Absolutismus. Staatsidee und Herrschaftsform in den Werken von Bodin, Hobbes, Locke und Rousseau


Hausarbeit, 2011
51 Seiten, Note: 2,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Absolutismusbegriff. Bedeutung und Konnotationen
2.1 Verdichtungsprozesse in der Staatenbildung im 15. Jahrhundert. Vom Personenverbandsstaat zum institutionalisierten Flächenstaat

3 Jean Bodin. Staatsidee und Herrschaftsform in der frühen Neuzeit. Theoretische Grundlagen des Absolutismus.
3.1 Six Livres de la République (1576). Entstehungskontext und Bedeutung
3.2 Die Souveränität.
3.3 Der Staat
3.4 Staats- und Regierungsform
3.5 Der souveräne Monarch

4 Thomas Hobbes, Leviathan (1651). Der kontraktualistische Absolutismus
4.1 Historisch-philosphischer Entstehungskontext
4.2 Vertragstheoretische Grundlagen der Staatsbildung und der Herrschaftslegitimation
4.2.1 Menschenbild und Naturzustand
4.2.2 Überwindung des Naturzustandes und die Staatsgründung
4.2.3 Prärogativen der Staatsgewalt
4.3 Typologie der Staatsformen

5 John Locke. Two Treatisis of Governement (1690).
5.1 Entstehungskontext
5.2 Menschenbild. Naturzustand
5.2.1 Politische „Selbstjustiz“
5.2.2 Eigentumslehre. Entstehung der Ungleichheit unter den Menschen
5.3 Sozialvertrag
5.4 Gewaltenteilung als Verfassungsprinzip. Gewaltenrangordnung
5.4.1 Legislative
5.4.2 Exekutive
5.4.3 Föderative und Prärogative
5.5 Recht auf Rebellion
5.6 Staatsformen

6 Jean-Jacques Rousseau. Aufklärung und Krise der absolutistischen Staatsidee
6.1 Entstehungskontext. Die Aufklärung
6.2 Naturzustand. Freiheitsverlust als Folge der Vergesellschaftung
6.3 Der Gesellschaftspakt
6.4 Prinzipien des Staatsrechts
6.4.1 Die Gesetze
6.5 Die Republik

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Bildungsprozess absolutistischer Monarchien in Europa, zum einen durch objektive Bedürfnisse und Notwendigkeiten der sich verändernden politischen, ökonomischen und sozialen Wirklichkeit sowie durch partikuläre, dynastisch geleitete Interessen der Monarchen in Gang gesetzt, war zum anderen von normativen Überlegungen und Postulaten in der zeitgenössischen staatsrechtlichen und sozialphilosophischen Literatur reflektiert, geprägt und mitgestaltet.

In der vorliegenden Hausarbeit werden einige dieser normativen Postulate dargestellt und miteinander verglichen mit dem Ziel, unterschiedliche Sichtweisen in der damaligen Diskussion über Struktur und Funktionen des modernen absolutistischen Staates und über seine Herrschaftsformen darzustellen. Hierfür sollen die entsprechenden Werke von Jean Bodin, Thomas Hobbes, John Locke und Jean Jacques Rousseau herangezogen werden.

Die hierfür vorgenommene Auswahl von Autoren und ihren Werken betrachte ich als repräsentativ für den normativen Diskurs in der staatsrechtlichen Ideenlehre der hier in Frage kommenden Epoche, weil sie adäquat den Zeitraum von den Anfängen des Absolutismus am Ende des 16. Jahrhunderts bis zu seiner am Ende des 18. Jahrhunderts mit der Französischen Revolution ansetzenden und endgültigen Krise umfasst, den Absolutismus im historischen Entwicklungsprozess kommentiert, die Ausgestaltung der absolutistischen Bestrebungen in zwei konstitutionell verschiedenartigen Monarchien (Frankreich und England) berücksichtigt sowie die Meinungen über die hier relevanten absolutistischen Staats- und Herrschaftsstrukturen von Europas führenden Denkern präsentiert.

Um diesem Vorhaben zu genügen, wird zunächst die Bedeutung und der Verwendungsbereich des Begriffs „Absolutismus“ erklärt. Danach, dem Hauptteil vorangehend, wird durch Darstellung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen im 15. und 16. Jahrhundert, die den modernen Staatenbildungsprozess eingeleitet hatten, der historische Entstehungskontext des Absolutismus und seine Erscheinungsformen erläutert. Im Hauptteil der Hausarbeit werden die Kernaussagen der staatsrechtlichen Konzeptionen von hier behandelten Autoren dargestellt und miteinander verglichen. Im Abschluss werden die im Hauptteil erarbeiteten Erkenntnisse in prägnanter Art und Weise zusammengefasst und kommentiert.

