Die westdeutsche Umweltschutzbewegung der 70er und 80er Jahre


Seminararbeit, 2014
25 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Interpretationsmuster

1. Die Zäsur der 70-er Jahre

2. Phänomene des Modernen: Verwissenschaftlichung, Professionalisierung, Medialisierung

3. Die Anti-Atomkraft-Bewegung: Widerstand gegen Social Engineering?

4. Einflüsse auf den Umweltschutz in der BRD: „Westernisierung“ oder „Deutscher Sonderweg“?

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Gemeinhin gilt das 20. Jahrhundert als das Jahrhundert der Umweltzerstörung:

Lebensraumvernichtung in nie gekanntem Ausmaß, legale und illegale Jagd sowie die Verschmutzung des Wassers, des Bodens und der Atmosphäre veränderten die Erde in den vergangenen rund einhundert Jahren drastisch und führten zum Aussterben unzähliger Tier- und Pflanzenarten und zum Kollaps ganzer Ökosysteme. Nie zuvor hatte der Mensch den Planeten in so raschem Tempo so nachhaltig verändert wie im 20. Jahrhundert. Doch gerade die massive Zerstörung der Umwelt führte im selben Zeitraum zu einem bedeutenden Umdenken in Gesellschaft und Politik. Zum ersten Mal in der Geschichte wurden große Landschaftsgebiete unter Schutz gestellt, die Jagd auf bedrohte Arten gesetzlich verboten, umweltverträgliche Technologien entwickelt. Man kann das 20. Jahrhundert demnach auch als „Ära der Ökologie“1 betrachten. Einen entscheidenden Anteil an diesem Prozess hatten die Umweltschutzbewegungen. Eine erste gab es bereits um die „lange Jahrhundertwende“, als um 1900 Naturschutz und Lebensreform als neue Ideen aufkamen, zahlreiche Publikationen zum Thema erschienen und die ersten Heimat- und Artenschutzvereine gegründet wurden.2 In meiner vorliegenden Seminararbeit möchte ich aber die Umweltschutzbewegung der 1970-er und 1980-er Jahre näher beleuchten.

Aktualitätsbezüge haben die Umweltgeschichte von Beginn an begleitet. In der letzten Zeit sind die Konzepte nicht weniger interessant. Nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima und dem Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie ist die Betrachtung der Geschichte der Atomkraft wieder sehr aktuell. Wenngleich manche Umweltprobleme, die den Diskurs der 70-er und 80-er Jahre bestimmten, an Aktualität verloren haben, ist das Thema nach wie vor in den Medien präsent. Zwar geht es nicht mehr um Pestizide oder das Waldsterben, dafür um den Klimawandel und die Über- fischung der Meere. An dieser Themenverschiebung erkennt man die globale Dimen- sion, welche die Umweltproblematik in den letzten Jahren angenommen hat. Es liegt auf den ersten Blick nahe, die Geschichte der Umweltschutzbewegung als Erfolgsgeschichte zu bezeichnen, als einen „master narrative“ von der Nachsicht zur Vorsorge. Doch von dieser Sicht sollte man sich befreien. Der Anfang „der Geschichte“ ist nicht eindeutig, ihr Ende offen. Und die augenscheinlichen Erfolge mancher Teile der Bewegung gleichen auf den zweiten Blick eher einem Pyrrhussieg: Der Ausbau der Windenergie z.B. ist zweifelsohne gut für das Klima, doch wird die Ästhetik der Landschaft durch die Anlagen getrübt und eine erhebliche Zahl von Großvögeln verendet jedes Jahr durch den Schlag der Rotorblätter.3

Ziel dieser Arbeit ist es, die westdeutsche Umweltpolitik und Naturschutzbewegung der 70-er und 80-er im Kontext des 20. Jahrhunderts zu interpretieren. Dabei wähle ich einen Ansatz, der sowohl die umweltpolitischen, als auch die medialen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aufzeigt, wobei der Schwerpunkt auf letzteren liegen wird. Einen Vergleich mit der DDR heranzuziehen, wäre lohnenswert gewesen, hätte aber den Rahmen der Arbeit überstiegen.

