5 Wie verbindet sich Psychodrama mit dem Alltag?
5.1.4.3 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten
5.1.4.4 Gruppenbedingte Erfahrungen
5.1.4.4.1 Gruppe im Überfluss?
5.1.4.4.2 Wertschätzung, Akzeptanz und Offenheit in der Gruppe
5.1.4.4.3 Was ist alles möglich in einer Gruppe?
5.1.4.4.4 Erfahrungen mit der PD-Leitung
5.2 Das Gespräch mit Carolin
5.2.1 Vorstellung der Person und unseres Gesprächskontextes
5.2.2 Zusammenfassung des Gespräches mit Carolin
5.2.2.1 Zugang zum Psychodrama
5.2.2.2 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten
5.2.2.3 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten
5.2.2.4 gruppenbedingte Erfahrungen
5.2.3 Verdichtungsprotokoll Carolin
5.2.3.1 Zugang zum Psychodrama
5.2.3.2 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten
5.2.3.3 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten
5.2.3.4 Gruppenbedingte Erfahrungen
5.2.4 Ergebnisse aus dem Gespräch mit Carolin
5.2.4.1 Zugang zum Psychodrama
5.2.4.2 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten
5.2.4.3 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten
5.2.4.4 Gruppenbedingte Erfahrungen
5.3 Das Gespräch mit Doreen
5.3.1 Vorstellung der Person und unseres Gesprächskontextes
5.3.2 Zusammenfassung des Gespräches mit Doreen
5.3.2.1 Zugang zum Psychodrama
5.3.2.2 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten
5.3.2.3 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten
5.3.2.4 Gruppenbedingte Erfahrungen
5.3.3 Verdichtungsprotokoll Doreen
5.3.3.1 Zugang zum Psychodrama
5.3.3.2 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten
5.3.3.3 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten
5.3.3.4 Gruppenbedingte Erfahrungen
5.3.4 Ergebnisse aus dem Gespräch mit Doreen
5.3.4.1 Zugang zum Psychodrama
5.3.4.2 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten
5.3.4.2.2 Was ist für die Klientin im PD alles möglich?
5.3.4.2.3 Psychodrama geht tief!
5.3.4.2.4 Was war schwierig?
5.3.4.2.5 Alltagsintegration
5.3.4.3 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten
5.3.4.3.1 Wirkungen aus der Zuschauerperspektive
5.3.4.3.2 Gut das bei anderen mehr los ist !
5.3.4.3.3 Rollenbesetzung und ihre Tücken
5.3.4.4 Gruppenbedingte Erfahrungen
5.3.4.4.1 Vertrauens- und Beziehungsverhältnis in der Gruppe
5.3.4.4.2 Gruppe als Alltagsbestandteil mit Unterhaltungswert
5.3.4.4.3 Bedeutungsgehalt und Wert der Gruppe
5.3.4.4.4 Nutzen des Sharings
5.3.4.4.5 Irritationen in der Gruppe
5.3.4.4.6 Erfahrungen mit der PD-Leitung
5.4 Das Gespräch mit Sarah
5.4.1 Vorstellung der Person und unseres Gesprächskontextes
5.4.2 Zusammenfassung des Gespräches mit Sarah
5.4.2.1 Zugang zum Psychodrama
5.4.2.2 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten
5.4.2.3 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten
5.4.2.4 Gruppenbedingte Erfahrungen
5.4.3 Verdichtungsprotokoll Sarah
5.4.3.1 Zugang zum Psychodrama
5.4.3.2 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten
5.4.3.3 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten
5.4.3.4 gruppenbedingte Erfahrungen
5.4.4 Ergebnisse aus dem Gespräch mit Sarah
5.4.4.1 Zugang zum Psychodrama
5.4.4.2 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten
5.4.4.3 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten
5.4.4.4 Gruppenbedingte Erfahrungen
5.5 Das Gespräch mit Anne
5.5.1 Vorstellung der Person und unseres Gesprächskontextes
5.5.2 Zusammenfassung des Gespräches mit Anne
5.5.2.1 Zugang zum Psychodrama
5.5.2.2 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten
5.5.2.3 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten
5.5.2.3.1 Zuschauen und Mitspielen wühlt auf
5.5.2.3.2 Neues fällt schwer
5.5.2.3.3 Mehrwert von Hilfsichrollen
5.5.2.3.4 Hilfsichrollen und ihre Schwierigkeiten
5.5.2.4 Gruppenbedingte Erfahrungen
5.5.3 Verdichtungsprotokoll Anne
5.5.3.1 Zugang zum Psychodrama
5.5.3.2 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten
5.5.3.3 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten
5.5.3.3.1 Zuschauen und Mitspielen wühlt auf
5.5.3.3.2 Neues fällt schwer
5.5.3.3.3 Mehrwert von Hilfsichrollen
5.5.3.3.4 Hilfsichrollen und ihre Schwierigkeiten
5.5.3.4 Gruppenbedingte Erfahrungen
5.5.4 Ergebnisse aus dem Gespräch mit Anne
5.5.4.1 Zugang zum Psychodrama
5.5.4.2 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten
5.5.4.3 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten
5.5.4.3.1 Zuschauen und Mitspielen wühlt auf!
5.5.4.3.2 Neues fällt schwer
5.5.4.3.3 Mehrwert von Hilfsichrollen
5.5.4.3.4 Hilfsichrollen und ihre Schwierigkeiten
5.5.4.4 Gruppenbedingte Erfahrungen

6 Ergebnisse Teil 2 - Panorama Gesamtauswertung
6.1 Erfahrungen aus eigenen Psychodramaarbeiten (EEP)
6.1.1 Was war positiv?
6.1.1.1 Was kann als hilfreich, heilsam und stärkend erlebt werden?
6.1.1.2 Was kann entlastend, befreiend, erleichternd und schmerzlindernd erlebt werden?
6.1.1.3 Was kann überraschend und als faszinierend erlebt werden?
6.1.1.4 Was kann erkannt und entdeckt werden?
6.1.1.5 Was kann überprüft, ausprobiert und nachgeholt werden?
6.1.1.6 Was kann erlernt werden, sich entwickeln und verändern?
6.1.2 Welche Schwierigkeiten können auftreten?
6.1.3 Wir werden methodische Aspekte des Psychodramas erlebt?
6.1.3.1 Wie wird die PD-Methode erlebt?
6.1.3.2 Wie werden folgende Techniken oder methodische Aspekte erlebt:
6.1.3.2.1 Surplus-Reality: Wie wird das Durchspielen und Nacherleben erlebt?
6.1.3.2.2 Spiegeln: Wie wirkt die Außenperspektive?
6.1.3.2.3 Visualisierung: Wie wirkt die Visualisierung von inneren Anteilen?
6.1.3.2.4 Alltagsintegration: Wie wirkt sich Psychodrama auf den Alltag aus?
6.1.3.3 Wie wird das PD im Vergleich zur GT, TP und VT erlebt?
6.2 Erfahrungen aus fremden Psychodramaarbeiten (EFP)
6.2.1 Was war positiv beim Spielen von fremden Hilfsichrollen?
6.2.2 Was war schwierig beim Spielen von fremden Hilfsichrollen?
6.2.3 Was war positiv an der Zuschauerperspektive?
6.2.4 Was war schwierig in der Zuschauerperspektive?
6.3 gruppenbezogene Erfahrungen (GE)
6.3.1 Was war positiv?
6.3.1.1 Was wird als hilfreich, heilsam, bereichernd, entwicklungsfördernd, beruhigend, vertrauensaufbauend, ergreifend, erfrischend, verblüffend und amüsant erlebt?
6.3.1.2 Was wird erkannt und wird bewusster?
6.3.1.3 Was entwickelt, verändert und wächst?
6.3.1.4 Wie wird der Öffnungsprozess in der Gruppe erlebt?
6.3.1.5 Wie wird die Gruppe erlebt?
6.3.1.6 Wie wird die Leitung erlebt?
6.3.1.7 Was wird als notwendig erlebt?
6.3.2 Was war schwierig?

7 Diskussion
7.1 Forschungsergebnisse und ihre Güte
7.2 Aussagewert und Verallgemeinerbarkeit der Forschungsergebnisse
7.3 Literaturbezug und Diskussion der Forschungsergebnisse
7.3.1 Bezüge zwischen Outcomevariablen und meinen Ergebnissen
7.3.2 Bezüge zwischen Prozess-Variablen (Wirkfaktoren) und meinen Ergebnissen
7.4 Verwertbarkeit der Forschungsergebnisse
7.5 Ausblick – weiterführende Fragestellungen

Literaturverzeichnis

Danksagung

Mein besonderer Dank gilt meinen Gesprächspartnerinnen für ihre Bereitschaft, ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit mir und allen Menschen, die diese Diplomarbeit lesen, zu teilen.

Ich möchte ein herzliches Dankeschön an meinen „zweiten“ Erstbetreuer, Andreas Krebs, aussprechen. Er hat mich über die gesamte Zeit hinweg außerordentlich gut betreut. Nicht nur seine inhaltliche, sondern vor allem seine motivationale Unterstützung, welche er in einer herzlichen Art und Weise zu vermitteln verstand, habe ich sehr zu schätzen gelernt.

Ein Dankeschön auch an Inghard Langer welcher mein „erster“ Erstbetreuer gewesen ist und meinen Zweitbetreuer, Hugo Schmale, welche mir beide tatkräftig dabei geholfen haben mein vorheriges Thema zu reflektieren, so dass ich es dann auch guten Herzens aufgeben konnte.

Mein Dank gilt auch meiner Psychodrama-Leiterin, Britta Dammer, welche mich auf die Idee zu meiner Diplomarbeit gebracht hat.

Weiterhin danke ich meinen Korrekturleser, Sebastian Gärmann, der sich tapfer dieser Seiten angenommen hat.

Zusammenfassung

Welche Erfahrungen und Erkenntnisse hat eine Person in einer Psychodramaselbsterfahrungs- gruppe(PDSG) bei der Bearbeitung von z.B. eigener Fragen, Themen, Problemen, Situationen oder Zuständen in eigenen Psychodramaarbeiten für sich machen können? Welche Erfahrungen und Erkenntnisse hat eine Person in einer PDSG als ein Teil einer fremden Psychodramaarbeit für sich machen können?

Wie erlebt es eine Person Teil einer PDSG zu sein? Welche Selbsterfahrungsvorerfahrungen hat eine Person, bevor sie mit dem Psychodrama angefangen hat? Weshalb ist eine Person zum Psychodrama gekommen? (Motivation)

Das sind Fragen, die mich beschäftigen. Darauf gibt es wahrscheinlich nicht nur eine Antwort, sondern individuell sehr verschiedene, die je nach Person, ihren Erfahrungen in der Kindheit, ihrem weiteren Lebensweg, dem Stand ihres Selbsterfahrungsprozesses und ihrem persönlichen Erleben unterschiedlich sind.

Deshalb befasse ich mich in dieser Arbeit mit den individuellen Erlebnissen einzelner Menschen in einer Psychodrama-Selbsterfahrungsgruppe. Sie haben alle einen Psychodramaselbsterfahrungs- prozess durchlaufen, der einen zeitlichen Umfang von einem halben bis zu drei Jahren umfasst. In diesem haben sie tiefgreifende Erfahrungen mit sich selbst machen können.

Für diese Arbeit habe ich fünf Frauen zu ihrem Erleben im Psychodrama befragt. Aus diesen Gesprächen habe ich unzählige Antworten auf meine Fragen gefunden, welche rund um das Erleben in einer PDSG kreisen.

Im Rahmen der wissenschaftlichen Forschung lassen sich meine Forschungsergebnisse im Bereich der psychodramatischen Wirksamkeitsforschung als auch in der psychotherapeutischen und gruppenpsychotherapeutischen Wirksamkeitsforschung verorten. Dabei gibt es zwischen den aktuell bestehenden Forschungsergebnissen in all diesen drei genannten Bereichen und meinen Forschungsergebnissen eine sehr große Schnittmenge.

1 Einleitung

1.1 Überblick

Die vorliegende Diplomarbeit befasst sich mit dem Thema „Selbsterfahrung im Psychodrama“.

Was verbirgt sich dahinter?

Selbsterfahrung meint hier, was wir - ich und sie als Leser - in einer bestimmten Situation erfahren, erleben können. Was ist in einer Situation alles erfahrbar? Wir können Gedanken haben, wir können etwas fühlen, wir können etwas über unseren Körper und Wahrnehmungsorgane: Augen, Ohren, Nase, Mund und Haut aufnehmen und spüren.

Selbsterfahrung im Psychodrama bezieht sich hier auf eine Gruppensituation, auf eine Psychodrama- Selbsterfahrungsgruppe (PDSG). Die Erfahrungen und Erkenntnisse, was die Personen in einer solchen PDSG alles erleben können, das soll mit dieser Diplomarbeit erfasst werden.

Ziel ist es, dass ein Erfahrungsspektrum an individuellen Erfahrungen bereitgestellt werden soll, um den Leser einen Blick hinter die Kulissen der Person zu ermöglichen, welche sich freiwillig einer solchen PDSG angeschlossen hat. Wir werden einige Personen auf ihrer eigenen Erfahrungsreise begleiten und Antworten auf zum Beispiel folgende Fragen erhalten. Was erlebt eine Person in der PDSG, wenn sie in eigenen Psychodramaarbeiten (PDA) ihre eigenen Themen, Probleme oder Fragen bearbeitet? Was erlebt sie, wenn sie ein Teil einer fremden PDA ist? Wie erlebt sie es Teil einer PDSG zu sein?

Sind Sie bereit die Forschungsreise anzutreten? Wenn ja, schnallen sie sich an, sodass die Reise zum Mittelpunkt der persönlichen Erfahrungswelten beginnen kann.

1.2 Meine persönliche Motivation

Wie bin ich zu diesem Thema gekommen?

Wie jeder Psychologiestudent war ich auf der Suche nach einem Diplomarbeitsthema.

Ich hatte, als ich mit der Suche begann, die Vorstellung im Kopf, dass mich meine persönlichen Vorlieben und Interessen leiten sollten. Geprägt von der klassischen- wissenschaftlichen Arbeitsweise in meinem Fachbereich, war ich der Überzeugung, dass alles mit einer Frage beginnt. An diese würde sich eine ausführliche, auf meine Forschungsfrage bezogene, Literatursuche anschließen. Daraus würde ich differenziertere Forschungsfragen und Hypothesen ableiten, welche ich dann mittels einer quantitativen oder qualitativen Untersuchungsmethode überprüfen würde, um zu antworten bzw. zu Ergebnissen zu kommen.

So stürzte ich los, um in der Bibliothek mich suchend auf die Reise nach einer Forschungsfrage zu begeben. Ich las viele Bücher, Diplomarbeiten, Artikel und wurde inspiriert, so dass sich zunehmend eine Fragestellung herausschälte. Mit dieser lief ich los und versuchte Betreuer zu finden. Diese fand ich schnell. Es gab dann viele Gespräche, wobei sich aber zunehmend herausstellte, dass meine Fragestellung zu groß und zu umfangreich war. Schweren Herzens ließ ich diese Frage fallen und stand wieder am Anfang. Was sollte ich nun tun? Da half mir der Rat meines damaligen Erstbetreuers, Herrn Dr. Inghard Langer weiter, dass ich mir doch einfach eine neue Frage überlegen sollte.

Dass ich mir dann einfach Gesprächspartner suchen und diese zu dieser Frage interviewen sollte. Hier sei noch kurz angemerkt, dass ich gern qualitativ forschen wollte, also Einzelgespräche führen wollte. Dann sollte ich diese Gespräche auswerten und dann mit der in der wissenschaftlichen Fachliteratur gefundenen Erkenntnissen abgleichen. Also ein anderer Zugang oder andere Vorgehensweise, eine Diplomarbeit aufzubauen. Dies war mir zu dem damaligen Zeitpunkt nicht klar, dass man dies auch so angehen konnte. Daher kam es mir sehr entgegen.

Wieder neu im Sattel kam ich auch schnell zu einer neuen Forschungsfrage, welche diese Arbeit inne ist. Zu dieser Frage kam ich durch meine Psychodramatherapeutin Birgit. Ich war bereits seit gut einem halben Jahr in der Psychodramaselbsterfahrungsgruppe, welche sie anleitete. Und da sie wusste, dass ich gern qualitativ forschen wollte, machte sie mir den Vorschlag, die Gruppenmitglieder in meiner und die einer parallelen Gruppe, zu einem Thema zu befragen. Daraufhin setzte ich mich hin und fragte mich, was mich persönlich interessieren würde. Das erste, was mir durch den Kopf ging, war die Frage: “ Erleben die anderen in der PDSG genau das, was ich selbst erlebe?“ Diese Frage nahm ich als Ausgangspunkt für mein Forschungsanliegen.

Was fasziniert mich an diesem Thema?

Ich für mich liebe es in die Welten anderer einzutauchen, mitzubekommen, wie ihre inneren Welten aussehen, wie sie ticken, wie und was sie fühlen und denken. Das Faszinierende ist für mich daran ist, dass es mich belebt, diese Welten bereisen zu dürfen. Es macht mich lebendig, weil ich Teil an den persönlichen Erfahrungswelten andere haben darf. Das ist Leben pur für mich. Auch in meiner dreijährigen Tätigkeit als Telefonseelsorger, war ich steht’s immer aufs Neue gespannt und neugierig darauf, in welche Welt mich ein Anrufer entführt. Diesen inneren Impuls folgend, welcher von Neugier und Entdeckertum gespeist wird, widmete ich mich der Frage, welche Erfahrungswelten wohl in den Personen der Psychodramagruppe auf mich lauerten.

