Die literarische Repräsentation des europäischen Auslands in ausgewählten Werken von Murakami Haruki


Bachelorarbeit, 2014

58 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Murakami Haruki und Europa als Chiffre
1.1. Stellenwert des Autors
1.2. Forschungsstand
1.3. Vorgehensweise und Ziel dieser Arbeit

2. Die Darstellung Europas in ausgewählten Texten des Autors Murakami Haruki
2.1. Der Knoten „Griechenland“ - die Suche nach dem ultimativen ruhigen Ort in Uten Enten: Girishya, Toruko henkyô kikô
2.1.1. Methodische Vorgehensweise
2.1.2. Textanalyse
2.2. Sputnik Sweetheart – eine literarische Begegnung mit Europa und einem „neuen“ Griechenland
2.2.1. Kurzfassung des Romans
2.2.2 Textanalyse
2.3. Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki – das „erfundene“ Finnland?
2.3.1. Kurzfassung des Romans
2.3.2. Textanalyse

3. Die literarische Repräsentation des Auslands in den behandelten und weiteren Texten – Motive und Themen
3.1. Die Dichotomie zwischen Heimat und Ausland
3.2. Sprache, Fremdsprachen und Kommunikation
3.3. Die japanischen Raumkonzepte achiragawa, ikai, takai und ma – Definition und Funktionen
3.4. Die japanische Frau in Europa
3.5. Schock und Traumaüberwindung – führt der Weg der Heilung ins Ausland?
3.6. Künste im Spannungsfeld zwischen Europa und Asien

4. Conclusio: das Europa von Murakami – einseitig oder komplex?
4.1. Psychologische Aspekte der Reise ins europäische Ausland
4.2. Die politische Botschaft des Autors Murakami Haruki

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

6. Anhang
6.1. Glossar japanischer Begriffe
6.2. Namen japanischer Persönlichkeiten
6.3. Japanischsprachige Zitate

1. Einleitung: Murakami Haruki und Europa als Chiffre

1.1. Stellenwert des Autors

Murakami Haruki (geb. 1949) ist derzeit einer der populärsten Autoren nicht nur in seiner Heimat Japan, sondern auch weltweit. Sein aktueller Roman Shikisai wo motanai Tazaki Tsukuru to, Kare no Junrei no Toshi (Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, 2014) verkaufte sich in der ersten Woche nach der Veröffentlichung im April 2013 in Japan 500 000 Mal (XinMSN 18.04.2013), wurde in weniger als acht Monaten ins Deutsche übersetzt und Anfang 2014 im deutschsprachigen Raum veröffentlicht. In diesem Buch unternimmt der Hauptcharakter Tsukuru Tazaki eine Reise nach Europa, um den mysteriösen Kontaktabbruch mit seinen Freunden aus der Schulzeit zu klären. Der Vorgängerroman, die Trilogie 1Q84, war kommerziell ebenso erfolgreich – von den ersten beiden Bänden wurden in den ersten Tagen nach Erscheinen fast zwei Millionen Exemplare verkauft, von dem dritten sogar drei Millionen, wie im Literaturführer „Yomitai! Neue Literatur aus Japan“ berichtet wird (Gebhardt 2012a, S. 352).

Murakami, der heute den Status eines Kultautors genießt, beginnt erst mit 30 Jahren mit dem Schreiben. Sein erster Roman Kaze no uta wo kike (engl. „Hear the wind sing “, 1987) erscheint im Jahr 1979 und gewinnt den Gunzô Newcomer Preis. Mit seinen zwei nächsten Romanen, Hitsuji wo meguru bôken aus dem Jahr 1982 (Wilde Schafsjagd, 1991) und Sekai no owari to hâduboirudo wandârando aus dem Jahr 1985 (Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt, 1995) erreicht er in seiner Heimat eine enorme Popularität. Im Jahr 1985 wird in den USA die erste englische Übersetzung eines Romans von Murakami veröffentlicht: Hitsuji wo meguru bôken erscheint als A wild sheep chase (Strecher 2002, S. 2). Japanische Medien führen den Neologismus des „Haruki Phänomens“ (Haruki genshô)[1] ein, um die globale Popularität und Rezeption seiner Romane zu beschreiben (Atkins 2012, S. 21). Von einer klaren Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung des Autors in den wissenschaftlichen Kreisen Japans und die Meinung seiner Leserschaft berichtet Rebeca Suter (2008, S. 47). Sein Stil wird von Literaturwissenschaftlern wie den Professoren für japanische Literatur Miyoshi Masao und Hirata Hosea als von den Normen der reinen Literatur (junbungaku) abweichend sowie verwestlicht und amerikanisiert bezeichnet (Vgl. Miyoshi, 1994; Hirata, 1995). Anfang der 1980er Jahre publiziert Murakami den Aufsatz Kigô to shite no Amerika [Amerika als Chiffre], in dem er seine Vorliebe für Amerika als Interesse an der „eigenen Vorstellung von Amerika, gewonnen durch Konsum von Musik, Film und Literatur“ erklärt (Worm 2000). Es stellt sich die Frage, ob dies auch auf seine Erfahrung in Europa zutrifft. Im Jahre 1986 verlässt er Japan und bereist bis 1989 Europa, insbesondere Italien und Griechenland (Gabriel 2002, S. 157). 1991 zieht er als Gast-Dozent nach Princeton in den USA.