Nach einem Blick auf den Forschungsstand untersuche ich zunächst, inwieweit die 1970-er Jahre eine Zäsur für den Umweltschutz bedeuteten. Wirkte der „shock of the global“ als Katalysator der Bewegung und welche Rolle spielte die Herausbildung eines neuen Gesellschaftssystems und Menschenbildes? Kann man von einer „ökologischen Revolution“ sprechen? Als nächstes gehe ich auf drei Erscheinungen der Moderne ein: Verwissenschaftlichung, Professionalisierung und Medialisierung. Inwieweit formten diese Phänomene die Umweltschutzbewegung? Mein drittes Interpretationsmuster befasst sich mit einem bestimmenden Konflikt der bundesdeutschen Innenpolitik, der Atomkraft. Warum wurde der Protest gegen die Kernenergie so leidenschaftlich ge- führt? Lässt er sich als Protest gegen Social Engineering der Bundesregierung deuten? Zuletzt beschäftige ich mich mit der Frage, in welchem Maß Umweltpolitik und Natur- schutz in der Bundesrepublik vom Westen geprägt wurden. Lässt sich von einer Ver- westlichung sprechen oder muss man einen „deutschen Sonderweg“ attestieren?

Die zeithistorische Forschung hat sich bisher auffällig zurückgehalten gegenüber der Umweltschutzbewegung, was umso mehr verwundert, als dass sie zu den markan- testen Phänomenen des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts zählt. Das mag zum einen daran liegen, dass sie etwas Gestaltloses hat und keine Systemlogik im Sinne Niklas Luhmanns besitzt. Zum anderen hält vielleicht die schiere Fülle des Stoffes manchen Historiker davon ab, sich näher mit der Materie auseinanderzusetzen, was zusätzlich verstärkt wird durch die Tatsache, dass das Ende dieser Geschichte noch nicht bekannt ist.4

Dennoch ist in letzter Zeit ein Trend zu erkennen, dass sich manche Studien mit dem Thema befassen. Hierbei überwiegen die Sammelbände wie „Natur- und Umweltschutz nach 1945“5 von Franz-Josef Brüggemeier und Jens Ivo Engels, aber auch einige Monografien sind in den vergangenen Jahren erschienen, so etwa „Die Ära der Ökologie“ von Joachim Radkau oder „Naturpolitik in der Bundesrepublik“ vom bereits erwähnten Umwelthistoriker Jens Ivo Engels. Doch insbesondere im Vergleich der deutschen Umweltbewegung zu der anderer Länder besteht noch viel Forschungsbedarf, der allerdings erst dann geleistet werden kann, wenn die zeitgeschichtliche Umwelt- forschung auch in anderen Staaten näher untersucht wird.

Interpretationsmuster

1. Die Zäsur der 70-er Jahre

In der jüngeren Vergangenheit hat sich in der Geschichtsforschung des 20. Jahr- hunderts der Trend durchgesetzt, an die Stelle von historischen Zäsuren (1914/18, 1929, 1945 etc.) vom Zeitalter der Hochmoderne zu sprechen. Diese begann etwa um 1880 und reichte bis in die 1970-er. Einige Kennzeichen dieser Epoche waren die vor- anschreitende Industrialisierung und Wirtschaftswachstum in bisher unbekanntem Ausmaß, Urbanisierung und Verwissenschaftlichung. Nach dieser Sichtweise sind die siebziger Jahre das Jahrzehnt, in dem sich die Strukturen dieser hochmodernen Gesell- schaft aufzulösen begannen: Das Ende des klassischen ökonomischen Verteilungs- kampfes brachte den Untergang der Klassengesellschaft mit sich, verbindliche Lebens- muster lösten sich auf; fortschreitende Individualisierung und tiefgreifender Werte- wandel sind weitere Merkmale.6

