Die implizite Täterschaft des Opfers am Beispiel der Theaterstücke „Tätowierung“ und „Olgas Raum“ von Dea Loher


Hausarbeit, 2011

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Tätowierung
2.1 Juliane
2.2 Exemplarische Versehung/en

3. Olgas Raum
3.1 Olga
3.2 Exemplarische Versehrung/en

4. Vergleich der Frauenfiguren

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteraturen
6.2 Sekundärliteraturen

1. Einleitung

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.1 Karl Marx

Die vorliegende Hausarbeit wird in dem Seminar „Theater der Versehrten“ unter der Leitung von Till Nitschmann, M. A., geschrieben und ist Bestandteil des Moduls „L 2.2 Literaturgeschichte I“.

Um die These zu untersuchen, ob ein Opfer nicht auch janusköpfig einen Täter beheimatet, und, wenn ja, unter welchen Umständen dieser sich offenbart, entschied ich mich für die Untersuchung und einen Vergleich zweier thematisch weit auseinander klaffender Frauenfiguren des Theaters Dea Lohers.

Da ist zum einen die „wegsehende“ Mutter in dem Stück „Tätowierung“, das den sexuellen Kindesmissbrauchs fokussiert, zum anderen „Olgas Raum“, in dem der Machtmissbrauch des Naziregimes bzw. dem ihrer Schergen thematisiert wird.

Zu den Stücken ist zu sagen, „Loher dramatisiert eine konkret fassbare Gesellschaftskritik“2 ; sie setzt sich mit dem Thema Gewalt ebenso auseinander, wie mit dem der individuellen Freiheit. Hier werden also sozialkritische Themen transportiert, die aber nicht mit erhobenem Zeigefinger umgesetzt werden und auch keine Lösung mitliefern, die jedoch „durch die Darstellung den Blick für die Realität [schärfen]“3.

Zuerst werden kurz die Stücke vorgestellt, dann die jeweils prominenten Frauenfiguren. Schließlich wird - entsprechend dem Seminarthema - auf die Versehrungen eingegangen. Es folgt ein Vergleich der beiden Protagonistinnen, der mit einem Fazit endet, ob die aufgestellte These bei näherer Betrachtung standhält.

2. Tätowierung

Thema dieses zweiten Stückes Dea Lohers ist der Inzest innerhalb einer nach außen spießbürgerlichen Familie. Die Rolle der Mutter, Juliane, zeichnet sich durch eine passivabhängige Verhaltensweise aus. Trotz der ständigen Demütigungen harrt sie an der Seite ihres despotischen Mannes aus, der auf den symbolträchtigen Namen Wolf(gang) hört. „Der […] ‚Wolf’ kann […] traumpsychologisch sehr wohl für die Sexualangst eines Mädchens stehen, das sich vor der verschlingenden Gier des männlichen Begehrens fürchtet.“4. Sie verschließt die Augen von dem Offensichtlichen, dem Missbrauch der Tochter durch den Ehemann, dessen exponierter Machtposition sie nichts entgegen zu setzen hat.

Dargestellt wird eine Abhängigkeit, „die auch immer noch im Mann/Frau-Verhältnis existiert, […], die Mütter und Kinder schweigen macht.“5 „Dea Loher hat ein Stück geschrieben, in dem eine Mutter schweigt - bis sie eines Tages aus- und alle Brücken hinter sich abbricht, Töchter hinterlassend, mit denen sie nie geredet hat.“6 Schlimmer noch, hier handelt es sich um Parentifizierung: diese Mutter hat die Rolle mit ihrer Tochter getauscht und überlässt dieser nicht nur den „Vollzug der Ehe“, der eine Bindung an den Vater schafft, die unauflöslich ist7, lässt sich zudem von dem Mädchen bemuttern: „Du Mama Komm Ich tanz mit dir“ und „Du brauchst keine Angst haben“8 und versucht zudem, ihr ein schlechtes Gewissen zu implizieren, als diese, in dem Bemühen, ein „normales“ Leben zu führen, und bevor sie eine ähnliche Resignation gegenüber allen eigenen Wünschen zu entwickeln beginnt, wie ihre Mutter es bereits exemplarisch vorlebt, ausziehen will.