Ich betrachte diese Zeit – zunächst in Europa und dann in Amerika – als ein selbst gewähltes Exil (kokkyô ridatsu, „Abkehr von der Heimat“). Als Schriftsteller wollte ich anderswo Erfahrungen sammeln und auf Japanisch Geschichten schreiben.“ (Murakami 2002b, S. 261; 1997, S. 709)

In seinem Reisetagebuch Tôi Taiko [Trommel aus der Ferne] spricht er von einer mentalen Neuordnung (seishin-teki na kumikae) in dieser Zeit (Murakami 1990, S. 14) und bezeichnet sich als dauerhaft stationierter Reisender (jôchû-teki ryokô-sha im Gegensatz zu einem Reisenden auf Sightseeing-Tour (kankô-teki ryokô-sha) (Murakami 1990, S. 17-18). Damit will er seine Rolle als Beobachter in den fremden Ländern betonen (Atkins 2012, S. 77). Bis zum Jahr 1995 wird Murakami als postmoderner[2] Autor angesehen, der „nicht unbedingt für seine Heimatverbundenheit bekannt“ ist, notiert die Professorin für Japanische Literatur Lisette Gebhardt (2012a, S. 352).

Das Jahr 1995 stellt einen Wendepunkt für ihn dar: Nach dem Erdbeben in Kôbe und dem U-Bahn-Anschlag in Tôkyô kehrt er nach Japan zurück. „Ich spürte, dass es an der Zeit war, nach Japan zurückzukehren. Zurückzukehren und nicht an einem Roman zu arbeiten, sondern an etwas, das mir erlaubte, tiefer in die Mentalität meines Landes einzudringen.“ (Murakami 2002b, S. 261; 1997, S. 710) Als Folge dieser Sinneswandlung erschienen in den Jahren 1997 und 2001 die beiden Bände Andâguraundo und Yakusoku sareta bashô de (Untergrundkrieg, der Anschlag auf Tôkyô, 2002), die von ihm durchgeführte Interviews mit Überlebenden des Anschlags und später mit Anhängern der für das Attentat verantwortlichen neureligiösen Vereinigung AUM Shinrikyô dokumentieren. Damit versucht er, sich als Nationaltherapeut und ethisch-moralischer Wegweiser zu etablieren (Gebhardt 2012a, S. 384, S. 355).

Im ersten Roman nach 1995 Supûtonikku no koibito (Sputnik Sweetheart, 2002), kommt eine griechische Insel als literarischer Topos vor, auf der eine Hauptfigur des Romans unter mysteriösen Umständen verschwindet. Griechenland ist nicht das einzige europäische Land, in dem symbolische Ereignisse für die Helden seiner Romane stattfinden: In der Schweiz (Sputnik Sweetheart) und in Finnland (in seinem aktuellen Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki) erleben seine Figuren den Durchbruch. Das europäische Ausland ist auch durch viele Verweise auf Kunst, Geschichte und Persönlichkeiten präsent und spielt eine wichtige Rolle im Gesamtwerk Murakamis. Europa als Chiffre bei Murakami Haruki – diesem Thema ist diese Arbeit gewidmet.

1.2. Forschungsstand

Es gibt zahlreiche japanische Monographien über den Autor Murakami Haruki und seine Werke. An erster Stelle zu nennen sind die Reihen Murakami Haruki sutadīzu [Murakami Haruki Studien] von Kuritsubo Yoshiki sowie Imai Kiyotos Murakami Haruki sutadīzu 2000-2004 und 2008-2010. Die erstgenannte Reihe ist in fünf Bänden erschienen und bietet Essays von mehreren Literaturkritikern an, wie der für die Analyse des Romans Sputnik Sweetheart relevante Aufsatz des Literaturkritikers Tsuge Teruhiko Enkan/ takai/ media – ‘supûtonikku no koibito’ kara no tenbô [Kreis, andere Welt, Media – eine Perspektive aus Sputnik Sweetheart ] (1999). In Imais Reihe findet man den Aufsatz des Literaturprofessors Kojima Motohiro über die symbolische Bedeutung der Fremdsprachen in Noruwei no mori (Naoko’s Lächeln) (2009). Der Literaturkritiker Katô Norihiro hat mehrere Bände namens Murakami haruki ierō pēji [Murakami Haruki Yellow Pages] herausgebracht, in denen er in der Stilistik der Gelbe-Seiten-Wegweiser anhand zahlreicher Tabellen, Kolumnen und Fließtext die Werke Murakamis analysiert. Seine umfangreichen Texte bieten detaillierte Einblicke in den Inhalt der Romane, den Hintergrund der vorkommenden Motive, die Zusammenhänge zwischen den Charakteren sowie Erklärungen zahlreicher Termini. Besonders wertvoll für diese Arbeit ist der Abschnitt über Sputnik Sweetheart.