1.3 Zielsetzung dieser Arbeit – Wozu dient diese Untersuchung?

Ziel dieser Diplomarbeit soll es sein, Erfahrungen von Personen, welche bereits einen längeren Selbsterfahrungsprozess in einer Psychodrama-Selbsterfahrungsgruppe durchlaufen haben, zu erheben.

Wozu will ich diese Erfahrungen erheben?

Zum einen entspringt es meinem persönlichen Interesse, das Innenleben, die Erfahrungswelten und die Erlebniswelten anderer Menschen zu entdecken, mich in diese hineinzuversetzen, um darüber ein Verständnis für die Art und Weise, wie diese Menschen sich und ihre Umwelt erleben und sich in ihr gedanklich und emotional bewegen, zu erlangen. Dies fasziniert mich von jeher und zum anderen sehe ich dies als Grundstein an, welchen ich in meiner angestrebten Tätigkeit als zukünftig therapeutisch Wirkender immer wieder aufs Neue zu erschließen habe, um helfend und unterstützend tätig werden zu können.

Besonderes Interesse an diesen individuellen Erfahrungswelten entstand bei mir auch deshalb, weil ich mich derzeitig selbst in einer Ausbildung zum Psychodramaleiter befinde und es als einen unschätzbar großen Reichtum ansehe, über diese Diplomarbeit einen weiteren Einblick in die individuell einzigartigen Innenwelten zu erhalten. Denn dies erlaubt mir den notwendigen Respekt, Toleranz, Akzeptanz und Wertschätzung für die Andersartigkeit jedes Individuums aufzubringen. Dies ist für mich insofern wichtig, weil ich es als Psychodramaleiter oder auch als späterer Psychodramatherapeut als wichtig empfinde, mich auf jeden neuen Psychodrama-Klienten individuell neu einzustellen und nicht in eine Routinemäßigkeit zu verfallen, welche einer Fließbandabfertigung von Menschen gleichkommt. Zum anderen erlaubt mir der Einblick in die persönlichen Erlebniswelten meiner Befragten, ein Verständnis darüber zu erlangen, wie Menschsein funktionieren und wie sie auf bestimmte Psychodramainterventionen reagieren.

Wem außer mir können diese Erfahrungen dienlich sein?

Ich möchte mit dieser Untersuchung einen Beitrag dazu leisten, bestehende wissenschaftliche Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet zu belegen, zu ergänzen oder zu erweitern.

Meine Arbeit richtet sich an alle Interessierte, die mehr über einen Selbsterfahrungsprozess in einer Psychodramagruppe in Erfahrung bringen möchten.

Studenten verschiedenster Fachrichtungen (z.B. Psychologie oder Pädagogik) können über diese Arbeit eine lebendige Einsicht in die Wirkweise der Psychodramamethode erhalten. Die lebendigen Erfahrungsberichte können zudem der plastischen Untermalung bestehender Lehrbuchaussagen in der Fachliteratur dienen.

Darüber hinaus kann diese Arbeit eine Anregung für Psychologiestudenten sein, sich selbst einer Psychodramagruppe anzuschließen, um diese Methode selbst erleben zu können. So kann ein Psychologiestudent auch ein Gespür dafür bekommen, ob dies eine Therapiemethode ist, in der er sich nach seinem Studium ausbilden lassen will.

Da alle meine Gesprächsteilnehmerrinnen aus einem laufenden Psychologiestudium heraus zur Psychodrama-Gruppe gekommen sind, frage ich mich auch, ob diese Arbeit auch zu Gedankengängen anregen kann, ob eine Teilnahme an einer Psychodrama-Selbsterfahrungsgruppe auch als Bestandteil eines Psychologiestudiums in dessen Lehrplan integriert werden sollte.

Personen in Not, welche vor einer Entscheidung stehen, welche Therapiemethode sie für sich auswählen sollen, können hier einen Einblick in die Methode des Psychodramas bekommen.

Sie können hierüber Antworten auf Fragen wie z.B.: „Was kommt da im Psychodrama auf mich zu? Wie hilft mir Psychodrama?“ erhalten. Diese Arbeit kann ihnen somit Informationen liefern, welche sie für ihren Entscheidungsprozess bezüglich bestimmter Selbsterfahrungswünsche oder Therapie- wünsche heranziehen können.

Diejenigen, die gerade einen eigenen Psychodrama-Prozess durchlaufen und dort feststecken oder sich damit überfordert fühlen, möchte ich zeigen, welche Wege schon Andere gegangen sind und dass es sich lohnen kann, auch an schwierigen Punkten im Verlauf der eigenen Entwicklung weiter zugehen.

Allen Psychodramaerfahrenen, die bereits ihren Entwicklungsprozess mit dieser Methode durchlaufen und abgeschlossen haben, kann diese Arbeit Impulse geben, die hier geschilderten Erlebnisse mit ihren eigenen zu vergleichen. Dies kann ihnen die Gelegenheit bieten, noch einmal rückblickend ihren eigenen Verlauf ins Visier zu nehmen, um sich darüber bewusst zu werden, welche Reise sie bereits schon durchlebt haben.

Zudem hoffe ich auch anderen Psychodrama-Leiterinnen und Therapeuten mit dieser Arbeit einen Eindruck darüber vermitteln zu können, welche Themen und Schwierigkeiten in der Psychodrama-Arbeit generell auftreten können und was von den Protagonistinnen als hilfreich empfunden werden kann.

Da es sich in meiner Untersuchung um Klienten handelt, welche sich alle aus freien Stücken, d.h. ohne dies therapeutisch verordnet bekommen zu haben, einer Psychodrama-Selbsterfahrungsgruppe (PDSG) angeschlossen haben, kann ich mir auch vorstellen, dass diese Arbeit zu Gedankengängen anregen kann, dass eine solche freiwillige PDSG als eine mögliche prätherapeutische und kassen- ärztlich abrechenbare Intervention im Gesundheitswesen etabliert werden sollte.

1.4 Zum Aufbau der Arbeit

Im Anschluss an dieses Einleitungskapitel stelle ich in Kapitel 2 die Psychodramatheorie nach Moreno und erkläre bestimmte in dieser Arbeit on meinen Gesprächsteilnehmerinnen verwendete Begriffe vor. In Kapitel 3 erläutere ich den Wissenstand in der psychodramatischen Wirksamkeitsforschung. In Kapitel 4 werde ich mein Forschungsanliegen (Fragestellungen) und die in dieser Diplomarbeit angewandte Forschungsmethode vorstellen. Daran schließt sich die Beschreibung der Durchführung und Auswertung meiner Untersuchung an. Meine Forschungsergebnisse, d.h. die Einzelauswertungen der geführten Gespräche sowie ihre Gesamtauswertung, finden sich im Kapitel 5 und 6.

Kapitel 7 befasst sich mit der Diskussion meiner Untersuchungsergebnisse. Diese werden hinsichtlich ihrer Güte, ihres Aussagewertes, ihrer Verallgemeinerbarkeit sowie ihres Literaturbezuges und ihrer Verwertbarkeit überprüft. Ich schließe hier mit einem Ausblick auf mögliche weiterführende Fragestellungen.

1.5 Hinweise zum Schreibstil

Um Frauen und Männern im gleichen Maße gerecht zu werden, benutze ich bei geschlechtsüber- greifenden Formulierungen wenn möglich die weibliche und männliche Form abwechselnd. Weil dies jedoch nicht immer umsetzbar ist, verwende ich an einigen Stellen zur besseren Lesbarkeit nur die weibliche Form. Mit dem Wort „Klientin“ kann sowohl eine Klientin als auch ein Klient gemeint sein. Die männliche Form verwende ich nur, wenn ich explizit männliche Personen gemeint sind.

Für die Bezeichnung der Personen, welche in ihrer Rolle als freiwillige Teilnehmende einer Psychodrama-Selbsterfahrungsgruppe (PDSG) beigetreten sind und in dieser Untersuchung befragt wurden, verwende ich in meinen Ergebnisteil dieser Arbeit (Kapitel 4 und 5) den Begriff „Klientin“. Dieser Begriff ist von Carl Rogers geprägt worden. Hierbei sei betont, dass in Verwendung dieses Begriffes hier kein Gefälle zwischen Klientinnen und Nicht-Klientinnen zum Ausdruck gebracht werden soll, noch dass ich meinen befragten Untersuchungsteilnehmerrinnen ein psychisches Krankheitsbild über jenen zuschreibe. Somit umfasst der hier von mir benutze Klientin-Begriff alle Menschen, die sich freiwillig, d.h. nicht therapeutisch verordnet, für den Beitritt einer PDSG entschieden haben.

Verwendete Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2 Theorie, Konzepte und Begriffe

An dieser Stelle möchte ich zum besseren Verständnis der folgenden Kapitel die Psychodrama-Theorie und ihre Begriffe sowie verschiedene Begriffe und Konzepte, welche ich in dieser Diplomarbeit verwende, näher erläutern.

Ich beginne mit dem Darstellen von Morenos wichtigsten Theoriebausteinen des Psychodramas. Diese erläutere ich, weil jene das Grundverständnis für die sich daran anschließende Darstellung des Forschungsstandes im Kapitel 3 darstellen und um dem Leser einen Einblick über die Psychodramatheorie Morenos zu geben, welche weit über die therapeutische Methode des Psychodramas als Gruppentherapie hinausgeht. Dabei soll der Leser eine erste Orientierung bekommen, wo sich meine Forschungsergebnisse auf der Wissenschaftskarte verorten lassen.

Anschließend gebe ich eine kurze Einführung in die therapeutische Methode des Psychodramas und erläutere dabei die in diesem Zusammenhang wichtigen Begriffe.

2.1 Psychodrama-Theorie

Moreno entwickelte das Psychodrama, als „ diejenige Methode, welche die Wahrheit der Seele durch Handeln ergründet “, mit dem Ziel „ die menschliche Spontaneität freizusetzen und gleichzeitig in das gesamte Lebensgefüge des Menschen sinnvoll zu integrieren “ (Moreno, 1959, S.77).

Die folgende Darstellung der wichtigsten Basiskonzepte und Theoriebausteine des Psychodramas nach Moreno entnehme ich aus dem Psychodrama Lehrbuch von v.Ameln, Gerstmann und Kramer (Ameln et al., 2009 S. 206-236). Die Darstellung der folgenden Konzepte erhebt kein Anspruch auf Vollständigkeit. Ich habe mich hier aufgrund meiner begrenzten Ressourcen auf die in Bezug auf meinen Forschungsrahmen mir als wichtig erscheinenden konzentriert. Meine Auswahl der Konzepte folgt demnach dem inhaltlichen Bezug, den ich zwischen jenen und meinen Forschungsergebnissen hergestellt habe.

Anmerken möchte ich hier, dass am Ende der Darstellung eines Theoriebausteins oder Basiskonzepts ein Abschnitt folgt, der zwischen diesen und der psychodramatischen Praxis ein Bezug hergestellt. Diesen „praxisbezogenen“ Abschnitt habe ich von Ameln (2009) übernommen, weil er mir als nützlich erschien, um dem Leser in Bezug auf das Verständnis und die Nachvollziehbarkeit einen leichteren Übergang von der Psychodrama-Theorie hin zu meinen Forschungsergebnissen, welche in der psychodramatischen Praxis, hier speziell in einer Psychodrama-Selbsterfahrungsgruppe, angesiedelt sind, zu geben.

2.1.1 Morenos Basiskonzepte und Theoriebausteine

Im Folgenden werde ich die theoretische Grundlage der psychodramatischen Arbeit, welche auf den Annahmen Morenos über die Natur des Menschen, über Gesundheit und Fehlentwicklungen basiert, darstellen. Dabei liegt mein Augenmerk besonders auf den von Moreno als Hauptprinzipien des Psychodramas bezeichneten Konzepten:

- Kreativitätskonzept, Spontanitätskonzept und kreativer Zirkel
- Tele-Konzept, Begegnungskonzept, soziales Atom und die Theorie sozialer Netzwerke
- Rollenkonzept
- Gesundheitskonzept Morenos : Rolle, Spontanität und Tele
- Konzept der Surplus Reality als Grundprinzip psychodramatischer Arbeit

Um das Psychodrama als therapeutische Methode im theoretischen Diskurs von Moreno besser verorten zu können, werde ich anschließend das „triadische System“ von Psychodrama, Soziometrie und Gruppenpsychotherapie darstellen.

2.1.1.1 Kreativitätskonzept, Spontanitätskonzept und kreativer Zirkel

Für Moreno zeichnet sich der gesunde Mensch durch Kreativität und Spontanität aus. Psychische Störungen manifestieren sich auf der intrapsychischen Ebene in Form eines Spontanitätsdefizits, einer Spontanitätsblockade bzw. über eine sogenannte „Kreativitätsneurose“. Das Anliegen des Psychodramas ist die Freisetzung von Spontanität und die Behebung von Kreativitätsneurosen.

- Was versteht Moreno unter Spontanität und Kreativität?

Um ein Verständnis für beide Konzepte zu erlangen, ist es notwendig das psychodramatische Menschbild von Moreno als ein holistisches zu begreifen. Dies meint, dass ein Individuum nicht als isolierte Monade, sondern als ein Bestandteil des ihm umfassenden System des Kosmos verstanden wird. Moreno drückt dies wie folgt aus: „Der Mensch ist ein kosmischer Mensch, nicht nur ein sozialer oder individueller Mensch“(Moreno, 1977 in Ameln et al., 2009, S.208).

Der wichtigste Bestandteil im Kosmos ist für Moreno die Kreativität. Für ihn ist sie die „Ursubstanz“, die allen schöpferischen Prozessen im Universum zugrunde liegt. Spontanität hingegen ist erforderlich, um das kreative Potential des Kosmos nutzbar zu machen. Moreno betrachtet Kreativität und Spontanität als Grundlage „… für die Gesetze der Gravitation ebenso wie für die Gesetze der biologischen Evolution (…), für das Entstehen der menschlichen Gesellschaft ebenso wie für das Phänomen der Kreativität im Menschen“ (Moreno, 1991, S. 24 in Ameln et al., 2009, S.208).

Demnach ist Spontanität und Kreativität auch im Menschen selbst angelegt, weil dieser für Moreno ein mikrokosmisches Abbild des Universums mit samt den darin ablaufenden Kräften ist. Wir als Kind oder der Protagonist auf der PD-Bühne (auch Stegreifbühne genannt) sind ein Modell für den kreativen und spontanen Menschen (vgl. Hutter, 2000 in Ameln et al., 2009, S.208).

Psychische und soziale Fehlentwicklungen des Menschen entstehen dann, wenn der vom Universum und von sich selbst entfremdete Mensch den Kontakt zu den Kräften der Kreativität und Spontanität verliert. Eingefahrene Muster, d.h. das Verharren in festgeschrieben Rollen, verhindern zudem den Zugang zu diesen Kräften und führen deshalb im Rahmen sich verändernder Situationen und die dadurch erzeugte und notwendige „Rollenanpassung“ zu unterschiedlichen psychischen Erkrankungen (vgl. Ameln et al., 2009, S.208 ff).

- Wie sind Kreativität und Spontanität miteinander verbunden?

Dies beschreibt der „kreative Zirkel“. In ihm werden die Vorbedingungen und Auswirkungen des Prozesses des kreativen und spontanen Handelns umschreiben. Der kreative Zirkel beginnt mit einer bestimmten Situation(1), welche angereichert ist mit kulturspezifischen Vorprägungen(8), d.h. z.B. das gesellschaftliche Normen eine Kontaktaufnahme regelt. Jedoch wird nicht alles in der Situation von normierten Regeln bestimmt, so dass ein anderer Teil der Situation die Aktivierung von Spontanität(2) erfordert. Es entsteht ein Erwärmungsprozess(3), welcher die Beteiligten in eine Stegreiflage(4) versetzt. Kreativität(5) wird dann in dieser aktiviert, so dass eine neuartige und situationsadäquate Gestaltung(6) ermöglicht wird. Der „kreative Zirkel“ schließt sich, indem zuerst Kreativität in Form von neuen Strukturen und Handlungsweisen konserviert(7) wird und anschließend aus diesen kulturelle Muster bzw. Prägungen(8) entstehen. Diese kulturellen Konserven bilden indes die Grundlage für das erneute Aktivieren von Spontanität und so beginnt ein neuer Durchlauf der „kreative Zirkels“(vgl. Ameln et al., 2009, S.208 ff).

- Was hat das bisherige für eine Bedeutung für die psychodramatische Praxis?

