Das Büro als "post-panoptisches" Dispositiv


Hausarbeit, 2014
17 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die einhundert Augen des Argos Panoptes

2. Michel Foucaults Werk »Überwachen und Strafen«: Die Entstehung des »Panoptismus«

3. Das Büro als Kulturwissenschaftlicher Raum

4. Ausprägungen des »Panoptismus« in der Arbeitswelt

5. Fazit: Räumlichkeit zum Zweck der Selbstdisziplinierung

6. Anhang
6.1 Literaturverzeichnis
6.2 Abbildungsverzeichnis

1. Die einhundert Augen des Argos Panoptes

Das Sinnbild der grenzenlosen Beobachtung findet sich in der griechischen Mythologie in der Gestalt des Riesen Argos Panoptes. (griechisch: Ἄργος Πανόπτης) wieder. Dieser hat die Gestalt eines riesigen Ungeheuers mit einhundert Augen, welche am ganzen Körper verteilt sind.[1] Da Argos alles sehen kann und immer nur eines seiner Augenpaare schläft, überträgt ihm die Gattin des Zeus Hera unverwüstliche Kraft. Er soll damit über Io wachen. Io ist die Geliebte des Zeus und deswegen in eine Kuh verwandelt worden. In seiner eifersüchtigen Liebe, entsendet Zeus den Götterboten Hermes, um Argos zu töten und Io zu stellen. Hermes schläfert Argos mit seinem Flötenspiel ein, erschlägt und enthauptet ihn. Als Andenken an Argos setzt Hera dessen Augen in den Schwanz ihres Pfaus ein, weshalb dieser auch Argos-Fasan genannt wird.[2] Das griechische Epitheton[3] panoptos bedeutet daraus folgend »allsehend«.

Noch heute ist der Ausdruck »Jemanden oder etwas mit Argusaugen beobachten« geläufig, wenn etwas sehr eindringlich und genau beobachtet wird. Der Gedanke des »allsehenden« Wächter, findet sich auch in dem Kunstwort des Panopticon (latinisiert und eingedeutscht als Panoptikum)[4] von Jeremy Bentham wieder, mit dem er seinen Gefängnisentwurf von einem perfekt-überwachten Gefängnis oder Anstalt beschreibt. Michel Foucault übernimmt 1975 in seinem Werk »Überwachen und Strafen«[5] dieses Modell und weitet den Gedanken des »Alles-sehenden-Prinzips« in sein theoretisches Konzept des »Panoptismus« aus. Der Charakter des Panoptismus, wie er von Foucault geprägt wird, erhält immer wieder eine Renaissance, wenn es um den Gegenstand der Überwachung oder grenzenlose Beobachtung geht und damit ein Eingriff in jegliche Privatheit erfolgt. Nach dem Aufdecken der Tätigkeit des Stasi-Regimes und im Zuge der aktuellen Berichte von Edward Snowden und Wikileaks ist die Aktualität des Panoptismus progressiver denn je. Soziologen und Kulturwissenschaftler, wie Zygmunt Bauman oder Dietmar Kammerer, prangern in ihren Untersuchungen gesellschaftliche Zustände der totalen Überwachung durch Kameras und elektronische Karten an und kritisieren die verschwindende Privatsphäre der Konsumenten. Zygmunt Bauman beschreibt in seinem Buch »Flüchtige Moderne« die Zustände westlicher Gesellschaftssysteme als »post-panoptisch«, da sie über die Form des Panoptismus bei Foucault hinausgehen und sich der heutigen Gesellschaft angepasst haben.[6]

Wir gehen davon aus, dass das Spielwerk des Panoptismus eine latente, aber einflussreiche Rolle in gesellschaftlichen Zuständen einnimmt. Dabei stellt sich die Frage, welche sozialen Bereiche neben dem Gefängnis und der Anstalt, die bereits von Foucault beschrieben wurden, ebenso von (Formen des) Panoptismus bestimmt werden.

Da die Arbeitswelt einen bedeutenden Faktor in unserer westlich-kapitalistischen und industriellen Welt einnimmt, soll in der vorliegenden Arbeit der Versuch der Übertragung der foucaultschen Theorie auf den Arbeitsraum des Büros unternommen werden. Kann die Dispositionierung der Arbeitenden im Raum als ein Regelwerk des Panoptismus gesehen werden? Die These lautet, dass das Büro unserer heutigen Zeit als ein post-panoptisches Dispositiv verstanden werden kann, welches ein Überträger des panoptischen Gedankenguts ist.

