Das Kind Gottes und die kindliche Nähe zum Göttlichen. Das Motiv des Kindes in Gabriela Mistrals Dichtung


Hausarbeit, 2014
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Religiöse Einflüsse auf Mistrals Dichtung
2.1 Christentum und Judentum
2.2 Die Theosophie: Buddhismus, Hinduismus, Pantheismus, Spiritualismus

3. Das Motiv des Kindes
3.1 Das romantische Kind
3.2 Das „göttliche“ Kind bei Gabriela Mistral

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Lucila Godoy Alcayaga, besser bekannt unter dem literarischen Pseudonym Gabriela Mistral, zählt bis heute zu den Berühmtheiten Lateinamerikas. Im Jahr 1945 wurde die chilenische Dichterin und Diplomatin für ihre herausragende Arbeit mit dem Literatur-Nobelpreis geehrt. Gabriela Mistral stellt in vielerlei Hinsicht eine außerordentliche Persönlichkeit dar. Neben ihrer literarischen Arbeit verhalfen ihr nicht zuletzt ihr großes soziales Engagement und ihr enormer Einsatz im Kampf für bessere Bildung zu diesem Bekanntheitsgrad. Bereits bei der genaueren Betrachtung ihres Pseudonyms, das wie sie selbst einmal anführte zum einen auf den Erzengel Gabriel zurückzuführen sei und zum anderen auf den in Frankreich auftretenden kalten Polarwind Mistral, wird ihre starke Affinität zur Religion und ihre Nähe zur Natur deutlich.

Religiosität spielte in Gabriela Mistrals Leben eine bedeutende Rolle. Im Laufe ihres Lebens wandte sie sich verschiedenen Religionen zu und nahm im Laufe der Jahre diejenigen religiösen Elemente in ihr Leben auf, die ihren persönlichen Bedürfnissen am stärksten entsprachen.[1] Aus diesen diversen Religionsformen heraus formte sich so ihre ganz individuelle religiöse Weltanschauung.

Ein weiterer Aspekt, der in Mistrals Leben von enormer Bedeutung war und für den sie sich unentwegt einsetzte, waren Kinder. Ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit gegenüber Kindern lag in den Augen vieler Kritiker in Mistrals eigener Kinderlosigkeit begründet. Diese Behauptung konnte allerdings bis heute nicht vollends bestätigt werden.

Im Zuge dieser Arbeit werden diese beiden zentralen Aspekte – Religion und Kindheit – genauer betrachtet und hinsichtlich ihrer Zusammenhänge untersucht. Dazu werden im ersten Teil dieser Arbeit zunächst die verschiedenen religiösen Einflüsse genauer beleuchtet und im Anschluss daran folgt eine Analyse des für Mistrals Dichtung essentiellen Motivs des Kindes. Hierzu erfolgt eine spezielle Abgrenzung zum Kind-Motiv der Romantik.

2. Religiöse Einflüsse auf Mistrals Dichtung

2.1 Christentum und Judentum

Wie in der Einleitung bereits erwähnt wurde, gibt schon allein Lucila Godoys Pseudonym Gabriela Mistral Aufschluss darüber, dass der Glaube in ihrem Leben eine signifikante Rolle spielte. Auch wenn Gabriela Mistral in ihrem Leben mit vielen verschiedenen Religionen in Kontakt trat, so war sie dennoch in erster Linie Christin. „In the formative period of Gabriela Mistral’s life, […] the Bible was the principal literary source of moral instruction and poetic inspiration.“[2] Schon in früher Kindheit beschäftigte sich Mistral eingehend mit der Bibel. Sie entwickelte einen ganz besonderen Bezug zur Bibelgeschichte, was mitunter daher rührte, dass ihr sowohl ihre Großmutter, als auch ihr Vater und ihre Halbschwester Emelina regelmäßig Auszüge aus der Bibel vortrugen. „Lucila learned the Bible from the people she trusted and loved most, with the result that she came to trust and love the Bible.“[3] Auch im späteren Leben, trug Lucila stets ein Exemplar bei sich und bezeichnete die heilige Schrift sogar als ihr Lieblingsbuch. Mistrals besondere Bindung zur Bibel offenbart sich nicht nur in ihrer Lyrik, sondern auch in ihrem alltäglichen Sprachgebrauch.[4]

