Kafkas "Der Kaufmann". Versuch einer Interpretation


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2014

37 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einordnung des Textes in Kafkas Gesamtwerk

2. Die beiden Bedeutungen des Begriffs ‚Betrachtung‘

3. Der Junggeselle als betrachtendes Ich

4. Die wissenschaftliche Vernachlässigung der Betrachtungs-Texte

5. Kafka auch im Kaufmann ein „Apologet des Kleinbürgertums“?

6. Ich-Erzählform und personales Erzählverhalten

7. Inhaltliche und formale Textanalyse

8. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Anhang – „Der Kaufmann“

1. Einordnung des Textes in Kafkas Gesamtwerk

„Die Einteilung von Kafkas Werk in eine Frühphase (bis 1912), die Reifezeit (1912 - 1917/20) und eine Spätphase (1921-1924) deckt sich mit wichtigen Zäsuren im Leben des Dichters, besonders die Jahre 1912 (Kennenlernen von Felice Bauer, Heiratspläne) und 1917 (Ausbruch der Krankheit) können als wichtige Lebenswende-punkte gelten, die auch für die Werkphasen von Bedeutung sind.“[1]

Zu den Werken der Frühphase zählen die Beschreibung eines Kampfes (1904/05), das Fragment Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande (1906/07) und „die achtzehn im Band Betrachtung (1913) zusammengefassten kleinen Prosaskizzen sowie einige verstreut publizierten [sic!] Stücke, [...].“[2] Über die Texte der Betrachtung schreibt Beicken, sie erhellten „den zwischenmenschlichen Bereich, Konflikte, Einsamkeiten, Abweisungen im Erotischen, gespensterhafte Visionen, verfremdete Alltagsrealität, die Befreiung vom Eingesperrtsein im Familiären, die Junggesellenproblematik und die Existenzsorgen eines Kaufmanns, der sich geschäftlich ausgeliefert [...] und als Mensch dem Übergriff feindlicher Mächte ausgesetzt fühlt [...].“[3]

Beicken spricht bei den Betrachtungs-Texten von Prosaskizzen. Barbara Neymeyr räumt im Kafka-Handbuch (Metzler) ein, eine „präzise Gattungsbestimmung [sei] schwierig“, sie zählt einige der vom Autor im Tagebuch und in Briefen verwendeten Bezeichnungen für diese Texte auf: „Kleine Prosa“, „Stückchen“, „Sachen“, „meine kleinen Winkelzüge“. Neymeyr hält die Begriffe „Prosaminiaturen“, „Skizzen“ oder „Studien“ für „legitim“, weil sie die Distanz zu tradierten Werkbezeichnungen andeu-teten, weil sie das Subjektive und Vorläufige und auch das Reflexive mit einschlös-sen.[4]

Ritchie Robertson findet einschränkend: „Die Skizzen der Betrachtung hinterlassen eher den Eindruck von Stimmungsbildern als von Erzählungen.“[5]

Man kann aber der Gattungsproblematik aus dem Weg gehen, wenn man von kurzen Prosatexten bzw. -stücken spricht, bei denen das Narrative dominant ist (z. B. in der die Betrachtung einleitenden ‚Kindergeschichte‘ Kinder auf der Landstraße) oder das Reflexive überwiegt (z. B. in Die Bäume) oder erzählerische Elemente sich mit Reflexionen mischen.

„Da ein Text der entstehungs- und druckgeschichtlichen Fakten nicht entraten kann“[6], gibt Paul Raabe in der Taschenbuchausgabe der Erzählungen einige philo-logische Hinweise. Für Kafkas Kaufmann sind die allerdings sehr knapp: „Der Kauf-mann - Erstdruck (ohne Überschrift) im Hyperion Bd. 1 (1908), H. 1, S. 91. Entstan-den wohl 1907.“[7] Diese Datierung stimmt überein mit der von Gerhard Rieck vorge-legten „Ordnung der Kafka-Texte“, in der er die von Pasley/ Wagenbach vorgenom-mene Datierung ergänzt hat um eine Spalte „Textentstehung lt. Kritischer Ausgabe“. Das ältere Entstehungsdatum „1907 spätest.“ benennt den Terminus ante quem, die Kritische Ausgabe (KA) mit der Angabe „1904/07“ lässt die Frage offen, ob der Kauf-mann nicht schon eher, also in den Jahren nach 1904 und vor 1907 entstanden sein könnte (1904 wäre dann der Terminus post quem).[8]

„Schon während seines kurzen Gastspiels an der Assicurazioni Generali hatte Kafka sein Debüt als Schriftsteller in der Öffentlichkeit vollzogen. Die von Franz Blei (1871-1942) herausgegebene Zweimonatszeitschrift Hyperion druckte in ihrer ersten Ausgabe im März 1908 unter dem Titel Betrachtung acht kurze Prosastücke: Die Bäume, Kleider, Die Abweisung, Der Kaufmann, Zerstreutes Hinausschaun (sic!), Der Nachhauseweg, Die Vorüberlaufenden und Der Fahrgast. Kafka kannte den Herausgeber über Brod, der mit Blei zusammenarbeitete.“[9] Für die Mai-Ausgabe 1909 steuert Kafka zwei weitere Texte bei: Gespräch mit dem Beter und Gespräch mit dem Betrunkenen, Abschnitte aus der wohl 1903 oder 1904 entstandenen Be-schreibung eines Kampfes. Der Hyperion, der überwiegend Texte der literarischen Avantgarde gedruckt hat, muss nach zwei Jahren sein Erscheinen einstellen.

