Eine Figurenanalyse zu Elli Link aus "Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord" von Alfred Döblin


Seminararbeit, 2014

34 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Giftmordkomplex in der Weimarer Republik

3. Alfred Döblin Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord (1924)
3.1 Die Darstellung der weiblichen Figur Elli Link
3.1.1 Elli, eine ‚Neue Frau‘
3.1.2 Elli, das Opfer - die Beziehung zu Ehemann Link
3.1.3 Elli, die ‚Pseudo-Homosexuelle‘ - die Beziehung zu Grete Bende
3.1.4 Elle, das Kind - die Beziehung zu ihren Eltern
3.1.5 Elli, die Giftmörderin - die Tat
3.1.6 Elli, die Befreite - Das Leben nach Links Tod

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit zum Seminar Alfred Döblin befasst sich mit der Darstellung der weiblichen Figur in Alfred Döblins Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord von 1924.

Döblin rekonstruiert in der Erzählung1 Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord den auf einer wahren Begebenheit basierenden Giftmordfall zweier Frauen. Elli Link und Margerete Bende leben beide in einer physisch und psychisch brutalen Ehe und stürzen sich deswegen in die Freundschaft und späteren Liebesbeziehung zueinander. In mehr als 600 Briefen planen die Frauen die Tat, die schließlich zum Tod des Tischlers Link durch Arsenvergiftung und zur Verurteilung der beiden Freundinnen führt. Der Fall und besonders das für die damalige Justiz zu milde Urteil, das den Täterinnen auferlegt wurde, erregte zur damaligen Zeit sehr viel Aufmerksamkeit.

Döblin richtet in der Erzählung den Blick auf die Vorgeschichte der ungeheuerlichen Tat und schildert neben der Tatbegehung bis hin zu Prozess, Verurteilung und Strafverbüßung alle entscheidenden Stationen. Dabei enthält Döblins Text neben der Berichterstattung des Falls einen kommentierenden Epilog, zwei Handschriftenproben der beiden Frauen und eine räumlich dargestellte Analyse der seelischen Veränderungen der drei Hauptakteure. Das Werk bietet somit einen komplexen Abbild der Entwicklungen der Gefühle und Seelenzustände: Es „entsteht ein Psycho- und Soziogramm der beiden Ehen. Des Verhältnisses der beiden Frauen zueinander und nicht zuletzt des Prozesses selbst.“2

Im Mittelpunkt des Textes steht eine psychologische Beschreibung der Beziehungen und ihrer Entwicklungen, denn Döblin wollte das Netz von Faktoren aufzeigen, das auf die Figuren einwirkt, sie in ihrem Handeln beeinflusst und letzten Endes den Mord herbeiführt. Für den Autor ist „das Ganze […] ein Teppich, der aus vielen einzelnen Fetzen besteht.“3

Innerhalb dieses Rahmens sollen in der vorliegenden Arbeit die Fragen geklärt werden, auf welche Art und Weise Alfred Döblin die weibliche Hauptfigur Elli Link in der Erzählung darstellt, durch welche Einflussfaktoren die Protagonistin in ihrem Charakter bestimmt wird und inwieweit sich die Beschreibung von Elli in der Erzählung verändert. Wie ist die Persönlichkeit der jungen Frau vor der Hochzeit strukturiert? Was passiert in ihrer Ehe und wie lässt sich Elli während der Tat und anschließend auf der Anklagebank charakterisieren? Diese und weitere Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit behandelt werden, die die Perspektive und These verfolgt, dass in Alfred Döblins Roman von 1924 unterschiedliche und sich widersprechende Darstellungsweisen der Protagonistin auszumachen sind. Ziel dieser Arbeit ist es, einen theoretischen und positionsgeleiteten Abriss über die Erzählung und der Darstellung der weiblichen Hauptfigur zu liefern. Im Zentrum der Untersuchung werden dabei vor allem Ellis Wesen und Persönlichkeit, die Eigentümlichkeit ihrer Ehe zu Link, der Beziehung zur Bende und die Entwicklung, Bedeutung und Konsequenz des Mordes stehen.

