Suizid. Vergleich der Soziologischen und Psychologischen Sicht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
19 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Suizid unter verschiedenen Betrachtungsweisen

2. Selbstmord im Allgemeinen
2.1 Selbstmord in der Soziologie
2.1.1 Der Selbstmord nach Durkheim
2.1.1.1 Der egoistische Selbstmord
2.1.1.2 Der altruistische Selbstmord
2.1.1.3 Der anomische Selbstmord
2.1.1.4 Der fatalistische Selbstmord
2.1.2 Anmerkungen zu Durkheims Theorie
2.2 Der Selbstmord in der Psychologie
2.2.1 Sozialpsychologie
2.2.1.1 Sigmund Freuds Psychoanalyse - Grundlagen
2.2.1.2 Menningers Theorie
2.2.1.3 Zilboorgs Theorie
2.2.1.4 Theorie von Henry und Short
2.2.2 Klinische Psychologie

3. Vergleich der soziologischen und psychologischen Ansätze

4. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Suizid unter verschiedenen Betrachtungsweisen

„Nach Schätzungen sterben jährlich eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht einem alle 40 Sekunden - jedoch dürfte diese Zahl tatsächlich gewaltig unterschätzt sein, weil die Fallzahlen vermutlich in vielen Ländern zu niedrig angegeben werden. Selbstmord trägt mit 1,5 Prozent zu den weltweiten Todesfällen bei und ist die zehnthäufigste Todesursache.“ (Hawtone & van Heeringen, 2009)

Welche Gegebenheiten bringen Menschen dazu, sich das Leben zu nehmen? Welche Wissenschaft sollte sich mit dem Thema Selbstmord beschäftigen? Sind es Soziologen, Psychologen oder vielleicht Mediziner? Jeder dieser Zweige versucht Erklärungen zu finden um das Mysterium des Selbstmords zu enthüllen. In den letzen 30 Jahren wurden etwa 15 000 Werke über Suizid verfasst (vgl. Venske, 2001). Allerdings hat bisher noch keine Theorie einen solchen Wissensstand hervorgebracht, durch den man das Phänomen Suizid als erforscht ansehen könnte.

Aktuell existieren viele Theorien, die mehr und mehr den psychologischen und neurobiologischen Aspekt des Selbstmords betonen. Immer größere Bedeutung wird besonders psychischen Krankheiten wie Depressionen, Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen und manisch-depressiven Störungen zugeschrieben. Etwa 65 bis 95 % der Suizide werden allein auf solche Ursachen zurückgeführt. (Vgl. Rübenach, 2007)

Soziologische Modelle wie jenes von Durkheim geraten zunehmend in Vergessenheit, obwohl Emile Durkheim[1] einer der Ersten war, der sich intensiv mit dem Thema Selbstmord auf einer wissenschaftlichen Ebene befasst hat. Er bezeichnete den Suizid nach intensiven Studien von Selbstmordstatistiken als sozialen Tatbestand[2]. Durkheim beschäftigte sich also mit Selbstmordraten und nicht mit individuellen Gründen. Für ihn war diese Ebene nicht entscheidend, um Selbstmord zu erfassen. Jedoch hat er die Existenz von persönlichen Gründen nie abgestritten. Aus damaliger Sicht ist Durkheims Herangehensweise nachvollziehbarer als heute. Unter dem Aspekt, dass die Psychologie erst im 20. Jahrhundert wissenschaftliche Erkenntnisse zu diesem Thema etabliert hat, kann man Durkheim seine Beschränkung auf soziologische Erklärungsmodelle nachsehen.

Im Laufe dieser Arbeit wird der Selbstmord nach Durkheim, welcher grundsätzlich der Soziologie zuzuordnen ist, mit den Erklärungen der Psychologie verglichen und erweitert. Denn um die Thematik des Selbstmords voll erfassen zu können, muss man über die Grenzen dieser beiden Fachgebiete hinwegsehen.

2. Selbstmord im Allgemeinen

Im Jahr 2006 haben sich in Deutschland 10,9 je 100 000 EinwohnerInnen das Leben genommen. Seit 1980 ist die Selbstmordrate in Deutschland stetig gesunken. Das Durchschnittsalter der Suizidalen beträgt rund 56 Jahre. Hier ist die Tendenz steigend, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass die Lebenserwartung der Bevölkerung zunehmend steigt. Auffallend ist, dass sich etwa dreimal so viele Männer wie Frauen in Deutschland im Jahr 2006 das Leben genommen haben[3]. (Vgl. Rübenach, 2007)

Generell wird „zwischen harten und weichen Methoden unterschieden“ (Rübenach, 2007). Zu den weichen Methoden zählen Vergiftungen, Tablettenmissbrauch und allgemein eher passive Mittel. Als „harte“ Methoden werden Waffengebrauch, sowie Erhängen, Erdrosseln und Ersticken gewertet. Männer (52,6 %) und junge Menschen zwischen 10 und 15 Jahren (81,5 %) wählen häufiger harte Methoden als Frauen(34,5 %). (Vgl. Rübenach, 2007)

