Mudjun: Frivole Literatur des arabischen Mittelalters


Bachelorarbeit, 2013

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Prolog

2 Was ist muǧūn?
2.1 Begriffsdefinition
2.2 Klassifikation
2.3 Charakteristika

3 Muǧūn in seiner Blütezeit
3.1 Muǧūn im literarischen und sozio-kulturellen Umfeld
3.2 Rezeption und Intention

4 Vertreter des muǧūn
4.1 Baššār b. Burd
4.2 Ibn al-Ḥaǧǧāǧ

5 Epilog

6 Literaturverzeichnis

7 Übersetzung
7.1 Kitāb al-imtāʾ wa-l-muʾānasa
7.2 Ibn al-Ḥaǧǧāǧ

1 Prolog

Die Schamgrenze ist ein aufschlussreicher Indikator für das Alltagsleben und die kulturellen Gewohnheiten einer Gesellschaft, noch mehr die Art und Weise, wie damit umgegangen wird. Literatur ist dabei ein Zeugnis, das uns noch Jahrzehnte später über dieses Element informieren kann. Die anhaltenden Diskussionen um moderne Bücher, wie beispielsweise der provokante Bestseller Feuchtgebiete von Charlotte Roche, ließen auch mich darüber nachdenken, wie eine Schamgrenze definiert wird und wie Literatur sie mit welchen Auswirkungen behandelt. Muǧūn bewegt sich permanent um die Schamgrenze der arabischen Literatur herum und unweigerlich stellt sich die Frage, ob und auf welche Art und Weise die Integration in den literarischen Korpus der arabischen Welt funktioniert. Diese Gedankengänge führten mich zu einer intensiveren Beschäftigung mit diesem Thema, deren Ergebnisse in der folgenden Arbeit vorliegen. Obwohl es relativ leicht fiel, aus etlichen Beispielen und Werken Teile herauszufiltern, die in diese Kategorie der arabischen Literatur hineinfallen (natürlich geschieht die Zuordnung in einem gewissen Maß subjektiv), ist es kaum möglich, eine prägnante Beschreibung bzw. Definition zu erstellen, die dem Leser ein scharfes Bild darüber vermittelt, was muǧūn genau meint. Es scheint, als ob jede Quelle, sowohl primäre Quellen als auch wissenschaftliche Bearbeitungen, einen anderen Aspekt einer schemenhaften Gestalt beleuchtet, die jedoch nie klare Umrisse gewinnt. Genauere und ausführlichere Untersuchungen zu diesem speziellen Thema wurden weder von arabischen Wissenschaftlern des Mittelalters noch von Europäern des modernen Zeitalters unternommen. Die einzige breitere Quelle bietet in dieser Hinsicht Julie Scott Meisami, die 1993 die Abhandlung Arabic Muj ūn Poetry: The Literary Dimension verfasste. Die restlichen Bearbeitungen sind meist nur kurze Erwähnungen oder kleine Zusammenfassungen eines Begriffes, der ein weitläufiges literarisches Feld abdeckt. Dementsprechend deckt sich kaum eine Erwähnung mit einer anderen. Die Vielfalt und das weite Begriffsspektrum machen die Arbeit mit und über muǧūn aber umso interessanter und kurzweiliger. Die Auswahl der primären Quellen ist natürlich subjektiv und verschwindend gering, wenn man die Fülle an überlieferten mittelalterlichen Schriften betrachtet, denn wenn auch wissenschaftliche Bearbeitungen des Themas eher rar sind, so ist der Anteil an muǧūn in Originaltexten selbst reichhaltig.

Im Allgemeinen wird muǧūn mit erotischer Literatur in Verbindung gebracht. Dass dies aber nur ein Bruchteil der Bedeutung ist, wird in dieser Arbeit gezeigt. Aus der europäischen und neuzeitlichen Perspektive steht das Lesen derartiger Literatur unter anderem Stern und um ihr gerecht zu werden, müssen - wie bei allen literarischen Besonderheiten - die Texte in ihrer Blütezeit, im arabischen Mittelalter zur Zeit der Abbasidenherrschaft (750-1500) gesehen werden, auf nachfolgende Entwicklungen soll diese Arbeit nicht weiter eingehen.