2. 1 Juliane

Juliane Wucht, genannt „Hunde-Jule“ ist eigentlich Ehefrau des Bäckers Wolfgang (Ofen- Wolf) und Mutter zweier Töchter, Anita und Lulu. Eigentlich, denn sie lebt zwar de jure mit ihrer Familie zusammen, de facto aber in ihrem eigenen Mikrokosmos, in dessen Mittelpunkt sich ihr Hunde-Salon befindet. Die eigene Ausgrenzung gegenüber ihrer Familie bringt sie durch das permanente Tragen eines Mundschutzes zum Ausdruck, der ihr als Schutz dient, hinter dem sie sich verstecken kann und der ihr tatenloses Schweigen symbolisiert.

Juliane erfährt keinerlei Respekt von ihrer Familie, insbesondere nicht von ihrem Mann und ihrer jüngeren Tochter. So wird sie von ihrem Mann als „alte Hex“ und „Stinkvettel“ bezeichnet, von der es einem schlecht werden kann9. „Ofen-Wolf“ maßregelt zwar Tochter Lulu und bittet sich gar Respekt aus, wenn sich diese geringschätzig äußert, dass die Mutter Schuld daran sei, dass sie ein Wettrennen verloren habe10, indem er sie anweist: „“Sprich nicht so von deiner Mutter“11, im Gegensatz dazu aber erklärt, „dass sie abgeschafft gehört [,] in die Klappse [,] weil sie aufgebraucht ist“12. Lediglich die Ältere, Anita, zeigt gelegentlich Mitgefühl und versucht, ihrer Schwester Respekt zu vermitteln „Du sagst immer Hunde- Jule[.] Sie ist die Mama“13.

Dass Tochter Anita regelmäßig von ihrem Vater missbraucht wird, gibt Juliane vor, nicht zu bemerken. Als sie in deren Zimmer aufräumt und Spitzendessous findet, somit den Beweis in den Händen hält, redet sie sich aber trotzdem ein, dass ihre Tochter, „die kleine Schlampe“, sie sich selbst gekauft und bestimmt nicht von ihm habe14. Bezeichnend für ihre ambivalente und eklektische Sicht auf die Realität ist, dass sie zum einen die Augen vor der offensichtlichen Tatsache verschließt - „Lieber Gott ich mach die Augen zu“15 - zum anderen gar Ihrer Tochter die Schuld zuweist, anstatt dem Mädchen in ihrer Not zu helfen. Erich Fromm spricht zwar von einer Ungleichheits-Beziehung zwischen Mutter und Tochter, bei der der eine Teil alle Hilfe braucht und der andere sie gibt16, jedoch ist sie hier fehlbesetzt zu finden. Juliane deckt ihren Mann geradezu, denn dieser bestätigt ihr vieldeutig „Du hast mich immer verstanden“17.

Ihr devotes Verhalten gegenüber Wolfgang geht so weit, dass sie sich sogar bedankt, wenn er ihr den omnipräsenten Mundschutz wegreißt18 und ihr damit ihren Schutz nimmt. Die einzige Möglichkeit, sich ihrem Mann zu entziehen besteht darin, dass sie sich die Arme blutig kratzt. Diese „Waffe“ setzt sie so frequent ein, dass sie immer Schorf unter den Nägeln hat19. Kurioserweise scheint sie ihren Mann aber trotzdem zu lieben, denn als er mutmaßt, dass sie ihn wohl besser kenne als er sich selbst antwortet sie: „Die Lieb ist stumm“20.

Die Situation eskaliert, als Anita ihr, und ihr damit den Boden unter den Füßen wegziehend, anvertraut, dass sie heiraten und fortgehen werde und Juliane beginnt plakativ, mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen. Erpresserisch versucht sie, ihre Tochter dazu zu bringen, bei ihr zu bleiben und weiterhin ihre Stellvertretung zu übernehmen, und sie geht sogar so weit, dem Mädchen Herzlosigkeit vorzuwerfen21.

