Die Heilige Allianz (Preußen, Rußland und Österreich) während des Krimkrieges


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die außenpolitischen Interessen der Ostmächte in der Mitte des 19. Jahrhunderts
2.1 Die außenpolitischen Interessen Preußens
2.2 Die außenpolitischen Interessen Rußlands
2.3 Die außenpolitischen Interessen Österreich-Ungarns

3. Interessenkonflikte der östlichen Kontinentalmächte
3.1 Konfliktpotential Österreich-Preußen
3.2 Konfliktpotential Preußen-Rußland
3.3 Konfliktpotential Rußland-Österreich

4. Diplomatische Beziehungen Preußens mit den beiden anderen Ostmächten
4.1 Beziehungen zwischen Preußen und Rußland
4.1.1 Grundlagen der preußischen Neutralität
4.1.2 Die starke Neutralität
4.1.3 Isolation oder Neutralität ?
4.1.4 Konsolidierung der Neutralität
4.2 Beziehungen zwischen Preußen und Österreich
4.2.1 Österreichische Sachzwänge
4.2.2 Österreichs Dominanz über Preußen
4.2.3 Die Dominanz Österreichs relativiert sich

5. Schlußfolgerungen

6. Bibliographie

1. Einleitung

Der Krimkrieg steht für eine wichtige Zäsur in der Geschichte Europas im 19. Jahrhundert. Obwohl es sich bezüglich der Ausdehnung lediglich um einen sehr begrenzten Krieg handelte, stellte er doch einen Umbruch in der europäischen Geschichte dar, nicht nur weil es zum ersten Mal seit dem Wiener Kongreß wieder zu einer Konfrontation unter den europäischen Großmächten kam, sondern auch weil die 1815 besiegte Macht Frankreich, die zudem die Restauration erneut abgeschüttelt hatte, nun mit einer Siegermacht von 1815 gegen eine andere kämpfte.

Während die Annäherung der beiden Westmächte aneinander in der Literatur recht gur untersucht ist, findet ich relativ wenig zu der grundlegenden Veränderung des Verhältnisses der drei konservativen Ostmächte (Preußen, Rußland und die Habsburger Monarchie) zueinander. Diese Mächte hatten gemeinsam als Troppauer Allianz oder auch als Heilige Allianz die Legitimität der Herrschaft und das Recht der europäischen Großmächte auf Intervention im Falle revolutionärer Ereignisse zum politischen Prinzip gemacht und sich so zunehmend in Opposition zu England begeben. Das noch 1833 erneuerte Bündnis der drei konservativen Ostmächte brach durch den Krimkrieg endgültig auseinander, mit gravierende Auswirkungen für ganz Europa.

Dieser Prozeß soll im Rahmen der vorliegenden Arbeit analysiert werden, wobei der Schwerpunkt der Betrachtung auf den Veränderungen des Verhältnisses von Preußen zu den anderen beiden Mächten liegen soll. Zu diesem Zweck werden zunächst die außenpolitischen Ziele der drei Ostmächte in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgezeichnet. Darauf aufbauend werden die aus diesen Zielen resultierenden möglichen Konflikte in dem Verhältnis der drei Ostmächte untereinander umrissen, um schließlich auf dieser Grundlage die diplomatischen Beziehungen von Preußen zu den anderen beiden Mächten zu untersuchen. Hierbei soll aber nicht nur die Zeit des Krimkrieges selbst, sondern auch die Vorbedingungen und die Vorphase untersucht werden.

2. Die außenpolitischen Interessen der Ostmächte in der Mitte des 19. Jahrhunderts

2.1 Die außenpolitische Interessen Preußens

Die politischen Interessen Preußens in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren vornehmlich nach innen gerichtet. Zum einen galt es den 1815 neu erworbenen Besitz abzusichern. Zu diesem Zweck hatte Preußen sich stets für eine Garantie der europäischen Grenzen durch alle fünf Großmächte stark gemacht.[1] Wenn auch eine gewisse Gefahr für die preußischen Grenzen von Rußland ausging, welches zum Beispiel nur sehr widerwillig im September 1815 die preußische Festung Thorn wieder räumte,[2] so war doch die größere Gefahr von Frankreich zu erwarten, welches die Grenze am Rhein in Frage stellen konnte, insbesondere nach der Machtübernahme durch Louis Napoléon in Frankreich. Ein Trauma waren für Preußen sicher auch immer noch die Erfahrungen von 1806-1814.

