Das 1911 im Gedichtband „Wanderschaft“ erschienene Stadtgedicht "Blauer Abend in Berlin" beschreibt die Stadt in verfremdeter Sicht: Die in vielen expressionistischen Gedichten durch Industrie und Trostlosigkeit gekennzeichnete Großstadt wird in eine Wasserlandschaft von nunmehr ambivalenter Bedeutung übertragen. Erst die „Entschlüsselung“ dieses Stadtbildes, das in den ersten sechs Versen des Sonetts mit Hilfe von Sprachbildern aus dem Wortfeld Wasser gekennzeichnet wird, verschafft dem Leser Zutritt zum Geheimnis Gedicht.
Wie vorab dargelegt, ist die Darstellung der Stadt als eine Wasserlandschaft der Schlüssel zum Verständnis von Loerkes „Blauer Abend in Berlin“.
Um die Begriffe aus dem Wortfeld Wasser, die Träger des vermittelten Stadtbildes sind, in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken, habe ich mich für die Methode des Lückentextes entschieden. Im Gedichtfragment, das die Schüler/innen nach einem informierenden Unterrichtseinstieg in der Erarbeitungsphase I mit eigenen Wörtern ergänzen sollen, fehlen genau die Begriffe aus dem Wortfeld Wasser, so dass die Schüler/innen bei der Gegenüberstellung der eigenen Versionen des Gedichts eine Differenzerfahrung machen: Vermutlich wird kein Schüler, keine Schülerin die Lücken auf diese spezifische Art und Weise gefüllt haben (wenn auch ein ähnliche Vorgehensweise in Bezug auf das Wortfeld Gebirge denkbar ist)! Die besondere Wortwahl Loerkes fällt deshalb besonders in Auge, weil die Schüler/innen sich mit genau diesen Textstellen intensiv in einer Partnerarbeitsphase beschäftigt haben, jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach zu ganz anderen Ergebnissen gekommen sind. Die Methode des Lückentextes ist also besonders geeignet, um den Schüler/innen diese Differenzerfahrung zu verschaffen.
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enthält:
Reihenplanung (Übersicht) und Begründung
Analyse des Gedichts
ausführliche Darstellung der geplanten und durchgeführten Stunde
Verlaufsübersicht in Tabellenform
alle Arbeitsblätter und Folienvordrucke
antizipierte Lösungen
antizipiertes Ergebnis der Stunde
weiterführende Hausaufgabe (AB)
Inhaltsverzeichnis
1. Einordnung der Stunde in die Unterrichtsreihe
2. Standards und Kompetenzen
3. Allgemeine und individuelle Lernvoraussetzungen
4. Begründung der Themenwahl und Sachstrukturanalyse
4.1 Überlegungen zur Unterrichtsreihe
4.2 Sachstrukturanalyse
5. Begründung der Lehr- und Lernstruktur
6. Konkretisierung der Lehr- und Lernstruktur (Verlaufsplan)
7. Operationsobjekte
8. Verwendete Literatur
9. Anhang
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Unterrichtsstunde ist es, den Schülern durch eine handlungs- und produktionsorientierte Methode den Zugang zu Oskar Loerkes Sonett "Blauer Abend in Berlin" zu ermöglichen, indem sie die spezifische Darstellung der Großstadt als Wasserlandschaft erarbeiten und in den Kontext expressionistischer Lyrik einordnen.
- Analyse expressionistischer Großstadterfahrungen in der Lyrik.
- Einsatz der Methode des Lückentextes zur induktiven Texterschließung.
- Erarbeitung der Verbindung zwischen den Bereichen Wasser und Stadt.
- Beurteilung des ambivalenten Stadtbildes im Vergleich zu anderen expressionistischen Gedichten.
Auszug aus dem Buch
Sachstrukturanalyse
„Ein Gedicht ist ein Geheimnis, dessen Schlüssel der Leser suchen muss.“ (Mallarmé) So überschreibt Ursula Frank die Einführung in ihre Unterrichtsmaterialien zur „Lyrik des Expressionismus“. Dieses Bild vom Gedicht als einem Geheimnis, das sich dem Leser nur erschließt, wenn er den passenden „Schlüssel“ gefunden hat, scheint mit Blick auf Oskar Loerkes Sonett „Blauer Abend in Berlin“ geschaffen worden zu sein: Das 1911 im Gedichtband „Wanderschaft“ erschienene Stadtgedicht beschreibt die Stadt in verfremdeter Sicht: Die in vielen expressionistischen Gedichten durch Industrie und Trostlosigkeit gekennzeichnete Großstadt wird in eine Wasserlandschaft von nunmehr ambivalenter Bedeutung übertragen. Erst die „Entschlüsselung“ dieses Stadtbildes, das in den ersten sechs Versen des Sonetts mit Hilfe von Sprachbildern aus dem Wortfeld Wasser gekennzeichnet wird, verschafft dem Leser Zutritt zum Geheimnis Gedicht.
