Annette von Droste Hülshoffs literarisches Westfalen und seine Außenseiterfiguren


Hausarbeit, 2014

26 Seiten, Note: 0.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Annette von Droste-Hülshoffs persönlicher Bezug zu Westfalen

2.Annette von Droste-Hülshoffs literarisches Westfalen
2.1 Dorf B. - ein Ort der Sittenlosigkeit und der heuchlerischen Frömmigkeit
2.2 Das Münsterland – eine Utopie aus alter Zeit

3.Annette von Droste-Hülshoffs Außenseiterfiguren
3.1 Friedrich Mergel – ein fremdgeleiteter Außenseiter
3.2 Der Edelmann aus der Lausitz – ein ironischer Außenseiter

4. Friedrich und der Edelmann - vorbestimmte Außenseiter?

Schlusswort und Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Annette von Droste-Hülshoff war Zeit ihres Lebens von der Region Westfalen, der Kultur, den Sagen und besonders von den Westfalen fasziniert. Das Interesse für diese Gegend findet sich auch sehr deutlich in ihren Werken wieder. Die Autorin bereiste Westfalen des Öfteren und recherchierte gründlich über den historischen Hintergrund der einzelnen Gebiete und las die damals bekannten Volkssagen und Geistergeschichten. Interessanterweise gab es einige Gegenden Westfalens, die sie anderen vorzog. Sie differenzierte die Regionen und die dort lebenden Bewohner, die laut ihrer Meinung häufig nicht unterschiedlicher sein könnten. In ihren Werken „Die Judenbuche“ und „Bei uns zu Lande auf dem Lande“ stellt sie zwei völlig unterschiedliche westfälische Gesellschaften vor. Dorf B ist ein Ort der unmoralischen Sittenlosigkeit, für den die Gegend um Paderborn bis zum Teutoburger Wald als Vorbild diente. Laut der Autorin wären Paderborner die sittenlosesten Menschen überhaupt. In der Judenbuche schreibt sie ihre negativen Beobachtungen über diese Region nieder. Das Münsterland war immer Annette von Droste-Hülshoffs Favorit gewesen, sie schrieb sogar, dass sie eine „Stockmünstlerländerin“ wäre. Doch ihr literarisches Münsterland ist ein anderes als das damals gegenwärtige im 19. Jahrhundert, ihr Münsterland stellt ein Ideal dar, was schon als utopisch und irreal bezeichnet werden kann, oder zumindest aus einer längst vergangenen Zeit zu stammen scheint.

In beiden literarischen Gegenden Westfalens agieren jeweils zwei Außenseiterfiguren, die nicht in die Gesellschaft passen und sich mit den Bewohnern nicht identifizieren können Diese Arbeit soll die Besonderheiten Annette von Droste-Hülshoffs literarischem Westfalen näher erläutern und die zwei Außenseiterfiguren Friedrich Mergel und den Edelmann aus der Lausitz im Bezug auf ihre Umwelt und Wirkung auf die Bewohner genauer untersuchen und vor allem die Frage klären, was macht die beiden Figuren zu Außenseitern?

Das erste Kapitel untersucht Annette von Droste-Hülshoff historischen Bezug zu der Region Westfalen und welche Inspiration sie aus ihren Beobachtungen für ihre Werke schöpfen konnte. Hierzu werden Stellen aus ihren eigenen Briefen im Bezug auf Westfalen näher betrachtet, um die Beziehung die, die Autoren zu Westfalen besaß neu rekonstruieren

Kapitel zwei stellt das literarische Westfalen der Autorin vor, es ist in zwei Unterkapitel aufgeteilt, die sich jeweils mit ihren fiktiven Orten Dorf B und dem vergänglichen Münsterland beschäftigen und die Besonderheiten und Eigenschaften der Bewohner erläutern.

In Kapitel drei ist ebenfalls in zwei Unterkapitel aufgeteilt, in denen die Außenseiterfiguren Friedrich Mergel und der namenlose Edelmann aus der Lausitz einzeln untersucht werden. Ihre Rolle in der jeweiligen Gesellschaft und ihr individuelles Außenseitertum wird anhand von Textstellen aus der Primär- und Sekundärliteratur vorgestellt.

