"Il choisit son Napoléon". Stendhals Konzeption des Napoléon-Mythos


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Theorie: Definition, literarische Selektion, historische Konstellation
2.1.1 Definition des Mythos
2.1.2 Begründung der Textauswahl
2.1.3 Kurzdarstellung des historischen Kontextes
2.2 Deduktion: Das Mémorial von St. Helena und Stendhals Werk – Versuch einer Synthese
2.2.1 Napoléon als Repräsentant der Revolution
2.2.2 Napoléon als Hüter der nationalen Souveränität und somit als Friedenskaiser
2.2.3 Napoléon als religiöser Kaiser
2.3 Induktion: Schlussfolgerungen für Stendhals Mythenkonzeption
2.3.1 Napoléon als Allegorie des dynamischen Italiens
2.3.2 Napoléon als Personifikation der gloire militaire

3 Schlussteil

4 Bibliographie
4.1 Primärquellen
4.2 Sekundärquellen

5 Anhang

5.1 Zur Übersicht: Alle Textausschnitte im Überblick

1 Einleitung

Napoléon und Stendhal1 – das sind zwei unumgängliche Personen, befasst man sich geschichts- und/ oder literaturwissenschaftlich mit dem europäischen 19. Jahrhundert; zwei Zeitgenossen also, die darüber hinaus in indirektem2 Kontakt standen; und schließlich zwei Personen, die auf unterschiedliche Weise voneinander abhingen: Einerseits war Napoléon derjenige, der Stendhal den Aufstieg vom sous-lieutenant zum kaiserlichen Beamten ermöglichte und ihm beim späteren literarischen Schaffen eine unerschöpfliche Inspirationsquelle war. Andererseits war Stendhal für den Nachruhm von Napoléon, eben wegen seines literarischen Gesamtwerks, mitverantwortlich. Viele Parallelen und Bezüge also, und dennoch scheint das Verhältnis in der Forschung mit Widersprüchen beladen zu sein: „Les sentiments éprouvés par Stendhal vis-à-vis Napoléon n’ont donc pas cessé de varier“3, fasst Maurice Descotes zusammen. Und Marcel Heisler beschreibt die Konstellation als „loin d’être rectiligne : elle apparaît pleine de contradictions, de retours en arrière, de phrases tantôt amoureuses tantôt méprisantes.“4

Ziel der vorliegenden Arbeit ist, einen Teilaspekt dieses Verhältnisses voller Widersprüche zu analysieren – und es gegebenenfalls von dieser Unvereinbarkeit zu befreien: den des Napoléon-Mythos im Werk Stendhals. Dabei wollen wir uns an folgender übergeordneter Leitfrage orientieren: Wodurch lässt sich der Mythos Napoléons bei Stendhal charakterisieren? Inwiefern stellt er damit eine Besonderheit dar? Hier tritt aber das erste Problem auf: eine Besonderheit – wem oder was gegenüber? Die Frage lässt sich freilich nicht damit beantworten, indem wir einzelne, teils zusammenhanglos(e) Textstellen ganz ohne Bezug zueinander untersuchen. Vielmehr bedarf es eines Vergleichsparameters, der uns als Arbeitsgrundlage dient, an dem wir Thesen aufstellen und schließlich „wasserfeste“ Ergebnisse gewinnen können. Als Schablone hierfür kann uns das von Las Cases im Jahre 1823 veröffentlichte „Mémorial de Sainte Hélène“ dienen, und zwar aus mehreren, meta- wie intertextuellen, Gründen. Der Abgleich soll ermöglichen, den Spezifika von Stendhals Mythenkonzeption näher zu kommen.

Biographik und Epik, beides waren im 19. Jahrhundert Gattungen, in denen Mythifizierungen konstruiert und verhandelt wurden. Der Erkenntnisgewinn dieser Arbeit liegt somit auch darin, über Stendhals episches und biographisches Werk Einblicke in die Literatur- und in die Mentalitätsgeschichte zu erhalten. Der Untersuchungsgegenstand wird umso relevanter, berücksichtigen wir, dass der Napoléon-Mythos erst im Jahre 1850 definitiv „ausgearbeitet“ war;5 als Autoren wie Madame de Staël, Chateaubriand und eben Stendhal den Mythos verarbeiteten, befand er sich folglich erst im Entwicklungsstadium. Der Schluss liegt nahe, dass der endgültige Mythos von Stendhal mitgeprägt wurde.