Nach dem Sonderfrieden von Basel 1795 hatte Preußen sich zunehmend isoliert, was dazu geführt hatte, daß es 1806/07 zunächst ganz alleine gegen Frankreich stand, mit den bekannten Konsequenzen. Erst die Anlehnung an eine andere Großmacht, nämlich an Rußland (mit der Konvention von Tauroggen als Ausgangspunkt), hatte es zum Abschütteln der französischen Herrschaft befähigt. Daraus resultierte eine geradezu panische Angst vor einer möglichen Isolierung Preußens.[3]

Vor allem ist aber die Wirkung von 1848 nicht zu unterschätzen. Wie schon erwähnt, waren die politischen Energien Preußens in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts vornehmlich nach innen gerichtet: Ein wichtiges Ziel war die Restauration im Inneren und das Ausschalten der liberalen Kräfte in der Verwaltung und im öffentlichen Leben.[4] Es war aber durchaus in der Führungsspitze eine Spaltung zwischen einem restaurativem Konservatismus, beispielsweise der Generaladjutant des Königs, Leopold von Gerlach, und modernem Konservatismus, zum Beispiel bei Otto von Manteuffel, dem preußischer Ministerpräsident, festzustellen.[5] Dies wirkte sich auch auf die angestrebten außenpolitischen Verbindungen aus. Die restaurativen Konservativen waren eher Vertreter der Weiterführung der Heiligen Allianz, während die modernen durchaus bereit waren, mit England ein Bündnis zu suchen, gegen den alten Verbündeten.[6]

Außenpolitisch waren die preußischen Ziele eng mit der Bundespolitik verknüpft. Von einer konkreten Einheitspolitik kann zwar noch nicht gesprochen werden, dennoch war die Zielsetzung Preußens ganz klar, den österreichischen Einfluß im Deutschen Bund zurückzudrängen,[7] nicht zuletzt auch mit ökonomischen Mitteln. So wurde im April 1853 der Zollverein erneut um zwölf Jahre verlängert, ohne daß Österreichs Beitrittsinteressen in irgendeiner Art und Weise berücksichtigt wurden.[8]

2.2 Die außenpolitische Interessen Rußlands

Rußland war als einzige östliche Großmacht von der Umwälzungsbewegung von 1848 nicht erfaßt worden. Dies hatte dem Zar die Möglichkeit gegeben, den Prinzipien der Heiligen Allianz folgend, sich zum Schiedsrichter Ost- und Mitteleuropas zu machen, unter anderem auch durch die Intervention in Ungarn 1849 zugunsten der Habsburger Monarchie, aber auch durch seine Vermittlung beim Vertrag von Olmütz im September 1850. Bei Olmütz kam, ebenso wie beim russischen Eingreifen in Schleswig-Holstein 1848, klar zum Ausdruck, daß eine Hegemonialmacht Preußen im Deutschen Bund nicht im Interesse Rußlands war.[9]

In dieser Phase, in der die anderen Großmächte Europas aufgrund der Revolutionen von 1848 vor allem mit ihren inneren Problemen beschäftigt waren, ergab sich außerdem die Chance, die russischen Balkaninteressen wahrzunehmen und dem alten Traum, Konstantinopel zu erobern, nachzugehen. Nicht zu unterschätzen ist dabei auch der hohe Einfluß, den das Ehrgefühl und insbesondere auch die Religion auf die Politik in Rußland hatten.[10] In diesem Zusammenhang ist das Datum 1853 von besonderer Bedeutung: Seit 1453 war Konstantinopel muslimisch und einer alten russischen Prophezeiung zufolge sollte nach 400 Jahren «das Kreuz erneut von der Hagia Sophia leuchten».[11] Die vollständige Annexion der Balkangebiete war aber nicht im Interesse Rußlands, da die anderen Großmächte dies nie geduldet hätten.[12] Vielmehr sollte das Osmanische Reich in Europa entweder in eine vollständige Abhängigkeit getrieben oder aber ganz zerschlagen werden, um anstelle dessen eine Vielzahl kleinerer Staaten unter russischem Protektorat zu gründen. Spätestens seit dem Vertrag von Hunkar-Iskelesi war dies Rußlands erklärtes Ziel. Durch diesen Vertrag mußte das Osmanische Reich Rußland quasi als Schutzmacht anerkennen, wodurch Rußland den Gipfel seines Einflusses auf dem Balkan erreichte: Es war im Begriff, die Hegemonialmacht des Balkans zu werden.[13]