2 Der Absolutismusbegriff. Bedeutung und Konnotationen

Eine ausführliche Darstellung des Absolutismus, den die hier dargestellten staatsrechtlichen und sozialphilosophischen Werke von Bodin, Hobbes, Locke und Rousseau zum Thema haben, ist im Rahmen dieser Hausarbeit nicht möglich. In diesem Kapitel werde ich deswegen nur auf die wichtigsten und für das Verständnis der hier behandelten Literatur relevanten Entwicklungen und Charakteristika des Absolutismus eingehen.

Der Begriff „Absolutismus“, vom Lateinischen "losgelöst“, „uneingeschränkt", bedeutet in der Geschichtsschreibung einerseits eine frühneuzeitliche Staats- und Herrschaftsform, in der alle Macht im Staat von der regierenden, aus eigener Machtvollkommenheit agierenden Person des Landesherrn und ohne oder mit eingeschränkter Beteiligung anderer im Staat gegebener politischer Kräfte ausgeübt wurde.

Allerdings wird in der neueren Forschung die überkommene Auffassung von der ungeteilten und unteilbaren politischen Macht des absoluten Herrschers unter Ausschluss aller anderen politischen Kräfte als eine historisch gegebene Tatsache in Frage gestellt bzw. widerlegt. Die in der Historiografie bis in die zweite Hälfte das 20. Jahrhunderts einstimmig geltende Auffassung von Absolutismus als einer Herrschaftsform, die den Landesfürsten als alleinigen Besitzer der Staatsgewalt erkennt, hat sich in keinem der damaligen europäischen Staaten in der postulierten reinen Form vollzogen.[1] Richtiger ist es deshalb anzunehmen, dass im absolutistischen Zeitalter die Bestrebungen der einzelnen Monarchen, die politische Macht auf sich allein zu vereinen, stets auf mehr oder weniger starke Widerstände seitens der ständischen Kräfte trafen, was in Wirklichkeit unterschiedlich stark geprägte Einschränkungen der politischen Spielräume des absoluten Herrschers in der jeweiligen Monarchie zur Folge hatte. Diese Machtverhältnisse variierten nicht nur von Staat zu Staat, sie veränderten sich auch im Laufe des absolutistischen Zeitalters, was, wie wir sehen werden, deutlich in den staatstheoretischen Konzeptionen der hier behandelten Autoren zum Vorschein kommt.

Andererseits fungiert „Absolutismus“ als Bezeichnung für eine Epoche der europäischen Staatsgeschichte, in der Staat, Gesellschaft und Kultur durch diese Herrschaftsform und ihre eigentümlichen Merkmale, wie das Beamtentum, das Heerwesen, der Hof und der Merkantilismus, bestimmt wurde. Die Epoche des Absolutismus umfasst den Zeitraum zwischen den Religionskriegen des 16. und den revolutionären Veränderungen am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, die neue, konstitutionell-parlamentarisch organisierte Staatsstrukturen ins Leben gerufen hatten.[2]

Diese Periodisierung nach Hinrichs berücksichtigt bereits die neuesten Forschungsergebnisse. In der herkömmlichen, und wie es scheint bereits überwundenen Auffassung über die Dauer des absolutistischen Zeitalters, war diese Zäsur viel kürzer; ihr nach umfasste die Epoche des Absolutismus die Zeit zwischen Mitte des 17. und Ende des 18. Jahrhunderts. Noch 1999 schreibt Kunisch ind der zweiten Auflage seines Buches: „Unbestritten ist dabei im allgemeinen geblieben, die Epoche von 1648 bis 1789, also vom Westfälischen Frieden bis zur Französischer Revolution, als Zeitalter des Absolutismus zu bezeichnen.“[3] Auch Durchhard siedelt den Absolutismus im traditionellen Zeitrahmen an, weist aber auf Unzulänglichkeit („Verlegenheitslösung“) dieser Zäsur hin.[4] Allerdings kann man die Mitte des 17. Jahrhunderts zurecht als den Zeitpunkt annehmen, zu dem der Absolutismus in den meisten europäischen Ländern durchgesetzt wurde.

