Pierre Bourdieus Sicht auf das Fernsehen und seine manipulativen Kräfte


Hausarbeit, 2011
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Soziologie und das Fernsehen
2.1 Die sozialen Felder und ihre Ressourcen
2.2 Die Aufgabe der Soziologie

3. Einflüsse auf das journalistische Feld

4. Die Auswirkungen auf das Fernsehprogramm
4.1 Die „omnibus-Themen“
4.2 Die „sentimentale und karitative Mobilisierung“
4.3 Die „Gemeinplätze“
4.4 Das homogene Programm

5. Wirkung des Fernsehprogramms auf den Zuschauer

6. Schluss

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Nach einer durch ARD und ZDF veranlassten Studie für das Jahr 2010 verbringen die Deutschen täglich 9 Stunden und 43 Minuten mit Medien aller Art.[1] Angesichts dieser Zahlen ist es unabstreitbar, dass die Medien einen gewaltigen Einfluss auf unser Leben nehmen. Gleichzeitig mit dem Anwachsen der Medienkultur entstanden hier und da kritische Stimmen, die vor dem Medienkonsum und der potentiellen Macht der Medien warnen. Beispielsweise Adorno erklärte die Medien zu einem Machtmittel der Kulturindustrie. Er geht dabei davon aus, dass die Medien von den ökonomisch Stärksten dazu missbraucht werden, Macht über die Gesellschaft auszuüben.[2] In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, ob wirklich Personen bzw. Personengruppen bewusst und zielgerichtet Prozesse in der Medienwelt steuern. Im Folgenden möchte ich mich mit zwei Vorlesungen auseinandersetzen, die der Soziologe Pierre Bourdieu über das Fernsehen und dessen Wirkungsweise gehalten hat. Er konzentriert sich hierbei weniger auf die Dämonisierung von Personen oder Personengruppen, die auf die Medien einwirken, sondern beschreibt unsichtbare Mechanismen, die auf und zwischen Journalisten und Medien wirken. Es soll also der Frage nachgegangen werden, inwiefern Rezipienten nach Boudieu durch die Medien manipuliert werden. Um das zu verstehen, müssen neben einer knappen Übersicht über Bourdieus Verständnis von Soziologie Kenntnisse über unsichtbare Mechanismen erlangt werden, die im Zusammenhang mit dem Journalismus, dem Fernsehprogramm und der Gesellschaft wirken. Im letzten Punkt soll dabei auf die gesellschaftlichen Folgen eingegangen werden, die aus dem gesendeten Fernsehprogramm resultieren. Vor diesem Hintergrund soll auch die Frage beantwortet werden, inwiefern das Fernsehen manipulativ wirken könnte.

2. Die Soziologie und das Fernsehen

Im Folgenden soll eine knappe Übersicht über Bourdieus Verständnis von Soziologie einerseits Klarheit über unbekannte Begrifflichkeiten, die in der vorliegenden Arbeit eine Rolle spielen, verschaffen und andererseits darstellen, welchen Nutzen Bourdieu in seiner soziologischen Analyse des Fernsehens sieht.

2.1 Die sozialen Felder und ihre Ressourcen

Ein wesentliches Konzept in Bourdieus Soziologie bildet seine Feldtheorie. In jedem sozialen Feld gelten eigene Regeln, die nicht explizit artikuliert werden müssen, sondern sich wie „Spielregeln“ aus der Logik des Feldes heraus entwickeln und festlegen, „was also das jeweilige Spiel in seiner Gesamtheit definiert und konstituiert“.[3] Diese Regeln üben gewissermaßen Zwang auf die Akteure des Feldes aus, da sie die Grenzen ihrer Handlungsmöglichkeiten festlegen.