In englischer Sprache sind bisher nur wenige Monographien erschienen. Der Professor für japanische Literatur und Übersetzer Murakamis Jay Rubin liefert mit Murakami Haruki and the Music of Words (2005) wertvolle Informationen bezüglich biografischer Angaben für diese Arbeit, trotz seiner Fan-Perspektive. Matthew Strecher, auch Spezialist für japanische Literatur, verfolgt einen wissenschaftlichen Ansatz in Dances with Sheep - The Quest for Identity in the Fiction of Murakami Haruki (2002) und bietet eine grundlegende Analyse zum Thema der Identitätssuche. Michael Seats’ Murakami Haruki – The Simulacrum in Contemporary Japanese Culture (2006) betrachtet Murakamis Werke als Simulacra, die der Kritik der zeitgenössischen japanischen Kultur dienen. Rebecca Suter, die moderne japanische Literatur an der Universität Sydney erforscht, untersucht in The Japanization of Modernity: Murakami Haruki between Japan and the United States (2008) Themen wie Moderne und Postmoderne in Murakamis Werken. Sie konzentriert sich dabei vor allem auf seine Kurzgeschichten. Neben diesen vier Monographien sind zahlreiche Aufsätze in Fachzeitschriften erschienen. Wichtig für diese Arbeit ist der Aufsatz „Back to the unfamiliar“ (2002) von dem Übersetzer und Professor für moderne japanische Literatur J. Phillip Gabriel, der drei Reisebücher Murakamis analysiert. Grundlegende Informationen über die Reiseliteratur Japans bietet Leith Morton mit seinem Beitrag „The alien without: Murakami Haruki and the Sydney Olympics“ (2009). Für die Analyse der psychologischen Aspekte in Sputnik Sweetheart ist das Essay des Anthropologen Michael Fisch „In Search of the Real: Technology, Shock and Language in Murakami Haruki’s Sputnik Sweetheart “ (2010) besonders wertvoll. Einen wertvollen Beitrag leistet die Doktorarbeit in Japanischer Literatur von Midori Tanaka Atkins „Time and Space Reconsidered: the Literary Landscape of Murakami Haruki“ (2012), welche ausführlich seine Reisebücher sowie Aspekte der literarischen Repräsentation von Raum in mehreren seiner Romane untersucht.

1.3. Vorgehensweise und Ziel dieser Arbeit

Die vorliegende Bachelorarbeit widmet sich den Fragen, wie Haruki Murakami das Ausland und insbesondere Europa in seinen Texten darstellt und welche Funktionen dieser literarische Topos darin erfüllt. Als ein weiterer Aspekt wird untersucht, ob sich hinter der Erwähnung Europas eine persönliche, tiefere Auseinandersetzung des Autors mit dem Thema verbirgt. Ein weiteres Ziel der Arbeit ist eine systematische Untersuchung der zum Thema vorhandenen Materialien. Das Thema „Europa in den Werken Murakamis“ wurde bislang überwiegend am Rande der literaturwissenschaftlichen Forschung aufgegriffen.

Drei Werke Murakamis wurden zur Analyse ausgewählt: der erste Teil des Reiseberichts Uten Enten: Girishya, Toruko henkyô kikô [Regenwetter und heißes Wetter: ein Reisebericht über die entfernten Regionen von Griechenland und der Türkei, 1987], in dem Murakami von seiner persönlichen Reise auf der heiligen Halbinsel Athos in Griechenland berichtet, sowie die bereits erwähnten Romane Sputnik Sweetheart und Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. All diese drei Werke haben das europäische Ausland zum Thema und bieten Einblick in unterschiedliche schöpferische Perioden des Schriftstellers. Die literarische Darstellung und symbolische Bedeutung von Europa sowie der persönliche Bezug Murakamis stehen im Mittelpunkt der Untersuchung der drei Werke im Kapitel zwei. In Kapitel drei findet eine vertiefte Analyse der Dichotomie Heimat – Ausland und der damit verbundenen Themen statt wie Kommunikation (die Fremdsprachen des Schriftstellers und seiner Charaktere und die Interaktion mit Ausländern in seinen Werken). Die „andere Welt“, ein wichtiges Motiv, das in mehreren Werken von Murakami integriert ist, wird daraufhin anhand japanischer Schlüssel-konzepte untersucht. Solche Konzepte sind „die andere Seite“ (achiragawa), „die Geisterwelt“ (ikai) , „das Jenseits“ (takai) und „der Zwischenraum“ (ma). Sie werden definiert und mit Beispielen erläutert, dabei wird untersucht, ob Europa als eine parallele „andere“ Welt dargestellt wird. Ein weiterer Aspekt ist die Rolle der reisenden japanischen Frau – ein immer wiederkehrendes Motiv in den beiden Romanen Murakamis. Was die zwei ausgewählten Prosawerke noch verbindet, ist das Thema Schock, Trauma-überwindung und Heilung (iyashi). Ob das Ausland als Ausweg nach einem Trauma in den zwei Romanen dargestellt wird, ist die zu beantwortende Frage. Abschließend wird die Rolle der Künste im Spannungsfeld zwischen Europa und Asien diskutiert. Kapitel vier schließlich fasst die Ergebnisse der Analyse zusammen; dabei wird auf die Repräsentation des europäischen Auslands aus psychologischer Sicht und auf Murakamis politische Botschaft eingegangen.

