Geschichtsschreibung im Mittelalter. Die Einteilung der Weltgeschichte in Vier Weltreiche


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
19 Seiten, Note: 2,0
Julius Ledge (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Grundlage der Vier-Reiche-Lehre – die Danielbücher
2.1. Daniel 2 – der Traum Nebukadnezars
2.2 Daniel 7 – der Traum Daniels
2.3 Vergleich

3. Mittelalterliche Deutung der Danielbücher

4. Translatio Imperii

5. Das Geschichtsbild Ottos von Freising
5.1. Chronica sive Historia de duabus civitatibus
5.2 Weltreichlehre
5.3 Civitas dei
5.4. Translatio imperii

6. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Geschichtsschreibung heißt nicht nur, einen Bericht über die vergangene Zeit zu erstellen, sondern sich ein Bild der Geschichte zu machen, die Vergangenheit zu rekonstruieren und sie sich zu vergegenwärtigen. Historisches Wissen und Erkenntnisse zu Papier zu bringen, ist damit immer Ausdruck eines Geschichtsbewusstseins, damals wie heute. Die in dieser Hausarbeit, zum Thema Geschichtsschreibung im Mittelalter – die Vier Weltreiche, behandelte Epoche hat der Nachwelt zahlreiche Quellen hinterlassen, die der heutigen historischen Forschung als Grundlage zur Untersuchung des mittelalterlichen Geschichtsbildes und damit auch des Geschichtsbewusstseins dienen.

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem mittelalterlichen Geschichtsdenken. Herausgearbeitet werden soll hierbei besonders, wie die mittelalterlichen Geschichtsschreiber versuchten, ihr Geschichtsbild in eine strukturelle Abfolge von Zeitabschnitten zu gliedern. Ganz speziell geht es um die, von den mittelalterlichen Geschichtsschreibern gedeutete, Einteilung der Weltgeschichte in vier Weltreiche.

Die Lehre der Weltreiche basiert auf den biblischen Geschichten der Danielbücher, insbesondere die Bücher 2 und 7. Hier deutet der Prophet Daniel einen Traum des Königs Nebukadnezar und legt damit die Grundlage für spätere Bibelexegesen. So griffen auch die Geschichtsschreiber des Mittelalters auf Daniels Traumdeutungen zurück und versuchten, diese mit real existierenden Herrschaftsgebilden in Verbindung zu bringen. Welche dies konkret waren und wie sie dies begründeten, soll in dieser Arbeit geklärt werden. Ein besonderes Augenmerk liegt auch auf der zeitlichen Begrenzung der besagten Vier Weltreiche. In welchem Zeitalter sah sich das Mittelalter selbst? Wie erfolgte der Übergang eines Weltreiches auf das folgende? Wie sollte es nach dem vierten Reich weitergehen?

Um diese Fragen beantworten zu können, ist es unabdingbar, sich einen Einblick in die Vorstellungswelt der mittelalterlichen Zeitgenossen zu verschaffen. Als Repräsentant der konventionellen Vorstellungswelt des hohen Mittelalters, wird in der vorliegenden Arbeit auf den zeitgenössischen, hochadligen Kleriker Otto von Freising zurückgegriffen. Dieser gilt heute als einer der bedeutendsten Geschichtsschreiber des Mittelalters. Die von ihm verfasste Chronica sive historia de duabus civitatibus1 stellt eine Beschreibung der Weltgeschichte aus zeitgemäßer Sichtweise dar und gilt heute als Höhepunkt der mittelalterlichen Geschichtsschreibung. Inwiefern Otto von Freising als Ausdruck mittelalterlicher Geschichtsvorstellungen gelten kann und eng damit verbunden, ob es legitim und sinnvoll ist, diesen Historiker stellvertretend für ein Geschichtsbild einer Epoche einzusetzen, wird im Laufe dieser Arbeit geklärt werden.