Im ersten Abschnitt der Arbeit soll zunächst der Giftmordkomplex in der Weimarer Republik näher beleuchtet werden. Im ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelte sich im deutschsprachigen Raum die Behauptung, der Giftmord sei die typische weibliche Art zu töten. Die weibliche Giftmischerin sei bösartig, niederträchtig und eine von „Wollust und Grausamkeit, Eitelkeit, Vergiftungstrieb oder auch Habsucht“4 getriebene Frau. In dieser Tradition erschien auch Döblins Text, dessen Protagonistin ihren Ehemann mit Arsen vergiftet.

Der darauffolgende Teil beschäftigt sich mit der Erzählung Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord und der Darstellung der weiblichen Figur Elli Link. Im Hinblick auf die zentralen Fragen der Arbeit wird mittels einer genauen Textanalyse untersucht, wie Döblin Elli Link in seiner Erzählung repräsentiert. Hierbei erweist es sich als sinnvoll, Elli aus der Perspektive vor der Hochzeit mit Link, in der Ehe mit dem Tischler sowie in der Beziehung zu Margarete Bende und im Zusammenhang mit ihren Eltern zu betrachten, um sie in ihren verschiedenen Beziehungsgeflechten zu charakterisieren.

Anschließend sollen die im ersten Teil erarbeiteten Kenntnisse zum Giftmordkomplex der Weimarer Republik auf die Protagonistin angewendet werden, um klären zu können, inwieweit sich Döblin dem Stereotyp der typisch weiblichen Giftmischerin in der Darstellung von Elli bedient. Dabei ist die Frage zu klären, ob Döblin der Anklageschrift des Staatsanwaltes, der festsetzt, dass Elli Link, „mit voller Überlegung gehandelt [hat]“5 zustimmt oder dem widerspricht.

Abschließend erfolgt ein zusammenfassendes Fazit, welches den letzten Teil dieser Arbeit darstellt. Dieses überprüft die erarbeiteten Kenntnisse über die Erzählung Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord hinsichtlich der Darstellung der weiblichen Figur Elli Link.

2. Der Giftmordkomplex in der Weimarer Republik

Im Folgenden soll zunächst ein kurzer Abriss über die Entstehung, Bedeutung und Merkmale des Klischees des Giftmordes als vorwiegend weibliche Tötungsart erfolgen, um anschließend klären zu können, ob Alfred Döblin in seiner Erzählung Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord die Protagonistin Elli Link dem Stereotyp der typischen Giftmörderin unterordnet.

In der Weimarer Republik festigte sich im deutschsprachigen Raum die Meinung, dass der Giftmord die typisch weibliche Art zu töten sei. Sowohl Kriminologen und Juristen, als auch Ärzte, Psychiater und Literaten des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts erklärten den Giftmord zum „Monopol der kriminellen Frau“6: „Dass der Giftmord vorwiegend von Frauen begangen wird, ist bekannt, und in jeder modernen gerichtlichen Medicin und verwandten Werken wird darüber gesprochen.“7

Damit einhergehend wurde den typisch weiblichen Giftmischerinnen zentrale Wesenszüge und spezifische Persönlichkeitsdefizite wie eine allgemeine Gefallsucht und Herrschsucht vor allem aber Verstellungsgabe, geringe ‚sittliche Festigkeit‘, allgemeine Sexualisierung und eine deutliche Neigung zur Hysterie zugeschrieben.8 Die weibliche Giftmörderin sei eine bösartige und niederträchtige, von „Wollust und Grausamkeit, Eitelkeit, Vergiftungstrieb oder auch Habsucht“9 getriebene Frau.

Entscheidend für die Herausbildung des Giftmord-Stereotyps waren vor allem die Pitavalgeschichten des 19. Jahrhunderts, die unter dem Titel Der neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit von den Juristen Julius Eduard Hitzig und Wilhelm Häring herausgegeben wurden. Unter den insgesamt 524 historischen und zeitgenössischen Fallgeschichten befinden sich fünfzig Giftmordfälle. Innerhalb der Giftmordfälle fanden auch die Falldarstellungen der „vier Heroinen des Giftmordes“10 ihren Einklang: Marquise von Brinvillier, Charlotte Ursinus, Anna Margaretha Zwanziger und Gesche Margaretha Gottfried. Diese vier gelten jeher als Maßstab der typischen Giftmörderin. Ihnen wurde eine Reihe von Eigenschaften zugesprochen, die für das Klischee der typisch weiblichen Giftmischerin bestimmend wurden.11