Europaweit liegt Deutschland unter dem Durchschnitt von 14,5 Suizidalen je100 000 EinwohnerInnen. Litauen führt mit 37,0 Personen pro 100 000 EinwohnerInnen, gefolgt von Ungarn (23,2) und Lettland (22,6) die Statistik an. Griechenland kann die niedrigste Selbstmordrate mit 3,1 pro 100 000 EinwohnerInnen aufweisen. (Vgl. Rübenach, 2007)

Allgemein muss man anmerken, dass die Dunkelziffer der Selbstmorde vermutlich noch viel höher liegt. Hierbei fragt man sich, unter welchen Umständen ein Todesfall als Selbstmord gewertet wird. Ausgegangen wird grundsätzlich von dem Regelwerk ICD-10[4]. Dieses wird von der World Health Organisation herausgegeben und dient zur Klassifizierung sämtlicher Krankheiten.

Das ICD-10 weist auch eine Todesursachenstatistik vor, welche allerdings Suizid nur lückenhaft aufnimmt. Beispielsweise können etliche Selbstmorde „bei der ärztlichen Leichenschau […] nicht als solche festgestellt und deshalb nicht in der Todesursachenstatistik“ (Rübenach, 2007) erfasst werden. Daher kommt es zu einer systematischen Unterschätzung der Suizide in Statistiken. Man kann die Dunkelziffer also nur erahnen, besonders da etliche Angehörige der Toten zudem über dieses Tabuthema häufig schweigen. (Vgl. Rübenach, 2007)

2.1 Selbstmord in der Soziologie

2.1.1 Der Selbstmord nach Durkheim

Emile Durkheim, französischer Soziologe, beschäftigte sich als Erster wissenschaftlich mit Suizid. Hierzu zog er offizielle Statistiken des19. Jahrhunderts aus ganz Europa heran. Dabei erkannte er, dass die Suizidraten erheblichen Schwankungen unterliegen und diese sich in unterschiedliche Gruppen aufteilen lassen. So erkannte er, dass sich ProtestantInnen häufiger als KatholikInnen umbringen und dass die Selbstmordrate bei VertreterInnen des Judentums am niedrigsten ist. Auch bringen sich ältere Menschen seltener um als Jüngere, Geschiedene häufiger als Verheiratete, Männer rund dreimal häufiger als Frauen. Für Durkheim war damit klar, dass Selbstmord keine individuelle Entscheidung sein kann, sondern dass sie gesellschaftlichen Bedingungen unterliegt. (Vgl. Durkheim, Der Selbstmord, 1983, S. 164 ff.)

Somit stellte er fest, dass Selbstmord ein sozialer Tatbestand ist. Er definiert den sozialen Tatbestand wie folgt: „[...] besondere Arten des Handelns, Denkens und Fühlens, die außerhalb der Einzelnen stehen und mit zwingender Gewalt ausgestattet sind, kraft deren sie sich ihnen aufdrängen“ (Durkheim, 1980, S. 107). Das impliziert, dass der Mensch im Bezug auf Selbstmord nicht mehr als eigenständiges Wesen gesehn werden kann. Vielmehr wird das Individuum als Teil der Gesellschaft zum Suizid im weitesten Sinne genötigt. Der Mensch wird also von der Gesellschaft in seinem Handeln unbewusst beeinflusst.

Soziale Tatbestände wie Selbstmord sind also Produkte der Gesellschaft. Somit hat die Gesellschaft auch einen gewissen Einfluss auf die Menschen, die in ihr leben. In diesem Sinne hat Durkheim Aristoteles Satz „das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“[5] für sich neu erfunden und auf die Öffentlichkeit angewandt. So gesehen ist die Gesellschaft mehr als die Summe der Menschen aus denen sie besteht. Denn sie bekommt durch die Masse an Menschen eine nicht greifbare Macht, die sich nach Durkheim in sozialen Tatbeständen äußert.

Etwas als einen sozialen Tatbestand zu bezeichnen setzt aber auch voraus, dass man eine Ursache für diesen benennen kann. Durkheim sah die soziale Integration als Grund für die unterschiedlichen Selbstmordraten an. Angewandt auf die Religionen kann man Durkheims Gedanken verdeutlichen. Der Protestantismus ist eine Religion, welche den Individualismus befürwortet. Auch wird den Gläubigen die Freiheit gelassen über sein Leben selbst zu bestimmen. Dies impliziert auch die freie Entscheidung darüber sich das Leben zu nehmen.

Im Katholischen Glauben hingegen wird Suizid strenger behandelt.

„ [...] Im römischen Codex Iuris Canonici (CIC) von 1917 war die überlegte Selbsttötung ein Grund zum Ausschluss von einem kirchlichen Begräbnis. In der Fassung des CIC von 1983 ist ein solcher Ausschlussgrund allerdings nicht mehr ausdrücklich erwähnt“[6].