Wenn der natürliche Ablauf des „kreativen Zirkels“ durch Unterdrückung oder Blockierung von Spontanität unterbrochen wird, kann dies zur Ausbildung von „Kreativitätsneurosen“, d.h. Gesellschaft und Individuum erstarren in dysfunktionalen Fixierungen, führen. Deshalb sieht Moreno im konstruktiven Umgang mit Spontanität und Kreativität die entscheidende Möglichkeit, welche es dem Menschen erlaubt, den Anforderungen seiner Umwelt durch kreative Anpassung zu begegnen, begründet. Die Psychodrama-Arbeit „will also individuelle und gesellschaftliche Erstarrungen auflösen, um neue (spontane) und dem Kontext adäquate (kreative) Reaktionen auf gegebene Problemstellungen zu entwickeln. […] ihr Ziel ist, die menschliche Spontaneität freizusetzen und gleichzeitig in das gesamte Lebensgefüge des Menschen sinnvoll zu integrieren“ (Leutz, 1974, S. 56 in Ameln et al., 2009, S. 210).

Die psychotherapeutische Psychodrama-Arbeit im Gruppensetting hat somit das Ziel, Spontanität und Kreativität zu aktivieren und zu integrieren. Dies ist gelungen, wenn der Protagonist in die Lage versetzt wird, konstruktiv und spontan zu handeln, d.h. für eine neue oder bereits bekannte Situation eine neue angemessene Reaktion findet.

Wenn man dem „kreativen Zirkel“ auf die psychotherapeutische Psychodrama-Gruppensetting überträgt, soll der Protagonist in diesem einen Erwärmungsprozess durchlaufen (Anfangsrunde und Erwärmungsphase), welcher ihn in eine Stegreiflage (auf der PD-Bühne), in der er sich von Konventionen der Konserve befreit und zur Innovation befähigt wird, versetzt. Die heilenden Potentiale entfalten sich aus dieser Stegreiflage, aus der sich auf der PD-Bühne ein PD-Spiel entwickelt, heraus. Die heilende Wirkung der PD-Arbeit ist allerdings nicht nur auf das jeweilige PD-Gruppen-Setting bezogen, sondern entwickelt sich darüber hinaus, weil Spontanität auf der PD-Bühne trainiert wird: „Wenn man Spontaneität in einer imaginären Situation mehr und mehr auch in einer lebensnahen Situation angemessen mobilisieren kann, wird man allmählich lernen, wie man sie jederzeit abrufbar machen kann, insbesondere in ungeprobten Augenblicken des Lebens“ (Moreno, 1981, S. 257 in Ameln et al., 2009, S.211).

2.1.1.2 Tele-Konzept, Begegnungskonzept, soziales Atom und die Theorie sozialer Netzwerke

Moreno betrachtet den Menschen wie oben beschrieben nicht nur als kosmisches Wesen, sondern verankert ihn auch als Bestandteil eines sozialen Systems, z.B. die Familie oder die PDSG. Hierbei interessieren ihn vor allem die Kräfte, welche die Beziehungen zwischen dem Menschen und seinen Mitmenschen herzustellen vermögen.

Tele-Konzept

- Was versteht hierbei Moreno unter seinem Tele-Konzept?

Weil Moreno den Menschen als ein kosmisches und soziales Wesen ansieht, spielen diese zwei Dimensionen ineinander. Dementsprechend wirken zwischen den Individuen „kosmische Kräfte“ der Anziehung und Abstoßung, welche nach Moreno zur sozialen und physiologischen „Grundausstattung“ des Menschen gehören. Dabei besitzen die „kosmischen Kräfte“ unterschiedliche Erscheinungsformen. Hierzu zählen z.B. alle sich im Zwischenmenschlichen abspielenden Gefühle wie Liebe, Hass, Eifersucht, Sympathie, Antipathie, etc. : „Man kann daher annehmen, dass die Anziehungen und Abstoßungen trotz der Verschiedenheit ihrer Derivate wie Angst, Ärger, Sympathie oder komplizierter kollektiver Faktoren wie Wertsystem und ökonomische Lebensformen, ebenfalls soziophysiologisch verankert sind“ (Moreno,1996, S. 177 in Ameln et al., 2009, S.211).

Entscheidend ist hierbei, dass der „gemeinsame Nenner“ aller Derivate, also die Basis allen zwischenmenschlichen Beziehungsgeschehens von Moreno als Tele bezeichnet wird.

In der heutigen Literatur wird der Tele-Begriff annäherungsweise übersetzt mit „Einfühlung“ oder „Übertragung“. Wobei Moreno den Begriff „Einfühlung“ für zu kurz gefasst ansieht und eher die Wechselseitigkeit des Prozesses hervorhebt. Nach Moreno müsse man daher eher von „Zweifühlung“, welche den Teleprozess ausmacht, sprechen. Das heißt platt gesagt, wenn Person A sich in Person B einfühlen kann, besteht die Einfühlung auch von Person B gegenüber Person A.

Demnach ist vollständiges Tele, nicht reduziert auf einseitige Einfühlung oder nur positives Tele, sondern „ein augenblickliches gegenseitiges Innewerden der Persönlichkeit des anderen und seiner gegenwärtigen Befindlichkeit“(Leutz, 1974, S. 20 in Ameln et al., 2009, S.212). Zudem beruht es „auf dem Gefühl und der Erkenntnis für die wirkliche Situation der anderen Personen“ (Moreno, 1959, S. 29 in Ameln et al., 2009, S.212) und es beinhaltet eine kognitive Komponente in Bezug auf das ganzheitliche Erfassen eines Mitmenschen. Darüber hinaus ist Tele nicht nur als eine Verdopplung von Einfühlung zu verstehen, sondern beinhaltet auch motivationale Komponenten und eine grundlegende liebende Akzeptanz von Menschen oder unbelebten Objekten. In diesem Sinne beschriebt Moreno Tele als „ein elementares Verhältnis (…), das sowohl zwischen Individuen, als auch zwischen Individuen und Gegenständen bestehen kann und im Menschen von der Geburt an allmählich einen Sinn für zwischenmenschliche Beziehungen entwickelt. Tele kann daher als die Grundlage aller gesunden zwischenmenschlichen Beziehungen (…) angesehen werden“ (Moreno, 1959, S. 29 in Ameln et al., 2009, S. 212).

Somit ist Tele für Prozesse der Gruppenkohäsion und für die häufigen Interaktionen zwischen Menschen verantwortlich, d.h. „Tele ist für Moreno die Grundlage allen zwischenmenschlichen Beziehungsgeschehens, auf der alle Formen der Anziehung und Abstoßung zwischen Personen bzw. Rollen basieren“ (Ameln et al., 2009, S.213).

- Was hat das Telekonzept für eine Bedeutung für die psychodramatische Praxis?

Für Moreno durchwirkt der Teleprozess als alle sozialen Beziehungen tragender Mechanismus das gesamte psychodramatische Geschehen:

- vollständiges Tele ist für gelingende, gestörtes Tele für die misslingende therapeutische Beziehung verantwortlich
- Tele ermöglicht und fördert Rollentausch und auf der PD-Bühne
- Tele ermöglicht das Doppeln auf der PD-Bühne
- Tele wirkt bei der Auswahl geeigneter Hilfs-Iche
- Tele liegt den Beziehungen zu Grunde, welche mit den Mitteln des Psychodramas und
- Gruppenpsychotherapie umgestaltet werden können.
- Tele prägt die Prozesse, bzw. Dynamik der PD-Gruppenkohäsion
- Tele kann auch als Leitvorstellung des therapeutischen und beraterischen Handelns dienen

Hiermit lässt sich erkennen, wie das Telekonzept in die psychotherapeutische Praxis hineinwirkt.

Begegnungskonzept

Im Psychodrama ist der Begegnungskonzept von zentraler Bedeutung und steht im engen Zusammenhang mit dem Tele-Konzept. Der Unterschied zwischen beiden Konzepten besteht nach Ameln darin, dass Moreno den Begegnungsbegriff als Beschreibung eines sich in einer konkreten Situation abspielenden Interaktionsgeschehens verwendet und den Telebegriff als Beschreibung für die diesem Geschehen zugrunden liegende Kraft anzieht. Morenos Begegnungsbegriff meint hier nicht nur das bloße körperliche Zusammentreffen von Menschen, sondern spannt einen weiten Bogen hin zu existentiell-philosophischen und kosmischen Dimensionen. Unter Begegnung versteht Moreno daher ein „…Zusammentreffen, Berührung von Körpern, gegenseitige Konfrontation, zu kämpfen und zu streiten, zu sehen und zu erkennen, sich zu berühren und aufeinander einzugehen, zu teilen und zu lieben, miteinander auf ursprüngliche, intuitive Art und Weise zu kommunizieren, durch Sprache oder Geste, Kuss und Umarmung, Einswerden – una cum uno (…). Es ist nicht nur eine emotionale Beziehung wie das berufliche Zusammentreffen eines Arztes oder Therapeuten mit dem Patienten oder ein intellektueller Kontakt wie zwischen Lehrer und Schüler oder ein wissenschaftlicher Kontakt wie zwischen einem teilnehmenden Beobachter und seinem Subjekt. Es ist ein Treffen auf dem intensivst möglichen Kommunikationsniveau (…). Es ist ein intuitiver Tausch der Rollen, eine Verwirklichung des Selbst durch den anderen; es ist Identität, die seltene, unvergessliche Erfahrung völliger Gegenseitigkeit“(Moreno,1956a, S. 27 f. in Ameln et al., 2009, S. 213).

- Was hat das Begegnungskonzept für eine Bedeutung für die psychodramatische Praxis?

Das Begegnungskonzept bzw. sein Idel bestimmt das psychodramatische Setting, d.h. unter welchen Rahmenbedingungen sich Menschen z.B. in einer PDSG begegnen und Kontakt herbestellen. Zudem wird das Begegnungskonzept konsequent im Rollentausch (PD-Technik) methodisch umgesetzt. Der Rollentausch vollzieht einerseits den intuitiven Tausch der Rollen zwischen den in der Begegnung aufeinandertreffenden Individuen nach und ermöglicht andererseits die Begegnung durch Förderung vollständigen Teles (vgl. Ameln et al., 2009, S.214). Zudem fungiert das Begegnungskonzept nicht nur als Leitkonzept des Psychodramas, sondern wurde zur Grundlage der gesamten Encounterbewegung und beeinflusst bis heute die gruppendynamische Praxis in der Arbeit mit Gruppen aller Art (vgl. Ameln et al., 2009, S.214).

Das soziale Atom und die Theorie sozialer Netzwerke

Moreno beschreibt über das Telekonzept und das Begegnungskonzept den Menschen als ein soziales Wesen, welches mit seinen Mitmenschen über telische Prozesse verbunden ist. Deshalb ist es für Moreno nicht möglich, das Individuum unabhängig von seiner Sozialität zu betrachten. Deshalb konzipiert er den Begriff „soziales Atom“, welches die Gesamtheit aller relevanten Beziehungen, nicht nur die tatsächlich vorhandenen, sondern auch gewünschte in Bezug auf real existierende, ehemalige oder verstorbenen Personen, eines Individuums in einer bestimmten Lebensphase oder Situation umfasst. Weil jedem sozialen Atom der Teleprozess, der an ein bestimmtes Kriterium gebunden ist, zu Grunde liegt, verfügt jeder Mensch über verschiedene Kriterien bezogene soziale Atome, z.B. Arbeitsbeziehungen oder Freundschaftsbeziehungen. Zudem kann das soziale Atom positive Telebeziehungen (Anziehung), negative (Abstoßungen) und neutrale Beziehungen enthalten.

Hervorzuheben ist hier, dass für Moreno die kleinste Analyseeinheit der Psychologie und Soziologie nicht das Individuum ist, sondern das soziale Atom.

Zudem ist das soziale Atom Veränderungsprozessen unterworfen und daher ein „…ein äußerst bewegliches und komplexes Gebilde, das sich durch den Aufbau und Verlust sozialer Kontakte und Bindungen ständig verändert“ (Hutter, 2000, S. 180 in Ameln et al., 2009, S.216). Gleichzeitig zeichnet es sich durch ein relativ hohes Maß an struktureller Konstanz, d.h. sein Umfang ist abhängig von der emotionalen Kontaktfähigkeit, welche durch die Reichweite des individuellen Teles begrenzt ist, aus (vgl. Ameln et al., 2009, S.216).

Die in einer Gruppe oder in der Gesellschaft vorkommenden sozialen Atome sind miteinander verknüpft. Diese sich daraus ergebende größere soziale Einheit nennt Moreno „soziales Netzwerk“, z.B. die Psychodrama-Gruppe und die Verknüpfung dieser „soziales Universum“. Zudem bilden die interpersonellen telischen Kräfte der Anziehung und Abstoßung auch in diesen Netzwerken die Grundlage (vgl. Ameln et al., 2009, S.216).

- Was hat dies für eine Bedeutung für die psychodramatische Praxis?

Im Psychodrama werden soziale Beziehungen analysiert, aufbereitet, bearbeitet und verändert. Somit ist die Psychodrama-Arbeit immer auch als Arbeit am sozialen Atom zu begreifen. Durch die Bearbeitung von sozialen Beziehungen können im Psychodrama Hypothesen über konflikthafte oder defizitäre Beziehungen erstellt werden. In diesem Zusammenhang kann z.B. eine ressourcenorientierte PD-Arbeit mit dem sozialen Atom den Klienten für die Rolle bedeutender Bezugspersonen sensibilisieren. Dies ist vor allem nach Brüchen im sozialen Netzwerk, z.B. Tod des Ehepartners, Scheidung oder Umzug des Klienten therapeutisch wertvoll. Darüber hinaus kann die Arbeit am sozialen Atom auch dafür genutzt werden, um auf Ambivalenzen, Konflikte und andere Störungen im Beziehungsnetz des Klienten aufmerksam zu machen. Zudem können auch Impulse für eine Beziehungsklärung initiiert werden (vgl. Ameln et al., 2009, S.216).

2.1.1.3 Morenos Rollenkonzept / Rollentheorie

Moreno ist einer der ersten Vordenker und Begründer der sozialpsychologischen und soziologischen Rollentheorie. Im Psychodrama selbst spielt jene eine zentrale Rolle, weil das psychodramatische Handeln an Rollen gebunden ist, sich die psychodramatischen Handlungstechniken wie das Doppeln, der Rollentausch und das Spiegeln, daraus ableiten und die Rollentheorie dient der psychodramatischen Diagnostik (vgl. Ameln et al., 2009, S.217).

- Was versteht Moreno unter seinem Rollenbegriff?

a) Vier Dimensionen des Rollenbegriffs

In Morenos Gesamtwerk hat der Rollenbegriff viele unterschiedliche Bedeutungsfacetten und Verwendungskontexte. Zeintlinger-Hochreiter haben diese zu einem Gesamtbild zusammengefügt und über die folgenden vier Dimensionen dargestellt:

(1.) Rollen als kollektive soziokulturelle Stereotypen

Hierbei sind Rollen standardisiert durch sozikulturelle Normierungen und bleiben unabhängig von Personen und Situation bestehen. Ein Beispiel wäre die Rolle eines Politikers. An ihm werden bestimmte Erwartungen gestellt, welche unabhängig von der Person selbst sind, die dieses Amt begleitet. In diesem Sinne nutzt Moreno seinen Rollenbegriff „als Hintergrund für seine Persönlichkeitstheorie (Persönlichkeit entwickelt sich in der Konfrontation mit Rollenstereotypen) und um sie im Rollenspiel als Bezugsrahmen dafür zu verwenden, zu messen, wie weit jemand fähig ist, bestimmte Rollenstereotypen a) zu übernehmen und auch b) sich von ihnen zu lösen (Zeintlinger-Hochreiter, 1996, S. 125 in Ameln et al., 2009, S.218).

(2.) Rollen als vorgegebene individuelle Handlungsmuster

Moreno bezeichnet diese Form der Rolle als „Rollenkonserve“, d.h. die Rolle an sich ist bezüglich der Situation und des Textes festgelegt, ähnlich wie bei einer Theaterrolle (vgl. Ameln et al., 2009, S.218).

(3.) Rollen als individuell gestaltete, abrufbare Handlungsmuster

Hier wird die Rolle als etwas flexibles verstanden, d.h. im Laufe der Sozialisation eines Individuums gestaltet dieses seine erlernten soziokulturellen Rollen individuell aus. Somit sind individuelle Rollenmuster „eine Fusion privater und kollektiver Elemente“ (Moreno, 1982, S. 298 in Ameln et al., 2009, S.218). Rollen besitzen hier einen persönlichen und variablen Gestaltungsspielraum.

Die Gesamtheit aller individuellen Rollen eines Individuums fließt zusammen und bilden das Selbst der Person. Das „Selbst ist also ein Rollensystem mit über- und untergeordneten, dominanten und weniger dominanten Rollen „ (Zeintlinger-Hochreiter, 1996, S. 131 in Ameln et al., 2009, S.218). Deshalb entspringt für Moreno die Existenz, das Wesen und das Handeln des Menschen aus seiner sozialen Umwelt: „Rollen entstehen nicht aus dem Selbst, sondern das Selbst kann sich aus Rollen entwickeln“ (Moreno, 1982b, S. 280 in Ameln et al., 2009, S.218).