Werner mutmaßt, diese „Vision“ könne durch „konkrete Anschauung“ entstanden sein: „Beim Blick auf die vom abendlichen Licht beleuchtete Stadt erscheinen die illuminierten Straßen wie Wasserläufe (Kanäle).“ So werden durch den einfallenden Abend (vgl. Titel) die Straßen zu Kanälen (Gleichsetzung), in denen der „Himmel fließt“, die sogar „voll vom Himmelblauen“ sind, erscheinen dem lyrischen Ich die „Kuppeln“ der Stadt wie „Bojen“, die „Schlote“ der Fabriken wie „Pfähle“ und die schwarzen Rauchschwaden der Industriestadt („schwarze Essendämpfe“) werden mit „Wasserpflanzen“ verglichen. Das durch diese Vergleiche und Gleichsetzungen gekennzeichnete Stadtbild weist einerseits für den Expressionismus typische Elemente großstädtischen Lebensraums auf (→ steinerne Kanäle, zu Kanälen steilrecht ausgehauene Straßen, schwelende schwarze Essendämpfe). Andererseits wird das in vielen Gedichten sehr stark negativ konnotierte Bild im Blauen Abend abgemildert: Neben dem Begriff Wasser, sind auch die Begriffe fließen, Boje, Wasserpflanzen positiv konnotiert. Das Adjektiv blau vermittelt – im Gegensatz zu den typischerweise benutzen Farbadjektiven schwarz und rot – ein eher besänftigendes, beruhigendes Stadtbild. In dem Bild der „Straßen, voll vom Himmelblauen“ drückt sich die Aufwertung der Stadt besonders deutlich aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einordnung der Stunde in die Unterrichtsreihe: Dieses Kapitel verortet die Unterrichtsstunde innerhalb einer Reihe zum Thema „Großstadterfahrungen in der Lyrik des Expressionismus“ und listet die thematischen Schwerpunkte sowie Kompetenzen der vorangegangenen und nachfolgenden Stunden auf.
2. Standards und Kompetenzen: Hier werden die im Rahmenlehrplan für die gymnasiale Oberstufe verankerten Standards konkretisiert und auf die spezifischen Kompetenzziele dieser Unterrichtsstunde übertragen.
3. Allgemeine und individuelle Lernvoraussetzungen: Die Zusammensetzung der Klasse X wird analysiert, inklusive des Leistungsstandes, der Arbeitsweise und der Haltung der Schüler gegenüber produktionsorientierten Methoden.
4. Begründung der Themenwahl und Sachstrukturanalyse: Dieses Kapitel beleuchtet die fachdidaktische Relevanz expressionistischer Lyrik und analysiert das Sonett „Blauer Abend in Berlin“ als Schlüsseltext zur Entschlüsselung eines ambivalenten Stadtbildes.
5. Begründung der Lehr- und Lernstruktur: Es wird die Entscheidung für die Methode des Lückentextes begründet, um den Schülern durch eine Differenzerfahrung einen induktiven Zugang zur Metaphorik des Gedichts zu ermöglichen.
6. Konkretisierung der Lehr- und Lernstruktur (Verlaufsplan): Dieser Teil enthält den detaillierten Verlaufsplan der Stunde, inklusive Zeitstruktur, Lehrer- und Schülerverhalten sowie der eingesetzten Medien.
7. Operationsobjekte: Auflistung aller für die Unterrichtsstunde benötigten Materialien wie Arbeitsblätter und Folien.
8. Verwendete Literatur: Zusammenstellung der fachdidaktischen und literaturwissenschaftlichen Quellen, die der Unterrichtsplanung zugrunde liegen.
9. Anhang: Auflistung der Materialien, die im Anhang der Arbeit zu finden sind, wie etwa Arbeitsblätter und Vorlagen.
Schlüsselwörter
Expressionismus, Lyrik, Großstadt, Oskar Loerke, Blauer Abend in Berlin, Wasserlandschaft, Lückentext, handlungsorientierter Unterricht, Metaphorik, Stadterfahrung, Bildlichkeit, Deutung, Literaturunterricht, Gedichtanalyse, Ambivalenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit umfasst den Entwurf einer Unterrichtsstunde im Fach Deutsch für die gymnasiale Oberstufe, die sich mit der lyrischen Verarbeitung von Großstadterfahrungen im Expressionismus befasst.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Anonymität, Einsamkeit und Entfremdung in der Großstadt sowie die formale und inhaltliche Auseinandersetzung mit expressionistischer Lyrik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den Schülern durch die produktionsorientierte Methode des Lückentextes den Zugang zum Gedicht "Blauer Abend in Berlin" zu erleichtern und ein Verständnis für das ambivalente Stadtbild darin zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird primär die Methode des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts eingesetzt, insbesondere die Arbeit mit Lückentexten zur induktiven Texterschließung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Begründung der Themenwahl, der Sachstrukturanalyse des Gedichts von Oskar Loerke, der methodischen Vorgehensweise im Unterricht sowie dem detaillierten Verlaufsplan.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Expressionismus, Großstadtlyrik, Unterrichtsentwurf, produktionsorientierter Unterricht, Lückentextmethode, Oskar Loerke.
Wie trägt die Methode des Lückentextes zum Verständnis des Gedichts bei?
Sie erzeugt bei den Schülern eine "Differenzerfahrung", da sie durch das eigene Ausfüllen der Lücken erkennen, wie gezielt der Autor bestimmte Begriffe aus dem Wortfeld "Wasser" gewählt hat, um die Stadt neu zu interpretieren.
Warum ist das Stadtbild in "Blauer Abend in Berlin" als ambivalent zu bezeichnen?
Es verbindet typische expressionistische Merkmale einer harten, trostlosen Industriestadt mit positiveren, besänftigenden Metaphern aus dem Bereich des Wassers, was eine Aufwertung der Stadt im Vergleich zu anderen Werken der Epoche darstellt.
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- Eliane Rittlicher (Author), 2014, Die Darstellung der Stadt als eine Wasserlandschaft in Oskar Loerkes Sonett "Blauer Abend in Berlin", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283096