Barbara Neymeyr ergänzt die Ausführungen Ekkehard Harings im KHb, die acht „Prosaminiaturen“ seien unter dem Titel Betrachtung „mit römischen Ziffern, aber noch ohne Überschriften in der von Franz Blei und Carl Sternheim“[10] edierten Zeit-schrift erschienen. Gerhard Kurz betont, die 1908 im Hyperion veröffentlichten Prosa-texte ohne Einzeltitel seien Kafkas „erste Publikation überhaupt.“[11]

Die Prager Tageszeitung Bohemia, in der ein von Kafka verfasster Nachruf auf den exklusiven Hyperion erscheint, „in welchem er [dessen] Bedeutung für randständige Autoren betont“[12], druckt 1910 fünf Prosastücke Kafkas, nämlich diese Titel: Am Fenster (später: Zerstreutes Hinausschaun), In der Nacht (später: Die Vorüberlaufen-den), Kleider, Der Fahrgast und als neuen Text Nachdenken für Herrenreiter.[13]

Ende Juni 1912 fährt Kafka mit Max Brod - es ist ihre letzte gemeinsame Reise - nach Weimar und in den Harz. Auf dem Hinweg machen sie Station in Leipzig und treffen dort den Verleger Ernst Rowohlt und seinen Kompagnon Ernst Wolff (er ist stiller Teilhaber). Man verständigt „sich über die Vorbereitung eines ersten Prosaban-des, der kürzere Erzählungen enthalten soll.“[14] Am Ende werden diesem Band 18 kurze Prosatexte angehören.

Ernst Rowohlt bringt dann gegen Ende des Jahres 1912 unter dem Titel Betrach-tung die erste Buchveröffentlichung des jungen Autors Franz Kafka heraus. Neben den neun Texten von 1908 (Hyperion) und 1910 (Bohemia) enthält der in 800 un-nummerierten Exemplaren erschienene Band neun weitere kurze Texte mit eigenen Überschriften: Kinder auf der Landstraße, Entlarvung eines Bauernfängers, Der plötzliche Spaziergang, Entschlüsse, Der Ausflug ins Gebirge, Das Unglück des Junggesellen, Das Gassenfenster, Wunsch, Indianer zu werden und Unglücklichsein.

Der Band Betrachtung besteht somit „zur Hälfte aus unveröffentlichten, zur Hälfte aus veröffentlichten Stücken.“[15] Überdies hat Kafka sich mit der Zusammenstellung der Texte schwergetan: Der Ausflug ins Gebirge, Kleider, Die Bäume und Kinder auf der Landstraße stammen aus den verschiedenen Fassungen der Beschreibung eines Kampfes; Raabe bemerkt treffend, man erkenne, „dass Kafka sein frühestes Werk wie einen Steinbruch abbaute.“[16]

„Kafkas Widmung „Für M. B.“ in der Buchversion der Betrachtung gilt seinem Freund Max Brod, der ihm den Verlagskontakt vermittelt hatte.“[17]

2. Die beiden Bedeutungen des Begriffs ‚Betrachtung‘

Kafka hat nach Neymeyr auf dem „singularischen Titel Betrachtung“ bestanden.[18] Gerhard Kurz behauptet: „Der Titel [...] bestimmt die einzelnen Texte als Teile eines Betrachtungsaktes.“[19] Die Etymologie des Verbums ‚betrachten‘ meint „[längere Zeit] prüfend ansehen“.[20] Man kann jemanden neugierig, ungeniert, aus nächster Nähe, von oben bis unten, wohlgefällig, eingehend, bei Licht oder mit Aufmerksamkeit be-trachten. Betrachtung meint damit ein Anschauen und zugleich eine Überlegung, eine Untersuchung.

Barbara Neymeyr sagt demzufolge treffend, der Begriff lt;Betrachtunggt; bedeute bei Kafka zweierlei, nämlich zum einen „die optische Wahrnehmung von Außenwelt“, zum anderen aber ziele er „auf abstrakte Reflexion oder kontemplative Verinnerli-chung“. Sie begründet ihre Sicht mit zwei Textüberschriften: Zerstreutes Hinaus-schaun und Zum Nachdenken für Herrenreiter.[21]

Diese zwei Seiten des Betrachtens hebt auch Gerhard Kurz hervor, er schreibt, „Kafka [experimentiere] in diesen Texten geradezu mit Möglichkeiten des Erzählens: Kinder auf der Landstraße enthält eine narrativ-chronologisch entfaltete Handlung, ebenso Entlarvung eines Bauernfängers und Unglücklichsein. Andere Texte be-stehen nur aus einem Monolog (Der Ausflug ins Gebirge), einem imaginierten szenischen Dialog (Die Abweisung) oder formulieren einen Wunsch, einen Vergleich (Wunsch, Indianer zu werden, Die Bäume), eine Überlegung (Der plötzliche Spazier-gang z. B.).“[22]

„Viele Texte der Betrachtung“, sagt Kurz zusammenfassend, „exponieren die Situ-ation eines anonymen „ich“ oder „man“ oder „wir“, das redet, sich erinnert, reflektiert, sich etwas vorstellt, sich fragt, vergleicht, Schlüsse zieht, Vermutungen anstellt.“[23]

Aus dieser summarischen Nennung der Tätigkeiten des/der Protagonisten wird deutlich, dass die Texte angeschaute Augenblicke und Stimmungen der Außenwelt/ Wirklichkeit und die darauf beruhenden nachdenklichen Überlegungen festhalten.

Der Germanist Rüdiger Zymner (Bergische Universität Wuppertal) hat in dem Kafka-Handbuch des Metzler-Verlages den „systematischen und historischen Zu-sammenhang von Denkbild, Parabel und Aphorismus“[24] erläutert. In dem Abschnitt „Kafkas Denkbilder“[25] kommt er zu dem Ergebnis, die Texte in dem Band Betrach-tung (1912) seien Denkbilder, da „man von monologischer Gedankenrede sprechen“ könnte.[26] Kennzeichnend für den reflektierenden Grundgestus ist für ihn z. B. eine texteröffnend formulierte Vermutung. Das Unglück eines Junggesellen beginnt näm-lich so: „Es scheint so arg, Junggeselle zu bleiben, als alter Mann unter schwerer Wahrung der Würde um Aufnahme zu bitten, [...], krank zu sein und ...“[27]

Die Annahme, das Junggesellendasein bestehe aus lauter solchen unglücklichen (‚argen‘) Zuständen, belegt ein namenloses „man“ durch 11 mit ‚zu‘ erweiterte Infini- tivgruppen.

