Altersarmut in der Bundesrepublik Deutschland. Ausmaß, Ursachen und Entwicklungen.


Bachelorarbeit, 2014

39 Seiten, Note: 2,5

Marie Bolderer (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund und Entwicklungen der letzten Jahrzehnte

3. Definition und Messung von Armut
3.1. Armut
3.2. Armutsmessung anhand von Einkommen
3.3. Das Lebenslagenkonzept

4. Die Rolle des Wohlfahrtsstaates

5. Das derzeitige Ausmaß
5.1. Einkommensarmut
5.2. Ausmaß nach dem Lebenslagenkonzept
5.3. Regionale Unterschiede innerhalb Deutschlands
5.4. Geschlechtsspezifische Unterschiede
5.5. Personen mit Migrationshintergrund

6. Ausblick: zur zu erwartenden Entwicklung der Altersarmut in der BRD im mittelfristigen Blick
6.1. Prekäre Erwerbsverläufe - Arbeitslosigkeit als Hauptproblem
6.2. Entwicklungen in den neuen Bundesländern
6.3. Entwicklungen der Geschlechterdiskrepanz
6.4. Entwicklungen bei Personen mit Migrationshintergrund

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Altersarmut gilt in der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung der Bundesrepublik Deutschland seit den 1950er Jahren als praktisch nicht mehr vorhanden. Der vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung nennt die materielle Situation älterer Menschen „überdurchschnittlich gut“ (BMAS 2013, S. XXXVIII). Ende 2011 waren „von den Leistungsberechtigten in der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung (Sozialhilfe nach dem SGB XII) 436.210 Personen 65 Jahre und älter. Dies entspricht rund 2,6 Prozent der Bevölkerung in dieser Altersgruppe“ (ebd.). Der Armuts- und Reichtumsbericht zieht daraus die Schlussfolgerung, dass der „geringe Anteilswert […] deutlich [macht], dass Bedürftigkeit im Alter heute kein Problem darstellt“ (ebd.). Korte spricht davon, dass „noch nie eine ganze Altengeneration so reich wie heute“ war (1999, S. 281). „Jeder zweite Seniorenhaushalt lebt im eigenen Haus, westdeutsche Rentner sind Spitzensparer, ihre Sparguthaben sind doppelt so hoch wie die der Arbeitnehmer“ (ebd.).

Ganz so glanzvoll sah und sehen es jedoch die oppositionellen Parteien und Sozialverbände nicht. Der Paritätische Wohlfahrtsverband etwa erwartet bis 2025 einen Anstieg „der über 65-Jährigen, die auf staatliche Grundsicherung im Alter angewiesen sind“ auf zehn Prozent (Der Paritätische Wohlfahrtsverband Hamburg e.V. 2012, o.S.). In den letzten Jahren rückte die hiesige Altersarmut wieder zunehmend in den Fokus medialer und öffentlicher Aufmerksamkeit. Dies ist zum Großteil sicherlich darauf zurückzuführen, dass die Zahl der von Altersarmut Betroffenen oder Bedrohten steigt - 2006 bezogen rund 343.000 Personen Grundsicherung im Alter (vgl. Boeckh 2008, S. 292), 2012 waren es rund 465.000 Personen, 6,6 Prozent mehr als im Jahr zuvor (vgl. Spiegel Online 2013). Das sind 2,7 Prozent der Senioren - 2012 war es der höchste Wert seit Einführung der Grundsicherung im Jahr 2003 (vgl. ebd.).

