Flexionsmorphologischer Wandel

Am Beispiel des Verbs "haben"


Hausarbeit, 2014
16 Seiten, Note: 2,3
Marie H. (Autor)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Wie untersucht man Flexionswandel?
2.1. Analogien
2.2. Flexionskategorien und ihre Hierarchiesierung

3. Verhältnis von Form und Funktion
3.1. Verstöße gegen Uniformität und Transparenz
3.2. Fusionsgrad zwischen lexikalischer Basis und grammatischer Information
3.3. Morphologisch basierte Sprachtypologie

4. Die Tokenfrequenz

5. Das Verb haben: die Entstehung einer flexivischen Unregelmäßigkeit

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

Die deutsche Sprache erfuhr im Laufe der letzten Jahrhunderte Veränderungen, die sie zu dem machte, was sie heute ist: ein komplexes System, das aus mehreren ineinander verflochtenen Subsystemen besteht, zu denen auch die Morphologie gehört. Die Morphologie ist „die Lehre von den formalen Wortausprägungen und von den Wortbildungsprozessen […]; […] sie [kann] als die Lehre vom Bau der Wörter [bezeichnet werden]“ (Linke 1996: 47). Interessant für die vorliegende Arbeit ist hierbei die Lehre der formalen Wortausprägungen, auch bekannt als Flexionsmorphologie. Inwiefern diese im Laufe der Geschichte die deutsche Sprache einem Wandel unterzogen hat, soll sie anhand von Beispielen im sprachhistorischen Kontext präsentieren. Dabei wird sich auf den Wandel der Lehre der formalen Wortausprägungen (Flexionen) vom Mittelhochdeutschen[1] über das Frühneuhochdeutsche[2] bis hin zum Neuhochdeutschen[3] konzentriert, sowie das Althochdeutsche[4] kurz erwähnt.

Zur Analyse des Wandels werden zunächst folgende Punkte umrissen: Analogien, Kategorien und ihre Hierarchien, das Verhältnis von Form und Funktion der Flexionsmorphologie und der Einfluss der Gebrauchsfrequenz. Im Laufe der Arbeit wird deutlich werden, wie eng diese Strukturen miteinander verbunden für einen morphologischen Wandel in der Sprache verantwortlich sind. Schließlich wird der flexionsmorphologische Wandel des Verbs haben kurz angerissen.

Die Arbeit soll den Vorweg zu einem Ausblick auf die Zukunft im Hinblick auf die Gründe der Entwicklung der deutschen Sprache von der Vergangenheit zum Heute bilden, welcher im Fazit wieder aufgegriffen wird.

2. Wie untersucht man Flexionswandel?

2.1. Analogien

Analogien sind „Veränderungen von Wörtern oder Wortformen nach dem Muster anderer Wörter/ Wortformen“ (Nübling 2010: 44). Anhand von ihnen kann flexivischer Wandel untersucht werden, indem man verschiedene Verben gleicher Regularität musterhaft gegenüberstellt (vgl. ebd.). Hierbei ist die Produktivität der Verben von großer Bedeutung, denn schwache Verben können „für die Flexion neuer Wörter genutzt […] [werden]“ (ebd.), da sie sich aufgrund höherer Wahrscheinlichkeit eher als Muster für Analogien eignen. Mit der Produktivität der Muster und der Höhe ihrer Typenfrequenz steigt die Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit der Analogien, was seit dem Fnhd. dazu geführt hat, dass sich mehrere starke Verben den schwachen angepasst haben und sich beugten (vgl. ebd.: 44 f.).

Gleichzeitig ist zu beachten, dass nicht nur einzelne Wörter Muster bilden können, sondern auch eine mittelgroße Gruppe gleichfunktionierender Wörter, die als Vorlage analogischer Anpassungen dienen und als Schema bezeichnet werden (vgl. ebd.: 45).

Sobald eine als Muster dienende Gruppe jedoch sehr produktiv und groß ist (wie z.B. schwache Verben), gilt sie als Regel (vgl. ebd.).