2 Was ist muǧūn?

2.1 Begriffsdefinition

Muǧūn ist ein Begriff, der genauso schwer definierbar ist wie die abstrakten Themen der Poesie, der Unterhaltung, des Niveaus und des guten Geschmacks, die damals wie heute im Orient und Okzident allgegenwärtig sind. Der Versuch, eine einheitliche und klare Definition von muǧūn zu erstellen, ist bereits den Linguisten des arabischen Mittelalters nicht gelungen, wie auch die Erläuterungen der modernen Wissenschaft weitgehend uneinheitlich sind. In diesem Kapitel werden demzufolge eher die verschiedenen Facetten der Definitionen in den Mittelpunkt gestellt, die über muǧūn existieren und die Arbeit damit erleichtern sollen. Auffällig ist, dass die Bearbeitung der Wurzel m-ǧ-n, soweit sie als diese definiert wird,[1] größtenteils zuerst mit dem aktiven Partizip m āǧin beginnt. Offensichtlich fiel es den Linguisten leichter, die Charakteristika eines Menschen, eines f ā ʿ il, zu erläutern, als das weite Feld von muǧūn einzugrenzen und literarisch zu definieren.

Der König der arabischen Wörterbücher, das Lis ā n al- ʿ arab, zeigt, dass diese Aufgabe selbst einem hochrangigen Lexikographen schwer fiel. Ibn Manẓūr geht zuerst davon aus, dass die Wurzel m-ǧ-n etwas Festes oder Verhärtung bedeutet (ṣ aluba wa- ġ alu ẓ a), wobei auch rau oder rücksichtslos im übertragenen Sinne gemeint sein kann. Dieser Gedanke wird mit der Ableitung zu al-m āǧin weitergeführt als jemanden mit einer festen/unnachgiebigen Erscheinung (li- š al ā bat waǧhihi) und auch einem Mangel an Scham (qillat isti ḥ y ā ʾ ihi).[2] Dort stößt man bereits auf ein wesentliches Merkmal des literarischen muǧūn: Schamlosigkeit und vor allem Indifferenz in Bezug auf Kritik bzw. Tadel (ʿ a ḏ l) und auf die Reaktion anderer. Dadurch zeichnet sich ein m āǧin laut Ibn Manẓūr hauptsächlich aus, wobei er selbst einen kritisierenden Unterton nicht verbergen kann:

Und der m āǧin den Arabern zufolge: Der, der die empörenden Hässlichkeiten und peinlichen Skandale begeht und ihn weder Tadel seines Kritikers bekümmert noch die Zurechtweisung von seinem Zurechtweiser.[3]

Muǧūn: [Bedeutet,] dass der Mensch unbekümmert ist (l ā yub ā l ī) bei dem, was er tut.[4]

Ein Dichter im k. al- ʾ Imt ā ʿ wa-l-mu ʾ ā nasa wendet sich in seinen Versen an seine Kritiker selbst:

Oh mein Tadler, du übertreibst in deinem Tadel des betörten Lüsternen (al- ḫ al ī ʿ al-mustah ā m)

Ein Mann beißt, wenn du ihn belehrst über das Genuschel

Lass den Tadel dessen, der sich aufbäumt gegen den Tadler und nicht auf den Tadel hört[5]

Diese Gleichgültigkeit gegenüber Kritik und damit auch eine gewisse Provokation ist aus muǧūn kaum wegzudenken und für das Schreiben derartiger Literatur notwendig. Wer schamlose Dinge schreibt, darf nicht zurückzucken, wenn man mit Kritik an seine Scham appelliert, so das Prinzip. Allerdings ist diese Interpretation der Wurzel m-ǧ-n nicht die einzige, die Ibn Manẓūr in Betracht zieht. Seine weiteren Ausführungen entfernen sich von diesem Sinn, z.B. hält er in Referenz zu anderen Quellen das mim als Vorsilbe (mim z ā ʿ ida) und nicht zur Wurzel gehörig für möglich.