Eine weitere Form von Zwang ergibt sich aus der Knappheit an Ressourcen in einem jeweiligen Feld. Gemeint sind hiermit verschiedene Kapitalformen, mit Hilfe derer die Akteure innerhalb des Feldes agieren und profitieren können. Bourdieu unterscheidet hier zwischen ökonomischen, kulturellen, sozialen und symbolischen Kapitalarten, deren jeweilige Bedeutung in jedem Feld unterschiedlich stark ausfallen kann.[4] Zum ökonomischen Kapital gehören jegliche Formen materiellen Reichtums. Es ist die bedeutendste, jedoch nicht einzig ausschlaggebende Kapitalform für heutige Industrieländer.[5] Kulturelles Kapital umfasst einerseits den Besitz kultureller Gegenstände und andererseits sämtliche, kulturelle Fähigkeiten und Fertigkeiten, die in Form von Bildung zu erlangen sind.[6] Soziales Kapital ist durch ein soziales Netz definiert, in das ein Akteur eingebunden ist, und durch welches er Unterstützung durch die anderen Akteure des Netzes erwarten darf. Das symbolische Kapital resultiert aus der äußeren Wahrnehmung der drei anderen Kapitalsorten und drückt sich in Anerkennung und Prestige aus. Ausführlicher kann es als jeder „Kredit“ an legitimer gesellschaftlicher Anerkennung und Wertschätzung“[7] beschrieben werden.

Die Struktur eines jeden sozialen Feldes ist durch die Verteilung seiner jeweiligen Kapitalarten bestimmt und um die kapitalstärkeren Akteure des Feldes bilden sich so genannte „Kraft- und Machtzentren“. Die Felder sind durch Kämpfe gekennzeichnet, die um die Erhaltung bzw. um die Veränderung des Kräftefelds zwischen den Akteuren geführt werden.[8]

2.2 Die Aufgabe der Soziologie

Die vorliegende Arbeit nimmt das journalistische Feld als Ausgangspunkt für Bourdieus Analysen über das Fernsehen. Hierbei geht es nicht darum, bestimmte Personen zu attackieren und nach Gründen zu suchen, um ihnen manipulative Absichten unterstellen zu können. Vielmehr geht es um die Aufdeckung „anonyme[r], unsichtbare[r] Mechanismen […], die aus dem Fernsehen ein phantastisches Instrument zur Aufrechterhaltung der symbolischen Ordnung macht[en]“[9]. Dabei möchte er Strukturen aufdecken, in die Verantwortliche des Fernsehens involviert sind und durch welche das Verhalten dieser Personen definiert wird. Den Sinn, den Bourdieu darin sieht, die Struktur des Fernsehens und die unsichtbar wirkenden Mechanismen zu analysieren liegt in der Hoffnung, damit eine Änderung bestehender Tatsachen herbeizuführen. Bourdieu glaubt dadurch, dass er „das Bewusstsein der Mechanismen erhöht, dazu beitragen [kann], Menschen, die von diesen Mechanismen manipuliert werden, ob Journalisten oder Fernsehzuschauern, ein wenig mehr Freiheit zu geben.“[10]

3. Einflüsse auf das journalistische Feld

Im Folgenden soll darauf eingegangen werden, welche Kräfte laut Bourdieu auf die Verantwortlichen der Fernsehsender, insbesondere auf Journalisten wirken und deren Verhalten mitbestimmen.

Hierzu führt Bourdieu den Begriff des journalistischen Feldes ein, der wie alle anderen Felder oder Mikrokosmen nach eigenen Gesetzen funktioniert und von anderen Mikrokosmen angezogen bzw abgestoßen wird.[11]

Zunächst einmal gibt es nach Bourdieu offenkundige Einflüsse auf das journalistische Feld und auf die Inhalte, die im Fernsehen gesendet oder in Zeitschriften publiziert werden. Hierzu zählten direkte politische oder ökonomische Einflüsse, die aus den Besitzrechten eines jeweiligen Mediums resultieren. Demnach sei beispielsweise ein staatlich subventioniertes Medium bezüglich seiner verbreiteten Inhalte nicht unabhängig von seinem Geldgeber.[12]

Neben diesen offenkundigen Einflüssen gibt es nach Bourdieu nicht zu vernachlässigende „unsichtbare Mechanismen“, die die Arbeit von Journalisten beeinflussen. Diesen Mechanismen ist gemein, das hinter ihnen ein Druck stehe, der von äußeren kommerziellen Zwängen und dem Kampf um symbolisches Kapital innerhalb des Feldes bestimmt werde.[13]

Die kommerziellen Zwänge würden durch die Einschaltquote bedingt, die „für den Journalisten das göttliche Gericht“[14] sei, da der Verkaufserfolg innerhalb der journalistischen Branche einen anerkannten Maßstab bilde. Auf diese Weise übertrage sich die Logik des Kommerzes, nach welcher alles Anerkennung erfahre, das sich gut verkaufen lasse, auf die Kulturerzeugnisse der Journalisten.[15] Das journalistische Feld, das eigentlich durch eigene interne Kriterien ausgezeichnet sei, werde auf diese Weise von den Kriterien des ökonomischen Feldes beeinflusst.[16]

