Im Jahr 1999 hat Arend Lijphart mit seinem Buch „Patterns of Democracy“ eine bahnbrechende ländervergleichende Analyse von Demokratieformen vorgelegt. Dieses Buch zählt mittlerweile zu den „(...) bekanntesten und den vielzitiertesten Publikationen im Bereich der empirischen Demokratieforschung (...). In der Literatur wurde dieses Buch jüngst auch als ein ´Pionierwerk der Erforschung der Leistungsfähigkeit von Demokratien` bezeichnet.“
Mit der Mehrheits- und der Konsensdemokratie finden wir in Großbritannien und in Deutschland zwei unterschiedliche Demokratietypen vor. Das britische „Westminster-Modell“ stellt (wie vor allem seine Bewunderer meinen) durch seine Anpassungsfähigkeit an Veränderungsprozesse „(…) mindestens seit den Tagen der Glorreichen Revolution Ende des 17. Jahrhunderts (...)“ eine perfekte Form des demokratischen Regierens für den Inselstaat dar. Auch das deutsche Modell der Konsensdemokratie scheint sich über die Jahre seit der Gründung der Bundesrepublik bewährt und einen entscheidenden Beitrag zum Wiederaufstieg und der Stabilisierung Deutschlands geleistet zu haben. Vor diesem Hintergrund eignet sich Lijpharts Studie geradezu idealerweise, um die aus den verschiedenen Demokratietypen resultierenden Unterschiede in Bezug auf das Regieren in beiden Ländern herauszuarbeiten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Einführung in Lijpharts „Patterns of Democracy“
1.2 Mehrheits- und Konsensdemokratie nach Lijphart
1.3 Operationalisierung der theoretischen Konzepte: Exekutive-Parteien-Dimension und Föderalismus-Unitarismus-Dimension
2. Einordnung Großbritanniens und der BRD anhand von Variablen der Exekutive-Parteien-Dimension und der Föderalismus-Unitarismus-Dimension
2.1 Zweiparteiensystem vs. Mehrparteiensystem
2.2 Mehrheitswahlrecht vs. Verhältniswahlrecht
2.3 Einkammersystem vs. Zweikammersystem
2.4 „Flexible“ Verfassung vs. geschriebene Verfassung
3. Auswirkungen auf das Regieren und Kritik an Lijpharts Analyse
3.1 Auswirkungen auf das Regieren in beiden Ländern
3.2 Kritische Auseinandersetzung mit Lijpharts Analyse
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht auf Basis von Arend Lijpharts „Patterns of Democracy“ die Auswirkungen der Demokratietypen „Mehrheitsdemokratie“ und „Konsensdemokratie“ auf das Regieren in Deutschland und Großbritannien, um strukturelle Unterschiede und deren Folgen für politische Entscheidungsprozesse aufzuzeigen.
- Vergleich der Demokratiemodelle von Deutschland und Großbritannien.
- Anwendung der Konzepte der Exekutive-Parteien-Dimension und Föderalismus-Unitarismus-Dimension.
- Analyse zentraler institutioneller Variablen wie Parteiensystem, Wahlsystem und Verfassung.
- Untersuchung der Regierungsstile (konsensorientiert vs. mehrheitsorientiert).
- Kritische Würdigung der Analyseansätze von Arend Lijphart.
Auszug aus dem Buch
3.1 Auswirkungen auf das Regieren in beiden Ländern
Wir finden in Deutschland ein hochgradig differenziertes System von Gegenkräften und Gegengewichten vor, welches die Macht bzw. insbesondere die Machtausübung der Regierung sowie der Parlamentsmehrheit einschränken und begrenzen soll. Dies stellt einen ersten fundamentalen Unterschied zum britischen Westminstermodell dar. Aus einer kontinentaleuropäischen, zumal deutschen Sichtweise offenbart das britische Modell eine Reihe von institutionellen und informellen Regelungen, die eine für Westeuropa untypische Vorherrschaft einer Einparteiregierung unterstreichen. Daraus resultiert ein zweiter entscheidender Unterschied in Bezug auf das Regieren in beiden Ländern. In der BRD ist der politische Entscheidungsprozess stark konsensorientiert, was zur Folge hat, dass Entscheidungen oftmals über (zum Teil langwierige) Verhandlungs- und Argumentationsprozesse zwischen mehreren verschiedenen Akteuren erzielt werden müssen.