Im direkten Vergleich zu Regeln greifen „Analogien und Schemata als Muster auf die Repräsentationen der einzelnen Wörter im mentalen Lexikon [zu]“ (ebd.). Bei Regeln gibt es zum Einen die Annahme, „dass sie unabhängig von den nach ihnen funktionierenden Wörtern abgespeichert sind und damit allgemein […] [, oder, sie gelten als] nur besonders offene, durch eine hohe Mitgliederzahl gestützte Schemata“ (ebd.).

Flexionsformen, die sich im Laufe der Zeit auseinander entwickelt haben, können sich mit Hilfe von Analogien wieder näher kommen, denn diese sogenannten Flexionsparadigma sind aus „alle[n] Formen eines Wortes“ (ebd.) zusammengebildet. Sobald sich die formal und inhaltlich sehr ähnlichen Formen eines Flexionsparadigmas unähnlich werden[5], stellt ein analogischer Ausgleich den formalen Zusammenhang im Paradigma wieder her (vgl.ebd.).

Flexionswandel ist nicht allein durch Analogien herleitbar, da diese weder eine Erklärung für den Wandel der Vergangenheit, noch einen Ausblick auf die Zukunft erlauben. So ist es ratsam die unterschiedlichen Flexionskategorien näher zu betrachten.

2.2. Flexionskategorien und ihre Hierarchiesierung

Die Flexionskategorie eines Wortes drückt Informationen über das Wort anhand von grammatischen Inhalten aus (vgl. Nübling 2010: 46). Die Flexionskategorien der Verben sind Tempus, Modus und Numerus (vgl. ebd.).

Das Gotische (eine frühe germanische Sprache) besaß als weitere Kategorie eine Dualform bei den Numeri der Verben, genannt Zweizahl (vgl. Keller 1995: 44). Diese erfuhr jedoch im Laufe des Germanischen einen Abbau und ist deswegen im heutigen Deutsch nicht wiederzufinden (vgl. ebd.: 99).

Der Aufbau und Abbau von Kategorien entscheidet sich danach, ob die Informationen allgemeingültig sind, denn nur so eignen sie sich als Flexionskategorie und welchen Platz sie in der Hierarchie der Kategorien einnehmen (vgl. Nübling 2010.: 47).

Bei den Verben bezieht sich die Relevanzhierarchie auf Tempus, Modus und Person-Numerus, wobei dem Tempus die höchste und Numerus und Person die niedrigste Relevanz zuzuordnen ist (vgl. ebd.) der Grund dafür ist, dass der Tempus für die Zeitzuordnung der Handlung von Bedeutung ist, Numerus und Person hingegen keinen Einfluss auf letztere haben, sondern sich kongruent auf bereits genannte Teilnehmer beziehen (vgl. ebd.).

Hierdurch erklärt sich auch die Eliminierung der Zweizahl: aufgrund der vergleichsweise niedrigen Relevanz des Numerus, musste die Zweizahl dem Gebrauch relevanterer Kategorien beugen.

Der Grad der Relevanz entscheidet nicht nur über Aufbau und Abbau der Kategorien, sondern beeinflusst auch die Form des Wortes (vgl. ebd.: 48). Je höher der Relevanzgrad einer Kategorie, desto eher fusioniert es mit der Stammform des Verbs, wird also direkt an oder sogar in ihr als Suffix dargestellt (vgl. ebd.). Es ist aber auch möglich, dass die Kategorie Person aufgrund ihrer niedrigen Relevanz nur auf syntaktischer Ebene über Personalpronomen ausgedrückt wird und nicht am Verb selber wie beispielsweise Tempus und Modus (vgl. ebd.). Diese Unterscheidung zwischen fusionierendem oder syntaktischem Verfahren kann allerdings auch vom Alter des Verbs abhängen, denn syntaktische Ausdrücke können aufgrund ihres jungen Alters auch später noch mit der Basis fusionieren (vgl. Nübling 2010: 48). Zu syntaktisch markierten Funktionen beim Verb gehört außerdem die Diathese (vgl. ebd.), die den Aktiv-Passiv-Wechsel paraphrastisch[6] beschreibt (vgl. Linke 1996: 113). Es ist zu beachten, dass „Periphrasen zur Tempus- und Modusanzeige [dienen] […] [, wohingegen der] Person-Numerus […] erst durch die Kombination von Endungen und Subjektspronomen eindeutig markiert [wird]“ (Nübling 2010: 48 f.)