In Kafkas erster Buchveröffentlichung (1912) finden sich allerdings auch Texte, die wie Kinder auf der Landstraße und Entlarvung eines Bauernfängers mehr „ausführ-liche Erzählungen als reflektierend oder auf Reflexion angelegte Denkbilder [...] sind.“[28] Vielleicht sollte man zu den weniger reflektierenden Prosastücken noch Un-glücklichsein zählen, wo „als kleines Gespenst [...] ein Kind aus dem ganz dunklen Korridor [fährt], in dem die Lampe noch nicht brannte, und [...] auf den Fußspitzen stehn“[29] bleibt.

3. Der Junggeselle als betrachtendes Ich

Alle Betrachtungen in der Betrachtung gehen von einem betrachtenden Ich aus, alle Betrachterfiguren - der Kaufmann, der Spaziergänger, der Fahrgast, der am Gassenfenster Stehende - sind figürliche Darstellungen eines Junggesellen. Sophie von Glinski betont: „Das Junggesellen-Ich ist nicht auf ein Autor-Subjekt zurück-zuführen, es ist bestimmt als Funktion im Text.“[30] Damit weist sie Deutungen zurück, die den Junggesellen als Personifikation des Dichters ansehen, wie es z. B. James Rolleston in Landschaften der Doppelgänger erklärt.[31]

Peter-André Alt hat in seiner Kafka-Biographie auch über die Protagonisten der Betrachtung geschrieben: „In der Mitte des Buches hatte Kafka seine Junggesel-lengeschichten untergebracht, die von lt;plötzlichen Spaziergängengt;, nächtlichen Gedankenreisen und der Einsamkeit unverheirateter Männer handeln.“[32] Den Jung-gesellen schreibt er eine Art Flaneur-Rolle zu und führt aus: „Die einsamen Spa-ziergänger der frühen Prosa sind unverheiratete junge Männer, die [...] in der Rolle zermürbter Berufsmenschen auftreten, die am Abend nach ermüdendem Arbeits-alltag in den Gassen flanieren. Aus dem engen Zimmer, in dem sie hausen, treibt sie zumeist die Angst vor dem, was Ernst Bloch in den Spuren (1930) das lt;allzu Eigenegt; genannt hat. Wenn sich Kafkas Junggesellen dem Kraftstrom der Passan-ten preisgeben, so tun sie das auch, um ihrer nur auf sich selbst bezogenen Lebens-form zu entgehen. Freilich unterliegen sie einer Täuschung: Die Begegnung mit der äußeren Wirklichkeit erfolgt allein im Wahrnehmungsmedium des Blicks, der das Fremde sofort wieder in die geschlossene Reflexionsordnung des einsamen Subjekts zurückspielt.“ Diese Betrachtungsweise berge aber das „Risiko eines gleitenden Realitätsverlustes.“[33]

Alt hat ein ganzes Kapitel den „Flaneure[n] und Voyeurs“[34] gewidmet und weist auf Kafkas Tagebücher hin, die voll seien „von voyeuristischen Beschreibungen junger Mädchen, die er während eines Spaziergangs, im Caféhaus oder bei Lesungen und Vorträgen mit den Augen verfolgt hat.“ Auffallend dabei sei, dass „immer wieder [...] Details der Haare, der Gesichtsform und Augenfarbe, Kleidungsstücke [...] sowie Hüte beschrieben [werden].“ Alt nennt das eine „Leidenschaft für den Fetisch“ und spricht von einer „atomisierenden Wahrnehmung, die isolierte Reize einfängt und die Einheit der Person zerstört.“[35] Alt kreiert sogar einen besonderen „Kafka-Blick[s]“, dessen Besonderheit bestehe „in seinem Sinn für Details, der die visuelle Szene ato-misiert, indem er den Eindruck eines ganzen Menschen in Bruchstücke zerlegt.“[36]

Das geht so: In der vor 1908 geschriebenen Ich-Erzählung Der Fahrgast greift ein zugleich erzähltes und erzählendes, männliches Ich „auf der Plattform des elektri-schen Wagens“ ein junges Mädchen vor dem Aussteigen derart mit Blicken ab - Alt sagt: „mit sezierender Genauigkeit“[37] -, dass der Ich-Erzähler sagen kann: „Sie er-scheint mir so deutlich, als ob ich sie betastet hätte.“ Diese narratologische „in-perso-na-Identität von erzählendem und erlebendem Ich“[38] beginnt im ersten Satz und geht bis zum Ende des zweiten Absatzes: also von „Ich stehe auf der Plattform des elektrischen Wagens und bin vollständig unsicher in Rücksicht meiner Stellung in dieser Welt, in dieser Stadt, in meiner Familie“ bis zu „Ihr kleines Ohr liegt eng an, doch sehe ich, da ich nahe stehe, den ganzen Rücken der rechten Ohrmuschel und den Schatten an der Wurzel.“ Im dritten Absatz trennen sich die beiden (möglichen) Ichs, es spricht nur noch das erzählende Ich: „Ich fragte mich damals ...“[39] Nach Alt bleibt auch dieser ‚Betrachter‘ „letzthin ein einsamer Zuschauer, ohne dass ihm der Rhythmus der autonomen Lebenswirklichkeit erfassen kann.“[40]

