Die politische Situation Athens vor und nach der Schlacht von Chaironeia 338


Hausarbeit, 2012

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die politische Entwicklungen Athens vor Chaironeia
II.1 Demosthenes‘ Bündnispolitik gegen Philipp
II.2 Zwischenfazit: Athens politische Situation vor Chaironeia

III. Nach der verlorenen Schlacht: Maßnahmen und Verhandlungen
III.1 Verteidigungsmaßnahmen und die Wahl Phokions
III.2 Verhandlungen mit Philipp: Der Demadesfrieden

IV. Der Korinthische Bund, seine Rahmenbedingungen und die weitere Entwicklung der Innenpolitik
IV.1 Der Korinthischer Bund und seine Rahmenbedingungen
IV.2 Die weitere innenpolitische Entwicklung Athens

V. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Die Schlacht bei Chaironeia 338, in der Athen und seine Bündnispartner gegen den Makedonenkönig Philipp II. eine schwere Niederlage erlitten, war zweifellos ein folgeschweres Ereignis für die weitere Entwicklung der griechischen Geschichte. Hier soll untersucht werden, welche Folgen dieses Ereignis tatsächlich auf die Innen- und Außenpolitik Athens hatte, wo man klare Einschnitte oder andererseits auch Kontinuitäten erkennen kann. Dabei soll die Frage im Mittelpunkt stehen, inwiefern die Schlacht bei Chaironeia als einschneidende Zäsur in der politischen Geschichte Athens betrachtet werden kann. Wie sehr veränderte sich das Kräfteverhältnis in der Innenpolitik und welche Schritte wurden in der Außenpolitik unternommen bzw. welche Handlungsmöglichkeiten boten sich den Athenern? Dabei soll besonders der Einfluss und die Strategie zu dieser Zeit führender Redner untersucht werden, sowie deren Rückhalt in der Bevölkerung.

Um ein genaues Bild der politischen Entwicklungen zu entwerfen, müssen zunächst die politischen Entwicklungen im Vorfeld der Schlacht erläutert werden. Welche innenpolitische Parteienbildung gab es und welche Politik konnte sich durchsetzten? Sodann sollen die Friedensbedingungen und deren Auswirkungen auf die Politik Athens unmittelbar nach der Schlacht untersucht werden. Inwiefern wurden hier Eingriffe in das politische System von Athen vorgenommen, wo war man eingeschränkt und welche Freiheiten boten sich auf der anderen Seite? Diese Entwicklungen nach Chaironeia müssen schließlich in einen Zusammenhang mit der vorherigen Situation gestellt werden, um so die tatsächliche Bedeutung der Schlacht für die Politik Athens besser zu erfassen. Damit soll die oben genannte Frage beantwortet werden können, ob man bei Chaironeia tatsächlich von einer starken Zäsur in der politischen Entwicklung Athens sprechen kann oder ob es vielmehr klare Kontinuitäten im innen- und außenpolitischen Kräfteverhältnis gab.

II. Die politische Entwicklung Athens vor Chaironeia

Gegen Ende der 40er Jahre deutete sich eine direkte Konfrontation Athens mit Philipp immer klarer an, der eine energische Expansionspolitik betrieb. Die Außenpolitik Athens war durch Vorbereitungen bestimmt, die ein möglichst starkes Defensivbündnis gegen die Übergriffe des Makedonenkönigs etablieren sollten. 342 kam es zur makedonischen Intervention auf Euboia, als Philipp versuchte die Herrschaft promakedonischer Kreise in Eretria und Oreos zu stärken[1]. Bereits zuvor, im Jahr 343, kam es zu einer Verschärfung der Konflikte zwischen proathenischen und promakedonischen Gruppen auf Euboia und in Elis[2]. Dass auch in Athen die Stimmung zunehmend antimakedonisch wurde, zeigt die Parapresbia Klage, welche im Herbst 343 von Demosthenes gegen Aischines eingereicht wurde. Der Vorwurf lautete pflichtwidriges Verhalten als Mitglied der Gesandtschaft, deren Verhandlungen zum Frieden des Philokrates mit Philipp 346 führten. Aischines wurde nur mit knapper Mehrheit freigesprochen, was die deutliche Unzufriedenheit mit dem Friedenszustand verdeutlichte. Innenpolitisch konnte sich dadurch in der Zeit vor Chaironeia Demosthenes immer stärker gegen seine Gegenspieler durchsetzen und bestimmte in dieser Zeit auch maßgeblich die außenpolitischen Vorbereitungen hinsichtlich der anstehenden Konfrontation mit Philipp, die wohl zumindest aus der Sicht Demosthenes‘ unvermeidbar war. 343/42 kam es bereits zu Athenischer Intervention in makedonisches Interessengebiet, als der athenische Stratege Diopeithes versuchte in Kardia, einer mit Philipp verbündeten Polis, Kleruchen anzusiedeln[3]. Auf der anderen Seite kam es jedoch auch zu für Athen sehr bedrohlich empfundenen Vorstöße der Makedonen. Als Philipp wie oben bereits erwähnt in Eretia und Oreos eingriff, sprach Demosthenes in seiner vierten Philippika von einer „Festung“, die Philipp auf Euboia errichte[4].