Kirchen und Sozialverbände warnen in den letzten Jahren regelmäßig vor drohender Altersarmut (vgl. u.a. Sozialverband VdK 2014, o.S.). Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamt- wirtschaftlichen Entwicklung hingegen spricht in seinem Jahresgutachten 2011/2012 von „Altersarmut als einem gesellschaftlich nicht relevanten Problem: Schließlich hätten 2010 lediglich 2,4 Prozent der Personen über 64 Jahre die Grundsicherung in Anspruch genommen“ (Bujard 2012, S. 88). Allerdings sieht selbst der Sachverständigenrat, dass „aufgrund der Entwicklungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Prognose angebracht [sei], dass das Altersarmutsrisiko steigen“ werde (ebd.). Zu den verantwortlichen Entwicklungen der letzten beiden Jahrzehnte zählen unter anderem „die Situation auf dem Arbeitsmarkt und die Absenkung des Rentenniveaus im Jahr 2001, die Arbeitslosigkeit und die steigende Zahl der Soloselbstständigen“ (ebd.). Zu sagen ist: Insgesamt geht es „den Alten“ gut und besser, als Jahrzehnte zuvor. Jedoch ist Altersarmut in der Bundesrepublik Deutschland vorhanden. Im Vergleich etwa zur Armut, die Kinder und Jugendliche betrifft, sind relativ wenige Personen von Altersarmut betroffen. Wie hoch der Anteil der „Armen“ unter der älteren Bevölkerung genau ist, differiert je nach Definition und Quelle. Mit Blick auf verschiedene Quellen sowie die Daten des statistischen Bundesamtes lässt sich jedoch sagen, dass etwa 15 Prozent der „Alten“ von Armut betroffen oder zumindest gefährdet sind.

Bei der Betrachtung von Altersarmut wird der Blick überwiegend auf Rentnerinnen und Rentner gerichtet. Ein nicht zu vernachlässigender Anteil an Ruheständlern in Deutschland, in den alten Bundesländern in weit größerer Zahl, als in den neuen, bezieht eine Pension. Dies traf zu Beginn des Jahres 2013 auf rund 1.130.000 Ruheständler in der Bundesrepublik zu (vgl. Statista 2014). Anteilig machten im Jahr 2008 Pensionen in den westdeutschen Bundesländern 11 Prozent der Haushaltsbruttoeinkommen dieser Bevölkerungsgruppe aus (vgl. Noll/ Weick 2013, S. 118). Allerdings wird in nahezu allen Untersuchungen zur Altersarmut nicht zwischen Rentnerinnen bzw. Rentnern und Pensionärinnen bzw. Pensionären unterschieden. Darüber hinaus würde eine Unterteilung im Rahmen dieser Bachelorarbeit ebenfalls zu weit führen. Für eine Darstellung des Ausmaßes von Altersarmut macht es in dieser Arbeit keinen Unterschied, ob die Betroffenen oder Bedrohten eine (geringe) Rente oder Pension beziehen. Mit wenigen Ausnahmen sind von Altersarmut jedoch Pensionärinnen und Pensionäre nicht betroffen. Sowohl deshalb, als auch für den Lesefluss wird in dieser Arbeit lediglich von Rentnerinnen und Rentnern oder allgemein von Ruheständlern gesprochen.

Die vorliegende Arbeit will das Ausmaß der vorhandenen Altersarmut darstellen. Dabei wird zunächst die historische Entwicklung seit Einführung der Altersversicherung aufgeführt. Anschließend wird eine Definition für den Armuts- und den Alters-Begriff entwickelt, die den im Weiteren aufgeführten Daten zugrunde liegt. Kapitel 4 befasst sich mit der Rolle des Wohlfahrtsstaates, der maßgeblichen Einfluss auf das Vorkommen und Ausmaß von Altersarmut hat. In Abschnitt 5 wird dann das derzeitige Ausmaß an Altersarmut sowie dessen Ursachen dargestellt, wobei Daten zu den drei Hauptgruppen von Betroffenen zusammengetragen wurden: Frauen im Vergleich zu Männern, Alte und Ältere in Ostdeutschland im Vergleich zu Westdeutschland und Personen mit Migrationshintergrund. Zwar gibt es noch weitere Gruppen von Betroffenen, jedoch fallen diese deutlich kleiner aus. Da eine weitere Ausdifferenzierung den Rahmen einer Bachelorarbeit bei Weitem sprengen würde, wird der Fokus hier nur auf den drei genannten Gruppen liegen.

Nach der Darstellung des gegenwärtigen Ausmaßes folgt ein Ausblick auf die zu erwartende Altersarmut in der Bundesrepublik Deutschland in den nächsten Jahrzehnten. Abschließend wird ein Fazit zu den herausgearbeiteten Daten und absehbaren Entwicklungen gezogen.

