Gentrifizierung und Stadtteilentwicklung am Beispiel Hannover-Lindens


Facharbeit (Schule), 2014

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zuwanderung nach Hannover-Linden – Eine geschichtliche Einordnung

3. Gentrifizierung
3.1. Definition – Gentrifizierung
3.2. Merkmale der Gentrifizierung
3.3. Auslöser und die vier Phasen der Gentrifizierung
3.4. Das Gilde-Carré in Hannover-Linden

4. Stadtteilentwicklung Hannover-Linden-Limmers ab dem Jahr 2005

5. Zukunftsprojekt – „Sport- und Gesundheitspark“ Fösse

6. Fazit

1. Einleitung

In dieser Facharbeit setze ich mich mit dem Thema der Gentrifizierung und der Stadtteilentwicklung auseinander. Am Beispiel von Hannover-Linden-Limmer untersuche ich, inwiefern die Gentrifizierung Einzug gehalten hat und inwieweit sich der Stadtteil verändert.

Die Motivation mich mit dem Stadtteil, seiner Bevölkerungsstruktur und ihrem Wandel intensiver zu beschäftigen, entstand nicht zuletzt durch meine besondere Beziehung zu diesem Stadtteil. Mir fiel mir auf, dass sich die Struktur der Marktbesucher veränderte.

Die den Marktplatz umgebenden Geschäfte veränderten sich ebenfalls. Zu nennen sind beispielhaft die Eisdiele Frioli1 mit biologischen Erzeugnissen sowie der Blumenladen Indigo2, der außer Blumen auch besondere, hochpreisige Wohnaccessoires verkauft. Inmitten alter Gründerzeithäuser entstand ein kleines Wohngebiet, das Gilde-Carré.

Diese Umstände wecken mein Interesse, mich mit diesem Stadtteil im Hinblick auf die sogenannte Gentrifizierung näher zu befassen. Ich möchte genau wissen, was die Gentrifizierung ausmacht, welche Auslöser und auch Folgen sie hat.

In meinem Erdkundeunterricht wurde die „Urbanisierung“ thematisiert. Wieder richtete sich mein Fokus auf den Stadtteil Hannover-Linden-Limmer. Ich wollte wissen, ob sich die Gentrifizierung in der Bevölkerung abbilden lässt, nämlich den Wandel von einem Arbeiterviertel hin zu einem angesagten und beliebten Wohngebiet für Besserverdienende und Intellektuelle.

Zunächst verschaffe ich mir einen Überblick über die Geschichte der Zuwanderung nach Hannover-Linden.

Anschließend widme ich mich dem Begriff der Gentrifizierung, welchen ich zuerst definiere und danach erörtere. Am Beispiel des „Gilde-Carrés“ werde ich die Gentrifizierung verdeutlichen.

Danach wird die Stadtteilentwicklung Hannover-Linden-Limmers ab dem Jahr 2005 aufgezeigt, durch welche sich die Gentrifizierung ebenfalls abbilden lässt.

Um dem übergeordneten Seminarthema „Zukunftsvisionen: Gestern und Heute“ Rechnung zu tragen, werde ich anhand des Zukunftsprojektes „Sport- und Gesundheitspark Fösse“ beispielhaft einen Ausblick in die Zukunft des Stadtviertels geben.

Abschließend äußere ich mich in meinem Fazit zu den Vor- und Nachteilen der Gentrifizierung für den Stadtteil Linden.

2. Zuwanderung nach Hannover-Linden – Eine geschichtliche Einordnung

Der Stadtteil Hannover-Linden ist seit dem 19. Jahrhundert von Immigration geprägt.3

Bis zu dem Jahr 1840 wanderten viele Beschäftigte aus dem Umland ein.4

Sie kamen beispielsweise aus dem Calenberger Land und waren auf der Suche nach Arbeit.

