"Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen." (Karl Marx).
Die vorliegende Hausarbeit wird in dem Seminar „Theater der Versehrten“ geschrieben und ist Bestandteil des Moduls „L 2.2
Literaturgeschichte I“.
Um die These zu untersuchen, ob ein Opfer nicht auch janusköpfig einen Täter beheimatet, und, wenn ja, unter welchen Umständen dieser sich offenbart, entschied ich mich für die Untersuchung und einen Vergleich zweier thematisch weit auseinander klaffender Frauenfiguren des Theaters Dea Lohers. Da ist zum einen die „wegsehende“ Mutter in dem Stück „Tätowierung“, das den sexuellen Kindesmissbrauchs fokussiert, zum anderen „Olgas Raum“, in dem der Machtmissbrauch des Naziregimes bzw. dem ihrer Schergen thematisiert wird.
Zu den Stücken ist zu sagen, „Loher dramatisiert eine konkret fassbare Gesellschaftskritik“; sie setzt sich mit dem Thema Gewalt ebenso auseinander, wie mit dem der individuellen Freiheit. Hier werden also sozialkritische Themen transportiert, die aber nicht mit erhobenem Zeigefinger umgesetzt werden und auch keine Lösung mitliefern, die jedoch „durch die Darstellung den Blick für die Realität [schärfen]“.
Zuerst werden kurz die Stücke vorgestellt, dann die jeweils prominenten Frauenfiguren. Schließlich wird - entsprechend dem Seminarthema - auf die Versehrungen eingegangen. Es
folgt ein Vergleich der beiden Protagonistinnen, der mit einem Fazit endet, ob die aufgestellte These bei näherer Betrachtung standhält.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Tätowierung
2.1 Juliane
2.2 Exemplarische Versehung/en
3. Olgas Raum
3.1 Olga
3.2 Exemplarische Versehrung/en
4. Vergleich der Frauenfiguren
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die These, ob ein Opfer im Verlauf seiner Leidensgeschichte janusköpfig eine Täterperspektive entwickelt, am Beispiel zweier Frauenfiguren aus den Theaterstücken von Dea Loher. Dabei wird analysiert, unter welchen psychologischen und sozialen Umständen dieser Rollenwechsel stattfindet.
- Analyse der Opfer-Täter-Dynamik bei Frauenfiguren
- Sozialkritik im Theater von Dea Loher
- Psychologische Untersuchung von Versehrung und Identitätsverlust
- Vergleich der Stücke „Tätowierung“ und „Olgas Raum“
- Reflektion von Geschlechterrollen und gesellschaftlicher Gewalt
Auszug aus dem Buch
3. Olgas Raum
Die Protagonistin dieses ersten Stückes Dea Lohers, das den nationalsozialistischen Mord an der Kommunistin Olga Benario, einer einst real existierenden Person, zum Inhalt hat, ist eine intellektuelle, starke Figur, deren Leben sich grundsätzlich und ausschließlich um den Kampf dreht. Insbesondere wehrt sie sich gegen die Rolle als geile Geliebte von Luis Prestes, die sich unerwünschterweise ein Kind von ihm hat machen lassen und dann ist da noch ihr Kampf gegen das nationalsozialistische Regime, vertreten durch Filinto Müller. Sie scheint als Opfer aus diesen Kriegsschauplätzen hervor gegangen zu sein, da sie zum einen allein und schwanger und zum anderen inhaftiert ist, jedoch „[wird] die Olga-Figur […] nicht einfach als Opfer präsentiert. Vielmehr steht sie zugleich über und ‚neben’ dem Schicksal, das ihr widerfährt, weil sie das Geschehen reflektiert und kommentiert.“
Der Regisseur Andreas Kriegenburg, der dieses erste Stück Lohers inszenierte, hatte „Interesse an der Austauschbarkeit von Täter und Opfer – […] – aus dem Opfer wird eine Täterin“, aber „offenbar will diese Inszenierung etwas anderes erzählen, als das Stück. […] Opfer und Täter sind eben nicht zu verwechseln“. Sie bedingen sich hinsichtlich dieser Figur nur gegenseitig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der impliziten Täterschaft bei Opfern und Vorstellung der untersuchten Theaterstücke von Dea Loher.
2. Tätowierung: Analyse der Figur Juliane und ihrer Entwicklung vom passiv-abhängigen Opfer zur Akteurin innerhalb des familiären Inzest-Kontextes.
3. Olgas Raum: Untersuchung der intellektuellen Protagonistin Olga Benario und ihres Kampfes gegen das NS-Regime sowie der Ambivalenz zwischen Opferstatus und eigener Täterschaft.
4. Vergleich der Frauenfiguren: Gegenüberstellung der beiden Protagonistinnen hinsichtlich ihrer Stigmatisierung, Persönlichkeitsstruktur und ihres Umgangs mit Fremdbestimmung.
5. Fazit: Zusammenfassende Beurteilung, dass beide Frauen zu Täterinnen wurden, jedoch unter grundlegend verschiedenen psychologischen Ausgangslagen und moralischen Implikationen.
Schlüsselwörter
Opfer, Täterschaft, Dea Loher, Tätowierung, Olgas Raum, Inzest, Nationalsozialismus, Gewalt, Identität, Geschlechterrolle, Psychologie, Versehrung, Machtmissbrauch, Feminismus, Emanzipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die psychologische Entwicklung von Frauenfiguren in Stücken von Dea Loher, die zunächst als Opfer erscheinen, jedoch im Verlauf der Handlung Täterstrukturen entwickeln.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind gesellschaftliche Gewalt, die Rolle der Frau, familiäre Machtstrukturen, Inzest, politischer Widerstand und die psychologische Aufarbeitung von Traumata.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, ob ein Opfer janusköpfig eine Täterperspektive beheimatet und unter welchen spezifischen Umständen sich dieser Rollenwechsel offenbart.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die durch tiefenpsychologische Ansätze und soziologische Konzepte (z.B. Erving Goffman) ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Theaterstücke „Tätowierung“ und „Olgas Raum“ detailliert analysiert und anschließend in einem direkten Vergleich gegenübergestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Opfer-Täter-Dynamik, Versehrung, Identitätsverlust, gesellschaftliche Fassaden-Normalität und die Auseinandersetzung mit Gewalt.
Wie unterscheidet sich die Täterschaft von Juliane und Olga?
Während Olgas Täterschaft durch klare Notwehr und eine bewusste Strategie gegen das NS-Regime geprägt ist, entspringt Julianes Täterschaft einer egoistischen Flucht aus der Verantwortung innerhalb ihrer Familie.
Welche Bedeutung hat der „Mundschutz“ für die Figur Juliane?
Der Mundschutz symbolisiert Julianes passives Schweigen und ihr Bedürfnis, sich in ihrem eigenen Mikrokosmos vor der Außenwelt und dem Missbrauch durch ihren Mann zu verstecken.
Warum wird Olga Benario als „starke Figur“ bezeichnet?
Olga zeichnet sich durch ihren unermüdlichen Kampfgeist, ihre intellektuelle Reflexionsfähigkeit und ihre Entscheidung aus, sich selbst in einer ausweglosen Situation als handelndes Subjekt zu behaupten.
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- Claudia Rehmann (Author), 2011, Die implizite Täterschaft des Opfers am Beispiel der Theaterstücke „Tätowierung“ und „Olgas Raum“ von Dea Loher, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284190