Geistige Behinderung. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff und seinem Gebrauch


Akademische Arbeit, 2005
24 Seiten, Note: 1,4

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff
2.1 Schwierigkeiten einer Definition
2.2. Medizinisch-biologischer Ansatz
2.2.1. Pränatal entstandene Formen
2.2.2. Perinatal entstandene Formen
2.2.3. Postnatal entstandene Formen
2.3. Psychologischer Ansatz
2.4. Soziologischer Ansatz
2.5. Pädagogischer Ansatz

3. Veränderte Sichtweisen

4. Kritik am Begriff »geistige Behinderung«

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis und weiterführende Literatur

1. Einleitung

In dieser Arbeit wird der Begriff der geistigen Behinderung umrissen. Ebenso werden Schwierigkeiten aufgezeigt, die sich im Zusammenhang mit seiner Definition ergeben. Es schließt sich die Beschreibung von vier wissenschaftlichen Definitionsansätzen an, welche sich auf unterschiedliche Weise dem Phänomen »geistige Behinderung« nähern. Darauf bezugnehmend wird der generelle Wandel, welcher sich in den Sichtweisen zu geistiger Behinderung vollzieht, dargestellt. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der geistigen Behinderung beschließt die Arbeit.

2. Der Begriff

In dem Bestreben, die bis dahin gängigen, jedoch äußerst diskriminierenden Bezeichnungen wie »Schwachsinn«, »Blödsinn«, »Idiotie« oder auch »Oligophrenie« abzulösen, wurde der Begriff der geistigen Behinderung gegen Ende der 1950er Jahre von der Elternvereinigung »Lebenshilfe« in die fachliche Diskussion eingebracht.[1] Damit wurde der Wunsch der Eltern zum Ausdruck gebracht, „[...] das spezifische Anderssein ihrer Kinder, die Beeinträchtigung ihrer intellektuellen (mentalen) Funktionen, so zu beschreiben, dass es dabei nicht wieder zu einer Abwertung der gesamten Person kommt“[2].

Ebenso sollte angeknüpft werden an die Terminologie im angloamerikanischen Sprachraum wie »mental handicap« oder »mental retardation«.[3]

2.1 Schwierigkeiten einer Definition

Obgleich sich der Begriff nicht nur in den pädagogisch orientierten Fachkreisen, sondern auch in anderen Disziplinen durchsetzte, steht eine einheitliche Beschreibung des als geistig behindert zu definierenden Personenkreises bis heute noch aus. Barbara Fornefeld führt die Schwierigkeiten in bezug auf eine allgemeingültige Begriffsbestimmung vor allem auf die Individualität des Phänomens der Behinderung zurück.[4] Tatsächlich sind Schweregrad und Ausprägung einer geistigen Behinderung stets verschieden, die Biographien der betroffenen Menschen kaum objektiv erfaßbar. Geistige Behinderung ist keine feststehende Größe. Vielmehr ist sie „ein Prozess, der der Dynamik des Lebens folgt, d. h. in jeder Lebensphase wird sich die geistige Behinderung anders zeigen, bedarf sie anderer Hinwendungen“[5].

Hinzu kommt, daß in der Literatur schon allein über einen durchgängig anerkannten Begriff der Behinderung keine Einigkeit besteht.[6] Meist sind Definitionsversuche recht weit gefaßt wie der von Bleidick:

„Als behindert gelten Personen, die infolge einer Schädigung ihrer körperlichen, seelischen oder geistigen Funktionen so weit beeinträchtigt sind, daß ihre unmittelbaren Lebensverrichtungen oder ihre Teilnahme am Leben der Gesellschaft erschwert werden.“[7]

Fornefeld lastet diesen Umstand auch den verschiedenen Zugangsmöglichkeiten zum Begriff der »geistigen Behinderung« an.[8] So ist geistige Behinderung Gegenstand unterschiedlicher Wissenschaften. Jede verfolgt dabei ihre eigenen Erkenntnisinteressen.[9]

In Anbetracht der Vielzahl an Definitionen, Theorien und Ansätzen, welche die geistige Behinderung zu erklären versuchen, hält auch Georg Theunissen eine Konsensfíndung für problematisch, wenn nicht gar für unmöglich.[10]

Einige dieser möglichen Sichtweisen werden im folgenden genannt.