2. Die Darstellung Europas in ausgewählten Texten des Autors Murakami Haruki

2.1. Der Knoten „Griechenland“ - die Suche nach dem ultimativen ruhigen Ort in Uten Enten: Girishya, Toruko henkyô kikô

Reiseliteratur (kikô bungaku) hat eine lange Tradition in Japan. Leith Morton nennt einige der berühmtesten Werke dieser Art, die als literarische Werke anerkannt sind: Tosa nikki [Tosa-Tagebuch] aus dem 10 Jahrhundert, Matsuo Bashô’s Oku no hosomichi [Auf schmalem Pfad durchs Hinterland] aus dem 18. Jahrhundert sowie einige Werke, die während der Meiji-Restauration erschienen sind. Letztere wurden von Intellektuellen geschrieben, die im Ausland unterwegs waren, wie zum Beispiel Mori Ôgais Doitsu nikki (Deutsches Tagebuch 1884–1880) (Morton 2009, S. 179 und S. 182)[3]. Im Nachwort zu Henkyô kinkyô [Ferne und nahe Grenzen, 1998] gesteht Murakami, dass Reisetagebücher ihn seit seiner Kindheit fasziniert haben (S. 229). Er selbst hat mehrere solcher Berichte veröffentlicht: 1990 erscheint Tôi Taiko, in dem er seine Reisen durch Europa, überwiegend in Italien, zusammenfasst. 1991 erscheint Uten Enten: Girishya, Toruko henkyô kikô, in dem er zwei Reisen nach Griechenland und in die Türkei beschreibt. 1998 folgt Henkyô kinkyô, das aus sieben Kapiteln besteht und über ferne Orte (wie East Hampton auf Long Island in New York, weitere Orte in den USA und Mexiko, die Wüste Nomonhan in der Mongolei und auch über nahe Orte berichtet. Zu den nahen Orten (in Japan) zählen eine kleine Insel im Japanischen Meer, die Insel Shikoku und die Stadt Kôbe (Gabriel 2002, S. 158). Weitere Berichte sind Moshimo bokura no kotoba ga uisukii de attanara [Wenn unsere Sprache Whisky wäre, 1999] über schottische und irische Orte, die mit Whisky zu tun haben (Koji 2013) und Shidonii! [Sydney, 2001], worin Murakami seinen Besuch bei den Olympischen Spielen in Sydney im Jahr 2001 thematisiert. Diese Werke sind bis lang nicht übersetzt und nicht außerhalb Japans veröffentlich worden. Wissenschaftler, die sich mit unübersetzten Werken auseinandergesetzt haben, berichten, dass solche Texte wertvolle Einblicke in das Denken des Autors bieten[4].

Die „echte Bedeutung“ des Reisens sieht Murakami in der Veränderung im Bewusstsein des Reisenden (Murakami 1998, S. 300). Morton fügt hinzu, dass eine Reise, wie die von Matsuo Bashô vor hunderten von Jahren, eine innere Reise zu dem Unbekannten in sich selbst darstellt (Morton 2009, S. 188). Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit zunächst auf den autobiographischen Reisebericht Uten Enten: Girishya, Toruko henkyô kikô eingegangen. Anschließend wird der Roman analysiert, in dem Griechenland zu einem zentralen Ort des Geschehnisses wird (Sputnik Sweetheart). Untersucht werden die Art, wie Murakami das fremde Land entwirft sowie seine Einstellung gegenüber diesem Land, seine Eindrücke und sein Umgang mit den Personen, auf die er trifft. Da es sich um ein autobiographisches Werk jenseits literarischer Fiktion handelt, muss vom narratologischen Ansatz abgewichen werden. Eine passendere methodische Vorgehensweise wird im folgenden Unterkapitel vorgestellt.

2.1.1. Methodische Vorgehensweise

Wie interpretiert man einen Reisebericht? Einen Einstieg zu dieser Frage bietet Stefan Deeg aus der Schweizer Gesellschaft für Symbolforschung mit seinem Aufsatz „Das Eigene und das Andere. Strategien der Fremddarstellung in Reiseberichten“. Objekt seiner Beobachtungen sind mittelalterliche und neuzeitliche Berichte von den Pilgerreisen der Europäer nach Jerusalem. Er erkennt bestimmte Muster und Strategien der Darstellung, die er systematisch erfasst und die eine Anleitung zum Umgang mit Reisetexten anbieten. Er definiert das Ziel der Reiseberichte als „[Entwurf eines] bestimmten Bild[es] von der Fremde“ (Deeg 1992, S. 163) und formuliert folgende Aufgabe der Autoren: „Wie kann ich als Autor dem Leser, der meinem Kulturkreis angehört und mein Weltbild, meine Normen und Traditionen weitestgehend teilt, die fremde Welt vermitteln?“ (ibid.) Zunächst stellt er eine Liste von Indikationen zusammen, die die fremde Wirklichkeit bestimmen: „Sprache, Klima, Religion und Bildungswesen, Kultur und Tradition als geschichts-bildende Kräfte, gesellschaftliche Normen, Verhaltensmuster und Lebensgewohnheiten, politische Strukturen, Raumgewinn und Zeiterlebnis“ (Deeg 1992, S. 164). Deeg erläutert auch die wichtigsten Prämissen der Wahrnehmung des Reisenden: „familiäre Herkunft, Bildungsstand und Beruf“ (Deeg 1992, S. 167), die die Darstellung des Erlebten subjektivieren. Danach geht er auf die drei Strategien der Fremddarstellung ein: Ausgrenzen, Entwerfen und Vermitteln (Deeg 1992, S. 172). Jede dieser Strategien äußere sich durch unterschiedliche Verfahren. Ausgrenzung erfolge in einem Reisebericht durch das Anwenden von Selbst- und Fremdbezeichnungen, dem Festhalten von Unterschieden, Beschreiben von Negativem und dem Hinweisen auf Mängel. Das Entwerfen der „fremden Welt als eine Gegenwelt“ (Deeg 1992, S. 175) werde durch Invertieren und Verzerren ermöglicht. Mit Invertieren bezeichnet er die Darstellung bestimmter Aspekte in der anderen Welt als Gegensätze zu den dem Leser schon bekannten Gewohnheiten gemeint. Das Vermitteln sei die letzte Strategie. Sie wird durch Gleichsetzen und Vergleichen, Parallelisieren und Einführen einer Vermittlerfigur (z. B. ein Dolmetscher) angewendet (Deeg 1992, S. 172). Mithilfe dieser Überlegungen wird in Kapitel 2.1.2. dieser Arbeit der erste Teil des Reiseberichts Uten Enten: Girishya, Toruko henkyô kikô analysiert.