Ausgehend von der Worterklärung zu ‚Voyeur‘ im Fremdwörterduden: „jmd., der durch [heimliches] Zuschauen bei sexuellen Handlungen anderer Lust empfindet“[41] habe ich diese Sicht Alts nicht in meinen Unterricht eingebracht. So richtig die anderen Feststellungen Alts auch sind, besonders das „atomisierende[n]“ Betrachten „mit sezierender Genauigkeit“[42], halte ich einen den einsamen Ichs unterstellten Vo-yeurismus für nicht ganz zutreffend bzw. übertrieben. Im Übrigen schränkt Alt ja auch ein, von den 18 Texten der Betrachtung thematisierten nur acht Stücke dieses vo-yeuristische Betrachten.[43]

Gerhard Kurz weist auf Folgendes hin: „Wie aus Äußerungen Kafkas selbst hervor-geht, ist die Betrachtung als Erzählzyklus angelegt.“[44] Barbara Neymeyr betont in diesem Zusammenhang, die Forschungsliteratur zur Betrachtung sei „schmal“ (Kurz) bzw. die Anzahl der Arbeiten sei „gering“ (v. Glinski), und beklagt diese „For-schungslücke“.[45]

Es gibt natürlich einige Untersuchungen, was diese 18 Erzähltexte verbindet. Wolf-gang Kittler z. B. sieht im Binder-Handbuch die Erzählsammlung als Einheit; er meint, einzelne Texte fügten sich zu Gruppen zusammen. Eine Konnexität sieht er beispielsweise zwischen den ersten drei Betrachtungs-Texten (Kinder auf der Land-straße, Entlarvung eines Bauernfängers, Der plötzliche Spaziergang) in der über-einstimmenden erzählten Zeit des Abends. Der innere Zusammenhang der Abend-zeit ist zwar zutreffend, aber die Landstraßenkinder und der entlarvte Bauernfänger sind fast reine Erzählungen, der Plötzliche Spaziergang hingegen ist eine rein „mo-nologische[r] Gedankenrede“[46] einer als „man“ auftretenden Erzählinstanz und be-steht lediglich aus zwei überlangen Sätzen. Ich sehe daher wenig Übereinstimmung. Kittler sagt zwar richtig, den unglücklichen Junggesellen und den Kaufmann verbinde die Einsamkeit.[47] Aber: „Einsamkeit durchzieht die Texte wie ein Leitmotiv“[48], schreibt Susanne Kaul. Sie hätte auch sagen können: alle Texte. B. Neymeyr hat „thema-tische Elemente und Motive“ gesucht und einige leitmotivliche Wiederholungen herausgestellt, „die auf eine zyklische Komposition der Betrachtung verweisen (Kurz 1994, 53 f.).“ Sie meint aber: „Die Diskontinuität von Kafkas Frühwerk Betrachtung entspricht der zeitgenössischen Krise der Identität. Ähnlich wie bei der Multiplikation des Ich in der Beschreibung eines Kampfes scheint Kafka auch hier an Nietzsches These vom Ich als bloßer Fiktion und an Ernst Machs Diktum anzuschließen, das Ich sei lt;unrettbargt; (Neymeyr, 14-21).“[49]

Die Klammerangabe innerhalb des Zitates verweist auf Neymeyrs 2004 erschie-nene Analyse der Beschreibung eines Kampfes, in der sie ausführlich darlegt, wie Kafka die moderne Krise der Identität in der Persönlichkeitsspaltung eines Ich-Erzäh-lers inszeniert.[50]

Auf den Kaufmann bezogen spricht sie aber auch von dem „durch Einsamkeit verunsicherte[n] Ich“[51], sie sieht daher trotz der „formalen Heterogenität“ in den Texten der Betrachtung gleichwohl eine weitreichende inhaltliche „Homogenität“.[52] Diese Gleichartigkeit bestehe zum einen in dem „spannungsvolle[n] Verhältnis des Individuums zu seinem sozialen Umfeld.“ Zum anderen: „Die jeweilige Per-spektivfigur, die sich direkt als Ich artikuliert, sich in eine Wir-Gruppe einreiht oder hinter einem diffusen Man verschwindet, erscheint zumeist als einsames Wesen, un-glücklich, haltlos, lt;vollständig unsichergt; [...], von Angst, Scham oder Reue gequält und von Sehnsucht nach Integration in eine Gemeinschaft erfüllt.“[53] Mitunter deute, nach Neymeyr, schon die Überschrift diese „negative Befindlichkeit“ an, z. B. Das Un glück des Junggesellen oder Unglücklichsein. In Beschreibung eines Kampfes und in Betrachtung ringe oft „ein labiles Ich [...] um Selbststabilisierung.“ In vielen Texten sieht sie daher die „Grundproblematik“ einer „labile[n] Identität.“[54]

4. Die wissenschaftliche Vernachlässigung der Betrachtungs-Texte

Dem Interpreten ist aufgefallen, wie unterschiedlich die wenigen wissenschaftlichen Analysen die Texte der Betrachtung beurteilen. Die von B. Neymeyr beklagte „For-schungslücke“ lässt sich zum Teil erklären durch den Umstand, dass Kafkas Früh-werk lange „im Schatten seiner späteren Werke stand.“ Aus der Sicht, erst das Urteil von 1912 „markiere seinen eigentlichen literarischen Durchbruch“[55], ist das frühe Werk oft als minder künstlerisch angesehen worden, als unvollkommen und unreif. Eine solche Voreingenommenheit findet sich auch im Binder-Handbuch von 1979. Hier spricht James Rolleston den frühen Schriften einen ästhetischen Rang ab, er schreibt: „Kafka macht hier Versuche, experimentiert mit den Möglichkeiten der Spra-che, und es ist sinnlos, solche Tätigkeit literarisch beurteilen zu wollen.“[56] Ähnlich urteilt Ingeborg C. Henel: die vor dem Urteil liegenden Werke seien, „als Kunstwerke betrachtet, bloße Versuche und nicht einmal besonders geglückt“, sie bereiteten al-lerdings „sowohl in Thematik wie Form auf die folgenden Werke vor.“[57]