Ein anderer und früherer Philologe setzt noch einen weiteren Akzent, auch wenn das Kapitel zu m-ǧ-n nur kurz ist. Az-Zamaḫšarī bezieht den m āǧin auf einen, der viel sinnlose Faselei (ha ḏ ay ā n [6] ) von sich gibt und weder in seinem Reden noch Tun Grenzen kennt[7], was wieder auf die bereits erwähnte Schamlosigkeit anspielt. Die Vorstellung eines andauernd plappernden Menschen ohne Sinn für das richtige Maß lässt den m āǧin eher dumm erscheinen, und hier stellt sich die Frage, inwieweit sich das auf die literarische Perspektive anwenden lässt. Kann muǧūn dumme und sinnlose, nervtötende Literatur sein?

Im 20. Jh. sieht man den Begriff nicht mehr gleich so negativ. Wehr geht in seinem Wörterbuch zuerst eher von einer humorvollen Angelegenheit aus, in der Verbalform bedeutet es demnach scherzen oder auch spotten. Erst wieder bei m āǧin taucht die Unverschämtheit und Schamlosigkeit auf, muǧūn ist letztendlich Possenreißerei.[8] In dem kleinen Kapitel bei Lane bezieht sich der Begriff wieder auf die bereits erwähnte Indifferenz.[9] Die neuzeitliche Auffassung des Begriffes muǧūn ist bei beiden eindeutig harmloser als die der beiden mittelalterlichen Lexikographen. Oft taucht auch die Übersetzung „frivol“ oder „obszön“ auf, dies bezieht sich auf die erotische Ebene, auf der sich muǧūn gerne bewegt. Möchte man also eine Definition erstellen, die sich auf alle vier erwähnte Linguisten beruft, muss man eindeutig eine schamlose und kritikverwehrende Haltung oder Handlung in den Vordergrund stellen. Obwohl dies eindeutig der Schwerpunkt ist, deckt es den Begriff nicht in seinem Umfang ab, sondern berührt nur eine von vielen Facetten. Laut der Encyclopedia of Islam ist der Grund für die relativ unzureichende Bearbeitung dieses Begriffs bei den arabischen Gelehrten eine gewisse Scham davor,[10] die einen amüsanten Kontrast zur Thematik darstellt.

2.2 Klassifikation

Obwohl muǧūn in mehreren Verweisen als eine literarische Gattung auftaucht, halte ich es für unmöglich, die Zusammenfassung allein des Bruchteils meiner bearbeiteten Quellen als eine eigene, geschlossene Gattung zu bezeichnen, vielmehr schleicht sich muǧūn in andere Gattungen ein. Bevorzugt findet man Elemente der muǧūn -Literatur natürlich in Gattungen, die eine thematische Nähe aufweisen und eine unbekümmerte und nicht allzu konservative Grundhaltung zumindest im Ansatz voraussetzen, wie beispielsweise die Weingedichte (ḫ amr ī y ā t). Doch selbst auf eine der großen Gattungsbegriffe Lyrik, Prosa und Drama lässt muǧūn sich nicht eingrenzen.

Das arabische Mittelalter ist eine Zeit des Geschichtenerzählens und der Dichtkunst. Erzählung, Überlieferung, Dichtung und Sammlung von Literatur erleben einen Aufschwung, der Verweis auf altarabische sowie das Aufblühen neuer Formen ist im kulturellen

Hoch der arabischen Literatur unvermeidlich. Da die Poesie in der Abbasidenherrschaft ihren Höhepunkt erreichte, kann man bei muǧūn von einem hauptsächlich poetischen Phänomen sprechen. Doch prosaische Werke, qisas, die Geschichten aus Alf layla wa-layla, die Erzählelemente ( ḥ ik ā ya) von AbūNuwās oder auch das Schattentheater von Ibn Danyāl enthalten ebenso einen reichhaltigen Anteil an muǧūn und dürfen nicht vergessen werden. Denn auch diese Elemente beleuchten den Begriff von einer anderen Seite und entziehen ihn einer exakten Klassifizierung.