Juliane ist eine Frau, der es an Ich-Identität und Ich-Abgrenzung mangelt, deren Selbstbewusstsein, sofern es überhaupt vorhanden ist, tiefe Verletzungen erlitten haben muss, die allerdings das Träumen (noch) nicht aufgegeben hat. Sie träumt sich als Brautmutter „vornehm in Dunkelblau mit Hut“22 und feiner, crèmefarbener Unterwäsche23.

Sie fühlt sich aber nicht schön und wäre gern ein Hund, was sie gleich dreimal wie eine Litanei herunterbetet. „Ein Hund ist mehr wert wie ich“24. In ihrem Hundesalon verwöhnt sie die Tiere mit Duftschaumbad, kämmt Glanz in das Fell, verteilt Schleifen25. Ja, sie wäre gern ein Hund. Inmitten einer Welt, die vom „Wolf“ bedroht ist, muss der sich nur verwöhnen lassen…

In plötzlich aufkommender Selbstreflektion wird ihr aber schließlich bewusst, ein Mensch zu sein, und dass ihr Leben im Kreis verläuft. Nachdem sie die Stelle gefunden hat, wo Anfang und Ende aneinander festgemacht, schneidet sie sie ohne Zögern durch26 - erschreckend plötzlich demonstriert sie Aktivität. „Die Hunde-Jule ist weg[!]“27

Wie sehr sie mit ihrem alten Leben abgeschlossen hat, zeigt sich daran, dass sie ihrem Mann die Mundverbände hinterlassen hat - zerrissen in kleine Fetzen28 !

2.2 Exemplarische Versehrungen Julianes

Unter Zugrundelegung der im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm zu findenden sechs verschiedenen Bedeutungsaspekte, wie „Versehung“ zu definieren ist, finden sich bei Juliane Wucht zwei Aspekte:

„3) […] schwärende, eiternde verletzungen oder sonstige schäden der haut […] pustel, schorf, ausschlag, […]

6) […] innere, schmerzende verletzung, dann verletzung im weitesten sinne des wortes, schädigung, beleidigung, kränkung, schändung, entehrung u.ä.“29

Durch die ihr wiederholt seitens ihres Mannes zugefügten inneren Verletzungen, hervorgerufen durch dessen stets beleidigende, kränkende und entehrende Verhaltensweise ihr gegenüber, scheint sie völlig erstarrt zu sein. Dies führt dazu, dass sie zum „Silent Partner“ ihres Mannes wird, somit aber gleichzeitig zum Mittäter, denn nicht nur unterlassene Sorgfaltspflicht ist ihr anzulasten, auch stellt unterlassene Hilfeleistung nach dem Strafgesetzbuch eine strafbare Handlung dar:

§ 323c Unterlassene Hilfeleistung

Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.30

Ihrer Schuld scheint sie sich sehr wohl bewusst zu sein, denn ihre (Auto-)Aggression führt dazu, dass sie sich selber ständig blutig kratzt.

3. Olgas Raum

Die Protagonistin dieses ersten Stückes Dea Lohers, das den nationalsozialistischen Mord an der Kommunistin Olga Benario, einer einst real existierenden Person, zum Inhalt hat, ist eine intellektuelle, starke Figur, deren Leben sich grundsätzlich und ausschließlich um den Kampf dreht. Insbesondere wehrt sie sich gegen die Rolle als geile Geliebte von Luis Prestes, die sich unerwünschterweise ein Kind von ihm hat machen lassen31 und dann ist da noch ihr Kampf gegen das nationalsozialistische Regime, vertreten durch Filinto Müller. Sie scheint als Opfer aus diesen Kriegsschauplätzen hervor gegangen zu sein, da sie zum einen allein und schwanger und zum anderen inhaftiert ist, jedoch „[wird] die Olga-Figur […] nicht einfach als Opfer präsentiert. Vielmehr steht sie zugleich über und ‚neben’ dem Schicksal, das ihr widerfährt, weil sie das Geschehen reflektiert und kommentiert.“32

Der Regisseur Andreas Kriegenburg, der dieses erste Stück Lohers inszenierte, hatte „Interesse an der Austauschbarkeit von Täter und Opfer - […] - aus dem Opfer wird eine Täterin“33, aber „offenbar will diese Inszenierung etwas anderes erzählen, als das Stück. […] Opfer und Täter sind eben nicht zu verwechseln“.34 Sie bedingen sich hinsichtlich dieser Figur nur gegenseitig.

