Tiere spielen innnerhalb von Wissenschaft und Forschung nicht selten eine zentrale Rolle. Der Russe JURI GARGARIN war bekanntlich der erste Mensch im Weltall; das erste Lebewesen war indes ein Hund (namens „Laika“). Die wenigsten Tiere sind uns namentlich bekannt geworden, auch wenn sie einen großen Beitrag zum Fortschritt in der Wissenschaft geleistet haben. Schätzungen zufolge werden jährlich bis zu 100 Millionen Tiere – zumeist Mäuse, Ratten, Hamster, Meerschweinchen, Kaninchen und Frettchen – weltweit bei Tierversuchen verwendet. Viele von ihnen wurden eigens zum Zweck der Versuchsdurchführung gezüchtet; nur manche von ihnen überleben die Prozedur. Tierschutzorganisationen wie PETA verstehen es immer wieder, mit Hilfe von (schwer zu ertragenden) Bildern Tierversuche in der Öffentlichkeit anzuprangern. In Deutschland hat der Gesetzgeber bereits vor über 80 Jahren Regelungen für die Durchführung von Tierversuchen erlassen; mittlerweile fordert das Gesetz auch, dass die Durchführung der Tierversuche „ethisch vertretbar“ sein muss. Im Rahmen dieser Arbeit soll nun der Frage nachgegangen werden, ob und unter welchen Voraussetzungen Tierversuche mit ethischen Ansprüchen in Einklang gebracht werden können. Dies soll – zumindest, soweit es möglich ist – losgelöst von der Frage geschehen, ob Menschen ein Recht dazu haben, Tiere als Nahrung zu züchten und zu töten. Überschneidungen zur Thematik der Tierversuche gibt es hier gewiss; Massentierhaltung und Tiertransporte seien nur beispielhaft genannt. Die Ausführungen dazu würden den Rahmen dieser Arbeit jedoch bei Weitem sprengen. Vegetarier (und erst Recht Veganer) mögen dies dem Verfasser daher nachsehen.
Inhaltsverzeichnis
0 Vorwort
1 Definition: Tierversuche
2 Geschichte des Tierschutzes und der Tierversuche
3 Aktuelle gesetzliche Regelungen in Deutschland
4 Negative Auswirkungen auf Tiere
5 Menschenversuche als Alternative?
6 Eid des Hippokrates
7 Berechtigung von Tierversuchen
8 Ethische Konzepte
8.1 Kant : Gesinnungsethik
8.2 Schweitzer : Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben
8.3 Bentham / Mill : Erfolgsethik bzw. Utilitarismus
8.4 Singer : Speziesismus
9 Ethische Analyse und Bewertung
9.1 Legitimität der verfolgten Ziele
9.2 Vertretbarkeit der eingesetzten Mittel
9.3 Hinnehmbarkeit der voraussehbaren Folgen
9.4 Zusammenfassung
10 Lösungsansätze
10.1 Refinement , Replacement , Reduction
10.2 Ethische Grundsätze für Tierärzte ; Deklaration von Helsinki
10.3 Abwägung ; Schweregradtabellen
11 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob und unter welchen Voraussetzungen Tierversuche mit ethischen Ansprüchen in Einklang gebracht werden können. Dabei wird das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn, dem Schutz des Tieres als Mitgeschöpf und der gesetzlichen Verankerung der „ethischen Vertretbarkeit“ beleuchtet.
- Historische und rechtliche Grundlagen des Tierschutzes in Deutschland.
- Ethische Bewertung durch verschiedene philosophische Konzepte (Kant, Schweitzer, Bentham, Singer).
- Analyse der Legitimität von Forschungszielen und der Notwendigkeit von Tierversuchen.
- Diskussion von Lösungsansätzen wie dem 3-R-Prinzip und ethischen Abwägungsverfahren.
- Kritische Betrachtung von Alternativen, insbesondere Versuchen am Menschen.
Auszug aus dem Buch
4 Negative Auswirkungen auf Tiere
Die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit einer Handlung stellt sich stets dann (aber auch: nur dann), wenn die Handlung erkennbar negative Auswirkungen hat oder künftig haben könnte. Eben diese Frage stellt sich bei den Tierversuchen im Bezug auf die davon betroffenen Tiere. Indirekte Auswirkungen auf Menschen (durch Empörung, Schockiertsein, etc.) sollen aus dieser Betrachtung außen vor bleiben. Unstreitig ist wohl, dass das Töten der Tiere eine erhebliche negative Auswirkung darstellt – und auch die denkbar endgültigste Form. Wie eingangs erwähnt überschneidet sich diese Thematik mit dem Vegetarismus und soll deshalb hier nicht weiter vertieft werden. Von einer absoluten Mindermeinung wird die Ansicht vertreten, Tiere hätten keine Biographie (Anm. 16), wodurch ihr Tod ein neutrales Ereignis darstellen würde. Diese Ansicht ist eine nicht begründete Mindermeinung. Abzulehnen ist auch die Ansicht, Tiere könnten keine Schmerzen empfinden und damit – per definitionem – auch nicht gequält werden. Der sog. Analogieschluss von SAMBRAUS (Anm. 17) widerlegt dies klar und deutlich. Die wesentlichen Punkte davon sind:
Tiere sollen generell z.B. vor Schmerzen, Angst, Leiden, Hunger und Durst geschützt werden. Bei allen diesen Kriterien handelt es sich um Empfindungen.
