Postmodernes Arbeiten und Leben. Projektarbeit als Form einer Hybridisierung


Hausarbeit, 2014

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Der Begriff der Postmoderne

3. Der Platz der Projektarbeit im Feld der Arbeit
3.1. Die Bedeutung von Arbeit innerhalb einer Gesellschaft
3.2. Veränderung der Arbeitsstruktur und ihre Auswirkungen am arbeitendem Subjekt durch die Projektarbeit

4. Die Hybridisierung der postmodernen Arbeit

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

»Arbeit gibt uns mehr als den Lebensunterhalt,

sie gibt uns das Leben.«
Henry Ford (1863-1947)

»Nicht, was er mit seiner Arbeit verdient, ist der

eigentliche Lohn des Menschen, sondern was er

durch sie wird.«

John Ruskin (1819-1900)

Henry Ford und John Ruskin sind beide Zeitgenossen einer Epoche, in der das Verhältnis des Menschen zu seiner Arbeit aufgrund der Industriellen Revolution grundlegend verändert wird. Das Aufkommen von Maschinen und technischen Neuerungen transformiert den Begriff der Arbeit und hat Auswirkungen auf die Beziehung zwischen den arbeitenden Subjekten und ihrer Arbeit sowie auf Formationen von Gesellschaften.

Ausgehend von einer zeitlichen Veränderung, die die Epoche der Moderne um die Postmoderne erweitert, befinden wir uns in unserer westlichen Gesellschaft knapp 150 Jahre später wieder in einem Prozess, welcher die Form der »normalen« Arbeit in bestimmten Bereichen verändert und uns ein neues Verständnis für Arbeit gibt. Als Beispiel soll hierfür die Arbeitsform der Projektarbeit aufgezeigt werden, bei welcher auf verantwortungstragenden Ebenen von Dienstleistungsunternehmen die berufliche Tätigkeit nicht als Einheit gesehen wird, sondern in verschiedene zeitlich begrenzte Abschnitte, sogenannte »Projekte«, eingeteilt wird. Damit einhergehend wird verstärkt auf teamorientiertes und flexibles Arbeiten gesetzt.

Es wird die These vertreten, dass sich in der Projektarbeit erneute Veränderungen der Arbeit wiederspiegeln und zu einem neuen Verhältnis zwischen dem Mensch und seiner Arbeit führt.

Ausgehend von einer Erklärung des Begriffs Postmoderne, soll in einem folgenden Schritt die Bedeutung der Arbeit für die abendländische Gesellschaft und ihrer Subjekte unter einem arbeitssoziologischen Blickwinkel betrachtet werden. Vor diesem Hintergrund wird das Feld der Projektarbeit beschrieben und in Verbindung mit dem hergestellten theoretischen Konzept gesetzt. Hierbei wird sich stark an der soziologische Untersuchung von Andreas Reckwitz und seiner Arbeit »Das hybride Subjekt« orientiert, da diese einen aktuellen Überblick über einzelne Arbeitsepochen und eine erste Untersuchung des Subjekts in der Postmoderne gewährleistet. Den Abschluss bildet der Versuch einer Idee, ob bei der neuen Form der Arbeit von einer Hybridisierung, also einer Verschmelzung zwischen Arbeit und Leben des arbeitenden Subjektes gesprochen werden kann und wie dieser mit der Bedeutung der Hybridität zu beweisen wäre.

