Technik und Fachjournalismus - eine systemtheoretische Betrachtung


Hausarbeit, 2004

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. These

3. Streit zwischen den Schulen

4. Definition von Technik

5. Ontogenese von Technik.

6. Technik als System

7. Gefährlich: Selbstreferentialität von Technik.

8. Technik und Macht

9. Öffentlicher Diskurs

10. Journalismus als System.

11. Technischer Fachjournalismus als System

12. Zusammenfassung

13. Kommunikation von Technik und Natur.

14. Technik ist überall

15. Fazit.

Literatur.

1. Einleitung

Wir leben in einem technischen Zeitalter. Unsere Welt ist eine künstliche geworden, der Mensch hat sie zu großen Teilen selbst gemacht und geformt: Der Biotop ist zum „Technotop“ (vgl. Rophol 1979: 12) geworden. Die Lebensbedingungen, die wir in westlichen Industrieländern überwiegend erfahren, sind von Technik geprägt; technische Hilfsmittel und Infrastruktur werden immer unentbehrlicher. Wir arbeiten am Computer oder an Maschinen, kommunizieren mittels Technik (Telefon, Internet), bewegen uns in Autos, Straßenbahnen oder Flugzeugen fort und nutzen die Vorzüge hochtechnisierter Medizin. Unser Leben ist abhängig von technischen Geräten, unser Haushalt funktioniert durch Technik und unsere Verbrauchsgüter werden überwiegend in automatisierten Prozessen hergestellt. Es lässt sich schwer sagen, inwieweit Technik bereits in die Selbstformation des Menschen und in sein Selbstverständnis eingegangen ist – sicher ist, dass ein Prozess der Technisierung unseres Lebens stattfindet, der noch nicht abgeschlossen ist.

2. These

Durch die zunehmende Bedeutung von Technik in unserer Zivilisation und der Technisierung menschlichen Lebens wird der öffentliche Diskurs über Technik, technische Entwicklungen und deren Folgeabschätzungen immer wichtiger und notwendiger. Denn technische Entwicklung steht immer in Zusammenhang mit gesellschaftlicher Entwicklung und damit verbunden auch in engem Zusammenhang mit der Steuerung von Macht. Entsteht daher nicht gerade eine neue Notwendigkeit, verstärkt Öffentlichkeit über Entwicklungen in der Technik, die das gesellschaftliche Leben entscheidend mit beeinflussen und verändern, herzustellen? Informationen über ein soziotechnisches System für andere gesellschaftliche Teilsysteme, vornehmlich Politik, Wirtschaft, Öffentlichkeit, Wissenschaft, Natur/Ökologie zu kommunizieren? Dem System Journalismus und daraus ausdifferenziert einem technischen Fachjournalismus könnte diese Aufgabe und daran gekoppelt eine Kritik- und Kontrollfunktion über ein soziotechnisches System zukommen. Die These dieser Hausarbeit lautet daher:

Technischer Fachjournalismus erfüllt eine wichtige Funktion als Vermittler von Informationen zwischen dem soziotechnischen Teilsystem und anderen gesellschaftlichen Funktionssystemen sowie als Kontrollinstanz bei der Technikfolgeabschätzung.

In meiner Hausarbeit werde ich mit Hilfe der soziologischen Systemtheorie[1] Technik als gesellschaftliches Teilsystem beschreiben und daraus resultierend verschiedene Aspekte der Interdependenzen[2] des soziotechnischen Systems mit anderen Teilsystemen erläutern. Anschließend werde ich den technischen Fachjournalismus als Subsystem von Journalismus definieren und seine Funktionen und Aufgaben in Bezug zum soziotechnischen System erörtern.

