Die Synchronizität zwischen "Kid A" und "Vanilla Sky"

Oder: Der Versuch einer multi-medialen Migration


Seminararbeit, 2014

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Bedeutung von Filmmusik

3. Vanilla Sky & Kid A
3.1 Vor dem Unfall: „Ich lebe den Traum!“
3.1.1 Everything In Its Right Place
3.1.2 The National Anthem
3.1.3 Kid A
3.1 Nach dem Unfall: „Wir sehen uns im nächsten Leben.“
3.2.1 Optimistic
3.2.2 Idioteque
3.2.3 Motion Picture Soundtrack
3.3. Im Traum: „Ich will aufwachen!“
3.3.1 How To Disappear Completely
3.3.2 In Limbo
3.3.3 Morning Bell

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Mach die Augen auf“, flüstert eine Stimme. Ein Mann folgt der Aufforderung und erwacht aus einem Traum, der ihm anfangs wie das echte Leben vorgekommen sein muss. Bis er bemerkte, dass er der einzige Mensch in New York City zu sein schien. Die Rede ist von David Aames, Protagonist des 2001 veröffentlichen Films VANILLA SKY, ein Remake von Alejandro Amenábars Film ABRE LOS OJOS aus dem Jahre 1997. Begleitet wird die Szene von einem Song der britischen Art-Rock-Band RADIOHEAD. Er trägt den Titel EVERYTHING IN ITS RIGHT PLACE und passt, auch wenn man dies erst retrospektiv erfährt, perfekt zur Handlung des Films. Nun ist es keine Seltenheit, dass die Songs, die Teil des Soundtracks eines Films sind, textlich oder auch musikalisch zu dem passen, was auf der Bildebene erzählt wird. Ganz im Gegenteil. Es ist in der Regel aktiv gewollt, Bild und Ton als dialektische Einheit zu inszenieren1 und markiert nicht für wenige die Besonderheit des Mediums „Film“, dem es so gelingt verschiedene Modalitäten ineinander zu integrieren. Dies ist auch bei VANILLA SKY der Fall. Die positiv rezipierte Filmmusik2 von VANILLA SKY besteht ausschließlich aus Pop- oder Rocksongs, so genanntem „Pop-Scoring“3, und auch diese Songs tragen, was ebenfalls nicht gerade schockieren mag, ihren Teil zu Handlung bei, passen von ihrer Musikalität zum filmisch Gezeigtem, haben eine kommentierende Funktion, eine symbolische Wirkungskraft oder nehmen diegetisch am filmischen Geschehen teil. Was hingegen überrascht, ist, was sich zeigt, wenn man das, zum ersten im Film gezeigten Song gehörige Album KID A aufmerksam anhört. Der Eindruck, dass die jeweiligen Songs bzw. das Album in seiner Ganzheit auf fast beängstigende Weise die Handlung von VANILLA SKY um- bzw. beschreibt, erklärt oder begleiten zu scheint, drückt sich gerade zu auf. Was auch der Grund für das folgende essayistische Experiment ist.

Natürlich kann dies alles Zufall sein, eine Einbildung, ein kognitiv-verzerrter Bestätigungsfehler, eine willkürlich-illusorische Korrelation, die zwischen jeder beliebigen Langspielplatte und jedem beliebigen Film zu konstruieren wäre. Zugegeben, auszuschließen ist es nicht. Die Tatsache, dass dieser Eindruck sich aber nach jeder weiteren Sichtung des Films, nach jedem weiteren Hördurchgang des Albums verstärkte, immer greifbarer wurde, der Zusammenhang zunehmend symbolischer und die sich nahezu symbiotisch vereinende Bilderwelt beider Erzeugnisse von Mal zu Mal klarer hervorsprang, deutet darauf hin, dass es womöglich Zufall ist, aber keine Willkür. KID A mag zwar nicht der offizielle Soundtrack zu VANILLA SKY sein, ist aber als solcher interpretierbar. Dies ist jedenfalls die These dieser vorliegenden Arbeit. Und so soll hier auf experimenteller Basis versucht werden, beide Kunstwerke direkt miteinander in Beziehung zu setzen. Es findet also eine multi-mediale Migration statt, bei der versucht wird, ein Medium in ein anderes Medium zu integrieren, um anschließend - im Optimalfall - beide besser zu verstehen. Ähnlich dem Phänomen, das sich auftut, wenn man eine Buchverfilmung sieht und anschließend den zugehörigen Roman liest. Nur das in dem hiesigen Fall keine derartige (intendierte) Verbindung zwischen beiden medialen Produkten besteht, sie aber dennoch zusammen zu gehören scheinen, sodass am Ende dieser Arbeit mit den Lesern das passiert, was David Aames zu Beginn von VANILLA SKY tut; Ihnen werden die Augen geöffnet.

Um dies zu erreichen werden Textfragmente und musikalische Strukturen von KID A dienen, welche bestimmte Momente, Sequenzen, Ereignisse, Stimmungen, Botschaften, etc. im Film repräsentieren. VANILLA SKY soll also mit Hilfe von KID A dekonstruiert, dekodiert, analysiert und diskutiert werden.