Das letzte Kapitel greift die am Anfang gestellte Frage auf: was macht die beiden Figuren zu Außenseitern, ist ihr Außenseiterdasein unvermeidbar und woran sind ihre Bemühungen, ein Teil der Gemeinschaft zu sein, gescheitert? Hierzu werden die in den vorherigen Kapitel untersuchten Aspekte noch einmal untersucht und die Gründe für ihr isoliertes Dasein mit den Vorstellungen der jeweiligen Gesellschaften verglichen.

1.Annette von Droste-Hülshoffs persönlicher Bezug zu Westfalen

„Ich bin eine Stockmünsterländerin, und finde den münsterischen Mond bedeutend gelber als den schweizer..“[1] „..und doch bin ich keine echte Westphälinn, denn mir sind es unendlich mehr die Menschen, wie das Land, und könnte ich alles Liebe um versammeln, dann möchte ich es wohl in Sibirien aushalten“[2]

Diese Auszüge aus den privaten Briefen der Annette von Droste-Hülshoff zeigen, dass die Autorin lebenslänglich mit dem westfälischen Land verbunden war und ein besonders großes Interesse für die zahlreichen Sagen und Gruselgeschichten hegte. Auch die Sitten, Traditionen und die Eigenheiten der Bewohner faszinierten die Autorin und sie verfasste zahlreiche Schriften mit persönlichen ethnographischen Beobachtungen, die sie auch in ihren literarischen Werken aufzeigte.

Am 4.August 1837 schrieb sie in ihren Brief an Wilhelm Junkmann: „..so steht mir der Sinn etwas neues zu Beginnendem und doch liegen noch so gute Sache in meinen Schreibtisch...da sind vorhanden..eine Criminalgeschichte Friedrich Mergel, ist paderbornischen vorgefallen, rein national und sehr merkwürdig..“[3] Dieser „merkwürdige“ Friedrich Mergel wird später in ihrem berühmtesten Werk „Die Judenbuche“ zum Protagonisten.

Bereits 1839 plante sie eine umfassende Sammlung von Erzählungen in der Art von Bracebridge die nur von der Region Westfalen handeln sollte, zu schreiben. Diese sollte nicht nur die traditionsreiche Historik und Gebräuche der Bewohner beinhalten , sondern vor allem auch die Besonderheiten der verschiedenen westfälischen Gebiete, die Annette von Droste-Hülshoff durchaus als nicht gleichberechtigt betrachtete: „Thunlicher scheint es mir, eine Reihe Erzählungen zu schreiben, die Alle in Westphalen seyn..ohne daß man grade zu sagen braucht, dies soll ein Bild von Westphalen seyn und der Westphale ist so und so – dann wird.. Keiner ihrer Landsleute..es auf sich beziehen, sondern nur auf die Personen der Erzählung, auch kann ich dann von dem gewöhnlichen Gang der Dinge abgehn, kann Vorgeschichte und dergleichen, mit einem Tone der Wahrheit erzählen, während ich sie in der andern Form, nur als Volksglaube erwähnen darf..“[4] Auch wenn diese umfassendes Prosawerk nie zustande kam und die Erzählung „Bei zu Lande auf dem Lande“ nicht zum Auftakt dieses geplanten Werks wurde, boten sich der Autorin in ihrem Leben zahlreiche Gelegenheiten, über ihre westfälischen Beobachtungen zu schreiben und das umfassende Wissen über Geschichte und Bräuche, das sie besaß, zum Besten zu geben.

Der damals berühmte Dichter Friedrich Freiligrath und der Verleger Wilhelm Langewiesche planten im Jahr 1839 ein Buch „Das malerische und romantische Westfalen“ zu schreiben. Das Werk sollte die malerische Schönheit Westfalens schildern und als Nachfolger des damals populären Werks „Das malerische und romantische Deutschland“ fungieren. Ein weiterer Aspekt sollte durch diese Sammlung eine Arbeit an der größeren Einheit der deutschen Nationen und der Region zwischen Napoleons Reorganisation Deutschlands und der kleindeutschen Einigung sein. 1840 übernahm Annette von Droste-Hülshoffs guter Freund Levin Schücking das Projekt, nachdem er von Freiligrath darum gebeten wurde, woraufhin dieser sie bat, ihr Wissen und Dichtungen beizusteuern.