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Umweltschutzbewegung? Neben den angesprochenen sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen setzte zu Beginn der 70-er auch ein Mentalitätswandel ein. Der Glaube an Fortschritt durch Wissen- schaft und stetiges Wirtschaftswachstum wurde gleich durch mehrere Ereignisse tief erschüttert, etwa durch die konstant hohe Arbeitslosigkeit oder den Ölpreisschock von 1973. Es setzte ein Umdenken in Gesellschaft und Politik ein, das die 1970-er Jahre zur „ökologischen Dekade“ machte.7 Doch trifft diese Bezeichnung wirklich zu? Zunächst einmal fällt auf, dass sich Anfang der 70-er Jahre die Politik des Umwelt- themas annahm. Hans-Dietrich Genscher, Innenminister der damaligen sozial-liberalen Koalition, bündelte 1969/70 mehrere administrative Maßnahmen gegen Luft- und Gewässerverunreinigung im neuen Politikfeld der Umweltpolitik und erhob diese Maßnahmen zum eigenständigen Teil der rot-gelben Reformpolitik. Dies fand aller- dings weniger unter dem Eindruck der Sorge um den Planeten statt, sondern wurde vielmehr als technisches und Finanzierungsproblem betrachtet. Jedoch zeigte schon das Umweltprogramm der Bundesregierung von September 1971 einen Wandel, in dem es nicht nur darum ging, dem Menschen eine gesunde Umwelt zu sichern, sondern sie auch vor Schäden durch menschliche Eingriffe zu schützen.8 Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte die umweltpolitische Debatte im Jahr 1972. Begründet lag dies in den intensiven Vorbereitungen für die erste UN-Umwelt- konferenz, die im Juni 1972 in Stockholm stattfand und für deren Vorlauf der soge- nannte Stockholm-Ausschuss zahlreiche Umweltdaten sammelte und daraus einen deutschen Nationalbericht erstellte. Von noch größerer Bedeutung war die MIT9 - Studie „The Limits to Growth“, die der Club of Rome im Frühjahr 1972 veröffentlichte. Im Kern der Studie ging es um verschiedene Probleme wie die Begrenztheit wichtiger Rohstoffe, wachsende Umweltverschmutzung und die Folgen des rasanten Bevöl- kerungswachstums, die in einem sogenannten Weltmodell zusammengefügt wurden. Die Erkenntnis, die dabei herauskam, war beängstigend: Wenn nicht schnellstmöglich ein radikales Umdenken im Verbrauch der natürlichen Ressourcen einsetzte, würde die Erde schon sehr bald an ihre Grenzen stoßen.10

„Die Grenzen des Wachstums“ stellte den Höhepunkt einer Flut umwelt- apokalyptischer Schriften dar. Im Gegensatz zu früheren Mahnern stützte sich die Studie auf Computersimulationen und verfügte damit über eine neuartige argumen- tative Schlagkraft. Trotz vereinzelter Kritik an dem Bericht sorgte die Publikation in der zeitgenössischen umweltpolitischen Berichterstattung für einen ersten Höhepunkt. Viele interessierte Bürger glaubten nicht mehr unreflektiert an die Formel „Wohlstand durch Wachstum“. Sie fühlten sich bestärkt durch zahlreiche Veröffentlichungen über massive Umweltschäden, die zur Verunsicherung führten. Die Umweltdebatte kam Anfang der 70-er Jahre in der Mitte der Gesellschaft an.11

Die Voraussetzung hierfür war eine neue Form der politischen Teilhabe im öffentlichen Leben. Zu Beginn der 70-er wurden ausgesprochen viele Bürgerinitiativen gegründet. Hierunter versteht man locker organisierte Gruppen, die sich zu meist lokalen Problemen öffentlich äußern. Häufig ohne formale Mitgliedschaft und ohne professio- nalisierte Geschäftsführung weisen sie einen dynamischen Charakter auf. Im Gegen- satz zu den „alten“ sozialen Bewegungen wie z.B. der Arbeiterbewegung dominierten bei den „neuen“ Bewegungen der 1970-er Jahre in erster Linie nicht-materielle Ziele.12 Die Ursprünge der Bürgerinitiativen lagen in den USA, doch in der BRD waren sie besonders erfolgreich. Im Rahmen der neuen sozialen Bewegungen nahmen die Umweltschutzinitiativen knapp die Hälfte ein und hatten von Anfang an einen guten Ruf. Zweifelsohne lag das unter anderem auch daran, dass sie vom „David-gegen- Goliath-Image“ profitierten: Auf der einen Seite die „kleinen Umweltschutzgruppen“, auf der anderen die „mächtigen Konzerne“.13

Parallel zum Aufkommen der Bürgerinitiativen wandelte sich das Image des Natur- schutzes. Bis in die 1970-er Jahre war Umweltschutz überwiegend konservativ konno- tiert. Dies wundert nicht, denn das Hauptziel der frühen Naturschützer lag darin, die Natur in ihrem natürlichen Zustand zu „konservieren“. Auch in der Weimarer Republik war der Umweltschutzgedanke überwiegend völkisch geprägt. Dass die Blut-und- Boden-Ideologie des Nationalsozialismus mit Werten wie Heimat und Landschaft dem Kerngedanken des Naturschutzes vordergründig nahe kam, stärkte das politisch eher rechte Erscheinungsbild. Hinzu kam, dass viele bedeutende Träger des Naturschutzes persönlich in den Nationalsozialismus verstrickt waren.14

