Einleitung
Demokratische Parteiensysteme befinden sich weltweit in einem stetigen Wandel, ausgelöst durch Veränderungen der politisch relevanten Themen, gesellschaftlichen Umbrüchen und parteiinternen Konfliktbewältigungen.
Die französische Parteienlandschaft wird hierbei durch die zahlreichen Veränderungen häufig als europäisches Paradebeispiel für ein inkonstantes und verwirrendes System angesehen. Im Rahmen dieser Arbeit steht daher folgende Frage im Mittelpunkt: Konnten die französischen Parteien nach dem Übergang von der IV. zur V. Republik ihre Stelllung im politischen System bewahren und dem Parteiensystem insgesamt zu mehr Stabilität als in den Vorgängerrepubliken
verhelfen? Oder ist die französischen Parteienlandschaft auch heute noch gekennzeichnet von einer unübersichtlichen und destabilisierenden Multipolarität wie es die zahlreichen Neugründungen und Abspaltung auf den ersten Blick vermuten lassen? Es geht darum die Entwicklungen im französischen Parteiensystem über die letzten Jahrzehnte zu beobachten um daraus eine Schlussfolgerung über dessen Zustand ziehen zu können.
In der vorliegenden Arbeit werden zunächst die Rolle und Funktion der
französischen Parteien, wie sie ihnen von der Verfassung und der Gesellschaft zugedacht werden, genauer betrachtet. Der nächste Abschnitt des Hauptteils beschäftigt sich mit der Charakterisierung und dem Werdegang der einzelnen Parteien Frankreichs um aus den einzelnen Entwicklungen ein Gesamtbild über die französische Parteienlandschaft zu bekommen. Der rechtsextreme Front
national ist aufgrund seiner Komplexität von der Betrachtung ausgenommen.(1)
Schließlich geht es im dritten Teil um die verschiedenen Phasen der Blockbildung in der Vergangenheit der V. Republik bis zu den neuesten Tendenzen. Was die Literatur betrifft, so kann man anhand der Fülle der Publikationen zum Themenbereich „Französische Parteien“ auf dessen bedeutende Stellung innerhalb der politikwissenschaftlichen Forschung schließen. Die zahlreichen
Neuerscheinungen und Neuauflagen belegen die Tatsache, dass das
Parteiensystem Frankreichs einem ständigen Wandel unterzogen ist. Als
besonders umfassend und aktuell gilt hierbei die Publikation von Sabine Ruß mit dem Titel „Parteien in Frankreich: Kontinuität und Wandel in der V. Republik“.
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1 An einzelnen Stellen werden Verweise auf den Front national zum Allgemeinverständnis allerdings notwendig sein.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Stellung der politischen Parteien im politschen System und in der Gesellschaft Frankreichs
2.1 Anerkennung der politischen Parteien in der V. Republik durch die Verfassung
2.2 Die französische Wählerschaft und die politischen Parteien
3 Werdegang und Charakterisierung der wichtigsten französischen Parteien
3.1 Die „Parti communiste français“ (PCF)
3.2 Die „Parti socialiste“ (PS)
3.3 Die Parteien der Mitte in der „Union pour la democratie française“ (UDF/Nouvelle UDF)
3.4 Das Rassemblement pour la République (RPR)
3.5 Weitere Parteien und Splittergruppen
4 Die Entwicklung des Parteiensystems seit 1958
5 Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle und Entwicklung des französischen Parteiensystems seit der Gründung der V. Republik. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, ob die französischen Parteien ihre Stellung im politischen System nach dem Übergang von der IV. zur V. Republik festigen konnten und inwiefern sie zur Stabilität des Systems beigetragen haben, oder ob weiterhin von einer destabilisierenden Parteienvielfalt auszugehen ist.
- Analyse der verfassungsrechtlichen Stellung und Anerkennung politischer Parteien.
- Charakterisierung des Werdegangs der bedeutendsten französischen Parteien (PCF, PS, UDF, RPR).
- Untersuchung der institutionellen Einflüsse auf die Parteienlandschaft.
- Beobachtung der verschiedenen Phasen der Blockbildung (Bipolarisation) seit 1958.
- Evaluation des Vertrauensverhältnisses zwischen Wählerschaft und Parteien.
Auszug aus dem Buch
Die Stellung der politischen Parteien im politschen System und in der Gesellschaft Frankreichs
Politische Parteien so wie wir sie heute kennen, als „zu einheitlichem Handeln befähigte, leistungsfähige Organisationen mit Massenmitgliedschaften, die nach Übernahme von Regierungsverantwortung streben“, haben sich in Frankreich, anders als beispielsweise in Deutschland, erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts herausgebildet.
Dort entstanden im linken politischen Spektrum zwei sozialistische Parteien: die „Section Française de l’Internationale Ouvrière“ (SFIO, 1905) von der sich 1920 die „Parti Communiste Français“ (PCF) abgespalten hat. Im rechten Flügel fanden sich hingegen bis zum Beginn der V. Republik keine Massenparteien, sondern nur Honoratiorenparteien, wie die „Parti radical“ (PRRS, 1901) deren Mitglieder hauptsächlich aus den freien Berufen, der Lehrerschaft und dem Juristentum stammten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung umreißt den Wandel des französischen Parteiensystems und definiert die zentrale Forschungsfrage hinsichtlich der institutionellen Stellung der Parteien und der Stabilität des Systems.