Das beispiellose prosaische Werk voller muǧūn ist die Ḥ ik ā yat Ab ī l-Q ā sim, welche hier als Vertreter der Prosa genannt werden soll. Der Hauptcharakter ist ein m āǧin im extremsten Sinn, seine Obszönitäten beleidigen sowohl Gastgeber als auch Gäste auf einer Feier. Passenderweise zitiert er etliche Verse von Ibn al-Haǧǧāǧ,[11] der als einer der wichtigsten Vertreter des muǧūn gilt. Würde man muǧūn als ein Genre betrachten, das sowohl in Lyrik, Epik als auch in dramatischen Werken, sofern man die Formen von Theater im arabischen Mittelalter so bezeichnen kann, zu finden ist, müsste man Regeln und Merkmale finden, die auf alle Textbeispiele zutreffen und sie von anderen Genres abgrenzen. Dies ist nur auf einen weiten Themenkreis bezogen möglich, sodass muǧūn zu den Thema- oder Zweckorientierten Genres (a ġ r ā ḍ)[12] zu rechnen wäre. Allerdings ist diese Abgrenzung eher lose vorgenommen und Themen und Kategorisierung als muǧūn bedingen sich nicht grundsätzlich gegenseitig. So erscheint auch diese Einordnung in die Gruppe der a ġ r ā ḍ nicht optimal und führt mich eher dazu, muǧūn nicht als ein Genre oder einen Gattungsbegriff zu bezeichnen, sondern als einen Stil, einen Modus, der ġ azal, hiǧā ʾ , mad ī ḥ , ḥ ik ā ya usw. modifiziert und zu muǧūn macht. Dieser Stil sticht weder durch verbindliche Merkmale oder einheitliche Thematik heraus, sondern eher durch eine gewisse Grundatmosphäre und Grundhaltung, die ein Autor durch sein Schreiben dem Leser präsentiert. Dass diese Grundhaltung, die sich in muǧūn offenbart, nicht zwangsweise den Lebensstil und auch nicht andere Werke des Autors, nicht einmal die umgebenden Zeilen widerspiegeln muss, ist in den folgenden Kapiteln nachzulesen.

2.3 Charakteristika

Bei der Frage, wie diese Atmosphäre oder dieser Stil von muǧūn entsteht, ist es nötig, markante Beispiele auf ihre Themen, ihre Wortwahl und natürlich auch auf die Gattung zu untersuchen, sodass am Ende ein Korpus von Merkmalen entsteht, die muǧūn kennzeichnen können. Ein oft hervorstechendes Merkmal ist die Einbindung von Humor (hazl). Im k. al- ʾ Imt ā ʿ wa-l-mu ʾ ā nasa wird die entsprechende Nacht, die dem muǧūn gewidmet ist, ganz explizit mit einem reichlichen Zusatz von hazl eingeleitet:

Komm, lass uns schließlich unsere Nacht zu dieser muǧn ūn ī ya machen, und wir nahmen vom Humor einen reichlichen Anteil (min al-hazl bi-na ṣ ī b w ā fir [13] )

Geschichten und Anekdoten mit muǧūn sind häufig humorvoll und mit einer gewissen Nachsichtigkeit zu lesen. Von einem etwas geschmacklosen Scherz wird auch in einer anderen Schrift von at-Tawḥīdī erzählt. Er berichtet in al-Ba ṣ ā ʾ ir wa- ḏ - ḏ a ḫ ā ʾ ir von AbūHiffān und Ibn Abī Ṭāhir, die einen Tod vortäuschen, um Geld von einem Freund für das Totenhemd zu erbitten[14]. Als dessen Treuhändler (wak ī l) dann bei der Überprüfung Zweifel hat und dem vermeintlich Toten die Nase zuhält, lässt dieser auf einmal einen Wind fahren (ḍ ara ṭ a). Der folgende Dialog repräsentiert den Humor des muǧūn in dieser Episode hervorragend:

Und er [der Treuhändler] drehte sich zu mir und sagte: Was ist das? Ich sagte: Das ist der Rest seiner Seele. Sie hasste seinen Mundgeruch und entwich deshalb aus dem Hintern! Und er lachte bis zum Umfallen, und zahlte mir drei Dinare und sagte: Ihr seid wahrlich muǧǧ ā n, gebt es aus, wofür ihr es braucht[15].

