Dyskalkulie ist ein Phänomen, das in den letzten Jahren immer häufiger schon bei Grundschulkindern zu beobachten ist. Viele Menschen, sowohl Eltern als auch Lehrer1, zweifeln jedoch immer noch an seiner Existenz. Deshalb ist es wichtig vor allem Lehrer über die Existenz von Rechenschwäche aufzuklären, sie über Hintergründe und Ursachen zu informieren und ihnen allgemeine Präventions- und Fördermöglichkeiten zu zeigen. Ich hoffe, dass diese Arbeit dazu einen Beitrag leisten kann.
Im Sommersemester 2002 besuchte ich an der … die Veranstaltung „Fördern und Differenzieren im Mathematikunterricht der Grundschule“, welche von Herrn … geleitet wurde. Neben allgemeinen Grundsätzen, Methoden und Arbeitsformen differenzierenden und fördernden Unterrichts wurden spezielle Probleme dargestellt, die der Unterricht mit rechenschwachen Kindern bereitet. Zudem wurden besondere Methoden, Veranschaulichungen und Lernstandsfeststellungsmöglichkeiten dargestellt, ausprobiert und verglichen.
Im folgenden Semester besuchte ich dann die gleichnamige, praktische Übung mit rechenschwachen Kindern, in der ich die Möglichkeit erhielt, das erworbene theoretische Wissen auch in der Praxis zu erproben. Ca. 20 rechenschwache Schüler aus mehreren Grundschulen kamen während des Semesters einmal in der Woche und wurden von etwa 30 Studentinnen unter der Leitung von Herrn … beobachtet und gefördert. Die Kinder wurden in Zweiergruppen eingeteilt, in denen sie dann jeweils von zwei oder drei Studentinnen 60 Minuten lang betreut wurden. Die folgenden 30 Minuten des Seminars wurden zur Nachbesprechung genutzt.
Einige Zeit später vermittelte mir Herr … das Mädchen Nadine, das einer Förderung bedarf. Seitdem fördere ich Nadine jeden Freitag je eine Schulstunde.
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in eine theoretische Grundlegung der Dyskalkulie und in die Fallstudie von Nadine. Im Detail ist die Arbeit in folgender Form aufgebaut:
Im zweiten Kapitel wird zunächst die Begrifflichkeit geklärt und einige Definitionen verschiedener Autoren angeführt, bevor einige Symptome der Dyskalkulie aufgezeigt werden und intensiv auf die Ursachenklärung eingegangen wird. Auch das dritte Kapitel, welches sich mit dem Teufelskreis beschäftigt, trägt zur Ursachenklärung bei. Anschließend wird im vierten Kapitel ein sehr häufig auftretendes Symptom der Dyskalkulie, das zählende Rechnen, genauer beschrieben.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Dyskalkulie
2.1 Begriffsklärung
2.2 Definition
2.3 Störungsbilder der Dyskalkulie
2.4 Grundfähigkeiten des Rechnens und deren Störungen
2.5 Weitere Ursachen für Dyskalkulie
2.5.1 Ursachen aus dem Bereich der Schule
2.5.2 Ursachen aus dem persönlichen Umfeld des Kindes
2.5.3 Ursachen, die im Kind liegen
3. Teufelskreis
3.1 Erstes Stadium: Ein Defizit beginnt zu wirken
3.1.1 Attribuierung (Stigmatisierung)
3.1.2 Repression
3.1.3 Darstellung der Situation im ersten Stadium
3.2 Zweites Stadium: Bildung der ersten Reaktionen beim Kind
3.3 Drittes Stadium: Leistungsstörungen treten auf
3.4 Viertes Stadium: Aufbau einer stabilen misserfolgsorientierten Motivationslage
4. Zählendes Rechnen
4.1 Lösungsstrategien beim Addieren/Subtrahieren im Zahlenraum bis 20