Ausgehend von einem theoretischen Teil, in dem wir auf Begrifflichkeiten, auf unsere literarische Auswahl und auf die historischen Rahmenbedingungen eingehen werden (Kapitel 2.1), wird daran anknüpfend und in Hinblick auf unsere Fragestellung die Mythenkonzeption des St. Helena-Mémorial auf die von Stendhal übertragen (Kapitel 2.2). Ist dieser Abgleich vollzogen, so können wir im dritten Schritt die daraus resultierenden Schlussfolgerungen aufzeigen, die Stendhals eigene Mythenkonzeption ausmachen (Kapitel 2.3). In der Schlussbetrachtung (Kapitel 3) erfolgt dann ein Resümee.

2 Hauptteil

2.1 Theorie: Definition, literarische Selektion, historische Konstellation

Um unserem Vorgehen ein stabiles Fundament zu geben, wollen wir zunächst auf grundlegende und theoretische Aspekte zu sprechen kommen: Nach der Definition des Begriffs „Mythos“ begründen wir unsere genaue literarische Auswahl, um daran anknüpfend die soziohistorischen Rahmenbedingungen verständlich darzustellen.

2.1.1 Definition des Mythos

Mythen stellen kollektive Großerzählungen dar, aus denen nationale Identität geschöpft werden kann.6 Sich mit etwas zu identifizieren bedeutet, der „Frage nach dem Anfang nachzugehen, die sich nicht wissenschaftlich beantworten lässt“.7 Im 19. Jahrhundert, als Geschichte noch prosopographisch geschrieben und empfunden wurde, erfolgte die Identifikation häufig mit politischen Einzelpersonen; Julien Sorels Ausrichtung auf Napoléon ist so gesehen typisch für das damalige Geschichtsverständnis. Es entstanden politische Mythen, die mit einer narrativen Variation, einer ikonischen Verdichtung und einer rituellen Inszenierung wirksam wurden.8 Dadurch konnte dann eine mythische Kausalität geknüpft werden, die auf göttlichem Wirken beruhte.9

Wenn auch in der Literatur oft nicht deutlich (oder sogar überhaupt nicht) voneinander getrennt10, werde ich im Folgenden den Begriff „Mythos“ statt „Legende“ verwenden. Nach Bluche zeichnet eine „Legende“ ein idealisierendes Bild der Vergangenheit, wodurch „plus de sympathie à l’égard de la personne de Napoléon“11 entstehe. Wie wir sehen werden, ist das Napoléon-Bild bei Stendhal aber durch eine ambivalente Darstellung geprägt; der Mythos-Begriff passt für unsere Analyse also besser.

2.1.2 Begründung der Textauswahl

Wenig Sinn ergäbe es, in einer Arbeit diesen Umfangs und gekoppelt mit unserem Vorgehen auf Stendhals Gesamt werk einzugehen. Die gewählten Textausschnitte würden so zusammenhangslos nebeneinander stehen. Stattdessen haben wir uns bewusst dafür entschieden, einen selektiven, aber dafür möglichst differenzierenden Überblick auf Stendhals Werk zu geben: Wir haben erstens verschiedene Gattungen gewählt, die zweitens zeitlich weit auseinander liegen. Wie den Titeln zu entnehmen ist, stellen „Vie de Napoléon“ und „Mémoires sur Napoléon“ Biographien über den französischen Kaiser dar12, „Le Rouge et le Noir“ sowie „La Chartreuse de Parme“ sind dagegen epische Romane von Stendhal. Während dieser seine „Vie de Napoléon“ 1817/18 verfasste (aber nie veröffentlichte), publizierte er „La Chartreuse de Parme“ gut 20 Jahre später, nämlich 1839. An „Le Rouge et le Noir“ und an den „Mémoires sur Napoléon“ arbeitete Stendhal in der Zwischenzeit, nämlich 1832 beziehungsweise 1836/37. Berücksichtigen wir dazu noch, dass die erzählte Zeit in „La Chartreuse de Parme“ bereits 1796 einsetzt, so entfaltet unser Überblick ein breites, repräsentatives Panorama. Dieses kann zeigen, ob die in der Forschung festgestellte angebliche Widersprüchlichkeit im Urteil Stendhals gegenüber Napoléon der zeitlichen Differenz geschuldet ist.