Frauen, so hieß es im Neuen Pitaval, die den Giftmord wählen, seien vergnügungssüchtig, habgierig, heuchlerisch, wollüstig und grausam und besäßen keine Größe, Würde und keinen Respekt. Hinterhalt, Heuchelei, Verstellung, Schwäche, List und Grausamkeit bilden die Motive ihres Handelns. Somit wird der Giftmord „durch die Heimlichkeit der Tötung […] des nichts ahnenenden Opfers“12 auch als eine der heimtückischsten, boshaftesten, unaufrichtigsten und niederträchtigsten Arten zu töten angesehen: Die Frau kann durch ihre „heuchlerische Verstellungskunst […] das Vertrauen ihres Opfers […] erwerben, sie [….] täuschen bzw. heimtückisch zu Tode […] pflegen.“13

Erich Wulffen hat in seiner Psychologie des Giftmordes (1918) die Vorstellungen von der typisch weiblichen Giftmörderin zusammenfasst: „Der Gewaltmord mit der Stoß-, Hieb- oder Schußwaffe liegt der Frau nicht. Es gebricht ihr an Kraft, an persönlichem Mut, an Entschlossenheit, an Geschicklichkeit. Gewissermaßen die Lautlosigkeit des Giftmordes, seine Unauffälligkeit ohne Aufbietung physischer Kraft, eignet der Frau. […] Heimlichkeit und List, die den Giftmord vorbereiten, sind gern Eigenschaften der weiblichen Schwäche; das Weib ist auch mehr als der Mann der Verstellung fähig.“14

Den weiblichen Giftmischerinnen wurden des Weiteren eine moralische Verkommenheit angerechnet. Beim Giftmord sei nicht nur die Tat selbst, sondern auch die Tatmotive amoralisch. Dies ließ die Giftmörderin in den 1920er Jahren zu einer „Degenerierten der Empfindungen und Moralität und zur Inkarnation des sittlichen Verdorbenseins werden.“15 Zudem hafte der Giftmörderin ein sadistischer Zug an, denn sie tötet heimlich und schleichend und empfindet „möglicherweise die Qualen der Opfer […] als Freude.“16

Ebenso wie eine Krankenschwester zeichne sich die giftmordende Frau „durch eine aufopferungsvolle Pflege des Opfers aus“17 und erfülle damit vordergründig „mütterlich- sorgende Tätigkeiten.“18 Allerdings sei die Selbstaufgabe der Giftmörderin geheuchelt, da sie nur ihrer eigenen sadistischen Befriedigung diene: „Die Lust am heimlichen tödlichen Erfolg und an den entsetzlichen Qualen des Opfers läßt die der Sexualität verwandten grausamen Strebungen, die wir in ihrer Verknüpfung die sadistische nennen, mitvibrieren.“19

Neben diesen Charaktereigenschaften wurde häufig auch die Sexualität der Frau als Erklärung für die Wahl des Giftes angesehen. Eine Frau, die „von der ‚natürlichen‘, heterosexuellen Richtung des Begehrens“20 abweicht, sei daher mehr gefährdet einen Giftmord zu verüben, als eine Frau, die sich nicht von dieser Richtung abhebt. Der Giftmörderin wurde damit attestiert, „dass sie eine sexualisierte, wenn nicht sogar sexuell ‚abnorme‘ Person sei.“21 Daher wurden als Motive für die Tat neben Schwäche und Rachsucht auch „verschmähte Liebe, Eifersucht, sexuelle Rache, Abneigung und Haß gegen den Ehegatten“22 und eine homosexuelle Orientierung angesehen.

In diesem Denken ging somit eine große Gefahr von Frauen aus, die nicht in das Ideal der glücklichen Ehefrau und Mutter passten. Repräsentiert wurde diese Bedrohung von weiblicher Promiskuität und vor allem von Homosexualität.23

Als eine weitere typische Eigenschaft der weiblichen Mörderinnen wurde eine deutliche Neigung zur Hysterie festgemacht: „Sofern kein Mangel an Erziehung vorlag, bilden degenerative Störungen des Seelenlebens die anderen nicht minder wichtige Quelle des Verbrechens […]. Unter diesen Störungen spielt die Hysterie die vornehmste Rolle.“24 Wie Inge Weiler in ihrer Studie Giftmordwissen und Giftmörderinnen darlegt, ist „die Persönlichkeit der Hysterikerin immer eine defiziente und Ich-schwache.“25

Im „beginnenden 20. Jahrhundert [entwickelte sich dann] ein vielschichtiges Spektrum unterschiedlicher Vorstellungen zur Psychologie der Frau und zum weiblichen Giftverbrechen. […] Während die einen […] die tradierte Psychologie des Weibes und des Giftmordes fortschreiben, […] entwickeln die anderen Vorstellungen zur Psychologie der Frau, die die tradierte Auffassungen entschieden in Frage stellen.“26

3. Alfred Döblin Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord (1924)

Die Erzählung Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord von Alfred Döblin ist erstmals 1924 in der von Rudolf Leonhard herausgegebenen literarischen Reihe Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart erschienen.

