Von der Négritude zur Créolisation. Ein Vergleich der Philosophie von Édouard Glissant und Aimé Césaire


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

26 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Glissants Ausgangspunkt: Die Karibik und der amerikanische Kontinent
I.1. Meso-, Euro- und Neo-Amerika und die Besiedlung
I.2. Die Kreolisierung in der Karibik
I.3. Das Denken der Spur
I.4. Kreolisierung und Vielfalt: Gleichwertige Elemente werden in Beziehung zueinander gesetzt
I.5. Kreol und Kreolsprachen
I.6. Alteingesessene und komplexe Kulturen
I.7. Das Rhizom als Gegenstück zur einzelnen Wurzel
I.8. Konflikte im Zuge der verschiedenen Auffassung von Identität
I.9. Die Chaos-Welt
I.10. Das Systemdenken gegenüber dem poetischen Denken

II. Aimé Césaire und die Négritude
II.1. Une tempête: ein Theaterstück der Négritude

III. Césaire als Vordenker für Glissants Antillanité

Resumée

LITERATURVERZEICHNIS

Einleitung

Aimé Césaire, geboren im Jahr 1913 in Basse-Pointe, Martinique, war in seiner Rolle als Politiker, aber auch als Dichter und vor allem als Vordenker einer anti-kolonialistischen Bewegung (la Négritude) prägend für die kulturelle und politische Entwicklung der Antillen. Édouard Glissant, geboren 1928 in Bezaudin, ebenfalls Martinique, entwickelte eine eigene Philosophie, die sich unter anderem auch an Césaire orientierte . Dabei geht es nicht nur im begrenzten Rahmen um die Frage der kulturellen Identitätssuche in der Karibik, sondern um eine Kulturtheorie, die Glissant auf die ganze Welt anwendet und dabei zum Teil die heutige Auffassung von Identität gänzlich in Frage stellt. In seinen zentralen Werken, wie etwa Le Discours antillais (1981)[1] oder Poétique de la Relation (1990)[2] prägt Glissant neue Begriffe, wie etwa die der Créolisation, Relation, Identité, Rhizom und Chaos-monde. Auch wenn die Begriffe und Theorien Glissants weitergehend sind und teilweise den Ansätzen Césaires möglicherweise sogar widersprechen, kann von einer gegenseitigen Beeinflussung beider Autoren ausgegangen werden. Allein die physische Nähe der beiden Schriftsteller führte immer wieder zu Begegnungen, wie z.B. schon 1940, als Césaire im Lycée Schoelcher in Martinique unterrichtete und u.a. auch Glissant zu seinen Schülern zählte. Allgemein anerkannt und gewürdigt gilt Césaire heute als einer der bedeutendsten Poeten und Politiker Martiniques. Sein Schaffen und politisches Engagement hat seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein neues Selbstbewusstsein unter der schwarzen Bevölkerung der Antillen bewirkt, mit dem sie sich weiterentwickeln konnte. Glissant wiederum hat nicht kritiklos die Theorien Césaires übernommen, sondern einen anderen, neuen Ansatz zur Erklärung und zur Lösung der Identitätssuche gewählt. Dennoch hat auch Glissant die Errungenschaften Césaires anerkannt und geht in seinem Werk den Fragen nach, die sich eben erst durch Césaire aufdrängt haben. Somit hat auch Glissant von der Arbeit Césaires profitiert und greift auch immer wieder Ideen Césaires auf, um dazu Stellung zu nehmen und sie in die eigene Arbeit einzubinden.

Im Folgenden sollen nun zunächst die zentralen Begriffe Édouard Glissants anhand von ausgewählten Abschnitten seiner Werke erläutert werden. Hierzu orientiere ich mich in erster Linie an der 1996 erschienenen Introduction à une poétique du Divers, eine Zusammenfassung einer Vortragsreihe Glissants, bestehend aus vier Vorträgen, die sich insbesondere mit dem Thema Kultur und Identität auseinandersetzen. Hinzu kommen zentrale Werke wie der Discours antillais (1981) und Poétique de la Relation (1990). Anschließend wende ich mich Césaires Négritude zu, die der Antillanité und Créolisation Glissants vorausging. Zur Verdeutlichung wird ein Theaterstück Césaires, eine Bearbeitung von Shakespeares The Tempest (1623) mit dem Titel Une Tempête (1969), herangezogen und schließlich Ansätze zu Glissants Theorien in Césaires Werk untersucht. Es soll unter anderem beobachtet werden, inwieweit Césaire die theoretische Grundlage für Glissants Überlegungen lieferte, welche Gemeinsamkeiten vorhanden sind, aber auch in welcher Weise sich die philosophischen Überlegungen beider Autoren unterscheiden.