2. Der Begriff der Postmoderne

Der Begriff der Postmoderne nimmt seit den 1980er Jahren seinen Platz in der deutschen Wissenschaft ein. In der Auseinandersetzung muss darauf geachtet werden, aus welcher Sicht das Verständnis geprägt und auf welche Weise damit umgegangen wird, da er zwei entgegen gesetzte Bezugspunkte enthält: Zum einen kann der Begriff der Postmoderne als ein Blick auf die Moderne gewertet werden, unter dem die Moderne selbst als »Konfliktfeld kultureller Differenzen«[1] rekonstruiert wird. In einer anderen Ansicht bezeichnet er einen eigenen Abschnitt in der Moderne selbst. Dieser wird in den 1970er Jahren angesetzt und wirkt bis heute.[2] Eine eindeutige Einordnung und Festsetzung der Postmoderne auf einen Wesenszug kann in diesem doppelten Verständnis schwer erbracht werden. Gleich vorweg soll festgehalten werden, dass Postmoderne nicht als eigene Strömung oder gar Epoche nach der Moderne, sondern als deren Fortführung verstanden werden soll: Die Postmoderne »führt die Moderne fort, aber sie verabschiedet den Modernismus. Sie lässt die Ideologie der Potenzierung, der Innovation, der Überholung und Überwindung […] hinter sich«[3].

Das Präfix »post« spielt bei der Verwendung eine entscheidende Rolle. Da sich »post« aus dem Lateinischen für die Präposition »nach« ableitet, suggeriert es ein Ende der Moderne mit einem darauffolgenden Kurs der »Antimoderne« und symbolisiert eine Abkopplung und den Beginn einer Erneuerung. Dieser Annahme widerspricht Wolfgang Welsch in seinem Werk »Unsere postmoderne Moderne« entschieden, da der Terminus nicht als radikaler gesellschaftlicher Umbruch verstanden werden soll, sondern eine »Bestimmungskrise« aufzeigt. Diese liegt in dem Umstand verborgen, dass die »alte Signatur nicht mehr greift, eine neue aber noch nicht eindeutig in Sicht ist« und einzelne Strukturen nicht mehr dem Zeitgeist entsprechen. Die Postmoderne beendet die Moderne in diesem Verständnis nicht, sondern »transformiert« sie in ihren grundsätzlichen, homogenen sozialen Praktiken.[4] Postmoderne und Moderne sind also nicht voneinander zu trennen, sondern in Beziehung zu denken.

Für den Sektor der Wirtschaft, auch als nachindustrielle Gesellschaft bezeichnet,[5] wandelt sich die Postmoderne von einer Industriegeprägten, güterproduzierenden Arbeitsgesellschaft zu einer »postindustriellen Dienstleistungs- und Aktivitäts-Gesellschaft«[6]. Deren Fokus liegt nicht mehr auf der Struktur der Gemeinschaft, sondern setzt ihr das Chaos und die Vielfalt einer Selbstorganisation und ein Abkehren von bisherigen Rationalitäten entgegen.[7]

Das Aufkommen der Postmoderne zeigt sich in ihrer Vielfalt, da »Pluralität […] nicht nur der Kampfruf, sondern auch das Herzwort der Postmoderne«[8] ist. Pluralität breitet sich in allen gesellschaftlichen Bereichen aus und schafft eine Mehrdimensionalität und Spezifizierung der Bereiche.[9] Gleichzeitig steht sie für die Verbindung von unterschiedlichen Gebieten und nicht allein für die Differenzierung und Abspaltung, sondern für ein Zusammenführen von sich abgrenzenden und ausschließenden Bereichen. Ein Beispiel findet sich in der Entscheidungsfindung wirtschaftlicher Dienstleistungsunternehmen, bei welchen Entscheidungen nicht mehr ausschließlich von einer Person oder einer Gruppe des wirtschaftlichen Sektors getroffen werden. Durch »das neue Verhältnis zwischen Theorie und Empirie, vor allem zwischen Wissenschaft und Technologie« wird das Gedankengut aus verschiedenen Bereichen zusammengetragen.[10] Dies zeigt sich an dem Beispiel der Projektarbeit, bei der interdisziplinäre Teams an einem gemeinsamen Projekt arbeiten und ihre jeweiligen Kompetenzen und fachspezifischen Blickwinkel zu einem Netz verdichten.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Postmoderne nicht als eine eigenständige Strömung nach der Moderne anzusehen ist, sondern sie die Moderne als Erweiterung ihrer selbst fortführt. Gesellschaftliche Veränderungen werden hierbei beispielsweise an einer Transformation im arbeitsspezifischen Bereich sichtbar. Diese Tatsache soll im weiteren Vorgehen durch die Konzentration auf das Feld der Arbeit und am Beispiel der Projektarbeit aufgezeigt werden, um darin eine neue Form der Arbeits(-Weise) zu explizieren.