In seiner Doppelbedeutung als Bezeichnung für ein politisches System als auch für eine Epoche der europäischen Staatsgeschichte „ist ‚Absolutismus‘ (‚absolutistisch‘) kein quellennaher, in der behandelten Epoche (des Absolutismus, d. Verf.) selbst geprägter Begriff.“[5] Er wurde erst in den Anfängen des 19. Jahrhunderts vor allem in England und Deutschland entwickelt und diente anfänglich „aus frühliberaler Sicht zur Kennzeichnung eines für überwunden gehaltenen, autoritären, ‚despotischen‘ Regimes.“[6]

Dies erklärt übrigens, warum der Begriff „Absolutismus“ in dieser Form in den hier relevanten Werken von Bodin, Hobbes, Locke und Rousseau nicht angetroffen wird, obwohl sie die Strukturen und Funktionen einer Monarchie im Zeitalter des Absolutismus behandeln.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts verlor der Absolutismusbegriff seinen ursprünglich pejorativen, ausschließlich staatskritischen Charakter. In der Publizistik und Geschichtsschreibung setzte sich allmählich eine neue, erweiterte und bis heute gültige Bedeutung von „Absolutismus“ durch, der sich nun „als (…)ein evolutionär folgerichtiges System von Staat und Verwaltung begreift, mit dessen Hilfe die europäische Völkerfamilie (inklusive Russland) einen Weg aus den personalrechtlich gebundenen Systemen des hohen und späten Mittelalters in die Welt der flächenhaften Anstaltsstaatlichkeit der Neuzeit fand“[7]

2.1 Verdichtungsprozesse in der Staatenbildung im 15. Jahrhundert. Vom Personenverbandsstaat zum institutionalisierten Flächenstaat

Die Voraussetzungen für den späteren grundlegenden Strukturwandel in der Herrschaftsform und Staatsverwaltung, die Hinrichs als „Verdichtungsprozess der europäischen Staatsbildung im 15. Jahrhundert“[8] bezeichnet, bestanden zunächst in Veränderungen der demografischen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Das signifikante Bevölkerungswachstum steigerte die wirtschaftliche Produktion und Handelstätigkeiten in den damaligen Staaten, was wiederum ihre öffentlichen Einnahmen erheblich vergrößerte, wodurch ihre Handlungsspielräume sowohl innerpolitisch als auch im zwischenstaatlichen Wettbewerb erweitert wurden.

Noch wichtiger für den Prozess „stetiger staatlicher Konzentration“ im 15. Jahrhundert waren die territorialen und dynastischen Faktoren. Der territoriale Zugewinn und die Entstehung großer territorialer Flächenstaaten mit festen äußeren Grenzen sowie Etablierung starker, dauerhafter und handlungsfähiger Herrscherdynastien haben die politischen Spielräume der Landesfürsten und ihrer Monarchien erweitert und den Übergangsprozess vom feudalen Personen-verbandsstaat zum institutionellen Flächenstaat, der gegen das Ende des 15. Jahrhunderts abgeschlossen wurde, ermöglicht.

Diese neuen und bedeutsamen Veränderungen trugen zum prinzipiellen Wandel der Staatsverwaltung und Herrschaftsform in den frühneuzeitlichen Monarchien bei. Die Herrschaftsausübung, die im Personenverbandsstaat in persönlicher Abhängigkeitsbeziehung zwischen Lehnsherrn und Vasallen bestand, wurde nun entpersonalisiert, territorialisiert und institutionalisiert, was die Stellung des Landesherrn im Staat stark hervorgehoben, die königliche Verwaltung effizienter gemacht hat und den Staat auf der internationalen Arena als politisch einheitliche und souveräne Einheit auftreten ließ.

2.2 Erscheinungsformen des Absolutismus

Die Konsolidierungstendenzen in der politischen Organisation der Staatsverwaltung sowie das gestärkte Bewusstsein des Herrschers „verdichteten“ sich im Laufe des 16. Jahrhunderts weiter in Richtung der staatlichen Machtkonzentration, insbesondere Erweiterung und Konzentration der politischen Befugnisse in den Händen des Landesherrn und seiner Administration, bis die herkömmliche feudale, als Personenverband organisierte Gesellschaftsordnung durch eine völlig neue Form der Staatsverwaltung und ein neues Machtverständnis des herrschenden Landesfürsten abgelöst wurde, nämlich durch den Absolutismus.

Die Intensivierung der Verstaatlichungsprozesse bis hin zur Monopolisierung der Staatsgewalt in der Person eines Landesfürsten, was schließlich in Entstehung des Absolutismus gipfelte, ging aus den bedeutsamen konfliktbeladenen Veränderungen der damaligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse hervor und stellte, wie Durchhardt treffend bemerkt, den „Versuch, auf inner- und zwischenstaatliche Herausforderungen mit Kompetenz- und Machterweiterung des Staates zu antworten“[9] dar.