I. Glissants Ausgangspunkt: Die Karibik und der amerikanische Kontinent

Glissant formuliert seine Poétique de la Relation ausgehend von der Situation in seiner Heimat Martinique. Die Karibik spielte für ihn eine ganz grundlegende Rolle, wenn es um die Frage der kulturellen Identität geht. Die dort ansässige Bevölkerung befindet sich in der besonderen Lage, dass ihre Kultur, anders als z.B. in Europa, von besonders vielen Faktoren beeinflusst und verändert wurde. So ist es aufgrund der historischen Ereignisse, also der Kolonisierung durch die Europäer, Ansiedlung afrikanischer Sklaven, aber auch Arbeiter aus dem asiatischen Raum und später als Département des französischen Staats, besonders schwierig, eine eindeutige Verwurzelung in einer bestimmten Identität bzw. Kultur festzustellen. Vielmehr handelt es sich um eine Kultur, die von zahlreichen unterschiedlichen Einflüssen in einem fortlaufenden Prozess gestaltet wird. Glissant versucht diese Entwicklung mit dem Begriff der Créolisation näher zu beschreiben. In seinem Aufsatz Introduction à une poétique du Divers geht er dabei zunächst von einem Vergleich der Landschaft der Karibik mit anderen Landschaften aus, etwa der des amerikanischen Kontinents oder der Landschaft Europas.

Glissant stellt fest, dass die Landschaft des amerikanischen Kontinents, also Nord- und Südamerika einschließlich der Karibik auf ihn einen ganz anderen Eindruck macht, als z.B. die Landschaft Europas. Die Landschaft Europas wirke für ihn wie ein ebenmäßiges Ganzes, das sich in einem festgelegten Rhythmus der Jahreszeiten bewegt. In Amerika hingegen spricht Glissant von einer Offenheit der Landschaft, einer paysage „irrué“.[3] In Bezaudin, seinem Geburtsort, erscheinen ihm die senkrecht abfallenden Terrassenkulturen und Baumreihen ganz ähnlich zu gewissen Landschaften in Peru. Die Karibik ist, wie Glissant meint, eine Art „Vorwort“ zum amerikanischen Kontinent und dementsprechend „bezeichnend“ für die amerikanische Welt. Hier geschah es, dass die verschifften afrikanischen Sklaven zuerst an Land gingen. Nichtsdestotrotz wurden diese Länder über lange Zeit hinweg kaum beachtet, mit einigen Ausnahmen, wie z.B. den revolutionären Bewegungen auf Haiti und Kuba. Glissant ist jedoch der Ansicht, dass gerade in dieser Umgebung Vorgänge sehr gut zu beobachten sind, die in dieser Weise nicht nur dort, sondern im ganzen amerikanischen Kontinent oder sogar in der ganzen Welt so geschehen[4].