Ihre Großmutter väterlicherseits, Isabel Villanueva, brachte Gabriela Mistral mit dem Judentum in Kontakt, indem sie sie als kleines Mädchen ganze Passagen aus dem Alten Testament auswendig lernen ließ.[5] Sie schuf „wohl die Grundlagen für die tiefe Gläubigkeit […], die auch Gabriela Mistrals Persönlichkeit prägte.“[6] Obwohl sich Mistral nie zum jüdischen Glauben entschied, entwickelte sie dennoch ein großes Interesse für die jüdische Religion und versuchte in den folgenden Jahren die biblischen Sichtweisen des Christentums und des Judentums zu vereinen. „[She] felt at home in the spiritual climate of both.“[7]

Einschneidende traurige Ereignisse prägten Lucila Godoys Leben. Den ersten schweren Schicksalsschlag erlitt sie bereits im Alter von drei Jahren, als ihr Vater sie und die Familie verließ. Es scheint, als hätte sie diesen Verlust nie vollständig verarbeiten können, denn auffallend ist, dass in all ihren Gedichten nie die Figur eines Vaters auftaucht, während die Beziehung zwischen Mutter und Tochter hingegen eines der Hauptthemen in Gabriela Mistrals Lyrik darstellt. Martin Taylor stellt in Bezug auf das Verschwinden des Vaters die These auf, dass die fehlende Vaterrolle einen wesentlichen Teil zu Mistrals starker Religiosität beigetragen hätte. „Lacking constant father, could it be that she looked for solace from the steadfast ‚Dios Padre‘, a God the Father who was stern and loving, righteous and merciful?“[8]

Ein weiteres tragisches Ereignis in Mistrals Leben stellt der Tod ihrer Mutter dar, zu der sie eine äußerst starke Bindung hatte. Auch in dieser unglücklichen Zeit zeigt sich erneut ihre tiefe Gläubigkeit. In Muerte de mi madre, einer Sammlung von Gedichten, die im Zuge von Tala publiziert wurden, äußert Gabriela Mistral ihre Hoffnung, dass Gott ihre Mutter mit der gleichen Güte behandeln würde, die er auch den biblischen Frauen gegenüberbrachte, die in den Himmel aufgestiegen sind.[9] Mittels einer Textstelle aus dem Gedicht Lápida filial soll Mistrals starker Glaube an Gott demonstriert werden:

[...] para que Cristo os reconozca

ya otro país deis alegría,

para que pague ya mi Arcángel

formas y sangre y leche mía,

y que por fin os recupere

la vasta y santa sinfonía […][10]

Mithilfe der Gedichte Muerte de mi madre versucht Gabriela Mistral den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten. Martin Taylor schreibt in diesem Zusammenhang: „With the physical bond broken, mother and daughter commune, in these poems, in a silent spiritual bond of penance and perseverance.“[11]

Trotz ihrer extremen Gläubigkeit wandte sich Gabriela Mistral 1909 von der katholischen Kirche ab, jedoch „whithout […] breaking intellectual, spiritual, and emotional ties with Christianity.“[12] Dies hatte mehrere Gründe. Einerseits handelte es sich um persönliche Motive, zumal Gabriela Mistral ihr Lehramtsstudium nicht wie geplant fortsetzen konnte, da ihre Einschreibung von einem Kaplan verhindert wurde, der ihr den Vorwurf entgegenbrachte, dass ihre Artikel und Gedichte einen pantheistischen Beigeschmack enthielten. Der Kaplan sah darin eine Bedrohung für die restlichen Studenten und deren Ansichten als Lehrer.[13]

Außerdem verurteilte Gabriela Mistral die scharfe Trennung von kirchlicher und weltlicher Sichtweise. In ihren Augen sollte die Kirche beide Seiten umfassen, „its sights on heaven – the sacred – as well as on material suffiency for the impoverished – the secular.“[14] Lucila Godoy startete mehrere Versuche die Kirche zu demokratisieren. Das Ziel ihrer Rebellion war, „to make the Church more vigorous and more responsive to human misery“[15]. Generell lässt sich sagen, dass Mistral ihrer ganz individuellen Vorstellung von einer Beziehung zu Gott folgte. „[S]he believed in an ‚I-and-Thou‘ relationship, devoid of pump and ceremony and free from the mumblings and platitudes in the Mass that kill the spirit of prayer.“[16] Das bedeutet allerdings nicht, dass Gabriela Mistral Menschen verurteilte, die ihren Glauben auf andere Weise praktizierten.[17]

Aufgrund ihrer Unzufriedenheit mit der katholischen Kirche orientierte sie sich an anderen Religionen in der Hoffnung, dass diese sie mehr erfüllen würden. Es folgte die „iniciación en la teosofía“[18], auf die sie 1911 in Antofagasta gestoßen war. Das folgende Kapitel beleuchtet einige weitere religiöse Einflüsse, die für Gabriela Mistrals Leben und Arbeit von großer Wichtigkeit waren.