Döblin beschreibt in sachlicher, nüchterner Sprache den auf einer wahren Begebenheit basierenden Kriminalfall der beiden Freundinnen Elli Link und Grete Bende, die beide in einer physisch und psychisch brutalen Ehe leben, sich verbinden, eine homosexuelle Beziehung miteinander eingehen und beschließen, ihre Ehemänner mit Arsenik zu vergiften, wobei nur Elli Link die Tat in die Realität umsetzt.27

Nach dem Tod des Tischlers Link lenkt die misstrauische Mutter des Ermordeten die Justiz auf den Verdacht der Fremdeinwirkung. Die Obduktion der Leiche ergibt chronische Arsenvergiftung; es folgen Vernehmungen und Hausdurchsuchungen, in deren Gefolge die ebenso freimütigen wie belastenden Briefe gefunden werden, die sich Elli und Grete während der Tatentstehung und - umsetzung geschrieben haben. Die beiden Freundinnen werden daraufhin festgenommen.

Im Prozess werden Zeugen vernommen, psychologische Gutachten aufgeführt, die Briefe der beiden Frauen verlesen und sowohl die homosexuelle Beziehung von Elli und Grete sowie ihre sozialen und psychischen Umstände bezüglich Schuldminderung diskutiert.28 Elli Link wird wegen Totschlag unter mildernden Umständen zu vier Jahren Gefängnis und Grete Bende wegen Beihilfe zu einem Jahr und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Frau Schnürer29, die Mutter von Grete, die der Mitwisserschaft verdächtigt wurde, wurde wegen Mangels an Beweisen freigesprochen.

Während der Mordprozess und besonders das zu milde Strafmaß zur damaligen Zeit sehr viel Aufmerksamkeit erregte, richtet Döblin, der mithilfe von tatsächlichen Zeitungsberichten und der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft das Geschehen literarisch rekonstruiert, in seinem Text, der zur neusachlichen Tatsachenliteratur gezählt wird, den Blick auf die Vorgeschichte der ungeheuerlichen Tat.

Auf mehr als siebzig von insgesamt hundertzwanzig Seiten werden, teilweise durch innere Monologe oder Dialoge, teilweise durch Beschreibungen der beteiligten Personen, Szenen einer Ehe aufgezeigt, die von Gewaltexzessen, Rücksichtslosigkeit und Vernichtungswut bestimmt sind.

Dabei beruhen alle Inhalte der Fallgeschichte, mit Ausnahme von Ellis Träumen, auf dokumentarischen Quellen. Eine Eins-zu-Eins Wiedergabe im Text ist aber nicht gegeben, da Döblin subjektiv entschieden hat, was er aus den Fakten übernommen hat und was er als überflüssig empfand. Das verwendete Material wie die Zeitungsartikel, Anklageschrift, Sonderberichte und Handschriftenproben der beiden Frauen, dienen der Entfiktionalisierung und der Herstellung von Authentizität des Dargestellten. Somit kann der Text als eine Verflechtung von faktualem Tatsachenmaterial und literarischer Narrativik angesehen werden: „Trotzdem ist die Geschichte in weiten Teilen fiktiv, wenn auch um einige Dokumente im Anhang ergänzt. Hier zeigt sich also der schon erwähnte Mischtext, wie er zur Zeit der Neuen Sachlichkeit durchaus häufiger zu finden ist. Eine treffende Umschreibung dafür ist der Begriff der Tatsachenphantasie, der andeutet, was als die spezifische Problematik des Döblinschen Schreibens empfunden wurde und wird; das Spannungsfeld nämlich von Faktizität und Einbildungskraft.“30