II.1 Demosthenes‘ Bündnispolitik gegen Philipp

Demosthenes selbst war hingegen bemüht jeglichen möglichen Verbündeten gegen Philipp zu gewinnen. Dabei hatte er beispielsweise Erfolg, als die Brüder Kallias und Taurosthenes aus Chalkis 341 einen Bruch mit Philipp vollzogen. Sie beabsichtigten schon seit Anfang der 40er Jahre einen Bund euboiischer Städte unter Führung ihrer eigenen Polis zu konstituieren[5], erhielten dabei jedoch keinerlei Unterstützung von Philipp, da dieser nicht an einer weiteren Mittelmacht interessiert war. Kallias, der sich nun an Athen wandte wurde von Demosthenes unterstützt, der sich für ein Bündis mit Chalkis einsetzte. Dieses Bündnis wurde etwa im Frühjahr 341 beschlossen und basierte auf völliger Gleichberechtigung der beiden Bündnispartner[6]. Außerdem konnte im Sommer 341 durch Initiativen Kephisophons und Phokions der makedonenfreundliche Tyrann Philistides von Oreos entmachtet werden und ebenso wurde die Herrschaft des Kleitarchos in Eretia beseitigt um dort ein demokratisches System einzurichten. Damit waren weitere sehr wichtige Schritte getan, die die Konstituierung eines Euboiischen Bundes zum Ziel hatten[7].

Eben dieser Euboiische Bund wurde im Frühjahr 340 gegründet. Die Poleis aus dem Zweiten Seebund erneuerten ihre Bündnisse mit Athen, wodurch die Ostküste gesichert wurde[8]. Spätestens nach diesem verhandlungspolitischen Erfolgen galt Demosthenes Stellung in Athen als unumstritten[9]. Dieser konnte sich außerdem auf stabile Staatsfinanzen stützen, die dank Eubulos von Probalinthos, der 354 das Amt eines Verwalters der Theorika übernommen hatte, einen Aufschwung erlebten[10]. Als Demosthenes 340 zum Anführer des Flottenwesens ernannt wurde, konnte er ein Gesetz durchsetzen, welches die finanzielle Verantwortung für Bau und Aufrüstung der Flotte auf die 300 reichsten Bürger beschränkte, was die Effektivität der Aufrüstung der Seemacht steigern konnte[11]. Im Sommer 340 begann Philipp den Angriff auf die Poleis Perinthos und Byzanthion und entschied sich somit dagegen seine Ziele eventuell doch noch durch Verhandlungen mit den Athener zu erreichen. Nachdem die makedonischen Schiffe, die zur Belagerung von Byzantos benötigt wurden, zunächst durch den athenischen Strategen Chares am Hellespont aufgehalten wurden, ließ Philipp makedonische Truppen in die Chersones einmarschieren, wodurch eine Durchfahrt der Schiffe zum Marmarameer und weiter zum Bosperus ermöglicht wurde. Die Kaperung eines Getreidekonvois hatte daraufhin die formelle Kriegserklärung der Athener an Makedonien zur Folge, welche zuvor von Demosthenes beantragt wurde[12]. Dass die meisten Athener an diesem Punkt einer Kriegserklärung zustimmten, ist insbesondere die Folge von Demosthenes‘ jahrelanger Überzeugungsarbeit, wobei er immer wieder auf die große, von Philipp ausgehende Gefahr hingewiesen hatte[13]

