Die Begriffe Erfahrung und Erziehung bei John Dewey mit aktuellem Bezug

Reformpädagogische Ansätze


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Ausgangspunkt für Deweys Kritik
1.2 Kritik am „Alten“
1.3 Kritik am „Progressiven“
1.4 Deweys neue Erziehungstheorie

2. Erfahrung - positiv und geleitet
2.1 Qualität der Erfahrung

3. Die Aufgaben des Lehrers
3.1 Projektarbeiten
3.2 Der Lehrstoff

4. Kritik und Selbsteinschätzung

5. Literaturangaben; Quellen und Sekundarliteratur

1. Einführung

Die vorliegende schriftliche Ausarbeitung beschäftigt sich in erster Linie mit den Begriffen „Erfahrung und Erziehung“, wie sie von John Dewey in seinen pädagogischen Aufsätzen[1] geformt und beschrieben wurden.

Mit Hilfe einer Darstellung von Deweys Verständnis von Erfahrung, möchte ich einen Bezug zum aktuellen Lehrplan 2003 herstellen, in welchem Lehrer in ihrem Tätigkeitsfeld als „Lernexperten“ bezeichnet werden, was bedeutet, dass Lehrer Experten sind, oder sein sollen, in allen Fragen des Lernens und Lehrens.

Ich möchte mit dieser Hausarbeit eine Verbindung herstellen, zwischen Deweys Erkenntnissen über die absolute Wichtigkeit der Erfahrung im Erziehungsprozess beim Heranwachsenden und dem aktuellen Anspruch des Lehrplans an den heutigen Lehrer, nicht nur Lernexperte zu sein, sondern auch „Kompetenzen“ zu fördern, mehr als nur reines Sachwissen. Dafür können Deweys Erkenntnisse einen hilfreichen Denkanstoß geben.

Ich kann und werde im Rahmen dieser schriftlichen Arbeit nicht auf alle einzelnen meist philosophischen Auseinandersetzungen Deweys mit dem Thema „Erfahrung und Erziehung“ eingehen können, da dies einen weiten Themenkomplex umfassen würde, der den Rahmen dieser Ausarbeitung „sprengen“ würde. Diese Arbeit ist der Versuch einer Zusammenfassung von Deweys Gedanken über die Erfahrung und ihre Wichtigkeit im Verlauf des erzieherischen Prozesses und wie diese Erkenntnisse auch heute in den Schulen zu einem „ganzheitlicheren“ Lernen führen könnten.

Es ist wichtig für den Leser zu wissen, dass Dewey sich von der „traditionell überlieferten“ wie auch der für ihn teilweise zu unorganisierten und radikalen „child centered“, oder „progressive education“ Erziehungsbewegung distanzierte und seine eigene Theorie zur Reform in der Erziehung aufstellte, indem er Vorhandenes kritisch und mit Vernunft durchdachte.

1.1 Ausgangspunkt für Deweys Kritik

Es ist wichtig zu wissen, dass der Ausgangspunkt für Deweys Erziehungstheorie, die realen Schulverhältnisse am Ende des 19.Jhdt. waren, die hauptsächlich durch Drill, Strenge und Disziplinierung gekennzeichnet waren, aber auch durch große Klassen, geringe Budgets und schlecht ausgebildeten Lehrern. Dazu kamen noch die starken sozialen Unterschiede in einer rasant wachsenden Industrienation.[2]

Dewey konnte weder die damaligen Schulverhältnisse in denen hauptsächlich die „überlieferte Erziehungsweise“ praktiziert wurde, noch sich für die erst seit relativ kurzer Zeit bestehende „child centered“, oder „progressive education“ vollends begeistern.

Dewey umschrieb eine für seine Zeit gänzlich neue Erziehungstheorie, welche er selbst bezeichnend die „neue Erziehungsart“ nannte.

Neu war diese, weil sie sich von den damals üblichen und gebräuchlichen Begriffen, die im Zusammenhang mit Erziehung verwendet wurden, wie etwa „Zucht und Ordnung“, oder „Herrschaft und Disziplin“ deutlich absetzten. Wie bereits erwähnt, war sie aber auch nicht einfach nur auf die Begriffe „Freiheit und Individualität“ oder „Erziehung vom Kinde aus“ zu reduzieren. In seiner kritischen Auseinandersetzung mit beiden Richtungen, stellt er fest, dass die eine, die „alte Erziehungsart“, eine zu formelle Ansicht vertritt, bei der Erziehung ein abgeschlossener Vorgang ist, wenn bewährtes kulturelles und moralisches Wissen der jungen Generation von der älteren Generation „eingetrichtert“ wird.

