Systemtheorie und Journalismus


Hausarbeit, 2004

24 Seiten, Note: 1,0 sehr gut


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Grundlagen der Systemtheorie

3. Autopoietische Systeme

4. Umwelt und Sinngrenzen

5. Element Kommunikation

6. Funktion von Journalismus.

7. Primärfunktion und Leistung .

8. Selbstbeobachtung durch Journalismus

9. Binärer Code

10. Struktur des Journalismus

11. Organisationen

12. Programme

13. Rollen

14. Strukturelle Kopplungen.

15. Interpenetration und Interdependenzen

16. Fazit.

Literatur.

1. Einleitung

„Welche Leistungen erbringt das System Journalismus für die Gesellschaft und wie erbringt es sie?“ ist die Frage, mit der ich mich in dieser Hausarbeit auseinandersetze. Um beantworten zu können, welche Leistungen Journalismus erbringt, denke ich, dass es nötig ist, zunächst das System Journalismus als gesellschaftliches Funktions- beziehungsweise Teilsystem zu beschreiben. Dazu gehe ich auf Ansätze verschiedener Autoren ein, die alle mit Hilfe der funktional-strukturellen Systemtheorie Modelle eines Subsystems Journalismus als Teilsystem unseres gesellschaftlichen Gesamtsystems erörtern. Dabei setze ich mich mit einigen grundlegenden Gedanken der soziologischen Systemtheorie auseinander, um darauf aufbauend eine systemtheoretische Beschreibung speziell für das Funktionssystem Journalismus entwickeln zu können.

Um nicht nur möglichst umfassend Leistungen des Systems Journalismus für die Gesellschaft darzustellen, sondern auch zu analysieren, wie es diese Leistungen erbringt, werde ich auf die innere Struktur des Systems Journalismus eingehen. An die Leistungen eines Systems sind immer verschiedene Funktionen und Aufgaben geknüpft, die sich mit dem System in einer Gesellschaft herausdifferenziert haben und die nur dann erfüllt werden können, wenn auch die innere Struktur des Systems funktioniert. Dazu erkläre ich auf der Meso- und Mikroebene die Notwendigkeit einer operativ geschlossenen, inneren Struktur des Systems Journalismus mit seinen eigenen Programmen, Organisationen und Rollen.

Auf der Makroebene stelle ich Beziehungen zwischen autopoietischen Systemen zu ihrer Umwelt dar. Dabei gehe ich auf Interdependenzen und strukturellen Kopplungen zu anderen Systemen ein und erörtere in diesem Zusammenhang weitere Leistungen, die das System Journalismus für seine Umwelt erbringt und die über die „klassischen“ Leistungen hinausgehen. Dabei wird deutlich, inwieweit Leistungen eines Funktionssystems für seine Umwelt mit strukturellen Kopplungen zu anderen Teilssystemen der Umwelt verbunden sind. Daran aufbauend diskutiere ich abschließend eine Zuordnung von Journalismus im Gesellschaftsgesamtsystem und welche Auswirkungen Interdependenzen mit anderen Systemen auf das Funktionssystem Journalismus haben – und auf die Leistungen, die es erbringt.

Ich gehe in meiner Hausarbeit nicht auf konstruktivistische oder handlungstheoretische Ansätze ein.