2. Historischer Hintergrund und Entwicklungen der letzten Jahrzehnte

Im Rahmen der Bismarckschen Sozialgesetzgebung wurde 1889 die Altersversicherung eingeführt (vgl. Schäfers 2012, S. 218). Zunächst galt sie nur für Arbeiter, Angestellte wurden im Jahr 1911 mit einbezogen, bis 1972 wurde sie etappenweise für alle Sozialgruppen geöffnet (vgl. ebd., S. 223). Seit einer grundlegenden Reform der Rentenversicherung 1957 beruht sie auf dem Generationenvertrag, wonach die derzeit Erwerbstätigen das Renteneinkommen der nicht mehr arbeitenden Bevölkerung erwirtschaften (vgl. ebd.). Noch in den 1960er und 1970er Jahren waren - „sofern als Kriterium der Armut der jeweilige Bedarfssatz der Sozialhilfe gewählt wird“ (Bujard 2012, S. 83) - sieben Armutsuntersuchungen des Kölner Instituts für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik zufolge im Durchschnitt 15 bis 20 Prozent der Altenbevölkerung arm (vgl. ebd.). Ergebnisse des Mikrozensus aus dem Jahr 1971 „bescheinigen 20,8 Prozent der Über-64- Jährigen ein monatliches Einkommen unter 300 DM [das durchschnittliche Monatsbruttoeinkommen betrug rund 1245 DM (vgl. bmjv)]. Betroffen waren vor allem Frauen, die über 80 Prozent dieser Einkommensgruppe stellten“ (ebd.). Für das Jahr 1974 errechnete Heiner Geißler in seiner Studie zur „Neuen Sozialen Frage“ 2,3 Millionen Rentnerinnen und Rentner, „deren Einkommen unter den Bedarfssätzen der Sozialhilfe lag. In dieser Rechnung fehlen allerdings die Personen über 65 Jahre ohne Rentenanspruch. Dabei handelt es sich in erster Linie um Frauen“ (Bujard 2012, S. 84). Nicht zu vernachlässigen ist sicher auch die „Dunkelziffer“ armer Personen ab 65 Jahren, die wegen niedriger Renten durchaus einen Anspruch auf staatliche Unterstützung hätten, diesen jedoch aufgrund von Unwissenheit oder Scham nicht geltend machen. Bujard zufolge machte Mitte der 1970er Jahre „die Hälfte ihre Ansprüche nicht geltend“ oder „Anspruchsberechtigte kamen erst viele Jahre, nachdem sie Sozialhilfe hätten erhalten können, zum Sozialamt“ (2012, S. 86). Nicht zuletzt hielt sich damals wie vermutlich auch noch heute ein Teil der einkommensschwachen alten Menschen zurück, staatliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen, aus Angst, die eigenen Kinder müssten der gesetzlich verankerten Unterhaltspflicht nachkommen (wobei dieser seit 2003 ein Jahreseinkommen von mindestens 100.000 Euro zugrunde liegt) (vgl. Burjard 2012, S. 88).

„Durch die abnehmende Kinderzahl und die enorm gestiegene Lebenserwartung wurde immer offenkundiger, dass die Erwerbstätigen die wachsende ,Rentenbevölkerung' in Zukunft nicht mehr mit Renten in ausreichender Höhe ,versorgen' konnten“ (Schäfers 2012, S. 224). Die Rentenreform von 1992 beinhaltete deshalb, „Kinderlose zur Abgabe eines ,Solidarbeitrages' heranzuziehen“ (ebd.). Im Rahmen der „Hartz-Reform“ wurde die Grundsicherung im Alter eingeführt (etwas anders ausgestaltet, jedoch im Groben an das Modell der Sozialhilfe anknüpfend).