Die Autorin beschrieb in ihrem Beitrag gegen die Vorgaben, ein idyllisches und idealisiertes Westfalen darzustellen, ein pittoreskes Bild eines gebrochenen Westfalens.

Schücking geht im Gegensatz zu der Droste ungenau mit den Überlieferungen um und es wird deutlich, dass sein Ziel nicht ist, eine präzise, wahrheitsgetreue Darstellung von Westfalen zu präsentieren, sondern vielmehr geht es darum, ein bestimmtes Bild eines tugendhaften und germanischen Westfalens mit malerischen Landschaften darzustellen. Das Werk sollte dazu dienen, solche negativen Schriften wie Voltaires „Candide“ (1759) in dem er die Region als hoffnungslos rückständig und landschaftlich eintönig beschreibt, zu revidieren. 1841 erscheint das Werk mit den Beiträgen der Annette von Droste-Hülshoff. Sie verfasste in dem darauffolgenden Jahr für Schücking Schriften und Gedichte über Westfalen die in einem Nachfolgeband von „Das malerische und romantische Deutschland“ erscheinen sollten. Aber die Droste scheint sich ihrer Beiträge nicht sicher zu sein und schreibt 1843: „Bitte inhibieren Sie doch den Druck der Westphalens, ich fühle mich gänzlich außer Stand den Verdruß zu tragen, den es mir unfehlbar bereiten würde“[5] 1845 erscheint ohne ihr Wissen, anonym ihr Manuskript, das sie 1842 Schücking zugeschickt hatte „Westphälische Schilderungen aus einer westphälischen Feder“, das unvorteilhafte Beschreibungen der Bewohner und Schilderungen von sozialen Missständen beinhaltet hatte. Diese sozialkritischen Schilderungen gefährden beträchtlich das harmonische Bild und den tugendhaften Ruf Westfalens, das damals als Sitz der unverfälschten Tugenden des alten Germaniens galt. Sie beschreibt Westfalen als Ort der ungesicherten Herkünfte, der familiären und nachbarlichen Niedertracht, der Sittenlosigkeit und Rechtsverwirrung. Die anonym verfasste Schrift wurde als Beitrag für das Deutschlandwerk abgelehnt. Die Droste beschreibt in ihrem Werk besonders die Gegend um Paderborn und den Teutoburger Wald als triebhafteste, unkontrollierbarste Gegend in Westfalen. Diese belastenden Beschreibungen zerstörten vollständig das katholisch – fromme Bild Westfalens, das in allen Regionen herrschte. Doch auch die kritische Autorin wertet nicht jede Region Westfalens gleichwertig und betont deutlich die Unterschiede, die zwischen diesen herrschen. Beispielsweise ihre favorisierte Gegend, das Münsterland, bezeichnet sie als patriarchalische Organisation mit einer funktionierenden Gesellschaft, während sie bei Paderborn und Sauerland von Missständen, Holzfrevel und einem deutlichen Rechtsverfall spricht. Die Bewohner beschreibt sie als südlich und wild: „..mit scharfen, schlauen, tiefgebräunten, und von der Zeit von Mühsal und Leidenschaft durchfurchten Zügen fehlt dem Paderbörner nur das brandschwarze Haar zu einem entschieden südlichen Aussehen.“[6] Sie haben keinen Kontakt zur Außenwelt und daher würde eine innerhalb der Regionen herrschende Reinheit der Nationalität vorherrschen. „..und vor Allem seine reine Nationalität, verbunden mit den marquirten Aeußen, ihn zu einem allerdings würdigen Gegenstande der Aufmerksamkeit machen.“[7]

Diese sogenannte Nationalität kann man auf keinen Fall mit dem heutigen negativen Aspekt der Nationalität, die durch den Nationalsozialismus entstanden ist, vergleichen. Esther Kilchmann schreibt in ihrem Buch „Verwerfung in der Einheit – Geschichten von Nation und Familie um 1840“ zu dieser Passage: „In diesem Fall resultierte die Uneindeutigkeit durch einen uneindeutigen Gebrauch von Nationalität im älteren Sinne der Zugehörigkeit zu einer vornationalen Einheit eines regionalen Herrschaftsbereich.“[8]

In ihren geographischen Beschreibungen prangert sie die zunehmende Industrialisierung und ihre Folgen an, was ebenfalls dem westfälischen Ruf eines alten „waldgrünen“ Germanien widerspricht. „Selbst der klassische Teutoburger Wald das einzige imposante Waldgebirge ist in neueren Zeiten durchlichtet und nach der Schnur beforstet worden“[9]

Die deutliche Sittenlosigkeit wäre besonders durch die zahlreichen unehelichen Kinder und die dörfliche Zwietracht erkennbar, laut Annette von Droste-Hülshoff.