2.2 Die Theosophie: Buddhismus, Hinduismus, Pantheismus, Spiritualismus

Die Auseinandersetzung mit der Theosophie beeinflusste Mistrals religiöse Auffassung maßgeblich. Etymologisch stammt das Wort Theosophie aus dem Griechischen theos (Gott, Göttlichkeit) und sophia (Weisheit). Der Gegenstand dieser Philosophie ist daher die göttliche Weisheit. Gemeint ist die „Weisheit, die das Leben vom Standpunkt des göttlichen Bewusstseins aus betrifft, das das Universum erfüllt“[19] und die die Basis aller Religionen, Wissenschaften und Philosophien darstellt. Die theosophischen Glaubensansätze besitzen keine normative Verbindlichkeit, allerdings führt die Theosophie einige Leitkonzepte an. Eine Reihe dieser Konzepte nahm Gabriela Mistral in ihren Glauben mit auf, genauer gesagt die, die auf ihre persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten waren. Zunächst teilte sie die Auffassung, dass alle Lebewesen des Kosmos eine Einheit darstellen, da sie alle gleichermaßen von Gott erschaffen wurden. Die Idee, das alles Leben aus dem Göttlichen entstanden und Teil eines kosmischen Prozesses sei, sich im Laufe des irdischen Lebens durch spirituelle und intellektuelle Bewusstseinsvorgänge materialisiert und „nach kosmischen Zeitperioden zur göttlichen Quelle zurückkehrt“[20] deckte sich mit Mistrals eigenen Vorstellungen. Sie erkannte den Nutzen von Meditation und Besinnung und glaubte, „that there is a course of action which, when followed, frees man from bodily pain; and the feeling that death, with its divesting of the leaden body, allows the individual to find eternal peace“[21]. Der zweite Teil dieses Zitats spiegelt die buddhistische Weltanschauung wider, deren Ziel es ist, den Kreislauf des leidhaften irdischen Daseins zu durchbrechen um ins Nirwana, dem Zustand der ewigen Ruhe und des Glücks, eintreten zu können.[22]

Diese theosophischen und spirituellen Einflüsse prägten Mistrals folgendes Leben in bedeutendem Maße und wirkten sich außerdem stark auf ihre literarische Arbeit aus. Gabriela Mistrals individuelle religiöse Weltanschauung wurde zu einem zentralen Motiv und Charakteristikum ihrer Lyrik. Neben ihren Gedichten schrieb Gabriela Mistral auch für zwei theosophische Zeitungen mit dem Titel Nueva Luz und Revista Teosófica Chilena.[23]

Luis de Arrigoitia bezeichnete Mistrals Religiosität als „una extraña fusión de budismo – ley de karma, panteísmo, reencarnaciones – con el mensaje misericordioso de Cristo“[24]. Die von de Arrigoitia angeführten Begriffe Karma und Reinkarnation zählen zu den zentralen Lehren der Theosophie. Neben dem Buddhismus entwickelte Gabriela Mistral auch eine besondere Begeisterung zum Hinduismus. Dies wird unter anderem an dem Kosenamen ihres Ziehsohnes sichtbar, den sie ‚Yin-Yin‘ nannte, was in Hindi so viel bedeutet, wie ‚treu‘/ ‚gläubig‘.[25]

In Gabriela Mistrals Lyrik erscheint besonders auffallend, dass die Dichterin eine extreme Affinität zur Natur aufweist. Generell lässt sich in vielen ihrer literarischen Arbeiten eine starke Naturverbundenheit erkennen. Hans Rheinfelder schreibt in diesem Zusammenhang: „Was Gabriela Mistral der Natur in allen ihren Erscheinungen entgegenbringt, ist mehr als Liebe; es ist das Bewußtsein innigster und tiefster Verwandschaft. […] Sie fühlt mit den Dingen, leidet mit den Dingen, dient ihnen in Ehrfurcht.“[26] Vor allem in ihren Wiegenliedern betont die Dichterin stets die enge kosmische Verbindung zwischen Mensch und Natur. Eines der häufigsten Motive in Mistrals Canciones de cuna stellt der Baum dar. Im Himno de árbol wird der Baum „zum Symbol spendender Liebe, […] zum Beauftragten Gottes“[27]. Das lyrische Ich wendet sich hier anbetungsvoll an den Baum und bittet ihn um seine Hilfe.[28] Der folgende Textausschnitt umfasst die letzten beiden Strophen des Gedichts Himno al árbol und soll zur Veranschaulichung der Tragweite der Naturliebe in Mistrals Dichtung dienen.

