In dieser Arbeit wird der Begriff der geistigen Behinderung umrissen. Ebenso werden Schwierigkeiten aufgezeigt, die sich im Zusammenhang mit seiner Definition ergeben. Es schließt sich die Beschreibung von vier wissenschaftlichen Definitionsansätzen an, welche sich auf unterschiedliche Weise dem Phänomen »geistige Behinderung« nähern. Darauf bezugnehmend wird der generelle Wandel, welcher sich in den Sichtweisen zu geistiger Behinderung vollzieht, dargestellt. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der geistigen Behinderung beschließt die Arbeit.
In dem Bestreben, die bis dahin gängigen, jedoch äußerst diskriminierenden Bezeichnungen wie »Schwachsinn«, »Blödsinn«, »Idiotie« oder auch »Oligophrenie« abzulösen, wurde der Begriff der geistigen Behinderung gegen Ende der 1950er Jahre von der Elternvereinigung »Lebenshilfe« in die fachliche Diskussion eingebracht. Damit wurde der Wunsch der Eltern zum Ausdruck gebracht, „[...] das spezifische Anderssein ihrer Kinder, die Beeinträchtigung ihrer intellektuellen (mentalen) Funktionen, so zu beschreiben, dass es dabei nicht wieder zu einer Abwertung der gesamten Person kommt“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff
2.1 Schwierigkeiten einer Definition
2.2. Medizinisch-biologischer Ansatz
2.2.1. Pränatal entstandene Formen
2.2.2. Perinatal entstandene Formen
2.2.3. Postnatal entstandene Formen
2.3. Psychologischer Ansatz
2.4. Soziologischer Ansatz
2.5. Pädagogischer Ansatz
3. Veränderte Sichtweisen
4. Kritik am Begriff »geistige Behinderung«
5. Zusammenfassung
6. Literaturverzeichnis und weiterführende Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, den Begriff der geistigen Behinderung sowie dessen problematische Definition zu analysieren und einer kritischen Auseinandersetzung zu unterziehen. Die zentrale Forschungsfrage untersucht dabei den wissenschaftlichen Bedeutungswandel des Begriffs und hinterfragt dessen heutige Angemessenheit und Daseinsberechtigung angesichts aktueller Tendenzen der gesellschaftlichen Teilhabe.
- Historische Herleitung und Ablösung diskriminierender Bezeichnungen
- Wissenschaftliche Definitionsansätze aus medizinischer, psychologischer, soziologischer und pädagogischer Perspektive
- Kritische Analyse des Begriffs als Stigma und soziales Zuschreibungskriterium
- Diskussion über den Wandel von defektorientierten Sichtweisen hin zu einer personenzentrierten Pädagogik
Auszug aus dem Buch
2.1 Schwierigkeiten einer Definition
Obgleich sich der Begriff nicht nur in den pädagogisch orientierten Fachkreisen, sondern auch in anderen Disziplinen durchsetzte, steht eine einheitliche Beschreibung des als geistig behindert zu definierenden Personenkreises bis heute noch aus. BARBARA FORNEFELD führt die Schwierigkeiten in bezug auf eine allgemeingültige Begriffsbestimmung vor allem auf die Individualität des Phänomens der Behinderung zurück.4 Tatsächlich sind Schweregrad und Ausprägung einer geistigen Behinderung stets verschieden, die Biographien der betroffenen Menschen kaum objektiv erfaßbar. Geistige Behinderung ist keine feststehende Größe.
Vielmehr ist sie „ein Prozess, der der Dynamik des Lebens folgt, d. h. in jeder Lebensphase wird sich die geistige Behinderung anders zeigen, bedarf sie anderer Hinwendungen“5.