Diese Herausforderungen waren in erster Linie die Konfessionskriege im 16. und 17. Jahrhundert, die innerstaatlich die Gesellschaft spalteten und zwischenstaatlich die territoriale Integrität und Souveränität der Flächenstaaten aufzulösen drohten. Ihr katastrophaler Verlauf offenbarte die nicht zuletzt aus widersprüchlichen konfessionellen Positionen resultierende Handlungsschwäche der Stände, die diesen Gefahren nicht gewachsen waren, sowie die Unzulänglichkeit des dualistischen, das heißt auf Verteilung der Staatsgewalt zwischen Fürst und Ständen beruhenden, Machtverhältnisses als Basis des staatlichen Machtgefüges. Diese schwierigen politischen und sozialen Umstände legten „fast zwangsläufig das Gesetz des Handelns in die Hand eines entschlossenen Fürsten (…), der die bisherigen Beschränkungen seiner Macht (durch ständische Kräfte, d. Verf.) mehr oder weniger energisch beseitigt (…).“[10]

Dies brachte dem Landesherrn einen bedeutsamen Zugewinn von politischer Macht und verwaltungsrechtlichen Befugnissen auf Kosten der Stände, insbesondere des Adels, der nun seine politische lokale Unabhängigkeit eingebüßt hat. Dazu wurde der Landesfürst zu einer gottähnlichen Persönlichkeit stilisiert, deren Alleinherrschaft, den alttestamentarischen Königen ähnlich, schon allein dadurch ihre Legitimation bekam. Die „potestas absoluta“- absolute Gewalt, Herrschaft (ein von Bodin geprägte Begriff)- des Fürsten, der nun souverän an der Spitze des Staates stand, wurde zum Signum der Person des Fürsten selbst und des absolutistischen Zeitalters überhaupt.

Der Prozess der Konzentration von Staatsgewalt in den Händen eines souverän regierenden, sakralisierten Fürsten brachte letztendlich im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert das staatliche Gebilde einer absolutistischen Monarchie hervor, die durch eine Reihe moderner staatlicher Errungenschaften gekennzeichnet war. Zu diesen Errungenschaften, die zugleich Basis und Garantie des Fortbestehens einer absolutistischen Monarchie und ihres Fürsten bildeten, gehörten das Beamtentum, mithilfe dessen alle relevanten Lebensbereiche bürokratisiert werden konnten, das stehende Heer, das die Autorität der politischen Macht des Herrschers und die territoriale Integrität des Landes im internationalen Wettbewerb sicherte, die „staatlich organisierte und kontrollierte Wirtschaftspolitik (Merkantilismus), die u. a. die Finanzierung der gestiegenen, aufwendigen Staatsausgaben ermöglichte und schließlich der Hof, der als eine Art Bühne für die selbstherrliche Stilisierung des Herrschers und als Forum für „(…) Disziplinierung und Domestizierung des bis dahin äußerst unruhigen Adels (…)“[11] diente.

Die politische Ordnung des Absolutismus, durch die Leitfigur eines aus den ständischen Einschränkungen weitgehend emanzipierten souveränen und religiös überhöhten Landesfürsten verkörpert, durchdrang alle Bereiche der Gesellschaft bis hin in die Privatsphäre des einzelnen Bürgers:

„Wie immer dieser Prozeß (der Entstehung vom Absolutismus, d. Verf.) im einzelnen verlaufen ist: aufs Ganze gesehen wurde die Staatsgewalt allgegenwärtig und die Staatsverwaltung immer durchgreifender spürbar. (…). Der Fürst löste seine Staatskirche aus der Universalkirche, er weckte ein eigenes Staatsbewußtsein, einen eigenen Patriotismus, und schuf sich eine eigene Staatsräson. Und zugleich griff er in die unterstaatlichen Sphäre ein, verstaatlichte, zentralisierte, bürokratisierte Sonder- und Eigenrechte, machte den ‚gemeinen Mann‘ zum Untertan, zum regelmäßigen Steuerzahler und ständig unter Waffen stehenden Soldaten, zum Schützling seiner Polizei und Zögling seiner Erziehungsanstalten und Konsortien, zum Empfänger seiner immer weitere Bereiche des Lebens an sich reißenden Wohlfahrtspolitik.“[12]