2. Grundlagen der Systemtheorie

Häufig herrscht eine relative Sprachlosigkeit zwischen zwei wissenschaftlichen Kulturen, der naturwissenschaftlich-technischen Kultur und der geisteswissenschaftlich-literarischen Kultur. Diese Spaltung zwischen den Kulturen konstatierte Charles Percy Snow 1967.[1] Sie spiegelt sich auch deutlich in der unterschiedlichen Umgangsweise mit der Systemtheorie und ihren Begriffen wider (vgl. Ropohl 1979: 108). Das macht es nicht leicht, in der Systemtheorie einheitliche Axiome und Definitionen zu finden. Zwischen Soziologen und Naturwissenschaftlern herrscht vor allem eine Trennung zwischen der soziologischen, funktional-strukturellen Systemtheorie und der mathematisch-kybernetischen Systemtheorie. Letztere gebraucht der Technikphilosoph Günter Ropohl und das nicht, ohne sich vorher von Systemtheoretikern aus dem soziologischen Lager abzugrenzen. „Es hat den Anschein als verdanke Habermas seine Kenntnisse der kybernetischen Systemtheorie fast durchweg den eigenwilligen Umdeutungen Luhmanns, und es soll uns nicht weiter stören, wenn zwei Blinde über Farbe streiten“ (Ropohl 1979: 85). Er wirft Luhmann „hermeneutische Kreativität in der Umdeutung und Vernebelung von Begriffen“, vor und weiter den „fahrlässigen Umgang mit Begriffen“, als auch „schillernde Verbalmagie mit philosophischer Tiefe“ zu verwechseln (vgl. Ropohl 1979: 83). Es nimmt schon persönliche Züge an, wenn Ropohl schreibt: „Dass Luhmann von dieser präzisen mathematisch-kybernetischen Systemtheorie, die er zu radikalisieren vorgibt, herzlich wenig versteht, dokumentiert er überdies mit einem Stufenschema“ (Ropohl 1979: 83 f.). Schon 34 Seiten vorher beschuldigt er Habermas und Luhmann den „metaphysischen Spekulationen“ und dass solch „systemtheoretischer Dilettantismus“ auf „ärgerliche Weise erheblich die Reputation der seriösen Systemtheorie in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit“ belaste (Ropohl 1979: 49).

Trotz dieser frühen Kritik aus dem naturwissenschaftlichen Lager wurde die strukturell-funktionale Systemtheorie seither stark weiterentwickelt und ist heute in der Scientific Community eine akzeptierte Methode, gesellschaftliche Zusammenhänge zu analysieren und zu beschreiben und so ein besseres Verständnis unserer Welt zu erlangen. Um Vorgänge in unserer Welt besser zu verstehen, untersuchen eine Vielzahl anderer wissenschaftlicher Theorien häufig voneinander isolierte Einzelphänomene. In der Systemtheorie geht es hingegen nicht darum, ein Individuum und seine Funktion für zum Beispiel eine Gesellschaft zu erklären, sondern auf der sogenannten Makroebene[2] die Vernetzung von Einzelphänomenen zu einer als System bezeichneten Ganzheit zu erfassen (vgl. Kohring 2000: 154). Das führt dazu, dass sich ein System nicht allein durch seine Einzelphänomene ausreichend beschreiben lässt, sondern erst dann, wenn die gegenseitigen Wechselbeziehungen zwischen diesen Bestandteilen des Systems beschrieben werden. Zentraler Gegenstand der Systemtheorie ist damit „die Organisationsform der komplexen Wechselbeziehung zwischen einzelnen Elementen“ (Kohring 2000: 154). Was Bestandteil eines Systems ist und was nicht und somit automatisch zur Umwelt[3] des Systems gehört, lässt sich erst nach der genauen Art und Weise, wie ein System seine Bestandteile miteinander verbindet, bestimmen.

3. Autopoietische Systeme

Das Konzept und der Begriff der Autopoiesis wurde von den chilenischen Biologen Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela 1972 eingeführt, um ein für alle Lebewesen gültiges Organisationsprinzip zu definieren. In der Soziologie sind autopoietische Systeme selbsterhaltende und selbstherstellende Systeme, da sie die notwendigen Bestandteile für die Erhaltung ihrer Struktur selbst produzieren und insofern autonom sind, als dass kein anderes Umweltsystem Einfluss auf die Verarbeitung von Ereignissen innerhalb der Strukturen eines Systems nehmen kann. Auch die Grenzen solcher Systeme produzieren sich durch eine ständige Unterscheidung, was zur Umwelt und was zum System gehört, immer neu. Sie sind geschlossene Systeme, was ihre innere Struktur anbelangt, jedoch nicht autark[4], da sie den Austausch mit anderen Teilsystemen benötigen, um zu funktionieren. Für solch eine Aufnahme von Ressourcen aus anderen Systemen hat ein autopoietisches System geöffnete Grenzen. Denn es muss in einer Wechselbeziehung mit seiner Umwelt (Interdependenz) stehen, um einen Sinn zu haben, seine Grenzen festzulegen und eine Funktion für das Gesamtsystem, oder das Muttersystem, dem es angehört, erfüllen zu können.