Neben der Chronik Ottos von Freising und der Bibel, als Basis der Vier-Reiche-Lehre, wird bei dieser Hausarbeit auf zahlreiche Fachliteratur zurückgegriffen. Hervorzuheben ist hier besonders Hans-Werner Goetz. Dieser hat mit seinen Forschungen zu mittelalterlichen Vorstellungen seit Anfang der 80´er Jahre ein neues Forschungsfeld in der deutschsprachigen Mediävistik konstituiert. Seine Studien zum mittelalterlichen Geschichtsbewusstsein, sind heute grundlegend, nicht nur für diese Hausarbeit. Zusammen mit Fabian Schwarzbauer liefert Goetz in der heutigen Forschung einen Überblick über die Zeitvorstellungen von mittelalterlichen Zeitgenossen, die auf den Universalchroniken der damaligen Geschichtsschreiber beruhen.

Nicht zu verwechseln ist Hans-Werner Goetz mit Werner Goez, der mit seinem Werk zur Translatio Imperii (der Lehre der Reichsübertragung) einen weiteren wichtigen Baustein für das Fundament der vorliegenden Arbeit bildet.

Im Zusammenhang mit weiteren Monographien, wurde auch auf Fachnachschlagewerke zurückgegriffen. Zu erwähnen wäre hierbei das Lexikon für Theologie und Kirche und die Theologische Realenzyklopädie.

2. Die Grundlage der Vier-Reiche-Lehre – die Danielbücher

2.1. Daniel 2 – der Traum Nebukadnezars

Die Basis der Vier-Reiche-Lehre bilden die biblischen Bücher Daniels, besonders die Bücher zwei und sieben. Die Texte Daniels wurden etwa um 164 v. Chr. in die uns heute bekannte Fassung gebracht und gehören damit zu den spätesten des Alten Testaments.2 Die Prophetien über die Systematik der vier aufeinander folgenden Reiche werden hierbei nicht nur, wie sonst üblich, von einem Propheten gesehen und gedeutet. Die Besonderheit dieser Voraussagen ist, dass hierbei auch ein heidnischer König in gleicher Weise beteiligt ist. Mit diesem hier gemeinten Weltherrscher ist der König Nebukadnezar gemeint, der das Spätbabylonische Reich von 605 bis 562 v. Chr. regierte. Im zweiten Kapitel des Buches Daniel berichtet der Prophet vom Traum Nebukadnezars und dessen Deutung. Daniel legt hier sogar den Zeitpunkt des Traumes fest. Es ist im zweiten Jahr3 von Nebukadnezars Regierungszeit. Da die Amtsperiode des Herrschers überliefert ist, lässt sich dieses Ereignis also auf das Jahr 603 v. Chr. datieren.

Im besagten Buch geht es um den babylonischen König, der aus einem Traum erwacht und von diesem so sehr verschreckt ist, dass er „alle Zeichendeuter und Weisen und Zauberer und Wahrsager zusammenrufen“4 lässt, um ihm diesen zu deuten. Trotz der versprochenen Ehrungen, war keiner von ihnen in der Lage, seinen Traum zu deuten. Der König war darüber so sehr verärgert, dass er alle Weisen in Babel töten lassen wollte.5 Von diesem Urteil war auch Daniel betroffen. Dieser bat jedoch den König um eine Frist und wandte sich an seinen Gott, der im Text nicht namentlich erwähnt, sondern nur Gott des Himmels genannt wird, um sein Leben und das der anderen Propheten zu retten. In der Nacht wurde Daniel schließlich die Bedeutung des königlichen Traumes offenbart, sodass er ihm diesen deuten konnte.

Der König sollte von einem großen Bild, „das schrecklich anzusehen“6 war geträumt haben. Der Kopf dieses Abbildes, höchstwahrscheinlich ist damit eine Statue gemeint, soll „von feinem Gold, seine Brust und seine Arme […] von Silber, sein Bauch und seine Lenden […] von Kupfer, seine Schenkel […] von Eisen [und] seine Füße teils von Eisen und teils von Ton“7 gewesen sein. Zusätzlich sollte Nebukadnezar von einem Stein geträumt haben, der aus dem Himmel herunterstürzte und das Bildnis zerstörte, sodass nichts mehr von allem zu erkennen war und nur noch der Stein zu einem Berg wurde und „die ganze Welt füllte“.8