(4.) Rollen als tatsächliches Handeln in einer aktuellen Situation

Rollen entstehen für Moreno in einer bestimmten Situation, in welcher Zeit, Raum und die Anwesenheit von bestimmten Personen von Bedeutung sind. Demnach ist die Rolle als „die Manifestation der Persönlichkeit in der Handlung“ (Zeintlinger-Hochreiter, 1996, S. 128 in Ameln et al., 2009, S.218) zu verstehen. Diesen Prozess differenziert Moreno in drei mögliche Ausführungen (vgl. Ameln et al., 2009, S.218):

- Rollenübernahme („role-taking“), d.h. hier wird eine vollständig vorgegebene Rolle ohne der Möglichkeit zur freien individuellen Ausgestaltung übernommen.
- Rollenspiel („role-playing“), die Übernahme einer vorgegebenen Rolle vollzieht sich unter Ausnutzung eines bestimmten Spielraums zur individuellen Ausgestaltung dieser.
- Rollenkreation („role-creating“), hier wird eine Rolle komplett durch eine spontane Neuschöpfung, welche einen hohen Gestaltungsspielraum besitzt, geschaffen. Dies ist z.B. im Stegreifspiel im Psychodrama der Fall.

Zusammenfassend führen Zeitlinger-Hochreiter die vier oben dargestellten Dimensionen in der folgenden Definition zusammen:

„Rollen sind Systeme, die verschiedene Handlungen miteinander in Beziehung setzen und dadurch bestimmte Handlungsklassen von anderen Handlungsklassen abgrenzen. Jede Rolle hat einen Zweck. Die Handlungen, die als System zusammengefasst sind, sind den Zwecken zugeordnet als geeignet, den Zweck zu erreichen, und alle ungeeigneten Handlungen wurden aus der Rolle ausgeschlossen. An jede Rolle knüpfen sich kollektive Erwartungen und diese scheinen Normen für Handlungen (Handlungsvorschriften) zu sein. Rollen sind mehr oder weniger stark genormt (…). Je weniger genormt eine Rolle ist, umso größer ist der Anteil Anhandlungen, die das Individuum frei gestalten kann“ (Zeintlinger-Hochreiter, 1996, S. 128 f. in Ameln et al., 2009, S.219).

b) Rollenhandeln als Interaktion

Moreno versteht seinen Rollenbegriff nicht als einen individualistischen, sondern als einem sozialen. Damit ist gemeint, dass sich jeder Interaktionszusammenhang zwischen Personen durch die Analyse der beteiligten Rolle aufbereiten lässt. Wenn also ein Individuum in einer Situation mit einem anderen in Kontakt tritt vollzieht sich dies über die Aktualisierung der Rolle, wobei das Gegenüber, für das Zustandekommen einer sinnvollen Interaktion, eine Komplementärrolle einnimmt. Praktisch heißt das, wenn eine Person als Kunde in einem Supermarkt an der Kasse seine Einkäufe bezahlt, entrichtet sie das Geld an die Person, welche die Komplementär-Rolle der Kassiererin einnimmt. Würde einer der Beteiligten keine komplementäre Rolle einnehmen, z.B. die eines Automechanikers, würde Irritation entstehen, weil der Supermarkt-Kunde keine Autoreparatur wünscht und der Automechaniker keine Einkäufe abkassieren will. Moreno drückt dies wie folgt aus:

„Wir sprechen demgemäß von Rolle als dem funktionellen Verhalten, mit dem der Mensch in einem bestimmten Augenblick auf eine bestimmte Situation reagiert, an der andere Menschen oder Objekte beteiligt sind“ (Moreno, 1979, S. 16 in Ameln et al., 2009, S. 219). Somit ist die Kenntnis und die Beherrschung bestimmter Rollen und Komplementärrollen die Voraussetzung für adäquates soziales Handeln: „Jeder Mensch hat, ebenso wie er jederzeit eine Anzahl von Freunden und eine Anzahl von Feinden hat – auch eine Anzahl von Rollen und Gesichtern und eine Anzahl von Gegen-Rollen“ (Moreno, 1940, S. 20 in Ameln et al., 2009, S.219).

Somit besteht Interaktion aus einem Zusammenspiel von aktivierten Rollen und Komplementärrollen.

c) Rollenhandeln als Mix von kultureller Prägung und individueller Gestaltung

Wie unter Punkt a) bereits beschrieben, konzipiert Moreno die Rolle als „eine Fusion privater und kollektiver Elemente“ (Moreno, 1982d, S.298 in Ameln et al., 2009, S.219). Unter den kollektiven Elementen einer Rolle versteht Petzold kollektive Handlungsmuster, welche symbolisch repräsentierte und normierte Erwartungsmuster der Gesellschaft verkörpern. Er bezeichnet diesen Aspekt des Rollenbegriffs als kategoriale Rolle, wobei das Verhalten eines Menschen nie allein nur durch diesen bestimmt wird, sondern ergänzt wird das individuelle Ausgestalten bzw. Interpretation der Rolle. Man ist sozusagen nie die Mutter oder Professor schlechthin, sondern diesen Rollen verleiht die jeweilige Person individuellen einzigartigen Charakter. Diesen Aspekt bezeichnet Petzold als aktionale Rolle.

Somit entsteht Rollenhandeln immer aus dem Zusammensiel von kategorialer Rolle, welche kollektiv bestimmt ist, und aktionaler Rolle, welche individuell bestimmt ist. Hierbei erzeugt die kategoriale Rolle Verhaltenssicherheit und die aktionale Rolle Spielräume für kreative Entwicklungen (vgl. Petzold, 1982b in Ameln et al., 2009, S.219).

d) Das kulturelle Atom

Wie bereits bekannt, umfasst das soziale Atom alle bedeutsamen Telebeziehungen des Menschen. Das kulturelle Atom umfasst alle Rollenbeziehungen eines Menschen. Moreno beschreibt dies wie folgt: „Jeder Mensch ist (…) der Brennpunkt zahlreicher Rollen, die mit den Rollen anderer Menschen verbunden sind. Jeder Mensch hat (…) eine Reihe von Rollen, und sieht sich einer Reihe von Rollen gegenüber. Sie sind in verschiedenen Entwicklungsstadien. Die erfassbaren Aspekte dessen, was als »Ich« bekannt ist, sind die Rollen, in denen der Mensch handelt. Das Netz von Rollenbeziehungen um ein bestimmtes Individuum herum wird sein kulturelles Atom genannt“ (Moreno, 1982a, S. 305 in Ameln et al., 2009, S.220).

Der Nutzen des kulturellen Atoms liegt hier vor allem in der Eröffnung der Möglichkeiten zur Analyse von intra- und interpersonellen Rollenkonflikten.

e) Theorie der Rollenentwicklung

Moreno konzipiert die Entwicklung der Persönlichkeit als Rollenentwicklung, welche er in vier Phasen unterteilt. Für das Verständnis dieser ist es erforderlich, die drei Rollenkategorien, über die der Mensch nach Moreno seine Natur als körperliches, denkendes, fühlendes und soziales Wesen realisiert, darzustellen. Die Rollenkategorien umfassen die psychosomatischen Rollen, z.B. die Rolle des Schlafenden, Essenden oder Atmenden, die psychodramatischen Rollen, welche auf den psychosomatischen aufbauen, z.B. die Rolle des Genießenden und die soziodramatischen Rollen, welche hier die gesellschaftlich vorgegebenen Rollen umfassen, wie z.B. die des Vaters. Diese drei Rollenkategorien durchläuft der Mensch in seiner Rollenentwicklung nach Moreno in vier Phasen:

1. Phase: Unmittelbar nach der Geburt differenziert das Kind noch nicht zwischen Ich und Du, sich und seiner Umgebung, leblosen und lebendigen Dingen und existiert nur in der Gegenwart.
2. Phase: Anschließend lernt das Kind zwischen sich und der Umwelt zu differenzieren, kann aber noch nicht zwischen Realem und Imaginierten unterscheiden.
3. Phase: Nach dem dritten Lebensjahr erkennt das Kind die eigenständige und von ihm unabhängige Existenz der Mutter.
4. Phase: Das Kind nimmt die Rolle andere Menschen war, kann sich in diese hineinversetzen („role-taking“) und spielen („role-playing“). Hierbei vollzieht das Kind einen vollständigen Rollenwechsel und kann sich so erstmalig selbst und seiner psychosomatischen und sozialen Rollen bewusst werden.

In diesem vierstufigen Prozess bauen die immer neu dazukommenden Rollen auf den vorherigen auf, integrieren diese oder entwickeln sich weiter und konstituieren so die körperliche, psychische und soziale Entwicklung des Menschen (vgl. Ameln et al., 2009, S.222ff.).

Aus diesem Modell leitet Leutz (1974) unter andrem eine rollengebundene Psychopathologie ab. Er nimmt dabei an, dass psychische Störungen in dreierlei Hinsicht auf Störungen in der Rollenentwicklung zurückgehen (vgl. Leutz, 1974 in Ameln et al., 2009, S.223):

1. durch Überspringen von Entwicklungsschritten
2. durch Stau der Entwicklung
3. durch Regression auf bereits erreichte Rollenebenen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Moreno die kindliche Entwicklung als eine aufeinander aufbauende Entwicklung verschiedener Rollenkategorien begreift. Hierbei nimmt das Kind in den ersten beiden Phasen, in der es die Beziehung zur Mutter als eine symbiotische erlebt, psychosomatische Rollen (z.B. das schlafende oder saugende Kind) ein. Diese werden in den darauffolgenden Entwicklungsphasen durch psychodramatische (z.B. der Entdecker der Umwelt) und soziodramatische Rollen (z.B. die Schwester oder Mutter) ergänzt. Wobei Störungen in diesem Rollen-Entwicklungsverlauf zu psychischen Störungen führen können (vgl. Ameln et al., 2009, S.222ff.).

f) Rollenkonflikt, Rollenambiguität und Rollenüberlastung

Die Vielfalt an unterschiedlichen Rollen, die sich über die Rollenentwicklung ergeben, kann miteinander im Konflikt stehen. Leutz (1974) hat insbesondere für das Psychodrama folgende Rollen-Konfliktarten, welche zu verschiedenen Störungen führen können wie folgt herausgearbeitet

(vgl. Leutz, 1974 in Ameln et al., 2009, S.224):

1. Intra-Sender-Konflikt: Der Rolleninhaber steht in sich widersprüchlichen Forderungen von ein und derselben Bezugsperson gegenüber.
2. Inter-Sender-Konflikte: An den Rolleninhaber werden von zwei verschiedenen Bezugspersonen unvereinbare Erwartungen gestellt.
3. Inter-Rollen-Konflikte: Es entstehen Widersprüche zwischen zwei dem Rollinhaber innehabenden Rollen (z.B. Vater und Manager).
4. Person-Rollen-Konflikte: Hier treten Widersprüche zwischen den Rollenerwartungen und dem Selbst des Rolleninhabers auf.
5. Rollenambiguität: Hier liegen unpräzise und mehrdeutige Rollenerwartungen vor.
6. Rollenüberlastung: Widersprüchliche Rollenerwartungen führen zur Überforderung des Rolleninhabers.

- Was hat die Rollentheorie (a-f) für eine Bedeutung für die psychodramatische Praxis?

Im Psychodrama stellen Rollen, in denen Menschen handeln, die elementare Einheit für die Analyse und die Veränderung der Persönlichkeit dar. Wie bereits Moreno erwähnte: „Rollen entstehen nicht aus dem Selbst, sondern das Selbst kann sich aus Rollen entwickeln“ (Moreno, 1982b, S. 280 in Ameln et al., 2009, S.224). Im Psychodrama laufen deshalb Entwicklungsprozesse des Selbst über die Entwicklung des Rollenrepertoires des Individuums ab und jede Veränderung zwischenmenschlicher Interaktion wird durch eine Steigerung der Elastizität des Rollenhandelns erwirkt (vgl. Ameln et al., 2009, S.224).

Erweiterung des Rollenrepertoires:

Im Verlauf des Lebens eines Menschen wird dieser unaufhörlich mit den unterschiedlichsten Anforderungen wie z.B. Erlangung eines Bildungsabschlusses, ein neuer Arbeitsplatz oder Partnerschaft oder Verlust eines Familienmitglieds konfrontiert. Dabei wird er in jeder Situation durch die Einnahme einer neuen Rolle gefordert. Auf der Psychodrama-Bühne können diese neuen Rollen entwickelt, erprobt und trainiert werden (vgl. Ameln et al., 2009, S.224).

Elastizitätssteigerung des Rollenhandelns:

Rollen sind zum einen kollektiv vorbestimmt, aber halten auch einen individuellen Ausgestaltungspeilraum bereit. Wenn der kollektive Anteil zur Rollenkonserve erstarrt, kann die Flexibilität der persönlichen Ausgestaltung einer Rolle eingeengt sein. Hier kann das Psychodrama dazu beitragen, die Elastizität des Rollenhandelns zu erhöhen, indem es neue Spielräume für die Ausgestaltung einer bestimmten Rolle aufzeigt. Dabei können Rollen, die sich während der Entwicklung besonders stark eingeprägt haben, z.B. die des hilflosen Kindes und die Persönlichkeit heutzutage dominieren und für die jeweilige Situation unangemessen sind, zur Entstehung von Fixierungen führen, welche mit dem Psychodrama aufgelöst werden können. Zudem bietet das Psychodrama die Möglichkeit die Einschränkungen im Erleben, welche durch nicht mehr gelebte und genutzte Rollen entstehen, aufzuweichen, indem diese Rollen auf der Psychodrama-Bühne reaktiviert und erlebbar werden und gegebenenfalls neu in den Alltag integriert werden (vgl. Ameln et al., 2009, S.225).

Lösung von Rollenkonflikten:

Für die Analyse von intra- und interpersonellen Rollenkonflikten ist die theoretische Grundlage des kulturellen Atoms von Nutzen. Das Psychodrama bietet die Möglichkeit einzelne Rollen getrennt voneinander auf der Psychodrama-Bühne aufzustellen. Dadurch können dem Protagonisten konfligierende Rollenerwartungen bewusster werden. Unterstützend greift hier der Rollentausch, durch welchen der Protagonist die Anforderungen, d.h. Wünsche, Bedürfnisse, Funktionen usw., der einzelnen Rollen erkunden und somit getrennt voneinander formulieren kann. Auch das Doppeln kann hier zur Vertiefung des Kennenlernens der einzelnen Teilrollen beitragen. Über die Veränderung der Gruppierung der Hilfs-Iche oder über eine verbale Auseinandersetzung wird der Protagonist in die Lage versetzt, neue Erkenntnisse zu generieren, welche Impulse für eine Neuordnung der Teilrollen geben können und so zur Auflösung von Rollenkonflikten führen (vgl. Ameln et al., 2009, S.225).

Rollenkategorien:

Die Rollenkategorien von Moreno, welche ein Mensch in seinem Entwicklungsprozess durchläuft, dienen im Psychodrama diagnostischen Zwecken. Hier können Anteile des Rollensystems eines Klienten, welche entwicklungsbedürftig sind oder als therapeutische Ressource nutzbar gemacht werden können, ermittelt werden (vgl. Ameln et al., 2009, S.222).

2.1.1.4 Gesundheitskonzept Morenos : Rolle, Spontanität und Tele

Aus den bisher vorgestellten Konzepten lässt sich nun die Bedeutung des Zusammenhangs der Rollentheorie, des Spontanitätskonzepts und des Telekonzepts für das Gesundheitskonzept des Psychodramas erschließen. Für Moreno ist demnach der gesunde Mensch ein rollenmächtiger, der in einer bestimmten sozialen Situation aus seinem kulturellem Atom eine der Situation angemessene Rolle aktivieren oder eine neue spontan kreieren kann. Dies setzt dabei die Fähigkeit voraus, dass die Person zu ihrem jeweiligen Interaktionspartner, d.h. zu der in der Situation aktualisierten Rolle aus seinem Rollenrepertoire, eine Telebeziehung herstellen kann (vgl. Ameln et al., 2009, S.220).

- Was hat dies für eine Bedeutung für die psychodramatische Praxis?

Das Psychodrama als therapeutische Methode bietet hier einen Rahmen für:

- die Analyse des Zusammenspiels von Rollen und Komplementärrollen
- das Training bestehender oder neu geschaffener Rollen
- die Förderung von Tele, welches für ein adäquates Rollenhandeln erforderlich ist.

Zusammenfassend kann hier festgesellt werden, dass das Psychodrama das Ziel hat, den „…Menschen als Akteur in einer sozialen Situation in die Lage zu versetzen, das Rollengefüge in der Beziehung zu den Interaktionspartnern zu verstehen und mit spontanem, adäquatem Rollenhandeln reagieren zu können“ (Ameln et al., 2009, S.221 f.).

2.1.1.5 Surplus Reality als Grundprinzip psychodramatischer Arbeit

Nach Ameln wurde das Konzept der Surplus Reality von Moreno und seinen Nachfolgern nur schemenhaft skizziert, dabei ist es das zentrale methodische Konzept, welches das Psychodrama von anderen Verfahren abgrenzt (vgl. Ameln et al., 2009, S.227).

Ameln definiert Morenos Ausführungen folgend die Surplus Reality wie folgt:

„Das Grundprinzip des Psychodramas besteht darin, einen symbolischen Erlebensraum zu schaffen, der die subjektive Wirklichkeit der Protagonistin in ihren wesentlichen Elementen abbildet. Diesen Erlebensraum bezeichnen wir als Surplus Reality“ (Ameln et al., 2009, S.227).

