"Das Leben der Anderen" im Geschichtsunterricht. Ein Film zwischen Authentizität und Fiktion


Hausarbeit, 2014

12 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Das Leben der Anderen

2. Systemkritik vs. Überwachungsinstrument der SED

3. „Historische Botschaft“

4. Möglichkeiten und Problematik der Einflussnahme auf das Geschichtsbewusstsein der Gesellschaft

5. Fazit

Bibliographie

Einleitung

Goethe schreibt in seinem Vorwort zu „Dichtung und Wahrheit“: Ziel sei, „[…] den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen und zu zeigen, inwiefern ihm das Ganze widerstrebt, inwiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Welt- und Menschenansicht daraus gebildet […]“[1]. Zwar war der Kontext biographischer Natur, doch lässt sich Goethes Erkenntnis auch auf das Geschichtsbewusstsein (von SchülerInnen) übertragen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden darin verknüpft und Ereignisse erfahren im Sinn eines sich wandelnden Erkenntnisinteresses immer neue Deutung.[2] So auch in der deutschen Filmproduktion „Das Leben der Anderen“, in der in einem fiktiven Gedankenspiel der überwachende MfS-Hauptmann (Ministerium für Staatssicherheit) Gerd Wiesler Fluch und Segen zugleich ist. In der Annahme, dass der Film als vermittelnde Instanz und zugleich als Element des „sozialen Systems“[3] Geschichtskultur historische Vorstellungen speist, stellt sich die Frage, ob „Das Leben der Anderen“ für den Geschichtsunterricht geeignet ist, vielmehr inwiefern er zwischen Authentizität und Fiktion eine Pendelbewegung vollzieht. Dazu werden u.a. Michael Sauers grundlegende Monographie zur Geschichtsdidaktik und Methodik sowie verschiedene Aufsätze von Knoben, Meyers und Von Borries sowie das Filmheft, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, herangezogen.

1. Das Leben der Anderen

Ostberlin Ende des Jahres 1984. MfS-Hauptmann Gerd Wiesler leitet aus einer auf dem Dachboden eingerichteten Überwachungszentrale den „OV Lazlo“, der auf Hinweis des Ministers für Kultur, Bruno Hempf, gegen den als regimetreu geltenden Regisseur Georg Dreymann ins Leben gerufen wird. Hempf findet Dreymans Lebensgefährtin, Christa- Maria Sieland, anziehend und erzwingt eine Affäre mit der Schaupielerin. Um seinen Rivalen Dreyman auszuschalten, mobilisiert er „Schild und Schwert“ der Partei. Dreyman weiß zunächst nichts von der Liebschaft und beginnt nach dem Freitod seines Freundes und Theaterregisseurs Albert Jerska einen systemkritischen Artikel für den Spiegel über die Suizidraten in der DDR zu verfassen, der in Westdeutschland publiziert werden soll. Sieland, die Hempfs Avancen schließlich ablehnt und einem Treffen fern bleibt, wird mit Verdacht auf Medikamentenmissbrauch vom MfS verhaftet und zum IM. Verunsichert verrät sie schließlich das Versteck der Schreibmaschine des bereits erschienenen und für Furore sorgenden Spiegel-Artikels. Parallel erfährt Wiesler von der persönlichen Motivation Hempfs und der Vorzeigesozialist beginnt sich in einen „Dissidentenbeschützer“ zu verwandeln. Er streicht nicht nur ganze Passagen aus seinem sorgfältig protokollierten Bericht und bittet seinen Vorgesetzten, den Leiter für Kultur Anton Grubitz, um Verkleinerung des Vorgangs aufgrund mangelnder Verdachtsmomente, die Wiesler selbst herbeiführt. Er entfernt darüber hinaus auch kurz vor Wohnungsdurchsuchung der Stasi die Schreibmaschine als Beweisstück aus Dreymans Heim. Unwissend über Wieslers Schutz läuft Sieland verwirrt vor einen Laster und stirbt einen Unfalltod. Zwei Jahre nach dem Mauerfall beginnt Dreyman auf ein zufälliges Gespräch mit Exminister Hempf hin, seine Stasi-Akten zu sichten und die Frage: Wer spielt und wer inszeniert? wird gänzlich ad absurdum geführt.

Der erfolgreiche, mit 4 Bayrischen Filmpreisen ausgezeichnete, Geschichtsspielfilm als Darstellung [4] von Florian Henckel von Donnersmarck ist im Jahr 2005 als deutsche Produktion entstanden.[5] Besonders gewürdigt wurde in den Auszeichnungen neben Regie, Drehbuch und Produktion die herausragende Leistung Ulrich Mühes als Stasi-Hauptmann. Geboten werden dem interessierten Filmpublikum 137 Minuten Stasi-Drama voller Repressionen des MfS, Machtmissbrauch von ZK-Mitgliedern, künstlerische Szene und Lebensentwürfe sowie Mentalitätsgeschichte der DDR vor dem Mauerfall.

2. Systemkritik vs. Überwachungsinstrument der SED

„Das Leben der Anderen“ problematisiert die Aufhebung der Gewaltenteilung in der DDR durch das MfS. Im Film wird die Künstlerszene fokussiert, die im Alltag der zentralistisch organisierten DDR mit Berufsverboten und Zensur konfrontiert wurde.