Jedes Subsystem in einer Gesellschaft, das eine gesamtgesellschaftliche Funktion und Relevanz hat und daher auch als soziales System bezeichnet werden kann, verfügt über seine eigenen Strukturen und verarbeitet Einflüsse von anderen Systemen anders, als andere Systeme. In diesem Sinne sind Systeme operational voneinander unabhängig, obgleich das nicht bedeutet, dass sie gegenüber Umwelteinflüssen geschlossen wären. Nur mit der wesentlichen Unterscheidung, dass die Art und Weise, wie ein grenzüberschreitendes Ereignis innerhalb eines Systems verarbeitet wird, der Selbstorganisation des Systems überlassen ist. Die Organisation der Wechselbeziehungen zwischen den Elementen, die ein System bilden, ist also von den jeweiligen Strukturen des Systems abhängig (selbstreferentiell) und somit immer unterschiedlich organisiert. Dies wird auch als Selbstorganisation bezeichnet. Solche Systeme sind autopoietische Systeme (vgl. Luhmann 1996: 49).

4. Umwelt und Sinngrenzen

Als Umwelt wird alles bezeichnet, was nicht zum System gehört; beziehungsweise werden alle anderen Systeme bezeichnet, die mit dem betrachteten System eine Ganzheit bilden, zum Beispiel in Form einer Gesellschaft. Unser modernes Gesellschaftssystem besteht aus verschiedenen Teilsystemen, die alle eine Funktion für die Gesellschaft übernehmen. Nur so lässt sich ein so komplexes Gebilde wie eine Gesellschaft, mit all ihren Teilbereichen und Subsystemen überhaupt erfassen und organisieren. Diese Gesellschaftssysteme nennen sich auch Funktionssysteme. Jedes Funktionsystem hat abstrakt gesehen die Aufgabe, aus den prinzipiell unendlich vielen Möglichkeiten eintreffender Ereignisse in einer Gesellschaft eine Auswahl[5] zu treffen und dadurch die Komplexität und Vielschichtigkeit gesellschaftlicher Ereignisse auf ein überschaubares Maß in dem Bereich, in dem das jeweilige System zuständig ist, zu reduzieren (vgl. Horster 1997: 55 ff.). Systeme bieten Individuen so Hilfe, Komplexes zu überschauen. Nach welchen Kriterien oder auch nach welchen grundlegenden Unterscheidungen ein Teilsystem solch einen Selektionsprozess durchführt, macht den Unterschied zu seiner Umwelt aus. Diese grundlegende Unterscheidung, nach der selektiert wird, nennt sich binärer, also zweiwertiger, Code [6]. So gilt zum Beispiel als binärer Code für das wissenschaftliche System wahr/unwahr, für das der Wirtschaft haben/nicht haben. Es gibt also immer einen positiven und den entgegengesetzten negativen Wert, der die Selbstbestimmung des Systems darstellt. Eine dritte Möglichkeit wird kategorisch ausgeschlossen. Wenn ein System einen binären Code zur Grundlage hat, also sein Selektionsprozess nach einer grundlegenden Unterscheidung hin ausgerichtet werden kann, bestehen Sinngrenzen zu anderen Systemen mit anderen Leitcodes. Dadurch entsteht eine definierte Funktion für das System im gesamtgesellschaftlichen Kontext, da die klare Ausrichtung eines Teilsystems eine Orientierungshilfe innerhalb der Gesellschaft bietet und somit einen Teil der sozialen Ordnung im Zusammenspiel mit anderen Teilsystemen ermöglicht.

In Gesellschaften bilden sich also Systeme, um mit neuen Problemen und Ereignissen umzugehen, für die es noch kein entsprechendes Sinnsystem gibt. So führte zum Beispiel die zunehmende Urbanisierung in der Menschheitsgeschichte zur Notwendigkeit von Verwaltung und Organisation einer Gesellschaft und zur Bildung eines Teilsystems Verwaltung und gleichzeitig zu einer stetigen Ausprägung und Erweiterung des Politiksystems. Niklas Luhmann definierte solche Typen von Systemen als Funktionssysteme. „Eine Gesellschaft kann als funktional differenziert bezeichnet werden, wenn sie ihre wichtigsten Teilsysteme im Hinblick auf spezifische Probleme bildet, die dann in den jeweils zuständigen Funktionssystemen gelöst werden müssen“ (Luhmann 1987: 34).