In Großbritannien ist das Regieren dagegen durch das strikte Mehrheitsprinzip und der daraus resultierenden Entbehrlichkeit von Verhandlungsprozessen zwischen Koalitionen und weiteren Akteuren gekennzeichnet. Dieser Unterschied wird durch die unterschiedlichen institutionellen Strukturen (wie im gesamten Punkt zwei der Arbeit ersichtlich) beider Länder verstärkt. So führt das britische Zweiparteiensystem begünstigt durch ein Mehrheitswahlrecht dazu, dass entweder die Konservative oder die Labour Party die Regierungsverantwortung übernimmt und unter normalen Umständen auch jeweils über sichere Parlamentsmehrheiten verfügt, was das einseitige Regieren der jeweiligen Regierung natürlich erleichtert. Ferner profitiert die britische Regierung, solange sie über eine Mehrheit im Unterhaus verfügt, von dessen Überlegenheit gegenüber dem Oberhaus. Auch wenn Großbritannien nicht als klassisches Einkammersystem bezeichnet werden kann, begünstigt diese Konstellation die Regierung in ihrer Machtausübung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in Arend Lijpharts „Patterns of Democracy“ ein und erläutert die Zielsetzung sowie das methodische Vorgehen der Arbeit im Hinblick auf den Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien.
2. Einordnung Großbritanniens und der BRD anhand von Variablen der Exekutive-Parteien-Dimension und der Föderalismus-Unitarismus-Dimension: Hier erfolgt eine detaillierte Untersuchung beider Länder anhand spezifischer Indikatoren wie Wahlsystem, Parteiensystem, Verfassungsstruktur und Kammerwesen.
3. Auswirkungen auf das Regieren und Kritik an Lijpharts Analyse: Das Kapitel vergleicht die tatsächlichen Auswirkungen der jeweiligen Demokratietypen auf das Regieren und unterzieht Lijpharts theoretisches Konzept einer kritischen wissenschaftlichen Überprüfung.
Schlüsselwörter
Mehrheitsdemokratie, Konsensdemokratie, Arend Lijphart, Regieren, Deutschland, Großbritannien, Westminster-Modell, Wahlsystem, Parteiensystem, Föderalismus, Exekutive, Legislative, Institutionenanalyse, Politische Entscheidungsprozesse, Demokratieforschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht und vergleicht die Demokratietypen von Deutschland und Großbritannien auf Grundlage von Arend Lijpharts Konzept der Mehrheits- und Konsensdemokratie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen institutionelle Vergleiche, Wahlsysteme, Parteiensysteme, die Ausgestaltung von Verfassungen und deren Einfluss auf die Machtverteilung und Regierungsführung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Auswirkungen der jeweiligen Demokratiemodelle auf das praktische Regieren in Deutschland und Großbritannien herauszuarbeiten und zu begründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen ländervergleichenden Ansatz, der auf der Operationalisierung von zehn Variablen basiert, welche Lijphart in den Dimensionen Exekutive-Parteien und Föderalismus-Unitarismus zusammenfasst.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden beide Länder anhand der vier ausgewählten Variablen (Parteiensystem, Wahlsystem, Kammerwesen, Verfassungsstruktur) eingeordnet und deren Konsequenzen für den politischen Prozess analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Mehrheitsdemokratie, Konsensdemokratie, Regierungsführung und institutioneller Vergleich definieren.
Wie unterscheidet sich das britische Regieren vom deutschen?
In Großbritannien dominiert das strikte Mehrheitsprinzip mit einer starken Einparteiregierung, während Deutschland durch konsensorientierte Prozesse und eine Vielzahl von Vetospielern geprägt ist.
Warum übt der Autor Kritik an Lijpharts Ansatz?
Die Kritik richtet sich unter anderem gegen eine fehlende Unterscheidung zwischen institutionellen Vorgaben und dem tatsächlichen Verhalten politischer Akteure sowie eine teilweise zu starke Generalisierung.
Was bedeutet das "flexible" Verfassungsverständnis in Großbritannien?
Es bezeichnet eine Verfassung, die nicht in einem einzelnen Dokument kodifiziert ist und durch einfache parlamentarische Mehrheiten geändert werden kann, im Gegensatz zur starren Verfassung Deutschlands.
Warum wird der Bundesrat als wichtiges Element der Konsensdemokratie angesehen?
Der Bundesrat dient als Institution zur Begrenzung der Regierungsmacht und erzwingt bei Gesetzgebungsverfahren einen Interessenausgleich zwischen Bund und Ländern.
- Arbeit zitieren
- Master of Arts - Politikwissenschaft - Andreas Unger (Autor:in), 2012, Mehrheits- versus Konsensdemokratie. Am Beispiel Deutschlands und Großbritanniens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284300