„Westliteratur“ und freie Meinungsäußerung waren genauso unerwünscht wie Fraktionsbildung und wie der Film zeigt, sogar Grund für Verhaftungen, Verhöre und dergleichen. Das Filmheft akzentuiert als zentrale Frage diejenige „[…] der Wechselwirkung zwischen Überwachten und Überwachenden[…]“[6], d.h. den Paradigmenwechsel der Auffassungen Wieslers, der sich in Dreyman und Sieland hineinversetzt und dessen Zweifel am System ihn die beiden Künstler schützen lassen. Besonders deutlich wird, dass der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) in ihrem totalitären Herrschaftsanspruch Machtbegrenzung fernlag und dass „[…] Künstler/innen von politischen Entscheidungsträgern[…]“[7] abhängig waren. Innerparteilich strebte man die ideologische Vereinheitlichung des Führungspersonals an, Einheitslisten für „Blockflötenparteien“ wurden entworfen, die die scheinbare Authentizität eines Mehrparteiensystems aufrecht erhalten sollten und politisch setzte die Partei sogar Vorrang gegenüber der Regierung durch, die faktisch kaum über Handlungsbefugnis verfügte. Die politische Macht lag also bei der SED, nicht dem Staat, dessen Organen, der Regierung oder der Volkskammer. Letztere kann in diesem Zusammenhang als Pseudoparlament bezeichnet werden, da die Entscheidungsgewalt beim ZK (Zentralkomitee) lag, einer Art Parteiparlament. Der Machtanspruch der SED wirkte über den politischen Bereich hinaus bis in andere gesellschaftliche Bereiche wie Wirtschaft, Justiz- und Bildungswesen, das Militär, Medien usw. Dieses Machtmonopol der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands spiegelte den Anspruch, alle gesellschaftlichen Bereiche zu beeinflussen, zu kontrollieren und den Sozialismus aufzubauen. Es zeigt aber auch in der Gestalt des Minister Hempf, dass es Machtmissbrauch begünstigte und strenge vertikale Hierarchien den Berufsalltag bestimmten. Orientiert am Vorbild der KPdSU und damit am leninistischen Parteiverständnis blieben zwar formal Partei und Staat getrennt, doch in der Praxis, z.B. in einer der Theaterszenen des Films, wird aufgezeigt, dass beide eng miteinander verschmolzen waren.

Nach dem Volksaufstand des 17. Juni 1953 baute die DDR-Führung ihre Macht weiter mit Hilfe des Ministeriums für Staatssicherheit aus, das als „Schild und Schwert“ der Partei bezeichnet wurde. Das MfS, das 1950 gegründet wurde, unterstand seit 1957 dem Armeegeneral Mielke[8], direkt der obersten SED-Spitze und ist im Film allgegenwärtiges Überwachungs- und Repressionsorgan.[9] Obwohl es den Aufstand nicht vorhergesehen hatte und dafür in Kritik stand, wurde in dieser Institution Geheimdienst und –polizei zusammengeführt. Im Innern der DDR wurden Überwachung, Einschüchterung und Bestrafung von potenziellen (politischen) Gegnern, zu denen unter Honecker u.a. auch Künstler zählten, vorangetrieben, wofür „Das Leben der Anderen“ mehrere Beispiele liefert. Unter anderem sei Albert Jerska genannt, der mit einem Berufsverbot belegt war, Paul Hauser, ein Journalist und Freund Dreymans, dessen Vortragsreihe im Westen abgelehnt wird und die aus moralisch niederen Beweggründen angeordnete Inhaftierung Sielands, die dazu gedrängt wird, IM zu werden. Insgesamt entstand in und um das MfS ein Netz aus geschätzt etwa 200.000 hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeitern (IM), die u.a. im Umfeld für das System verdächtiger Personen agierten.[10] Nach außen wurde weltweit als Nachrichtendienst für Spionage-(-abwehr) gearbeitet. Repression und nachrichtendienstliche Tätigkeiten gingen dabei ineinander über. Die Behörde der Bundesbeauftragten (BStU) für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes ist heute mit der Aufarbeitung der Geschichte des MfS betraut.[11]

[...]


[1] Goethe, Johann Wolfgang von: Dichtung und Wahrheit, München 1962, S.7.

[2] Vgl. Sauer, Michael: Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik, Seelze 2013, S. 12.

[3] Schönemann, Bernd: Geschichtsdidaktik, Geschichtskultur, Geschichtswissenschaft, In: Hilke Günther-Arndt (Hg.): Geschichtsdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II, 2003, S. 18.

[4] Vgl. Sauer, Michael: Geschichte unterrichten, S. 215.

[5] Vgl. Knoben, Martina: Das Leben der Anderen. Kein milder Rückblick: die DDR als Diktatur und Schnüffelstaat, In: Film, Band 23, Heft 3, 2006, S. 32, Hier: S. 32.

[6] Falck, Marianne u.a.: Filmheft. Das Leben der Anderen, (Hrsg.): Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2006, Hier: S. 6.

[7] Ebd., hier: S. 7.

[8] Vgl. Kinder, Hermann u.a.: DTV-Weltgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 2006, S. 533.

[9] Vgl. Wussow-Klingebiel, Sabine: Das Leben der Anderen. Ulrich Mühe- ein sensibler Charakterdarsteller als Stasi-Offizier, In: Praxis Geschichte, Band 20, Heft 6, 2007, S. 48-50, Hier: S. 48.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. Janowitz, Axel: Täter filmen- Revisor. Ein Schulungsfilm des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), In: Praxis Geschichte, Band 19, Heft 5, 2006, S. 42-46, Hier: S: 42.

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Details

Titel
"Das Leben der Anderen" im Geschichtsunterricht. Ein Film zwischen Authentizität und Fiktion
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Fachdidaktik
Autor
Jahr
2014
Seiten
12
Katalognummer
V284327
ISBN (eBook)
9783656846178
ISBN (Buch)
9783656846185
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Das Leben der Anderen, Geschichtsbewusstsein, Geschichtskultur
Arbeit zitieren
Laura Baier (Autor:in), 2014, "Das Leben der Anderen" im Geschichtsunterricht. Ein Film zwischen Authentizität und Fiktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284327

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