Aufgrund der Frühindustrialisierung im 19. Jahrhundert wurden viele Fabriken errichtet.5 Diese warben Fachkräfte auch aus dem Ausland an. Die ausländischen Fachkräfte kamen unter anderem aus England und dienten als Ausbilder für Einheimische.6

Nach dem Beitritt des Königreiches Hannover zum Zollverein im Jahr 18547, wurde die Textilindustrie belebt. Die Folge war ein erneuter Zuwachs an Arbeitskräften.8

Die Lebenssituation war vor allem durch beschwerliche Arbeitsbedingungen und Wohnungsknappheit bestimmt. Zudem herrschte bei Krisen das ständige Risiko der Erwerbslosigkeit.9

Im Jahr 1870 wurde der Bau dreigeschossiger Häuser intensiviert. In Linden-Nord entstand Wohnraum auf dem „Nedderfeld“, in Linden-Mitte in der Nähe der Nieschlagstraße sowie in Linden-Süd in geringer Entfernung zu der Charlotten- und Ricklingerstraße.10

Der Neubau von Wohnungen war von großer Bedeutung, denn schon im Jahr 1875 verdoppelte sich die Einwohnerzahl Lindens auf ca. 21.000.11

Durch Anwerbung günstiger Arbeitskräfte aus dem Osten (z.B. aus Pommern) stieg der Zuzug an Arbeitskräften.

Aus diesem Grund befürchteten die staatlichen Behörden, dass soziale Missstände entstehen könnten.12

Noch bis zum ersten Weltkrieg hielt der Bevölkerungszuwachs, besonders aus dem Osten, an. Die Hoffnung der Einwanderer bestand darin, bessere Verdienstmöglichkeiten vorzufinden sowie in Freiheit arbeiten zu können.13

Die Immigration nach Linden stieg nochmals an als neuer, preiswerter Wohnraum zur Verfügung gestellt wurde.14

Nach dem zweiten Weltkrieg war Linden einer der Zufluchtsorte für viele obdachlose Personen. Später wurden aufgrund von Wohnungsknappheit Neubauten errichtet.15

Zu Beginn der 1970er Jahre fand eine große Zahl von Immigrationen statt. Hierbei handelte es sich überwiegend um Gastarbeiter und deren Familien.16

In den 1980er- und 1990er Jahren zogen dann vermehrt Asylanten nach Linden.17

Gleichzeitig wurde das Wohnviertel Linden aufgrund der preiswerten Mieten auch für Studenten beliebt.18

3. Gentrifizierung

3.1. Definition – Gentrifizierung

Dem Soziologen Andrej Holm nach, gibt es eine Standarddefinition der Gentrifizierung (auch Gentrification genannt). Diese besagt, dass Gentrifizierung alle Verstädterungsprozesse zusammenfasse, die in Verbindung mit der Verdrängung und dem Austausch der Bevölkerung stünden.19

Die Definition nach Jörg Blasius und Jens Dangschat20 bestimmt die Gentrifizierung genauer.

Die Definition unterstreicht, dass die Gentrifizierung „ [...] ein schnelles Ansteigen des Anteils an Bewohnern der (oberen) Mittelschicht in ehemaligen Arbeiterwohngebieten bzw. in zuletzt von Arbeitern bewohnten Gebieten [ist].

Begleitet wird dieser [] Bevölkerungsaustausch von einer Umwandlung des Wohnungsbestandes durch Modernisierung, Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen [...]. Er beinhaltet auch eine Reinvestition in den Wohnungsbestand und in die Infrastruktur dieser Gebiete.“21

3.2. Merkmale der Gentrifizierung

Im Wesentlichen gibt es vier Merkmale der Gentrifizierung. Dazu zählen die bauliche, die soziale, die funktionale und die symbolische Aufwertung.22

Ersteres beschreibt Gebäudesanierungen und Neubauten in Vierteln. So werden das Wohnumfeld und die Infrastruktur verbessert. Die alten und ursprünglichen Strukturen genügen nicht mehr den Anforderungen der neuen Einwohnerschaft und werden hier durch neue, dem Klientel entsprechende ausgetauscht. 23

Die soziale Aufwertung beschreibt die Immigration einer statushöheren Bevölkerungsschicht. In erste Linie ziehen besserverdienende und höher gebildete Personen in das Viertel und steigern so dessen Attraktivität.

