Themenstellung und Ziel der Arbeit
Die Ökonomie des 21. Jahrhunderts ist geprägt durch hohe Arbeitslosenzahlen, zunehmende Finanznot der öffentlichen Haushalte, reformbedürftige Sozialsysteme und weitreichende demografische Veränderungen. In den abendländischen Industrienationen vollzieht sich ein tiefgreifender Wertewandel. Vor dem Hintergrund einschneidender Sparmaßnahmen und einer mit der Globalisierung einhergehenden gesellschaftlichen Veränderung beherrschen die Angst vor Arbeitslosigkeit, Verunsicherung und Konkurrenzdruck das soziale Klima in den Betrieben und den Selbsterhaltungstrieb des Einzelnen. Als Richtschnur des Erfolgs dienen persönliches Fortkommen und Eigennutz (Litzcke & Schuh, 2003).
Seit Beginn der 90er Jahre hat sich der Begriff „Mobbing“ in der wissenschaftlichen Diskussion etabliert. „Mobbing am Arbeitsplatz“ kann also als relativ junger Forschungszweig bezeichnet werden. Ob Mobbing aber als ein neues Phänomen der Arbeitswelt betrachtet werden kann, erscheint fraglich. Nicht erst seit den Veröffentlichungen des schwedischen Arbeitswissenschaftlers Leymann (u.a. 1993a) ist bekannt, dass sich eine zunehmende Anzahl von Menschen an ihrem Arbeitsplatz übermäßigem Druck vonseiten der Mitarbeiter und/oder Vorgesetzten ausgesetzt fühlen. Die Verhaltensweisen sind gekennzeichnet durch Ignoranz rechtsstaatlicher und bislang gültiger gesellschaftlicher Wertmaßstäbe im gegenseitigen Umgang.
Mobbing wird weitestgehend in einen stresstheoretischen Kontext gestellt. Dies ist sinnvoll, weil ein zentraler Aspekt von Mobbing in der Verknüpfung einer betrieblichen Belastungssituation – nämlich Konflikte mit Mitarbeitern und/oder Vorgesetzten – und den zum Teil verheerenden gesundheitlichen Folgen für die Mobbingbetroffenen liegt. Auffällig ist, dass die pathogene Wirkung eskalierender Konflikte in der arbeits- und organisationspsychologischen Stressforschung ungewöhnlich stark vernachlässigt wird. So gibt es zwar eine große Anzahl von Publikationen zum Thema Stress, aber nur wenige, die soziale Stressoren in Betrieben untersuchen und noch weniger, die sich mit Mobbing auseinandersetzen (Zapf, 1999). Als Gegenbeispiel führt Zapf (2000) eine Studie von Schwartz und Stone (1993) an. In ihrer Tagebuchstudie kristallisierten sich negative emotionale Interaktionen mit Arbeitskollegen, Vorgesetzten und Kunden als das mit Abstand belastendste Ereignis im Arbeitsleben heraus.
Inhaltsverzeichnis
1 Themenstellung und Ziel der Arbeit
2 Das Phänomen „Mobbing am Arbeitsplatz“
2.1 Betrieb – Definition
2.2 Arbeit – Definition, Bedeutung und Auswirkungen
2.3 Mobbing – Begriffserklärung und Definitionen
2.3.1 Mobbing – Entwicklung des Begriffs
2.3.2 Mobbing – Definitionen im arbeitswissenschaftlichen Kontext
2.4 Mobbing – Beschreibung des Phänomens
2.4.1 Mobbingforschung
2.4.2 Mobbing – Verbreitung
2.4.3 Mobbing – Betroffene
2.4.4 Mobbing – Häufigkeit und Dauer
2.4.5 Mobbing – Betriebliche Stellung der Mobber
2.4.6 Mobbinghandlungen und -strategien
2.4.7 Mobbingverlaufsmodell
2.5 Mobbing – Auswirkungen
2.5.1 Mobbing – Individuelle Auswirkungen
2.5.1.1 Mobbingbedingter Stress