2.3 Die außenpolitischen Interessen Österreich-Ungarns

Die Interessen Österreichs auf dem Balkan befanden sich zunächst vor allem auf dem Westbalkan, wo das autonome Serbien, in dem Rußland nach der Konvention von Akkermann 1826 besondere Privilegien genoß,[14] und das ebenfalls nach Autonomie strebende Montenegro ständige Unruheherde waren. Dazu kam, daß die Flüchtlinge des ungarischen Aufstandes in den benachbarten Regionen des Osmanischen Reiches mit offenen Armen empfangen wurden und sogar hohe Positionen in der Armee bekleiden konnten. Von hier aus konnten sie ungehindert gegen die Monarchie der Habsburger agitieren.[15] Des weiteren hatte Österreich auf dem östlichen Balkan ein vitales Interesse an der freien Donaupassage, da dieser Fluß eine zentrale Bedeutung als Schiffahrtsweg für den Außenhandel hatte.[16] Ziel war also auch die Neutralisierung des Donaudeltas.

Das Habsburger Reich war 1848/49 besonders stark erschüttert worden. Nur mit letzter Kraft war das Auseinanderdriften der Donaumonarchie verhindert worden, zudem lediglich durch den Einsatz russischer Truppen in Ungarn.[17] Alle Energie Österreichs mußte auf die innenpolitische Lage gerichtet sein, die zum Beispiel durch einen italienischen Aufstand unter Mazzini im Februar 1853 in Mailand in einem solchen Maße angespannt war, daß Österreich nicht an die Annexion weiterer Gebiete auf dem Balkan denken konnte, denn dies hätte bedeutet, den ethnischen Konflikten im Reich einen weiteren hinzuzufügen. Man hatte in Österreich die Bedrohung durch den Nationalismus auf dem Balkan begriffen und darin eine essentielle Bedrohung für die Habsburger Monarchie erkannt.[18] Durch die Annexion anderer Balkangebiete hätte gewissermaßen die kritische Masse an nationaler Sprengkraft im Reich überschritten werden können. Auch ließ die desolate ökonomische Situation wenig Spielraum im Staatshaushalt für größere militärische Aktionen.[19]

Die österreichischen Besitzungen in Norditalien waren schon 1848 durch eine revolutionäre Bewegung bedroht gewesen und mit der Übernahme der Macht durch Louis Napoléon in Frankreich, einen potentiellen Förderer der italienischen Nationalbewegung, war die Gefährdung dieser Besitzungen noch größer geworden. Eine Konfrontation Österreichs mit Frankreich war also um jeden Preis zu vermeiden.

Schließlich versuchte Österreich ebenfalls, die Hegemonialmacht des Deutschen Bundes zu werden, respektive zu bleiben. Die das Habsburger Reich dominierende deutsche Kultur stellte in Österreich-Ungarn alleine weniger als ein Viertel der Bevölkerung,[20] so daß der Rückhalt im Deutschen Bund als kultureller Bezugspunkt und wichtige Klammer des Reiches für die Donaumonarchie ein lebenswichtiges Bedürfnis war.[21] Österreich hatte zwar im Vertrag von Olmütz mit der Unterstützung des Zaren Nikolaus I. seine Ansprüche in Deutschland gewahrt,[22] mußte sich aber dennoch darum kümmern seinen Einfluß nicht zu verlieren.