Die Surplus Reality wird im Psychodrama hergestellt, indem mit den Mitteln der materiellen Bühnengestaltung, Requisiten und Hilfs-Ichs, die immaterielle Lebenswirklichkeit des Klienten, also seine Wahrnehmungen, Bewertungen, Befürchtungen, inneren Repräsentationen, Projektionen oder Fantasien so konkretisiert wird, dass diese für den Klienten erlebbar, begreifbar und veränderbar wird. Kellermann (1996) beschreibt diesen Punkt noch eindringlicher: „Mit der Hilfe von Hilfs-Ichen bietet die psychodramatische Bühne ein außerordentlich leistungsfähiges Medium zur Externalisierung von (…) internalisierten mentalen Bildern; dort werden sie zum Leben erweckt und dazu gebracht, in einem dreidimensionalen Raum in Erscheinung zu treten“ (Kellermann, 1996,S. 98 in Ameln et al., 2009, S.228).

Über die Abbildung der Lebenswirklichkeit des Klienten hinaus vermag die Surplus Reality zudem noch, Vergangenes zu beleben und zu bearbeiten, mögliche Zukünfte aufzuzeigen und mit möglichen Gegenwarten zu experimentieren (vgl. Ameln et al., 2009, S.228).

Zudem bietet die Surplus Realität dem Klienten die Möglichkeit, „ sich mit sich mit unerwünschten Anteilen auseinanderzusetzen und sich von ihnen zu distanzieren sowie positive Anteile zu stärken, um auf diese Weise ihre Rollen selbst neu zu konstruieren“ (Ameln et al., 2009, S.230).

2.1.1.6 Das „triadische System“ von Psychodrama, Soziometrie und Gruppenpsychotherapie

Aus den bisherigen Ausführungen sollte ersichtlich sein, dass Moreno den Menschen als integralen Bestandteil seiner sozialen Lebenswelt und ihn nicht als isolierte eigenständige Einheit ansieht. Sein Gesundheitskonzept und die für ihn möglichen Pathologien führt Moreno auf die Beziehungsstruktur, in der ein Mensch lebt, zurück. Deshalb erstreckt sich der theoretische Diskurs Morenos nicht nur auf die Gesundung des Individuums, sondern geht darüber hinaus und hat das Ziel zur Gesundung des gesamten sozialen Netzwerkes beizutragen.

Psychodrama / Soziatrie / Gesellschaftsheilkunde

Nach Ameln stellt das Psychodrama ein Teil eines Systems von Instrumenten zur Verwirklichung einer gesellschaftlichen Utopie, d.h. ihrer Gesundung, dar. Zu diesem System, welches Moreno als „Soziatrie“ bezeichnete und umgangssprachlich mit „Gesellschaftsheilkunde“ zu übersetzen wäre, zählen auch das Stegreiftheater, das Rollenspiel, das Soziodrama und andere Methoden. Mit dem Psychodrama verfolgte Moreno also die Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse.

Soziometrie / Soziodynamik

Für die Gesundung der Gesellschaft war es nach Moreno erforderlich die Strukturen dieses sozialen Systems zu verändern. Dafür war es notwendig, diese Strukturen zu erfassen und verstehen zu können. Dafür schreibt Moreno der Wissenschaft eine zentrale Rolle zu. Er prägt den Begriff „Soziodynamik“ und versteht darunter die Wissenschaft, z.B. die Sozialpsychologie, Soziologie und die Anthropologie, welche sich mit der theoretischen Beschreibung von sozialen Strukturen und Prozessen befassen. Für die empirische Messung dieser Strukturen und Prozesse entwickelt Moreno die Soziometrie.

Die Soziometire ist für Moreno „ die Wissenschaft der Messung zwischenmenschlicher Beziehungen“ (Moreno, 1959, S. 19 in Ameln et al., 2009, S.226). Sie beschäftigt sich „… mit dem mathematischen Studium psychologischer Eigenschaften der Bevölkerung, mit den experimentellen Methoden und den Ergebnissen, die aus der Anwendung qualitativer Prinzipien resultieren. Sie beginnt ihre Untersuchung mit der Erforschung, der Entwicklung und Organisation der Gruppe und der Stellung der Individuen in ihr. Eine ihrer Hauptaufgaben ist es, die Zahl und die Ausdehnung psychosozialer Strömungen, wie sie in der Bevölkerung verlaufen, zu ermitteln“ (Moreno, 1996, S. 28 f. in Ameln et al., 2009, S.226).

Gruppenpsychotherapie

Heutzutage ist die Gruppenpsychotherapie(GPT) ein weit verbreitetes Konzept. Hierbei ist kaum bekannt, dass diese Errungenschaft der Psychotherapie von Moreno 1932 erstmalig begründet wurde. Er war der Erste, der konkrete Konzepte und Techniken für die GPT entwickelte. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde Psychotherapie nur im psychoanalytischen Einzelsetting praktiziert.

Die GTP ist eng mit dem Psychodrama und der Soziometrie verbunden. Der Unterschied zwischen GTP und Psychodrama macht Moreno daran fest, „…dass in der Gruppenpsychotherapie die Beziehungen zwischen den Mitgliedern durch Diskussionen und deren Analyse bearbeitet werden“ (Moreno, 1959, S. 70 in Ameln et al., 2009, S. 227) und im Psychodrama steht eher die Aktion gegenüber der Diskussion im Vordergrund.

Nach Moreno sitzen in der GPT die Teilnehmer im Kreis, wobei dieser Sitzkreis und nicht die Psychodramabühne als therapeutisches Medium fungiert. Hierbei erfolgt die Interaktion der Gruppenteilnehmer frei assoziativ, d.h. sie sollen sich frei und ungezwungen so verhalten, wie sie es wünschen. Dies führt dazu, dass in der Gruppe eine spezifische Dynamik entsteht, in welcher sich familiäre und gesellschaftliche Strukturen und Prozesse replizieren. Für Moreno wirkt daher die Gruppe als Miniaturversion der Gesellschaft und Familie (vgl. Ameln et al., 2009, S.227).

Das Ziel des Therapeuten besteht darin, dass er die Gruppe hinsichtlich ihrer soziometrischen Struktur analysiert und diese heilungsfördernd umgestaltet. Die therapeutische Wirksamkeit ergibt sich hierbei aus:

- der Gruppenkohäsions-Steigerung, welche durch die Umgestaltung erwirkt wird
- der Veränderung der sozimetrischen Position der Teilnehmer und aus
- dem Begegnungskonzept.

Diese Prinzipien, welche von Moreno aufgestellt wurden, reichen bis in unsere heutige Zeit und prägten gruppenpsychotherapeutischen Konzeptionen, wie die von Yalom (2001) und unterstreichen damit ihre Gültigkeit (vgl. Ameln et al., 2009, S.226f.).

2.2 Psychodrama im gruppentherapeutischen Setting und seine Begriffe

Der österreichische Arzt und Psychotherapeut Jakob Moreno (1889-19749) hat in der Mitte des 20. Jahrhunderts das Psychodrama entwickelt. Dieses Verfahren wird dafür genutzt, um die subjektiv erlebte Wirklichkeit einer Klientin als Szene auf der Bühne (ein bestimmter Bereich im Gruppenraum) darzustellen. So entsteht eine unmittelbar anschauliche Situation, die verschiedene Personen, Gegenstände oder Elemente umfassen kann (die sogenannten Rollen).

Was kann im Psychodrama alles in Szene gesetzt werden? Nahezu alles, wie z.B. Situationen zwischen realen Personen (bspw. ein Ehekonflikt), intrapsychische Konflikte (innere Anteile, die auf der Psychodramabühne in Interaktion treten), somatische Beschwerden, Träume etc.

Die externalisierte innere Welt (Wirklichkeit) der Klientin auf der PD-Bühne wird als Surplus-Realität bezeichnet.

Eine Psychodramaarbeit zu inneren Anteilen könnte beispielsweise wie folgt aussehen:

Die Leitung (die Psychodrama-Therapeutin) fordert die Protagonistin (die Person, deren Anliegen mithilfe der Psychodrama-Arbeit behandelt wird) auf, sich ihren inneren Anteil bildlich vorzustellen.

Auf der Bühne wird dann dieses Bild (z.B. eine helle schutzengelhafte Beschützerin in einem königlichen Palast), was die Protagonistin entwickelt, dargestellt. Dazu wird sie zunächst aufgefordert mit vorhandenen Requisiten, diesen Palast aufzubauen. Danach begibt sich die Protagonistin an diesen Ort und wird zur Beschützerin (d.h. sie übernimmt die Rolle ihres inneren Anteils). Dann wird sie von der Leitung interviewt (z.B. Wie alt bist du? Wie siehst du aus? Wie bist du bekleidet? Wie fühlst du dich? Hast du eine bestimmte Aufgabe oder Funktion? usw.) Dies dem der Erkundung des inneren Anteils.

Wenn diese Erforschung abgeschlossenen ist, wird die Protagonistin im nächsten Schritt dazu aufgefordert, die Rolle zu verlassen und sich eine Stellvertreterin (ein Hilfs-Ich) aus den verbleibenden Gruppenmitgliedern für die Rolle der Beschützerin auszuwählen. Die Beschützerin wird dann vom Hilfs-Ich hinsichtlich des von der Protagonistin in dieser Rolle vorgegebenen Textes, Tonfalls, Körperhaltung und Mimik nachgespielt, während die Protagonistin die Szene von außen (als Haupt-Ich bzw. in der Außenperspektive) betrachtet. Diese Betrachtung des Bühnenbilds aus einer räumlich entfernten Perspektive, auch Außenperspektive genannt, wird als Spiegeln bezeichnet und stellt eine Psychodramatechnik dar. Durch diese distanzierte Außenposition soll der Protagonist Aspekte erkennen, die ihm aus der Innenperspektive nicht zugänglich wären.

Anschließend initiiert die Leitung einen Dialog zwischen den beiden Rollen (dem Haupt-Ich und dem inneren Anteil), wobei im weiteren Verlauf noch weiterer Rollen ins Spiel kommen können, wie z.B. ein kleines Kind, das von der Beschützerin unterstützt werden will, oder ein Monster, das der Beschützerin zusetzen will. Dadurch verändert sich die Szene auf der Psychodrama-Bühne. Dabei kann die Leitung den Protagonisten bei der Exploration über die Technik des Doppelns, d.h. hier stellt sich die Leitung hinter den Protagonisten und spricht aus seiner Rolle heraus, helfen. Beim Doppeln kann die Leitung bisher vom Protagonisten nicht geäußertes, z.B. nicht ausgesprochene Gedanken, Gefühle oder Fragen, formulieren. Die Leitung gibt es dem Protagonisten als Angebot vor. Danach kann der Protagonist überprüfen bzw. entscheiden, was für ihn stimmig ist und dies entweder annehmen oder ablehnen.

Das weitere Vorgehen wird bestimmt durch einen Rollentausch (Psychodrama-Technik, welchen einen Wechsel zwischen Hilfs-Ich und Protagonistin initiiert) bei dem die Protagonistin fortlaufend zwischen verschiedenen Rollen wechselt, d.h. sie wird zur Beschützerin, zum kleinen Kind und zum Monster. Dabei durchlebt sie das Geschehen aus den unterschiedlichen Perspektiven der einzelnen Rollen. Die gibt ihr die Möglichkeit, die Gefühle und Motivationen aller Beteiligter selbst zu erleben und auszuagieren. Dabei verändert sich ihr Bewusstsein, d.h. sie kann ein tieferes Verständnis für die Situation, die Emotionen und Beweggründe – sowohl für ihre eigenen als auch für die der anderen Rollen – entwickeln.

Bevor eine Psychodramaarbeit beginnt kann oder wird in der Regel eine Erwärmung durchgeführt. Diese Erwärmungsphase findet entweder in der Anfangsrunde(Begrüßungsrunde) statt oder schließt sich als eigenständiger Teil an diese an. „Die Erwärmungsphase dient dazu, die Beteiligten emotional, kognitiv und körperlich auf ein Spiel vorzubereiten, bedeutsame Themen zu identifizieren und Spielhemmungen abzubauen. Dafür stehen eine Reihe spezifischer psychodramatischer Arrangements zur Verfügung. Grundsätzlich kann die Erwärmungsphase aber auch mit nichtpsychodramatischen Mitteln gestaltet werden“ (Ameln et al., 2009, S.571).

Wenn die Psychodrama-Arbeit(PD) beendet ist, schließt sich ein Sharing an. Dies besteht aus drei Bestandteilen. Der erste umfasst, dass die Gruppenmitglieder, welche die Hilfsichrollen besetzt haben, wichtige Informationen aus ihren Rollen mitteilen. Der zweite gibt allen Gruppenmitgliedern, auch denen die keine Hilfsichrollen besetzt haben und nur Zuschauer der PD-Arbeit waren, die Gelegenheit, aus ihrem Leben zu dem Thema, welches auf der PD-Bühne von der Protagonistin bearbeitet wurde, etwas zu berichten. Der dritte Bestandteil, fügt sich an die vorherigen zwei an und enthält, dass die Protagonistin nach ihrem Gefühlen und Gedanken zu ihrer PD-Arbeit befragt wird.

Als Monodrama wird eine PD-Arbeit bezeichnet, die in einem Einzeltherapiesetting stattfindet und somit nur zwei Personen, den Protagonisten, welcher alle Rollen selbst spielt, und die Leitung, umfasst.

Als Autodrama wird eine PD-Arbeit bezeichnet, wenn die Protagonistin alle Rollen, auch die der Leitung selbst spielt.

2.3 Verwendete Begriffe meiner Gesprächsteilenehmerinnen

Hier schließt sich eine Definition weiterer in den Gesprächen von meinen Gesprächsteilnehmerinnen oder mir verwendeten Begriffe an, welche mir für das bessere Verständnis des unkundigen Lesers erklärungsbedürftig erscheinen.

2.3.1 Innere Pluralität

Vom Konzept der inneren Pluralität des Menschen (auch Multiplizität genannt), d.h. das unsere Persönlichkeit aus verschiedenen Persönlichkeitsanteilen besteht, gehen viele psychotherapeutische Richtungen, auch das Psychodrama, aus.

„Was wir als unser Selbst bezeichnen, ist in Wirklichkeit eine Gruppe von Stimmen, oder Ichs, die dauernd miteinander im Gespräch sind, ob nun bewußt oder unbewußt, ob offen oder versteckt“ (Bach et al., 1985, S.23 in Dammer, 2011, S.4f).

„Es ist, als enthielte jeder von uns eine Gesellschaft von Leuten, von denen jeder ein anderes Alter und andere Interessen, Talente und Temperamente hat“ (Schwartz, 1997, S.61 in Dammer, 2011, S.4).

Diese Persönlichkeitsanteile werden in der psychologischen Literatur unterschiedlich benannt (siehe Dammer, 2011, S.4):

- „Teilpersönlichkeiten“ oder „Teile“ (vgl. Schwartz, 1997, S.61),
- „Stimmen“ oder „Ichs“ (vgl. Bach et al., 1985, S.23),
- „Selbste“ (vgl. Stone, 1997, S.21),
- „Elemente der Persönlichkeit“ (Assagioli, 1993),
- „Mitglieder des Inneren Teams“ (Schulz von Thun, 2009a),
- „Teile unserer Selbst“ (nach Haag, 1997 in Friedrich, 2003, S.15).

Ich verwende fortan in meiner Diplomarbeit den Begriff innere Anteile oder kurz Anteile , weil dieser auch von meinen Gesprächsteilnehmerinnen benutzt wurden.

Jeder von uns hat verschiedene Anteile, wie z.B. auch einen inneren Kritiker (s.u.). Alle zusammen bilden nach Schwartz eine innere Familie, welche sich auf dieselbe Art und Weise organisiert wie andere menschliche Systeme (vgl. Schwartz, 1997, S.94 in Dammer, 2011, S.4). Schulz von Thun spricht hier von Inneren Team, das alle Aspekte von Gruppen und Gruppendynamik aufweist, wie es auch menschliche Teams tun (vgl. Schulz von Thun, 2009a in Dammer, 2011, S.4). Ich verwende für die Gesamtheit aller inneren Anteile einer Person den Begriff Gesamtsystem oder kurz System.

Obwohl es diese innere Pluralität in der Literatur gibt, sagen wir trotzdem „ich“ und nicht „wir“. Das gibt Grund zu der Annahme, dass wir uns mit einer Instanz identifizieren, die über allen anderen Anteilen steht, ein übergeordnetes Ich (vgl. Schulz von Thun, 2009a, S.68 in Dammer, 2011, S.4). In der Literatur lässt sich diese Instanz unter verschiedenen Bezeichnungen finden (siehe Dammer, 2011, S.4), wie z.B.:

- „Bewusstes Ich“ (vgl. Stone, 1997, S.28),
- „Selbst“ (vgl. Schwartz, 1997, S.94),
- „Oberhaupt“ (vgl. Schulz von Thun, 2009a, S.67 ff),
- „Erwachsenen-Ich“ (in der Transaktionsanalyse).

Ich verwende in meiner Diplomarbeit den Begriff Haupt-Ich oder Außenperspektive . Es hat den Vorsitz über alle inneren Anteile und entscheidet darüber („jedenfalls solange es Herr im eigenen Hause ist“), welche davon unser Verhalten beeinflussen dürfen und welche wir eher zurück halten. Schulz von Thun bezeichnet es auch als „innere Führungskraft“ oder als „Teamchef“ (vgl. Schulz von Thun, 2009a, S.68 in Dammer, 2011, S.4). Es kann auch Vorkommen, dass das Haupt-Ich die Führung verliert und dies über lange Strecken einzelne innere Anteile übernehmen. Dies wird von Schulz von Thun auch als „identifizierende Verschmelzung“ zwischen Haupt-Ich und einem Anteil bezeichnet (vgl. Schulz von Thun, 2009a, S105 in Dammer, 2011, S.4).