3. Streit zwischen den Schulen

In der Technikkommunikation herrscht eine relative Sprachlosigkeit zwischen zwei wissenschaftlichen Kulturen, der naturwissenschaftlich-technischen Kultur und der geisteswissenschaftlich-literarischen Kultur. Diese Spaltung zwischen den Kulturen konstatierte Charles Percy Snow 1967.[3] Sie spiegelt sich auch deutlich in der unterschiedlichen Umgangsweise mit der Systemtheorie und ihren Begriffen wider (vgl. Ropohl 1979: 108). Das macht es nicht leicht, einheitliche Axiome und Definitionen zu finden, um ein soziotechnisches System oder ein Subsystem Technik zu beschreiben. Zwischen Soziologen und Techniktheoretikern herrscht vor allem eine Trennung zwischen der soziologischen, strukturell-funktionalen Systemtheorie und der mathematisch-kybernetischen Systemtheorie. Letztere gebraucht der Technikphilosoph Günter Ropohl in Verbindung mit anderen soziologischen Ansätzen, um seine Systemtheorie der Technik zu erstellen, beziehungsweise ein Beschreibungsmodell der Technik zu entwickeln. Es geht ihm bei dieser Untersuchung „um eine pragmatische Sozialphilosophie der Technik“ (Ropohl 1979: 19) – und das nicht, ohne sich vorab von Systemtheoretikern aus dem soziologischen Lager deutlich abzugrenzen: „Es hat den Anschein als verdanke Habermas seine Kenntnisse der kybernetischen Systemtheorie fast durchweg den eigenwilligen Umdeutungen Luhmanns, und es soll uns nicht weiter stören, wenn zwei Blinde über Farbe streiten“ (Ropohl 1979: 85). Er wirft Luhmann „hermeneutische Kreativität in der Umdeutung und Vernebelung von Begriffen“, vor und weiter den „fahrlässigen Umgang mit Begriffen“, als auch „schillernde Verbalmagie mit philosophischer Tiefe“ zu verwechseln (vgl. Ropohl 1979: 83). Es nimmt schon fast persönliche Züge an, wenn Ropohl schreibt: „Dass Luhmann von dieser präzisen mathematisch-kybernetischen Systemtheorie, die er zu radikalisieren vorgibt, herzlich wenig versteht, dokumentiert er überdies mit einem Stufenschema“ (Ropohl 1979: 83 f.). Schon 34 Seiten vorher beschuldigt er Habermas und Luhmann den „metaphysischen Spekulationen“ und dass solch „systemtheoretischer Dilettantismus“ auf „ärgerliche Weise erheblich die Reputation der seriösen Systemtheorie in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit“ belaste (Ropohl 1979: 49). Im Wissen um diese Kritik an der soziologischen Systemtheorie ist es dennoch möglich, Technik als soziotechnisches Funktions- und Sinnsystem zu beschreiben – auch im Sinne von Ropohl.

4. Definition von Technik

Es gibt eine Vielzahl verschiedener Möglichkeiten, Technik zu definieren. Befasst man sich mit den verschiedenen Thesen, die Technik beschreiben, so scheint es fast schon eine Glaubensfrage zu sein, welche davon einer zulässigen Definition am nächsten kommt. Außerdem müssen die verschiedenen Ansätze eingebettet in die jeweilige historische Epoche gesehen werden, um sie und ihre Entwicklung besser nachvollziehen zu können. So besagt zum Beispiel Helmut Schelskys Technokratiethese von 1965, Technik gehorche einer endogenen Eigengesetzlichkeit, die dem Menschen jede Möglichkeit bewusster Planung und Gestaltung verstelle, ihn zum willenlosen Spielball seiner eigenen Konstrukte mache und seiner ursprünglichen Natur entfremde (vgl. Schelsky 1965: 439 f.). Eine Ansicht, die in den späten 1960er und 1970er Jahren mit Aufkommen der Umweltschutzbewegungen und einer tendenziellen Technikskepsis in der Gesellschaft aufgrund undurchsichtiger möglicher Folgen technischer Entwicklungen von vielen Menschen geteilt wurde. Heute wird diese Ansicht als technischer Revisionismus gesehen, dem ein romantischer „Zurück-zur-Natur-Gedanke“ vorausgeht (vgl. Ropohl 1979: 15). Er ist ebenso überholt wie die blinde Technikgläubigkeit von der Industrialisierung bis zu den frühen 1960er Jahren, die Technik gleich dauerhafter Massenbedürfnisbefriedigung setzte. „Fortschritt in der Technik war gleich Fortschritt in der Freiheit, der Wohlfahrt, der Sicherheit des Glücks. Insofern konnte er als unhinterfragte Rechtfertigung für technologische Innovationen dienen“ (Hennen 1997: 193).