Auch hier sieht man den eher obszönen Humor, der muǧūn einzigartig macht; in dieser Anekdote werden die beiden Hauptakteure explizit als muǧǧ ā n bezeichnet. Ob die Geschichte tatsächlich passiert ist, ist eher anzuzweifeln, wie auch deren Urheberschaft, da dieses Ereignis in verschiedenen Werken anders erzählt wird, mit anderem Wortlaut und anderer Rollenverteilung[16]. Das Phänomen der Verfälschung von (wahrscheinlich langer mündlicher) Überlieferung lässt vermuten, dass Derartiges zumindest in der Dreistigkeit und Originalität nicht passiert ist und unterstützt meine Behauptung, muǧūn sei ein hauptsächlich literarisches Phänomen und ließe von den Texten weniger auf die Urheber selbst schließen. Dennoch existieren qualifizierende Bezeichnungen wie muǧǧ ā n oder m āǧin nicht nur, sondern werden auch häufig verwendet und Personen dadurch also mit der Eigenschaft des muǧūn charakterisiert.

Wenn man sich von der lexikalischen Perspektive entfernt und das literarische muǧūn über eine eventuelle Eingrenzung von Themen zu erreichen versucht, öffnet sich eine weite Blüte mit unzähligen Blütenblättern. Tawḥīdīs k. al- ʾ Imt ā ʿ wa-l-mu ʾ ā nasa liefert in dieser Hinsicht gleich zu

Beginn des entsprechenden Kapitels eine schöne Aufzählung von Impressionen, die muǧūn sind:

Die Sicherheit und das Wohlbefinden, und der Klaps auf die glänzende Glatze, das Kratzen des Juckreizes, das Essen der Granatäpfel im Sommer und das Vergnügen in allen Monaten, die Anwesenheit der lockeren Frauen und der dünn behaarten Knaben; der Gang ohne Hosen vor dem, vor dem man sich nicht schämt, die [schlechte] Neigung zur Schwerfälligkeit und dass du wenig gegensätzlich bist (qillat al- ḫ il ā f) zu dem, den du liebst und der Zank mit den Idioten und die Verbrüderung mit denen, die Vertrauen dazu habe und das Unterlassen der Gesellschaft mit dem Pöbel.[17]

Diese Beispiele zeugen nicht von Dummheit oder sinnlosem Gerede, sondern von Lebenslust und dem Nachgeben sinnlicher Gelüste. Zu tun, wonach es einem beliebt und die Seele sowie den Körper mit Leichtigkeit und ohne Scham zu erfreuen, könnte eine Art Motto des muǧūn sein. Eine Wohlfühl-Lebenseinstellung, ein deutlicher Hang zum Hedonismus spricht aus diesem Kapitel sowie auch aus anderen Quellen des muǧūn.

Trotz der hohen literarischen Qualität der Texte, die oft in archaische Gedichte gebettet sind und keineswegs dümmlich erscheinen, nennt Ibn al-Ḥaǧǧāǧ Narreteien und Blödeleien (su ḫ f [18] ) als unerlässlichen Bestandteil seiner Poesie.