1.2 Kritik am „Alten“

In einer groben Formulierung, die keine Definition liefern soll, stellte Dewey die Ideen der überlieferten Erziehung folgendermaßen dar: „Der Lehrstoff der Erziehung besteht aus einem Vorrat an Wissen und Fertigkeiten, der in der Vergangenheit erarbeitet worden ist; dabei ist es die Hauptaufgabe der überlieferten Schule, diesen Vorrat der neuen Generation zu vermitteln.“[3]

Für Dewey ergaben sich daraus jedoch zwei pädagogische Probleme; erstens wird durch die Vorlage des verpackten Wissens als fertiges Produkt, keine Rücksicht genommen auf die Art und Weise, wie diese Erkenntnis einmal erarbeitet worden ist, das bedeutet für den Schüler steht das Wissen allein ohne Zusammenhang da, es ist sehr statisch; zweitens wird auch keine Rücksicht auf eine sich ständig verändernde Gesellschaft genommen – „Es ist weitgehend das Kulturprodukt von Gesellschaften, die davon ausgingen, dass die Zukunft ziemlich genau so sein würde, wie die Vergangenheit.“[4] Man muss dabei berücksichtigen, dass gemeintes Kulturprodukt nicht nur das vermittelte Schulwissen, sondern auch die sittlichen und moralischen Regeln der Gesellschaft und die starre hierarchische Schulordnung mit einschließen. Hier noch mal Deweys Kritik am überlieferten Schulwesen im Ganzen; „Das überlieferte Erziehungswesen ist im Wesentlichen das Aufdrängen von oben und von außen. Es drängt denen, die erst langsam der Reife entgegen wachsen, Normen der Erwachsenenwelt, Lehrstoff und Methoden auf. Die Kluft zwischen Jugend und Erwachsenen ist so weit, dass der Lehrstoff und die Methoden des Lernens und Betragens den vorhandenen Fähigkeiten der Jugend gänzlich fremd gegenüberstehen. Sie sind völlig außerhalb des Bereiches der Erfahrung der jungen Lernenden. Infolgedessen müssen sie ihnen aufgedrängt werden. Daran ändert sich auch nichts, wenn Lehrer Kunstgriffe anwenden, um diesen Zwang zu verschleiern und die auffällig brutalen Züge zu beseitigen“[5]

In diesem letzten Satz wird schon ausgesagt, was später noch verdeutlicht werden wird. Es macht keinen Unterschied, ob der formale Unterricht mit „vorgekautem“ Wissen offensichtlich, oder verschleiert stattfindet.

1.3 Kritik am „Progressiven“

In seiner kritischen Auseinandersetzung mit der „progressiven“ oder „Kind zentrierten“ Erziehung, stellt Dewey zunächst die Prinzipien der „alten“ den Prinzipien der „neuen“ Erziehung gegenüber, welche sich wie Gegensatzpaare anhören; der äußerlichen Zucht, wird die freie Aktivität entgegengesetzt; dem Lernen aus Lehrbüchern und von den Lehrern, steht ein Lernen von, auf und aus Erfahrung gegenüber; dem Erwerb isolierter Fertigkeiten und Techniken durch Drill, steht die Aneignung dieser Fertigkeiten als Mittel zur Erlangung von vital angestrebten Zwecken gegenüber; an die Stelle von der Vorbereitung auf eine mehr oder weniger ferne Zukunft, tritt das Bestreben, das Beste aus den Gegebenheiten der Gegenwart zu machen, und an die Stelle der statischen Ziele und Inhalte tritt die Begegnung mit einer sich fortwährend wandelnden Welt.[6]

Dewey spricht sich für diese neue Erziehungsbewegung aus, begründet auf deren Erkenntnis, dass es eine notwendige und enge Beziehung zwischen dem Prozess der Erfahrung und dem der Erziehung gibt. Er sieht jedoch auch die Gefahr, dass einfach nur die abstrakten Grundsätze der neuen Erziehung noch nichts über deren Verwirklichung in der Praxis aussagen und dass bei einer neuen Bewegung immer die Gefahr besteht, dass durch die bloße Ablehnung der alten Methoden und Ziele keine konstruktiven neuen Prinzipien entwickelt werden. „Wir wollen feststellen, dass ein Erziehungsdenken, das vorgibt auf der Idee der Freiheit gegründet zu sein, genau so dogmatisch werden kann, wie es die überlieferte Erziehung war, gegen die es sich wendet; denn jede Theorie und jede Praxis, die nicht auf einer kritischen Prüfung der ihr zugrunde liegenden Prinzipien beruht, ist dogmatisch.“[7]

1.4 Deweys neue Erziehungstheorie

Dewey ruft dazu auf kritisch zu sein und kritisch zu prüfen, nach welchen Prinzipien eine Theorie und Praxis aufgebaut ist. So auch im Auseinandersetzen mit dem Begriff Erfahrung.