2.1.2. Textanalyse

Im September 1988 begibt sich Murakami auf eine sechswöchige Reise im Auftrag des Verlags Shinchô-sha für eine neue Zeitschrift (Atkins, 2012, S. 83). Zusammen mit dem Redakteur O. Later und dem Fotografen Matsumura verbringt er vier Tage auf der heiligen Halbinsel Athos (Murakami 1991a, S. 17). Im Jahre 1991 erscheint das Buch Uten Enten: Girishya, Toruko henkyô kikô, das von der Reise nach Athos sowie von der anschließenden Geländewagentour in der Türkei berichtet. In diesem Kapitel wird der Abschnitt über Griechenland und Athos näher betrachtet. Zunächst wird die Struktur des Buches veranschaulicht und danach auf Details und Motive im Text eingegangen. In Anlehnung an die theoretischen Überlegungen aus Kapitel 2.1.1 werden folgende Fragen untersucht: Wie bestimmt der Autor die fremde Wirklichkeit? Mit welchem Hintergrundwissen reist er? Wie stellt er das Fremde dar? Vermittelt er das auf dem Weg Erlernte seinen Lesern?

Der erste Versuch, die Leserschaft mit dem unbekannten Land vertraut zu machen, findet noch vor dem Beginn des eigentlichen Textes statt: Auf den ersten Seiten des Buches sind zwei detaillierte Karten der besuchten Regionen zu finden: zuerst eine große Landschaftskarte der Halbinsel Athos, auf der die Reiseroute abgebildet ist und die Hauptstationen auf Japanisch benannt sind; in der unteren linken Ecke wird sie ergänzt durch zwei kleinere Karten von Europa und Griechenland mit ungenauen Grenzen. Bei der zweiten Karte handelt es sich um eine große Karte der Türkei. Mithilfe der auf der griechischen Karte vermerkten Städte und Klöster und des Inhaltsverzeichnisses kann man sich die Reise folgendermaßen vorstellen: Sie beginnt im Dorf Ouranoupoli und geht von dort mit der Fähre nach Daphne weiter. Von da aus geht es nach Karyes und danach zu folgenden Klostern: Stavronikita, Iviron, Philotheou, Karakalou, dem großen Kloster von Lavra, Prodromos, Kafsokalyvia, und am Schluss folgt das Dorf Agia Anna. Der Berg Athos ist mit seiner Höhe (2033 m) ebenfalls auf der Karte vermerkt. Alle Namen sind auf Katakana vermerkt, was für die Japanisch sprechenden Leser eine Erleichterung darstellt.

Im ersten Kapitel namens „Good bye, real world!“[5] (1) beginnt die Reise ab Ouranoupoli, einem „Ferienort der günstigen Art, wie man sie überall in Griechenland findet“ (2) (Murakami 1991a, S. 12). Der Unterschied zu anderen ähnlichen Orten besteht darin, dass er der letzte vor der Halbinsel Athos ist („Allerdings, hier ist das Ende.“ (3) (ibid.)).

Von hier an gibt es keine Frauen mehr, keine Tavernen, man kann keinen Michael Jackson mehr hören, keine deutschen Touristen. Keine deutsche Touristen mehr, Baby! Dieser Ort ist das tote Ende der irdischen Welt. Letzte Chance für Begierden. Die Frontier der ‚real world‘. (4) (ibid.)

Das Ende der vertrauten Welt wird durch Beschreibungen des Verhaltens von Stereotypen und der Häufigkeit von hörbarer Popmusik einleitend definiert und mit der Metapher des Grenzlandes endgültig festgelegt.

Im zweiten Kapitel „Was für eine Welt ist Athos?“ (5) werden Hintergrundinformationen zur Halbinsel, ihrer Geschichte, ihren Regeln und Besonderheiten vermittelt. Murakami schildert seine Motivation für die Reise: „Ich wollte sehen, was für Leute hier sind, wie der Alltag aussieht“ (6) (Murakami 1991a, S. 17). Legt man zugrunde, was nach Deeg die Eindrücke des Reisenden prägt, dann ist der Autor also gut informiert, gebildet und neugierig auf das, was er entdecken wird. Nach dem Vermitteln der Hintergrundinformationen kommt er zurück auf die chronologische Abfolge der Reise. Angekommen in Daphne ist der Autor von den vielen unterschiedlich aussehenden Mönchen fasziniert: von den „die-hard Mönchen“ (7) und von den „trendy yuppie Mönchen“ (8) (Murakami 1991a, S. 19). Über die Unterschiede zwischen den Mönchen bezüglich Kleidung, Farben und Aussehen schreibt Murakami einen längeren Abschnitt und liefert dazu eine Erklärung, die nach Reflektionen am Ende der Reise entstanden ist. Diese Auseinandersetzung mit dem Thema zeigt, dass er sich trotz humoristischer Kommentare bemüht, das Gesehene und Erlebte unter seiner Oberfläche zu beschreiben. Auch wenn er im vierten Kapitel das mehrmals vorkommende Gespräch mit den Mönchen beschreibt, versucht er ihren Standpunkt zu verstehen und dem Leser zugänglich zu machen:

Während ich auf der Halbinsel Athos unterwegs war, wiederholte sich diese Unterhaltung mindestens zehn Mal, denke ich. Immer mit denselben Worten, in derselben Reihenfolge. Woher kommen Sie? Sind Sie orthodox? Gibt es orthodoxe Kirchen in Japan? Kurz gesagt, Religion ist das, was für sie zählt, der griechische orthodoxe Glauben ist das Zentrum ihrer Welt, ihrer Existenz, ihrer Gedanken. Das ist ihre reale Welt. (9) (Murakami 1991a, S. 24)

Erneut greift Murakami den Begriff “reale Welt“ (riaru wâdo) auf. Das Parallelisieren dient der Vermittlung des Erlebten.