[...]


1 Marx, Karl: Der 18te Brumaire des Louis Napoleon. In: Die Revolution. Eine Zeitschrift in zwanglosen Heften. Hrsg. von Joseph Weydemeyer. Erstes Heft. Berlin: Dietz 1975 (= Karl Marx und Friedrich Engels. Werke. Band 8), S. 115.

2 Haas, Birgit: Dea Loher: Vorstellung. In: Monatshefte für deutschsprachige Literatur und Kultur 99 (2007), Nr. 3, by The Boards of Regents of The University of Wisconsin System, S. 270.

3 Ebd., S. 271.

4 Drewermann, Eugen: Hänsel und Gretel, Aschenputtel, Der Wolf und die sieben Geißlein. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. 2. Auflage. München: dtv 2004, S. 368.

5 Klotz, Mechthild: Tätowierung von Dea Loher. Nicht nur ein Stück Theater. In: Spectaculum 57. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1994, S. 277.

6 Klotz: Tätowierung von Dea Loher, S. 278.

7 Vgl. Hellinger, Bert: Zweierlei Glück. Konzept und Praxis der systemischen Psychotherapie. Hrsg. von Gunthard Weber. 3. Auflage. München: Goldmann 2002, S. 150.

8 Loher, Dea: Tätowierung. In: Dea Loher: Olgas Raum, Tätowierung, Leviatan. Drei Stücke. 3. Auflage 2008. Frankfurt a. M.: Verlag der Autoren 1994, S. 116 f.

9 Vgl. Loher: Tätowierung, S. 111.

10 Vgl. Loher: Tätowierung, S. 88.

11 Ebd., S. 88.

12 Ebd., S. 83.

13 Ebd., S. 82.

14 Vgl. ebd., S. 79.

15 Ebd., S. 79.

16 Vgl. Fromm, Erich: Die Kunst des Liebens. 67. Auflage. Berlin: Ullstein 2008, S. 62 f.

17 Ebd., S. 86.

18 Vgl. ebd., S. 71.

19 Vgl. ebd. S. 86.

20 Ebd., S. 87.

21 Vgl. ebd., S. 117.

22 Loher: Tätowierung, S. 80.

23 Vgl. ebd., S. 80.

24 Ebd., S. 81.

25 Vgl. ebd., S. 80.

26 Ebd. S. 128.

27 Ebd., S. 130.

28 Vgl. ebd. S. 139 f.

29 Grimm, Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. 33 Bde. Leipzig 1854-1960. Bd. 12. I, Sp. 1259-1262. 6

30 Strafgesetzbuch. Besonderer Teil (§§ 80-358). 28. Abschnitt - Gemeingefährliche Straftaten (§§306-323c)

31 Loher, Dea: Olgas Raum. In: Dea Loher: Olgas Raum, Tätowierung, Leviatan. Drei Stücke. 3. Auflage 2008. Frankfurt a. M.: Verlag der Autoren 1994, S. 44.

32 Haas, Birgit: Das Theater von Dea Loher: Brecht und (k)ein Ende. Bielefeld: Aisthesis 2006, S. 96.

33 Börgerding, Michael: „I’m just blue“ - Der Regisseur Andreas Kriegenburg und seine Auseinandersetzung mit den Teten der Dramatikerin Dea Loher. In: Monatshefte für deutschsprachige Literatur und Kultur 99 (2007), Nr. 3, by Tue Boards of Regents of The University of Wisconsin System, S. 337.

34 Börgerding, „I’m just blue“, ebd.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die implizite Täterschaft des Opfers am Beispiel der Theaterstücke „Tätowierung“ und „Olgas Raum“ von Dea Loher
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V284190
ISBN (eBook)
9783656845713
ISBN (Buch)
9783656845720
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Täterschaft, Opfer, Versehrtheit, Tätowierung, Olgas Raum, Dea Loher
Arbeit zitieren
Claudia Rehmann (Autor), 2011, Die implizite Täterschaft des Opfers am Beispiel der Theaterstücke „Tätowierung“ und „Olgas Raum“ von Dea Loher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284190

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