Auch die Bedeutung des Traumes erläuterte Daniel dem König. Er, Nebukadnezar, sei es, der von Gott zum auserwählten Herrscher über alle Länder, Völker und Tiere gemacht wurde. Dadurch verkörpere er das goldene Haupt der Statue. Nach seinem Königreich wird sich ein weiteres erheben und danach ein drittes aus Kupfer. Das vierte Reich sollte ein eisernes Reich sein, ein Reich, das „wie Eisen alles zermalmt und zerschlägt“9 Allerdings deutete Daniel auch, dass dieses Reich ein geteiltes Reich sein werde, welches auf der einen Seite zwar stark, auf der anderen Seite aber auch zerbrechlich sein werde (Gemisch aus Eisen und Ton). Den alles zermalmenden Stein, interpretierte der Prophet als ein himmlisches Gottesreich, welches alles zuvor dagewesene zerschlagen und allein ewig bestehen wird.10

Ob es tatsächlich der Traum war, den Nebukadnezar geträumt aber an den er sich nicht mehr erinnern konnte war, wird in der biblischen Geschichte nicht explizit erläutert. Es ist jedoch wahrscheinlich, da sich der König in Demut vor Daniel warf, ihn für seine Deutung dankte, ihn reich beschenkte und seinen Gott als den allmächtigen Gott anerkannte.11

Der Zeitpunkt der Traumdeutung befindet sich also bereits im ersten Königreich, dem Königreich Babylon. Daniels Prophezeiungen sind daher gleichzeitig Gegenwartsbeschreibung und Zukunftsvorhersagen. Auch ein Ende der Welt ist mit seiner Trauminterpretation festgesetzt. Nach dem letzten Königreich wird dieses Ende durch Gott herbeigeführt werden. Anschließend wird dieses Gottesreich ewig bestehen. Wie lange allerdings die jeweiligen Reiche Bestand haben sollten und warum ihnen allen am Ende die Zerstörung bevorsteht, lässt Daniel offen.

Interessant ist auch die Reihenfolge der benannten Metalle. Offensichtlich ist, dass die Metalle in ihren Eigenschaften und in ihrer Kostbarkeit mit jedem weiteren Reich abnehmen. Die Folge Gold, Silber, Bronze, Eisen, Ton stellt ganz unmissverständlich eine Wertminderung dar. Aus theologischer Sicht könnte Daniel in seiner Prophezeiung meinen, dass das Festhalten an Gott von Reich zu Reich immer weiter abnimmt, die Gottlosigkeit also zunimmt. Aber auch die moralische und ethische Verschlechterung des Menschen könnte damit gemeint sein. Daher wird am Ende, wenn mit einem Gemisch aus Ton und Eisen, kaum noch ein Metall (also kaum noch etwas Gutes im Menschen) vorhanden ist, Gott die Menschheit strafen und alles auf dieser Erde zerstören um ein ewiges Gottesreich zu errichten.

Verfasst worden ist Geschichte über Nebukadnezars Traum hauptsächlich in aramäisch, der damaligen Weltsprache.12 Jedoch sind auch einige Teile der Bücher Daniels in hebräischer Sprache geschrieben worden. Der Sinn dieses sprachlichen Wechsels kann nicht genau geklärt werden.

2.2 Daniel 7 – der Traum Daniels

Etwa 53 Jahre nachdem Daniel den Traum Nebukadnezars gedeutet hatte, hatte er selbst eine nächtliche Vision. Auch hier ist der Zeitpunkt dieses Ereignisses relativ genau zu bestimmen, da Daniel diesen auf das erste Amtsjahr13 Besazars14 datiert. In seinem Traum sah der Prophet das Meer vom Wind aufbrausen und vier Tiere daraus emporsteigen.15 Das erste glich einem Löwen mit Flügeln, wie ein Adler. Diesem wurden die Flügel genommen und mit einem menschlichen Herz wurde es auf die Erde gestellt.16 Das zweite Tier war einem Bären gleich und hatte drei Rippen zwischen seinen Zähnen.17 Als nächstes kam ein Panther zum Vorschein. Dieser hatte vier Flügel und vier Köpfe.18 Als letztes und schrecklichstes sah Daniel ein starkes und furchterregendes, 10-hörniges Tier, dass mit seinen eisernen Zähnen alles um sich herum fraß und zerstörte.