I.1. Meso-, Euro- und Neo-Amerika und die Besiedlung

Glissant unterteilt den amerikanischen Kontinent in drei Kategorien, abhängig von den Siedlern, die ihn bewohnen: Das erste Amerika ist das der Völker, die schon immer dort waren (Meso-Amerika). Das zweite ist das der Gruppen, die aus Europa zuzogen und auf dem neuen Kontinent jedoch die Sitten, Gebräuche und Traditionen ihrer Ursprungsländer bewahrt haben. Glissant nennt dies das Euro-Amerika. Beispiele hierfür wären etwa Quebec und gewisse Teile Kanadas und der USA. Schließlich gibt es noch einen speziellen Teil, nämlich das sogenannte Neo-Amerika, wie Glissant sagt, das Amerika der Kreolisierung. Auf eine genaue Erläuterung zu diesem Begriff soll hier später noch eingegangen werden. Zu diesem Teil zählt Glissant die Karibik, den Nordosten Brasiliens, die Guyanas und Curacao, den Süden der USA sowie Teile Venezuelas, Kolumbiens und Mexikos. Allerdings macht er deutlich, dass bei dieser Aufteilung keine genauen Grenzen gezogen werden können, da sich die verschiedenen Teile auch überlagern und gegenseitig beeinflussen. Zum Beispiel ist das Meso-Amerika in Kanada und Quebec ebenso zu finden wie in den USA. In jedem Fall, so Glissant, habe es in der Vergangenheit vor allem häufig Zusammenstöße und Konflikte zwischen diesen verschiedenen Teilen Amerikas gegeben. Das Neo-Amerika erhöht dabei seinen Einfluss auf das Meso- und Euro-Amerika[5].

Auch in Bezug auf den Vorgang der Besiedlung des Kontinents unterscheidet Glissant zwischen drei Typen von Ansiedlern. Zunächst gibt es den „bewaffneten Migranten“. Er erobert das Land mit Gewalt und wird zum Gründer. Danach erscheint der „häusliche (familiäre) Migrant“, der große Teile des Landes besiedelt. Schließlich gibt es den „nackten Migranten“, der mit Gewalt auf den Kontinent gebracht wird. Dieser letzte Typ ist für den Vorgang der Kreolisierung von hoher Bedeutung. Durch ihn ist die Grundlage einer Besiedlung in „zirkulärer Form“ gegeben. Glissant möchte mit diesem Ausdruck abgrenzen von der Besiedlung durch die Kolonisation, welche im Gegensatz zur zirkulären Form wie ein „pfeilförmiger Vorstoß“ verläuft. Gemeint ist hier der Verlauf der Kreolisierung, welche sich nun also in „zirkulärer Form“, also spiralförmig ausbreitet und sich auf die alteingesessenen Teile Amerikas auswirkt[6].

I.2. Die Kreolisierung in der Karibik

Den genauen Vorgang der Kreolisierung erklärt Glissant anhand der Situation in der Karibik. Während das Mittelmeer in Europa ein Meer ist, das sammelt und konzentriert und in seiner Form geschlossen ist, ist die Karibische See ein offenes Meer, das weit streut. Um das Mittelmeer entstanden die Kulturen der monotheistischen Religionen, hier wird selbst unter Kriegen und Konflikten das Denken der Menschen auf das „Eine und die Einheit“ ausgerichtet.[7] In der Karibik hingegen besteht eine Streuung, die zur „Lebendigkeit der Vielfalt“ anregt. Hier sind sich über drei Jahrhunderte hinweg aus den unterschiedlichsten Weltgegenden kulturelle Elemente begegnet, die sich überlagerten und ineinander verschmolzen und schließlich etwas absolut Unvorhersehbares, absolut Unerwartetes schafften, eine „kreolische Realität“. Diesen Vorgang nennt Glissant als Beispiel für die Kreolisierung. In der Realität geschieht diese Kreolisierung Neo-Amerikas ebenso in Brasilien, an den Küsten der Karibik, auf den Inseln oder im Süden der USA. Obwohl hier die Bedingungen der Sklaverei und Unterdrückung herrschten, der Entrechtung durch die unterschiedlichsten Systeme der Sklaverei, vollzieht sich hier trotz dieser Rückschläge eine „tatsächliche Umwandlung des Seins“.