Andere Forscher haben anders geurteilt. Vor allem Gerhard Kurz versucht in seinem Sammelband von 1984, den Werken zwischen 1909 und 1912 den „Ruch des Vorläufigen zu nehmen.“[58] Er sieht „viele Erzählmuster und Erzählmotive der späteren in den ersten Texten konstitutiv schon angelegt.“[59] In der den Materialien vorangestellten Einleitung: Der junge Kafka im Kontext weist Kurz darauf hin, dass Kafka auch Gedichte geschrieben habe, was aber kaum bekannt sei. Er zitiert ein zehnzeiliges Gedicht aus einem Brief Kafkas an Hedwig Weiler vom 29.8.1907:

„In der abendlichen Sonne Und die Menschen gehn in Kleidern sitzen wir gebeugten Rückens schwankend auf dem Kies spazieren auf den Bänken in dem Grünen. unter diesem großen Himmel, Unsre Arme hängen nieder, der von Hügeln in der Ferne unsre Augen blinzeln traurig. sich zu fernen Hügeln breitet.“

Die zweite Strophe bildet das Motto für die erste Fassung der Beschreibung eines Kampfes. In einer kurzen Deutung liest G. Kurz aus den ersten fünf Zeilen eine früh-expressionistische „Stimmung von Untergang, Trauer, Schwäche. Die auffallende Vokabel ‚blinzeln‘ diente schon Nietzsche in der Vorrede von Also sprach Zara-thustra zur Charakterisierung von Lebensschwäche. Die zweite Strophe evoziert eine existentielle Situation des Menschen: Schwanken, Unsicherheit.“[60]

So arbeiten auch die meisten Veröffentlichungen zur Betrachtung pauschal den unsicheren, um Orientierung ringenden Protagonisten heraus, der sich über seine eigene Identität und über sein Verhältnis zur Außenwelt noch nicht ganz klar ist.

Dementsprechend spricht P.-A. Alt verallgemeinernd von einem „Panorama der dort [i. e. in der Betrachtung] versammelten Neurotiker“, später sieht er „Nachterfah-rungen der einsamen Melancholiker, Junggesellen und Sonderlinge.“[61] Ausführlich erklärt er: „Kafkas frühe Prosa verwandelt die soziale Umwelt ihrer Helden in labyrin-thische Ordnungen, die dem Einzelnen die Orientierung rauben. Diese Grundsitu-ation löst hektische Erklärungsversuche aus, in denen sich das Verlangen nach Beherrschung eines unübersichtlich gewordenen Lebens äußert. Kafkas Protago-nisten treten der Wirklichkeit, [...], mit einem nervös-angespannten Deutungswillen entgegen, ohne jedoch ihre Lage praktisch ändern zu können.“[62]

Den meines Wissens besten Überblick über alle Texte der Betrachtung bietet Barbara Neymeyr im Metzler-Handbuch.[63] Eine exemplarische Textanalyse findet sich dort für Die Bäume, Der plötzliche Spaziergang, Entschlüsse, Die Vorüber-laufenden und Kinder auf der Landstraße, nicht aber für den Kaufmann. Den ana-lysiert Sophie von Glinski in ihrer 2004 publizierten Dissertation, dabei konzentriert sie sich allerdings auf „die spezifischen Verschränkungen von Traum und Realität, die das Phantastische in Kafkas Frühwerk sowie in seinen experimentellen Tage-buch-Skizzen kennzeichnet.“[64]

Aus einem Münsteraner Oberseminar ist ein Sammelband „mit dekonstruk-tivistischer Tendenz“[65] von H.-J. Scheuer hervorgegangen; da dieses Buch leider vergriffen ist, kann ich zu der da vorgenommenen Deutung nicht Stellung nehmen. Nur so viel: Ich kenne einige dekonstruktivistische Interpretationen von Kafkas Die Bäume (Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee...), „in diesem hermeneutischen Kontext“ sieht beispielsweise Hans-Thies Lehmann[66] „auch in den Baumstämmen im Schnee [...] eine Evokation schwarzer Buchstaben auf weißem Papier.“[67] Kurz erwähnt lediglich am Rande, dass die Worte des Kaufmanns „Ich gehe dann wie auf Wellen, klappere mit den Fingern beider Hände“ bei dieser Sicht auch „als Anspie-lung auf die Bedeutungsdimension literarischer Selbstbezüglichkeit“ gelesen wird, nämlich als eine „Anspielung auf das Wandeln von Jesus auf dem Meer (Johannes 6, 19) und auf das Bedienen einer Schreibmaschine.“[68]

Ich habe also in meinem Unterricht die Interpretation H.-J. Scheuers[69] und seiner Mitinterpreten nicht eingebracht und mich stattdessen mit der mir zugänglichen, aus-führlichen Analyse Sophie von Glinskis begnügt.

S. v. Glinski führt aus, aus dem Blick des Kaufmanns in den Spiegel entstehe „der Entwurf einer Welt als Phantasmagorie“ bzw. eine „phantasmagorische Bilderwelt.“[70] Sie schreibt weiter: „Im Kaufmann ist es die Bildvorstellung der an den Milchglas-scheiben eines Aufzugs wie stürzendes Wasser hinuntergleitenden, schattenhaften Treppengeländer, die eine Folge visionärer Bilder auslöst; [...].“[71] S. v. Glinski betont, die Erzählinstanz erfinde eine „opake, von Bewegung durchzogene Oberfläche“ ihrer Umgebung, die Einzelteile dieser Phantasmagorie seien aber „nur vage zusammen-hängend; sie etablieren keine kohärente Gegenwelt.“[72]