Im nächsten Abschnitt des Danielbuches beschreibt der Seher das Gericht Gottes.19 In seinem Traum sah Daniel, dass flammende Throne aufgestellt wurden und sich darauf ein alter Mann im weißen Gewand, vor seine abertausenden Diener stellte. Das letzte, gefräßige Tier wurde schließlich getötet und ins Feuer geworfen. Weil Daniel von diesen Ereignissen so verwirrt war, ließ er sich von einem der Anwesenden, die Geschehnisse erklären. Dieser erklärte, dass die vier Tiere, vier Königreiche symbolisieren, an deren Ende ein Gericht abgehalten werden wird und schließlich nur noch ein heiliges Reich auf ewig herrschen wird.20

2.3 Vergleich

Inhaltlich lassen sich beide Visionen aus Daniel 2 und 7 sinnvoll gegenüberstellen. Ähnlich wie zuvor schon Nebukadnezar, war auch Daniel zunächst nicht in der Lage die Vorhersehung zu deuten. Erst durch Hilfe erlangen beide zur Erkenntnis. Das siebente Buch Daniel bezieht sich erneut unmissverständlich auf die Lehre der Vier Weltreiche. Diese werden, anders als in Daniel 2, wo sie noch als ehrfürchtige Statue aus verschiedenen Metallen dargestellt wurden und Nebukadnezar selbst das goldene Haupt war, nun durch wilde Tiere gekennzeichnet. Interessant ist auch der Stellenwert, den Daniel den Vier Königreichen zuschreibt. Auffallend ist, dass in beiden Prophetien dem jeweils ersten und letzten Reich eine besondere Bedeutung zukommt. Beide werden viel eindringlicher charakterisiert, als das jeweils dritte und vierte Element, welche dadurch als eher weniger bedeutsam erscheinen. Am Ende beider Visionen steht jeweils der „Sieg des Gottesreiches über die Weltreiche […], indem Gott selber Gericht hält und das Messiasreich aufgerichtet wird.“21 Warum stellt Daniel aber den gleichen Inhalt in seinen Prophetien unterschiedlich dar?

Gemeint sind in beiden Vorausdeutungen zwar die selben Königreiche, jedoch unter einem anderen König. Nebukadnezars Traum handelt von einer menschlichen Statue, die jedoch heidnisch und daher „im Widerspruch mit dem Gottesreich und auf gebrechlichen Füßen des inneren Widerspruchs stehend“22 ist. Mehr als 50 Jahre später sieht Daniel, unter einem anderen König, die Weltreiche als schreckliche Wesen, die zur Tierwelt herabgesunken sind. Damit werden die Reiche der späteren Prophetie als viel grausamer und gewalttätiger charakterisiert. Werden in Daniel 2 noch alle Königreiche an oberster Stelle von Gott regiert, so findet sich im siebenten Buch vier voneinander unabhängige, wilde Tiere, deren heidnischen Höhepunkt das letzte Tier bildet. Dessen Horn prahlt blasphemisch und stellt damit das Maximum an Gottlosigkeit dar. Aus diesem Grunde wird die Bestie auch verbrannt und das jüngste Gericht tritt ein. Gestützt kann diese Behauptung auch durch die Charakterisierung der Reiche in den Danielbüchern werden. Diese „führt von menschlichen Eigenschaften des ersten Reiches (Daniel 7,4) über halbmenschliche (Daniel 7,5), herrscherliche (Daniel 7,6) zur Bestialität des vierten“23 Tieres beziehungsweise Königreiches. Die Depravation von Mensch zu Tier ist in der Bibel keine Seltenheit. Figuren die nicht an Gott glauben oder diesen Glauben verloren haben, werden häufig mit Tieren verglichen. Der Theologe Heinrich Langenberg bringt dieses Phänomen in seinem Buch Zweck und Eigentümlichkeit des Buches Daniel auf den Punkt, in dem er schreibt: „Humanität ohne Divinität ist Bestialität.“24 Ohne Ehrfurcht vor Gott wird demnach der Mensch mit dem Tier auf eine Stufe gestellt.

Der Gedanke der zunehmenden Wertminderung ist bei Daniel 2 (Metalle), als auch bei Daniel 7 (Tiere) identisch. „Denn nur so kann die Krise der Geschichte als Einbruch des Gottesreiches glaubhaft gemacht werden“.25

Eine Sonderstellung hat in Daniels Prophetien das fünfte Reich. Das Gottesreich wird weder als Metall in der Statue, noch als wildes Tier dargestellt. Calvin beantwortet diese Frage damit, dass das „regnum Christi […] prinzipiell von jenen Reichen unterschieden“26 ist. Es ist demnach unüberschaubar und nicht vergänglich, wie die anderen Reiche.