Dispositiv wird hierbei im Sinne von Foucault verwendet und beschreibt eine »Gesamtheit von Institutionen, Diskursen und Praktiken«,[7] zu welchen nach Foucault

»Institutionen, architektonische[n] Einrichtungen, reglementierende[n] Entscheidungen, Gesetze[n], administrativen Maßnahmen, wissenschaftliche[n] Aussagen, philosophische[n], moralische[n] und philanthropische[n] Lehrsätzen, kurz Gesagtes ebenso wie Ungesagtes«[8] gehören und die Form und Ausprägung des Dispositivs mitbestimmen. Die Bearbeitung dieser Frage verspricht eine Erweiterung der foucaultschen Begrifflichkeit, als auch Erkenntnisse im Bereich der Raum- bzw. Arbeitstheorie.

2. Michel Foucaults Werk »Überwachen und Strafen«: Die Entstehung des »Panoptismus«

1975 erscheint Michel Foucaults Werk »Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses« (Originaltitel: Surveiller et punir. La naissance de la prison)[9]. Dieses schließt sich einer Serie von Vorlesungen an, die Foucault in seiner Lehrtätigkeit am Collège de France hielt und welche als Erkundungen und Vorarbeit für sein Werk gesehen werden können.
»Überwachen und Strafen« wird zu einer der erfolgreichsten Publikationen Foucaults werden, das »sowohl im wissenschaftlichen als auch im politischen Feld bis heute zahlreiche Spuren hinterlassen hat«[10]. Aus Sicht Foucault bildet das Buch einen Baustein für seine Theorie der modernen »Überwachungsgesellschaft«, in welcher er »eine gemeinsame Geschichte der Machtverhältnisse und der Erkenntnisbeziehungen« ausarbeitet und anhand des Modells des Gefängnisses abstrahiert.[11] Für Foucault ist das Gefängnis »per definitionem ein Instrument der Unterdrückung«[12] und Teil eines »Strafsystems«, das sich durch die ganze westliche Gesellschaft zieht.[13]

Die Analyse von »Überwachen und Strafen« unterteilt sich in vier Hauptkapitel: »Martern«, »Bestrafung«, »Disziplin« und »Gefängnis« und zeigt die historische Entwicklung des Strafsystems in Frankeich bis zum 19. Jahrhundert auf. Von den anfänglichen absolutistischen Hinrichtungsschauspielen, bei denen sich die Strafe als Akt der Rache am Körper des Delinquenten vollzieht und damit die in Frage gestellte Machtposition des herrschenden Souveräns wieder hergestellt wird, wandelt sich das Strafsystem durch das Instrument des Gefängnisses in eine Korrektionsanstalt um. Nicht mehr der Körper, sondern die Seele des Gefangenen ist nun Gegenstand der Auseinandersetzung und die Ausführung der Strafe verfolgt den Zweck der Besserung und Wiedereingliederung in den bestehenden Gesellschaftskörper. Foucault vertritt die These, dass die »moderne« Art des Strafens, welches er als System der »milden Strafe« bezeichnet, zu einer neuen Geschichte der Machtverhältnisse beiträgt.[14]

Die »moderne« Form des Strafens zielt darauf, die Kräfte, die hinter der Tat liegen, sichtbar zu machen und sie als Gegenstand in einem Kontroll- und Überwachungssystem zu unterdrücken.[15] Politische Macht wird nicht mehr ausschließlich über eine bestehende Ideologie ausgeübt,[16] sondern die Individuen fügen sich – trotz des Wegfalls einer brutalen Strafjustiz – widerstandslos in die bestehenden Gesellschaftsordnungen ein und tragen produktiv zu deren Bestehen bei.[17] Die »Sanftheit« der Strafen verändert damit nicht die Wirkung des Strafsystems: Auch weiterhin geht es darum ein Verbrechen zu sühnen, neu ist die ökonomische Gestaltung der Bestrafung, der einer Überwachung weicht.[18]

Foucault fasst das Bestehen dieser Kontrollmechanismen unter dem Begriff der »Disziplinierung« zusammen und untersucht deren Entstehung und Ausbreitung im dritten Kapitel von »Überwachen und Strafen« unter dem Stichwort »Disziplin«.

Unter Disziplin beschreibt Foucault hierbei einen »Machtmechanismus«, der den Gesellschaftskörper unterwandert und dessen Individuen, als kleinste Elemente, kontrolliert.[19] Hierbei können sich die Disziplinen nach Foucault einerseits am Körper entfalten, wenn sie als »Methoden, welche die peinliche Kontrolle der Körpertätigkeiten und die dauerhafte Unterwerfung ihrer Kräfte ermöglichen«, auftreten.[20] Der Körper findet sich in einer Machtmaschinerie wieder, die ihn »durchdringt, zergliedert und wieder zusammensetzt« und ihn in diesem Prozess »fabriziert«, um seine Kräfte zu steigern.[21] Andererseits verbreiten sich Disziplinen in einem subtileren Maße auch als Techniken, die die diversen menschlichen »Vielfältigkeiten« ordnen, indem sie als Verhaltensregeln und Normierungen eine Allgemeingültigkeit erlangen und eine strukturelle Matrix einer Disziplinargesellschaft erschaffen.[22]

Als Sinnbild dieser durch Disziplinen unterworfenen Gesellschaft oder als »Diagramm eines auf seine ideale Form reduzierten Machtmechanismus«[23] sieht Foucault das Panoptikum, ein Architekturentwurf, den Jeremy Bentham in seinem Werk »Panopticon oder Das Kontrollhaus«[24] 1791 in London entwirft.