Nachdem die Reisegruppe ihre Papiere in der administrativen Hauptstadt Karyes erledigt hat, macht sie sich zu Fuß auf den Weg zum Kloster Stavronikita. Murakami widmet dem Empfang durch die Mönche und dem angebotenen Essen und Getränken eine ausführliche Beschreibung: „griechischer Kaffee, Ouzo, gemischt mit Wasser, und diese gelierte Süßigkeit namens Rukumi“ (10) (Murakami 1991a, S. 28). Den Ouzo kommentiert er mit den Worten: „Ich denke, dieser Alkohol würde dem Geschmack des üblichen Japaners nicht passen“ (11) (ibid.), womit ihm erneut eine Parallelisierung gelingt. Im fünften Kapitel besucht die Gruppe das Kloster Iviron: „Wenn man sich an das Kloster aus dem Film "Der Name der Rose" erinnert…“ (12), vermerkt er zusätzlich in seiner Beschreibung (Murakami 1991a, S. 30). Dieser Vergleich ist wichtig für seine Leserschaft in Japan, damit sich Personen, die europäische Klöster nur aus Filmen kennen, ein Bild machen können. Leith Morton, der Murakamis Tagebuch über den Aufenthalt in Sydney untersucht hat, sieht in dessen Reiseschriften ein „didaktisches Design“ sowie Intentionen, seine Leser mit den Besonderheiten ferner Länder vertraut zu machen (Morton 2011, S. 98). In Kapitel sechs „Das Kloster Philotheou“ (13) wird auf das Wetter auf Athos eingegangen: Laut Deeg, auch eine Methode, das Fremde zu definieren. Die zusammenfassende Anmerkung von Murakami lautet „Was das Klima angeht, ist dieser Ort nicht typisch griechisch.“ (14) (Murakami 1991a, S. 38) Damit weist er auf seine umfangreiche Erfahrung mit diesem Land hin. Im siebten Kapitel „Das Kloster Karakalou“ (15) entdeckt der Leser „den Ton der Abenteuergeschichte“ (Atkins 2012, S. 85): Nachdem die ganze Gruppe um neun Uhr abends ins Bett gegangen ist, wacht Murakami um zwei Uhr morgens durch eine Glocke auf, geht mit einer Taschenlampe hinaus und hört den betenden Mönchen zu. Im Garten genießt er den klaren nächtlichen Himmel (Murakami 1991a, S. 51). Tsuge Teruhiko (1999, S. 28-29) findet in diesem Abschnitt eine Parallele zu einer Schlüsselszene im Roman Sputnik Sweetheart, bei der der Ich-Narrator nachts von einer mystischen Kraft aufgefordert wird, aufzustehen und einer Musik im Wald zu folgen. Den dritten Tag verbringt die Gruppe auf dem Weg zu und im großen Kloster Lavra, wo sie reichhaltiges Essen und süßen Wein genießen können. Im neunten Kapitel, auf dem Weg zum Kloster Skete, lernen sie den Mönch Clement aus Rumänien kennen, mit dem sie sich auf Französisch unterhalten. In Skete zeigt er ihnen die Kapelle, in der sie besonders von den Bildern der Märtyrer beeindruckt sind. Zu der Heiligen, die von den Römern in einem Kessel gekocht wurde, merkt Murakami an: „Ihr Gesichtsausdruck besagt, dass ihr schon alles gleichgültig ist“ (16) (Murakami 1991a, S. 64). Auf der linken Seite im Buch ist auch ein Bild dieser Szene zu sehen. Beim Anblick des Märtyrers, der mit dem Kopf nach unten aufgehängt und mit einer Säge entzwei zerschnitten wird (17) (Murakami 1991a, S. 66), kommentiert Murakami:

Ich habe das Gefühl, das ist kein Scherz. Unabhängig davon, dass mein Herz bei diesem Anblick blutet, seit ich in die Kapelle eingetreten bin, verspüre ich eine friedvolle Himmelsszene. (18) (Murakami 1991a, S. 68)