Insgesamt bilden die Prophetien Daniels damit die Basis für spätere Bibelexegesen. Sie legen den Grundstein für eine Möglichkeit der Periodisierung der Geschichte in vier Weltreiche, von denen zur Zeit Daniels lediglich das erste, als das Babylonische Reich benannt werden kann. Auch das Ende der Welt ist mit dem Buch Daniel vorausgesagt. Vor allem in der Apokalyptik der jüdischen Literatur setzte sich dieses Modell durch.27 Aber auch im Mittelalter boten die Schriften Daniels die Grundlage für Geschichtsschreiber, die Weltgeschichte zu periodisieren.

3. Mittelalterliche Deutung der Danielbücher

Im Mittelalter war die Dimension von Geschichte auch immer direkt mit der religiösen und theologischen Dimension verbunden.28 Das heißt, die Geschichte war gleichzeitig Glaubens- und Heilsgeschichte. Die Bibel als Quelle der Geschichtsschreibung zu nutzen, war damit völlig legitim. Diese bot zwar kein geschlossenes Geschichtsbild aber dennoch einige Elemente29, die die Grundlage für vielfache, biblische Exegesen boten. Die Geschichtsschreiber des Mittelalters zogen daher oft, wenn es darum ging Weltgeschichte systematisch zu gliedern, die Schriften Daniels heran und versuchten, die prophezeiten Königreiche mit konkreten Herrschaftsgebilden in Verbindung zu bringen. Relativ eindeutig, da der Prophet konkrete Angaben macht, konnte dabei das erste Reich, als das Babylonische Königreich bestimmt werden. Schon zur Zeit Alexanders des Großen sprachen die spätantiken Historiker von vier Weltreichen. Gemeint waren damit die vier Monarchien der Babylonier, Meder, Perser und der Griechen.30 Als Rom ebenfalls zur Weltmacht wurde, war dies schwer mit den Prophetien Daniels zu vereinen, da diese ganz konkret nur vier Weltreiche bestimmten. Abhilfe fand man in der Verbindung des Meder- und des Perserreiches oder in der Zusammenfassung von Babylon und Medien31, um Platz für Rom als viertes Königreich zu schaffen. Hieronymus32 gilt dabei als Vertreter der ersten Variante. Es gab allerdings auch andere Variationen, die sich auch teilweise vom Muster des Danielbuches entfernten.33 Wirklich durchsetzen konnte sich aber nur Hieronymus´ Schema.34 Dieser zeigt in seinem Danielkommentar auch Verbindungen zwischen den in Daniel 2 beschriebenen Metallen und den jeweiligen dazugehörigen Reichen auf. Besonderen Wert legt er dabei auf Babylonien und Rom, als jeweils erstes und letztes Reich. Medo-Persien und Griechenland treten vor diesen Großreichen etwas in den Schatten. Die Begründung dazu wird im Abschnitt zum Geschichtsbild Ottos von Freising noch genauer erörtert werden.

4. Translatio Imperii

Fest an die Lehre der Vier Weltreiche geknüpft, ist die politische Theorie der Übertragung eines Weltreichs auf ein anderes (translatio imperii). Die Formel translatio imperii ist jedoch kein Produkt der ursprünglichen Bibel. Erst im Mittelalter lässt sich diese Bezeichnung finden. Sie entstammt höchstwahrscheinlich einem Übersetzungsfehler der Vulgata. Hieronymus übersetzte in Daniel 2, 21 den hebräischen Originaltext mit: „Deus transfert regna atque constituit“35 und bereitete damit den Weg für zahlreiche Auslegungen dieser Theorie. Die Bibel ist also nicht die Quelle dieser Formulierung!36

[...]


1 Chronik oder die Geschichte der zwei Staaten. (Vgl. Lammers, Walther (Hrsg.): Otto Bischof von Freising. Chronik oder die Geschichte der zwei Staaten. 5. Aufl, Darmstadt 1990.