Deweys Erziehungstheorie war deshalb neu, weil sie von wirklich neuen Prinzipien und Begriffen ausging, wie „Beteiligung und Mitsprache“ und dem Begriff der „Erfahrung“ gegenüber dem des sturen Auswendiglernens. Diese Vorstellung von Erziehung hatte zwei bedeutende neue und wichtige Aspekte; erstens beschrieben die zwei Begriffe „Beteiligung und Mitsprache“ eine Richtung der Erziehung hin zu einem gesellschaftlichen, politischen System, dem der Demokratie. Das Prinzip der Erfahrung, wurde von Dewey im Zusammenhang mit Entwicklung und Erkenntnis verstanden: „Weder Entwicklung noch Erkenntnis können abgeschlossen werden, vielmehr verlangen sie, im Sinne Darwins, beständige Neuanpassung. Dafür findet Dewey die Formel der beständigen Rekonstruktion.“[8]

2. Erfahrung - positiv und geleitet

Nur die Feststellung zu machen, dass echte Erziehung durch Erfahrung entsteht, bedeutet nicht, dass jede Erfahrung als pädagogisch positiv zu bewerten ist. In traditionellen Klassenzimmern wurden auch Erfahrungen gemacht, die jedoch eher als pädagogisch negativ zu bewerten wären. Es ist erstaunlich, doch man kann diese Aussage sicherlich auch auf sehr viele heutige Klassenzimmer treffen. Meine persönliche Schulzeit ist noch nicht so lange vorbei und, würde ich die von mir erlebten Unterrichtsverhältnisse darlegen, so könnten diese zumindest teilweise traditionell, wie vor über hundert Jahren bei Deweys Beschreibungen, interpretiert werden. Besonders in Mathe, Geschichte und Erdkunde, hatten meine Mitschüler und ich das „Unglück“, schon sehr abgestumpfte und nicht mehr wirklich motivierte Lehrer zu haben. Sie pflegten ihre schon recht alten Unterlagen und beschränkten sich darauf uns diese mehr oder weniger auswendig lernen zu lassen. Für manche von uns war das eine gute Sache, man konnte sich gut auf die nächste Klausur vorbereiten, zu deren Hilfe man am besten noch eine Klausur vom Vorjahr eines Schulkollegen aus einer höheren Klasse nahm. Dann konnte einem eigentlich nicht mehr viel passieren – man bestand!

Jedoch muss ich auch sagen, dass mir und auch Freunden von mir aus dieser Zeit, teilweise ein grundlegendes Verständnis und Wissen irgendwie einfach fehlen, obwohl ich es alles „gelernt“ habe. Dieses persönliche Beispiel sollte veranschaulichen, dass ich nicht keine Erfahrungen gemacht habe, jedoch bezogen sich meine Erfahrungen in den oben genannten Fächern darauf, dass ich in Mathematik wohl nicht schlau genug bin, um die komplizierten Aufgaben des Lehrers zu verstehen, oder dass die Fakten in Erdkunde und Geschichte ohne interessanten Zusammenhang recht belanglos für mich sind und noch vieles weiteres mehr.

Die Problematik der traditionellen Klassenzimmer, wie sie Dewey beschreibt, sind auch heute noch gegeben. Es wird auch heute noch Stoff von außen reingequetscht, ohne auf ein Prinzip von pädagogisch positiven Erfahrungen zu achten. Ich möchte hier nicht verallgemeinern, es gibt auch viele motivierte und wunderbare Lehrer, es ist nur erstaunlich, dass die selbe Problematik, die vor über hundert Jahren aktuell war, auch heute noch, oder wieder aktuell ist. Die Gesellschaftlichen Umstände sind heute etwas anders, aber Migrationshintergründe und soziale Unterschiede sind wieder Top Themen in den Bildungsdiskussionen – siehe PISA.