3. Interessenkonflikte der östlichen Kontinentalmächte

3.1 Konfliktpotential Österreich - Preußen

Der Hauptkonflikt zwischen Österreich und Preußen war die Konkurrenz im Deutschen Bund um die Hegemonialstellung. Wie bereits erwähnt hatte der Deutsche Bund für den Vielvölkerstaat Österreich als übergreifende kulturelle Klammer eine entscheidende Bedeutung,. Ohne die Bindung an die anderen deutschen Länder war die Dominanz der Deutschen in der Habsburger Monarchie in Legitimationsproblemen.

Für Preußen spielte der Deutsche Bund ebenfalls eine wichtige Rolle. Preußens Staatsgebiet war zwar zusammenhängender als vor den napoleonischen Kriegen, dennoch war es in zwei Teile geteilt. Preußen war also militärisch, aber auch vor allem ökonomisch auf eine enge Kooperation mit den anderen deutschen Staaten angewiesen, insbesondere da die gefährdetste Region, das Rheinland, vom Stammland abgetrennt war. Weder Preußen noch Österreich konnten es also dulden, jeweils zugunsten des anderen im Deutschen Bund zurückgedrängt zu werden. In diesem Kontext ist auch zu verstehen, warum der Vertrag von Olmütz in Preußen im allgemeinen als die „Schmach von Olmütz” wahrgenommen wurde.

3.2 Konfliktpotential Preußen - Rußland

Die Bindung zwischen Preußen und Rußland war seit dem Ende des 18. Jahrhunderts traditionell sehr stark.[23] Auf dem Wiener Kongreß unterstützten die beiden Länder gegenseitig ihre Interessen in Mitteleuropa: Rußland unterstützte die von Preußen angestrebten Gebietserweiterungen auf Kosten Sachsens, während Preußen die Polenpläne des Zaren Alexander I. unterstützte. Selbst Metternich gelang es nicht, diese Bindung zu zerbrechen, so daß es über der Polenfrage fast zu einem Krieg zwischen Preußen / Rußland auf der einen Seite und Österreich / Frankreich / England auf der anderen Seite gekommen wäre.[24]

Das Konfliktpotential ergab sich aus Preußens Rolle im Deutschen Bund. Wie bereits dargestellt hatte Preußen aus ökonomischen und militärischen Erwägungen vitale Interessen an einer Führungsrolle im Deutschen Bund. Rußland dagegen konnte kein Interesse an einem Preußen haben, welches eine unbeschränkte Hegemonie über den Deutschen Bund ausübte. Dies hatte sich schon bei der russischen Intervention gegen den Einmarsch preußischer Truppen in Schleswig-Holstein im April 1848 angedeutet, ebenso wie bei der Parteinahme des Zaren bei den Verhandlungen von Olmütz 1850.[25] Diese russische Intervention gegen Preußen bedeutete eine gewisse Abkühlung des preußisch-russischen Verhältnisses. Am Rande sei noch erwähnt, daß Rußland als die Wiege der Reaktion galt. Ein starkes Rußland bedeutete also für preußische Konservative und Liberale gleichermaßen das Verhindern jeder liberalen Reform in Preußen.[26]

3.3 Konfliktpotential Rußland - Österreich

Österreich und Rußland hatten jeweils Interessen auf dem Balkan, die miteinander kollidieren mußten. Der Grund hierfür liegt nicht zwangsläufig darin, daß sie dasselbe Gebiet beanspruchten, sondern eher in der Legitimation ihrer Ausdehnung. Die beiden Länder hatten einen ganz anderen kulturellen, ethnischen und strukturellen Aufbau: Die Habsburger Monarchie war ein Vielvölkerstaat mit katholischer Tradition. Insbesondere die ursprünglich staatstragenden Eliten, Österreicher und Ungarn, waren alte katholische Völker. Die Sprache und Kultur des Herrschers waren Minderheitssprache und -kultur. Gerade die Grenzregionen auf dem Balkan waren weder mit der deutschen Kultur verwachsen, noch mit denselben religiösen Anschauungen. In Rußland dominierte dagegen die orthodoxe Tradition und die Untertanen des Zaren in Europa waren überwiegend von der slawischen Kultur geprägt.