Neben den Kämpfen um Einschaltquoten übe zudem der Kampf um Prestige, also symbolisches Kapital unter Journalisten einen Druck aus, der sie zu einem bestimmten Verhalten veranlasse.[17] In diesem Kampf um symbolisches Kapital gehe es den Journalisten darum, eine herausragende Position innerhalb des Feldes einzunehmen, aus welcher heraus sie das Feld dominieren und nach ihren Vorstellungen verändern können. Historisch habe das Fernsehen die einstmals dominante Stellung der Presse innerhalb des journalistischen Feldes übernommen und sei heute tonangebend.[18]

Dieser Kampf um Prestige, könne dabei jedoch nicht völlig isoliert von den kommerziellen Einflüssen, die auf das journalistische Feld wirken, betrachtet werden, da diese die Kräfte innerhalb des Feldes mitbestimmten, insofern Einschaltquote und Verkaufszahlen als Gradmesser für journalistischen Erfolg und somit Anerkennung eine Rolle spielten.[19] Sichtbar werde der kommerzielle Einfluss auf das journalistische Feld zudem in Spannungen, die zwischen Idealisten, die frei von ökonomischen Zwängen autonom arbeiten wollen, und jenen, „die sich den Zwängen unterwerfen und von ihnen dafür belohnt werden.“[20]

In Deutschland ist außerdem zu beobachten, dass auch die Arbeit der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten vom Quotendruck beeinflusst wird, obwohl diese durch Gebühren finanzierten Sender unabhängig vom Markt Sendungen produzieren könnten. Als Gründe für diese Unterwerfung unter den Quotendruck wird unter anderem vermutet, dass die öffentlich-rechtlichen Sender dem Trugschluss verfallen, dass Sendungen mit hoher Einschaltquote von hoher Qualität zeugen.[21] Hieran sieht man, wie die interne Logik des journalistischen Feldes, die eine ständige Orientierung an den Produkten der Konkurrenz bedeutet, selbst diejenigen Journalisten beeinflusst, die eigentlich von den Zwängen des Marktes befreit sind.

[...]


[1] Vgl. Studie Massenkommunikation: http://www.presseportal.de/pm/22512/1679017/ard-und-zdf-praesentieren-studie-massenkommunikation-2010-fernsehen-und-radio-bleiben-meistgenutzte [29.07.2011]

[2] Vgl. Adorno, Theodor W.: Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug. In: Dialektik der Aufklärung (1944). Hrsg. v. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. 17.Auflage. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2008, S. 128

[3] Schwingel, Markus: Pierre Bourdieu zur Einführung. 4.Auflage. Hamburg: Junius-Verlag, 2003, S. 83-84

[4] Vgl. ebenda, S. 85-87

[5] Vgl. ebenda, S.86-88

[6] Vgl. ebenda, S. 88-91

[7] ebenda, S. 93

[8] Vgl. ebenda, S.96

[9] Bourdieu, Pierre:Über das Fernsehen. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, 1998, S. 20 (Im Folgenden zitiert als: Bourdieu, S. 20)

[10] ebenda, S. 78

[11] Vgl. ebenda, S. 55

[12] Vgl. ebenda, S.20

[13] Vgl. ebenda, S. 56

[14] Bourdieu, S.36

[15] Vgl. ebenda, S.37

[16] Vgl. ebenda, S.77

[17] Vgl. ebenda, S. 58

[18] Vgl. ebenda, S. 60

[19] Vgl. ebenda

[20] ebenda, S.51-53

[21] Vgl. Zeit-Artikel: Vom Volk bezahlte Verblödung: http://www.zeit.de/2010/31/Oeffentliche-Anstalten/seite-1 [29.07.2011]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Pierre Bourdieus Sicht auf das Fernsehen und seine manipulativen Kräfte
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Massenmedien und Kulturkritik
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V284184
ISBN (eBook)
9783656841838
ISBN (Buch)
9783656841845
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pierre, bourdieus, sicht, fernsehen, kräfte
Arbeit zitieren
B.Ed. Christoph Hendrichs (Autor), 2011, Pierre Bourdieus Sicht auf das Fernsehen und seine manipulativen Kräfte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284184

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