Im Jahr 2007 wurde im Sinne der Finanzierbarkeit beschlossen, das Renteneintrittsalter ab 2012 schrittweise von 65 auf 67 Jahre zu erhöhen, wobei der Prozess der Umstellung erst 2029 „für alle Jahrgänge abgeschlossen sein“ wird (ebd.). 2014 wurde eine abschlagsfreie Rente ab dem Alter von 63 Jahren für jene beschlossen, die 45 Beitragsjahre aufweisen können (vgl. Bundesregierung). Zudem wurde beschlossen, dass künftig für vor 1992 geborene Kinder zwei Jahre Erziehungszeit bei der Rente berücksichtigt werden, statt wie bisher nur ein Jahr (für nach 1992 geborene Kinder wurden bereits zuvor drei Jahre angerechnet, dies wird beibehalten) (vgl. ebd.). Allerdings, „nach Berechnungen der Statistischen Ämter wird die Gruppe der Erwerbsfähigen zwischen 20 und 64 Jahre bis zum Jahr 2030 um ca. 5 Mio. schrumpfen, die Zahl der über 65- Jährigen aber von 20,7 % im Jahr 2009 auf ca. ein Viertel der Bevölkerung angewachsen sein“ (Schäfers 2012, S. 224). So steht der Sozialstaat hinsichtlich der Finanzierung und Finanzierbarkeit der Renten auch trotz bzw. wegen so mancher Änderungen vor Herausforderungen.

Die Rentenversicherung in der Bundesrepublik Deutschland ist ein retrospektiv bilanzierendes System, dass den Lebensverlauf bewertet (vgl. Allmendinger 1994, S. 37). Wie Allmendinger schreibt, wurde durch die Rentenreform von 1957 „auch die individualisierte Bilanzierung der Rentenversicherung bekräftigt, eine Bilanzierung, die dem individuellen Erfolg im Arbeitsmarkt mehr als jemals zuvor Priorität gab“ (1994, S. 39). Diese Bilanzierung wird allerdings erst zu jenem Zeitpunkt vorgenommen, an dem keine Änderungen mehr an der in Leistung umgesetzten Bewertung möglich sind (vgl. S. 37). Zugleich wird bei der Rentenversicherung im Gegensatz zu anderen Sozialversicherungen auf den gesamten Lebensverlauf geschaut und dieser „von ,A bis Z'“ bilanziert (vgl. S. 39). So erhält eine höhere Rente, wer im Arbeitsleben gut verdient hat sowie langjährig und kontinuierlich einer Erwerbstätigkeit nachgegangen ist, während Erwerbstätige beispielsweise der Niedriglohnbranche, mit langjähriger Teilzeitbeschäftigung, oder (mehrfachen) längeren Unterbrechungen aufgrund von Erziehungs- oder Pflegezeiten oder Arbeitslosigkeit eine vergleichsweise geringe Rente zu erwarten haben (vgl Schmitz 2012, S. 95f), die nicht selten an der Armutsgrenze oder gar darunter liegt bzw. liegen wird. Solch bilanzierende Systeme, wie die deutsche Rentenversicherung, „erfordern, wenn man sie strategisch nutzen will, eine bewusste Lebensführung, die diszipliniert auf ein meist in weiter Ferne liegendes Ziel hin orientiert wird“, da die Höhe der Leistung ab Beginn des Bezuges nicht mehr veränderbar ist (ebd.).

Zudem öffnet sich eine gute Rentenversorgung nur, „wenn man dem Normalarbeitsverhältnis entspricht“ (Allmendinger 1994, S. 42). Dies wird allmählich und mit Blick auf die zukünftigen Generationen von Rentnerinnen und Rentnern wohl eher eine zunehmend seltenere Form von Arbeitsverhältnis. Grund dafür sind Unterbrechungen etwa aufgrund von Erziehungszeiten (inzwischen bei beiden Geschlechtern), nicht mehr ungewöhnliche Unterbrechungen wegen Arbeitslosigkeit oder schlichtweg lange Ausbildungs- und Qualifikationszeiten, die zur Folge haben, dass 45 Berufsjahre bis zum regulären Renteneintrittsalter gar nicht zu schaffen sind.