2.3.2 Innerer Kritiker

Einige meiner Gesprächsteilnehmerinnen benutzen den Begriff „Innerer Kritiker“ in ihren Ausführungen. Er ist ein innerer Anteil und wird somit vom oben vorgestellten Konzept der „inneren Pluralität“, d.h. ein Modell, das unsere Persönlichkeit als Gesamtheit, welche aus verschiedenen Persönlichkeitsanteilen besteht, begreift, erfasst.

Unter dem „Inneren Kritiker“ soll in dieser Arbeit eine innerpsychische Instanz, die jeder von uns hat und die meisten von sich kennen, verstanden werden.

Der „Innere Kritiker“ ist die Stimme in uns, die uns kritisiert („Du kannst nicht richtig machen!“), abwertet („Du bist wertlos!“), droht („Du wirst schon sehen was passiert!“), unterdrückt oder Forderungen stellt und damit unser Selbstvertrauen und unsere Selbstachtung tangiert, unsere Selbstentwicklung sabotiert und uns in Beziehungen Schwierigkeiten bereitet.

Die Bezeichnung „Innerer Kritiker“ stammt ursprünglich von Hal und Stone, welche Sibylle Friedrich in ihren Arbeiten übernommen hat (vgl. Friedrich, 2003, S.7 in Dammer, 2011, S.242 ff). Hal und Stone differenzieren in ihrem Konzept zum inneren Kritiker auch zwischen anderen psychischen Instanzen, wie z.B. dem inneren Antreiber, dem inneren Perfektionisten, dem inneren Gesetzgeber usw. die für Selbstkritik verantwortlich sind (vgl. Stone, 1997, S.21ff in Dammer, 2011, S.242 ff). Ich gehe hier davon aus (auch der sich anschließenden Literatur folgend), dass der Innere Kritiker ein Anteil ist, der all diese Stimmen in sich vereint und so verschiedenste Formen annehmen kann. Andere Therapierichtungen haben bisher eine Vielzahl anderer Bezeichnungen in Bezug auf den Inneren Kritiker verwendet (siehe Dammer, 2011, S.242ff):

- zum „Inneren Kritiker“ im Voice Dialog (vgl. Stone, 1997),
- zum „Über-Ich“ bei Gendlin– einem Vertreter des Focusing (vgl. Gendlin, 1998, S.387),
- zum „Eltern-Ich“ aus der Transaktionsanalyse (vgl. Haris, 2002, S.33),
- zum „Manager“ und „Feuerbekämpfer“ in der systemischen Therapie mit der inneren Familie (vgl. Schwartz 97, S.81, 85),
- zu den inneren kritischen Stimmen im NLP (vgl. Friedrich, 2003, S.15),
- zum Konzept des Über-Ichs aus der Psychoanalyse (vgl. Ringel, 1975, S.115 ff),
- zu den „irrationalen Überzeugungen“ der Rational-Emotiven Therapie (kognitiven Therapie) (vgl. Wilken, 2003, S.18),
- zu den „Denkfehlern“ hinsichtlich Selbstkritik der kognitiven Therapie nach Beck (vgl. Wilken, 2003, S.26),
- zu den „negativen Introjekten“, „Täterintrojekten“, „Inneren Zerstörern“, „Verfolger-Persönlichkeiten“ – als extremste Form des Inneren Kritikers – aus der Ego-State- und Traumatherapie (vgl. Peichl, 2010, S.67, Reddemann , 2008, S.136, Sombroek, 2009, Goodman et al., 1998, S.11).

3 Wissenstand in der psychodramatischen Wirksamkeitsforschung

In diesem Abschnitt stelle ich den derzeitigen Forschungsstand in Bezug auf die Wirkung (Outcomevariablen) und die Wirkfaktoren (Prozessvariablen) des Psychodramas dar. Dieser bleibt im Rahmen der mir zur Fügung stehenden Ressourcen auf für mich bedeutende und im Zusammenhang mit meinen Forschungsergebnissen stehende Aspekte beschränkt.

Voran stellen möchte ich hier, dass ich keine Forschungsliteratur im Zusammenhang mit Selbst- erfahrung in einer freiwilligen, d.h. nicht-klinischen oder ambulanten Psychodrama-Selbsterfahrungsgruppe (PDSG), welche den Untersuchungsgegenstand dieser Diplomarbeit bildet, gefunden habe. Deshalb fällt mein Augenmerk hier auf die Darstellung der Befunde, welche sich auf das Psychodrama als angewandtes gruppentherapeutisches Verfahren im klinischen Kontext beziehen. Ich habe mich für die Darstellung der Befunde der psychodramatischen Wirksamkeitsforschung entschlossen, weil ich zwischen jenen und meinen Forschungsergebnissen einen für mich bedeutsamen Zusammenhang herstellen konnte.

Obwohl gerade im psychotherapeutischen Bereich viel geforscht wird, sind die Fragen der Wirksamkeitsforschung, welche Wirkungen die einzelnen methodischen Komponenten des Psychodramas haben und wie diese Wirkungen erklärbar sind, in Bezug auf das Psychodrama nicht vollständig geklärt. Dies liegt nach Bozok und Bühler (1988) vor allem daran, dass die vorliegenden Studien zum Psychodrama häufig unter zu kleinen Stichproben, unzureichender Randomisierung, ungeeigneter Patientenauswahl und fehlenden bzw. unzureichenden katamnestischen Untersuchungen leiden. Zudem wird es als problematisch angesehen, dass die Individualität von Klient und Leitung weitestgehend unberücksichtigt bleibt, obwohl diese eine enorme Varianz bezüglich der Vergleichbarkeit der Daten erzeugen (vgl. Ameln, 2009, S.546).

Die Psychotherapieforschung als solche untergliedert in ihrem Bemühen, die Wirksamkeit von psychotherapeutischen Einzel- und Gruppentherapien nachzuweisen zwischen Inputvariablen, Outcomevariablen und Prozessvariablen. Unter die Inputvariablen fallen z.B. alle Eigenschaften des Klienten und Therapeuten, unter die Outcomevariablen fallen, z.B. die Wirkungen der therapeutischen Intervention auf den Klienten und sein soziales Umfeld und unter Prozessvariablen fallen alle Faktoren, welche in der Interaktion zwischen Klient und Leitung für die therapeutische Wirkung verantwortlich sind (vgl. Ameln et al., 2009, S.546).

Dieser Gliederung folgend, greife ich die Outcomevariablen ((Aus-)Wirkungen) und die Prozessvariablen(Wirkfaktoren) heraus und stelle die Befunde für das Psychodrama in den folgenden Abschnitten dar.

3.1 Outcomevariablen - Empirische Befunde zu den Wirkungen des Psychodramas

Das Psychodrama gilt nach der Meinung der meisten Experten scheinbar als eine bisher nicht besonders intensive und ausreichend untersuchte Therapieform. Dies wird vor allem in der Metanalyse von Grawe (1994), welche 900 Einzelfallstudien umfasst und unter der sich nur sechs Studien zur Psychodrama-Psychotherapie vorfinden lassen, deutlich (vgl. Ameln et al., 2009, S.546 und Wiesner 2006, S.50).

Nach Ameln trügt dieser erste Eindruck jedoch, weil sich in verschiedenen Überblicksartikeln zur Psychodrama-Forschung (Becker, 2002; Kellermann, 1987a; Kipper, 1978; Kipper & Ritchie, 2004) bis zu 200 Studien vorfinden lassen. Zudem wird die Wirksamkeit des Psychodramas als Gruppentherapie durch die Meta-Analyse von Kipper und Richie (2004), welche 25 englischsprachige Studien umfasst und auf einer Probandenanzahl von 1.325 beruht und in der eine Gesamt-Effektstärke von d=0,95(p<0,01) errechnet, welche etwas höher liegt als die anderer gruppentherapeutischer Verfahren bestätigt(vgl. Ameln et al., 2009, S. 546 f.). Dies wird auch von der PAGE-Studie von Volker Tschuschke zur Wirksamkeit psychodramatischer Gruppenpsychotherapie, welche 40 Therapeuten und 244 Klienten umfasste, untermauert, weil hier die Effektstärken für die psychodramatischen Gruppentherapien bei d=1,01(p<0,01), welche im internationalen Verglich überdurchschnittlich hoch sind, lagen(vgl. Tschuschke, 2011 in ZPS 2011, S.45). Demnach kann die Wirksamkeit des Psychodramas als Therapiemethode als gut angesehen werden.

Weitere Erkenntnisse zur Wirkung des Psychodramas lassen sich hier auch aus der Forschung zum Rollentausch, zur Gruppenpsychotherapie und anderen erlebnisaktivierenden Verfahren entnehmen. (vgl. Greenberg, Elliott u. Lietaer,1994 in Ameln et al., 2009, S.547.)

Welche Wirkungen sind im Psychodrama empirisch nachgewiesen?

- Einstellungsänderung
- Zunahme an Empathie
- Erweiterung des Rollenspektrums (Rollenrepertoire)
- Änderung im klinischen Symptombild
- Verbesserung der sozialen Anpassung
- Verbesserung der Psychopathologiewerte
- Steigerung von Aktivität, Vertrauen und emotionaler Stabilität
- Surplus Reality: Steigerung des Abrufes autobiographischer Gedächtnisinhalte durch gesteigerte Erlebnisaktivierung gegenüber rein verbaler

Einstellungsänderung

Der sich aus dem Rollentausch im Psychodrama ergeben Perspektivwechsel führt nach Janis und Kong (1990) nachweislich zu Einstellungsveränderungen. Exemplarisch zeigt dies hier auch die Studie von Janis und Mann(1968), welche über das Rollenspiel den Zigarettenkonsum ihrer Probanden über einen längeren Follow-up-Zeitraum reduzieren konnten. (Mann und Janis 1968 in Ameln et al., 2009, S. 527). Zu ähnlichen Studienergebnissen kamen 1955 auch Elms, Sarbin und Jones (vgl. Ameln et al., 2009, S.547).

Zunahme an Empathie

Vom Telekonzept Morenos ausgehend ist die Förderung von Empathie ein zentrales Ziel des Psychodramas, welches vor allem durch die Instrumente des Rollentausches, Doppelns und des Sharings erreicht wird (vgl. Ameln et al., 2009, S.547).

Hierbei konnte Bohart (1977) zeigen, dass der Rollentausch in der Psychodrama-Arbeit Ärger reduziert und zum Abbau aggressiver Haltungen gegenüber Personen, mit denen man einen ungelösten Konflikt hat, beiträgt (vgl. Ameln et al., 2009, S.547).

Kipper und Ben-Ely (1979) konnten in einer Studie zeigen, dass der Rollentausch zu wesentlich stärkeren Veränderungen auf der „Accurate-Empahty-Scale“ von Truax(1961) führte, als kein Treatment oder die Reflexion der Situation (vgl. Ameln et al., 2009, S.547).

Grunkel (1989) führte eine Untersuchung mit dem SYMLOG-Verfahren (Bales u. Cohen,1982), welches die Messung und den Vergleich sozialen Verhaltens ermöglicht, so das z.B. das empathische Kommunikationsverhalten (Zuhören, Nachfragen, Paraphrasieren) als auf Einfluss verzichtend, freundlich oder gefühlsbestimmt klassifiziert werden kann, durch. Hierbei untersuchte er die Fähigkeit der Teilnehmer bezüglich der Vorhersage des Fremdbilds (Wie sieht B mich?) und des Selbstbildes (Wie sieht B sich selbst?). Ergebnis der Studie war, dass die Psychodrama-Gruppe gegenüber der Kontrollgruppe hinsichtlich der Verbesserung der Fähigkeit zur Voraussage des Fremdbildes besser abschnitt. Grunkel schließt daraus, „dass perspektivenverändertes Handeln in psychodramatischen Rollen die Rollenübernahmefähigkeit bzw. empathische oder soziale Wahrnehmungsfähigkeiten stärker verbessert als herkömmliche nicht-aktionale Interaktionstechniken“ (Grunkel, 1989, S. 164 in Ameln et al., 2009, S.547).

Darüber hinaus lassen sich zur empathiefördernden Wirkung des Psychodramas weitere Befunde bei Kelly(1976) sowie Pilkey, Goldman und Kleinman (1961) finden (vgl. Ameln et al., 2009, S.547).

Erweiterung des Rollenspektrums (Rollenrepertoire)

Im klassischen Psychodrama ist die Erweiterung des Rollenspektrums eines der wichtigsten Interventionsziele. In der Studie von Schneider-Düker (1989) wurden eine Psychodrama-Selbsterfahrungsgruppe (PDSG) und eine offene Therapiegruppe (TG) miteinander verglichen. Hier stellte sich heraus, dass die PDSG (nach 16 Sitzungen von a 3 Stunden) gegenüber der offenen TG (33 Sitzungen) eine Erweiterung ihres Rollenspektrums zu verzeichnen hatte. Dies führen die Autoren vor allem auf die klinische Population und dem geringeren Psychodrama-Anteil (nur 11 Spiele in 33 Sitzungen) in der offenen TG zurück (vgl. Ameln et al., 2009, S.548).

Änderung im klinischen Symptombild

Da meine Untersuchungsstichprobe kein therapeutisches bzw. störungsspezifisches Setting aufweist, beschränke ich mich hier auf die Benennung der einzelnen Forschungsergebnisse. Der Leser kann für die ausführliche Darstellung der Ergebnisse unter Ameln et al., 2009, S. 548-550 nachlesen.

Forschungsergebnisse durch die psychodramatische Therapiebehandlung:

- Verbesserung der sozialen Anpassung bei schizophrener Störung (Peters und Jones, 1951)
- Verbesserung der Psychopathologiewerte bei Patienten die entweder eine medikamentöse Therapie oder eine Psychodrama-Therapie erhielten (Lapierre,Lavellee und Tetreault, 1973)
- Steigerung von Aktivität, Vertrauen und emotionaler Stabilität bei der Behandlung von Alkoholikern (Wood et al., 1979)
- Neurose- und Psychosepatienten wiesen eine Verbesserung auf in (Bender et al. ,1979):
- der klinisch-psychiatrischen Symptomatik (Apathie, Hostilität, Hypochondrie, Katatonie)
- sozialen Anpassungsfähigkeit (vor allem im Freizeit-Rollengebiet)
- der Befindlichkeit ( z.B. Reduktion emotionaler Gereiztheit)
- PAGE-Studie (12 Therpeuten,169 Patienten) von Tschuschke und Anbeh (2007):
- hoher subjektiver Gewinn (Erreichung von Therapiezielen)
- geringe objektive Verbesserungen bezüglich des Symptomverlustes und des Rückgangs an interpersoneller Problemen

Weitere Studien zur Psychodrama-Therapie, welche von Wiesner nach den Kategorien des ICD-10 (International Classification of Diseases) zusammengestellt wurden, finden sich unter folgendem Internet-Link: http://members.tripod.com/~portaroma/studies_in_treatment_effects.htm (14.04.2014).

Surplus Reality

In einer Pilotstudie haben Ameln, Gerstmann und Kramer (2009) die These, dass im Psychodrama durch die erlebnisfördernde Wirkung der Surplus Reality, wenn in dieser Ereignisse aus der Vergangenheit des Protagonisten reinszeniert werden, dies zu einer Erleichterung des Abrufs von Informationen aus dem autobiografischen führt, belegen. Dabei stellten sie eine gesteigerte Erlebnisaktivierung in der Surplus Reality bezüglich des Wiedererlebens von Gedanken und Emotionen und dem visuellen, auditorischen, olflaktorischen, gustratorischen und taktilen Wiedererleben gegenüber des rein verbalen Vorgehens in anderen therapeutischen Kontexten fest. Dabei bildet diese die Grundlage für die Steigerung des autobiographischen Informationsabrufes aus dem Gedächtnis (vgl. Ameln et al., 2009, S. 550f.).

3.2 Prozess-Variablen: Wirkfaktoren des Psychodramas

Bisher wurden die Wirkungen des Psychodramas im therapeutischen Kontext beschrieben. Die Frage die sich jetzt stellt, ist jene welche, die sich damit beschäftigt, wie diese Wirkungen zu Stande kommen. Da meine befragten Untersuchungsteilnehmerinnen teilweise direkte Aspekte des Gruppensettings der Psychodrama-Selbsterfahrungsgruppe als auch bestimmte Psychodramatechniken bzw. methodische Aspekte des Psychodramas im Zusammenhang mit ihren sich daraus ergebenen Erfahrungen beschrieben haben, wende ich mich in diesem Abschnitt den Prozessvariablen bzw. den Wirkfaktoren des Psychodramas zu.