Das dritte Merkmal ist die funktionale Aufwertung. In einem Viertel, welches dem Prozess der Gentrifizierung unterliegt, eröffnen dem Klientel entsprechend neue Geschäfte sowie das Angebot von Dienstleistungen steigt an.

Dr. Christian Krajewski spricht hier von „qualitativer und quantitativer Angebotsausweitung“24, was bedeutet, dass die Struktur des Angebots dem Käufer angepasst ist.25

Die symbolische Aufwertung stellt ein viertes Merkmal der Gentrifizierung dar. Die positive Reputation wird durch die Medien verbreitet, was bedeutet, dass vor allem die Medienpräsenz des Viertels eine große Rolle spielt.

Als Konsequenz daraus erlangt das Viertel eine allgemein höhere Zustimmung und wird attraktiver.26

3.3. Auslöser und die vier Phasen der Gentrifizierung

Wissenschaftlich betrachtet, lässt sich die Gentrifizierung in vier Ablaufphasen einteilen. Diese beschreiben jeweils die sozialen Gruppen, die Akteure, Boden- und Mietpreise, die Reputation des Viertels sowie die Verdrängung von alteingesessenen Bewohnern.

Jede Phase hat spezifische Merkmale, die sie von den anderen Phasen abgrenzt.

Dieses Modell wurde von Jürgen Friedrichs entworfen. Sein Werk „Gentrification“ stellt einen Auszug von Hartmut Häußermanns „Großstadt: Soziologische Stichworte“ dar27.

Des Weiteren wird das Werk „Gentrification. Die Aufwertung innenstadtnaher Wohnviertel.“, verfasst von Jörg Blasius und Jens Dangschat28 herangezogen, in welchem ebenfalls der Prozess der Gentrifizierung modellhaft dargestellt wird.

Phase 1:

In der ersten Phase ziehen vermehrt Pioniere29 in das Department ein.30

Bei den sogenannten Pionieren handelt es sich um Personen mit einem höheren Bildungsstatus als die Ortsansässigen. Meist sind es kinderlose Ein- bis Zweipersonenhaushalte. Ihnen gebührt ein kulturell höherer Bildungsstatus, zu diesem zählen beispielsweise Studenten, Künstler und Fotografen. Sie werden unter anderem als Auslöser für die Gentrifizierung gehandelt, da sie die zeitlich gesehen Ersten sind, die in das neue Gebiet ziehen. Die Pioniere veranlassen die neue Entwicklung des Viertels, da sie ihren Wohnort und ihre Wohnungen nach ihren Vorstellungen umgestalten.31

Die vorrangigen Akteure dieser Phase sind Pioniere, welche über wenig Einkommen verfügen, jedoch leerstehende Wohnungen mieten und damit risikofreudig agieren. Sobald eine größere Anzahl an Pionieren in das Gebiet gezogen ist, verändern sich schon erste Bereiche der Infrastruktur.32

Die Boden- und Mietpreise sowie die Reputation des Viertels bleiben unverändert.

Zu dieser Zeit findet auch noch keine Verdrängung Ansässiger statt, da lediglich freie Wohnungen belegt werden.33

Phase 2:

Die zweite Phase zeichnet sich dadurch aus, dass weitere Pioniere sowie erste Gentrifier34 in das Gebiet ziehen.35

Pioniere und Gentrifier sind die Hauptakteure. Gentrifier sind Personen, welche über eine höhere Schulbildung und ein höheres Einkommen als ansässige Bewohner verfügen. Es handelt sich dabei meist um Paare, welche mit oder auch ohne Kinder in das Gebiet ziehen. Die Käufer von Wohnraum sind risikoscheu.