Jede der drei Flexionskategorien (Tempus, Modus und Person-Numerus) hat mindestens zwei Werte, welche ihrerseits ebenfalls hierarchisch, nach ihrer semantischen (Un-) Markierung gewichtet werden (vgl. ebd.: 49). Dabei bildet ein semantisch unmarkierter Wert die Grundform, wohingegen der von dieser Basis abgeleitete Wert markiert ist (vgl. ebd.). Eine andere Bezeichnung für unmarkiert ist „natürlich“ (Keller 2003: 156); natürlich bedeutet für Mayerthaler, dass der Wert „weit verbreitet ist und/oder [...] früh erworben wird und/oder […] gegenüber Sprachwandel relativ resistent ist oder durch Sprachwandel häufig entsteht“ (Mayerthaler 1981: 2). Sprechsituativ erklärt bedeutet das beispielsweise, dass die Gegenwart für einen Sprecher natürlicher ist als die Vergangenheit, bzw. Zukunft (letztere werden im Gegensatz zur Gegenwart markiert), wobei die Unterscheidung von natürlich und markiert sich nicht nur auf die Kategorie des Tempus anwenden lässt, sondern ebenfalls auf Modus, Numerus und Person (vgl. Nübling 2010: 49).

Der sprechsituative Ansatz birgt jedoch das Problem zu subjektiv vorzugehen. Ob nun Singular oder Plural natürlicher sind und deshalb unmarkiert sein sollten wird mit dieser Theorie nicht ausreichend erläutert.

Ein konstruktiverer Versuch ist, den Basis- und abgeleiteten Wert im Sinne von Kategoriefrequenzen differenziert zu betrachten (vgl. ebd.). Bei dieser Unterscheidung gibt es eine hierarchische Ordnung der Kategorien, die sich nach der Gebrauchshäufigkeit des Werts richtet – der meistgenutzte Wert bildet dementsprechend die Basis (vgl. ebd.). Sollte es einen analogischen Ausgleich geben, so leitet sich der Wert mit niedriger Kategorienfrequenz von dem anderen ab, der somit den Basiswert darstellt (vgl. Nübling 2010: 49). Auf Grundlage dieses Ableitungsprinzips bildet sich das „principle of constructional iconicity (diagrammaticity)“ (Elšik und Matras 2006: 18), welches die Verschlüsselung zwischen natürlichen und markierten Werten als „non-iconic“ (Elšik und Matras 2006: 18) beschreibt. Dies bedeutet nach Elšik und Matras, dass Verschlüsselung nicht ikonisch ist, wenn eine markierte Kategorie unverschlüsselt ist, oder mehr gebraucht wird, als eine natürliche (vgl. ebd.). Wenn eine markierte Kategorie jedoch verschlüsselt ist und weniger gebraucht wird als eine natürliche, so bezeichnen Elšik und Matras dies als „counter-iconic“ (ebd.).

Zwei weitere Prinzipien der Verschlüsselung (Uniformität und Transparenz) werden im Folgenden mit Hinblick auf das Verhältnis von Form und Funktion betrachtet.

[...]


[1] Im Folgenden als Mhd. abgekürzt.

[2] Im Folgenden als Fnhd. abgekürzt.

[3] Im Folgenden als Nhd. abgekürzt.

[4] Im Folgenden als Ahd. abgekürzt.

[5] Dies kann durch phonologischen Wandel geschehen (vgl. Nübling 2010: 45).

[6] „Modusunterscheidungen [können] durch Wurzelvarianten (nahmen – nähmen) oder periphrastischen Formen (würden nehmen) [ausgedrückt werden]“ (Keller 1995, S. 283).

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Flexionsmorphologischer Wandel
Untertitel
Am Beispiel des Verbs "haben"
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Perspektiven auf die Grammatik des Deutschen
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V282929
ISBN (eBook)
9783656824220
ISBN (Buch)
9783656824237
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachforschung, Flexionsmorphologie, Mittelhochdeutsch, Neuhochdeutsch, Althochdeutsch
Arbeit zitieren
Marie H. (Autor), 2014, Flexionsmorphologischer Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282929

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