Jede russische Expansion hätte zwangsläufig eine Begeisterungswelle durch die slawischen und/oder orthodoxen Völker des Balkans gehen lassen, sei es nun nationaler oder religiöser Natur. Diese Bewegung hätte natürlich nicht vor den Grenzen Österreich-Ungarns halt gemacht, sondern hätte die dortigen Minderheiten slawischer Kultur oder orthodoxen Glaubens ebenso erfaßt und den Vielvölkerstaat zumindest destabilisiert, wenn nicht gar auseinandergerissen. Dieser fundamentale Gegensatz prägte das österreichisch-russische Verhältnis, und macht es für Österreich zur Pflicht, jeden Expansionsversuch Rußlands auf dem Balkan als essentielle Bedrohung zu sehen. Es ist wohl auch so zu erklären, warum der Kaiser ein Angebot des Zaren zur Aufteilung des Balkan zwischen Rußland und Österreich ablehnte[27] während Österreich doch versuchte die Donaufürstentümer als eigenes Protektorat zu erhalten:[28] Eine Expansion auf dem Balkan konnte Österreich nur gegen, niemals mit Rußland anstreben. Auch der Truppenaufmarsch gegen Serbien zu Beginn der Balkankrise wird so verständlich: Die größte Bedrohung war nicht die Armee des Zaren in den Donaufürstentümern, sondern eine russisch unterstützte Aufstandsbewegung in Serbien und Montenegro. Der österreichische Aufmarsch gegen diese Grenze war von seiner Zielsetzung her also eher pro-türkisch als pro-russisch, da er versuchte, den Balkan zu stabilisieren. Der russische Botschafter in Wien Meyendorff hielt eine Anfrage des Zaren, ob man 10.000 Gewehre über Österreich nach Serbien liefern dürfe, für so brisant, daß er sie gar nicht weiterleitete.[29]

4. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Preußen und den beiden anderen Ostmächten

4.1 Beziehungen zwischen Preußen und Rußland

4.1.1 Grundlagen der preußischen Neutralität

Das Verhältnis zwischen Rußland und Preußen während des Krimkrieges war durch die Beziehungen der beiden Staaten im Vorfeld geprägt. Friedrich Wilhelm IV. sah Rußland, wohl aufgrund des recht engen preußisch-russischen Verhältnisses in der Restaurationszeit (siehe oben), als Preußens «einzig sicheren und wirklich kräftigen Alliierten», den er auf gar keinen Fall verlieren wollte.[30] Auch das Umfeld des Königs war mehrheitlich gegen einen Bruch mit Rußland,[31] wobei die Berufung auf die Prinzipien der Heiligen Allianz, insbesondere das der Legitimität und des damit verbundenen Interventionsrechtes, eine große Rolle spielte. Ein Kriegseintritt auf russischer Seite schied allerdings aus vielen Gründen aus. Einerseits befürchtete man allerdings die möglichen Konsequenzen, zum Beispiel daß die britische Flotte in der Ostsee die preußische Handelsflotte kurzerhand vernichten würde falls Preußen sich zu eng an Rußland bindet.[32] Natürlich wäre in diesem Fall auch eine andere preußische Angst aktuell geworden: Die Bedrohung der Rheingrenze durch Frankreich.[33] Der französische Gesandte in Berlin hatte geäußert, er hätte es vorgezogen Preußen im Bund mit dem Zaren zu sehen, weil «dann [...] das Schlachtfeld genau bezeichnet wäre.»[34]

Da also aus außenpolitischem Kalkül eine Parteinahme für Rußland nicht in Frage kam und aus innenpolitischen Gründen ein Anschluß an die Westmächte auch nicht möglich war, blieb Preußen nur die unparteiische Neutralität. Am 4. Oktober 1853 fand auf Einladung des Zaren ein Treffen der Monarchen der drei Ostmächte in Warschau statt. Dort erklärte Friedrich Wilhelm IV., daß er «in absoluter, unparteilicher Neutralität das Heil Preußens [suche], ablehnend nach West und Ost.»[35]