2.2. Medizinisch-biologischer Ansatz

Der medizinisch-biologische Ansatz widmet sich in erster Linie den physischen Abweichungen und Besonderheiten respektive den Ursachen, jedoch weniger dem Erscheinungsbild von geistiger Behinderung. Die Benennung vorliegender körperlicher Schädigungen kann von Nutzen für pädagogisches Handeln sein, wenn sich daraus ein spezieller Erziehungsbedarf ableiten läßt.[11] Dennoch sei zu diesem medizinisch-biologischen Ansatz angemerkt, daß er damit lediglich die Ursachen geistiger Behinderung, die ihr zugrunde liegenden organischen Schädigungen, zu erklären vermag, nicht jedoch die Behinderung an sich.

In Anlehnung an Neuhäuser und Steinhausen nimmt Otto Speck eine Einteilung der klinischen Syndrome vor, welche bei geistiger Behinderung vorliegen können. Diese gliedert sich in pränatal, perinatal sowie postnatal entstandene Formen.[12]

2.2.1. Pränatal entstandene Formen

Beispiele für vorgeburtliche Schädigungen sind Fehlentwicklungen des Nervensystems, Genmutationen, welche insbesondere zu Stoffwechselstörungen führen können, Chromosomenanomalien oder exogen verursachte Entwicklungsstörungen, herbeigeführt durch Infektionen, Alkohol- oder Medikamentenkonsum etc. der Schwangeren. Ebenso dieser Kategorie zugerechnet wird die Form der erbbedingten geistigen Behinderung.[13] Diese trifft aber nach Edith Zerbin-Rüdin nur auf 5 bis 7 % der auftretenden geistigen Behinderungen zu.[14]

2.2.2. Perinatal entstandene Formen

Hierzu zählen Geburtstraumata, durch Sauerstoffmangel bedingte Enzephalopathie, Frühgeburten sowie Erkrankungen des Neugeborenen oder Blutgruppenunverträglichkeit.[15]

2.2.3. Postnatal entstandene Formen

Entzündliche Erkrankungen des Zentralnervensystems, Schädel-Hirn-Traumata durch Unfälle, Hirntumoren oder Hirnschädigungen durch Vergiftungen können Ursachen für eine geistige Behinderung sein, welche nach der Geburt entsteht.[16]

2.3. Psychologischer Ansatz

Nach dem Klassifikationsschema psychischer Störungen ICD-10 der WHO wird geistige Behinderung als Intelligenzminderung definiert.[17] Intelligenzminderung wird dabei verstanden als verzögerte oder unvollständige Entwicklung der geistigen Fähigkeiten.[18] Fähigkeiten wie Kognition, Sprache sowie motorische und soziale Fähigkeiten, die zum Intelligenzniveau beitragen, gelten als besonders beeinträchtigt.[19] Es wird eine gradmäßige Einteilung der geistigen Behinderung in vier Stufen vorgenommen, welche sich durch den Intelligenzquotienten ergeben. Der Intelligenzquotient, welcher sich früher aus dem Verhältnis von Intelligenzalter und Lebensalter errechnete, wird heute durch das Verhältnis der individuellen Intelligenzleistung zum Mittelwert der entsprechenden Altersgruppe ermittelt.[20] Er wird durch Intelligenztests festgestellt, in welchen die Leistungen in o. g. Bereichen überprüft werden.[21]

Gemäß dem Schema der WHO liegt eine leichte geistige Behinderung demnach bei einem IQ zwischen 50 und 69, eine mittelgradige zwischen 35 und 49 und eine schwere geistige Behinderung bei einem IQ zwischen 20 und 34. Ein IQ unter 20 bedeutet schwerste geistige Behinderung.[22] Als durchschnittlicher oder normaler IQ gilt ein Wert von 100.[23]