Sie verbindet dörfliche und nationale Herkunft mit Unreinheit und Sittenverfall, aus dem ein nicht funktionierendes Recht hervorgeht.

2.Annette von Droste-Hülshoffs literarisches Westfalen

Annette von Droste-Hülshoff hegte ihr Leben lang ein starkes Interesse für die Region Westfalen. Dieses Interesse für westfälische Geschichten, Sagen, Spukerzählungen und besonders für heimatkundliche Alltagsschilderungen lässt sich auch in ihren literarischen Werken wiederfinden. Auch wenn sie nie die geplante Westfalen-Erzählsammlung fertig gestellt hat, so kann man doch ihre Literatur als eine umfangreiche westfälische Sammlung bezeichnen. Die Autorin stellt in literarischer Form ihre gemachten Beobachtungen von Land und Leuten in Westfalen dar und differenziert auch hier deutlich zwischen den verschiedenen Regionen. Die Landschaftsbeschreibungen sind malerisch und idyllisch, es wird eine Welt ohne jegliche Auswüchse von Industrialisierung oder Wirtschaft dargestellt, was vermutlich daran liegt, dass die Handlung häufig in eine vergangene Zeit versetzt wurde. Westfalen wird zu einem idealisierten, harmonischen, landschaftlichen Paradies. Diese beinahe zu perfekte Landschaft und die Bewohner in dieser können auch einen starken Gegensatz bilden, wie dies in Annette von Droste-Hülshoffs Beschreibungen von der landschaftlich schönen Region Paderborn mit den sittenlosen Paderbornern der Fall ist, die sie zu ihrem Werk „Die Judenbuche“ inspirierten. Die literarische Idylle mit der malerisch schönen Umgebung entsprechen zum größten Teil dem öffentlichen Bild von Westfalen, das in Deutschland herrschte, als eine altgermanische Region, in der Sitten und Gottesfurcht noch höchste Priorität haben. Interessanterweise widerspricht diese Darstellung aber zahlreichen anderen literarischen Beschreibungen Westfalens, die im 19. Jahrhundert herrschten. In Annette von Droste-Hülshoff Werk „Ledwina“ wird dieser Aspekt sogar behandelt und von Karl, dem Bruder der Protagonistin, angesprochen:

„...ich muß gestehen“ sprach Karl, daß mir die Gegend hier besonders jetzt recht erbärmlich vorkömmt, man spaziert wie auf dem Tisch, die Gegend vor uns wie hinter uns, oder vielmehr gar keine, der Himmel über uns und der Sand unter uns“[10]

Die Beschreibung des Charakters Karl passt ideal in die negative Ansicht, die damals zusätzlich zu der idyllischen, altgermanischen Auffassung Westfalens bestand. Westfalen galt - im Gegensatz zu den anderen deutschen Regionen - als rückständig und die Landschaft als reizlos und nicht lohnend, bereist zu werden. Schon Heinrich Heine schrieb in seinem Werk „Deutschland ein Wintermärchen“: „Gott Grüß Euch, ihr lieben Westfalen... und schenk Euren Söhnen ein leichtes Examen, Amen.“[11]

Die Protagonistin Ledwina ist sich nicht einig mit ihrem aufgeklärten, rational denkenden Bruder und spricht positiv von ihrer westfälischen Heimat mit einem deutlich nostalgischen Ton, der auch von der Autorin persönlich stammen könnte:

„..die tiefe Ruhe auf manchen Flächen dieser Landschaft, keine Arbeit, kein Hirt, nur allerhand große Vögel und das einsam weichende Vieh, daß man nicht weiß, ist man in einer Wildniß oder in einem Land ohne Trug, wo die Güter keine Hüter kennen als Gott und das allgemeine Gewissen.“[12] Annette von Droste-Hülshoff stellt hier ein paradiesähnliches Land dar, ein friedliches Land, in dem es nicht einmal so etwas wie persönlichen Besitz zu geben scheint und die Zeit stehengeblieben ist. Die Umgebung verharrt vollständig in der Natur und Industrie scheint es nicht zu geben. Ein solcher Ort ist selbstverständlich im 19. Jahrhundert nichts weiter als eine literarische Utopie, die von den modern denkenden Figuren in der Erzählung in Frage gestellt wird. Auch wenn man durch diese auf den ersten Blick vollständig positiven Beschreibungen behaupten könnte, dass die Autorin eine idealisierte und perfekte Umgebung und Gesellschaft geschaffen hat, sollte man auch die deutlich negativen Aspekte der vertrauten Heimat bedenken. In „Ledwina“ ist das heimatliche Westfalen nicht nur ein Ort der Ruhe und Natur, sondern auch der Enge durch die dominierende Familie und den starken Wunsch, die westfälische Idylle zu verlassen und weit zu reisen.

Diese schon bedrohliche Enge kannte die Autorin bestimmt nur zu gut von ihrer eigenen Familie.

Wie bereist erwähnt, gibt es in Annette von Droste-Hülshoff dargestelltem literarischen Westfalen weder die damals herrschende Industrialisierung noch eine dominierende Wirtschaft. Dies stimmt jedoch nur teilweise, denn auch in ihren Werken, die in einer längst vergangenen Zeit spielen, schleicht die Moderne langsam aber bestimmt durch die Handlung. Wie beispielsweise in der „Judenbuche“, wo illegaler Holzfrevel herrscht und durch diesen die malerische und kostbare Waldlandschaft bedroht wird, genauso wie durch das im 19. Jahrhundert von der Autorin stark kritisierte Abholzen im Teutoburger Wald. Die agierenden Figuren in den Erzählungen könnten in einzelnen Beispielen nicht unterschiedlicher sein. Verbrecher und Heilige, zwei Extreme, die die Autorin in ihrem literarischen Westfalen auftreten lässt. Durch diese beinah schon stereotypischen Schurken und Gutmenschen stellt sie die Unterschiede der Regionen in einer schon überzeichneten Weise dar. Eine deutliche, aber nicht zu penetrante Ironie, die durch den jeweiligen Erzähler vertreten wird, lässt sich bei beiden Extremen Westfalens finden. Es ist elementar, sich die beiden Gegensätze des literarischen Westfalens näher anzusehen, denn nur so kann man auch die Position und das Wesen der literarischen Außenseiter in Annette von Droste-Hülshoff Westfalen verstehen.

2.1 Dorf B. - ein Ort der Sittenlosigkeit und der heuchlerischen Frömmigkeit

„Dorf B., das, so schlecht und rauchig es sein mag, doch das Auge jedes Reisenden fesselt durch die überaus malerische Schönheit und seiner Lage in der grünen Waldschlucht.“[13] mit diesen Worten wird dem Leser der Handlungsort in Annette von Droste-Hülshoff berühmtesten Erzählung „Die Judenbuche“ vorgestellt. Schon von Anfang an scheint die Gegend voller Gegensätze zu stecken, ein runtergekommenes, rückständig scheinendes Dorf, umgeben von einer angeblich atemberaubend schönen Waldlandschaft. Ein Ort, der abgelegen liegt, abgeschieden von der Außenwelt und weder Handel noch Industrie betreibt. Fremde und Besucher sind nicht gerne gesehen und die Bewohner scheinen gerne unter sich zu bleiben. Niemand würde auf die Idee kommen, das Dorf zu verlassen