In der psychodramatischen Prozessforschung besteht nach Ameln immer noch Erklärungsbedarf. Wobei hier der am häufigsten benannte psychodramatische Wirkfaktor die Katharsis ist. Im Weiteren lassen sich weitere Wirkfaktoren ausmachen, wenn man sich die unterschiedlichen Konzepte der psychodramatischen Leitung anschaut. Hier wird beispielsweise im klassischen und behavioralen Psychodrama das Üben neuer Verhaltensweisen forciert, wo hingegen in der tiefenpsychologisch fundierten Psychodramatherapie die Neustrukturierung von Handlungsmustern und die Handlungseinsicht von besonderem Interesse sind. Darüber hinaus lassen sich eine Vielzahl weiterer Wirkfaktoren des Psychodramas finden. Diese unterteilen sich nach der Psychotherapieforschung in zwei Klassen. Diese sind die spezifischen Wirkfaktoren, welche die gezielten und verfahrensspezifischen Interventionen z.B. den Rollentausch im Psychodrama umfassen, und die unspezifischen Wirkfaktoren, welche die methodenunspezifischen Qualitäten der Beziehung zwischen Leiter und Klient, wie z.B. Verständnis, Interesse, Respekt, Anerkennung, Ermutigung oder Empathie, beinhalten. Nach Ameln besteht in der Wirksamkeitsforschung Einigkeit in Bezug auf die unspezifischen Wirkfaktoren, wohingegen der Satus der spezifischen Wirkfaktoren umstritten ist (vgl. Ameln et al., 2009, S.551).

Zur Darstellung des Forschungsstandes greife hier die Klassifikation der Psychotherapieforschung auf und stelle die Wirkfaktoren in Bezug auf das Psychodrama aufgeteilt in spezifische und unspezifische vor. Angemerkt sei hier, dass sich diese „künstliche“ Trennung nicht immer aufrechterhalten lässt, weil es teilweise Überschneidungen in den im Folgenden vorgestellten Wirkfaktoren-Konzepten gibt.

3.2.1 Unspezifische Wirkfaktoren

Hier beschränke ich mich im Rahmen dieser Arbeit auf die Vorstellung der Wirkfaktoren nach Yalom (2001) und Grawe (1994) sowie auf weitere Studienerkenntnisse zu Wirkfaktoren aus der Sicht von Klienten. Besonders Augenmerk lege ich vor allem auf die Darstellung der Wirkfaktoren nach Yalom, weil ich zwischen jenen und meinen Forschungsergebnissen einen für bedeutsamen Zusammenhang ausmachen konnte. Dies trifft teilweise auch für die Wirkfaktoren nach Grawe auch zu, aber die Wirkfaktoren nach Yalom decken in Bezug auf meine Forschungsergebnisse ein weitausbreiteren Bereich ab, weil sie für mich differenzierter gruppenspezifische Wirkfaktoren abbilden. Dies ist für mich bei Grawe nicht der Fall, was sicherlich auch auf den Umstand zurückgehen dürfte, dass seine Wirkfaktoren aus Metaanalysen, welche Studien mit überwiegend einzeltherapeutischem Settings umfassen, resultieren.

3.2.1.1 Wirkfaktoren aus der Sicht der Klienten

Es gibt eine Vielzahl von Studien, in welchen Klienten hilfreiche Faktoren ihrer psychodramatischen Behandlung beschreiben. Nach Ameln können diese hier anfallenden Erkenntnisse aus den Selbstaussagen der Klienten die Daten aus anderen Quellen ergänzen (vgl. Ameln et al., 2009, S.554). Ich beschränke mich hier auf eine kurze Darstellung der gefundenen Wirkfaktoren aus drei Studien, welche Klienten befragten, die eine psychodramatische Behandlung erhielten.

In der Studie von Bender et al. (1979) haben die befragten Probanden folgende Aspekte als hilfreich hervorgehoben (vgl. Ameln et al., 2009, S.554):

- Einsicht und Teilnahme an den Problemen anderer,
- Gefühl, nicht allein zu stehen,
- Gefühl von Geborgenheit,
- Abbau von Hemmungen, weil man akzeptiert wird,
- Möglichkeit, Gedanken und Gefühle frei zu äußern und
- Freude an der spielerischen Bewältigung von Problemen.

Die Studie von Kellermann (1985) ermittelte, dass drei Wirkfaktoren von Yalom, nämlich persönliches Lernen, Katharsis und Einsicht von den Klienten als hilfreich empfunden wurde (vgl. Ameln et al., 2009, S.554).

In der Studie von Kellermann (1987) waren folgende Punkte hilfreich für die Klienten (vgl. Ameln et al., 2009, S.554f.):

- emotionales Wiedererleben und Ausdruck von Gefühlen aus der Vergangenheit;
- Glaube an die Therapiemethode;
- Teilhabe an der Welt anderer Menschen und ihre Teilhabe an meiner Welt;
- Dinge anders bzw. in einem neuen Licht sehen;
- Gefühle vokal, verbal und körperlich ausdrücken;
- aufgestaute Gefühle freisetzen;
- emotionale Spannungen abbauen, die lange Zeit in mir gefangen waren;
- Schmerz aus einem traumatischen Ereignis der Vergangenheit ausdrücken;
- etwas erkennen, dass ich schon lange wusste, aber dieses Mal hat es »klick« gemacht und ich

dachte »aha!«.

3.2.1.2 Wirkfaktoren nach Grawe

Grawe (1994) hat vier Wirkprinzipien über die Auswertung tausender Evaluationsstudien ermittelt, (vgl. Grawe, Donati u. Bernauer, 1994 in Ameln et al., 2009, S.552). Diese erklären nach Ameln einen Großteil der empirisch festgestellten Wirkung von Psychotherapie und werden im Folgenden unter Berücksichtigung der Darstellung der Bezüge zum Psychodrama vorgestellt.

Ressourcenaktivierung

Umfasst alle therapeutischen Vorgehensarten, welche ressourcenaktivierend die Stärken und Fähigkeiten des Klienten für diesen und den therapeutischen Prozess nutzbar machen. Hierzu zählt unter anderem auch die Nutzung der therapeutischen Beziehung (auch als unspezifischer Wirkfaktor bezeichnet) als Ressource. Grawe beschreibt dies wie folgt: „Es kommt vor allem darauf an, in welchem Ausmaß der Patient sich selbst als fähig zu einer guten Beziehung erleben kann. Der Therapeut sollte mit seinem eigenen Beziehungsverhalten also vor allem darauf hinarbeiten, dass der Patient sich selbst als wertvollen und fähigen Beziehungspartner erleben kann“ (Grawe, 1995, S. 136 in Ameln et al., 2009, S.552).

Dabei stellt Grawe den Bezug dieses Wirkfaktors der allgemeinen Psychotherapie zum Psychodrama darüber her, das er den Wirkfaktor der Ressourcenaktivierung im Psychodrama als Wirkfaktor im Begegnungskonzept, Spontanitätskonzept, Kreativitätskonzept und in die Rollentheorie von Moreno realisiert sieht (vgl. Grawe, 1995 in Ameln et al., 2009, S.554).

Problemaktivierung

Nach Grawe erfolgt die Problemaktualisierung darüber, dass die Themen des Klienten im therapeutischen Setting für ihn erfahrbar gemacht werden: „Was verändert werden soll, muss in der Therapie real erlebt werden. Oder: ‘Reden ist Silber, real erfahren ist Gold’“(Grawe, 1995, S. 136 in Ameln et al., 2009, S.553). Nach Grawe können demnach die Probleme oder Konflikte des Klienten am besten in einem Setting bearbeitet werden, das diese für den Klienten erfahrbar macht. Zum Beispiel können zwischenmenschliche Probleme in der Gruppentherapie, Paarprobleme in der Paartherapie, familiäre Probleme in der Familientherapie und Schwierigkeiten in bestimmten Situationen, wie z.B. Höhenangst, durch Aufsuchen dieser gelöst werden.

Der Wirkfaktor der Problemaktualisierung verwirklicht sich als Wirkfaktor im Psychodrama (PD) nach Grawe durch die PD-Bühne, die Hilfsichs, das psychodramatische Arrangement (Surplus-Reality) und die PD-Techniken, wie z.B. Doppeln und Spiegeln (vgl. Grawe 1995 in Ameln et al., 2009, S.554).

Klärungsperspektive (Motivationaler Aspekt)

Die Bedeutung, die ein Mensch seinen Wahrnehmungen zuschreibt, bestimmt die Art und Weise, wie er sich und seine Umwelt erlebt. „Klärung“ meint hier, dass diese Bedeutungen in der Therapie re- und neu konstruiert werden.

Im Psychodrama entspricht der Wirkfaktor der Klärungsperspektive dem Katharsiskonzept und dem tiefenpsychologisch orientierten Psychodrama (vgl. Grawe 1995 in Ameln et al., 2009, S.554).

Unter Katharsis wird verkürzt eine Abreaktion vom Emotion und Aggression verstanden, wobei Moreno die Katharsis, als Ereignis auf der Psychodrama-Bühne, nicht nur als bloße Abreaktion ansieht, sondern als ein Ereignis, beim dem emotionaler Ausdruck und kognitive Verarbeitung integriert werden müssen (vgl. Ameln et al., 2009, S. 558). Im tiefenpsychologisch fundierten Psychodrama steht vor allem die Neustrukturierung von Handlungsmustern und die Handlungseinsicht im Mittelpunkt.

Bewältigungsperspektive (Aspekt des Könnens und Nichtkönnens)

Die Bewältigungsperspektive umfasst alle konkreten Hilfestellungen, welche zur unmittelbaren Veränderung eines problembehafteten Verhaltens oder Lage eines Klienten eingesetzt werden. Exemplarisch werden diese konkreten Hilfeansätze in verhaltenstherapeutischen Trainings- programmen oder der Sexualtherapie umgesetzt. Ziel ist es dabei den Klienten in die Lage zu versetzen Erfahrungen zu machen, durch welche er „mehr Zutrauen bekommt, etwas zu können, was er vorher nicht konnte oder sich nicht zutraute und gegebenenfalls die dazu erforderlichen Fähigkeiten oder das dafür erworbene Wissen neu erwirbt“ (Grawe,1995, S. 138 in Ameln et al., 2009, S.553). Grawe sieht hier den Wirkfaktor der Bewältigungsperspektive im Psychodrama über das Rollenspiel, Rollentraining und die Realitätsprobe verwirklicht (vgl. Grawe 1995, in Ameln et al., 2009, S.554).

So versteht nach Petzold auch Moreno das Psychodrama eher als ein übendes, den Zielen der Verhaltenstherapie nahestehendes Verfahren (vgl. Petzold 1982 in Ameln et al., 2009, S.553).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass alle vier Wirkfaktoren von Grawe im Psychodrama über die oben beschriebenen Entsprechungen verwirklicht sind. Dabei lässt sich diese Zuordnung der Wirkfaktoren von Grawe an der Theorie, der Methodik und der Praxis des Psychodramaverfahrens festmachen (vgl. Ameln et al., 2009, S.553).

3.2.1.3 Gruppenpsychotherapeutische Wirkfaktoren von Yalom

Nach Ameln stammt die wohl bekannteste Zusammenstellung von Wirkfaktoren für die Gruppenpsychotherapie von Irving Yalom. Dieser führt folgende Wirkfaktoren, welche aus seiner „persönlichen klinischen Erfahrung sowie aus der klinischen Erfahrung anderer Therapeuten, aus den Äußerungen erfolgreich behandelter Gruppemitglieder und aus relevanten Ergebnissen systematischer Untersuchungen hervorgegangen“ (Yalom, 2012, S.24) sind, auf:

- Einflößen von Hoffnung
- Universalität des Leidens
- Anleitung (Mitteilen von Information)
- Altruismus
- Wiederbeleben der Primärfamilie
- Einsicht
- existenzielle Faktoren
- Katharsis
- Akzeptanz oder Kohäsionskraft der Gruppe
- Interpersonales Lernen – Input (Feedback) und Output (Verhaltensänderungen)
- Identifizierung / stellvertretendes Lernen (Imitationsverhalten)
- Selbstöffnung

Im Folgenden werde ich diese und ihren Bezug zum Psychodrama vorstellen. Abschließend folgen exemplarisch Studien, welche diese Wirkfaktoren empirisch untersucht und (ausschnittsweise) bestätigt haben.

Einführend möchte ich hier anmerken, dass die von Yalom beschriebenen Wirkfaktoren nicht immer klar und trennscharf voneinander abgrenzbar sind. Sie bilden indes untereinander Schnittmengen bzw. hängen voneinander ab oder greifen ineinander.

- Einflößen von Hoffnung

Nach Yalom stellt das Wecken und Erhalten von Hoffnung bezüglich des Erreichens von bestimmten Therapiezielen einen wichtigen Wirkfaktor der Gruppenpsychotherapie dar, weil Hoffnung die Grundlage für die Wirkung anderer therapeutischer Faktoren (s.o.) bildet und Hoffnung in eine Behandlungsmethode die Wahrscheinlichkeit für positive Behandlungsergebnisse erhöht. Hier verweist Yalom vor allem auf Studien zur Wirksamkeit des Gesundbetens und Placebo-Behandlungen.

Um im Therapieverlauf Hoffnung einzuflößen, stärkt der Therapeut positive Erwartungen seiner Klienten, z.B. in dem er auf bereits erbrachte Erfolge, welche dem Klienten nicht mehr bewusst sind hinweist, korrigiert negative Vorurteile und erklärt auf überzeugende Weise, wie er die Gruppen zu heilen vermag. Im Falle von Gruppenpsychotherapien gegenüber Einzeltherapien wird diese Funktion auch von Gruppenmitgliedern übernommen. Dies ergibt sich aus den Gruppenteilnehmern, welche sich an unterschiedlichen Punkten in ihrem Therapieprozess bzw. Problembewältigungsprozess befinden können, und zu Teilen Schnittmengen bzw. ähnliche Themen bearbeiten. Hier besteht dann die Möglichkeit, dass es von Gruppenteilnehmern als Hoffnung generierend empfunden wird, dass sie die Entwicklung anderer Gruppenmitgliedern miterlebt haben. Zum anderen können „ältere“ und erfahrene Gruppenmitglieder von sich aus den „neuen“ und noch skeptischen Mitgliedern aus eigenem Antrieb von ihren Erfolgen berichten.

Auf das Wecken von Hoffnung als Wirkfaktor verlassen sich in starken Maße Selbsthilfegruppen. Hier widmen sich beispielsweise die Anonymen Alkoholiker(AA) vor allem dem Zeugnisablegen, d.h. das Mitglieder über ihre Entwicklung vor und in der AA-Gruppe sprechen, welche neuen Mitgliedern auszeigen kann, wie sie mit bestimmten sie belastenden Situationen umgegangen sind. Zudem fungieren die Leiter der AA-Gruppe, welche selbst alle Alkoholiker waren, als lebender Ansporn für die Gruppenteilnehmer (vgl. Yalom, 2012, S. 26f.).

- Universalität des Leidens

Dieser Wirkfaktor bezieht sich auf das Erleben des Nichtalleinseins mit den eigenen Problemen und Schwierigkeiten. Zu Beginn einer Gruppentherapie haben viele Menschen „das Gefühl, sie seien in ihrem Elend einzigartig und nur sie allein hätten bestimmte erschreckende oder Abwehr auslösende Probleme, Gedanken, Impulse oder Emotionen“(Yalom, 2012, S.28). Dem stimme ich zu und nach meiner Ansicht wird dies vor allem im klinischen Bereich über die unterschiedlichen Störungsbilder psychischer Krankheiten deutlich, weil hier Klienten unter ungewöhnlichen Konstellationen und Belastungen leiden. Deshalb fällt Klienten, welche z.B. unter extremer sozialer Isolation leiden, der Umgang mit Menschen unheimlich schwer, weil sie keine echte und tiefe Nähe zulassen können. Deswegen bleibt es ihnen in ihrem Alltag auch verwehrt zu bemerken, dass andere ähnliche Gefühle haben oder Ähnliches erlebt haben wie sie. Zudem sind sie auch nicht fähig, sich anderen Menschen anzuvertrauen und entledigen sich daher der Möglichkeit von diesen Bestätigung, Anerkennung und Akzeptanz zu erfahren (vgl. Yalom, 2012, S. 29).

Generell wird im Anfangsstadium einer Gruppe die Entkräftigung des Gefühls der Einzigartigkeit des Leidens als entlastend erlebt und trägt zudem zur Erleichterung der Selbstöffnung der Klienten in der Gruppe bei. Zudem berichtet Yalom von Klienten, welche andere „Gruppenmitglieder über Probleme haben sprechen hören, die ihren eigenen stark ähneln“, dass diese sich danach „stärker im Kontakt mit der Welt“ fühlen und „den Gruppenprozess als ein Erlebnis der Wiederaufnahme in die menschliche Gesellschaft“ wahrnehmen (Yalom, 2012, S.29). Hier stellt Yalom zudem heraus, dass sich gewisse Gemeinsamkeiten zwischen Menschen, trotz des Bestehens der Komplexität und Spezifität menschlicher Probleme, deutlich erkennen lassen. Aus Yaloms gruppentherapeutischer Arbeit kristallisieren sich für ihn vor allem Gemeinsamkeiten bezüglich der Probleme mit dem Selbstwert und der Fähigkeit zur Aufnahme von Beziehungen zu anderen Menschen heraus. Diese Probleme sind für Yalom, welcher auch nicht klinische Gruppen (von Ärzten, Studenten, Psychiatriehelfern) geleitet hat, identisch zwischen nicht-klinischen und klinischen, welche psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe suchen, Klienten (vgl. Yalom, 2012, S. 29f.).