2. Zur Bedeutung von Filmmusik

Die polnische Musikwissenschaftlerin Zofia Lissa stellte insgesamt 18 verschiedene Funktionen von Filmmusik heraus. KID A ist allerdings nicht im klassischen Sinne als Filmmusik zu deuten, da nur ein darauf enthaltender Song tatsächlich im Film zu hören ist. Wie bereits erwähnt, wird KID A hier aber als externer, semi-synchroner, synergetisch-wirksamer Soundtrack verstanden,

weswegen die Funktionen größtenteils übertragbar sind. Besonders relevant sind vor allem drei Funktionen, die Filmmusik haben kann4:

1.) Musik als Kommentar. Dabei führt „[d]ie These des Visuellen und die Antithese des Auditiven [] auf dialektische Weise zur Synthese, zum Kommentar. Hier ist also allein die Relation beider Schichten zueinander Träger bestimmter Inhalte."5 Filmmusik geht so über die eine rein ästhetische Dimension hinaus und lässt dramaturgische Zusammenhänge erkennen, einhergehend mit der Frage, warum gerade dieses Musikstück ausgewählt wurde, um die jeweiligen Bilder zu begleiten.

2.) Musik als Symbol. Durch Musik wird in dem Fall das visuell Gezeigte auditiv charakterisiert6, dies steht im Einklang zu der Analysetechnik, die Werner Faulstich vorschlägt, wenn er den „Spielfilm als Traum“ begreift und schreibt:

„Symbolisieren heißt, einem Objekt oder einer Person eine zusätzliche, auf ein anderes Phänomen hindeutende Bedeutung zu verleihen; [...] Die Funktion der Symbolisierung ist deutlich eine Verschiebung, um Zusammenhänge neu zu verorten, ein Hinweis aus 'Eigentliches' [...]."7

3.) Musik als Einblick in die Psyche. Die psychische Konstitution eines Menschen kann so ausgedrückt werden und „kann in diesem Zusammenhang synchron, asynchron, informierend oder bildergänzend funktionieren8. Das psychisch-imaginative ist das entscheidende Element im Film, denn der Zuschauer muss die Handlungen des

Protagonisten nachvollziehen - also seine Psyche verstehen können“9.

3. Vanilla Sky und Kid A

VANILLY SKY kann in drei Teile aufgeteilt werden: Davids Leben vor dem Unfall, Davids Leben nach dem Unfall und Davids Leben im Traum. Die Handlung des Films ausführlich nachzuerzählen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, aus diesem Grund erfolgt eine, an die oben erwähnte Gliederung anknüpfende Skizzierung der Handlung, mit gleichzeitiger Einbeziehung der jeweils relevanten Musikstücke aus KID A10. Dabei wurde die eigentliche Struktur des Albums verändert, da der Film und die Musik zwar eine inhaltliche, aber keine chronologische Synchronizität aufweisen.

3.1 Vor dem Unfall: „Ich lebe den Traum!“

3.1.1 Everything In Its Right Place

„Everything / Everything in its right place / In its right place [] Yesterday I woke up sucking a lemon [] I've got two colours in my head / What was that you tried to say?“

David Aames ist der junge, millionenschwere Vorstand eines Verlagsimperiums in New York. Nach dem Tod seines oft körperlich und emotional abwesenden Vaters, kamen ihm 51% der Anteile zu. Dank seines guten Aussehens und seiner charmanten Art, darf David sich ohne Weiteres als beliebt ansehen. Steven Spielberg gehört zu seinen Freunden11, ein echter Monet hängt in seiner Wohnung, Rockstars schenken ihm ihre Gitarren und auch in New Yorks Damenwelt hat er sich gut eingelebt; sein Spitzname, „Citizen Dildo“, kommt nicht von ungefähr. Kurz gesagt: Er lebt den Traum. Die Welt ist in Ordnung. Alles ist an Ort und Stelle, da wo es sein sollte: Everything in its right place.

[...]


1 Vgl. Lissa, Zofia (1965) : Ästhetik der Filmmusik, Berlin: Henschel, S.70f

2 Unter anderem steht eine Nominierung für die Academy Awards, auch bekannt als Oscars, zu Buche.

3 Vgl. Kloppenburg, Josef (Hrsg.) (2012): Musik im Tonfilm. Das Handbuch der Filmmusik. Geschichte-Ästhetik-Funktionalität. Laaber: Laaber, S.276

4 Gleichzeitig betont Lissa, dass sämtliche erwähnten Funktionen nicht ausschließlich für sich stehen, sondern gleichzeitig auftreten oder sich überschneiden können, sodass fließende Grenzen entstehen, die auch individuell interpretierbar sind. (Vgl. Lissa, Zofia (1965) : Ästhetik der Filmmusik, Berlin: Henschel, S.248)

5 Ebd., S.106

6 Vgl. Ebd., S.202ff

7 Faulstich, Werner (2013): Grundkurs Filmanalyse. Paderborn: Wilhelm Fink, S.25

8 Vgl. Lissa, Zofia (1965): Ästhetik der Filmmusik, Berlin: Henschel, S.173

9 Reuter, Jasmin (2007): Wahrnehmung und Wirkung von Musik im Film. Anforderungen im genrespezifischen Kontext. Diplomarbeit: Stuttgart, S.31

10 Dabei wird das Instrumentalstück TREEFINGERS ausgelassen, welches eine instrumentale Repräsentation des Übergangs vom Leben zum Tod (bzw. in den Traum) markieren könnte, woraufhin hier aus Platzgründen allerdings nicht weiter eingegangen werden kann.

11 Tatsächlich hat „der echte Steven Spielberg“ einen Cameo-Auftritt auf Davids Geburtstagsparty.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Synchronizität zwischen "Kid A" und "Vanilla Sky"
Untertitel
Oder: Der Versuch einer multi-medialen Migration
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V283752
ISBN (eBook)
9783656833406
ISBN (Buch)
9783656833413
Dateigröße
937 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
synchronizität, vanilla, oder, versuch, migration
Arbeit zitieren
Lukas Lohmer (Autor), 2014, Die Synchronizität zwischen "Kid A" und "Vanilla Sky", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283752

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