In meiner Poesie muss der Blödsinn (su ḫ f) enthalten sein sind wir nicht geheilt von aller Scham

Kann ein Haus ohne Klosett existieren? Und könnte ein vernünftiger Mensch in solch einem Haus leben?[19]

Diese Albernheiten sind aber eher als ein gewolltes, humoristisches Element zu verstehen und stellen die literarischen Fähigkeiten und die Klugheit des Dichters nicht in Frage. Auch die Anstandslosigkeit der derberen Obszönitäten spiegelt nicht das Niveau des Schreibstils wider, das gemäß den Anforderungen der Zeit zumeist hoch bleibt. Gerade in den Versen von Ibn al-Ḥaǧǧāǧ erreicht das Niveau oft einen unterirdischen Punkt und die Gedichte sind von dialektalen Ausdrücke durchzogen. Dennoch lässt seine Ausdrucksweise keinerlei Zweifel daran, dass wir es auch bei ihm mit einem ad ā b, einem talentierten und gebildeten Literaten zu tun haben, obwohl die entsprechenden Verse voll von Vokabular sind, welches sich in den harmloseren Fällen als freizügig oder frivol zusammenfassen lässt, aber bis in extremere skatologische Ausdrücke gehen kann. Obwohl der Stil und die gekonnten Sprachspielereien sowie das Einsetzen von anspruchsvollen Stilmitten einen fähigen Autor voraussetzen, sind Umgangssprache, flapsige Ausdrücke oder Gossenjargon immer wieder präsent, was der Unkonventionalität der Texte entgegenkommt.

[...]


[1] Hin und wieder taucht die mögliche Wurzelǧ-n-n auf (Lane zufolge etwas oder jmd. verstecken, verschleiern, beschützen, in anderen Stämmen auch verrückt werden oder machen, vgl. Lane (1863-1893): s.r.ǧ-n-n), welche aber für diese Arbeit irrelevant ist.

[2] Vgl. Ibn Manẓūr (1970). 3. Bd.: s.r. m-ǧ-n, Z.1-2.

[3] Ebd.: Z. 13-15.

[4] Ebd.: Z. 18.

[5] Tawḥīdī (1960). 2. Bd.: S. 51, Z. 7-8.

[6] Der Begriff kann sogar in Richtung Geistesabwesenheit oder gar Wahnsinn verstanden werden.

[7] Vgl. Zamaḫšarī: s.r. m-ǧ-n.

[8] S. Wehr (1956): s.r. m-ǧ-n.

[9] S. Lane (1863): s.r. m-ǧ-n.

[10] S. EI [2] (1960-2002): s.v. mudjūn.

[11] Emily Jane Selove hat sich in ihrer Dissertation besonders mit dieser Ḥ ik ā ya befasst und den hier bestens passenden Teil des Schachspiels übersetzt, s. Selove (2012): S. 170-183, insbes. S. 173; 176-177.

[12] Auf diese Theorie bezieht sich auch Julie Scott Meisami; s. Meisami (1993): S. 9. Der Terminus a ġ r ā ḍ ist ebenfalls schwer zu definieren, es kann sowohl Thema oder Genre, als auch Zweck bezeichnen.

[13] Tawḥīdī (1960). 2. Bd.: S. 50, Z. 1.

[14] Vgl. Tawhīdī: S. 6, Z. 8-14.

[15] Ebd.: Z. 13-14.

[16] Z.B. vgl. Qayrawānī: S. 50, Z. 1-5.

[17] Tawḥīdī (1960). 2. Bd.: S. 50, Z. 5-8.

[18] Auch hier muss man wieder den Bedeutungsreichtum des Begriffes in Betracht ziehen, su ḫ f ist in seinem schwächsten Sinn albern, im extremsten aber vulgär, obszön, zynisch, skurril etc.; seine Verwendung bietet su ḫ f als ein hervorragendes Synonym für muǧūn an.

[19] Ṯaʿālibī: S. 321, v.u. Z. 10-11.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Mudjun: Frivole Literatur des arabischen Mittelalters
Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
31
Katalognummer
V282914
ISBN (eBook)
9783656831662
ISBN (Buch)
9783656830139
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mudjun, frivole, literatur, mittelalters
Arbeit zitieren
Karoline Köster (Autor), 2013, Mudjun: Frivole Literatur des arabischen Mittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282914

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