Seinem Handeln ist wohl auch die Konstituierung des nach ihm benannten Hellenischen Bundes zu verdanken, eine defensiv orientierte Koalition, welche etwa im Februar/März 340 entstanden ist. Der Bund setzte sich zusammen aus Athen, Euboia, Korinth, Byzantion sowie den Archaiern, Lokrern und Messeniern. Die Mitglieder verpflichteten sich zur gegenseitigen Hilfeleistung im Falle eines feindlichen Angriffs, die Führung des Bundes lag in den Händen der Athener[14]. Trotz dieser Verstärkung waren Athens Bodentruppen den gut ausgerüsteten Makedoniern unterlegen, man hoffte also noch auf einen Anschluss Thebens an den Hellenischen Bund, welcher später auch erfolgen sollte[15].

Nach Demosthenes‘ erfolgreicher Aufrüstungspolitik, durch die er bis zum Jahr 338 die Zahl der athenischen Kampfschiffe auf etwa 400 erhöhen konnte, bewies er außerdem weiterhin großes Verhandlungsgeschick bei einer Intrige, die von den Lokrern von Amphissa gegen Athen ausging. Diese waren vorbereitet beim Amphiktyonenrat Klage einzureichen, mit der Begründung, die Athener hätten während des letzten Heiligen Krieges in dem noch nicht geweihten delphischen Tempel zwei goldene Schilde aufgehängt[16]. Aischines, der als Vertreter Athens im Rat auftrat, konnte die Lokrer selbst in Rolle des Angeklagten zurückdrängen, indem er ihnen vorwarf das heilige Land Kirrha bebaut zu haben. Diese Anklage fand sofort die Unterstützung der anwesenden Hieromnemonen und führte letztlich zum bewaffneten Konflikt als am nächsten Tag die Hieromnemonen zusammen mit Pylagoren in die Ebene von Kirrha zogen um dort den Frevel zu rächen[17]. Dieser Krieg war ganz im Sinne Philipps, der möglicherweise auch die Anklage der Lokrer erst initiiert hatte[18]. Der entstandene Konflikt konnte die Bündnisse der Athener destabilisieren und Philipp Verbündete gegen Athen einbringen. Diese Gefahr erkannte jedoch Demosthenes, der sich zunächst gegen Aischines Vorgehensweise aussprach[19] und schließlich durchsetzte, dass sich Athen in dieser Auseinandersetzung neutral verhielt um Feindschaften zu vermeiden. Insbesondere wollte er keine Bestrafung der Bürger von Amphissa, da ihre Polis mit Theben verbündet war, auf dessen Unterstützung gegen Philipp Athen dringend angewiesen war.

Philipp begann etwa im November 339 mit dem Vorstoß nach Mittelgriechenland. Ihm gelang es durch einen geschickten Schachzug die Stellung der Thebaner in Nikaia zu umgehen und gelangte über Elataeia in Phokis schließlich in das Kephisostal, wo ihm der Weg nach Boiotien bis Parapotamoi offenstand[20]. Diese Nachricht löste in Athen Panik aus[21] und Demosthenes stellte den Antrag den Thebanern ein Bündnis vorzuschlagen. Dieser war erfolgreich und Demosthenes wurde selbst mit der Leitung der Verhandlungen beauftragt. Theben verhandelte gleichzeitig mit Philipp, der die Erlaubnis zum Durchmarsch durch Boiotien erreichen wollte und sich bereit erklärte auf Nikaia zu verzichten. Theben entschloss sich schließlich aber für ein Bündnis mit den Athenern, die anboten das gesamte Gebiet des Boiotischen Bundes anzuerkennen, zwei Drittel der Kriegskosten zu tragen und den Thebanern im Falle von Unabhängigkeitsbewegungen in Boiotien bei Seite zu stehen[22]. Diese großzügigen Angebote verdeutlichen wie gefährlich Athen die Situation einschätzte. Als das Bündnis zwischen Athen und Theben beschlossen war begann Philipp seinerseits Friedensangebote an beide mittelgriechische Mächte zu stellen. Demosthenes konnte in der Ekklesia jedoch eine Ablehnung gegen den Rat Phokions erwirken[23]. Offenbar herrschte eine gewisse Zuversicht den Krieg gewinnen zu können, auf der anderen Seite war nicht sicher, wie lange die neu entstandene Anti-Philipp-Koalition halten würde. Mit dieser Entscheidung war wohl auch aus Sicht Philipps eine direkte militärische Konfrontation unvermeidbar. Somit kam es schließlich im August 338 zur entscheidenden Schlacht bei Chaironeia, aus der die Griechen, vom makedonischen Heer schwer geschlagen, als klare Verlierer hervorgingen[24].