In Psychotherapiegruppen für Bulimie wird dem Wirkfaktor der Universität des Leidens besonderen Wert zugemessen, weil hier die Geheimhaltung der Ernährungsgewohnheiten eine besonders isolierende Wirkung auf den Klienten hat. Deshalb besteht in diesem Gruppen die Pflicht zur Selbstoffenbarung über Äußerungen zum Körperbild, Essritualen und über Praktiken zur Beschleunigung der Essens-Ausscheidung. Hier machen die Teilnehmer solcher Gruppen fast ausnahmslos die Erfahrungen, dass es sie erleichtert, wenn sie bemerken, dass sie nicht die Einzigen sind, die sich so verhalten. Dies trifft im Besonderen auch auf Gruppen von sexuell Missbrauchten zu, welche von der Universalität des Leidens profitieren (vgl. Yalom, 2012, S.30).

Der hier beschriebene Wirkfaktor lässt sich nach Yalom nicht eindeutig von den übrigen therapeutischen Faktoren abgrenzen. Vielmehr gibt es Überschneidungen, wie z.B. „wenn Klienten erkennen, dass sie anderen Menschen ähneln und dass diese ihre tiefsten Sorgen teilen, profitieren sie auch davon, wenn es bei der Arbeit mit diesen anderen zur Katharsis kommt und sie von ihnen völlig akzeptiert werden“ (Yalom, 2012, S.31).

- Anleitung – Mitteilen von Informationen

Dieser Wirkfaktor umfasst unter anderen Ratschläge, Hilfestellungen, Anweisungen und Hausaufgaben. Yalom gliedert diesen Faktor auf in didaktische Unterweisungen des Therapeuten über seelische Gesundheit, seelische Krankheit und allgemeine Grundlagen der Psychodynamik und in Ratschläge bzw. Empfehlungen oder direkte Anleitungen, die entweder andere Klienten oder der Therapeut geben (vgl. Yalom, 2012, S.32).

a) Didaktische Unterweisung

Nach Abschluss einer interaktionsorientierten Gruppenpsychotherapie wissen die meisten Klienten viel über Symptombedeutungen, psychische Funktionsweisen, Gruppendynamik, interpersonelle Dynamik und über den psychotherapeutischen Prozess. Dabei vollzieht sich dieser Wissenszuwachs gewöhnlich implizit unter anderem auch deshalb, weil manche Gruppentherapeuten keine explizite didaktische Unterweisung anbieten. Dies hat sich bis heute sehr gewandelt, so dass gruppentherapeutische Ansätze die formelle Unterweisung oder die Psychoedukation zu einem Bestandteil ihres Programms gemacht haben (vgl. Yalom, 2012, S.32).

Im außerklinischen Bereich leisten Selbsthilfegruppen jeglicher Art, z.B. über den Informationsaustausch zwischen den Mitgliedern oder über die Veranstaltung von Gruppenvorträgen, welche von Fachleuten gehalten werden, aufklärende, bzw. psychoedukative Arbeit. Über die Selbsthilfegruppen hinaus leisten dies auch spezielle Gruppen, wie z.B. die für Personen mit Übergewicht, Scheidungsproblemen, für Eltern von missbrauchten Kindern, für Aids-Kranke, etc.

Im klinischen Bereich werden spezifische Gruppen, z.B. für Personen mit Panikstörungen, Depression, Bulimie oder sexuellen Funktionsstörungen, eingerichtet (vgl. Yalom, 2012, S.33).

Allen diesen Gruppen ist gemein, dass sie ihren Mitgliedern nicht nur ermöglichen, sich gegenseitig zu unterstützen, sondern sie beinhalten auch eine psychoedukative Komponente, welche über das Wesen einer Krankheit oder einer spezifischen Lebenssituation aufklärt und so dazu beiträgt, dass sich die Mitglieder ihrer falschen Vorstellungen über ihre Krankheit entledigen können und zudem mit gegebenenfalls bestehenden kontraproduktiven Reaktionsweisen bezüglich dieser auseinander setzen können.

Über was kann alles informiert werden? Beispielsweise kann über die physiologische Ursache von Panikstörungen aufgeklärt werden. Es kann über eine Methode zur Stressreduktion, z.B. die der Achtsamkeitsmediation vermittelt werden oder in einer Trauergruppe kann über den Trauerzyklus informiert werden.

In der Gruppentherapie wird die didaktische Unterweisung auf vielfältige Weise verwendet:

- zur Übermittlung von Informationen,
- zur Veränderung dysfunktionaler Denkmuster,
- zur Gruppenstrukturierung und
- zur Erklärung des Krankheitsprozesses.

Oft dienen die Erklärungen zu Beginn der Gruppe dazu, den Zusammenhalt zwischen den Gruppenteilnehmern zu fördern, wobei dieser Zweck so lange erfüllt wird, bis die Wirkung anderer therapeutischer Faktoren einsetzt.

Die therapeutische Wirkung dieser didaktischen Unterweisung ist in der Reduktion von Ungewissheit, welche zudem als Auslöser von Angst und Furcht angesehen wird, begründet. Traumatische Erfahrungen können hier z.B. über die Vermittlung von Informationen über aktive Bewältigungsmethoden entschärft werden. Zudem mobilisieren nach den neuesten neurologischen Studien aktive Bewältigungsformen neuronale Schaltkreise, welche die Stressregulation im Körper steuern.

Psychoedukation im klinischen Bereich bei Klienten in einer Psychotherapie reduziert zudem Furcht und Angst, welche durch die Unsicherheit über Ursache, Bedeutung und Schwere psychischer Symptome entstehen und führt so zur Verbesserung ihres dysphorischen Zustandes.

Nach Yalom zählt daher die didaktische Unterweisung zu einem der wichtigsten therapeutischen Werkzeuge (Wirkfaktoren), weil sie dem Klienten eine Struktur und Erklärung liefert (vgl. Yalom, 2012, S.32-35).

b) Direkte Ratschläge

Direkte Ratschläge werden in Gruppen von Mitgliedern gegenüber anderen oft gegeben. Aber sind diese auch immer nützlich? Yalom stellt hier fest, dass das Erteilen von Ratschlägen von Gruppenmitgliedern gegenüber anderen, anzeigt, dass ein „Wiederstand gegen ein stärkeres Engagement besteht, wobei die Gruppenmitglieder versuchen ihre Beziehungen untereinander zu managen, statt sich wirklich aufeinander einzulassen“(Yalom, 2012, S.35). Dabei hilft ein direkter Rat einem Klienten nur sehr selten. Yalom hält dabei aber den indirekten Effekt des direkten Ratgebens für bedeutsam, weil „nicht der Inhalt des Rats, sondern der Prozess des Ratgebens“ nützlich sein kann, „insofern er gegenseitige Anteilnahme und Interesse am anderen erkennen lässt“ (Yalom, 2012, S.35).

Darüber hinaus kann ratgebendes oder ratsuchendes Verhalten der Gruppenmitglieder als Anhaltspunkt zur Aufklärung interpersoneller Pathologien jener dienen.

Darüber hinaus berichtet Yalom von Forschungsergebnissen anderer Studien, welche einen erhöhten Nutzen des Ratgebens bescheinigen, je konkreter dieser auf die individuelle Person abgestimmt ist.

Das Nutzen von expliziten und direkten Vorschlägen des Therapeuten wird in Gruppen, in welchen die Interaktion der Mitglieder nicht im Vordergrund steht und die Verhaltensveränderungen zum Ziel haben, als sehr effektiv angesehen. Zum Beispiel bei stationären psychiatrischen Patienten, welche auf ein Leben außerhalb der Klinik vorbereitet werden sollen oder in Gruppen die Lebenskompetenzen und Kommunikationsfähigkeiten vermitteln ist dies der Fall (vgl. Yalom, 2012, S.35f.).

- Altruismus

Unter Altruismus versteht Yalom nicht nur, dass Klienten etwas erhalten, „indem sie selbst etwas geben, und zwar in Form der Hilfe, die ihnen im Rahmen wechselseitigen Gebens und Nehmens zuteil wird, sondern auch, indem sie von etwas profitieren, dass der Handlung des Gebens wesenseigen ist“(Yalom, 2012, S. 37). Damit meint Yalom, dass psychisch Kranke, welche zu Beginn ihrer Therapie oft demoralisiert sind, das bedrückende Gefühl haben anderen Gruppenmitgliedern nichts wertvolles bieten zu können. Zudem glauben sie eher anderen mit ihren Problemen zur Last zu fallen. Deshalb empfinden sie es dann um so belebender, wenn sie für andere hilfreich da sein können. Zudem stärkt sie dies in ihrem Selbstwertgefühl. Deshalb bietet allein die Gruppentherapie den Klienten die Möglichkeit zu erleben, dass sie für andere wichtig und wertvoll sind. Darüber hinaus fördert es die Rollenflexibilität, „weil die Klienten zwischen der Rolle des Empfängers und Hilfe und der des Helfenden hin und her wechseln“ (Yalom, 2012, S.37) können.

Durch den Akt des Hilfegebens, helfen sich die Klienten aber nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Gruppenmitgliedern, indem sie sie z.B. unterstützen, sie beruhigen, Vorschläge unterbreiten, Einsichten teilen oder über ähnliche Probleme informieren. Auch die bloße Anwesenheit von Gruppenteilnehmern kann hier als hilfreich empfunden werden, um im Schutze einer fördernden und unterstützenden Beziehung zu wachsen. Zudem sind Klienten nach Yalom eher dazu geneigt, den Äußerungen anderer Gruppenmitgliedern bereitwilliger zuzuhören und sich diese eher zu Herzen zu nehmen, als wenn der Therapeut ihnen das gleiche sagt. Dies führt Yalom darauf zurück, dass die Gruppenteilnehmer sich untereinander gegenüber dem Therapeuten eher auf einer Augenhöhe befinden und zudem darauf, dass sie davon ausgehen, dass sie ein aufrichtiges Feedback und spontane Reaktionen von ihren Gruppenmitgliedern erwarten können (vgl. Yalom, 2012, S.37f.).

Die Basis für die Wirkung von Altruismus begründet sich für Yalom in dem Bedürfnis des Menschen das Gefühl gebraucht zu werden und nützlich zu sein. Nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Konstruktion von Lebenssinn: „Den Lebenssinn finden wir immer dann, wenn wir unsere begrenzte Perspektive überwunden haben, wenn wir uns vergessen haben und völlig von jemand (oder etwas) anderem außerhalb von uns in Anspruch genommen sind“ (V. Frankl 1969 in Yalom, 2012, S.38f.).

- Wiederbeleben der Primärfamilie

Die Gruppentherapie bietet für Klienten, welche in ihrer Ursprungsfamilie unbefriedigenden Erfahrungen gemacht haben, im Vergleich zur Einzeltherapie eine ungleich größere Anzahl und Vielfalt an Möglichkeiten Familiensituationen zu reinszenieren. Dies liegt im Setting der Gruppentherapie begründet, weil diese in vielerlei Hinsicht einer Familie ähnelt: „ Es gibt Autoritätsfiguren (in der Familie die Eltern), Gleichaltrige bzw. Gleichgesellte, tiefe persönliche Offenbarungen, starke Gefühle der Nähe sowie der Feindseligkeit und Konkurrenz“ (Yalom, 2012, S.39). Deshalb kommt es auch oft vor, dass Gruppen von einem zweigeschlechtlichen Therapeuten-Team geleitet werden, um so einen bewussten Versuch zu unternehmen, der Elternstruktur nahe zu kommen.

Wenn Gruppenmitglieder die Gruppenleiter als Elternfiguren ansehen, rufen diese Reaktionen in ihnen hervor, welche im Allgemeinen mit Eltern- oder Autoritätsproblemen in Verbindung gebracht werden. Gruppenteilnehmer können hier z.B. hilflos, aufsässig, konkurrierend oder neidisch gegenüber dem Gruppenleiter reagieren.

Entscheidend bei der Reaktivierung und des Durchlebens früherer Familienkonflikte in der Gruppentherapie ist dabei, dass dies in einer korrigierenden Form geschieht, denn eine erneute unveränderte Exposition verschlimmert oder verfestigt die bestehenden familiären Beziehungsstrukturen und Konflikte nur. Um eine korrigierende Erfahrung herzustellen, ist es deshalb notwendig, dass verfestigte Rollen und Beziehungsstrukturen ständig untersucht und hinterfragt werden und angeregt wird, neuartige Verhaltensweisen auszuprobieren. Somit bietet das gruppentherapeutische Setting eine unvergleichlich gute Möglichkeit für Klienten, sich über bestehende problembehaftete Familienstrukturen bewusst zu werden, diese zu bearbeiten und entwicklungsförderlich zu verändern (vgl. Yalom, 2012, S.39f.).

- Einsicht

Yalom verwendet den Begriff der Einsicht „im allgemeinen Sinne von Innenschau (Introspektion): ein Prozess, der Klärung, Erklärung und Aufhebung von Verdrängung umfasst“ (Yalom, 2012, S. 77). Hierbei stellt sich Einsicht ein, wenn der Klient etwas entdeckt, was sein Verhalten, seine Motivation oder sei Unbewusstes betrifft. Dabei unterscheidet Yalom im Prozess der Gruppentherapie vier verschiedene Ebenen auf denen der Klient Einsicht erlangen kann:

1.Ebene: Klienten können ihr interpersonelles Verhalten durch das Feedback der Gruppenteilnehmer in einem objektiven Licht sehen. Hier wird ihnen z.B. das erste Mal klar, dass sie von anderen Menschen als angespannt, warmherzig, zornig, verbittert, verführerisch, etc. wahrgenommen werden.
2.Ebene: Klienten können lernen, ihre komplexen Muster ihres Interaktionsverhaltens zu verstehen. Hier gibt es eine schier unbegrenzte Anzahl an Mustern, wie z.B. das ein Klient andere ausnutzt, dass ein Klienten ständig bewundert werden will, dass ein Klient andere verführt und sie dann später zurückweist oder dass ein Klient um Liebe bettelt.
3.Ebene: Klienten erhalten hier Einsicht in ihre Motivation, d.h. sie begreifen zum ersten Mal, warum sie sich anderen gegenüber auf eine bestimmte Art und Weise verhalten. Zum Beispiel könnten distanzierte und unnahbare Klienten merken, dass sie Nähe vermeiden, weil sie Angst davor haben sich im Kontakt zu verlieren.
4.Ebene: Hier bekommt der Klient Einsicht in die eigene Geschichte (Genese), d.h. er erkennt, warum er zu dem geworden ist, der er jetzt ist. Hier werden Erkenntnisprozesse über das Untersuchen von Wirkungen von familiären und umweltbedingten Erlebnissen angestoßen, um so Aufschluss über die Entstehung aktueller Verhaltensmuster zu erlangen.

Yalom merkt an, dass Einsichtsprozesse therapeutische Wirkungen entfalten können aber nicht müssen. Therapeutisch bedingte Veränderungen können sich auch ohne Einsichtsprozesse einstellen. Auch der Zusammenhang von Einsicht in die Genese und langfristig beständigen Veränderungen konnte nicht nachgewiesen werden (vgl. Yalom, 2012, S. 77f.).

- Existenzielle Faktoren

Unter existentielle Faktoren versteht Yalom alle Faktoren, welche sich auf die Existenz, d.h. auf die Konfrontation des Menschen mit seinem Menschsein bzw. auf die Auseinandersetzung mit der harten existentiellen Tatsache des Lebens beziehen. Dazu gehört z.B. die Beschäftigung mit den Themen unserer Sterblichkeit, unserer Freiheit, unserer Verantwortung für die eigene Lebensgestaltung, unserer Isoliertheit als autonomes Lebewesen und unserer Suche nach Lebenssinn (vgl. Yalom, 2012, S.128ff).

In seinen Untersuchungen konnte Yalom feststellen, dass die Beschäftigung mit diesen Faktoren im gruppentherapeutischen Setting eine bedeutsame Rolle für die Klienten spielt. Hier können Klienten beispielsweise über die Auseinandersetzung mit dem Tod, zu einer neuen Bewertung ihrer Sorgen in ihrem Alltag gelangen, um so z.B. mit Belanglosigkeiten gelassener umzugehen als vorher.

Yalom sieht in der Bearbeitung von existentiellen Faktoren vor allem die „ therapeutische Chance für konstruktive Veränderungen der Klienten selbst, ihrer engeren Beziehungen und ihrer sozialen Kontakte“ (Yalom, 2012, S. 132).

[...]

Ende der Leseprobe aus 297 Seiten

Details

Titel
Selbsterfahrung im Psychodrama. Individuelle Erlebniswelten im gruppentherapeutischen Prozess
Hochschule
Universität Hamburg  (Fachbereich Psychologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
297
Katalognummer
V282603
ISBN (eBook)
9783656819448
ISBN (Buch)
9783656819455
Dateigröße
1810 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychodrama, Therapie, Gruppentherapie, Selbsterfahrung, qualitative Forschung, Psychologie, Gruppentherapien, Klinische Interventionsmethoden, Erlebniswelten, Psychotherapie
Arbeit zitieren
Frank Ockert (Autor), 2013, Selbsterfahrung im Psychodrama. Individuelle Erlebniswelten im gruppentherapeutischen Prozess, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282603

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