4.1.1 Zählstrategien
4.1.2 Heuristische Strategien
4.1.3 Kennen der Grundaufgabe
4.2 Vorzüge des zählenden Rechnens
4.3 Probleme des zählenden Rechnens
4.4 Ursachen des zählenden Rechnens
4.5 Mögliche Prävention des zählenden Rechnens
4.5.1 Simultane (gliedernde, nicht zählende) Erfassung der Anzahlen bis 10
a) Simultane Anzahlenerfassung bei Punktemustern
b) Systemischer Aufbau der simultanen Zahlenerfassung bis 10
4.5.2 Handlungen und Vorstellungsbilder des Addierens/Subtrahierens im Zahlenraum bis 10
4.5.3 Einführung des Zahlenraums bis 20
4.5.4 Zehnerüberschreitung mit Zerlegung des Operationsschrittes
4.5.5 Lehrstrategie zur Automatisierung des kleinen Einsundeins
4.6 Fördermöglichkeiten
5. Allgemeine Fördermaßnahmen
6. Fallstudie Nadine
6.1 Anamnese
6.1.2 Die Person Nadine
6.1.3 Die familiäre Situation
6.1.4 Die schulische Situation
6.2 Das Mathematikprofil von Nadine
6.2.1 Darstellung des Testverfahrens
a) Zahl- und Operationsverständnis
b) Addition und Subtraktion im Zahlenraum bis 20
6.2.2 Beobachtungen
6.2.3 Zusammenfassung der Testergebnisse
6.2.4 Fördermöglichkeiten
6.3 Nadines Zählstrategien
6.4 Förderverlauf und Hilfsmittel
6.4.1 Eingesetzte Fördermaterialien
a) Zwanzigerrechenrahmen
b) Domino
c) Steckwürfel
d) Wechselspiel
6.4.2 Darstellung einer Förderstunde
6.4.3 Entwicklung von Nadines mathematischen Fähigkeiten
7. Abschließende Bemerkung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Dyskalkulie mit einem Fokus auf das zählende Rechnen als symptomatische Lösungsstrategie. Das Ziel der Arbeit ist es, Lehrkräfte für die Problematik der Rechenschwäche zu sensibilisieren, theoretische Ursachen aufzuzeigen und anhand einer Fallstudie praktische Fördermöglichkeiten zu erörtern.
- Theoretische Grundlagen zur Dyskalkulie und deren Ursachen.
- Der Teufelskreis bei Lern- und Leistungsstörungen.
- Analyse des zählenden Rechnens als Lösungsstrategie.
- Pädagogische Interventions- und Präventionsmöglichkeiten.
- Fallstudie eines rechenschwachen Kindes und Evaluation von Fördermaterialien.
Auszug aus dem Buch
3.1 Erstes Stadium: Ein Defizit beginnt zu wirken
Es sind naiv-psychologische Vorstellungen vorauszusetzen, „nach welchen a) Charaktermerkmale als feststehende Eigenschaften vorliegen, b) die vorliegenden Eigenschaften die Handlungen in einer bestimmten Situation definieren, c) es in jeder Situation eine ‚normale’ Reaktion gibt und d) die Erlebnisinhalte einer Situation allgemeingültig feststellbar sind“ (ebenda, S. 33).
In diesem speziellen Fall vergleicht sich das rechenschwache Kind selbst mit anderen Kindern und seine Leistungen mit den Erwartungen seiner Umwelt. Dabei stellt es fest, dass die anderen Kinder keine Schwierigkeiten haben, so wie das Kind selbst sie hat. Das Kind schließt daraus, dass es einen Defekt hat. Allerdings ist die Störung nicht näher definiert, sie kann viele Erscheinungsformen haben, aber wegen der vorausgesetzten Unveränderbarkeit der Eigenschaften ist der Defekt permanent. Das rechenschwache Kind schließt, dass es niemals Rechnen lernen wird. Weiter ist die Entdeckung, dass es nicht reagiert wie andere, gleichbedeutend mit einem Ausschluss aus der Gemeinschaft der anderen Kinder.