Die Architektur des Panoptikum, das als Gefängnis oder verallgemeinert als Anstalt gedacht ist, gliedert sich als ringförmiges Gebäude um einen Turm in der Mitte. Von diesem können die einzelnen Zellen, die sich an der Innenseite des Gebäudes befinden, beobachtet werden. Die Zellen besitzen je zwei Fenster, wobei eines nach Innen und eines nach Außen gerichtet ist, so dass sie von beiden Seiten von Licht durchdrungen werden. Da die Fenster des Turmes abgedunkelt sind, können die Gefangenen in den Zellen im Gegensatz zu ihrem Beobachtet-Werden nicht »rück-beobachten«.[25] Durch dieses Prinzip erschafft das Panoptikum ein Verhältnis, in dem die Sichtbarkeit zur Falle wird und der permanente Sichtbarkeitszustand einen automatisierten Machtapparat herstellt.[26]

»Vom Standpunkt des Aufsehers aus handelt es sich um eine abzählbare und kontrollierbare Vielfalt; vom Standpunkt der Gefangenen aus um einen erzwungenen und beobachtete Einsamkeit« [27]

[...]


[1] Vgl. Engelmann 1993: 537 ff.)

[2] Vgl. Tripp 1991: 96.

[3] Mit Epitheton bezeichnet man in der Rhetorik beziehungsweise Stilistik das Hinzufügen eines im Satzzusammenhang nicht unbedingt erforderlichen Attributs, zum Beispiel die »grüne Wiese«. Ein Epitheton kann auch als Zusatz oder Beiwort eine Individualisierung, Charakterisierung oder Bewertung ausdrücken wie sie häufig in Sagen, Fabeln oder Märchen zum Ausdruck kommt.

[4] Im Folgenden wird der Ausdruck Panoptikum als deutsche Übersetzung verwendet, um einheitlich auf die architektonische Idee von Jeremy Bentham und Michel Foucaults Theorie einzugehen. Gleichwertig mit dieser Übersetzung, sind auch die unterschiedlichen deutschen Übersetzungen in den Texten Foucaults, vgl. Foucault 2002b »Panoptikum«, Foucault 2002a »Panoptikon« und Foucault 1994 »Panopticon«. Hierbei soll das Panoptikum nicht als Kuriositätenkabinett oder als eine Schaubude, die der Unterhaltung und Belehrung dient, verstanden werden.

[5] Michel Foucault (1994): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

[6] Bauman, Zygmunt (2003): Flüchtige Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

[7] Ruoff 2013: 109.

[8] Foucault Schriften 1976-1979 zitiert in Ruoff 2013: 109.

[9] Michel Foucault (1994): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

[10] Bogdal 2008: 79.

[11] Vgl. Bogdal 2008: 71.

[12] Foucault 2002: 249.

[13] Vgl. Foucault 2002: 535.

[14] Vgl. auch Bauman/ Lyon 2013: 72f.

[15] Vgl. Sarasin 2005: 133.

[16] Vgl. Foucault 2002: 650.

[17] Vgl. Sarasin 2005: 140.

[18] Vgl. Foucault 2002: 897ff.

[19] Vgl. Ruoff 2013: 110.

[20] Foucault 1994: 175.

[21] Vgl. Foucault 1994: 176f.

[22] Vgl. Sarasin 2005: 140.

[23] Foucault 1994: 264.

[24] Bentham, Jeremy (2013): Panoptikum oder das Kontrollhaus. Christian Welzbacher (Hrsg.) Berlin: Matthes & Seitz.

[25] Vgl. Foucault 1994: 256f.

[26] Vgl. Foucault 1994: 258.

[27] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Büro als "post-panoptisches" Dispositiv
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar  (Medien)
Veranstaltung
Technologien des Selbst
Note
1,2
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V283037
ISBN (eBook)
9783656823803
ISBN (Buch)
9783656838968
Dateigröße
736 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Büroarbeit, Arbeiten, Foucault, Panoptismus, Jeremy Bentham, Überwachen und Strafen, Panoptikum, Zygmunt Bauman, Disziplinierung
Arbeit zitieren
Noemi Haderlein (Autor), 2014, Das Büro als "post-panoptisches" Dispositiv, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283037

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