Ist die Pflege auf dem Weg einer Professionalisierung oder ist es doch nur eine Modernisierung - mehr in Richtung Deprofessionalisierung?
Um die vieldiskutierte Debatte bezüglich einer Professionalisierung der Pflege zu verstehen, ist es notwendig im ersten Teil der Hausarbeit den Weg der beruflichen Krankenpflege zu skizzieren. Einführend werden wesentliche Aspekte aufgeführt, die den Krankenpflegeberuf in seiner Entwicklung begleitet haben. Im zweiten Teil wird die Notwendigkeit einer Professionalisierung der Pflege kurz aufgezeigt, um dann anhand von zwei Professionstheorien zu diskutieren, inwieweit die Pflege das Potential und die Konditionen aufweist und erfüllt, die einer Profession zu Grunde gelegt werden. Mit diesen Erkenntnissen gilt es zum Schluss zu prüfen, ob Pflege auf dem Weg einer Professionalisierung ist oder doch nur eine Modernisierung erfährt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Problemstellung
3. Berufliche Entwicklung und berufliches Selbstverständnis der Pflege
3.1. Pflege vor dem Prozess der Verberuflichung
3.2 Einfluss von gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen
3.3. Pflege als „Liebesdienst“ der Frauen
3.4. Von der Berufung zum Beruf der Pflege
3.5. Pflege im Schatten der Medizin
4. Pflege im Umbruch
4.1. Vom Beruf zur Professionalisierung
4.1.1. Klassische Profession
4.1.2. Profession nach OEVERMANN
4.2. Professionalisierung der Pflege
4.3. Kritische Betrachtung der Professionalisierung der Pflege
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch den Status quo sowie die Entwicklungslinien der Pflegeberufe. Das primäre Ziel ist es zu analysieren, ob sich die Pflege tatsächlich auf einem fundierten Weg der Professionalisierung befindet oder ob lediglich Modernisierungstendenzen vorliegen, die gegebenenfalls in eine Deprofessionalisierung münden könnten. Dabei wird die Rolle der Pflege im historischen Kontext sowie ihr Verhältnis zur Medizin eingehend beleuchtet.
- Historische Genese des pflegerischen Selbstverständnisses
- Einfluss gesellschaftlicher, politischer und medizinischer Rahmenbedingungen
- Analyse der Professionalisierung durch soziologische Professionstheorien (u.a. Oevermann)
- Bedeutung der Pflegewissenschaft und Akademisierung für die Praxis
- Herausforderungen durch Ökonomisierung und Rationalisierung im Gesundheitswesen
Auszug aus dem Buch
3.5. Pflege im Schatten der Medizin
Der Pflegeberuf ist geprägt durch Arztabhängigkeit und wird daher auch vielmehr als medizinischer Hilfsberuf gesehen. Bis heute bleibt es der Medizin vorbehalten, ihre Vorherrschaft in einem kompetenz- und aufgabengeteilten Arbeitsbereich im Gesundheitswesens zu behaupten und ihre Weisungs- und Delegationsbefugnisse gegenüber anderer Berufe (z.B. Pflegeberufe , Physiotherapie, Logopädie etc.) beizubehalten.
„Die Arbeit der Krankenschwester und die Arbeitsabläufe der Krankenpflege wurden um die Arbeit der Medizin – nicht um die Bedürfnisse des Patienten! - herum organisiert. Nicht das „Wohl des Patienten“ stand dabei im Vordergrund [...] sondern das Wohl der Medizin. Im Verhältnis Arzt-Krankenschwester finden sich alle Prinzipien von Frauenarbeit wieder: Sie ist seine „Ergänzung“, sie arbeitet ihm zu, sie wahrt seine Interessen, sie ist ihm untergeordnet, sie vermittelt, sie ist keine Konkurrenz für ihn, ihre Arbeit bleibt im Hintergrund, sie leistet die ganzheitliche und emotionale Arbeit, ohne die seine Arbeit nicht möglich wäre und die ihn entlastet.“
Durch die Entwicklung der Medizin im 19. Jahrhundert zu einer naturwissenschaftlichen Disziplin konnten bedeutende Fortschritte in der Diagnose und Therapie von Krankheiten verzeichnet werden. Es lag daher im Interesse der Ärzte das Krankenhaus als ihren Arbeitsbereich zu vereinnahmen, da sich aufgrund des leicht zugänglichen und zahlreichen »Patientenmaterials« die Möglichkeit bot, Forschung und Lehre verstärkt auszubauen. Diese Bestrebungen der Medizin wurden vom Staat gefördert und unterstützt. Denn für den Staat war diese Entwicklung nützlich, da dessen zunehmende Verantwortung für die gesundheitlichen Sicherstellung des Volkes mit Blick auf den Erhalt und Schutz der menschlichen Produktivkraft, gewährleistet werden konnte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Wandel des Pflegeberufs über 30 Jahre hinweg und führt in das Spannungsfeld zwischen traditionellen Strukturen und modernen Anforderungen ein.