Mit dem Aufkommen der Umweltschutzbewegungen veränderte sich das politische Bild des Naturschutzes vollkommen. Es setzte eine Abkehr vom altmodischen Heimat- schutz ein, stattdessen wurden Begriffe wie dezentral, basisdemokratisch oder gewalt- frei propagiert. Anstelle von Gewinnstreben in der Leistungsgesellschaft sollten Soli- darität mit der Um-, Mit- und Nachwelt vorherrschen. Die ökologische Bewegung orientierte sich politisch links, latent antikapitalistisch und nicht selten antiautoritär. Parallelen zu den 68-ern sind offensichtlich. In ihrem Aktionsstil und der Ablehnung der Konsumgesellschaft traten viele Umweltaktivisten das Erbe der 68-er an. Im Zeitalter der postheroischen Gesellschaft lässt sich die Ökologie als letzte Art von Ideologie be- zeichnen, die aber in Form der Umweltschutzbewegungen - im Gegensatz zum Ver- bandsnaturschutz - locker organisiert war und genug Freiräume für Individualität und Nonkonformismus ließ.15

Eine weitere Wende des Umweltschutzes in den 70-ern bedeutete die globale Aus- richtung der Bewegung. Zuvor widmete sich der Naturschutz überwiegend lokalen Problemen wie z.B. der Verunreinigung der Luft in der jeweiligen Gemeinde oder dem Engagement für die Unterschutzstellung eines bestimmten, oft recht kleinen Gebiets, mitunter nur eines Berges, Flussabschnitts etc. Mit der generell verstärkten Globali- sierungstendenz in den 1970-er Jahren änderte sich die Haltung. Umweltschützer be- griffen, dass viele Probleme nur international gelöst würden könnten. Sicherlich war den meisten Aktivisten bewusst, dass sie die Welt nicht im Ganzen verändern könnten, aber zumindest sollte das Handeln in einem weltumspannenden Kontext betrachtet werden, was sich im Motto „Global Denken - Lokal Handeln“ manifestierte.16 Eng damit verbunden ist die Entwicklung, dass die Umweltinitiativen verstärkt zu anderen sozialen Bewegungen Kontakt aufnahmen. Die Gerechtigkeitsfrage weckte gesteigertes Interesse an der Frauenbewegung, an Menschenrechtsgruppen und Dritte-Welt-Initiativen; zahlreiche Kontakte wurden dorthin geknüpft.

[...]


1 Titel des Buches: Joachim Radkau, Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte. München 2011.

2 Vgl. Jens Ivo Engels, Naturpolitik in der Bundesrepublik. Ideenwelt und politische Verhaltensstile in Naturschutz und Umweltbewegung 1950-1980. Paderborn 2006. S. 35-37.

3 Vgl. Radkau, Ära der Ökologie. S. 32-37.

4 Vgl. Radkau, Ära der Ökologie. S. 8-13.

5 Franz-Josef Brüggemeier; Jens Ivo Engels (Hrsg.) Natur- und Umweltschutz nach 1945. Konzepte, Konflikte, Kompetenzen. Frankfurt/Main 2005.

6 Vgl. Engels, Naturpolitik. S. 14.

7 Vgl. Radkau, Ära der Ökologie. S. 28.

8 Vgl. Kai F. Hünemörder, 1972 - Epochenschwelle der Umweltgeschichte? In: Brüggemeier; Engels, Natur- und Umweltschutz nach 1945. S. 129f.

9 Massachusetts Institute of Technology.

10 Donella H. Meadows et al., The Limits To Growth. New York 1972. S. 185-197.

11 Vgl. Hünemörder, 1972. S. 133f. und S. 140.

12 Vgl. Engels, Naturpolitik. S. 324.

13 Vgl. ebd. S. 327f.

14 Vgl. Karl-Werner Brand; Klaus Eder; Angelika Poferl, Ökologische Kommunikation in Deutschland. Opladen 1997. S. 14-17.

15 Vgl. Radkau, Ära der Ökologie. S. 29 und S. 156.

16 Vgl. ebd. S. 586.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die westdeutsche Umweltschutzbewegung der 70er und 80er Jahre
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich-Meineke-Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
25
Katalognummer
V283178
ISBN (eBook)
9783656827450
ISBN (Buch)
9783656828815
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
umweltschutzbewegung, jahre
Arbeit zitieren
Christian Stielow (Autor), 2014, Die westdeutsche Umweltschutzbewegung der 70er und 80er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283178

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