Zudem steht im Katholizismus die Gemeinschaft im Vordergrund. Somit legt diese Glaubensrichtung mehr Wert auf Integration und kann dadurch eine geringere Selbstmordrate vorweisen. Diese Gegebenheiten stützen Durkheims Überlegungen.

Des Weiteren untergliederte Durkheim den Suizid in vier Gruppen. Bezeichnet hat er sie als egoistischen, altruistischen, anomischen und fatalistischen Selbstmord. Diese Typen unterscheiden sich in dem Maß wie sehr das Individuum in die Gesellschaft eingebunden ist (Vgl. Hassan, 1998, S. 169).

2.1.1.1 Der egoistische Selbstmord

Nach Durkheim haben die Religionsgemeinschaft, die Familie und das politische System einen Einfluss auf die Selbstmordrate. Je größer die Integration desto weniger Suizid findet statt. Beim egoistischen Selbstmordtyp fehlt die Integration in die Gesellschaft. Dies kann dazu führen, dass sich das Individuum selbst als nutzlos ansieht. Durkheim beschreibt, wie die Personen kraftlos, melancholisch und nach innen gekehrt wirken. Aus heutiger Sicht könnte man somit den egoistischen Selbstmord mit der äußerlichen Erscheinungsform von Depressionen gleichsetzen. (Vgl. Durkheim, Der Selbstmord, 1983, S. 321 ff.)

„Egoistisch“ meint in diesem Kontext, dass das Individuum das Ich über das Wir, also die Gesellschaft, stellt (vgl. Kruse, 2008, S. 81). Durch den Suizid entzieht sich die Person also den Pflichten, die die Gemeinschaft an sie stellt. Das Kollektiv bindet folglich den Menschen an das Leben und die damit verbundenen Pflichten. (Vgl. Durkheim, Der Selbstmord, 1983, S. 231 ff.)

2.1.1.2 Der altruistische Selbstmord

Beim altruistischen Selbstmord liegt eine zu starke Integration in die Gesellschaft vor. Die Personen fühlen sich der Gesellschaft verpflichtet und sind von ihr abhängig. Dies führt auch zu der Bereitschaft sich für die Gesellschaft komplett aufzugeben. Dieser Selbstmordtyp ist seltener anzutreffen. Bevorzugt in primitiveren und kleineren Gesellschaften wie afrikanischen Stämmen. In der modernen Gesellschaft ist er nur noch unter gewissen Bedingungen anzutreffen. Dazu zählen strikt organisierte Gesellschaftsgruppen wie das Militär. (Vgl. Hassan, 1998, S. 169) Besonders einprägsame Beispiele liefern hierbei AnhängerInnen Hitlers. Nach der Kapitualtion am 7. Mai 1945 brachten sich viele nahestehende Personen Hitlers wie Eva Braun oder die Familie Goebbels um (Vgl. Kruse, 2008, S. 82) ebenso wie zahlreiche Anhänger des Nationalsozialismus.

Grundsätzlich kann man den altruistischen Selbstmord in drei Unterkategorien teilen. Der obligatorisch altruistische Selbstmord geht davon aus, dass die Gesellschaft das Individuum zum Selbstmord buchstäblich zwingt. Meist kommt er in traditonellen und urtümlicheren Gesellschaften vor, in denen das Individuum ab einem bestimmten Zeitpunkt nichts mehr wert ist. Männer die nicht mehr arbeiten können, oder Frauen, die keine Kinder bekommen können sind Beispiele, bei denen das Individuum den Wert für die Gesellschaft verloren hat. Dies endet oftmals im Suizid.

[...]


[1] Emile Durkheim (1858 – 1917) war ein französischer Soziologe zu dessen bedeutendsten Werken unter anderem „Der Selbstmord“ (1897) zählt.

[2] „Soziale Tatsache ist „jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die die Fähigkeit besitzt, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben; oder auch, die im Bereiche einer gegebenen Gesellschaft allgemein auftritt, wobei sie ein von ihren individuellen Äußerungen unabhängiges Eigenleben besitzt.“ (Durkheim, Regeln der soziologischen Methode, 1980, S. 114)

[3] 16,0 Männer zu 5,6 Frauen pro 100 000 EinwohnerInnen

[4] International Classification of Diseases, 10. Version

[5] Aristoteles, Philosoph: 384 – 322 v. Chr.; ursprünglich stammt das Zitat aus einem Werk über die Metaphysik

[6] o. A. Gunter Sachs: Er wollte nicht mir dem Vergessen leben. Librosius: http://www.liborius.de/aktuell/ueberblick/glaube-und-suizid.html (27.05.2011 abgerufen)

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Suizid. Vergleich der Soziologischen und Psychologischen Sicht
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V283439
ISBN (eBook)
9783656827887
ISBN (Buch)
9783656828686
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Suizid, Selbstmord, Gesellschaft, Psychologie, Durkheim, Emile, Wertereffekt, Werthereffekt, Vergleich
Arbeit zitieren
Julie Wimmer (Autor), 2011, Suizid. Vergleich der Soziologischen und Psychologischen Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283439

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