In diesem Zusammenhang äußert er seine Gedanken bezüglich der Torturen sowohl der orthodoxen als auch der katholischen Kirche und schließt mit folgender Aussage ab: „Immer wenn ich ein solches Bild sehe, denke ich, dass es nicht genug Leiden gibt“ (19) (ibid.). Ein Äquivalent dieser Märtyrer-Geschichte findet man zunächst in der Kurzgeschichte Hito-kui neko („Menschenfressende Katzen“, aus der Sammlung Blinde Weide, schlafende Frau, erschienen auf Japanisch im Jahr 1991) und dann auch in Sputnik Sweetheart: In dem Reiseführer zur Insel liest der Protagonist über das schreckliche Ende eines griechischen Helden, der gegen die Türken kämpfte. Kapitel Zehn beschreibt die weitere Reise nach Kafsokalyvia, von wo aus die Gruppe mit dem Schiff zurückfahren wollte. Leider stürmt es und regnet („Damals war ich so klatschnass und bis ins Mark durchgefroren, als ob ich einen Fluss durchgequert hätte“ (20) (Murakami 1991a, S. 74)) und das Schiff kommt gar nicht erst an. Ein Mönch rät der Gruppe, am nächsten Tag vom Dorf Agia Anna aus abzubrechen. Die Gruppe übernachtet im Kloster, „das wildeste und anstrengende Kloster“ (21) (Murakami 1991a, S. 75), und trifft da einen Mönch, der „dem buckligen Diener, der dem Diener aus dem Drakula-Film ähnelte, ein ominöses Gesicht hatte und extrem unhöflich war.“ (22) (Murakami 1991a, S. 77) In diesem Abschnitt der Berichterstattung bleibt Murakami seinem Stil treu und liefert eine Beschreibung der unangenehmen Situation, die für die Leser zugänglich und durch weitere Hinweise auf Pop-Kultur verständlich ist. Das letzte Kapitel namens „Agia Anna – Tschüss, Athos“ (23) beginnt mit einer ausführlichen Beschreibung der Geschichte des Klosters Kafsokalyvia, die der Autor in der letzten Nacht vor der Abreise liest. Am nächsten Tag bewältigt die Gruppe die letzte und anstrengendste Etappe. Ein Schiff bringt sie zurück nach Daphne, wo sie zur Musik der Beach Boys „Fischsuppe, Pommes, Moussaka, Sardinen, Kalmare und Salat“ (24) essen. Die Abschlusssätze schreibt Murakami mit Nostalgie nach der Welt auf Athos: „Um ehrlich zu sein, während ich jetzt schreibe, vermisse ich schon dieses Ort bereits“ (25) (1991, S. 87). Was ihn am meisten beeindruckt, ist die Einfachheit (shimpuru) (26), das Essen, die Menschen und die Landschaft, die er zusammenfast als „ruhigen starken Glauben“ (shizuka de nôkô na kakushin) (27) (ibid.).

Im Murakami Haruki ierô jiten: Ātisuto kaitai shinsho [Murakami Haruki Gelben Wörterbuch: eine Dissektion des Künstlers im Taschenbuchformat] wird Uten Enten: Girishya, Toruko henkyô kikô als ein wertvolles Reisetagebuch bewertet, das ein reales Nacherleben eines Landes anbietet, das nicht so einfach zu besuchen ist (Murakami Warudo Kenkyūkai 1999, S. 29-30). Atkins betont, dass Murakami die Reise mit atheistischem Skeptizismus angehe, aber fasziniert vom Alltag der Gläubigen bleibe (2012, S. 85). Lo unterstreicht das Maskuline an der Beschreibung der Reise, die Art, wie Murakami solche anstrengende Touren als Prüfung seines Willens und seiner Kraft sehe (2004, S. 266). J. Philip Gabriel beschreibt die Bedeutung des kurzen Rucksackausflugs auf Athos als „Erweiterung der Suche nach dem ultimativen ruhigen Ort“ (Gabriel 2002, S. 153). Für ihn ist der Prozess des Schreibens in den Reisetexten untrennbar von der einsamen Suche nach der eigenen Identität (Gabriel 2002, S. 156). Aus der Textanalyse lässt sich schlussfolgern, dass die Reise auf der heiligen Halbinsel Athos einen durchaus wichtigen Wert für Murakami als Schriftsteller hat, während der er sich von Vielem beeindrucken ließ, was in seinen späteren Romanen als Motive und Szenen wieder auftauchen wird.

2.2. Sputnik Sweetheart – eine literarische Begegnung mit Europa und einem „neuen“ Griechenland

2.2.1. Kurzfassung des Romans

Der Roman Sputnik Sweetheart erscheint im Jahr 1999. Die Geschichte wird vom Ich-Erzähler K, einem Grundschullehrer, wiedergegeben. Während seines Studiums lernt K die jüngere Sumire kennen und verliebt sich in sie. Sie bricht ihr Studium ab, um einen Roman zu schreiben, während er Lehrer wird. Dennoch bleiben beide in Kontakt. Obwohl Sumire keine Gefühle für K hat, genießen sie die gemeinsame Zeit mit Gesprächen über Bücher. K ist Sumire sehr wichtig und sie scheut nicht davor zurück, ihn nachts um drei anzurufen, wenn sie Rat braucht. Dies ändert sich, als Sumire auf Miu trifft. Miu, Geschäftsfrau und 17 Jahre älter als Sumire, bietet ihr eine Stelle als ihre Assistentin an. Sumire ist verliebt in Miu und verschiebt das Schreiben ihres Romans auf die Zukunft, um sich der Arbeit zu widmen. Zusammen fahren Miu und Sumire auf eine Geschäftsreise nach Italien und Frankreich und im Anschluss zur Erholung auf eine griechische Insel. Zu diesem Zeitpunkt sind die Frauen gut befreundet und Miu offenbart Sumire das große Geheimnis ihrer Vergangenheit: In der Nacht, als sie in einer Schweizer Stadt in einem Riesenrad eingeschlossen war, konnte sie ihr zweites Ich im Hotel sehen, wie dieses Ich mit einem Spanier verkehrte. Miu wurde ohnmächtig und unter Schock stehend gefunden, ihre Haare waren komplett weiß geworden. Sie glaubt, dass eine Hälfte von ihr in dieser Nacht „auf die andere Seite“ ging, nämlich die Hälfte, die sexuell und künstlerisch aktiv sein kann. Sie hat ihre Karriere als Pianistin aufgegeben und sich dem Geschäftsleben gewidmet. Sumire schreibt diese Geschichte auf und speichert sie auf einer Diskette, zusammen mit einer weiteren Geschichte: einer Beschreibung ihrer eigenen wiederkehrenden Träume, in denen ihre verstorbene Mutter vorkommt. In der Nacht, nachdem Sumire Mius Geschichte erfahren hat, versucht sie Miu ihre Gefühle zu offenbaren. Miu kann ihre sexuelle Lust nicht erwidern. Sumire weint bitterlich und verlässt Mius Zimmer. Am nächsten Tag ist sie spurlos verschwunden. K wird von Miu am Telefon gebeten, nach Griechenland zu kommen. Im Gespräch mit Miu und durch die Notizen, die Sumire hinterlassen hat, erfährt er, was geschehen ist. In einer Nacht, die er alleine in der Ferienwohnung verbringt, wird er von leiser Musik geweckt und folgt ihr durch den Wald. Er spürt ihre mystische Kraft und vermutet, dass diese Kraft auch Sumire zu sich gerufen hat, kehrt aber in die Wohnung zurück. Ohne Sumire gefunden zu haben, kehrt er nach einem Aufenthalt in Athen nach Japan zurück. Die Mutter eines Schülers, mit der er eine sexuelle Beziehung hat, bittet ihn um Hilfe für ihren Sohn, als dieser in einem Supermarkt beim Diebstahl erwischt wird. K erzählt dem Kind seine Geschichte und im Anschluss werfen sie zusammen einen gestohlenen Schlüssel in den Fluss. K trennt sich von seiner Liebhaberin und zieht sich immer mehr in seine Einsamkeit zurück, bis ihn eines Nachts Sumire anruft, um mitzuteilen, dass sie wieder in Japan sei.