2. Problemstellung: Dieses Kapitel thematisiert die Diskrepanz zwischen dem therapeutischen Potenzial der Pflege und der durch Kostendruck eingeschränkten Handlungsfreiheit sowie die Notwendigkeit, sich selbstbewusster in Machtdiskursen zu positionieren.
3. Berufliche Entwicklung und berufliches Selbstverständnis der Pflege: Das Kapitel analysiert die historische Entstehung der Pflege von der christlichen Caritas über das Mutterhaussystem bis hin zur Lohnarbeit, welche die Pflege nachhaltig prägte.
4. Pflege im Umbruch: Hier werden der aktuelle Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft und die Notwendigkeit zur Professionalisierung diskutiert, wobei klassische Professionstheorien auf die Pflege angewandt werden.
5. Resümee: Das Resümee fasst zusammen, dass die Pflege zwar einen Emanzipationsprozess durchläuft, aber durch Ökonomisierung und mangelnde Selbstorganisation Gefahr läuft, in alten Abhängigkeiten zu verharren.
Schlüsselwörter
Pflege, Professionalisierung, Deprofessionalisierung, Pflegewissenschaft, Arztabhängigkeit, Krankenpflegegeschichte, Berufsverständnis, Ethik, Ökonomisierung, Patientenversorgung, Handlungskompetenz, Strukturwandel, Akademisierung, Rollenverständnis, Dienstleistungsberuf
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Betrachtung der Entwicklung der Pflegeberufe in Deutschland und der Frage, inwiefern sich die Pflege zu einer eigenständigen Profession entwickelt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören die historische Entwicklung des pflegerischen Selbstverständnisses, das Abhängigkeitsverhältnis zur Medizin, der Einfluss von Ökonomisierung und die Bedeutung wissenschaftlicher Expertise für die Praxis.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, ob die aktuelle Entwicklung in der Pflege als echte Professionalisierung oder als Modernisierung mit Deprofessionalisierungsrisiken zu werten ist.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin nutzt eine Literatur- und Diskursanalyse, bei der historische Entwicklungen sowie soziologische Professionstheorien (unter anderem von Ulrich Oevermann) zur Bewertung der aktuellen Situation herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Pflegestrukturen, die Verweiblichung und Medizinalisierung des Berufs sowie die Potenziale und Barrieren, die sich durch die Akademisierung und wissenschaftliche Forschung in der Pflege ergeben.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Professionalisierung, Pflegewissenschaft, berufliches Selbstverständnis, Emanzipation und Ökonomisierung.
Inwiefern hat das Mutterhaussystem die heutige Pflege geprägt?
Das Mutterhaussystem förderte laut der Analyse eine Kultur der Unterordnung, Fremdbestimmung und wirtschaftlichen Abhängigkeit, die den Aufbau eines eigenständigen professionellen Selbstbewusstseins über lange Zeit behindert hat.
Welche Rolle spielt die medizinische Entwicklung für die Pflege?
Die Entwicklung der Medizin zu einer naturwissenschaftlichen Disziplin führte dazu, dass Pflege zunehmend als komplementäre, untergeordnete Hilfsfunktion definiert wurde, was bis heute die berufliche Autonomie einschränkt.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Pflegewissenschaft?
Die Pflegewissenschaft wird als Chance gesehen, den therapeutischen Effekt der Pflege nachzuweisen, doch wird kritisch angemerkt, dass der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die direkte Pflegepraxis derzeit noch schleppend verläuft.
Was bedeutet "Professionalisierung" nach Oevermann im Kontext der Pflege?
Nach Oevermann bedeutet Professionalisierung eine situative Kompetenz, die wissenschaftliches Fachwissen mit hermeneutischem Fallverstehen verbindet, um autonom auf individuelle Krisensituationen von Patienten reagieren zu können.
- Quote paper
- Birgit Wallbaum (Author), 2013, Professionalisierung der Pflege, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283374