2.5.1.2 Mobbing – Auswirkungen auf die Gesundheit
2.5.1.3 Mobbing – Auswirkungen auf die private und familiäre Situation
2.5.2 Mobbing – Betriebliche bzw. volkswirtschaftliche Auswirkungen
2.5.2.1 Mobbing – Fehlzeiten und Fluktuation
2.5.2.2 Mobbing – Auswirkungen auf das Arbeits- und Leistungsverhalten
2.6 Mobbing – Ursachen
2.6.1 Mobbing – Gesellschaftliche Ursachen
2.6.2 Mobbing – Betriebliche Ursachen
2.6.2.1 Mobbing – Ursachen in der Organisation der Arbeit
2.6.2.2 Mobbing – Ursachen im Führungsstil und -verhalten
2.6.2.3 Mobbing – Ursachen in der Gruppe
2.6.3 Mobbing – Individuelle Ursachen
2.6.3.1 Mobbing – Ursachen im Mobbingopfer
2.6.3.2 Mobbing – Ursachen im Mitläufer
2.6.3.3 Mobbing – Ursachen im Mobbingtäter
2.7 Mobbing – Prävention und Intervention
2.7.1 Gestaltung der Arbeitsorganisation
2.7.2 Gestaltung der Arbeitsaufgabe
2.7.3 Personalauswahl und -einsatz
2.7.4 Einführung von Gruppenarbeit
2.7.5 Soziale Unterstützung am Arbeitsplatz
2.7.6 Stressbewältigung
2.7.7 Informations- und Aufklärungsarbeit
2.7.8 Betriebsvereinbarung
2.7.9 Rechtsprechung
3 Systemtheoretische Betrachtungen des Mobbingphänomens
3.1 Entwicklungsgeschichte der Systemtheorie
3.2 Grundlagen des systemtheoretischen Denkens
3.2.1 System und Systemtheorie
3.2.2 Merkmale und Funktionsweisen sozialer Systeme
3.2.2.1 Merkmale der Systemzugehörigkeit
3.2.2.2 Merkmale der Systemfunktionalität
3.2.2.3 Prinzip der kausalen Zirkularität
3.2.3 Konstruktivismus
3.3 Zusammenfassung der systemtheoretischen Grundlagen
3.4 Mobbing als System-Problem
3.5 Mobbing als systemische Interaktion
3.6 Mobbing als komplexe Wirklichkeitskonstruktion
3.7 Modell für den individuellen Umgang mit Mobbing
4 Schlussbemerkungen
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen „Mobbing am Arbeitsplatz“ aus einer wissenschaftlichen Perspektive und reflektiert dabei kritisch die Bedeutung systemtheoretischen Denkens für das Verständnis dieses Konfliktgeschehens. Das primäre Ziel ist die Analyse von Mobbing als systemisches Problem und komplexe Wirklichkeitskonstruktion, um daraus effektive Handlungsmodelle für Betroffene und Unternehmen abzuleiten.
- Wissenschaftliche Definition und Abgrenzung von Mobbing
- Empirische Analyse der Verbreitung und Ursachen (Meschkutat-Studie)
- Auswirkungen von Mobbing auf Individuum, Betrieb und Volkswirtschaft
- Systemtheoretische Betrachtung von Mobbing als Interaktionsprozess
- Entwicklung eines Modells für den individuellen Umgang mit Mobbing
Auszug aus dem Buch
Mobbing als komplexe Wirklichkeitskonstruktion
Jedes Wirtschaftsunternehmen basiert auf mehr oder weniger festgeschriebenen, objektiv vorgegebenen Rahmenbedingungen, wie Regelungen des Arbeitsablaufes, Dienstplänen und Hierarchieebenen. Diese betriebliche Infrastruktur birgt in ihrer komplexen Gesamtheit bereits eine Menge an Konfliktpotenzial in sich. Jedoch ist nicht allein die äußere Wirklichkeit maßgeblich dafür, ob es in einer Organisation zu Konflikten kommt. Aus der konstruktivistischen Perspektive ist die Wahrnehmung, Einschätzung und Bewertung der gegenwärtigen betrieblichen Situation durch die Systemangehörigen von essentieller Bedeutung.