Kommen wir zu Napoléons Mémorial von St. Helena, das unserer Analyse als Abgleich dienen soll.13 Im Exil angelangt hatte Napoléon die Intention, über das Mittel der Autobiographie einen letzten Kampf zu führen: einen um die „Organisation des Nachruhms“14, um „in der Nachwelt […] die Deutungshoheit der eigenen Person“ zu beeinflussen15 und damit „ post mortem […] le contrôle de la doctrine bonapartiste“16 zu übernehmen. Mit seinen Erklärungen beabsichtigte Napoléon dabei, „die beiden aufsteigenden Kräfte des 19. Jahrhunderts, den Nationalismus und den Liberalismus, für sich in Anspruch zu nehmen“.17 Zu Napoléons Tod im Jahre 1817 lagen jedoch nicht mehr als unzusammenhängende Erinnerungen vor, die dann unter anderem18 sein ehemaliger Staatssekretär und fortwährender Bewunderer19 Emmanuel de Las Cases justierte, redigierte und editierte; 1823 wurde dieses Mémorial schließlich veröffentlicht, stellte das meistverkaufte Buch des 19. Jahrhunderts dar20 und „regte die Einbildungskraft der Romantiker an.“21

Wie Dechamps feststellt, streicht Las Cases mehrere Gesichtspunkte heraus, die für die Entwicklung des Napoléon-Mythos nach der Erfahrung der Hundert Tage und nach 1815 charakteristisch sind, nämlich eine simplifizierende, da kategorisierende Liberalisierung: „Un Napoléon liberal: tel serait le visage de l’Empereur exilé si l’on en croyait la lecture commune du Mémorial de Sainte Hélène.“22 Der Übersicht halber erfolgt eine Listung der Versatzstücke; nach ihnen werden wir unsere Deduktion gliedern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ad 1: „Napoléon a été le représentant des principes de 89.“23

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ad 2: „Napoléon a été le défenseur du principe des nationalités ; Napoléon a été paci- fique, et n’a fait la guerre qu’à son corps défendant.“24

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ad 3: „Napoléon a toujours respecté les principes religieux, et […] n’a jamais cessé de favoriser l’influence de la religion sur la société.“25

Warum jedoch bietet sich das Las Cases-Mémorial überhaupt dazu an, der Konzeption des Napoléon-Mythos bei Stendhal näherzukommen? Erstens: Das Las Cases-Mémorial wird häufig als „les origines de la légende napoléonienne“26 bezeichnet. Demnach ist es Ausgangspunkt für jene Mythenbildung, die von vielen Schriftstellern aufgegriffen und weiter verarbeitet wurde. Zweitens: Stendhal rezipierte dieses Mémorial bei seiner schriftstellerischen Tätigkeit intensiv und zitierte daraus teils wörtlich.27 Und drittens: Zwei Protagonisten aus Stendhals Romanen, Julien Sorel aus „Le Rouge et le Noir“ wie Fabrice del Dongo aus „La Chartreuse de Parme“, nähren sich aus dem Las Cases-Mémorial und entwickeln damit ihren Napoléon-Mythos. Kurz: Das Mémorial von St. Helena spielt bei Stendhal metatextuell wie intertextuell eine entscheidende Rolle, es ist Inspirationsquelle auf verschiedenen Ebenen. Man könnte also annehmen, dass Stendhals Mythenkonzeption mit der von Las Cases übereinstimmt…

Grundlegend für eine differenzierende Bewertung des Las Cases-Mémorial, aber auch für das Verständnis von Stendhals Werken ist die (insbesondere von Erich Auerbach) festgestellte Tatsache, dass Stendhals „Charaktere, Haltungen und Verhältnisse […] aufs engste mit den zeitgeschichtlichen Umständen verknüpft“28 sind; zwischen Handlung und Handlungswelt ist also die funktionale Implikation zu beachten. Um dieser historischen Tiefendimension gerecht zu werden, sind wir gezwungen, eine kurze zeithistorische Kontextualisierung vorzunehmen.