II.2 Zwischenfazit: Athens politische Situation vor Chaironeia

Die politische Situation Athens in der Zeit vor Chaironeia war geprägt von Vorbereitungen gegen die bereits seit Ende der 40er Jahre sehr deutliche Gefahr, die von Makedoniens Expansionspolitik ausging. Es ist daher nicht überraschend, dass innenpolitisch insbesondere Demosthenes, der bereits seit langer Zeit vor Philipp gewarnt hatte und sich für eine starke griechische Bündnispolitik einsetzte, zum führenden Staatsmann avancieren konnte und sich problemlos gegen die Bedenken seiner politischen Gegner wie etwa Aischines durchsetzten konnte. Ihm war die Zustimmung der Volksversammlung sicher, wenn es darum ging Vorbereitungen zu treffen und Verhandlungen zu führen, die Athen in der Defensive gegen das makedonische Heer stärken konnten. Außenpolitisch geriet dementsprechend der Wunsch möglicherweise eine Hegemonialstellung Athens in Griechenland wie im 5. Jahrhundert wiederherstellen zu können in den Hintergrund. Zwar wurden durch Demosthenes Politik Bündnisse ermöglicht, diese hatten jedoch ausschließlich defensiven Charakter und kamen nur zustande, da die Bündnispartner in Philipps Heer ebenfalls eine große existenzielle Bedrohung sahen. Dies wird besonders deutlich hinsichtlich der Tatsache, dass oft seitens Athens großzügige Zugeständnisse an die Bündnispartner gemacht wurden, von einer Vormachtstellung Athens kann also keine Rede sein. Die Defensivbündnisse stehen angesichts des Verlustes an Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten der Athener in keinem Verhältnis etwa zum delisch-attischen Seebund des 5. Jahrhunderts[25].

[...]


[1] Welwei, Geschichte, S. 415.

[2] Gehrke, Untersuchungen, S. 57.

[3] Welwei, Geschichte, S. 414.

[4] Ebd., 415.

[5] Welwei, Geschichte, S. 416.

[6] Ebd., S.416.

[7] Dazu genauer: Wüst, Philipp, S. 108-113.

[8] Welwei, Geschichte, S. 416.

[9] Im März 340 wurde Demosthenes an den Dionysien geehrt, was als klare Bestätigung seiner Politik gewertet werden kann: Demosth.18.83, 223.

[10] Bis zum Jahre 340 erhöhte Eubulos die Einkünfte von 130 auf 400 Talente: Demosth.10.37-38.

[11] Will, Athen, S. 5.

[12] Welwei, Geschichte, S. 417.

[13] Ebd., S.417.

[14] Ebd., S.417.

[15] Jaeger, Demosthenes, S. 175f.; Siehe auch: Will, Athen, S. 6.

[16] Wüst, Philipp, S. 147; Welwei, Geschichte, S. 418.

[17] Wüst, Philipp, S. 147.

[18] Wüst, Philipp, S. 149.

[19] Demosth. 18,143.

[20] Welwei, Geschichte, S. 419.

[21] Demosth. 18, 169f..

[22] Will, Athen, S. 7; Welwei, Geschichte, S. 419.

[23] Will, Athen, S. 7.

[24] Welwei, Geschichte, S. 420.

[25] Ebd., S. 417.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die politische Situation Athens vor und nach der Schlacht von Chaironeia 338
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V283185
ISBN (eBook)
9783656826699
ISBN (Buch)
9783656828457
Dateigröße
661 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
situation, athens, schlacht, chaironeia
Arbeit zitieren
Micha Luther (Autor), 2012, Die politische Situation Athens vor und nach der Schlacht von Chaironeia 338, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283185

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