Sofern die Konfliktträchtigkeit einer Organisation und ihrer Subsysteme analysiert werden soll, gilt es vor allem, die subjektiven (An-)Sichten der Organisationsmitglieder herauszuarbeiten. Laut Beck und Schwarz (2000) indiziert „erst eine ‘Organisationsanalyse’ aus subjektiver Sicht“ (S. 44) die Konfliktpotenziale eines Unternehmens. Durch diese Vorgehensweise wird deutlich, welche Regeln, Abläufe, Erwartungen und Beziehungen die Arbeitnehmer als problematisch einschätzen.
So bewertet z.B. die Mitarbeiterin einer Einrichtung die Zielvorgaben des neuen Vorgesetzten als ‘überfordernd’; Arbeitsregelungen werden als ‘bürokratisch’, ‘starre’ Dienstpläne als einengend und mit den persönlichen Zeitplänen unvereinbar erlebt. Nicht die ‘äußere’ Wirklichkeit als solche, d.h. als ‘objektive’, ‘wirkliche’, ‘echte’ Wirklichkeit spielt eine maßgebende Rolle. Von zentraler Bedeutung ist, wie die betroffene Person diese Wirklichkeit wahrnimmt, deutet und bewertet. (S. 46)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Themenstellung und Ziel der Arbeit: Einführung in das Thema Mobbing am Arbeitsplatz vor dem Hintergrund ökonomischer Veränderungen und Begründung der systemtheoretischen Herangehensweise.
2 Das Phänomen „Mobbing am Arbeitsplatz“: Umfassende Darstellung des Konzepts Mobbing, inklusive Definitionen, Verbreitung, Auswirkungen sowie Ursachen auf gesellschaftlicher, betrieblicher und individueller Ebene.
3 Systemtheoretische Betrachtungen des Mobbingphänomens: Analyse von Mobbing unter Anwendung systemtheoretischer und konstruktivistischer Konzepte, um das Phänomen als systemische Interaktion zu begreifen.
4 Schlussbemerkungen: Zusammenfassende Einschätzung der Notwendigkeit eines humaneren Personalmanagements und der Bedeutung von Rechtsprechung für den Mobbingschutz.
Schlüsselwörter
Mobbing am Arbeitsplatz, Systemtheorie, Arbeitspsychologie, Stress, Konfliktmanagement, Betriebsvereinbarung, Mobbingprävention, Systemdysfunktionalität, Wirklichkeitskonstruktion, Sozialpsychologie, Organisationsentwicklung, psychische Belastung, Copingstrategien, Täter-Opfer-Dynamik, Interaktionsanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit beleuchtet Mobbing als ein komplexes, betriebsrelevantes Phänomen und untersucht es mit Hilfe systemtheoretischer Ansätze anstatt rein linearer Erklärungsmodelle.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Definition und Verbreitung von Mobbing, dessen Auswirkungen auf Gesundheit und Wirtschaft sowie Ursachen innerhalb betrieblicher Strukturen und individueller Verhaltensweisen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Mobbing zu reflektieren und die Bedeutung systemischen Denkens hervorzuheben, um Betroffenen und Unternehmen konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und bezieht sich auf aktuelle empirische Repräsentativstudien, wie den Mobbing-Report, sowie systemtheoretische und konstruktivistische Paradigmen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Phänomenbeschreibung, die Analyse individueller und betrieblicher Auswirkungen, die Reflexion möglicher Ursachen sowie die Herleitung von Präventions- und Interventionsstrategien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Mobbing am Arbeitsplatz, Systemtheorie, Organisationsentwicklung, Konfliktmanagement, psychische Belastung und Interaktionsdynamik.
Wie unterscheidet sich die systemtheoretische Sichtweise von anderen?
Während klassische Ansätze Mobbing oft als Einzeltäter-Opfer-Konflikt sehen, betrachtet die Systemtheorie Mobbing als Symptomdysfunktionalität innerhalb eines komplexen Beziehungsgefüges.
Was besagt das Modell für den individuellen Umgang mit Mobbing?
Das Modell dient als Orientierungshilfe und Bestandsaufnahme, um Betroffenen zu helfen, die Wechselwirkungen zwischen Arbeitssituation, eigener psychischer Verarbeitung und den Folgen für ihr Privatleben zu erkennen und sukzessive Handlungsveränderungen vorzunehmen.
- Arbeit zitieren
- Heiko Sieben (Autor:in), 2004, Mobbing am Arbeitsplatz - ein Fehler im System?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28261