Wie sind nun Erfahrungen überhaupt zu bewerten? Können Deweys Erkenntnisse auch auf heutige Verhältnisse praktisch angewandt werden? Wie kann man wirkliche Erfahrung für Heranwachsende bekommen, oder „ Wie kann dieser enge Bezug zwischen Lehrer und Schüler hergestellt werden, ohne dass der Grundsatz des Lernens durch persönliche Erfahrung verletzt wird?“[9]

2.1 Qualität der Erfahrung

Dewey nennt zwei Kriterien, um die Qualität einer Erfahrung zu bestimmen; erstens – ist die Erfahrung angenehm oder unangenehm? ; und zweitens – welchen Einfluss hat die jetzige Erfahrung auf spätere? Den letzteren Aspekt führt er weiter zu dem Prinzip der „Kontinuität“, auf welches ich im Folgenden mehr eingehen werde.

Es ist nachzuvollziehen, dass jeweils gemachte Erfahrungen, einen Einfluss auf das persönliche Verhalten haben. Jede Erfahrung verändert das Verhalten nicht nur in Bezug auf einen bestimmten Sachverhalt, sondern auch den Wert, die Qualität, künftig gemachter Erfahrungen. Dewey drückt dies wie folgt aus: „[…] bedeutet die Kontinuität der Erfahrung, dass jede Erfahrung ebenso von den vorausgegangenen Erfahrungen beeinflusst ist, wie sie ihrerseits die Qualität der nach ihr folgenden Erfahrungen modifiziert.“[10]

Das Prinzip der Kontinuität reicht jedoch nicht aus, wirklich etwas über die Qualität der Erfahrung zu sagen; Jede Erfahrung verändert die persönliche Einstellung, beziehungsweise das Verhalten gegenüber einem Sachverhalt in der Zukunft, “überdies beeinflusst jede Erfahrung bis zu einem gewissen Grad die objektiven Bedingungen, unter denen weitere Erfahrungen gemacht werden. Ein Kind, beispielsweise, das sprechen lernt, hat eine neue Fertigkeit und damit ein neues Bedürfnis erworben. Aber es hat die äußeren Bedingungen für nachfolgendes lernen erweitert.“[11] doch wenn ich mir meine persönliche Erfahrung mit den Fächern Mathematik und Geschichte anschaue, haben diese in gewisser Kontinuität ablaufenden Erfahrungen zu einer Einstellung gewissen Desinteresses wenn nicht sogar leichte Abneigung geführt. Ich habe mich sozusagen neuen positiven Erfahrungen gegenüber verschlossen. (Mittlerweile ist mein Interesse da, aber das ist ein anderes Thema.)

Also, die Qualität einer Erfahrung, die das Verhalten in der Zukunft verändern soll, kann nur dadurch als positiv bewertet werden, wenn sie nicht zu einem negativen Verhalten oder Einstellung führt, oder für den Schulalltag ausgedrückt – wenn die Erfahrungen nicht dem Interesse und der Neugierde entgegenwirken. Positiv ausgedrückt; wenn sie immer Raum für neue Erfahrungen schaffen.

Nach Dewey besteht die Aufgabe des Erziehers darin, die Erfahrung der Kinder zu beurteilen und zwar auf der Basis des „was?“ wurde erfahren und „wohin?“ führt diese Erfahrung.

Jede Erfahrung ist auch gleichzeitig Motivation, ob es Motivation ist etwas zu lassen (negative Motivation), oder die Motivation etwas genau auf den Grund zu gehen und nachzuforschen etwas dazuzulernen. Der Unterschied besteht darin in welche Richtung die Motivation, die Erfahrung zielt.

[...]


[1] John Dewey, Pädagogische Aufsätze und Abhandlungen (1900-1944)

[2] Pädagogische Aufsätze S.9

[3] Pädagogische Aufsätze S.230

[4] Pädagogische Aufsätze S.231/232

[5] Pädagogische Aufsätze S.231

[6] Pädagogische Aufsätze S.232

[7] Pädagogische Aufsätze S.234

[8] Pädagogische Aufsätze S.11

[9] Pädagogische Aufsätze S.233

[10] Pädagogische Aufsätze S.241

[11] Pädagogische Aufsätze S.241

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Begriffe Erfahrung und Erziehung bei John Dewey mit aktuellem Bezug
Untertitel
Reformpädagogische Ansätze
Hochschule
Pädagogische Hochschule Karlsruhe  (Pädagogik)
Veranstaltung
Reformpädagogik - John Dewey
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V284109
ISBN (eBook)
9783656842132
ISBN (Buch)
9783656842149
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
John Dewey, Reformpädagogik, Erfahrung und Erziehung, Learning by dewing, Learning by doing, Projektdidaktik, Projektarbeit, Projektorientiertes Arbeiten
Arbeit zitieren
Stephan Drescher (Autor), 2006, Die Begriffe Erfahrung und Erziehung bei John Dewey mit aktuellem Bezug, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284109

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