3. Definition und Messung von Armut

3.1. Armut

Der Armutsbegriff ist schwer zu fassen. Mit Blick auf die Lebenswirklichkeit von Millionen von Menschen, beispielsweise in Entwicklungsländern, mag es je nach Betrachtungsweise regelrecht anmaßend erscheinen, sich mit Blick auf die Bundesrepublik Deutschland mit der „armen“ Bevölkerung zu befassen. In einem kleineren Kontext betrachtet - wie in der vorliegenden Arbeit - kann sie im Sinne ihres relativen Vorkommens durchaus betrachtet werden. Eine einheitliche Definition für den Armutsbegriff liegt nicht vor. Eine objektive Erhebung von Armut im Allgemeinen ist nicht möglich, „denn letztlich stehen hinter jeder Interpretation des Armutsbegriffs und hinter jedem darauf beruhenden Messverfahren Wertüberzeugungen, über deren Richtigkeit im ethischen Sinn nicht allgemein gültig geurteilt werden kann“ (Hauser 2008, S. 95). Anhand von Aspekten, die als gesellschaftliche Norm angesehen werden, kann im relativen Sinne etwa hier in der BRD auch bereits dann von Armut gesprochen werden, wenn es Einzelnen nicht möglich ist, aufgrund von (in der Regel wirtschaftlichem) Mangel ein Leben im Sinne der gesellschaftlichen Konventionen zu führen (vgl. bpb I o.D., o.S.). Armut ist also einerseits auf verschiedenen Ebenen ein individuelles Problem. Denn Einkommen ist, „aus welchen Quellen auch immer, […] ein zentraler Faktor, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, materielle Armut bedeutet im Regelfall auch soziale Ausgrenzung“ (Huster/ Boeckh/ Mogge-Grotjahn 2008, S. 24).

Andererseits stellt Armut auch ein sozialstaatliches Problem dar. Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland besagt, „dass die Würde des Menschen unantastbar ist und dass es Verpflichtung aller staatlichen Gewalt ist, sie zu achten und zu schützen“ (Hauser 2008, S. 97). Dies ist die Grundlage, auf die „sich sozialpolitische Maßnahmen zur Verhinderung eines Lebens in würdeloser Armut [stützen], d.h. zur Gewährleistung eines soziokulturellen Existenzminimums für alle Bürger“ (ebd.). So ist das stetige Ziel politischer Akteure, Armut zu verhindern bzw. zu reduzieren - nicht zuletzt, weil sich mit einer im Wohlstand befindlichen Gesellschaft und möglichst geringer bzw. abwesender Arbeitslosigkeit Wahlen gewinnen lassen, die Abwesenheit von Armut also ein Mittel zu politischer Macht ist. Unabhängig von möglichen politischen Interessen sind die „herrschende öffentliche Meinung und auch die Ziele hochentwickelter Wohlfahrtsstaaten […] nicht nur [...] die Bekämpfung absoluter Armut, sondern auch [...] die Beseitigung relativer Armut, auch wenn deren genauere Bestimmung umstritten ist“ (Hauser 2008, S. 96).

Im Folgenden wird sowohl die Armutsmessung anhand des Einkommens, als auch das Lebenslagenkonzept vorgestellt. Während das Lebenslagenkonzept überwiegend qualitativ arbeitet, geht die Armutsmessung anhand des Einkommens quantitativ vor. Letztere Methode ist die in großer Mehrheit bei den diversen Erhebungen und Untersuchungen angewandte Methode. So wird bei der Darstellung der Altersarmut in der BRD in der vorliegenden Arbeit dann auch auf eben diese Daten zurückgegriffen.

3.2. Armutsmessung anhand von Einkommen

Häufig - so auch bei den Statistischen Ämtern, den Armuts- und Reichtumsberichten der Bundesregierung oder den Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung - wird Armut auf Basis des Einkommens definiert. Grundsätzlich sind dabei zwei Arten von Armut zu unterscheiden: Absolute Armut und relative Armut.