Dorf B. scheint eine eigene Welt zu sein und der Erzähler spricht während der gesamten Handlung in der Vergangenheit, was bedeutet, dass eine vergangene Zeit dargestellt wird. Eine Zeit, in der Gewalt, Betrug und tägliches Verbrechen herrschte. Die zuvor erwähnte Ironie wird durch den anfänglich neutral erscheinenden Erzähler deutlich gemacht, als dieser zum Beispiel das auffällig kriminelle und gewalttätige Dorf als: „..ein Fleck, wie es deren sonst so viele in Deutschland gab, mit all den Mängeln und Tugenden..“[14] beschreibt Dieses harmlose Wort „Mängel“ wirkt schon beinah belustigend, wenn man bedenkt, dass Verbrechen jeglicher Art in Dorf B. täglich und unbestraft vonstatten gehen, aber genau dies macht die subtile, doch bemerkbare Ironie in der Erzählung aus. Die Gesetzeslage wird als verworren beschrieben und es hat sich über die Jahre eine Art zweites Recht entwickelt, nämlich das der öffentlichen Meinung, dessen sich die Verbrecher nur zu gerne bedienen. Da kriminelle Aktivitäten weitestgehend unbestraft bleiben, handelt jeder einflussreiche Bewohner nach seinen eigenen Gesetzen, dem die Armen und Untergebenen nur zu folgen brauchen. Das Recht ist nicht gerecht verteilt, denn reiche und angesehene Personen werden vorgezogen und die Armen werden immer ärmer. Bereits in der Erzählung wird angedeutet, dass diese damalige, kriminelle Zeit später von der neuen Generation verachtet wird, dies könnte eine Andeutung sein, dass über die Jahre die Gesetzeslage verschärft wurde. Anfängliche Versuche, eine gewisse Kontrolle in die vollkommen außer Kontrolle geratenen Zustände hineinzubringen, zeigt sich durch die starke Bewachung des kostbaren Waldes durch die von der Obrigkeit eingesetzten Förster. Doch bei dieser Maßnahme kann man eigentlich nicht von einer Verbesserung des Rechtssystems sprechen, denn auch diese gehen, wie alle Bewohner, mit List und grober Gewalt vor. Durch ihre Einsetzung herrschen zusätzlich in dem von Kriminalität beherrschten Dorf bürgerkriegsähnliche Zustände und es haben sich zwei Parteien gebildet, nämlich die der Obrigkeit, zu denen die Förster gehören und die der restlichen Bewohner und Verbrecher.

[...]


[1] Brief Annette von Droste-Hülshoffs an August von Haxthausen vom 20.7.1841 Historisch Kritische Ausgabe IX 1, S.248

[2] Brief Annette von Droste-Hülshoff an Christoph Bernhard Schlüter vom 19.9.1841 Historisch Kritische Ausgabe IX S.256

[3] Brief Annette von Droste-Hülshoff an Wilhelm Junke vom 4.8.1837 aus Gödden, Walter „Tag für Tag im Leben der Annette von Droste-Hülshoff Daten – Texte – Dokumente“ Bayerische Staatsbibliothek S. 162

[4] Brief Annette von Droste-Hülshoff an Jenny von Maßberg vom 29.1.1839 Ebd. S. 185

[5] Brief Annette von Droste-Hülshoff an Levin Schücking vom 11.5.1843 aus der Historisch Kritischen Ausgabe V S.501-548

[6] Annette von Droste-Hülshoff „Schilderungen“ S. 54

[7] Ebd. S. 57

[8] Kilchmann, Esther „Verwerfung in der Einheit – Geschichten von Nation und Familie um 1840“ 2009

[9] Annette von Droste-Hülshoff „Schilderungen“ S. 49

[10] Annette von Droste-Hülshoff „Ledwina“

[11] Heine, Heinrich „Deutschland ein Wintermärchen“ aus Voßschulte, Alfred „Westfalen – Stiefkind der Geschichte“ S.2

[12] Von Droste-Hülshoff, Annette „Ledwina“

[13] Von Droste-Hülshoff, Annette „Sämtliche Erzählungen“ Hrsg. Häckel, Manfred Insel Taschenbuch S. 76

[14] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Annette von Droste Hülshoffs literarisches Westfalen und seine Außenseiterfiguren
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Philologische Fakultät Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Annette von Droste-Hülshoff Seminar
Note
0.0
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V283579
ISBN (eBook)
9783656832874
ISBN (Buch)
9783656830627
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Studienleistung ohne Bewertung
Schlagworte
Droste-Hülshoff, Judenbuche, Friedrich Mergel, Aussenseiter, Aussenseiterfigur, Bei uns zu Lande auf dem Lande
Arbeit zitieren
Nicole Timpe (Autor), 2014, Annette von Droste Hülshoffs literarisches Westfalen und seine Außenseiterfiguren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283579

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