Niemand kann sich in die Schwierigkeiten des Kindes einfühlen, da den Personen in der Umwelt die konkrete Vorstellung davon fehlt, was im Kopf des rechenschwachen Kindes vor sich geht (vgl. ebenda).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die zunehmende Relevanz der Dyskalkulie und beschreibt den Entstehungshintergrund der Arbeit durch praktische Erfahrungen in einem universitären Förderprojekt.
2. Dyskalkulie: Dieses Kapitel klärt die Begrifflichkeit, diskutiert diverse Definitionsmodelle und beleuchtet verschiedene Störungsbilder sowie Ursachenkomplexe der Rechenschwäche.
3. Teufelskreis: Hier wird der Prozess der negativen Lernstruktur in vier aufeinanderfolgenden Stadien dargestellt, die zu einer Verfestigung der Leistungsstörung führen.
4. Zählendes Rechnen: Das Kapitel analysiert das zählende Rechnen als verbreitete Lösungsstrategie, erörtert dessen Vor- und Nachteile sowie Möglichkeiten der Prävention und Förderung.
5. Allgemeine Fördermaßnahmen: Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über pädagogische Hilfestellungen und didaktische Angebote zur Verhaltensstabilisierung und Förderung des mathematischen Lernens.
6. Fallstudie Nadine: Das zentrale Kapitel dokumentiert die Anamnese, das mathematische Profil, den Förderverlauf und die Entwicklung eines spezifischen Fallbeispiels.
7. Abschließende Bemerkung: Die abschließende Bemerkung resümiert die wesentlichen Erkenntnisse der Arbeit und betont die Notwendigkeit einer individuellen, langfristigen Förderung bei rechenschwachen Kindern.
Schlüsselwörter
Dyskalkulie, Rechenschwäche, Zählendes Rechnen, Fallstudie, Teufelskreis, Lernstörung, Mathematikunterricht, Fördermöglichkeiten, Diagnose, Zahlverständnis, Mengenauffassung, Rechenoperationen, Grundfähigkeiten, Lernprozess, Interventionsmethoden.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen der Dyskalkulie (Rechenschwäche) bei Grundschulkindern und beleuchtet insbesondere das "zählendes Rechnen" als häufig auftretende, aber problematische Lösungsstrategie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die theoretische Einordnung der Dyskalkulie, die psychologische Dynamik des sogenannten Teufelskreises bei Lernstörungen sowie detaillierte didaktische Ansätze zur Förderung und Prävention im mathematischen Anfangsunterricht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel besteht darin, Lehrkräfte über die Ursachen und Erscheinungsformen der Rechenschwäche aufzuklären und durch eine Fallstudie aufzuzeigen, wie diagnostische und pädagogische Fördermaßnahmen in der Praxis aussehen können.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Fundierung durch Literaturanalyse sowie einer qualitativen Fallstudie, bei der das mathematische Profil eines Kindes (Nadine) erstellt, beobachtet und pädagogisch begleitet wurde.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erarbeitung von Ursachen und Symptomen (einschließlich des "Teufelskreises"), eine detaillierte Analyse des zählenden Rechnens und die Darstellung konkreter Förderkonzepte, die in der Fallstudie angewendet wurden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Dyskalkulie, Rechenschwäche, Zählendes Rechnen, Lernstörung, Teufelskreis, Fallstudie, Fördermöglichkeiten und mathematisches Anfangslernen.
Warum ist die Fallstudie Nadine für die Arbeit relevant?
Die Fallstudie dient als praktisches Beispiel, um zu verdeutlichen, wie sich theoretische Erkenntnisse über Dyskalkulie in der Realität eines Kindes äußern und welche Herausforderungen bei der Umsetzung von Fördermaßnahmen in der Praxis auftreten.
Welche Rolle spielen Materialien bei der Förderung?
Materialien wie der Zwanzigerrechenrahmen, Dominosteine oder Steckwürfel sind essenziell, um das zählende Rechnen zu überwinden und dem Kind zu helfen, mathematische Strukturen und Mengenbilder visuell sowie handelnd zu begreifen, anstatt mechanisch zu verfahren.
- Quote paper
- Sabine Lehmann (Author), 2003, Dyskalkulie und zählendes Rechnen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28335