Empfindungen sind per se nicht nachweisbar. Es kann nur auf sie geschlossen werden.
Ein solcher Schluss ist (nur) vom Menschen auf das Tier möglich. Er ist zulässig, weil der Mensch und die höherstehenden Wirbeltiere infolge ihrer stammesgeschichtlichen Verwandtschaft starke Analogien im Körperbau und in der Physiologie besitzen.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Vorwort: Einleitung in die Problematik der Tierversuche und Begründung der Relevanz einer ethischen Betrachtung.
1 Definition: Tierversuche: Klärung der Begrifflichkeiten und Abgrenzung dessen, was als Tierversuch gilt.
2 Geschichte des Tierschutzes und der Tierversuche: Überblick über die historische Entwicklung und die Zunahme der Versuchstierzahlen.
3 Aktuelle gesetzliche Regelungen in Deutschland: Analyse der rechtlichen Anforderungen, insbesondere der Forderung nach „ethischer Vertretbarkeit“.
4 Negative Auswirkungen auf Tiere: Darlegung der Belastungen für Tiere und methodische Widerlegung der Annahme, Tiere könnten nicht leiden.
5 Menschenversuche als Alternative?: Kritische Diskussion über die ethische und praktische Dimension von Versuchen am Menschen im Kontext der Forschung.
6 Eid des Hippokrates: Untersuchung, ob die ärztliche Ethik eine Legitimierung für Tierversuche bietet.
7 Berechtigung von Tierversuchen: Diskussion der wissenschaftlichen Notwendigkeit und der Zweifel an der Übertragbarkeit von Ergebnissen.
8 Ethische Konzepte: Darstellung philosophischer Positionen von Kant über Schweitzer bis hin zum Utilitarismus und Speziesismus.
9 Ethische Analyse und Bewertung: Systematische Prüfung der Ziele, Mittel und Folgen von Tierversuchen.
10 Lösungsansätze: Vorstellung von Strategien wie dem 3-R-Prinzip und ethischen Abwägungsinstrumenten.
11 Resümee: Zusammenfassende Einschätzung der ethischen Positionen und Ausblick auf die Notwendigkeit von Kompromissen.
Schlüsselwörter
Tierversuche, Tierschutz, Ethische Vertretbarkeit, Vivisektion, 3-R-Prinzip, Utilitarismus, Speziesismus, TierSchG, Analogieschluss, Anthropozentrismus, Forschung, Medizinische Ethik, Mitgeschöpflichkeit, Schmerzempfinden.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die moralische Rechtfertigung von Tierversuchen im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und dem sittlichen Gebot des Tierschutzes.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Rechtliche Grundlagen in Deutschland, philosophische Ethikkonzepte, wissenschaftliche Methodik sowie die Abwägung von Nutzen und Leiden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit analysiert, ob und unter welchen Voraussetzungen Tierversuche ethisch vertretbar sind, ohne dabei die Komplexität der verschiedenen Interessen zu ignorieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Analyse, die juristische Texte, philosophische Positionen und wissenschaftshistorische Belege verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine rechtliche Bestandsaufnahme, eine kritische ethische Analyse verschiedener Denkschulen und eine Diskussion über Lösungswege.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind ethische Vertretbarkeit, 3-R-Prinzip, Tierschutzgesetz, Analogieschluss und Speziesismus.
Wie bewertet der Autor das 3-R-Prinzip?
Das 3-R-Prinzip (Reduction, Refinement, Replacement) wird als zentraler, griffiger Lösungsansatz zur Reduktion von Tierversuchen gewertet.
Welche Rolle spielt das Tierschutzgesetz?
Das Tierschutzgesetz bildet das rechtliche Rückgrat, wobei insbesondere die Forderung nach „ethischer Vertretbarkeit“ als zentrale Anforderung an Forschungsvorhaben hervorgehoben wird.
Wie steht es um die Übertragbarkeit von Tierversuchen auf den Menschen?
Der Autor hinterfragt die absolute Zuverlässigkeit dieser Übertragbarkeit und thematisiert Beispiele, in denen Tierversuche keine oder falsche Erkenntnisse lieferten.
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- Dipl.-Jur. Univ. , M.A. , M.Sc. Christian Dickenhorst (Author), 2014, Die ethische Vertretbarkeit von Tierversuchen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283215