2.2.2 Textanalyse

Wie in der Einführung erwähnt, ist Sputnik Sweetheart der erste Roman, den Murakami nach der Vollendung der Dokumentation Andâguraundo schreibt. Eine Gemeinsamkeit der beiden Werke sei das Gefühl, durch eine Fiktion jenseits der eigenen Kontrolle oder Begreifens verschlungen und getragen zu werden („sensation of being engulfed and transported by a fiction beyond one's control or comprehension”), kommentiert der Kritiker Dennis Lim (2001).

Der Titel bezieht sich auf den Spitznamen, den Sumire für Miu wählt: Sputnik. Der „Reisegefährte“, wie die genaue Übersetzung des Namens des Satelliten lautet, diene als Metapher für „die unmögliche Kommunikation und die absolute Einsamkeit“ im Roman und kennzeichne „die völlige Vergeblichkeit der Sehnsucht nach Intimität zwischen zwei Personen“, kommentiert Fisch (2010, S. 367). Dil (2007, S. 265). geht auf die Details der Sputnik-Satelliten ein und vermerkt, dass der erste Satellit 1957 gestartet und der Hund Laika, von Murakami in dem kurzen Vorwort erwähnt, mit Sputnik II ins Weltall geschickt wurde. Dieser Satellit kehrte nie zurück und somit wurde Laika für die Wissenschaft geopfert. Laika ist laut Dils Interpretation der Träger der Metapher der Einsamkeit und Isolation (ibid.).

[...]


[1] Dieser Begriff bezieht sich eher auf die sozio-ökonomischen Aspekten des Phänomens als auf die literarischen Fähigkeiten von Murakami Haruki, vermerkt die Kulturwissenschaftlerin Midori Tanaka Atkins (2012, S. 21).

[2] Der Literaturtheoretiker Fredric Jameson vermerkt, dass die Debatte um die Postmoderne hypothetisch auf die Annahme eines radikalen kulturellen Bruchs nach den 1950er beruht (Jameson 2008, S. 129). Für postmoderne Literatur ist "die Auslöschung der alten Grenzen zwischen Hochkultur und Massenkultur" kennzeichnend (ibid.). Gebhardt vermerkt, dass die Debatte um Postmoderne (posutomodan) und solche Literatur in Japan noch nicht ausdiskutiert ist (2012, S. 237).

[3] Für mehr Informationen über die japanische Reiseliteratur sind folgende Beiträge zu erwähnen: Keene, D. (1995): Modern Japanese Diaries: The Japanese at Home and Abroad As Revealed Through Their Diaries, New York: Henry Holt and Company sowie Miner, E. (1996): Naming Properties: Nominal Reference in Travel Writings by Basho and Sora, Johnson and Boswell, Ann Arbor: University of Michigan Press.

[4] Zu diesen Wissenschaftlern zählt Brooke Rappaport (2010, S. 33), die Teile von Asahidō, einer Kolumne Murakamis über seine Landsleute, übersetzt und analysiert hat.

[5] Alle dem Reisebericht Uten Enten: Girishya, Toruko henkyō kikō entnommenen Zitate sowie wörtlichen Zitaten aus japanischen Sekundärquellen wurden selbstständig von mir übersetzt. Originalzitate befinden sich im Kapitel 6.3 Japanischsprachige Zitate. Die Zahlen in Klammern verweisen auf die Nummer des jeweiligen Originalzitats.

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Die literarische Repräsentation des europäischen Auslands in ausgewählten Werken von Murakami Haruki
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Orientalische und Ostasiatische Philologien)
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
58
Katalognummer
V283920
ISBN (eBook)
9783656838111
ISBN (Buch)
9783656838128
Dateigröße
930 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Murakami Haruki, Europa, Sputnik Sweetheart, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Griechenland, Finnland, Reisebericht, Whiskey, Literatur
Arbeit zitieren
Margarita Mishinova (Autor), 2014, Die literarische Repräsentation des europäischen Auslands in ausgewählten Werken von Murakami Haruki, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283920

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