Dieses oben skizzierte Bild vom Absolutismus ist ein idealtypisches und wurde seitdem, wie bereits im Kapitel 2 erwähnt, relativiert. Die Idee des Absolutismus wurde tatsächlich in den europäischen Ländern in einem sehr unterschiedlichen Grade und manchmal nur zeitweise umgesetzt. In Frankreich Ludwigs XIV. kam Absolutismus der idealtypischen Form zwar am nächsten, doch die „Forschung thematisiert zunehmend, dass der französische Absolutismus längst nicht so ‚absolut‘ war wie lange Zeit angenommen wurde (…).“[13] Englands Sonderweg „ist ein Beleg dafür, daß die Entwicklungslinien von der dualistischen Ordnung des ausgehenden Mittelalters nicht so eo ipso zum Absolutismus (…) hinführten (…)“[14] und zeigte eine Entwicklung, die sich tendenziell von Absolutismus weg bewegte. In Schweden etablierte sich der Absolutismus verhältnismäßig spät, weil erst in den 80. Jahren des 17. Jahrhunderts und dauerte lediglich 40 Jahre lang.[15] Im Falle von Russland sprechen die Historiker nicht vom Absolutismus, sondern von einer Autokratie, weil in Russland „jeglicher ‚gesellschaftlicher‘ Unterbau, wie er in den absoluten Monarchien des übrigen Europa vorhanden war, fehlte.“[16] Und im Königreich Polen gelang es keinem der dort regierenden Könige, die politische Dominanz des Adels auch nur zeitweise einzuschränken.

3 Jean Bodin. Staatsidee und Herrschaftsform in der frühen Neuzeit. Theoretische Grundlagen des Absolutismus.

3.1 Six Livres de la République (1576). Entstehungskontext und Bedeutung

In Six Livres de la République, Sechs Bücher über den Staat, dem 1576 in Paris veröffentlichten verfassungstheoretischen Werk von Jean Bodin (1529-1596) entwickelt der Autor ein neuzeitliches Staats- und Herrschaftskonzept. Wegen der Vielfalt und Fülle der Betrachtungen, wegen der methodologisch-systemischen Schlüssigkeit sowie der Universalität seiner Grundsätze gilt Bodins Werk als dir erste „theoretische Begründung des Absolutismus.“[17] Trotz seines universellen und, wie sich später auch zeigte, der ganzen absolutistischen Epoche wegweisenden Charakters- im Verlauf des absolutistischen Zeitalters werden sich viele der europäischen Monarchen, die absolute Herrschaftsansprüche beanspruchten und durchsetzen wollten, auf dieses Werk berufen- entstand Bodins Werk in erster Linie aus zeitgenössischer kontextbezogener Reflexion und Sorge des Autors über Frankreichs krisenhafte Lage in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die seit den 60. Jahren des Jahrhunderts tobenden erbitterten Religionskriege zwischen Calvinisten und Katholiken sowie der kompromisslos geführte Kampf zwischen den hochadeligen Fraktionen um politische Einflussnahme erschütterten bis in die Grundfeste die innere Sicherheit des Landes, schwächten die königliche Regierung und setzten Frankreichs Position auf der internationalen Ebene bedrohlich herab. Bodins Intention nach sollten die in Six Livres de la République vorgeschlagene Staats- und Herrschaftstheorie den Regierenden eine praktische, umsetzbare Handlungshilfe zur Lösung von jenen akuten Problemen der in sozialer und politischer Desintegration befindlichen Monarchie liefern, was Bodin im Vorwort zu seinem Werk in einer bildhaften Parabel zum Ausdruck bringt:

„Seit ein ungeheuer Sturm unser Staatsschiff mit solcher Gewalt heftig hin und her schleudert, daß sich die Schiffsführung von der ständigen Anstrengung ermattet zeigt, ist es erforderlich, daß die Passagiere Hilfe leisten. [...] Angesichts der Gefahr, zwischen den gefährlichen Klippen zu zerschellen, […] habe ich es unternommen, diese Abhandlung über den Staat zu schreiben (…).“[18]

Deshalb gestaltet Bodin seine Ausführungen stets unter dem praktischen Aspekt der politischen Nützlichkeit: „Wir wollen den Staat nicht in der Theorie betrachten (…), sondern wir beabsichtigen, so weit wie möglich den Regeln der praktischen Politik zu folgen.“[19]

3.2 Die Souveränität.

Der von Bodin geprägte Begriff „Souveränität“ ist von zentraler Bedeutung für seine Staatstheorie; Souveränität stellt das konstitutive Merkmal des modernen Staates und des Selbstverständnisses eines absoluten Herrschers dar, sie bestimmt die weit umrissenen Grenzen des politischen Handlungsspielraums der Staatsgewalt: „Der Begriff Souveränität beinhaltet die absolute und dauernde Gewalt eines Staates, die im Lateinischen majestas heißt […]. Souveränität bedeutet höchste Befehlsgewalt.“[20]