[...] Árbol que donde quiera aliente

tu cuerpo lleno de vigor,

levantarás eternamente

el mismo gesto amparador:

haz que a través de todo estado

—niñez, vejez, placer, d o l o r—

levante mi alma un invariado

y universal gesto de amor [...][29]

Auch die Ureinwohner ihres Landes sind wiederholt Gegenstand in Gabriela Mistrals Lyrik. So zum Beispiel in ihrem Gedicht La Tierra. Durch die Ambiguität des Titels kann das Gedicht auf unterschiedliche Weisen interpretiert werden. Tierra kann in diesem Zusammenhang sowohl ‚Erde‘ also auch ‚Mutter Erde‘, „das Land Chile‘ oder ‚das Land der Indios‘ bedeuten und dieser große Interpretationsspielraum ermöglicht eine Vielzahl an Assoziationen und Emotionen beim Leser.[30] Der folgende Ausschnitt aus dem ersten Teil des Gedichts dient als Belegstelle für gleich mehrere essentielle Aspekte in Mistrals Lyrik. In der ersten Strophe fällt unmittelbar die Sprechsituation zwischen Mutter und Kind auf, wie sie in den Canciones de cuna üblich ist. Das deiktisch repräsentierte ‚yo‘, das wie es scheint die Mutter darstellt, richtet sich unmittelbar an ihr Kind, das ‚niño indio‘. In der folgenden Strophe wird das Kind auf die Besonderheiten des Landes Chile und seiner Natur hingewiesen, die durch die Trommel der Indios in Erscheinung treten. In dieser Strophe wird also zum einen die Liebe zum Land Chile und zum anderen die Faszination gegenüber der Natur deutlich.

[...]


[1] Vgl. Taylor (2012), S. 155.

[2] Taylor (2012), S. 115.

[3] Ebd., S. 115.

[4] Vgl. Ebd., S. 115 f.

[5] Vgl. Ebd., S. 115.

[6] Ferchl (1990), S. 114.

[7] Taylor (2012), S. 136.

[8] Taylor (2012), S. 29.

[9] Vgl. Ebd., S. 31.

[10] Mistral, Gabriela (1970), S. 380.

[11] Taylor (2012), S. 31.

[12] Ebd., S. 146.

[13] Vgl. Taylor (2012), S. 147.

[14] Ebd., S. 148.

[15] Ebd., S. 151.

[16] Ebd., S. 149.

[17] Vgl. Ebd., S. 147-149.

[18] De Arrigoitia (1989), S. 38.

[19] http://www.theosophie.de/index.php?option=com_content&view=article&id=46&Itemid=54. (Aufruf am 23.08.2014).

[20] http://www.theosophie.de/index.php?option=com_content&view=article&id=46&Itemid=54. (Aufruf am 23.08.2014).

[21] Taylor (2012), S. 155.

[22] Vgl. http://www.theosophie.de/index.php?option=com_content&view=article&id=46&Itemid=54. (Aufruf am 23.08.2014).

[23] Vgl. Taylor (2012), S. 156.

[24] De Arrigoitia (1989), S. 38.

[25] Vgl. Taylor (2012), S. 34.

[26] Rheinfelder (1955), S. 110.

[27] Ebd., S. 112.

[28] Vgl. Ebd., S. 108.

[29] Mistral, Gabriela (1970), S. 348 f.

[30] Vgl. Rheinfelder (1955), S. 129.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Kind Gottes und die kindliche Nähe zum Göttlichen. Das Motiv des Kindes in Gabriela Mistrals Dichtung
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V284358
ISBN (eBook)
9783656846628
ISBN (Buch)
9783656846635
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kind, gottes, nähe, göttlichen, motiv, kindes, gabriela, mistrals, dichtung
Arbeit zitieren
Lena Frauenknecht (Autor), 2014, Das Kind Gottes und die kindliche Nähe zum Göttlichen. Das Motiv des Kindes in Gabriela Mistrals Dichtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284358

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