2 Meyer, Eduard: Ursprung und Wesen des Christentums. 4. Aufl. Berlin 1924. S. 187.

3 Die Evangelische Kirche in Deutschland (Hrsg.): Die Bibel. Lutherübersetzung. Stuttgart 1999. S. 847-849 (Daniel 2). Daniel 2,1.

4 Daniel 2,2.

5 Daniel 2,12.

6 Daniel 2,31.

7 Daniel 2,32 – 33.

8 Daniel 2,35.

9 Daniel 2,40.

10 Daniel 2,44.

11 Daniel 2,46-48.

12 Maier, Gerhard: Der Prophet Daniel. 8.Aufl., Wuppertal 2005. S. 98-100.

13 Die Evangelische Kirche in Deutschland (Hrsg.): Die Bibel. Lutherübersetzung. Stuttgart 1999. S. 855-856 (Daniel 7). Daniel 7,1.

14 Belsazar war de facto nie eigenständiger König des Babylonischen Reiches. Lediglich als Kronprinz, also als Stellvertreter, führte er während der Abwesenheit seines Vater Nabonid von 552 bis 543 v. Chr. die Regierungsgeschäfte des Neubabylonisches Königreiches. (Vgl.: Millard, Alan R.: Bibel und Archäologie. Kann die Archäologie die geschichtliche Wahrheit der Bibel beweisen? Gießen 1996. S. 38.)

15 Daniel 7, 2-3.

16 Daniel 7,4.

17 Daniel 7,5.

18 Daniel 7,6.

19 Daniel 7, 9-14.

20 Daniel 7, 23-27.

21 Langenberg, Heinrich: Zweck und Eigentümlichkeit des Buches Daniel. Hamburg 2003. S. 72.

22 Ebenda. S. 73.

23 Theologische Realenzyklopädie. Band 8. Berlin 1981. S. 331.

24 Langenberg. S. 116.

25 Ebenda.

26 Goez, Werner: Translatio Imperii. Tübingen 1958. S. 376.

27 Stemberger, Günther: Weltreiche. In. Lexikon für Theologie und Kirche. Band 10. S. 1080.

28 Schmale, Franz-Josef: Funktion und Formen mittelalterlicher Geschichtsschreibung. Eine Einführung. Darmstadt 1985. S. 38.

29 Goetz, Hans-Werner: Geschichtsschreibung und Geschichtsbewusstsein im hohen Mittelalter. Berlin 1999. S. 94.

30 Goez, Werner: Translatio Imperii. S. 366.

31 Ebenda.

32 Hieronymus ist vor allem bekannt als Verfasser der Vulgata, der lateinischen Bibelübersetzung. Seine Vorstellungen über die, auf den Danielprophetien beruhende, Periodisierung der Geschichte in vier Weltreiche, ist in seinem Werk Commentarii in Danielem überliefert. (Vgl. Nautin, Pierre: Hieronymus. In. Theologische Realenzyklopädie. Band 15. 1986. S. 304-315.)

33 Die römischen Geschichtsschreiber Aemilius Sura und Valleius Paterculus reihten Rom als fünftes Großreich den vier vorausgegangenen Reichen an. Minicius Felix wiederum zählt mit Assyrien, Medien, Persien, Griechenland, Ägypten und Rom sogar sechs Weltreiche. (Vgl.: Goez, Werner: Translatio Imperii. S. 367.)

34 Stemberger, Günther: Weltreich. S. 1080.

35 Goez, Werner: Translatio Imperii. S. 7.

36 Ebenda. S 17.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Geschichtsschreibung im Mittelalter. Die Einteilung der Weltgeschichte in Vier Weltreiche
Hochschule
Universität Rostock  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Schöpfer der Vergangenheit – Geschichtsschreibung im Mittelalter
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V283675
ISBN (eBook)
9783656833253
ISBN (Buch)
9783656831105
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vier Weltreiche, Vier Reiche Lehre, Geschichtsschreibung im Mittelalter, Mittelalter, Gliederung der Zeit, Teiteinteilung, Weltanschauung im Mittelalter, Translatio imperii, Daniel, Danielbücher, Nebukadnezar, Römisches Reich, de civitate dei, Heiliges Römisches Reich, Reichsübertragung
Arbeit zitieren
Julius Ledge (Autor), 2014, Geschichtsschreibung im Mittelalter. Die Einteilung der Weltgeschichte in Vier Weltreiche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283675

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