Souveränität ist unteilbar und unveräußerbar und der Souveränitätsträger behält sie sein Leben lang. Souveränität als Prinzip und Qualität der höchsten Gewalt, der Staatsgewalt, kann „weder durch irgendeine Gewalt, noch durch menschliche Satzung, noch durch eine Frist begrenzt“[21] werden. Es sind allein und einzig Gottes- und Naturgesetze, die über Souveränität stehen und sie einschränken: „Die Staatsgewalt ist dann absolut und souverän, wenn sie nur dem göttlichen Gebot und dem Naturgesetz unterworfen ist(…)“[22]

3.3 Der Staat

Der ursprüngliche Besitzer der Souveränität ist das Volk.

Zwar entwickelt Bodin keine explizite, detaillierte Vertragstheorie im Sinne eines staatsbildenden Prozesses, der die Menschen durch Übergabe ihrer Rechte auf eine Person oder Gruppe aus ihrem ursprünglichen vorstaatlichen Zustand in die organisierte Form der Staatlichkeit hinüberführt, wie es in den staatsrechtlichen Konzeptionen von Hobbes, Locke oder Rousseau der Fall ist. Allerdings setzt Bodin zwei Möglichkeiten der Staatsbildung voraus. Ein Staat entsteht entweder durch Eroberung oder durch freiwillige Übergabe der Freiheit der Menschen an eine Person bzw. an ein Gremium. So entsteht ein Staat „durch die Macht des Stärkeren (durch Eroberung, d. Verf.) oder durch die Einwilligung der einen, die sich freiwillig den anderen unter Aufgabe ihrer Freiheit unterwerfen (…).“[23] Die freiwillige Übergabe der Freiheit geschieht aus pragmatischen Gründen zur Sicherung des Friedens und des Eigentums der im Konkurrenzkampf befindlichen Familienverbände und der Akt der Staatsgründung beendet den vorstaatlichen Zustand der Menschheit.

In der an den Anfang seines Buches gestellten Definition des Staatswesens: „Der Staat ist definiert durch die dem Recht gemäß geführte, mit souveräner Gewalt ausgestattete Regierung einer Vielzahl von Familien und dessen, was ihnen gemeinsam ist“[24] bestimmt Bodin den strukturellen Aufbau des Staates durch seine inhaltlichen Bestandteile. Im Einzelnen sind es: 1) die organisierende, mit souveräner Kraft ausgestattete Regierung, 2) die regierten Familien sowie ihre Organisation in Form einer 3) öffentlichen Gemeinschaft.

Diese Struktur der staatlichen Substanz, die aus der Regierung, den Regierten und der Gemeinschaft besteht, ist im Grunde genommen nichts Neues. Neuartig allerdings ist die Gestaltung der Verhältnisse, in denen sich die Bestandteile zueinander befinden sowie ihre Funktionen im Staatsgefüge.

In Bodins Staatstheorie gilt die Familie, anders als zum Beispiel bei Hobbes oder Locke, wo das Individuum im Vordergrund der staatsbildenden Prozesse steht, als kleinste gesellschaftliche Grundeinheit, die bereits selbst eine durch bestimmte Machtstruktur organisierte Gemeinschaft ist. Sie besteht aus dem regierenden und mit souveräner Gewalt befugten Familienoberhaupt, den ihm untergebenen Familienangehörigen und Hauspersonal, sowie aus all dem, was in materieller und funktioneller Hinsicht den Grund und Sinn eines Familienzusammenhangs ausmacht. Die Familienstruktur und die Zuordnung ihrer Elemente sind nach Bodin mit denen des Staates identisch und deshalb betrachtet er die Familie als Ursprung des Staates und sein wesentliches konstitutives Element. Der grundlegende Unterschied zwischen Familie und Staat besteht im Eigenschaftswesen beider Gemeinschaften, das bei der ersteren einen privaten und beim letzteren einen öffentlichen Charakter hat.[25]

Aus dieser grundlegenden dialektischen Differenzierung zwischen dem Privatem der Familie und dem Öffentlichem des Staates leitet Bodin das Recht des Bürgers auf Eigentum ab. Mehr noch, er macht das Privateigentum zum conditio sine qua non der Staatlichkeit; gäbe es kein Privateigentum, argumentiert Bodin, wäre die Existenz des Öffentlichen, also des Staates, überhaupt nicht möglich. Und da das göttliche Gesetz die Aneignung des fremden Eigentums verbietet, bleibt das Privateigentum der Bürger unantastbar und sogar der Staatsgewalt unzugänglich. Eine Ausnahme von dieser Regel lässt Bodin jedoch zu: Wenn die Existenz des Staates bedroht ist, darf das Privateigentum aus Gründen der Staatsräson konfisziert werden.