2.1.3 Kurzdarstellung des historischen Kontextes

Stendhals „Vie de Napoléon“ entstand zu Lebzeiten des gestürzten Kaisers und unter dem unmittelbaren Eindruck der restaurativen Frühphase. Zu verstehen ist die Restauration als vielschichtiger Umbruch, bei dem Politik, Kultur, Militär, Wirtschaft und Gesellschaft tiefgreifend29 umgewälzt wurden: Politisch gesehen folgte auf Napoléons Empire die bourbonische Königsherrschaft, die „von oben“ eine großzügige Revision durchführte. Am unmittelbarsten wurde diese in zwei Sektoren spürbar: Zunächst im künstlerisch-literarischen Bereich, wo die unter Napoléon entstandene Kunst verbannt und dafür Werke, die dem System Napoléons kritisch gegenüberstanden, wieder autorisiert und gefördert wurden. Einschneidende Veränderungen äußerten sich außerdem im Militär, in dem Offiziere, die unter Napoléon gedient hatten, überwacht, degradiert oder gar entlassen wurden.30 Hinzu kam, dass die Wiener Kongressdiplomatie eine Phase des Friedens einläutete, was zahlreiche Soldaten beschäftigungs- und damit sozial nutzlos machte. Die Transformation zog in der Gesellschaft aber noch weitere Kreise: Die bis dato vollbeschäftigen Bauern, aber auch privilegierte Großbürger nahmen das neue Zeitalter häufig als negativ konnotiertes wahr, als eines, das durch die Jagd nach Rückgängigmachung geprägt war.31 Diejenigen, die ihr soziales Standing als bedroht ansahen, blickten oft nostalgisch und mit mythenhafter Verehrung in die napoléonische Zeit zurück.32 Unfreiwilliges Nebenprodukt der royalistischen Repressionspolitik war damit jene Symbolik, nach der Napoléon der heroisch legitimierte politische Gegenentwurf zur tradierten Erbmonarchie wurde.33 Stendhal, seit 1816 selbst „demi-solde“34 und allmählich35 von dieser Mentalität ergriffen, nahm dabei das Projekt in Angriff, eine eigene und vor allem neutrale Darstellung über Napoléon in Form einer Biographie zu verfassen. Bestärkt wurde das Vorhaben zur „Vie de Napoléon“ durch die „Considérations sur les principaux événements de la Révolution Française“ von Germaine de Staël, die in ihren Anschauungen dem Kaiser diffamierend begegnete.36

Die drei übrigen Werke, die wir in unsere Analyse aufnehmen – „Le Rouge et le Noir“, „Mémoires sur Napoléon“ sowie „La Chartreuse de Parme“ –, wurden allesamt im Verlauf der 1830er Jahre verfasst – in einem Jahrzehnt, das „ne marque pas une rupture, mais une explosion dans le développement de la légende napoléonienne à tous les niveaux […].“37 Bereits Napoléons Ableben 1821 wurde als Heldentod eines Märtyrers stilisiert38 – ein Bild, welches zwei Jahre später durch das von Las Cases veröffentliche „Mémorial de Sainte Hélène“ an Schärfe gewann. Unter der Regentschaft von Charles X. noch als Usurpator verunglimpft, erfuhr Napoléon und dessen Mythifizierung im Rahmen der Julirevolution 1830 neue Aktualität – und Legitimität. Zunächst diente der Bonapartismus als Inspirationsquelle39 für die Pariser Unruhen, die sich gegen die ultraroyalistische Regierungsweise des Königs richteten. Es kam zum Regierungswechsel: An der Macht war nun der „Bürgerkönig“ Louis-Philippe. Dessen Krisenmanagement – er musste ja die Träger der Revolution beschwichtigen und die eigene Herrschaft legitimieren – sah vor, den Bonapartismus zu adaptieren, ja zu institutionalisieren.40 Der vertriebene Kaiser wurde in vielen Werken Referenz-, wenn nicht sogar Fixpunkt.41

2.2 Deduktion: Das Mémorial von St. Helena und Stendhals Werk – Versuch einer Synthese

Wie im theoretischen Teil erläutert, besteht der im St. Helena-Mémorial konzipierte Mythos im Wesentlichen aus drei Versatzstücken. Auf diese wollen wir im Folgenden näher eingehen und mit Stendhals Mythenkonzeption abgleichen.