Die Opazität und Inkohärenz der vom Ich-Erzähler entworfenen Bilder einer Stadt ist darauf zurückzuführen, dass er sie während der kurzen Liftfahrt „im Sprechen erst entwirft.“[73] Bis in den Hausflur hinein hat der Narrator seinen Tagesablauf rein visuell überblickt und zu dem Geschehenen Betrachtungen angestellt. Sowie er aber im Lift in den Spiegel blickt und zu reden anhebt, betrachtet er nicht mehr in diesem obigen Sinn die Monotonie des alltäglich Geschehenden, sondern in seiner Oratio directa „entwirft“ der Ich-Erzähler „das zu Erzählende als Phantasmagorie.“[74]

Eine Phantasmagorie bezeichnet ursprgl. die Darstellung von Trugbildern, Ge-spenstererscheinungen usw. auf einer Bühne durch technisch-optische Mittel. Von der Etymologie der Wortbestandteile ausgehend (tò phántasma: Traum- oder Trug-bild, Gespenst, Erscheinung und hè agorá: Versammlung, Marktplatz) meint das Fremdwort eigentlich die Darstellung von Trugbildern vor einem Publikum. Bildungs-sprachlich umfasst das Wort auch Begriffe wie Trugbild, Täuschung oder Luftschlös-ser.

An anderer Stelle spricht v. Glinski von „Vorstellungsbildern“.[75] Diesen Ausdruck ziehe ich vor. Das Ich stellt sich nämlich konkrete Wesen vor, zu denen es spricht, und Landschaften und eine Stadt am Meer, in denen diese ausgedachten Wesen oder andere vorgestellte Figuren auf sein Geheiß hin agieren. Der Narrator ersinnt dank seiner Einbildungskraft, d. h. seiner Fähigkeit, sich nicht real Gegenwärtiges mittels visueller Vorstellung als Bilder im Geiste zu entwickeln, dank dieser dichteri-schen Begabung also ‚erfindet‘ er die badenden Kinder, die Matrosen auf dem Pan-zerschiff, die berittene Polizei u. a., die nicht wirklich vorhanden, sondern bloß in sei-ner Vorstellung da sind. Latinisiert hieße das: das Ich imaginiert dank seiner Ima-gination imaginäre Figuren, die ebenso imaginativ sind wie die Orte und Handlun-gen.[76] Nach diesem Ausflug in das Wortfeld des lat. Nomens imago, inis f : Bild (Ahnen-, Schatten-, Traumbild) komme ich wieder auf die Einbildungskraft. Dieses schöne Wort ist eine Lehnübersetzung „von lat. vis imaginationis = Fähigkeit, sich etwas auszudenken, auszumalen; Phantasie“.[77] S. von Glinski hätte also statt des sperrigen Begriffs ‚Phantasmagorie‘ einfach von der Phantasie oder Vorstellungs-kraft des Kaufmanns sprechen können.

Im Binder-Handbuch zeichnet James Rolleston für das Kapitel über Kafkas Früh-werk (1904-1912) verantwortlich. Ich finde seine Ausführungen zu dem Kaufmann nicht sehr ergiebig und wenig hilfreich. Er stellt eingangs fest: „Durch den sozio-logische Implikationen nahelegenden Titel dieses vermutlich in der zweiten Hälfte des Juli 1907 entstandenen Stücks hat Kafka die gegensätzlichsten Interpretationen des Frühwerks ausgelöst.“ Er benennt zwei „Extrem[e]“: H. Richter und K. Weinberg. Letzterer übersetze „jede visuelle und sprachliche Einzelheit in eine Chiffrierung von messianischen Legenden; indem er das Wort lt;Kaufmanngt; durch das französische lt;marchandgt; ersetzt und dessen etymologische Beziehung zum Zeitwort lt;marchergt; betont, vermag er zu behaupten: „als Reisender und Wanderer wird der Kaufmann zum Archetyp des Gottes der jüdischen Diaspora (1963, S. 366).“ Rolleston hält es aber auch für möglich, „die Funktion lt;Kaufmanngt; unberücksichtigt zu lassen und die Geschichte als weitere Version der alles umfassenden Misere des Kafka-Jung-gesellen zu deuten; [...].“[78]

Auch in dem später erschienenen Sammelband von G. Kurz erkennt er im Kauf-mann neben der Bevölkerung „mit Doppelgängern“ lediglich „Versionen des neuro-tischen, von seiner aktuellen Lage beherrschten Ichs.“[79] Oder: der Kaufmann „redet zu viel, er kann nicht mit Selbstbeschreibungen aufhören, aber eine authentische Sprache, eine Ich-Aussage findet er nicht.“[80]

Bernhard Böschenstein hingegen sieht im Kaufmann das „Durchspielen einer Rolle“[81]: „Kafka spielt, [...], die Rolle der Souveränität des Ohnmächtigen durch, [...].“[82] Böschenstein sieht den Kaufmann „von Anfang an in einer bedrängten, Mitleid heischenden Situation, ohne Verfügung über sein Geld, am Schluss stellt er sich Verfolger vor, die ihn berauben werden. An dieser Rolle ist alles Unterlegenheit, die bei Kafka einen Überblick ermöglichen kann, den hier der Spiegel des Lifts vermit-telt.“[83] Das ist eine deutliche Parteinahme „zugunsten der vom System Ausgeschie-denen.“[84]

5. Kafka auch im Kaufmann ein „Apologet des Kleinbürgertums“?

Ich komme jetzt zu dem „soziologische Implikationen nahelegenden Titel“[85] Der Kaufmann. Helmut Richter hat vor mehr als 50 Jahren bereits festgestellt, dass wir in diesem Text erstmals „etwas über die gesellschaftliche Position des Betrachten-den“[86] erfahren. Richter schreibt, das Leben des Kaufmanns werde „vom mechani-schen Ablauf des geschäftlichen Alltags beherrscht, den er zu lenken glaubt, dessen Sklave er aber in Wirklichkeit ist.“[87]