In Bodins Theorie steht die souveräne Staatsgewalt über allen anderen Gewalten und Kräften im Staat, sie ist die konstitutive und allem Anderen übergeordnete Qualität jeglicher Staatsform, die alle öffentlichen und privaten Elemente, Interessen und Anliegen durchdringt, sie zu einer Gemeinsamkeit bündelt und auf den Staat hinfokussiert: „Von einem Staat können wir nur sprechen, wenn eine souveräne Gewalt vorhanden ist, die alle Einzelteile, also alle Familien und Kollegien, zu einem Körper vereinigt.“[26] Die mit souveräner Gewalt ausgestattete Regierung entscheidet eigenmächtig, aber nicht vollkommen willkürlich. Eine rechte Regierung, die „das wahre Kennzeichen einer Gemeinschaft ist (…)“[27] nennt Bodin nur eine Regierung, die ihr Regiment gemäß den Gesetzen der Natur führt.

Den Zweck des Staates leitet Bodin von der Prämisse ab, dass „das wahre Glück eines Staates und eines Individuums identisch sind.“[28] Deswegen besteht die Hauptaufgabe des Staates darin, dieses „wahre Glück“ der Menschen, dass Bodin in der Bemühung des Volkes „um die Reflexion über die Natur, den Menschen und Gott (…)“[29] und in letzter Konsequenz in Gottesverehrung sieht, zu bewerkstelligen und zu wahren. Souveräne Staatsgewalt ist die einzige Instanz in einem auf Rechtsgrundsätzen gründenden Staat, die dazu berechtigt ist, Gesetze zu erlassen und zu ändern bzw. aufzuheben. Sie erkennt keine andere Gewalt über sich, außer dem göttlichen Gesetz und dem Naturrecht, die über dem positiven Recht stehen, mit denen sich alle vom Staat erlassenen Gesetze im Einklang zu befinden haben und von allen Beteiligten ausnahmslos und unbedingt befolgt werden müssen. Nur wenn diese Bedingungen erfüllt sind, kann der erwünschte Zweck, das ideale Ziel eines „wohlgeordneten Staatswesens“ in dem das Glück des Menschen und das des Staates identisch sind, erreicht werden.

3.4 Staats- und Regierungsform

Um in die bis dahin praktizierte Bestimmung der Staatsform, die anhand von möglichen unzähligen Eigenschaften des Herrschers erfolgte und so zur Postulierung einer verwirrenden Fülle „reiner“ und „gemischter“ sowie „guter“ und „schlechter“ Staatsformen führte, klassifikatorische Klarheit zu bringen, unterscheidet Bodin zwischen Staats- und Regierungsform und konstatiert die Existenz von nur drei Staatsformen, nämlich von Monarchie, Aristokratie und Demokratie. Darüber, welche Staatsform vorliegt, entscheidet allein und einzig der Besitz von Souveränität. Ist der Souveränitätsträger eine einzelne Person, eine Gruppe von Menschen oder ein ganzes Volk, so liegt dementsprechend eine monarchische, eine aristokratische oder eine demokratische Staatsform vor. Eine Regierungsform dagegen bedeutet nach Bodins Bestimmung die Art und Weise, in welcher ein Staat regiert wird. Daraus ergeben sich zwischen Staats- und Regierungsformen einige Kombinationen bezüglich der Verwaltungsart eines Staates. So kann zum Beispiel eine Monarchie durchaus „demokratisch regiert werden, wenn der Fürst an öffentlichen Ämtern und Ehrungen gleichermaßen alle ohne Ansehen des Adels, des Reichtums oder der Tüchtigkeit teilhaben lässt.“[30] Analog kann eine Monarchie aristokratisch, eine Aristokratie demokratisch, eine Demokratie aristokratisch regiert werden usw.