Döblin selbst wollte mit seiner Erzählung „die Schwierigkeiten des Falls [zeigen], den Eindruck verwischen, als verstünde man alles oder das meiste an solchem massiven Stück Leben.“31

3.1 Die Darstellung der weiblichen Figur Elli Link

Im Mittelpunkt der Nacherzählung Döblins steht eine psychologische Beschreibung von Elli Link, ihrem Wesen und ihrer Persönlichkeit, ihrer Ehe zu Tischler Link und ihrer homosexuellen Beziehung zu Grete Bende sowie die Entwicklung, Bedeutung und Konsequenz ihrer Tat. Damit baut sich die gesamte Handlung in Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord auf die Protagonistin Elli auf, die aus verschiedenen Perspektiven und von verschiedene Faktoren beeinflusst beleuchtet wird: „Greife ich einen einzelnen Menschen heraus, so ist es, als wenn ich ein Blatt oder ein Fingerglied betrachte und seine Natur und Entwicklung beschreiben will.“32

Döblin lässt in Elli Links Figurencharakter mehrere, teils sich widersprechende, Eigenschaften einfließen, sodass ein komplexes und mannigfaches Charakterbild der Hauptfigur entsteht: So findet sowohl die Beschreibung Elli als ‚Neue Frau‘, Elli als Objekt des Mannes und Elli als eine Pseudohomosexuelle, als auch Elli als Kind und Elli als Giftmörderin in der Erzählung ihren Einzug. Durch das Zusammenfließen all dieser Aspekte in einer Person ergibt sich eine genaue „psychologische Beschreibung [ihrer] Beziehung und ihrer Entwicklungen.“33

Elli bleibt von Beginn bis Ende die Hauptfigur in der Erzählung. Auch wenn sie teilweise unter ihrem Ehemann zu verschwinden droht, ist sie letzten Endes diejenige, die sich dazu entscheidet, Link zu töten, denn der Tischler stellt für sie das Hindernis zu ihrer Unabhängigkeit und ihrem eigenen Platz in der Welt.

Neben dem Giftmordkomplex der Weimarer Republik ließ Döblin in seiner Erzählung damit auch die aktuellen Probleme der Frauen der zwanziger Jahre, die um mehr Persönlichkeitsrechte, berufliche Emanzipation und Gleichberechtigung mit dem Mann kämpften, einfließen. Diese Themen schlugen sich auf verschiedene Art und Weise in der Literatur dieser Zeit nieder und wurden immer wieder aufgegriffen und geschildert. Gerade von dem unsicheren Lebensgefühl der Frauen und dem Kampf um geistige und soziale Emanzipation berichteten zahlreiche Romane.34

Alfred Döblin reiht sich mit seinem Text in die Tradition zahlreicher Romane ein, die sich mit der Frage auseinandersetzen, wie die neuen Frauen ihre Selbstständigkeit und die Liebe vereinbaren können. Für die Frauen der damaligen Zeit war es schwierig, sich nicht nur über ihren Mann zu definieren. So erleben die meisten Protagonistinnen in den Romanen der zwanziger Jahre und eben auch Elli in Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord „die Liebe als schwerlastende Frage nach Identität. Die Liebe fordert von ihnen eine Existenzbestimmung in der Konfrontation mit dem männlichen Du, das dem weiblichen Ich machtvoll entgegentritt und es in Besitz zu nehmen droht. Neben allen Glückserfahrungen bedeuten so die Liebesbeziehungen für die Heldinnen eine große Gefährdung des Ichs.“35

[...]


1 Es ist schwer, Döblins Text gattungspoetisch genau einzuordnen, wovon seine unterschiedlichen Klassifizierungen in der Sekundärliteratur zeugen, die von Erzählung, Kriminalerzählung bis Fallgeschichte reichen.

2 zitiert aus: Müller-Dietz, Heinz: Literarische Metamorphosen eines Kriminalfalls. In: Reale und fiktive Kriminalfälle als Gegenstand der Literatur: Recht, Literatur und Kunst in der neuen juristischen Wochenschrift, hrsg. von Hermann Weber, Berlin 2003, S. 109.

3 zitiert aus: Döblin, Alfred: Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord, Düsseldorf 2007, S. 96.