2 Die Stellung der politischen Parteien im politschen System und in der Gesellschaft Frankreichs: Dieses Kapitel untersucht, wie Parteien in der französischen Verfassung verankert sind und welche soziokulturellen Faktoren (wie Individualismus) ihre gesellschaftliche Akzeptanz prägen.
2.1 Anerkennung der politischen Parteien in der V. Republik durch die Verfassung: Hier wird analysiert, wie Artikel 4 der Verfassung von 1958 die Rolle der Parteien auf die Teilnahme an Wahlen einschränkt und sie damit institutionell schwächt.
2.2 Die französische Wählerschaft und die politischen Parteien: Dieser Abschnitt beleuchtet die Distanz der Wähler zu den Parteien, die durch Finanzierungsskandale und eine generelle Skepsis gegenüber dem Begriff „Partei“ verstärkt wird.
3 Werdegang und Charakterisierung der wichtigsten französischen Parteien: Ein Überblick über die historischen Entwicklungen und internen Strukturen der wichtigsten Parteien von links nach rechts.
3.1 Die „Parti communiste français“ (PCF): Analyse des Aufstiegs und des späteren Bedeutungsverlusts der kommunistischen Partei aufgrund soziologischer Strukturveränderungen.
3.2 Die „Parti socialiste“ (PS): Untersuchung der Neugründung der PS 1971 und ihrer Rolle als Regierungspartei, inklusive der damit verbundenen innerparteilichen Krisen.
3.3 Die Parteien der Mitte in der „Union pour la democratie française“ (UDF/Nouvelle UDF): Darstellung des Parteienbündnisses UDF als Zweckbündnis und seine Schwierigkeiten bei der Etablierung einer zentralen Organisationsstruktur.
3.4 Das Rassemblement pour la République (RPR): Betrachtung der Tradition des Gaullismus und der Umgestaltung des RPR zu einer modernen Volkspartei unter Jacques Chirac.
3.5 Weitere Parteien und Splittergruppen: Kurze Vorstellung der Rolle ökologischer Parteien wie Les Verts und der Bedeutung politischer Clubs in Frankreich.
4 Die Entwicklung des Parteiensystems seit 1958: Eine Analyse der Bipolarisation (quadrille bipolaire) und ihrer Lockerung ab Mitte der 80er Jahre durch neue gesellschaftliche Themen.
5 Zusammenfassung: Die Schlussbetrachtung bewertet die gewonnene Stabilität des Systems trotz des Wandels und der anhaltenden Herausforderungen für die etablierten Parteien.
Schlüsselwörter
Frankreich, Parteiensystem, V. Republik, PCF, PS, UDF, RPR, Gaullismus, Parteienfinanzierung, Wahlrecht, Bipolarisation, politische Stabilität, Politische Parteien, Wähleridentifikation, Regierungsverantwortung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Wandel und die Entwicklung des französischen Parteiensystems während der V. Republik, insbesondere unter Berücksichtigung der verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen und des Verhältnisses zwischen Parteien und Wählerschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die rechtliche Anerkennung der Parteien, die historische Entwicklung der bedeutendsten Parteien, den Einfluss von Wahlsystemen und die Dynamik der parteipolitischen Blockbildung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es zu erörtern, ob sich die französischen Parteien im Laufe der V. Republik etablieren konnten und inwiefern sie zur Stabilisierung des politischen Systems beigetragen haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die auf einer Auswertung der einschlägigen Fachliteratur sowie der Untersuchung von Verfassungsartikeln und historischen Wahlergebnissen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Stellung der Parteien in der Gesellschaft, porträtiert die wichtigsten Parteien (von der PCF bis zum RPR) und dokumentiert den Prozess der Bipolarisierung sowie deren Lockerung seit 1984.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie französisches Parteiensystem, Bipolarisation, Verfassungsrecht, Regierungsstabilität und Parteienwandel charakterisiert.
Warum vermeiden viele französische Parteien den Begriff "Partei" in ihrer Namensgebung?
Aufgrund der republikanischen Tradition und einer stark ausgeprägten Individualismusströmung werden Parteien häufig als Vertreter von Einzelinteressen gesehen. Begriffe wie "Sammlung" oder "Bewegung" sollen hingegen einen breiteren Sammelanspruch betonen.
Welche Auswirkung hatte der Übergang zur V. Republik auf die Rolle der Parteien?
Der Übergang zur V. Republik unter Charles de Gaulle zielte auf eine Stärkung der Exekutive zu Lasten der Parteien ab, wobei diesen primär nur noch die Rolle der Teilhabe an Wahlen zugewiesen wurde.
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- Vanessa Ohst (Author), 2000, Das französische Parteiensystem, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2840