Der Begriff »mental retardation« wird nach der American Association on Mental Deficiency folgendermaßen definiert:

„Geistige Retardierung bezieht sich auf signifikant unterdurchschnittliche allgemeine Intelligenzfunktionen, die zu gleichzeitigen Beeinträchtigungen des Anpassungsverhaltens führen oder mit diesem assoziiert sind und während der Entwicklungsperiode andauern.“[24]

In dieser Definition steht die Verminderung des adaptiven Verhaltens im Vordergrund, welches sich in nach Alter gestuften Standards persönlicher Unabhängigkeit und sozialer Verantwortlichkeit niederschlägt.[25] Dies bedeutet die Fähigkeit, sich einer komplexen Umwelt anzupassen und sich selbständig darin zurechtzufinden.

Kritik an der Klassifikation von geistiger Behinderung anhand von Intelligenzniveaus gründet sich vor allem darauf, daß diese Sichtweise zu einseitig ist.[26] Hinzu kommt, daß keine einheitliche wissenschaftliche Definition von Intelligenz existiert.[27] Dadurch beruhen die Testverfahren auf unterschiedlichen Auffassungen von Intelligenz, wodurch die Ergebnisse stets relativ sind.[28]

Zudem stellt sich die Frage, ob in den Testverfahren dieselben Bedingungen für Menschen mit geistiger Behinderung gelten können und ob überhaupt ein Vergleich mit Normwerten zulässig ist. Zum einen impliziert ein Abweichen von der Norm ein Anderssein, was insbesondere für die Gruppe der Menschen mit Behinderung die Gefahr der Stigmatisierung birgt. Zum anderen ist dieser Vergleich unzulänglich, da jeder Mensch sich individuell und nach seinen Möglichkeiten entwickelt, welche im Kontext mit seinem sozialen und kulturellen Umfeld zu sehen sind.[29] Ebenfalls unangebracht ist die Annahme von geistiger Behinderung als einer feststehenden Größe. Sie ist einem ständigen Veränderungsprozeß unterworfen und darum mit solch strikten Methoden wie Intelligenztests eigentlich nicht meßbar. Des weiteren ist zweifelhaft, ob bei den gängigen Testverfahren eventuelle Teilkompetenzen ausreichend Berücksichtigung finden.

2.4. Soziologischer Ansatz

Den Zusammenhang von sozialen Faktoren und geistiger Behinderung zeigte bereits die Verknüpfung von Intelligenz mit adaptivem Verhalten sowie die Sozialabhängigkeit von Intelligenzentwicklung.[30]

Eine primäre soziale Kausalität für geistige Behinderung liegt z. B. dann vor, wenn erhebliche soziale Deprivation dazu führt, daß die neurale Entwicklung behindert wird und zurückbleibt.[31]

Großen Einfluß darauf, wie sich letztendlich eine Behinderung darstellt, kann das Milieu haben, in dem eine Person mit geistiger Behinderung aufwächst. Vernachlässigung beispielsweise kann einen Menschen ebenso in der Entwicklung seiner Fähigkeiten beeinträchtigen wie ein überforderndes oder überbehütendes Milieu.

Im Verständnis von geistiger Behinderung gewinnen solche gesellschaftlichen Bedingungssysteme zunehmend an Bedeutung. Dies wird in Punkt 3 ausführlicher dargestellt.

2.5. Pädagogischer Ansatz

Die Erziehungswissenschaft widmet sich den Möglichkeiten der Erziehung und Bildung von Menschen mit geistiger Behinderung. Dabei hat sie allerdings die Erkenntnisse und Theorien anderer Wissenschaften zu berücksichtigen.[32] Der Vielschichtigkeit des Phänomens der geistigen Behinderung sowie der Heterogenität des Personenkreises muß Rechnung getragen werden.[33] Das heißt, daß allgemeinpädagogische Auffassungen von Erziehungen unter Umständen in Frage zu stellen sind und das Kind oder der Jugendliche mit seinen Beeinträchtigungen und Möglichkeiten in den Mittelpunkt rückt.[34] Entsprechend müssen Erziehungsziele, Methoden, Gestaltung von Spielen und Lernen etc. modifiziert werden.