Eine passende Technikbeschreibung beinhaltet eine Ambivalenz, die Joseph Schumpeter[4] mit seiner Definition von technischem Fortschritt als „Prozess zerstörerischer Schöpfung“ treffend bezeichnet (vgl. Firnberg 1981: 1). Prinzipiell unterscheiden sich gängige Definitionsansätze in technological determinism und symptomatic technology. Der Ansatz des technologischen Determinismus besagt, dass Forschung und Industrie technische Produkte zur Verfügung stellen, die gesellschaftliche Veränderungen bewirken. Der „Technik als Symptom“-Ansatz geht davon aus, dass Politik, Wirtschaft und andere Faktoren die Gesellschaft verändern. Technik ist dabei nur ein Nebenprodukt.[5] Die Symbiose dieser beiden Ansätze machte Raymond Williams 1974 mit seinem „Cultural Studies Approach“.[6] Darin vertritt er die Ansicht, dass Technik immer in einen interdependenten gesellschaftlichen Zusammenhang eingebunden ist. Sein Konzept beinhaltet also die Wechselwirkung von technischer Entwicklung, ökonomischen Faktoren, kulturellen Aspekten und sozialer Entwicklung in einer Gesellschaft und stellt einen Ansatz dar, Technik systemtheoretisch zu beschreiben. Aber auch bei der Entstehung von technischen Systemen wird deutlich, inwiefern andere Teilsysteme in Interdependenz zum soziotechnischen System stehen.

5. Ontogenese von Technik

Ropohl beschreibt die Ontogenese von Technik in vier Phasen: Kognition, Invention, Innovation und Diffusion. Unter Kognition versteht er den Prozess naturwissenschaftlicher Forschung. Allerdings beginnt nicht jede technische Ontogenese mit einer Kognition, noch geht sie notwendig in die Phase der Invention über. „Vielmehr halten wir, da unserer Ansicht nach Technik nicht in angewandter Naturwissenschaft aufgeht, das Übergangsverhältnis zwischen Kognition und Invention für recht locker“ (Ropohl 1979: 273). Unter Invention versteht er die tatsächliche technische Konzipierung, die „eigentliche Erfindung eines Sachsystems“ (Ropohl 1979: 274). Im Übergang von der Phase der Kognition zur Invention liegt das Schlüsselmoment in der Ontogenese von Technik. Denn nicht alles, was gebaut wird und funktioniert, lässt sich wissenschaftlich erklären und nicht alles, was theoretisch funktioniert, lässt sich auch tatsächlich bauen.[7] „Sachsysteme brauchen also nicht unbedingt die Phase der Kognition durchgemacht zu haben, während die Phase der Invention konstitutiv für die ontogenetische Entwicklung ist“ (Ropohl 1979: 274). Angesichts einer Vielzahl von Inventionen, die nie der praktischen Verwertung zugeführt wurden, beschreibt die Phase der Innovation die, in der „die Invention mit Erfolg technisch-wirtschaftlich realisiert wird“ (Ropohl 1979: 274). Nachfolgende Varianten von Innovationen werden als Imitationen bezeichnet. Sie markieren den Übergang zur letzten Phase der Ontogenese, der Diffusion. Sie ist dann eingetreten, wenn eine Technik, beziehungsweise ein technisches Sachsystem, allgemein gesellschaftlich verwendet wird. Dann volllzieht sich auch der Wandel vom technischen Sachsystem in ein soziotechnisches System.

[...]


[1] Strukturell-funktionale Theorie nach Parson/Luhmann.

[2] Wechselbeziehungen autopoietischer Systeme aufgrund geöffneter Grenzen.

[3] Vgl. C.P. Snow 1967.

[4] Joseph A. Schumpeter (1883-1950); bekannter österreichischer Ökonom

[5] Vgl. A. Schümchen 1998: 4

[6] Vgl. R. Williams 1974: 28 f.

[7] So gibt es technische Problemlösungsverfahren, die man wissenschaftlich nicht verstanden hat, aber die, pragmatisch gesehen, befriedigend sind (zum Beispiel der Gewölbebau der Römer). Umgekehrt gibt es wissenschaftliche Einsichten in Prozesse, die deshalb technisch noch nicht realisierbar oder beherrschbar sind (zum Beispiel Kernverschmelzung, Wasserstoffenergie) (vgl. Kornwachs 1993: 52).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Technik und Fachjournalismus - eine systemtheoretische Betrachtung
Hochschule
Hochschule Bremen  (Journalistik)
Veranstaltung
Fachjournalistik
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V28386
ISBN (eBook)
9783638301824
ISBN (Buch)
9783640860074
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Technik, Fachjournalismus, Betrachtung, Fachjournalistik
Arbeit zitieren
Tim Cappelmann (Autor), 2004, Technik und Fachjournalismus - eine systemtheoretische Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28386

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