Wie schwer diese Entscheidung Friedrich Wilhelm IV. fiel, zeigte seine Absage an den Zaren, als dieser im Januar 1854 ein Bündnis „der drei schwarzen Adler” (Österreich, Preußen und Rußland) vorschlug, das strikte Neutralität gegeneinander garantieren sollte und deren Bruch durch Viertmächte, von den Vertragspartnern mit Waffengewalt beantwortet werden konnte: Er berief sich ausdrücklich auf die Interessen seines Volkes und seines Landes und flehte den Zaren an, einen Kompromiß zu suchen. Auf jeden Fall garantiere Preußen durch seine Neutralität die russische Westgrenze.[36]

[...]


[1] Markert, W. 1991: «Preussisch-Russische Verhandlungen um einen europäischen Sicherheitspakt im Zeichen der Heiligen Allianz», in: W. Baumgart (Hg.), Preußen-Deutschland und Rußland vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Berlin:30

[2] Markert 1991:28

[3] Cycon, D. 1991: Die Glücklichen Jahre. Deutschland und Rußland, Herford,/Stuttgart/ Hamburg:384

[4] Wehler, H.-U. 1995: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3: Von der Deutschen Doppelrevolution bis zum Beginn des ersten Weltkrieges 1849-1914, München:202f

[5] Wehler 1995:198f

[6] Goldfrank, D.M. 1994: The Origins of the Crimean War, London:256

[7] Goldfrank 1994:257

[8] Wehler 1995:227

[9] Cycon 1991:368f

[10] Goldfrank 1994:284

[11] Werth, G. 1989: Der Krimkrieg. Geburtsstunde der Weltmacht Rußland, Erlangen/ Bonn/Wien:47

[12] Cycon 1991:374f

[13] Cycon 1991:375ff

[14] Cycon 1991:373

[15] Pottinger Saab, A.1977: The origins of the Crimean Alliance, Charlottesville:67

[16] Renouvin, P. 1954: Histoire des relations internationales, Bd. 2: De 1789 à 1871, Paris:566; Goldfrank 1994:280

[17] Wehler 1995:223

[18] Goldfrank 1994:281f

[19] Wehler 1995:223

[20] Goldfrank 1994:19

[21] Cycon 1991:367

[22] Cycon 1991:369

[23] Liszkowski, U. 1991: «Die Russische Deutschlandpolitik nach dem Krimkrieg bis zum Abschluß des Zweibundes mit Frankreich im Spannungsfeld von innenpolitischer Modernisierung und imperialem Machtanspruch», in: W. Baumgart (Hg.), Preußen-Deutschland und Rußland vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Berlin:49

[24] Cycon 1991:361, 364

[25] Cycon 1991:369

[26] Wehler 1995:222

[27] Pottinger Saab 1977:52, 134

[28] Werth 1989:253f.

[29] Pottinger Saab 1977:105

[30] Werth 1989:105

[31] Renouvin 1954:567

[32] Werth 1989:102

[33] Goldfrank 1994:256

[34] zitiert nach Werth 1989:227

[35] zitiert nach Werth 1989:81

[36] Werth 1989:101f

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Heilige Allianz (Preußen, Rußland und Österreich) während des Krimkrieges
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar Der Krimkrieg 1854-1856 und die preußische Politik
Note
1,0
Autor
Jahr
1998
Seiten
30
Katalognummer
V28301
ISBN (eBook)
9783638301237
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit beschreibt die Transformation des europäischen Mächtesystems nach dem Wiener Kongress. These der Arbeit ist, daß der Krimkrieg ein entscheidender Wendepunkt in diesem System ist, dessen Konsequenzen bis 1914 nachwirken. Belegt wird diese These v.a. durch eine Analyse der diplomatischen Aktivitäten der Ostmächte vor und während des Krimkrieges.
Schlagworte
Heilige, Allianz, Rußland, Krimkrieges, Hauptseminar, Krimkrieg, Politik
Arbeit zitieren
Ulrich Jacobs (Autor), 1998, Die Heilige Allianz (Preußen, Rußland und Österreich) während des Krimkrieges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28301

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