4 zitiert aus: Weiler, Inge: Das KlisĐhee der ‚typisĐh ǁeiďliĐheŶ GiftŵisĐheriŶ͚ als Produkt iŶterdiskursiǀer Austauschbeziehungen im Bereich der Rechtskultur. In: Faktenglaube und fiktionales Wissen: zum Verhältnis von Wissenschaft und Kunst in der Moderne, hrsg. von Daniel Fulda und Thomas Prüfer, Frankfurt am Main 1996, S. 219.

5 Döblin, 2007, S. 84.

6 zitiert aus: Siebenpfeiffer, Hania: Böse Lust. Gewaltverbrechen in Diskursen der Weimarer Republik, Köln 2005, S. 95.

7 zitiert aus: Weiler, Inge: Das KlisĐhee der ‚typisĐh ǁeiďliĐheŶ GiftŵisĐheriŶ͚, S. 211.

8 Siebenpfeiffer, S. 95.

9 zitiert aus: Weiler, IŶge: Das KlisĐhee der ‚typisĐh ǁeiďliĐheŶ GiftŵisĐheriŶ͚, S. Ϯϭ9.

10 zitiert aus: Weiler, IŶge: Das KlisĐhee der ‚typisĐh ǁeiďliĐheŶ GiftŵisĐheriŶ͚, S. Ϯϭ7.

11 Ebd., S. 215-218.

12 zitiert aus: Siebenpfeiffer, S. 98.

13 zitiert aus: Weiler, IŶge: Das KlisĐhee der ‚typisĐh ǁeiďliĐheŶ GiftŵisĐheriŶ͚, S. Ϯϭ9.

14 zitiert aus: Ebd., S. 224.

15 zitiert aus: Siebenpfeiffer, S. 98.

16 zitiert aus: Ebd.

17 zitiert aus: Ebd., S. 99.

18 zitiert aus: Siebenpfeiffer, S. 99.

19 zitiert aus: Ebd.

20 zitiert aus: Uhl, Karsten, Uhl, Karsten: Die Gewaltverbrecherin im kriminologischen und literarischen Diskurs des frühen 20. Jahrhunderts. In: Frauen und Gewalt. Interdisziplinäre Untersuchungen zu geschlechtsgebundener Gewalt in Theorie und Praxis, hrsg. von Antje Hilbig, Claudia Kajatin und Ingrid Miethe, Würzburg 2003, S. 96.

21 zitiert aus: Siebenpfeiffer, S. 98.

22 zitiert aus: Weiler, IŶge: Das KlisĐhee der ‚typisĐh ǁeiďliĐheŶ GiftŵisĐheriŶ͚, S. ϮϮ4.

23 Uhl, S. 98.

24 zitiert aus: Siebenpfeiffer, S. 99.

25 zitiert aus: Ebd., S. 100.

26 zitiert aus: Weiler, Inge: Giftmordwissen und Giftmörderinnen. Eine diskursgeschichtliche Studie, Tübingen, 1998, S. 109.

27 Die literarischen Namen entsprechen den realen Namen Ella Johanna Emilia Klein, Margarete Nebbe und Willi Klein.

28 Der reale Giftmordprozess fand vom 12. bis 16. März 1923 in Berlin statt.

29 Der literarische Name entspricht dem realen Namen Frau Riemer.

30 zitiert aus: Suhr, Sabine: Neusachliche Blicke auf die Rolle der Frau als Verbrecherin. Aussenseiter der Gesellschaft, Tönning/Lübeck/Marburg 2005, S. 32.

31 zitiert aus: Döblin, 2007, S. 101.

32 zitiert aus: Döblin, 2007, S. 98.

33 zitiert aus: Suhr, S. 32.

34 Barndt, Kerstin: Sentiment und Sachlichkeit. Der Roman der Neuen Frau in der Weimarer Republik, Köln 2003, S. 10.

35 zitiert aus: Vollmer, Hartmut: Liebes(ver)lust. Existenzsuche und Beziehungen von Männern und Frauen in deutschsprachigen Romanen der zwanziger Jahre, Oldenburg 1998, S. 271.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Eine Figurenanalyse zu Elli Link aus "Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord" von Alfred Döblin
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Alfred Döblin
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
34
Katalognummer
V283140
ISBN (eBook)
9783656826088
ISBN (Buch)
9783656826095
Dateigröße
679 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, figurenanalyse, elli, link, freundinnen, giftmord, alfred, döblin
Arbeit zitieren
Christina Ca (Autor), 2014, Eine Figurenanalyse zu Elli Link aus "Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord" von Alfred Döblin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283140

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