Grundüberlegungen zur Wohlfahrts- und Sozialarbeit innerhalb des Roten Kreuzes

Eine Handreichung für Führungskräfte im Rahmen der neuen Rotkreuz-Gemeinschaft


Fachbuch, 2014

74 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Ehrenamtliche Rotkreuzarbeit in fünf Gemeinschaften Vielfalt und wechselseitige Ergänzung als Gesamtkonzept für den Dienst am Nächsten

Gemeinschaft als Herausforderung und Entwicklungsprozess Individuelle Entfaltung in Auseinandersetzung mit anderen

Wohlfahrts- und Sozialarbeit, eine neue Gemeinschaft im Roten Kreuz Warum und wofür, auf welche Art und Weise, mit welcher Perspektive und welchen Zielen?

Mitgliederwerbung, Mitgliederbetreuung und Mitgliederbindung Langfristiger Erfolg der Organisation und Mitgliederzufriedenheit als gleichzeitiges Ziel

Soziale Arbeit – Überlegungen zur Grundeinstellung und zum Fundament des Handelns Präferenz für Vernunft und gegen einseitige institutionelle Eigeninteressen und ausufernde Bürokratie

Grundhaltung, Qualifikation und Einsatzbereitschaft – Voraussetzungen für wirksames Helfen im sozialen Bereich

Wohlfahrts- und Sozialarbeit – ausgehend von den bisherigen Tätigkeitsschwerpunkten und neuen Herausforderungen

Differenziertheit der Aufgaben sozialer Arbeit und organisationsbezogene Konsequenzen

Kommunikationsstrategie als Brücke nach Innen und Außen

Zugang, Qualifikation und Beharrlichkeit als permanente Herausforderungen

Zeitpunkt und Umfang der Umsetzung als örtlich bestimmte Größen

Führung der Wohlfahrts- und Sozialarbeit als zu verantwortendes Aufgabenfeld

Zentrale Aufgabenbereiche der Führung im Rahmen der Wohlfahrts- und Sozialarbeit

Anhang

Über den Autor

Vorwort

Wenn innerhalb eines etablierten Verbandes der freien Wohlfahrtspflege eine neue Gliederung entsteht und ein Aufgabenfeld im neuen Rahmen organisiert wird, dann stecken dahinter vielfältige Überlegungen. Die Entscheidung ist Resultat

der sich verändernden Gegebenheiten und Herausforderungen,

der Notwendigkeit zu zeitgemäßen Antworten,

der Wahrnehmung sozialer Verantwortung und

der angemessenen Weiterentwicklung des Verbandes.

Ihn im Dienst am Nächsten neu aufzustellen bündelt die vorhandenen Kräfte zielgerichtet und gibt eine schlüssige Antwort auf die sich wandelnde Wirklichkeit. Frühere Konzepte waren die angemessenen Lösungen zu jenen Zeiten. Gerade heute geschieht Entwicklung dynamisch und komplex, werden wir vor neue Situationen gestellt und laufen Gefahr, überfordert zu werden.

Wenn uns dies bereits geschieht, um wie viel mehr fühlen sich Mitmenschen mit eingeschränktem Leistungsvermögens der Entwicklung ausgeliefert und hilflos. Ihnen beizustehen wird da zu einer Notwendigkeit und zur sozialen Verpflichtung aus der gegebenen Mitverantwortung heraus, der wir uns aus gutem Grunde verschrieben haben.

Der Staat alleine kann nicht alles lösen. Wir selbst sind aufgerufen, unseren Beitrag zu leisten. Die Verbände der freien Wohlfahrtspflege sind dabei eine wesentliche Stütze der Gesellschaft, auf die ohne Schaden nicht verzichtet werden kann. Insoweit gilt es zusammen zu stehen und vorhandene Probleme soweit möglich zu beseitigen, zumindest aber abzumildern.

Wohlfahrts- und Sozialarbeit hat im Roten Kreuz eine lange Tradition. Sie ist insoweit nichts Neues. Und doch erscheint der neue Ansatz zur Bewältigung der Herausforderungen als Aufbruch und Chance zu einer zeitgemäßen Form der Hilfe zu kommen. In diesem Aufbruch steckt auch der Keim zur Weiterentwicklung des Gesamtverbandes.