2.2.1 Napoléon als Repräsentant der Revolution

Bereits während seiner aktiven politischen Karriere propagierte Napoléon den Leitgedanken, dass er der Vollender, ja: der Retter der Revolution sei („Bürger! Die Revolution ist zu den Grundsätzen zurückgekehrt, von denen sie ausging; sie ist zu Ende.“42 ). Analog dazu ist die Darstellung im Mémorial, wenn Napoléon Las Cases zufolge die (ohnehin unumgängliche43 ) Revolution mit einem Düngerhaufen vergleicht, „der eine bessere Vegetation hervorruft.“44 Napoléon habe sich mit dieser Überzeugung in den Dienst der Jakobiner gestellt und am 15. Dezember 1799 keinen „Staatsstreich“45, sondern „unter allgemeinen Beifallsrufen“ die ohnehin selbstverständliche Revolution vollzogen.46 Die Innenpolitik (etwa gegenüber den Bourbonen), aber auch die Außenpolitik (beispielsweise in Italien), so Las Cases weiter, sei stets den Prämissen der Revolution gefolgt.47 Und wie wir weiter im Mémorial lesen können, war für den Kaiser ein egalitäres Prinzip der Leitfaden, nach dem er seine Sozialpolitik aufzog: Bildung und Kultur sollten für alle gleichermaßen zugänglich und die Karriereleiter ohne Hindernisse zu erklimmen sein.48

Beide Selbstzuschreibungen, einerseits das egalitäre Prinzip, andererseits die tragende Rolle, die Napoléon für das Gelingen der Revolution spielte, finden wir in Stendhals epischem Werk wieder. Bemühen wir zunächst das erste Kapitel von „La Chartreuse de Parme“, so wird im Textausschnitt (I) ein positives wie pointiertes Fazit zum frühen politischen Schaffen von Napoléon gezogen:

De retour à Paris [i.e. en décembre 1797, P.F], Napoléon, par de sages décrets , sauvait la révolution à l’intérieur, comme il l’avait sauvée à Marengo contre les étrangers.49

Bemerkenswert ist dieser kurze Textauszug zunächst aus stilistischer Sicht, wir begegnen dem Stendhal’schen Perspektivismus: Auf einen aufgestellten Befund, nämlich dass Napoléon die Revolution gerettet habe, geht der Erzähler nicht weiter ein und stellt ihn gleichzeitig als objektive Wahrheit hin: „Kein Leser zweifelt, daß es so ist, auch ohne daß der Autor besondere Versicherungen abgibt.“50

Bezug nimmt dieses Zitat auf Napoléons Italien-Feldzug 1796-97, der nicht nur bei Stendhal von einer Befreiungsrhetorik durchzogen ist.51 Innen-, an dieser Stelle insbesondere außenpolitisch sei Napoléon der Befreier eines unterdrückten Volkes. Im Mittelalter von den deutschen Kaisern unterjocht erwachte mit dessen Ankunft die alte Mentalität der republikanisch-gesinnten Lombarden. Sie schlossen sich, so der Erzähler weiter, dem französischen Feldherrn an und konnten sich bald von den österreichischen Unterdrückern emanzipieren. Die Frage, weshalb die Italiener dem französischen Kaiser angeblich derart bereitwillig folgten, muss an dieser Stelle noch offen bleiben…

Konsultieren wir darauf aufbauend „Le Rouge et le Noir“: Der Textausschnitt (II) setzt ein, als der 19-jährige Protagonist Julien Sorel einen neuen Versuch unternimmt, seine über zehn Jahre ältere Hausherrin Mme de Rênal zu verführen und dabei über die Engstirnigkeit und über den Neureichtum der Restaurationsgesellschaft sinniert:

– Ah ! s’écria-t-il [i.e. Julien, P.F], que Napoléon était bien l’homme envoyé de Dieu pour les jeunes Français ! qui le remplacera ? que feront sans lui les malheureux, même plus riches que moi, qui ont juste les quelques écus qu’il faut pour se procurer une bonne éducation, et pas assez d’argent pour acheter un homme à vingt ans et se pousser dans une carrière ! Quoi qu’on fasse, ajouta-t-il avec un profond soupir, ce souvenir fatal nous empêchera à jamais d’être heureux !52

Deutlich wird, wie nostalgisch der 1807 geborene Julien Sorel auf das „goldene Zeitalter“ unter Napoléon, dem (nota bene) Gottgesandten, zurückblickt: Einem jungen Franzosen seien während des Empire nicht nur individuelle Entfaltungsmöglichkeiten, sondern auch einmalige Bildungs- sowie zahlreiche Aufstiegsmöglichkeiten zur Verfügung gestanden – Möglichkeiten, die unter der Restaurationsgesellschaft nun fehlten. Damit ist auch Julien Sorels paradoxes Grundgefühl zu erklären, das den Roman leitmotivisch durchzieht: genau dieses „souvenir fatal“, eben jene nostalgische Lebensauffassung. Beide Konzepte, entstanden im Wissen um eine glücklichere Vergangenheit, resultieren in einer tiefen Abneigung gegenüber seiner eigenen Gesellschaft und zwingen Julien, seinen unbändigen Ehrgeiz durch ein perfektes System der hypocrisie zu kaschieren.53

Ein einseitig positives Narrativ also: Napoléon als Allegorie eines goldenen Zeitalters, als heroischer Vollender der Revolution und im Zuge dessen als mythischer Befreier einer unterdrückten Nation. Und doch wäre es verkürzend, diese Darstellungsweise bezüglich eines in der revolutionären Tradition stehenden Napoléon auf Stendhals gesamtes episches Werk zu übertragen. Bleiben wir nämlich bei „Le Rouge et le Noir“, so entdecken wir immer wieder Textstellen, in denen diese Meistererzählung umgeschrieben wird – wie beispielsweise im Zuge einer Diskussion zwischen den zwei Reisenden Falcoz und Saint-Giraud, von der Julien, auf der Reise nach Paris, Zeuge wird. Saint-Giraud ist es, der im Textausschnitt (III) den einstigen Kaiser geradezu diffamiert:

– Ton empereur, que le diable emporte, reprit l’homme de quarante-quatre ans, n’a été grand que sur ses champs de bataille, et lorsqu’il a rétabli les finances vers 1802. Que veut dire toute sa conduite depuis ? Avec ses chambellans, sa pompe et ses réceptions aux Tuileries, il a donné une nouvelle édition de toutes les niaiseries monarchiques.54

Napoléons politisches Lebenswerk wird von Saint-Giraud alles andere als positiv dargestellt. Ja, seine Kriegsführung und seine Finanzpolitik im Jahre 1802 seien eindrucksvoll gewesen; 1802 – das war jedoch auch das Jahr, in dem Napoléon durch ein Plebiszit Konsul auf Lebenszeit wurde. Saint-Girauds Haltung entspricht also dem heutigen geschichtswissenschaftlichem Paradigma55, tatsächlich näherte sich vieles wieder den einstigen „niaiseries monarchiques“ an, inklusive entsprechender Allüren.56 Im Vergleich mit den beiden vorangegangenen Textausschnitten und unter Berücksichtigung des für Stendhal typischen Perspektivismus eröffnet sich hierbei ein erstes ambivalentes Spannungsfeld. Hinzu kommt, dass Stendhal als Napoléon-Biograph bereits 1817/ 18 in dieselbe Kerbe wie seine Figur Saint-Giraud schlägt, wenn er schreibt, Napoléon habe „une couronne devant les yeux“ und wolle „fonder une dynastie de rois“.57 Zwar weniger dezidiert, aber dennoch dazu passend beschreibt Stendhal auch in den rund 20 Jahre später erschienenen „Mémoires sur Napoléon“ dessen Hass gegenüber den Jakobinern.58 Auch verweist Stendhal auf die Tatsache, eine Republik sei überhaupt nicht „assez riche […] pour envoyer ce qu’elle a de mieux en Égypte.“59

Als erstes Fazit ist zu ziehen, dass Stendhal ein durchaus spannungsvolles Bild zum Verhältnis zwischen Napoléon und der Revolution zeichnet. Positiv ausgedrückt geht Stendhal dabei differenziert, negativ betrachtet ziemlich widersprüchlich vor. Wir konnten zudem sehen, dass die unterschiedlichen Interpretationen nicht diachron, sondern synchron, innerhalb von einzelnen Werken gemacht wurden. Der Zeitraum zwischen 1799 bis 1802 wurde in diesem Zusammenhang klar als politischer Umbruch wahrgenommen, der sich auch im literarischen Urteil über ihn widerspiegelt.