5. Element Kommunikation

Sinngrenzen sind also notwendig, um nicht autarke Systeme differenzieren zu können und ihre jeweilige gesellschaftliche beziehungsweise soziale Funktion zu bestimmen. Es muss dabei bedacht werden, dass diese Systeme nicht elementar aus menschlichen Handlungen bestehen, da sich Menschen in einer Gesellschaft nie in nur einem sozialen System bewegen oder agieren, sondern immer auch in anderen. Im Vergleich zu anderen Ansätzen in der Soziologie, menschliche Handlungen als kleinste Bestandteile sozialer Systeme zu verstehen, herrscht in der neueren Systemtheorie[7] die Auffassung vor, dass soziale Systeme aus Kommunikationen bestehen. Ein soziales System kommt zustande, wann immer ein autopoietischer Kommunikationszusammenhang entsteht und sich durch Einschränkung der geeigneten Kommunikation gegen eine Umwelt abgrenzt. Soziale Systeme bestehen demnach nicht aus Menschen als geschlossene Bewusstseinssysteme oder aus Handlungen, sondern aus „Kommunikation zwischen Menschen“ (Horster 1997: 98). Die kleinsten Einheiten in Systemen sind nach Luhmann die Gedanken der Systemteilnehmer. Diese Systemteilnehmer, also Menschen oder auch Bewusstseinssysteme, sind für sich geschlossene Systeme und wären ohne die Möglichkeit zur Kommunikation nicht in der Lage, mit den anderen Bewusstseinsystemen in Verbindung zu treten, sich gegenseitig zu beeinflussen und auszutauschen. (vgl. Horster 1997: 98 ff.). Menschen gelten als geschlossenes Bewusstseinssystem, da sie zunächst aus biologischer Sicht ein geschlossenes System darstellen[8] und zudem nicht in der Lage sind, ihre Gedanken, die einzig und allein sie selbst kennen und die in ihrem, für die Außenwelt zunächst geschlossenen, Bewusstseinssystem verborgen sind, direkt an andere zu vermitteln. Sie müssen erst kanalisiert und in eine Kommunikationsform (zum Beispiel Sprache, Schrift etc.) gewandelt werden, um ein anderes Individuum beziehungsweise geschlossenes Bewusstseinssystem zu erreichen. Kommunikationen sind damit kleinstes notwendigstes Element zur strukturellen Funktionalität eines gesellschaftlichen Teilsystems. Gleichzeitig bedeutet es für soziale Systeme, dass sie, wenn sich durch Kommunikation ihre Funktion ermöglicht, auch nur durch Kommunikation ihre Bedeutung und Sinngrenze festgelegt werden kann. Um eine Sinngrenze festzulegen, beschränkt Kommunikation also auf den Sinn eines Teilsystems und grenzt es so gleichzeitig von seiner Umwelt ab.

[...]


[1] Vgl. C.P. Snow 1967.

[2] Auf der Makroebene werden Beziehungen zwischen Teilsystemen einer Gesellschaft untersucht.

[3] Die Grenzen eines Systems definieren sich dadurch, was nicht dazugehört, also als „Differenz zwischen System und Umwelt“ (Rühl 2000: 155).

[4] Autarkie bedeutet die völlige Unabhängigkeit von der Umwelt (vgl. Scholl/Weischenberg 1998: 63).

[5] Ein Selektionsprozess, der den jeweils systemsystemspezifischen Leitcode zur Grundlage hat (vgl. Scholl/Weischenberg 1998: 63f).

[6] Begriff, der in der Soziologie ein Schema für eine grundlegende Unterscheidung meint.

[7] Funktional-strukturelle Theorie nach Parson/Luhmann.

[8] Die einzelnen Organe, als Teilelemente des Körpers ermöglichen ein Funktionieren des biologischen Gesamtsystems Mensch.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Systemtheorie und Journalismus
Hochschule
Hochschule Bremen  (Journalistik)
Veranstaltung
Theorie sozialer Systeme
Note
1,0 sehr gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
24
Katalognummer
V28385
ISBN (eBook)
9783638301817
ISBN (Buch)
9783638649780
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systemtheorie, Journalismus, Theorie, Systeme
Arbeit zitieren
Tim Cappelmann (Autor), 2004, Systemtheorie und Journalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28385

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