Absolute Armut liegt vor, wenn „nicht genügend Mittel zum physischen Überleben“ (Huinink/ Schröder, S. 123) vorhanden sind, also „das zum Überleben Notwendige an Nahrung, Wasser, Kleidung, Heizung, Obdach und Hilfen gegen leicht heilbare Krankheiten fehlt“ (Hauser 2008, S. 96). Allerdings ist selbst „die Grenze absoluter Armut […] nicht allgemein gültig festzulegen“ (ebd.), sondern hängt vom geografischen und kulturellen Umfeld ab - etwa dem Zugang zu Wasser, den klimatischen Faktoren, der Fruchtbarkeit der Böden oder auch kultureller Tabus darüber, „was als Nahrung zulässig ist“ (ebd.). Somit kann selbst absolute Armut Hauser zufolge „nur relativ im Hinblick auf die natürliche Umgebung und die Gesellschaft, in der die Menschen leben, bestimmt werden“ (ebd.). Da absolute Armut in der Regel in Industriestaaten wie der Bundesrepublik Deutschland nicht vorhanden ist, bzw. aufgrund der sozialen Sicherungssysteme nicht vorhanden sein dürfte und es zumindest offiziell auch nicht ist (siehe Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung oder Destatis, wo zum Auftreten absoluter Armut keinerlei Angaben gemacht werden), konzentriert sich der Blick hier auf relative Armut.

Die Bestimmung relativer Armut ist je nach Quelle nicht ganz eindeutig. Übereinstimmung gibt es darin, dass diese vorliegt, „wenn in einem Land der Lebensstandard und die Lebensbedingungen von Menschen zu weit nach unten vom durchschnittlichen Lebensstandard und den durchschnittlichen Lebensbedingungen abweichen“ (Hauser 2008, S. 96) oder auch bei „Unterschreiten des sozio-kulturellen Existenzminimums (oft gleichgesetzt mit der Bedrohung der Menschenwürde)“ (bpb I o.D., o.S.). Als „arm“ gelten demnach Personen, „die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem […] Staat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“ (Hauser 2008, S. 96f). In Anlehnung an das Konzept der Verwirklichungschancen (capabilities approach) von Sen wird relative Armut „als Mangel an Verwirklichungschancen aufgefasst“ (Hauser 2008, S. 97), wobei unter diesen neben den individuellen finanziellen auch individuelle nicht-finanzielle Aspekte zu betrachten sind, in der Art, wie sie auch beim Lebenslagenkonzept (siehe 2.3.) zu finden sind.

Zur Messung relativer Armut hat es sich in weiten Teilen durchgesetzt, als Basis das gesellschaftliche Durchschnittseinkommen heranzuziehen. So definieren etwa die Europäische Union und die Bundesregierung als „armutsgefährdet“ jene Personen, denen ein bedarfsgewichtetes Nettoeinkommen („Äquivalenzeinkommen“) von weniger als 60 Prozent des Durchschnitts- einkommens zur Verfügung steht (vgl. European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions, S. 11; vgl. BMAS 2013, S. 426). Als „arm“ gilt, wessen Einkommen bei „weniger als 50 Prozent des Durchschnitts des Nettoäquivalenzeinkommens in der Bevölkerung“ liegt (Huinink/ Schröder 2008, S. 123). Strenge Armut liegt vor, wenn „das Einkommen […] weniger als 40 Prozent des Durchschnitts des Nettoäquivalenzeinkommens in der Bevölkerung“ beträgt (ebd.).

Berechnet wird dabei zunächst der Median des bundesdeutschen Nettoeinkommens pro Kopf - jener Wert, den die Einkommen der einen 50 Prozent der Gesellschaft über- und die anderen 50 Prozent unterschreiten. Der Median ist der Basiswert, anhand dessen das Äquivalenzeinkommen festgesetzt werden kann. Dabei wird eine erwachsene Person eines Haushaltes (bei Einpersonenhaushalten die einzige Person) mit dem Faktor 1 in die Berechnung einbezogen, jede weitere Person ab 14 Jahren mit dem Faktor 0,5 und Personen unter 14 Jahren mit 0,3 (vgl. Hauser 2008, S. 101f). Das zur Verfügung stehende Haushaltsnettoeinkommen wird schließlich durch die Summe der ermittelten Personen (z.B. 2,1 bei einem Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren, da 1 + 0,5 + 0,3 + 0,3) geteilt und ergibt das bedarfsgewichtete Netto- bzw. Äquivalenzeinkommen (vgl. ebd.).