Hinzu kommt, daß in der Literatur schon allein über einen durchgängig anerkannten Begriff der Behinderung keine Einigkeit besteht.6 Meist sind Definitionsversuche recht weit gefaßt wie der von BLEIDICK:
„Als behindert gelten Personen, die infolge einer Schädigung ihrer körperlichen, seelischen oder geistigen Funktionen so weit beeinträchtigt sind, daß ihre unmittelbaren Lebensverrichtungen oder ihre Teilnahme am Leben der Gesellschaft erschwert werden.“7
FORNEFELD lastet diesen Umstand auch den verschiedenen Zugangsmöglichkeiten zum Begriff der »geistigen Behinderung« an.8 So ist geistige Behinderung Gegenstand unterschiedlicher Wissenschaften. Jede verfolgt dabei ihre eigenen Erkenntnisinteressen.9
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Problematik der Begriffsbildung ein und skizziert den Aufbau der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen geistige Behinderung.
2. Der Begriff: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung des Begriffs als Reaktion auf diskriminierende Fremdbezeichnungen und beleuchtet wissenschaftliche Zugänge aus medizinischer, psychologischer, soziologischer und pädagogischer Sicht.
3. Veränderte Sichtweisen: Hier wird der Paradigmenwechsel von der Defektorientierung hin zur sozialen Interaktion und gesellschaftlichen Teilhabe dargestellt.
4. Kritik am Begriff »geistige Behinderung«: Das Kapitel diskutiert die ethischen und semantischen Probleme des Begriffs sowie die Forderungen nach dessen vollständigem Verzicht.
5. Zusammenfassung: Es erfolgt eine abschließende Reflexion über das komplexe Phänomen der geistigen Behinderung und die Notwendigkeit einer kritischen Begriffsverwendung.
Schlüsselwörter
Geistige Behinderung, Definitionsschwierigkeiten, pädagogischer Ansatz, medizinisch-biologischer Ansatz, psychologischer Ansatz, soziologischer Ansatz, Stigmatisierung, Normalisierungsprinzip, Teilhabe, Selbstbestimmung, Empowerment, Defektorientierung, soziales Konstrukt, Behindertenpädagogik, Integrationspädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Begriff der geistigen Behinderung, dessen historischer Herkunft sowie den inhärenten Schwierigkeiten bei der wissenschaftlichen Definition.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die wissenschaftlichen Definitionsansätze, die Kritik am stigmatisierenden Charakter des Begriffs sowie die moderne pädagogische Sichtweise unter dem Aspekt der Selbstbestimmung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine kritische Reflexion des Begriffsgebrauchs, um zu klären, inwiefern der aktuelle Begriff den Bedürfnissen und der Lebensrealität von Menschen mit geistiger Behinderung gerecht wird.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Autorin stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender wissenschaftlicher Definitionen, Theorien und Diskurse aus der Sonder- und Heilpädagogik sowie angrenzender Wissenschaften.
Was wird im Hauptteil der Arbeit thematisiert?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Begriffsanalyse, die Vorstellung verschiedener Fachansätze, eine Darstellung des Wandels hin zur Teilhabeorientierung sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der Daseinsberechtigung des Begriffs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Dokument?
Die zentralen Schlagworte umfassen neben dem Hauptbegriff insbesondere Stigmatisierung, Teilhabe, Empowerment sowie den Wandel vom medizinischen zum sozialen Verständnis von Behinderung.
Was kritisiert die Arbeit an traditionellen medizinischen Ansätzen?
Die Arbeit kritisiert, dass medizinische Ansätze lediglich organische Schädigungen erklären, aber das Individuum auf seine Defizite reduzieren und damit dem Wesen des Menschen nicht gerecht werden.
Welche Bedeutung kommt dem sogenannten Normalisierungsprinzip zu?
Das Normalisierungsprinzip fordert, Menschen mit Behinderung ein Leben zu ermöglichen, das dem der nicht-behinderten Bevölkerung so nah wie möglich kommt, und bildet eine wichtige Basis für moderne Teilhabekonzepte.
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- Friederike Jung (Author), 2005, Geistige Behinderung. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff und seinem Gebrauch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283398