In Bezug auf die Kreolisierung stellt Glissant die folgende These auf:

La créolisation qui se fait dans la Néo-Amérique, et la créolisation qui gagne les autres Amériques, est la même qui opère dans le monde entier. La thèse que je défendrai auprès de vous est que le monde se créolise, c’est-à-dire que les cultures du monde mises en contact de manière foudroyante et absolument consciente aujourd’hui les unes avec les autres se changent en s’échangeant en travers des heurts irrémissibles, des guerres sans pitié mais aussi des avancées de conscience et d’espoir […].[8]

Glissant stellt also die Theorie auf, dass sich für den Prozess der Kreolisierung, den er in der Karibik in der Realität beobachtet, ein universaler Anspruch erheben lässt und dieser Prozess somit überall auf der Welt stattfindet oder zumindest stattfinden kann. Weiterhin stellt Glissant fest, dass bei diesem Prozess der Kreolisierung, welcher oft zu Konflikten führt, deutlich werde, dass die menschlichen Gesellschaften ungern aufgeben möchten, woran sie solange festgehalten haben, nämlich: „daß die Identität eines Seins nur dann etwas wert und erkennbar sei, wenn sie die Identität aller möglichen anderen Seinsweisen ausschließt.“[9]

I.3. Das Denken der Spur

Wie sich die Kreolisierung in der Karibik vollzogen hat, wird an dem Beispiel der afrikanischen Sklaven deutlich, also der dritten Gruppe von Einwanderern. Hier spielt die besondere Situation der Gruppe eine Rolle, in der sie sich befand, als sie nach Amerika verschleppt wurde. Die ersten beiden Gruppen von Einwanderern, die aus freien Stücken aus Europa kamen, hatten die Möglichkeit ihre kulturellen Bräuche, ihre Musik, ihr Werkzeug, Religion usw. mitzubringen und weiterhin zu pflegen. Den Afrikanern fehlten jedoch bei ihrer Ankunft alle diese Dinge. Selbst die Sprache wurde ihnen genommen. Denn auf den Sklavenschiffen sowie auf den Plantagen war eine der ersten Maßnahmen, alle diejenigen, die dieselbe Sprache sprachen, voneinander zu trennen.[10] Diese Migranten mussten sich also auf andere Weise die alltäglichen Dinge neu beschaffen. Glissant führt hier einen neuen Begriff ein, nämlich den der „Spur“(frz. la trace). Die afrikanischen Migranten bilden sich ihre Sprache allein aus Spuren , die ihnen von der Vergangenheit bleiben, und ahmen Fertigkeiten nach, die für alle Gültigkeit haben können. Während bei den Europäern alte Lieder und Traditionen für die Hochzeit, Trauerfeier, die Taufe gezielt gepflegt wurden, hatte der deportierte Afrikaner nur die Möglichkeit, aus einer vielfältigen, vagen Spur, einer teilweise erhaltenen Erinnerung, etwas Neues, völlig Unvorhersehbares zu erschaffen. So wurden z.B. die Kreolsprachen geschaffen und auch verschiedene Formen der Kunst, etwa der Jazz, eine Musik mit neuen Instrumenten, die aber auf afrikanischen Rhythmen basiert. Diese neuen Formen, die in der Karibik, in Brasilien und Nordamerika aus dem Denken der Spur heraus geschaffen wurden, stehen wiederum allen zur Verfügung. Dem Denken der Spur stellt Glissant das „Systemdenken“ (frz. les pensées de système) gegenüber, welches aktuell in der Welt vorherrscht und das er als falsch ansieht[11].

I.4. Kreolisierung und Vielfalt: Gleichwertige Elemente werden in Beziehung zueinander gesetzt

Ein weiterer wichtiger Punkt, den Glissant in Bezug auf die Kreolisierung erläutert, ist die Gleichstellung der kulturellen Elemente, die miteinander in Kontakt gebracht werden. Glissant stellt fest, dass für eine erfolgreiche Kreolisierung diese kulturellen Elemente unbedingt als gleichrangig gelten müssen, denn sonst könne sich eine Kreolisierung nicht wirklich entwickeln. Zwar würde dennoch eine Entwicklung stattfinden, diese würde jedoch nur unvollständig und asymmetrisch verlaufen, am Ende würde immer ein „bitterer Rest“ übrig bleiben[12]. Dies war in den meisten Ländern der Kreolisierung der Fall, indem nämlich die Bestandteile der schwarzen, afrikanischen Kultur stets als minderwertig hingestellt wurden. Es musste daher fast überall in Neo-Amerika zunächst ein Gleichgewicht zwischen den zusammengeführten kulturellen Elementen hergestellt werden. Hierbei spielte unter anderem auch Aimé Césaire eine ganz entscheidende Rolle, der mit dem Konzept der Négritude für eine völlige Neubewertung des afrikanischen Erbes sorgte und für eine Gleichbehandlung der Kulturen in der Karibik kämpfte. Zuvor jedoch wurde lange Zeit die Kreolisierung von der Herabsetzung verschiedener Kulturen untergraben. Dies geschah nicht nur mit der Kultur der afrikanischen Sklaven, sondern z.B. auch als nach der Sklavenbefreiung 1848 eine teilweise Besiedlung der Karibik mit indischen Migranten stattfand, denen Arbeitsplätze versprochen worden waren, die aber letztendlich ebenso wie Sklaven behandelt wurden. Eine Anerkennung der indischstämmigen Bevölkerung und ihrer Kultur dauerte sehr lange, besaß jedoch für die Kreolisierung eine sehr hohe Bedeutung.

Dies ist also einer der wichtigsten Aspekte der Kreolisierung, dass es eine Wertschätzung und Gleichbehandlung der verschiedenen kulturellen Elemente geben muss. Diese Elemente werden zueinander in Beziehung gesetzt, dies ist ein weiterer zentraler Begriff Glissants. Die Bestandteile der einzelnen Kulturen befinden sich in einem ständigen Prozess, bei dem sie zueinander in Beziehung gesetzt werden. Dabei können diese Elemente ganz unterschiedlich und heterogen beschaffen sein. Es handelt sich jedoch, wie Glissant betont, bei der Kreolisierung nicht einfach um eine Vermischung. Denn das Ergebnis einer Mischung ist vorhersehbar, wie etwa bei einer Kreuzung von verschiedenen Pflanzen oder Tieren. Hier lässt sich von vorneherein bestimmen, wie das Ergebnis aussehen soll. Die Kreolisierung ist dagegen unvorhersehbar, das Ergebnis kann niemand voraussagen. Überhaupt war es schon nicht absehbar, dass sich bei den Völkern Nord- und Südamerikas diese Entwicklung vollzog, die neue Kunstformen und Sprachen hervorbringen würde[13].

I.5. Kreol und Kreolsprachen

Den Begriff „Kreolisierung“ leitet Glissant vom Kreolischen ab. Die kreolische Sprache ist sozusagen die Verwirklichung der Kreolisierung. Sie zeigt anschaulich, wie etwas Neues, völlig Unvorhersehbares, entstanden ist. Das frankophone Kreol besteht z.B. aus den verschiedensten Elementen, die aus dem Kontakt bretonischer und normannischer Dialekte des 17. Jahrhunderts entstanden sind und sich einer Syntax bedienen, deren genaue Herkunft unbekannt ist und die in keinem Zusammenhang mit den oben genannten Variationen steht. Es wird vermutet, dass sie eine Art Synthese von Sprachen aus Westafrika darstellt. Die Kombination aus diesen heterogenen Elementen, die schließlich eine neue Sprache hervorbrachte, war also nicht vorhersehbar. Der Ursprung dieser Sprache begann wohl in Form eines Pidgin, das zweckbedingt das anfängliche Verständigungsproblem auf den karibischen Inseln lösen sollte. Wichtig bei der Bezeichnung „kreolisch“ ist laut Glissant die Tatsache, dass es sich um eine Sprache handelt, die aus mindestens zwei heterogenen Ausgangspunkten entstanden ist. Eine Verformung einer einzigen Sprache, wie z.B. die Sprache Jamaikas, würde Glissant nicht kreolisch nennen, auch wenn dies keine Minderwertigkeit bedeuten soll. Kreolsprachen jedoch entstehen aus dem Aufeinanderprallen, dem „wechselseitigen Ineinander-Aufgehen“ sprachlicher Elemente, die von mindestens zwei völlig verschiedenen Ausgangspunkten ausgehen und die am Schluss ein völlig unvorhersehbares Resultat liefern. Schließlich stellt Glissant die These auf, dass man wohl jede Sprache, wenn man sie genau untersucht, als eine Kreolsprache betrachten kann.

Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Orten, an denen es teilweise mehr, teilweise weniger zu Entstehungen von Kreolsprachen kommt, erklärt Glissant folgendermaßen: zum einen muss die sprachliche Grundlage hinreichend flexibel sein, so waren z.B. die französischen, normannischen und bretonischen Dialekte zu einem gewissen Grad „formbar“ und gestatteten so eine einfachere Kreolisierung. Die englische und die spanische Sprache waren hingegen bereits recht gefestigt und widerstanden daher eher einer Veränderung, was dazu führte, dass es in den englisch- oder spanischsprachigen Gebieten manchmal nicht zu einer richtigen Kreolisierung kam, was die Sprache betrifft. Ein zweiter Punkt ist, dass sprachliche Kreolisierung anscheinend besser auf kleinen, gut abgegrenzten Bereichen funktioniert, wie z.B. eben auf Inseln/Archipelen der Karibik, dem Indischen Ozean, den Kapverden usw. Hier wird die Kreolisierung schneller vollzogen als anderswo. Jedoch meint Glissant, dass sich diese Situation auch in ähnlicher Weise auf der ganzen Welt wiederfinden lässt:

C’est pour ces raisons que je pense que le terme de créolisation s’applique à la situation actuelle du monde, c’est-à-dire à la situation où une « totalité terre » enfin réalisée permet qu’à l’intérieur de cette totalité (où il n’est plus aucune autorité « organique » et où tout est archipel) les éléments culturels les plus éloignés et les plus hétérogènes s’il se trouve puissent être mis en relation. Cela produit des résultantes imprévisibles.[14]

Insofern glaube ich, dass der Begriff der Kreolisierung sich auf die derzeitige Situation der Welt anwenden lässt, das heißt auf eine Situation, in der eine endlich erkannte „Totalität Erde“ es gestattet, dass innerhalb dieser Totalität (in der es keine „organische“ Autorität mehr gibt, in der alles Archipel ist) entfernteste und völlig heterogene Elemente unvermutet miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Dies führt zu unvorhersehbaren Resultaten. (Übersetzung: Beate Thill)

[...]


[1] Édouard Glissant: Le discours antillais, Paris, Gallimard, 2008.

[2] Édouard Glissant: Poétique de la Relation, Paris, Gallimard, 1990.

[3] „Irrué“ ist ein von Glissant selbst geschaffener Begriff und bedeutet hier „ausbrechend“ oder „ausschlagend“; siehe auch: Édouard Glissant: Introduction à une poétique du Divers, Paris, Gallimard, 1996, S.11.

[4] Glissant: Divers, S.15.

[5] Ibid.: S. 14.

[6] Glissant: Divers, S. 14.

[7] Ibid.: S.15.

[8] Glissant: Divers, S.15;

Die Kreolisierung, die in Neo-Amerika stattfindet und die auf andere Teile Amerikas übergreift, wirkt auch überall auf der ganzen Welt. Ich behaupte also, daß die Welt sich kreolisiert. Schlagartig und dabei in vollem Bewußtsein, werden die Kulturen der Welt miteinander in Kontakt gebracht, verändern sich in ihrem Austausch, was häufig zu unabwendbaren Zusammenstößen, erbarmungslosen Kriegen führt, aber es sind auch Vorposten des Bewusstseins und der Hoffnung erkennbar […] (Übersetzung: Beate Thill)

[9] Ibid.: S.15.

[10] Ibid.: S.17.

[11] Glissant: Divers, S.17.

[12] Ibid.: S.18.

[13] Glissant: Divers, S.19.

[14] Glissant: Divers, S.22;

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Von der Négritude zur Créolisation. Ein Vergleich der Philosophie von Édouard Glissant und Aimé Césaire
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
26
Katalognummer
V283195
ISBN (eBook)
9783656827399
ISBN (Buch)
9783656828556
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
négritude, créolisation, vergleich, philosophie, glissant, aimé, césaire
Arbeit zitieren
Micha Luther (Autor), 2013, Von der Négritude zur Créolisation. Ein Vergleich der Philosophie von Édouard Glissant und Aimé Césaire, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283195

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