Unter dem Gesichtspunkt der Regierungsweise eines Fürsten teilt Bodin die Monarchien in despotisch, legitim und tyrannisch regierte Staaten ein. Um eine legitime Monarchie handelt es sich dann, wenn der Fürst nach den Naturgesetzen regiert und somit „die natürliche Freiheit und das Recht auf Eigentum gewahrt sind.“[31] Ein Gegensatz zu einer legitimen Monarchie stellt die tyrannische Regierungsweise dar, die dann vorliegt, wenn der Monarch die Naturgesetze missachtet und seine Untertanen wie Sklaven behandelt. Dazwischen befindet sich die despotische Monarchie, deren Fürst „durch das Eroberungsrecht in einem gerechten Krieg zum Herrn (…)über Güter und Personen“[32] geworden ist. Auch ein Despot, der kraft des Eroberungsrechts seine Untertanen regiert wie das Familienoberhaupt seine Sklaven behandelt, ist nach Bodin ein legitimer Monarch, da er vermittels eines gerechten Krieges in Besitz der Souveränität kam. Und da Despotie strukturell einer Familienform am nächsten kommt, erachtet sie Bodin für die älteste und ursprünglichste Regierungsform einer Monarchie.

Obwohl sich der Unterschied zwischen einem „gerechten König“ und einem „extrem bösartigen Tyrannen“ problemlos feststellen lässt, ist es nicht immer leicht und eindeutig zu entscheiden, ob die Regierungsform eines Fürsten tyrannisch ist oder nicht, da die Herrscher, durch Umstände gezwungen, oft Entscheidungen treffen, die sowohl tyrannisch als auch gerecht empfunden werden. Jedoch Strenge und Unerbittlichkeit eines Monarchen bezeugen noch lange keine tyrannische Regierungsweise und deshalb, weil die Souveränität ihren Besitzer gottähnlich und damit unantastbar macht, plädiert Bodin dafür, dass auch dann, wenn ein legitimer souveräner Fürst „Grausamkeiten aller Art begangen hat“[33], den Untertanen nicht erlaubt ist, das Ansehen des Königs zu schädigen oder gar nach seinem Leben zu trachten. Gegen einen Fürsten, der Gottes- und Naturgesetze gravierend verletzt, darf nur passiv durch Gehorsamverweigerung, Flucht oder Abtauchen vorgegangen werden. Dieser „Tyrannenschutz“ resultiert auch aus praktischen Gründen heraus; er soll verhindern, dass ein Tyranneivorwurf gegen einen legitimen Fürsten allzuleicht durch partikuläre Interessen eines Untertanen oder einer politischen Opposition erhoben werden könne.

[...]


[1] vgl. Hinrichs, Ernst, Robert Brandt, Kurs 34215 Absolutismus, Hagen 2008, und: Durchhardt, Heinz, Das Zeitalter des Absolutismus, 2. Aufl., München: Oldenburg 1992, S. XII

[2] vgl. Hinrichs, 2008, S. 1

[3] Kunisch, Johannes, Absolutismus, 2. Aufl., Göttingen 1999, S. 179

[4] Vgl. Durchhardt, 1992, S. XII

[5] Hinrichs. 2008, S.1

[6] Ebd.

[7] Ebd., S.2

[8] Ebd., S.13

[9] Durchhardt, 1992, S. 37

[10] Ebd., S. 36

[11] Hinrichs, 2008, S. 6

[12] Kunisch, 1999, S. 37

[13] Durchhardt, 1992, S. 39

[14] Ebd.

[15] Vgl. Hinrichs, 2008, S. 35-37

[16] Ebd., S. 37

[17] Weber, Wolfgang E.J., Jean Bodin, Sechs Bücher über den Staat (1576), in: Brocker, Manfred, (Hg.), Geschichte des politischen Denkens. Ein Handbuch, Berlin 2006, S. 151-165, hier: S. 151

[18] Bodin, Jean, Über den Staat, Ditzingen 1986, S. 5

[19] Bodin, S. 10

[20] Ebd., S. 19

[21] Ebd., S. 20

[22] Ebd.

[23] Ebd., S. 70

[24] Ebd., S. 8

[25] Vgl. Bodin., S. 13

[26] Ebd.

[27] Ebd., S. 9

[28] Ebd., S. 10

[29] Bodin, S. 10.

[30] Ebd., S. 51

[31] Ebd.

[32] Ebd., S. 51

[33] Bodin, S. 58

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Absolutismus. Staatsidee und Herrschaftsform in den Werken von Bodin, Hobbes, Locke und Rousseau
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,00
Autor
Jahr
2011
Seiten
51
Katalognummer
V283262
ISBN (eBook)
9783656826446
ISBN (Buch)
9783656827146
Dateigröße
710 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichte, Absolutismus
Arbeit zitieren
Gabriel Koch (Autor), 2011, Absolutismus. Staatsidee und Herrschaftsform in den Werken von Bodin, Hobbes, Locke und Rousseau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283262

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