Er soll auch in Zukunft bereit und in der Lage sein, im Dienst am Nächsten optimale Unterstützung dort zu leisten, wo diese Hilfe erforderlich ist. Er soll weiterhin als ein Plus in unserer Gesellschaft in Erscheinung treten und ein überzeugendes Zeugnis für Mitmenschlichkeit darstellen – ob dies nun aus dem Gedanken des Humanismus oder aber aus Glaubensüberzeugungen erwächst.

So finden sich im Rahmen von zwölf kleinen Beiträgen Überlegungen, die für Führungskräfte und Interessierte gedacht sind. Sie sollen zum Nachdenken anregen und weiterführende Überlegungen auslösen. Die vorliegende Schrift ist insoweit keine abgeschlossene Sache, sondern ein Zwischenergebnis, das den einzelnen Leser und die einzelne Leserin in die Pflicht zu nehmen versucht.

Lassen Sie sich also inspirieren, über das Vorgestellte hinaus zu denken und in der Folge Akzente zu setzen. Einzelne Hilfsbedürftige und unsere Gesellschaft bedürfen des Engagements. Ohne dieses würden sie verkümmern und unmenschliche Züge annehmen. Daran kann uns nicht ernsthaft gelegen sein.

All Jenen, die mich im Rahmen der Auseinandersetzung mit der aufgeworfenen Thematik durch Darstellung ihrer Meinungen unterstützt haben, danke ich an dieser Stelle. Mögen die nachfolgenden Ausführungen für Hilfswillige eine Inspiration und Hilfestellung sein.

Fürth / Plauen, den 15. Nov. 2014

Prof. Dr. Alfons Maria Schmidt

Ehrenamtliche Rotkreuzarbeit in fünf Gemeinschaften Vielfalt und wechselseitige Ergänzung als Gesamtkonzept für den Dienst am Nächsten

Hinführung, Abgrenzung, Zielbestimmung

Wer zur Rotkreuzfamilie gehören will, der sollte über die unterschiedlichen ehrenamtlichen Gemeinschaften innerhalb dieses Wohlfahrtsverbandes hinreichende Kenntnisse besitzen. Er sollte um die Vielfalt und Differenziertheit der Organisation wissen, aber auch um die Gemeinsamkeit des Wirkens im Zeichen und der Grundsätze des Roten Kreuzes.

Hinreichende Kenntnisse über den Verband erhöhen über hilfreiche Abstimmung der Aktivitäten die Wirksamkeit des den Mitmenschen zu leistenden Dienstes,

Vielfalt und Differenziertheit kommt den unterschiedlichen sozialen Erfordernissen der Gesellschaft und den Bedürfnissen der jeweiligen Dienstleistungsempfänger entgegen und das Bewusstsein der Gemeinsamkeit im Sinne verbindender Zielausrichtung – trotz differierender Teilaufgaben – stärkt die Verbundenheit nach innen, sowie das gemeinsame Auftreten nach außen.

Wissen erzeugt Bewusstsein, Bewusstsein schafft Einsicht, Einsicht fördert Aktivität zum Abbau des Handlungsbedarfs. Im Miteinander den Notwendigkeiten Rechnung tragen mindert nicht nur bestehende Nöte, sondern schafft darüber hinaus auch für Helfer Befriedigung. Engagement und gezeigte Mitmenschlichkeit bauen letztlich Brücken zwischen den Menschen und dienen damit dem sozialen Frieden.

Im Rahmen eines kurzen Beitrages kann hier leider nur ein vereinfachter Umriss des Leistungsspektrums der ehrenamtlichen Arbeit des Roten Kreuzes vorgestellt werden. Dieser Umriss ist zwangsläufig eine Momentaufnahme und bezieht sich auf die aktuellen, laufend anzupassenden Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland.

Angesichts der hohen Entwicklungsdynamik und zunehmender Komplexität, von Erkenntnisfortschritt und Globalisierung können wir uns aus dem Prozess der Veränderung nicht ausklinken, ohne den Anschluss und die Fähigkeit zu bedarfsgerechtem Helfen zu verlieren.

Ziel dieses Beitrages soll es sein, die bestehenden Gegebenheiten und Zusammenhänge zu erkennen, Bewusstsein zu entwickeln und unter gemeinsamen Zeichen als Teil der Gesamtorganisation am gemeinsamen Dienst am Nächsten teilzuhaben.

Im Miteinander Zeichen setzen und nicht nur Sprüche klopfen, dies soll aus Überzeugung die verfolgte Perspektive sein – im Wissen um unsere Stärken und Schwächen, im Wissen um noch bestehende Lücken und Unzulänglichkeiten – bei uns als Individuen, bei uns als Hilfsorganisation und in unserer Gesellschaft.

Jugendrotkreuz und Jugendarbeit

Lassen Sie uns beginnen mit dem Jugendrotkreuz und der Jugendarbeit, denn die Jugend ist unsere Zukunft. Jugend soll gefördert und entwickelt werden zu mündigen und verantwortungsbewussten Mitmenschen mit Herz und Verstand. Die Einbindung in soziale Gruppen soll dazu beitragen, einerseits Persönlichkeit zu entfalten und Selbstverwirklichung anzustreben, aber auch andererseits sich als Teil der Gemeinschaft zu begreifen, da diese Orientierung gibt, Maßstäbe vermittelt und Sicherheit im tastenden Entdecken der bestehenden Möglichkeiten bietet.

Egoismus kann die Welt nicht retten, eine totalitäre Gemeinschaftsideologie auch nicht. So ist im Rahmen der Förderung des Einzelnen zu vermitteln, dass sowohl Individualität, als auch soziale Rückbindung für die personale Entfaltung erforderlich sind. Der Mensch ist eben gleichzeitig eine unverwechselbare Persönlichkeit und Teil sozialer Gebilde (Familie, Freundeskreis, Klasse, Gruppe, Gesellschaft).

In altersstufengemäßer Form werden für 6-27 Jährige Angebote gemacht, in denen Teamwork, Schulprojekte, Kampanien, internationale Begegnungen und Veranstaltungen im Vordergrund stehen. Aus dem gemeinsamen sinnvollen Wirken ergibt sich dabei ein prägendes Gemeinschaftserleben, welches die Würde jedes Einzelnen achtet, ihn einbindet und unter der vom Gründer des Roten Kreuzes formulierten Zielsetzung steht: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“

Bereitschaften im Katastrophenschutz, Sanitäts- und Rettungsdienst

Größte Gemeinschaft sind die Bereitschaften. Sie bieten sowohl traditionelle Vorsorge, als auch unterschiedliche Hilfen in zeitgemäßer Form an und stützen sich auf langjährige Erfahrungen mit verletzten und kranken Menschen. Ausgehend vom jeweiligen Patienten suchen sie bei diesem Gefahren zu mindern, erforderliche Versorgung zu gewährleisten, sowie Linderung zu schaffen und Betreuung zu leisten.

„Zu den ursprünglichsten Aufgaben der BRK-Bereitschaften gehört der Sanitätsdienst. Ob bei Fußballspielen, bei Rock-Konzerten oder im Theater, viele hunderte von Helfern der BRK-Bereitschaften sind Tag für Tag dafür im Einsatz. Vom Anlegen eines Verbandes bis zur Unterstützung des Notarztes bei Wiederbelebungsmaßnahmen: Das Spektrum der Hilfeleistungen ist vielfältig. Auch im Katastrophenfall stehen die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des BRK immer und überall zur Verfügung.“ (http://www. brk-bayreuth.de/ehrenamt_im_brk/bereitschaften_261.html)

„Bei Unfällen arbeiten die Bereitschaften eng mit den Feuerwehren und anderen Rettungsdiensten zusammen. Auf Großveranstaltungen trifft man unsere ehrenamtlichen Helfer als unermüdliche Partner für den Fall der Fälle. Aber auch abseits von akuten Notsituationen sind die Bereitschaften stets im Einsatz: beispielsweise als Organisatoren des DRK eigenen Blutspendedienstes.“ (http://www.brk.de/gemeinschaften/bereitschaften)

Vielfältige Sonderaufgaben haben sich im Laufe der Zeit herausgebildet. Sie reichen von technischen und naturwissenschaftlichen Diensten (z.B. für Technik und Sicherheit, Information und Kommunikation) über Betreuungs- und Versorgungsdienste bis hin zum Suchdienst, zur Krisenintervention und Notfallnachsorge.

Bergwacht in Bergrettung und Naturschutz

Mit der Bergwacht betrachten wir echte Spezialisten für tätige Hilfe in schwierigem Gelände. Jährlich werden hier in Bayern 12.000 Einsätze geleistet. Dabei geht es im Zuge der Lebensrettung um

die Rettung aus alpinem und unwegsamen Gelände,

um medizinische Versorgung von Verunfallten,

die Suche von vermissten Personen,

Rettung aus Lawinen, Schluchten und Höhlen,

Bergung von tödlich Verunfallten,

Betreuung und Unterstützung von Angehörigen,

Unterstützung des DRK bei Auslandeinsätzen und

Unterstützung des Landrettungsdienstes und Katastrophenschutzes

Aus der Naturverbundenheit der Helferinnen und Helfer gehört zu den Aufgaben auch

die Durchführung von Naturschutzstreifen und Naturschutzprojekten,

die Unterstützung der Naturschutzwacht und der Naturschutzbeiräte,

die Unterstützung der geförderten Naturschutzprojekte (z. B. Wildtiere und Skilauf im Gebirge), sowie

Öffentlichkeits- und Jugendarbeit im Natur- und Umweltschutz (z. B. Jugendcamp Natur).

Wasserwacht in Wasserrettung und Naturschutz

Auch der Dienst im, am und auf dem Wasser erfordert spezifische Kenntnisse und Kompetenzen. Wie bei den anderen Gemeinschaften ergeben sich hier besondere Herausforderungen,

die nicht nur das Wissen um Gefahren und Gefahrenabwehr und

die Versorgung von Hilfsbedürftigen erfordern, sondern auch

eine erhöhte sportliche Leistungsfähigkeit bedingen.

„Wassersport wird heute und in Zukunft nicht mehr ausschließlich am Wochenende oder im Urlaub, sondern praktisch ganzjährig betrieben. Schwimmer, Segler, Surfer, Kanuten und Taucher benutzen unsere Gewässer im zunehmenden Maße und fast zu allen Jahreszeiten. Selbst im Winter sind sie für Schlittschuhläufer, Eissportschützen, Eissegler oder auch nur Wanderer beliebte Freizeitareale.“ (http://www.brk.de/gemeinschaften/wasserwacht)

Wie in den anderen Gemeinschaften werden Fachkräfte herangebildet, die in der Lage sind wirksame Hilfe zu leisten. Neben Ausbildung im Schwimmen und Rettungsschwimmen, sowie dem Naturschutz kann man als Taucher oder Motorbootsführer tätig werden, oder im Rahmen einer spezifischen Jugendarbeit Erfüllung finden.

Wohlfahrts- und Sozialarbeit in der Sorge für Hilfsbedürftige

Als jüngste Gemeinschaft haben wir für wachsende soziale Aufgaben die Wohlfahrts- und Sozialarbeit. Sie zeichnet sich aus durch ein neues Herangehen an diesen Problemkreis, aber auch durch neue zeitgemäße Beteiligungsformen bei sozialen Dienstleistungsangeboten.

„Zu den Zielgruppen in der Wohlfahrts- und Sozialarbeit zählen Kinder, Jugendliche und Familien, ältere Menschen, kranke Menschen, Menschen mit Behinderung, Sterbende und ihre Angehörigen, Menschen mit Migrationshintergrund, von Armut betroffene Menschen, von Ausgrenzung bedrohte Menschen sowie Menschen in persönlichen und sozialen Notlagen. …

„Die Einsatzbereiche sind so vielseitig, wie die Menschen, die sich hier einbringen.“ (http://www.brk.de/gemeinschaften/wohlfahrts-und-sozialarbeit)

Zusammenfassung, Reflexion, Ausblick

Wenn wir die einzelnen ehrenamtlichen Gemeinschaften innerhalb des Roten Kreuzes betrachten, so erkennen wir

deren Sinn und Notwendigkeit,

deren Spezifität in ihrem Wirken, sowie

deren Einbindung in den großen Rahmen der gemeinsam zu leistenden Hilfen für Menschen in Not.

Jede Gemeinschaft hat ihre eigenen Aufgaben, doch in deren Vielfalt liegt auch eine wechselseitige Ergänzung – wie bei den fünf Fingern einer Hand, die zupacken. Das Ehrenamt gibt hier Antwort auf den differenzierten Bedarf bei Mitbürgerinnen und Mitbürgern und schafft Freiräume für wirksamen Einsatz im Dienst am Nächsten.

Rund 130.000 Ehrenamtliche leisten beim Roten Kreuz in Bayern im Jahr ca. 2,5 Millionen Einsatzstunden – ein wohl überzeugendes Beispiel wahrgenommener Mitverantwortung und praktizierter Mitmenschlichkeit. Ein Kennenlernen und entdecken des sinnvollen Miteinanders unter dem Zeichen des Roten Kreuzes macht durchaus Freude, Helfen und Erleben von Gemeinschaft allemal.

Gemeinschaft als Herausforderung und Entwicklungsprozess Individuelle Entfaltung in Auseinandersetzung mit anderen

Hinführung, Abgrenzung, Zielbestimmung

Menschliches Leben gestaltet sich zwischen Entfaltung und Anpassung. Beides ist notwendig, denn

Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung dient dem Individuum dazu, die individuelle Persönlichkeit zu entwickeln und

Rückbindung zu sozialen Gebilden sichert Rückhalt, gibt Orientierung, vermittelt Zusammengehörigkeit und schenkt Zutrauen für individuelles Sein.

Auch innerhalb einer Gliederung des Roten Kreuzes ergibt sich dieses Spannungsfeld, das den Einzelnen, wie auch die jeweils anderen zu Anpassungsleistungen zwingt, gleichzeitig aber auch personale Identität zulässt. So kann in der Auseinandersetzung mit den Mitstreitern eine sozialverträgliche individuelle Entfaltung geschehen.

Die globale Themenstellung „Gemeinschaft als Herausforderung und Entwicklungsprozess“ zwingt dazu, Abstriche zu machen und sich auf wesentliche Aspekte zu beschränken. Dies ist reizvoll und schwierig zugleich, denn vereinfachte Darstellungen können die bunte Lebenswirklichkeit nur unzureichend wiederspiegeln, ins Blickfeld tretende Grunderkenntnisse geben demgegenüber erhöhte Klarheit.

Dass wir von der eigenen Vergangenheit geprägt sind und uns im Hier und Jetzt in Auseinandersetzung mit anderen in die Zukunft hinein entfalten, zeigt sich als echtes, manchmal überraschendes Abenteuer. Dies zu bewältigen, schafft dem Einzelnen Freude und Befriedigung. Es bindet gleichzeitig in die Gemeinschaft ein.

Ziel dieses Beitrages ist es, die Herausforderung von Gemeinschaft für den Einzelnen und den in und mit der Gemeinschaft zu durchlaufenden Entwicklungsprozess zu verdeutlichen. Damit wir die Grundlage dafür geschaffen, bewusster mit sich, den Bezugspersonen und sozialen Gebilden umzugehen.

Dies erscheint letztlich als wünschenswerter Gewinn für alle Beteiligten, sofern die Bereitschaft dazu besteht, aus den gewonnenen Erkenntnissen Konsequenzen im praktischen Handeln zu ziehen. An dieser Stelle kommt die Verantwortung der jeweiligen Führungskraft ins Spiel, diese kann ihr nicht abgenommen werden.

Gemeinschaft

Wenn wir den Begriff Gemeinschaft hören, so denken wir nicht einfach an eine bloße Ansammlung mehrerer Personen. Gemeinschaft steht für „eine überschaubare soziale Gruppe (beispielsweise eine Familie, Gemeinde, Wildbeuter-Horde, einen Clan oder Freundeskreis), deren Mitglieder durch ein starkes „Wir-Gefühl“ eng miteinander verbunden sind – oftmals über Generationen. Die Gemeinschaft gilt als ursprünglichste Form des Zusammenlebens und als Grundelement der Gesellschaft (siehe auch Urgesellschaft).“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinschaft)

Unsere Gemeinschaften sind geprägt durch die Grundsätze unserer Organisation, die verbindende soziale Aufgabenstellung und den gemeinsamen Willen, Mitmenschen bei Bedarf hilfreich zur Seite zu stehen. Ob diese Ausrichtung individuell aus humanitärem Gedankengut oder aus religiösen Glaubensüberzeugungen erwächst, ist dabei zunächst unerheblich.

Entscheidend sind vielmehr die gemeinsam verfolgen Ziele und die sich aus diesen ergebenden jeweiligen Aktivitäten, sowie die dazu sich bildenden Strukturen, Verfahrensabläufe und sozialen Zuordnungsverhältnisse der Gruppenmitglieder. Letztere bilden Gemeinschaften, doch diese weisen in ihrem Wesen über die Summe der Einzelnen hinaus.

Herausforderung

Menschliches Sein in Gemeinschaft mit anderen ist dabei stets eine Herausforderung. Diese ist Bestandteile des menschlichen Lebens, stellt an den Einzelnen Erwartungen und bewirkt im Zuge der Auseinandersetzung mit ihr individuelle Entwicklung. Ohne Herausforderung gibt es keine Bewegung und ohne Bewegung keine Anpassung an die sich wandelnde Erfordernisse. Insoweit bedarf es der laufenden Herausforderung, damit sich ein Gleichklang bei der individuellen, beziehungsbezogenen und gesellschaftlichen Entwicklung ergibt.

Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob ein Mensch der die Herausforderung die das Leben mit sich bringt, wirklich lebt oder nur existiert. Jedenfalls löst die Wahrnehmung einer bestehenden Herausforderung eine darauf bezogene Reaktion aus, welche die bislang eingenommenen Positionen und damit das jeweilige individuelle Sein verändert. Damit stoßen wir wiederum auf die sich ergebende Entwicklung, die geeignet ist, suboptimale Verhältnisse schrittweise zu überwinden.

Was als legitime und anzunehmende Herausforderung gelten darf, darüber gehen die Meinungen naturgemäß stark auseinander. Für Mitglieder des Roten Kreuzes liegt im Wissen um die Hilfsbedürftigkeit von Menschen und im Bemühen um die Minderung der auftretenden Not eine zu bewältigende Herausforderung. Inwieweit den bestehenden Hilfserfordernissen durch das ehrenamtliche Aktivwerden Rechnung getragen wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. Aber ist nicht schon eine geringe Verbesserung der Lage für sich genommen Fortschritt in die richtige Richtung?

Entwicklungsprozess

Der Austausch mit anderen führt dazu, in einen Entwicklungsprozess eingebunden zu sein, sich idealtypisch darauf einzulassen und damit die eigene Zukunftsfähigkeit und die der umgebenden sozialen Gebilde zu stärken. Dieser Entwicklungsprozess vollzieht sich fortlaufend. Aus ihm gibt es keinen sinnvollen Ausstieg. Ein solcher wäre verbunden mit der Verweigerung von Zukunft und damit mit einem Zurückbleiben hinter den sich gesellschaftlich vollziehenden Veränderungen.

Auch wenn wir das Bekannte schätzen und bewahren wollen, so ist zuzugestehen, dass in veränderter Zeit bei gewandelten Rahmenbedingungen und Herausforderungen eine individuelle Anpassung und Fortentwicklung im Raume steht, damit Bewältigungskompetenz bewahrt und Zukunftsfähigkeit gesichert wird. Letztere lässt sich als Fähigkeit charakterisieren, mit den sich einstellenden neuen Gegebenheiten angemessen umzugehen.

Der Entwicklungsprozess lässt sich als Reifungsprozess und als Prozess hin zu einem höheren Entwicklungsstand interpretieren. Dabei wissen wir – bei einem Blick in die Vergangenheit – allerdings, dass sich auch Rückschläge, Irr- und Umwege ergeben können, die im Zeitablauf Modifikationen oder eine Neuausrichtung erfordern.

Gemeinschaft als Herausforderung und Entwicklungsprozess

als Notwendigkeit

Gemeinschaft ist für uns insoweit eine permanente Herausforderung und deren Bewältigung im Rahmen eines Entwicklungsprozesses eine damit verbundene Aufgabe. Gemeinschaft und Herausforderung sind letztlich notwendig, um individuell zu wachsen und anderen gleichzeitig Impulse zu geben – Impulse, die über den aktuellen Entwicklungsstand hinausführen und geeignet sind, der Zukunft Bewältigungskompetenzen und -strategien entgegen zu setzen.

Für Führungskräfte kommt es in diesem Zusammenhang darauf an, die Herausforderung anzunehmen, die resultierende Last zu tragen und durch ernsthaftes Bemühen dafür zu sorgen, dass in fairer Abstimmung mit den Betroffenen und Beteiligten Entwicklung sich in eine positive Richtung vollzieht.

Gemeinschaft ist Herausforderung und Entwicklungsprozess eine Notwendigkeit. Gemeinschaft ist aber auch eine Quelle der Freude und Bereicherung, der Entwicklungsprozess Grundlage eines Entdeckens von verbesserten Möglichkeiten, von erlangter Befriedigung und eines erweiterten zielbezogenen Erfolges – von Dingen also, die wir uns erhoffen.

Zusammenfassung, Reflexion, Ausblick

Wenn wir die Ergebnisse dieses Beitrages zusammenfassen, so können wir festhalten, dass

Gemeinschaft sowohl für den Einzelnen, als auch für die jeweils anderen erforderlich ist. Menschen sind nun einmal Gemeinschaftswesen.

Angesichts der vielfältig geprägten personalen Identitäten und der Ungewissheit der Zukunft zeigt sich Gemeinschaft als permanente Herausforderung.

In der Auseinandersetzung mit anderen entfaltet sich die individuelle Persönlichkeit des Einzelnen, aber auch die Gemeinschaft selbst.

Diese Entwicklung macht zukunftsfähig, trägt zur Lösung der bestehenden Aufgaben und zur Bewältigung von Problemlagen bei.

Der Einzelne ist gefordert, sich zu öffnen und auf die legitimen Interessen und Bedürfnisse der anderen einzulassen. Dabei geht es letztlich um eine Gratwanderung zwischen einem einseitigen „Egotripp“ und der Selbstaufgabe der personalen Individualität andererseits. Beide Extrempositionen führen mit hoher Wahrscheinlichkeit mittel- bis langfristig ins Abseits.

Das Wissen um das vorhandene Spannungsverhältnis hilft, individuelle Sichtweisen zu relativieren, sowie Ansichten und Bedürfnisse von Bezugspersonen in eigene Überlegungen einzubeziehen. Man kann ferner erkennen, dass sich im konstruktiven, vertrauensvollen und zielgerichteten Zusammenwirken in der Regel bessere Ergebnisse erzielen lassen, als dies bei einer Beschränkung auf die eigene Person möglich wäre.

Es kommt auf den Einzelnen an, sich auf das jeweilige Spiel der Kräfte einzulassen. Dabei wird es auf ein vernünftiges Maß an Toleranz ankommen und auf die Bereitschaft, aus der Begegnung und den wechselseitig gesendeten Signalen dazu zu lernen.

Wohlfahrts- und Sozialarbeit, eine neue Gemeinschaft im Roten Kreuz Warum und wofür, auf welche Art und Weise, mit welcher Perspektive und welchen Zielen?

Hinführung, Abgrenzung, Zielbestimmung

Im Deutschen Roten Kreuz hat sich eine neue Gemeinschaft gebildet. Sie befasst sich mit der Wohlfahrts- und Sozialarbeit. Diese Gründung entstammt nicht der krampfhaften Suche nach einem neuen Aufgabenfeld, sondern den wachsenden aktuellen und künftigen Erfordernissen. Denken wir in diesem Zusammenhang nur an die demographische Entwicklung, an sozialpolitische Entscheidungen, den Arbeitsmarkt und die Zuwanderung. Dieses verstärkte Aufgreifen der sozialen Problematik ist Ausdruck wahrgenommener Mitverantwortung für hilfsbedürftige Mitmenschen, Ausdruck wahrgenommener Mitverantwortung in und für diese Gesellschaft.

Sich mit der neuen Gemeinschaft zu befassen dient der eigenen Bewusstwerdung und damit der Klärung bestehender Erfordernisse,

des gegebenen Aufgabenfeldes und möglicher Lösungsansätze,

des aktuellen Entwicklungsstand und der sich bietenden Perspektiven,sowievorhandener Chancen und anzustrebender Ziele.

Ein kurzer Beitrag kann natürlich nur einen ersten Umriss und kein ausdifferenziertes Konzept bieten, auch gehen wir von Erfahrungen im Hier und Jetzt aus und fühlen uns bei begrenztem Wissensstand gefordert, für die Zukunft einen hilfreichen Beitrag zu leisten.

Der in diesem Zusammenhang betriebene Aufwand erscheint dabei allemal gerechtfertigt, hilft er uns doch, bestehende Herausforderungen zu meistern, individuelle, verbandsbezogene und gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit zu erhöhen und sozialen Frieden zu bewahren.

Mit dem Beitrag soll vom Grundsätzlichen her ein höheres Maß an Klarheit geschaffen werden, sodass

für den Einzelnen ein Mehr an Einsicht besteht,

ihm der Sinn und das Aufgabenfeld offenbar wird,

der aktuelle Stand und die Entwicklungsperspektiven nachvollziehbar in

Erscheinung treten, sowie

die Chancen und Ziele verdeutlicht werden.

Dieses Wissen eröffnet letztlich die Möglichkeit, eine eigene wohl begründete Position zum Aufgabenfeld und dieser Gemeinschaft zu finden und in freier Wohlfahrts- und Sozialpflege, eine neue Gemeinschaft im Roten Kreuz Selbstbestimmung über eine eventuelle individuelle Mitwirkung — in welcher

Form, in welchem Umfange, in welchem Teilaufgabengebiet und in welchem Tätigkeitsschwerpunkt auch immer — seriös zu entscheiden.

Notwendigkeit als Beweggrund

Notwendigkeit ist der entscheidende Beweggrund für die Gründung der neuen Gemeinschaft. Der wachsende Bedarf an Unterstützung und sozialer Hilfe war insoweit Ausgangspunkt. Dies schafft hinreichende Legitimation, auch wenn heute die sich entfaltenden Aufgaben, Lösungsansätze, Weg und Ziele nur unvollkommen zu erkennen und zu erfassen sind.

Abzuwarten wäre hier keine empfehlenswerte Lösung, denn im Zeitablauf werden wir abgehängt und lassen Hilfsbedürftige alleine, sofern wir nicht die sich wandelnden Herausforderungen, Rahmenbedingungen und Erfordernisse annehmen und es uns gelingt, diesen durch unser Wirken fortlaufend gerecht zu werden.

Notwendigkeit steht hier für das Erfordernis der Überwindung der Kluft zwischen dem erkannten Bedarf und der bisher bestehenden Bedarfsdeckung. Im Zuge unseres Wirkens kommen sowohl Grundüberzeugungen und sozialethische Ansprüche, als auch subjektive und gesellschaftlich getroffene Entscheidungen ins Spiel.

Dass sich gegenüber der neuen Gemeinschaft zwischen Wohlwollen und Ablehnung ein weites Spektrum an Einstellungen auftut, darf uns im Interesse der Hilfsbedürftigen nicht davon abhalten, im Hier und Jetzt aktiv zu werden. Denn auch im Handeln lernen wir dazu und aus der ernsthaften Begegnung mit den Mitmenschen können wir deren reale und legitime Bedürfnisse besser verstehen.

Anstoß für das zielbezogene Engagement ist unser Beweggrund, der Dienst am Menschen. Dahinter steckt das subjektive Empfinden, persönlich gefordert zu sein — ob nun aus religiöser Überzeugung, humanistischer Einstellung, oder aus sonstigen Leitmotiven. Die erkannte Aufgabe verbindet hier, über bestehende Grenzen und Unterschiede hinweg.

[...]

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Grundüberlegungen zur Wohlfahrts- und Sozialarbeit innerhalb des Roten Kreuzes
Untertitel
Eine Handreichung für Führungskräfte im Rahmen der neuen Rotkreuz-Gemeinschaft
Autor
Jahr
2014
Seiten
74
Katalognummer
V284456
ISBN (eBook)
9783656844785
ISBN (Buch)
9783656844792
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
grundüberlegungen, wohlfahrts-, sozialarbeit, roten, kreuzes, eine, handreichung, führungskräfte, rahmen, rotkreuz-gemeinschaft
Arbeit zitieren
Prof. Dr. Alfons Maria Schmidt (Autor), 2014, Grundüberlegungen zur Wohlfahrts- und Sozialarbeit innerhalb des Roten Kreuzes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284456

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