Bei der Bestimmung von Alters- bzw. Einkommensarmut werden sämtliche um Abgaben verminderte Einkommenszuflüsse einbezogen, also konkret neben der gesetzlichen Rentenleistung auch mögliche Betriebsrenten, private Leibrenten, Kapitaleinkünfte oder auch Sozialtransfers (vgl. Schmitz 2012, S. 96). Nachteilig an der Betrachtung „auf Haushaltsebene wirkt sich aus, dass geschlechtliche Ungleichheiten und Abhängigkeiten im Dunkeln bleiben, da bspw. die Niedrigrenten von Ehefrauen oder Witwen ausschließlich in der Zusammenschau mit dem Einkommen des (Ehe-)Mannes gesehen werden“ (ebd.).

Der Begriff der relativen Armut wird als ein an Einkommen und Vermögen anknüpfender Armutsbegriff verstanden und somit als Ressourcenbegriff (vgl. Hauser 2008, S. 99). Demnach führt entweder „ein zu niedriges verfügbares Einkommen oder eine Verschuldung, die nicht durch Vermögenswerte gedeckt ist und die zu hohen Zins- und Tilgungsleistungen verpflichtet, zu relativer Armut“ (ebd.). Auch der Europäische Rat schließt sich mit seiner 1985 verfassten Definition von Armut dem Ressourcenbegriff an, in dem er verarmte Personen als „Einzelpersonen, Familien und Personengruppen [benennt], die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“ (Hauser/ Strengmann-Kuhn 2008, S. 142). Zugleich wird in dieser Definition auch deutlich, dass es nicht nur um materielle, sondern auch andere - kulturelle und soziale - Aspekte geht. Armut wird also durchaus multidimensional aufgefasst.

Bei der Verwendung des Einkommensbegriffs müssten eigentlich wiederum mehrere Definitionen von Einkommen unterschieden werden. In der vorliegenden Arbeit kann sich jedoch - wie auch in den herangezogenen Untersuchungen zum Ausmaß der verschiedenen Armutsformen - auf das Nettoeinkommen gestützt werden (das in der gesamten Arbeit mit dem Einkommensbegriff gemeint ist), da dieses in der „Ermittlung von tatsächlicher relativer Einkommensarmut in einzelnen Gruppen oder in der Gesamtbevölkerung“ herangezogen werden muss (Hauser 2008, S. 100).

Hauser macht deutlich, dass bei der Messung von Armut und dem Vergleich der Gesellschaftsmitglieder miteinander sowie deren Unterteilung in „Arme“ und „Nicht- Arme“ implizit ignoriert wird, „dass ein Mensch eine Präferenz für ein Leben in Armut haben und dies als ein erfülltes Leben betrachten kann, das ihn glücklich macht“ (2008, S. 95). Dieser Aspekt kommt wiederum beim Lebenslagenkonzept zum Tragen.

3.3. Das Lebenslagenkonzept

Das Lebenslagenkonzept erhebt über wirtschaftliche Faktoren hinaus viele weitere subjektive Faktoren. In der Armutsforschung hat sich das Lebenslagenkonzept als Messinstrument etabliert, das objektive und subjektive Faktoren miteinander verbindet. Es erfasst neben dem finanziellen Einkommen die Wohnsituation und Wohnumgebung, Ernährung, Kleidungsbestand, Gesundheits- zustand und Schutz gegen Krankheit (sowohl durch das Vorhandensein entsprechender Einrichtungen, als auch die Absicherung der Kosten bei Inanspruchnahme), Bildungsstand, Erwerbsbeteiligung, Vermögensbesitz, das Freizeitverhalten und die soziale Umgebung (vgl. Engels 2008, S. 643ff.; Hauser 2008, S. 98). Eine zweite Dimension umfasst das subjektive Erleben dieser Faktoren. Das heißt, wie stark z.B. das Einkommen als einschränkend wahrgenommen wird. Ein ehemaliger Geschäftsführer, der monatlich 50.000 Euro netto verdiente und nach dem Konkurs seiner Firma mit 1.500 Euro als einfacher Angestellter auskommen muss, wird sich womöglich als arm definieren, während dies eine Einzelhandelskauffrau mit selbigem Gehalt vielleicht nicht tut. Dies leitet zur dritten Dimension innerhalb des Lebenslagenkonzepts über: Die individuellen Ressourcen, mit erlebten Einschränkungen umzugehen (vgl. Kaufmann 2005, S. 172) - ergibt sich jemand passiv seiner Situation, oder versucht er oder sie aktiv mit den gegebenen Umständen umzugehen und sich Spielräume zu schaffen?