[...]


1 Eigentlich Marie-Henry Beyle; sein von ihm selbst gewähltes Pseudonym „Stendhal“ wird im Folgenden beibehalten.

2 Vgl. Descotes: Napoléon et les écrivains, S. 154f.

3 Ders., S. 160.

4 Heisler: Stendhal et Napoléon, S. 14.

5 Vgl. Descotes: Napoléon et les écrivains, S. 8; ebenso Bluche: Bonapartisme, S. 225.

6 Münkler: Mythen, S. 7, vgl. auch Bluche: Bonapartisme, S. 168.

7 Pandel: Historisches Erzählen, S. 63.

8 Münkler: Mythen, S. 14f.

9 Vgl. Pandel: Historisches Erzählen, S. 65.

10 Als Beispiel hierfür u.a. Heisler: Stendhal et Napoleon, S. 74f.

11 Bluche: Bonapartisme, S. 168.

12 Zum historischen Wert dieser Biographien vgl. Heisler: Stendhal et Napoléon, S. 93-95 und S. 106-112.

13 Eine geschichtswissenschaftliche Diskussion über den Wahrheitsgehalt der Aussagen wird an dieser Stelle ausbleiben, bei der Betrachtung von Stendhals Mikrokosmos tut diese schließlich nichts zur Sache.

14 Ullrich: Napoleon, S. 144.

15 Marquart: Held und Nation, S. 15.

16 Bluche: Bonapartisme, S. 192.

17 Tulard: Mythos, S. 507.

18 Las Cases‘ Version ist die wohl bekannteste, jedoch nicht die einzige Darstellung. Daneben verfügen wir über die Mémoiren von beispielsweise Barry O’Meara, vgl. Marquart: Held und Nation, S. 16,

19 Vgl. das Vorwort von Oskar Marschall von Bieberstein in: Las Cases: St. Helena, I; hier wird Napoléons ehemaliger Staatssekretär als ein „so treuer, wo warmer, so aufrichtiger Verehrer Napoleons“ beschrieben.

20 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 146; ebenso Tulard: Mythos, S. 506, sowie Lidsky/ Klein-Lataud: Le Rouge et le Noir, S. 126.

21 Tulard: Mythos, S. 507.

22 Bluche: Bonapartisme, S. 174.

23 Gonnard: Les origines de la légende, S. 190f.; vgl. auch Dechamps: S. 40.

24 Jeweils ebd.

25 Jeweils ebd.

26 Vgl. Gonnards gleichnamige Monographie: Les origines de la légende; ebenso Bluche: Bonapartisme, S. 167.

27 Vgl. Heisler: Stendhal et Napoléon, S. 105; ein weiteres Beispiel: Das Vorwort des 22. Kapitels des zweiten Buches von „Le Rouge et le Noir“.

28 Auerbach: Mimesis, S. 403; vgl. dazu passend auch: Lidsky/ Klein-Lataud: Stendhal, S. 56; zudem trägt „Le Rouge et le Noir“ den Untertitel „Chronique de 1830“.

29 Tiefgreifend zwar, aber nicht allumfassend, vgl. hier: René Rémond: Le XIXe siècle, S. 14.

30 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 145.

31 Vgl. Balzac: Colonel Chabert, S. 127.

32 Vgl. Marquart: Held und Nation, S. 23.

33 Vgl. Ullrich: Napoleon; und ganz ähnlich Marquart: Held und Nation, S. 16.

34 Vgl. Descotes: Napoléon et les écrivains, S. 160.

35 Erwähnenswert ist, wie Stendhal nach 1815 zunächst noch versuchte, sich ins royalistische System einzugliedern, vgl. Heisler: Stendhal et Napoléon, S. 89f., ebenso wie Descotes: Napoléon et les écrivains, S. 159.