Aus meiner Sicht hat Richter trotz seiner ideologischen Brille eine in sich stimmige Deutung des Kaufmanns geliefert. Einschränkend müsste ich aber seine Sicht der Adressaten der Kaufmannsrede im Lift als etwas einseitig kritisieren: „Die einzige Gelegenheit, sich einmal aus der Trostlosigkeit seiner Gefangenschaft zu befreien, bietet die seltsam beflügelnde Fahrt im Aufzug, während der er seine lebens-hungrigen Gedanken in die Welt hinausschickt [...]. Hier eröffnet sich seiner Phanta-sie die Welt mit ihren vielfältigen Erscheinungen und Ereignissen, wie er sie zwar niemals selbst erleben konnte, wie er sie sich aber als Zeitungsleser wenigstens vorzustellen versucht.“[88] Richter bespricht den Kaufmann in dem aus seiner Leipziger Dissertation (Werk und Entwurf des Dichters Franz Kafka) hervorgegange-nen Kafka-Buch unter der Überschrift Der Einsame in der fremden Welt.[89] Diese Formulierung weist nach Richters Auffassung auf zwei die Werke Kafkas bis zum Landarzt beherrschende Themen hin: „das Ausgeschlossensein vom Leben in der Gemeinschaft und das Scheitern einzelner Menschen an der bürgerlichen Gesell-schaft, die ihnen als eine fremde, in sich geschlossene Macht gegenüberstand.“[90] Richter charakterisiert den Kaufmann als Kleinbürger, der „nicht in der Lage“ sei, „sich zur gesicherten Existenz des besitzenden Bürgers emporzuarbeiten. [...] Seine Lebensweise ist von der des besitzlosen Proletariats kaum zu unterscheiden; anders ist vor allem sein Bewusstsein.“[91] Richter kritisiert den Kaufmann, weil der „die Aufzehrung aller seiner körperlichen und geistigen Energien durch sein Geschäft als eine Lebensnotwendigkeit, die ihm vom Schicksal auferlegt ist“, auffasse, anstatt „gegen die Wurzeln seiner fragwürdigen Existenz, den Kapitalismus, zu kämpfen, die Interessenverbindung mit ihm zu lösen, um auf anderer sozialer Grundlage ein menschlicheres Leben zu beginnen.“[92]

Erst mit dem Landarzt-Band habe Kafka, so Richter, nicht mehr bloß „einzelne[r] Züge der bürgerlichen Wirklichkeit“ widergespiegelt, sondern er habe „Einblicke in das Wesen der Wirklichkeit“ gegeben „und [...] dabei überall Widersprüche und Gegensätze [entdeckt].“[93] Aber er habe sich „auf den Bericht über beunruhigende Zustände und Vorgänge der Wirklichkeit [beschränkt].“ Seine Helden hätten sich mit einer „als unveränderlich dargestellt[en]“[94] Welt abgefunden.

Als Beispiel für diese „Ohnmacht“ des Helden, die niederdrückenden Verhältnisse zu ändern, nennt Richter die Erzählung Auf der Galerie. Hier spiegele „sich das rich-tige Wissen eines Menschen, der hinter die Kulissen der Wirklichkeit zu sehen gelernt hat, der aber mit seiner Erkenntnis isoliert und hilflos bleibt, weil er nieman-den sieht, der sie teilt und danach zu handeln bereit wäre.“[95] Für Richter erweist sich Kafka „bei der kritischen Gestaltung einzelner symptomatischer Züge der kapitalis-tischen Gesellschaft [...] als feinfühliger Vertreter der bürgerlich-humanistischen In-telligenz.“ Trotz dieses Lobes kritisiert Richter Kafka: der habe sich „als Apologet des Kleinbürgertums [erwiesen], der zwar das Niederdrückende dieser Verhältnisse mit Empfindsamkeit erlitt, sie aber doch zum einzigen Kriterium der menschlichen Be-währung seiner Helden machte.“[96] Folgerichtig nennt Richter den Kübelreiter eine „Erzählung, in der sich das Elend selbst verewigt.“[97] Wegen seiner Affinität zum Kleinbürgertum habe Kafka also „dessen Haltung weitgehend mit der des modernen Menschen überhaupt gleichgesetzt.“[98] Richters (marxistische) Kafka-Kritik lautet da-her: „Das Proletariat als kämpfende Klasse nimmt er nicht zur Kenntnis.“[99]

[...]


[1] Editionen für den Literaturunterricht, hg. v. Dietrich Steinbach: Peter Beicken, Franz Kafka. Leben und Werk, Klett: Stuttgart 1986, S. 42

[2] ebd., S. 42

[3] Beicken, S. 46

[4] Kafka-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, hg. v. Manfred Engel/ Bernd Auerochs, Metzler: Stuttgart 2010, S. 114 (im Folgenden: KHb)

[5] Ritchie Robertson, Franz Kafka. Leben und Schreiben. Aus dem Englischen von Josef Billen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2009, S. 37

[6] Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen, hg. v. Paul Raabe, Fischer: Frankfurt/ M. 1970, S. 390

[7] Raabe, S. 394

[8] Gerhard Rieck, Ordnung der Kafka-Texte, abrufbar unter: http://members.aon.at/rieck/daten.pdf, S. 31 (alle Internetquellen in diesem wissenschaftlichen Aufsatz wurden überprüft am 20.10.2014)

[9] KHb, S. 9

[10] KHb, S. 111

[11] Gerhard Kurz, Lichtblicke in eine unendliche Verwirrung, in: Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur, hg. v. Heinz Ludwig Arnold, Sonderband IV/06: Franz Kafka, R. Boorberg Verlag: München 2006, S. 49

[12] KHb, S. 10

[13] Kurz (2006), S. 49

[14] Peter-André Alt, Franz Kafka. Der ewige Sohn. Eine Biographie, Beck: München 22008, S. 247

[15] Raabe, S. 393

[16] Raabe, S. 394

[17] KHb, S. 112

[18] KHb, S. 112

[19] Kurz (2006), S. 54

[20] Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 8 Bänden, hg. v. Günther Drosdowski u. a., hier: Bd. 1, Dudenverlag: Mannheim-Leipzig-Wien-Zürich 21993, S. 509 f.