Dies bedeutet, dass sie erst in das Wohnviertel ziehen, sobald der Wandel zu einem Gebiet mit hoher Reputation absehbar ist.36

[...]


1 Vgl. http://www.frioli.de; letzter Zugriff: 06.11.2014.

2 Vgl. http://www.indigoblumen.de; letzter Zugriff: 06.11.2014.

3 Vgl. http://www.quartier-ev.de/?id=spaziergang:Zuwanderung; letzter Zugriff: 03.11.2014.

4 Vgl. http://www.quartier-ev.de/?id=spaziergang:Zuwanderung; letzter Zugriff: 03.11.2014.

5 Vgl. http://www.quartier-ev.de/?id=spaziergang:Zuwanderung; letzter Zugriff: 03.11.2014.

6 Ebd.

7 Vgl. http://www.hgisg-ekompendium.ieg-mainz.de/Dokumentation_Datensaetze/Multimedia/Staatenwelten/Deutscher_Zollverein.pdf; 06.11.2014.

8 Vgl. http://www.quartier-ev.de/?id=spaziergang:Zuwanderung; letzter Zugriff: 03.11.2014.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Vgl. http://www.quartier-ev.de/?id=spaziergang:Zuwanderung; letzter Zugriff: 03.11.2014.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Vgl. http://www.zeit.de/lebensart/2010-10/gentrifizierung-andrej-holm; letzter Zugriff: 01.11.2014.

20 Blasius, Jörg; Dangschat, Jens (Hg.) (1990): Gentrification. Die Aufwertung innenstadtnaher Wohnviertel. Frankfurt/Main; New York: Campus Verlag, S. 22‐24.

21 Ebd.

22 Krajewski, Christian (2004): Workshop AK Stadtzukünfte 2004 – Gentrification in zentrumsnahen Stadtquartieren in Berlin.

23 Ebd.

24 Krajewski, Christian (2004): Workshop AK Stadtzukünfte 2004 – Gentrification in zentrumsnahen Stadtquartieren in Berlin.

25 Ebd.

26 Krajewski, Christian (2004): Workshop AK Stadtzukünfte 2004 – Gentrification in zentrumsnahen Stadtquartieren in Berlin.

27 Friedrichs, Jürgen (1998): Großstadt. Soziologische Stichworte. In: Häußermann, Hartmut, Opladen: Leske und Budrich, S. 57‐66.

28 Blasius, Jörg; Dangschat, Jens (Hg.) (1990): Gentrification. Die Aufwertung innenstadtnaher Wohnviertel. Frankfurt/Main; New York: Campus Verlag, S. 22‐24.

29 Pioniere: Personen, die als erstes in ein neues Viertel ziehen und es so publik machen.

30 Friedrichs, Jürgen (1998): Großstadt. Soziologische Stichworte. In: Häußermann, Hartmut, Opladen: Leske und Budrich, S. 57‐66.

31 Ebd.

32 Ebd.

33 Ebd.

34 Gentrifier: Personen, die eine Nachbarschaft durch die Renovierung alter Gebäude aufbessern, sodass weitere Wohlhabende in das Viertel ziehen.

35 Friedrichs, Jürgen (1998): Großstadt. Soziologische Stichworte. In: Häußermann, Hartmut, Opladen: Leske und Budrich, S. 57‐66.

36 Friedrichs, Jürgen (1998): Großstadt. Soziologische Stichworte. In: Häußermann, Hartmut, Opladen: Leske und Budrich, S. 57‐66.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Gentrifizierung und Stadtteilentwicklung am Beispiel Hannover-Lindens
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V284099
ISBN (eBook)
9783656845430
ISBN (Buch)
9783656845447
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gentrifizierung, stadtteilentwicklung, beispiel, hannover-lindens
Arbeit zitieren
Leah Pielok (Autor), 2014, Gentrifizierung und Stadtteilentwicklung am Beispiel Hannover-Lindens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284099

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