3. Der Platz der Projektarbeit im Feld der Arbeit

Im folgenden Kapitel soll zuerst die Bedeutung der Arbeit für unsere Gesellschaft und das arbeitende Subjekt und ein damit verbundener Wandel aus soziologischer Perspektive geklärt werden. Anschließend wird das Themengebiet der Projektarbeit beleuchtet, das eine neue Form der Arbeit und ihre Anpassung an zeitliche und gesellschaftliche Änderungen wiederspiegelt.

3.1. Die Bedeutung von Arbeit innerhalb einer Gesellschaft

Bevor man sich der spezifischen Untersuchung der Projektarbeit zuwenden kann, muss verstanden werden, welchen Stellenwert Arbeit in unserer Gesellschaft einnimmt und mit welchen Attributen Arbeit versehen wird. Welchen Zweck spiegelt sie wieder und welche Bedeutung wird ihr in der westlichen Gesellschaft beigemessen?

Bei der Beantwortung der Fragen fällt auf, dass Arbeit in zwei Richtungen gedacht werden muss: Einerseits muss der Mensch seit jeher um die Sicherung seiner Existenz Willen arbeiten, zum anderen wird Arbeit mit Eigenschaften und einem Zweck konnotiert, die über diesen Grundgedanken hinaus gehen und der die Form der Arbeit und ihre Ausführung mitbestimmen. Ausgehend von dem ökonomischen Nutzen hat Arbeit den primären Zweck für den Einzelnen das Überleben zu sichern und Fortbestehen einer Gesellschaft zu gewährleisten. Die Menschheit muss lernen in einem wirtschaftlich effizienten Maß zu arbeiten, um sich entwickeln zu können.

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Bedeutung und das allgemeine Verständnis von Arbeit gewandelt, weil Arbeit nicht mehr nur als reine körperliche Tätigkeit angesehen wird, sondern ihr Gewicht sich immer mehr in Richtung einer »Wissensarbeit« verschiebt. Es gilt der Leitsatz »von Produkt zu Projekt, von Erledigung zu Erfolg, von Schweiß zu Adrenalin«.[11]

Die Form der Arbeit unterzieht sich immer wieder Veränderungen und Wandlungen, wie es die Einführung des Tauschwertes Geld, das Lehensystem, die früheren Zünfte und die Industrialisierung gezeigt haben. Diese Veränderungen wirken sich auch im sozialen Bereich aus. Arbeit und Gesellschaft sind per se nicht voneinander zu trennen und arbeitsspezifische Erneuerungen durchdringen das soziale Feld und bewirken Änderungen in den Strukturen und Verständnissen der zwischenmenschlichen Beziehungen.[12] Herbert Marcuse führt diesen Gedanken fort und vertieft den geschichtlichen Zusammenhang zwischen Arbeit und Sein:

»Erst und nur in der Arbeit wird der Mensch als geschichtlicher wirklich, gewinnt er seinen be- stimmten Stand im geschichtlichen Geschehen. Wer an der Maschine steht, im Bergwerk Kohle fördert, hinter dem Ladentisch bedient, als Beamter einem bürokratischen Apparat eingeordnet ist, als Wissenschaftler lehrt, - in jedem Fall ist er herausgetreten aus der nur ihm eigenen Sphäre seines Selbst an eine ganz bestimmte Stelle einer Klassen […] Vor und außerhalb der Arbeit[…] kann sich das menschliche Dasein in vielen Möglichkeiten halten und keine verwirklichen; durch die Arbeit hat es sich in einen bestimmten Umkreis von Möglichkeiten hineingestellt: sein Dasein hat geschichtliche Ständigkeit bekommen.«[13]