36 Bezogen auf Staëls historische Darstellung ist auch der erste Satz dieser frühen Napoléon-Biographie zu verstehen: „J’écris l’histoire de Napoléon pour répondre à une libelle.“, in: Stendhal: Vie de Napoléon, S. 9.

37 Bluche: Bonapartisme, S. 223.

38 Vgl. Marquart: Held und Nation, S. 15f.

39 Vgl. Lucas-Dubreton: Culte de Napoléon, S. 271, sowie S. 277.

40 Dies geschah vor allem kulturell: So wurden (Zitat) „unzählige“ Theaterstücke über den Kaiser aufgeführt; vgl. Ullrich: Napoleon, S. 146; ebenso: Lucas-Dubreton: Culte de Napoléon, S. 286f. sowie Bluche: Bonapartisme, S. 224.

41 Als Beispiele neben den Werken Stendhals: Victor Hugos Gedicht „À la colonne“, Alexandre Dumas‘ Drama „Napoléon ou trente ans de l’histoire de France“ oder Honoré de Balzacs Novelle „Le médecin de campagne“.

42 Ausspruch Napoléons anlässlich der 18. Brumaire im Dezember 1799, zitiert nach Ullrich, S. 51; vgl. auch: Weis: Durchbruch, S. 170.

43 Vgl. Las Cases: St. Helena II, S. 18.

44 Ders., S. 98.

45 Napoléons Vorgehen während der 18. Brumaire trägt in der heutigen Geschichtswissenschaft nicht selten die Etikette des Staatsstreichs, vgl. Ullrich: Napoleon, S. 51.

46 Las Cases: St. Helena I, S. 199.

47 Vgl. Bluche: Bonapartisme, S. 173.

48 Vgl. Gonnard: Les origines de la légende, S. 195f.

49 Stendhal: La Chartreuse de Parme, S. 35; die Markierungen stammen vom Verfasser der vorliegenden Arbeit.

50 Köhler: Vorlesungen, S. 32.

51 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 42; auch Napoléon selbst verwendete diese Rhetorik, wenn er vor dem italienischen Volk proklamierte: „Völker Italiens! Die französische Armee kommt, um eure Ketten zu zerbrechen!“, in: Leonhard: Bellizismus, S. 172.

52 Stendhal: Le Rouge et le Noir, S. 97; die Markierungen stammen vom Verfasser der vorliegenden Arbeit.

53 Vgl. Köhler: Vorlesungen, S. 22; ebenso: Lidsky/ Klein-Lataud: Le Rouge et le Noir, S. 65.

54 Stendhal: Le Rouge et le Noir, S. 232; die Markierungen stammen vom Verfasser der vorliegenden Arbeit.

55 Napoléon erhielt beispielsweise das Recht, seinen Erben ebenso wie die Senatsmitglieder zu bestimmen: „Faktisch agierte er nun als Alleinherrscher“, in: Ullrich: Napoleon, S. 62.

56 Vgl. Tulard: Mythos, S. 185; ebenso Ullrich: Napoleon, S. 66.

57 Stendhal: Vie de Napoléon, S. 54f.; markant ist an dieser Stelle die Terminologie, die Stendhal verwendet: Bezeichnet er die im Jahre 1796 vom Direktorium etablierte Staatsform als „République“ (vgl. z.B.: Stendhal: Mémoires sur Napoléon, S. 266), so definiert er das Empire als eine „véritable dictature“ (vgl. z.B. Stendhal: Vie de Napoléon, S. 54).

58 Vgl. Stendhal: Mémoires sur Napoléon, S. 305.

59 Stendhal: Mémoires sur Napoléon, S. 304.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
"Il choisit son Napoléon". Stendhals Konzeption des Napoléon-Mythos
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Stendhal
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V282776
ISBN (eBook)
9783656820727
ISBN (Buch)
9783656820741
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
napoléon, stendhals, konzeption, napoléon-mythos
Arbeit zitieren
Philipp Freyburger (Autor), 2014, "Il choisit son Napoléon". Stendhals Konzeption des Napoléon-Mythos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282776

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