Beim Lebenslagenkonzept werden Rentnerinnen und Rentner im Konkreten nicht an ihren finanziellen und körperlichen Einbußen gemessen, sondern an ihren eigenen Lebensansprüchen und wie sie diese im Rückgriff auf zusätzliche Ressourcen (Bildung, soziale Netzwerke) umsetzen können (vgl. Nussbaum 1999).

3.4. Alter

Die Definition von „Alter“ ist sicherlich individuell unterschiedlich und daher schwierig. Die Generali Altersstudie beschäftigt sich „mit der 65- bis 85-jährigen Bevölkerung“ (2012, S. 9). Das statistische Bundesamt hat in seinen Unterteilungen nach Alter die Gruppe „65-Jährige und Ältere“ (Destatis III). Einhergehend mit dem bisherigen Renteneintrittsalter wird die älteste Bevölkerungsgruppe somit anhand des Berufsstatus' definiert, der sich (bislang noch) im Regelfall spätestens ab dem Alter von 65 Jahren in den der Rentnerin bzw. des Rentners oder den der Pensionärin bzw. des Pensionärs - kurz der Ruheständler - verändert.

Nicht zuletzt auch wegen des Rückgriffs auf die Daten der verschiedenen Quellen und ihrer Altersbegrenzung werden in der vorliegenden Arbeit als „Alter“ im Sinne der für Altersarmut in Frage kommenden Bevölkerungsgruppe jene gefasst, die 65 Jahre und älter sind (ohne eine Höchstaltersbegrenzung).

4. Die Rolle des Wohlfahrtsstaates

In der vergleichenden Wohlfahrtsforschung werden „die unterschiedlichen armuts- und verteilungspolitischen Problemlagen verschiedenen Sozialstaatsphilosophien“ zugeschrieben (Benz 2008, S. 527). Mit Blick auf die Wohlfahrtsforschung und den Vergleich mehrerer Staaten ist es möglich, „normative und systembedingte Pfadabhängigkeiten“ zu identifizieren, „die einer schnellen, konfliktarmen und weitgehenden Annäherung (Konvergenz, Harmonisierung) oder Vereinheitlichung der nationalen Sozialpolitiken entgegenstehen“ (ebd.). Eine Klassifizierung der Staaten - wie nach dem verbreitetsten Modell, das auf Esping-Andersen zurückgeht - kann bei der Analyse, etwa von Einflussfaktoren, hilfreich sein. Esping-Andersen nimmt eine Unterteilung in sozialdemokratische, konservative und liberale Wohlfahrtsstaaten vor (vgl. Hauser/ Strengmann- Kuhn 2008, S. 141). An diesem Modell wurde kritisiert, dass es nicht alle Formen von Wohlfahrtsstaaten umfasse, und je nach betrachteten Ländern etwa die südlichen Mittelmeerländer, oder einige asiatische Staaten („konfuzianische“) als eigene Typen von Wohlfahrtsstaaten hinzugenommen werden müssten (vgl. ebd.).

[...]

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Details

Titel
Altersarmut in der Bundesrepublik Deutschland. Ausmaß, Ursachen und Entwicklungen.
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,5
Autor
Jahr
2014
Seiten
39
Katalognummer
V283870
ISBN (eBook)
9783656837732
ISBN (Buch)
9783656837749
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Altersarmut, Deutschland, Rente, armutsgefährdet
Arbeit zitieren
Marie Bolderer (Autor), 2014, Altersarmut in der Bundesrepublik Deutschland. Ausmaß, Ursachen und Entwicklungen., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283870

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