[21] KHb, S. 113

[22] Kurz (2006), S. 51

[23] Kurz (2006), S. 52

[24] KHb, S. 450-456

[25] KHb, S. 452-456

[26] KHb, S. 455

[27] Franz Kafka, Erzählungen, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1952), S. 28

[28] KHb, S. 452

[29] Franz Kafka, Erzählungen, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1952), S. 35

[30] Sophie von Glinski, Imaginationsprozesse. Verfahren phantastischen Erzählens in Franz Kafkas Frühwerk, de Gruyter: Berlin-New York 2004, S. 166 f.

[31] James Rolleston, Betrachtung: Landschaften der Doppelgänger, in: Gerhard Kurz, Der junge Kafka. Mate-rialien, Suhrkamp: Frankfurt/ M. 1984, S. 185 (Suhrkamp-Taschenbuch Bd. 2035)

[32] Alt, S. 248

[33] Alt, S. 251

[34] Alt, S. 249

[35] Alt, S. 250

[36] Alt, S. 251

[37] Alt, S. 252

[38] Franz K. Stanzel, Typische Formen des Romans, Vandenhoeck Ruprecht: Göttingen 101981, S. 35 (Kleine Vandenhoeck-Reihe Bd. 1187)

[39] Franz Kafka, Erzählungen, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1952), S. 31 f.

[40] Alt, S. 249

[41] Der Duden in zwölf Bänden, Bd. 5, Fremdwörterbuch, hg. v. der Dudenredaktion, Dudenverlag: Mannheim-Leipzig-Wien-Zürich 82005, S. 1087

[42] Alt, S. 251 f.

[43] Alt, S. 251

[44] Kurz (2006), S. 53

[45] KHb, S. 115

[46] KHb, S. 455

[47] Kafka-Handbuch in zwei Bänden, hg. v. Hartmut Binder u. a., Bd. 2: Das Werk und seine Wirkung, Kröner: Stuttgart 1979, S. 209 f.

[48] Einführungen Germanistik, hg. v. Gunter E. Grimm und Klaus-Michael Bogdal: Susanne Kaul, Einführung in das Werk Franz Kafkas, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2010, S. 37

[49] KHb, S. 112

[50] Barbara Neymeyr, Konstruktion des Phantastischen. Die Krise der Identität in Kafkas Beschreibung eines Kampfes, Universitätsverlag Winter: Heidelberg 2004

[51] KHb, S. 113

[52] KHb, S. 116

[53] ebd., S. 116

[54] KHb, S. 116 f.

[55] KHb, S. 115

[56] Binder 2, S. 242

[57] Binder 2, S. 221

[58] Kurz (1984), S. 7

[59] Kurz (1984), S. 8

[60] Kurz (1984), S. 35

[61] Alt, S. 255 f.

[62] Alt, S. 258

[63] KHb, S. 111-126

[64] KHb, S. 116

[65] KHb, S. 116

[66] Hans-Thies Lehmann, Der buchstäbliche Körper. Zur Selbstinszenierung der Literatur bei Franz Kafka, in: Kurz (1984), S. 213-241

[67] Kurz (2006), S. 63

[68] Kurz (2006), S. 63

[69] Hans-Jürgen Scheuer, Justus v. Hartlieb, Christina Salmen, Georg Höfner (Hg.), Kafkas Betrachtung. Lektüren, Peter Lang Verlag: Frankfurt/ M. 2003

[70] von Glinski, S. 121 f.

[71] von Glinski, S. 162

[72] von Glinski, S. 121

[73] von Glinski, S. 122

[74] von Glinski, S. 165

[75] von Glinski, S. 112

[76] Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 8 Bänden, hg. v. Günther Drosdowski u. a., Bd. 4, Dudenverlag: Mannheim-Leipzig-Wien-Zürich 21994, S. 1678

[77] Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 8 Bänden, hg. v. Günther Drosdowski u. a., Bd. 2, Dudenverlag: Mannheim-Leipzig-Wien-Zürich 21993, S. 831

[78] Binder 2, S. 256

[79] James Rolleston, Betrachtung: Landschaften der Doppelgänger, in: Kurz (1984), S. 184

[80] Kurz (1984), S. 196

[81] Bernhard Böschenstein, Nah und fern zugleich: Franz Kafkas Betrachtung und Robert Walsers Berliner Skizzen, in: Kurz (1984), S. 203

[82] Kurz (1984), S. 208

[83] Kurz (1984), S. 207

[84] Kurz (1984), S. 207

[85] Binder 2, S. 256

[86] Neue Beiträge zur Literaturwissenschaft, hg. v. Werner Krauss und Hans Mayer, Bd. 14: Helmut Richter, Franz Kafka. Werk und Entwurf, Rütten Loening: Berlin (Ost) 1962, S. 62

[87] Richter, S. 62

[88] Richter, S. 63

[89] Richter, S. 39

[90] Richter, S. 159 ff.

[91] Richter, S. 64

[92] Richter, S. 64

[93] Richter, S. 160

[94] Richter, S. 161

[95] Richter, S. 164

[96] Richter, S. 164

[97] Richter, S. 135

[98] Richter, S. 135

[99] Richter, S. 135

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Kafkas "Der Kaufmann". Versuch einer Interpretation
Autor
Jahr
2014
Seiten
37
Katalognummer
V283519
ISBN (eBook)
9783656832515
ISBN (Buch)
9783656830931
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz, Kafka, Der Kaufmann, Interpretation
Arbeit zitieren
M.A. Gerd Berner (Autor), 2014, Kafkas "Der Kaufmann". Versuch einer Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283519

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