Arbeit wird hier als »zentrale gesellschaftliche Praxis des Menschen« verstanden und Marcuse verdeutlicht die latenten Auswirkungen auf das arbeitende Subjekt und auf die Gemeinschaft.[14] Arbeit stellt und sichert die Grundlage der menschlichen Existenz und schafft eine Struktur des menschlichen Zusammenlebens. Durch ihr Vorhandensein vereint oder trennt sie Menschen und bildet damit die Grundlage der sozialen Struktur für eine Gesellschaft:[15] Durch Rangordnungen in Unternehmen, die durch Bezeichnungen kenntlich gemacht werden oder durch die Spezialisierung in den verschiedenen Bereichen, gibt sie sozialen Strukturen einen Halt und schafft verbindende Elemente zwischen ihren Trägern. Durch die Frage nach dem Beruf oder der Aufgabe in einem Fachbereich können wir in Gesprächen Menschen kategorisieren und sie in eine Beziehung zueinander und zu uns selbst setzten.

Das zeigt, dass Arbeit in unserem heutigen postmodernen Verständnis mehr als nur »Broterwerb« und reine Überlebenssicherung beinhaltet, sondern einen hohen Stellenwert in unserem täglichen Umgang einnimmt. Dies zeigt sich auch an der Tatsache, dass sich unsere westliche Gesellschaft als eine »Arbeitsgesellschaft« par exzellente definiert und ihre Gewichtung preist.

Die Beschäftigung oder der Beruf, im Verständnis von Martin Luther auch mit »Berufung« assoziiert, hat seinen Stellenwert erlangt, indem der »Besitz« einer Arbeit eine »Grundlage für die Teilhabe an gesellschaftlicher Wohlfahrt«[16] garantiert. Durch Ausübung einer Tätigkeit und deren Entlohnung erfolgt neben der Existenzsicherung auch eine soziale Anerkennung und Prestigegewinn des Einzelnen vor sich und der Gesellschaft, die eine steigende »identitäts- und selbstwertrelevante Bedeutung« enthält. Die Gesellschaft selbst definiert sich durch ihr Angebot an Arbeitsformen, -plätzen und -leistung und der Einzelne wird dann als vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft anerkannt, wenn er den Wert des Kollektivs durch seinen Beitrag in Form von erkennbarer Arbeit steigert. Arbeit wird so zum entscheidenden »sozialen Zugangsmittel« und »Anerkennungsinstrument« und definiert neben der Rolle und der Stellung des Einzelnen auch das Verhältnis seiner Mitglieder zueinander.[17]

[...]


[1] Vgl. Reckwitz 2006: 24.

[2] Ebd.

[3] Welsch 1991: 5 ff.

[4] Vgl. Welsch 1991: 319.

[5] Vgl. Bell 1994: 151.

[6] Vgl. Reckwitz 2006: 25.

[7] Vgl. Reckwitz 2006: 25 und Welsch 1991: 11.

[8] Welsch 1994: 13.

[9] Ebd.

[10] Bell 1994: 144.

[11] Vgl. Minssen 2012: 9, Zitat nach Schmidt 1999: 18.

[12] Mit Einschränkung auf den sozialen Bereiche werden politische, juristische und ökonomische Wechselbeziehungen mit einer Umgestaltung von Arbeitsformen in dieser Untersuchung beiseite gestellt, wobei eine Beziehung und eine gegenseitige Verbindung mitnichten ausgeschlossen oder negiert werden soll.

[13] Marcuse 1965: 33 ff. zitiert nach Brock 1994: 260.

[14] Brock 1994: 260.

[15] Jadow/Sdrawomyslow 1971: 30.

[16] Minssen 2012: 7.

[17] Vgl. Kreml 2011: 12 f.

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Details

Titel
Postmodernes Arbeiten und Leben. Projektarbeit als Form einer Hybridisierung
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V282733
ISBN (eBook)
9783656820994
ISBN (Buch)
9783656838661
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeit, Postmoderne, Hybridisierung, Andreas Reckwitz, Projektarbeit
Arbeit zitieren
Noemi Haderlein (Autor), 2014, Postmodernes Arbeiten und Leben. Projektarbeit als Form einer Hybridisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282733

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