In der pädagogischen Auffassung sind zwei Komponenten von Bedeutung. Zum einen ist dies die Orientierung an der Person mit ihren individuellen Entwicklungsstörungen bzw. -voraussetzungen. Zum anderen ist der spezielle Erziehungsbedarf zu berücksichtigen. Dieser ergibt sich nicht nur aus der individuellen Lebenssituation des Menschen mit Behinderung, sondern richtet sich auch nach gesellschaftlichen Erziehungserwartungen und -normen.[35]

Speck betont, daß die besonderen Erziehungserfordernisse in der Gestaltung des Lernumfeldes maßgebend sein müssen und nicht die Behinderung der Leitbegriff sein darf. Dies käme einer Defizitorientierung gleich. Im Vordergrund hat demnach ein allgemeiner Erziehungsauftrag zu stehen, der für alle Kinder und Jugendlichen gilt, aber eben unter Beachtung der speziellen pädagogischen Erfordernisse.[36] Wichtig ist es also, sich danach zu richten, „was ein Kind pädagogisch braucht, um trotz seiner Lernhindernisse die ihm möglichen Persönlichkeits- und Sozialkompetenzen (Fertigkeiten, Einstellungen) zu erlangen, die ihm eine sinnvolle Teilhabe an seiner Lebenswelt ermöglichen“[37].

Die Erfüllung dieses Anspruchs kann man als grundsätzliche Aufgabe der Geistigbehindertenpädagogik verstehen mit dem Ziel der „Selbstverwirklichung des Geistigbehinderten in sozialer Eingliederung“[38].

[...]


[1] Vgl. Theunissen, 2000a, 13.

[2] Fornefeld, 2002, 45.

[3] Vgl. Theunissen, 2000a, 13.

[4] Vgl. Fornefeld, 2002, 45.

[5] Fornefeld, 2003, 268.

[6] Vgl. Fornefeld, 2002, 46.

[7] Bleidick, 1999, 15.

[8] Vgl. Fornefeld, 2002, 46.

[9] Vgl. Speck, 2005, 53.

[10] Vgl. Theunissen, 2000a, 15.

[11] Vgl. Fischer, 2003, 14.

[12] Vgl. Speck, 2005, 54.

[13] Vgl. ebd., 54 f.

[14] Vgl. Zerbin-Rüdin, 1990, 24.

[15] Vgl. Speck, 2005, 55.

[16] Vgl. ebd., 55.

[17] Vgl. ebd., 56.

[18] Vgl. Speck, 2005, 56.

[19] Vgl. Fornefeld, 2002, 56.

[20] Vgl. Borchert/ Dupuis, 1992, 322.

[21] Vgl. Fornefeld, 2002, 55.

[22] Vgl. Speck, 2005, 56.

[23] Vgl. Zimbardo, 1999, 567.

[24] Patton u. a., 1990, zit. n. Speck, 2005, 57.

[25] Vgl. Speck, 2005, 57.

[26] Vgl. Fornefeld, 2002, 58.

[27] Vgl. Fischer, 2003, 15.

[28] Vgl. Fornefeld, 2002, 58.

[29] Vgl. ebd., 59.

[30] Vgl. Speck, 2005, 60.

[31] Vgl. ebd., 60.

[32] Vgl. Speck, 2005, 53.

[33] Vgl. Fornefeld, 2002, 67.

[34] Vgl. ebd., 67.

[35] Vgl. ebd., 71.

[36] Vgl. Speck, 2005, 68 f.

[37] Speck, 2005, 69.

[38] Bach, 1979, 24.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Geistige Behinderung. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff und seinem Gebrauch
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,4
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V283398
ISBN (eBook)
9783656826583
ISBN (Buch)
9783656907008
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geistige Behinderung, Behinderung
Arbeit zitieren
Friederike Jung (Autor), 2005, Geistige Behinderung. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff und seinem Gebrauch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283398

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Geistige Behinderung. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff und seinem Gebrauch


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden