„Was denken die anderen von mir?“
„Kann ich diese Erwartungen erfüllen?“
„Hoffentlich blamiere ich mich nicht!“
„Ich muss mich immer so verhalten, dass mich alle mögen!“
„In dieser feinen Gesellschaft werde ich bestimmt auffallen, falsch gekleidet sein, mich danebenbenehmen…!“
„Lieber sage ich nichts, bevor ich etwas Falsches sage!“
„Wenn ich jetzt diesen Raum betrete, werden mich gleich alle anstarren, und ich werde in den Boden versinken!“
„Ich muss immer das tun, was von mir erwartet wird, damit andere nicht schlecht über mich reden!“ und so weiter… (Görlitz, 1998, S. 355)
Wer kennt sie nicht, die Stimmen im Hinterkopf? Diese oder ähnlich klingende Sätze sind jedem Menschen vertraut und sie können dazu führen, dass Ängste, sich vor peinlich anderen zu verhalten, entwickelt werden. Die Ängste können sich so steigern, dass die betroffene Person an einer psychischen Störung erkrankt. In der klinischen Psychologie wird bei dieser Form der Erkrankung von einer Angststörung gesprochen, die mit einer Lebenszeitprävalenz von 14-16% zu der häufigsten psychischen Störung zählt (Hand, 2005; Volz, 2006). Hierbei unterteilt sich die Störung in verschiedene Erscheinungsformen, wie z.B. Panikstörung, Generalisierte Angststörung oder Spezifische Phobie.
Dem ungeachtet, was bedeutet eigentlich Angst? Der Begriff Angst stammt ursprünglich vom lateinischen Wort „angustia“ ab und heißt übersetzt „enge in der Brust“. Der Zustand, dass sich buchstäblich die Kehle zusammenzieht, die Brust beklemmend wirkt und die Atemluft ausbleibt, gehört normalerweise zu unseren Grundemotionen, wie Zorn, Wut, Freude oder Trauer (Zaudig & Trautmann, 2006). Die „normale“ Angst ist für den Menschen eine selbstverständliche und natürliche Reaktion des Organismus, um auf ein bedrohliches Erlebnis schnell und adäquat zu reagieren. Hierbei wird ein schnelles Handeln des Körpers durch eine gesteigerte Aufmerksamkeit und körperliche Aktivität ermöglicht, wie z.B. eine erhöhte Herztätigkeit und Atmung. Ebenfalls steigt die intellektuelle und motorische Leistungsbereitschaft. Dies führt dazu, dass beispielsweise beim Überqueren des Fußgängerüberweges ermöglicht wird, vor einem nicht bremsenden Auto auszuweichen (Vriends & Margraf, 2005a; Bassler, 2006). [...]
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 Das Krankheitsbild der Sozialen Phobie
1.1 Historische Entwicklung
1.2 Klinisches Erscheinungsbild
1.3 Klassifikation
1.3.1 DSM-IV-TR
1.3.2 ICD-10
1.3.3 Vergleich der Kriterien der Klassifikationssysteme
1.4 Diagnostik
1.4.1 Abgrenzung der Sozialen Phobie von anderen Störungen
1.4.2 Erfassung der individuellen Symptomatik
1.5 Subtypen der Sozialen Phobie
1.5.1 Generalisierter vs. Nicht-generalisierter Subtyp
1.5.2 Leistungssituation vs. Interaktionssituation
1.5.3 Soziale Kompetenz vs. Soziale Kompetenzdefizite
1.5.4 Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung
1.6 Epidemiologie, Verlauf und Prognose
1.6.1 Lebenszeitprävalenz
1.6.2 Störungsbeginn, Verlauf und Prognose
1.6.3 Komorbidität
1.6.4 Kulturunterschiede
1.6.5 Soziodemographische Merkmale
2 Die Kognitiv-behavioralen Erklärungsmodelle
2.1 Bedingungen zur Entstehung der Sozialen Phobie
2.1.1 Begünstigende (prädisponierende) Bedingungen
2.1.1.1 Genetische Faktoren
2.1.1.2 Neurobiologische Faktoren
2.1.1.3 Psychologische Faktoren
2.1.2 Auslösende Bedingungen
2.1.3 Aufrechterhaltende Bedingungen
2.2 Das Modell der kognitiven Vulnerabilität von Beck, Emery und Greenberg (1985)
2.3 Das Kognitive Modell von Clark und Wells (1995)
2.3.1 Erster Teil: Angst während der gefürchteten Situation
2.3.2 Zweiter Teil: Angst vor und nach der gefürchteten Situation
3 Die Kognitive Therapie zur Sozialen Phobie
3.1 Grundlagen der Kognitiven Therapie
3.2 Ablauf der Behandlungssitzungen
3.3 Die therapeutische Beziehung
3.4 Erstgespräch und Eingangsdiagnostik
3.5 Phase 1: Ableitung eines individuellen Störungsmodells
3.6 Phase 2: Vorbereitung auf Verhaltensexperimente
3.7 Phase 3: In-vivo-Verhaltensexperimente
3.8 Phase 4: Kognitive Umstrukturierung
3.9 Phase 5: Therapieabschluss und Rückfallprophylaxe
4 Effektivität der Kognitiven Therapie
4.1 Kognitive Therapie vs. Expositionstherapie
4.2 Einzeltherapie vs. Gruppentherapie
4.3 Kognitive Therapie vs. Pharmakotherapie
4.4 Ambulante vs. Stationäre Behandlung
5 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Diplomarbeit befasst sich mit der Kognitiven Therapie bei Sozialer Phobie nach Stangier, Heidenreich und Peitz. Ziel ist es, einen umfassenden Überblick über dieses Therapieverfahren zu geben und zu untersuchen, ob es effektiv zur Behandlung der Sozialen Phobie eingesetzt werden kann, um betroffene Personen bei der Bewältigung ihrer Ängste im sozialen und beruflichen Leben zu unterstützen.
- Historische Entwicklung und klinisches Erscheinungsbild der Sozialen Phobie
- Kognitiv-behaviorale Erklärungsmodelle zur Entstehung und Aufrechterhaltung
- Die fünf Phasen der Kognitiven Therapie nach Stangier, Heidenreich und Peitz
- Vergleichende Effektivitätsanalysen (z.B. vs. Expositionstherapie oder Pharmakotherapie)
- Setting-Vergleiche: Einzel- vs. Gruppentherapie sowie ambulante vs. stationäre Behandlung
Auszug aus dem Buch
1.2 Klinisches Erscheinungsbild
Das folgende Beispiel aus Wolf (2006) ermöglicht einen ersten Einblick in die Symptomatik einer 35jährigen Sozialphobikerin:
So weit ich mich zurückerinnern kann, war ich immer ein eher unsicheres Mädchen. Schon als Kind war es mir ein Gräuel, im Mittelpunkt zu stehen. Eine der schlimmsten Situationen, an die ich mich erinnern kann, war, als ich beim 60. Geburtstag meines Großvaters - ich war damals 9 Jahre alt - ein Gedicht vor der versammelten Verwandtschaft aufsagen sollte. Ich bekam einfach keinen Ton heraus und außerdem fiel mir der Anfang des Gedichts überhaupt nicht mehr ein. Zu allem Überfluss fing ich dann auch noch an zu weinen. Alle lachten mich aus. Meine Mutter wollte mich trösten und nahm mich in den Arm, was ich dann noch furchtbarer fand. Seit diesem Tag werde ich vor Geburtstagen, und wenn es um Reden-Halten geht, tatsächlich immer krank. Schon bei dem Gedanken an eine Feierlichkeit komme ich kaum noch vom Klo runter. Ich leide dann unter Schlafstörungen und kann mich nicht mehr konzentrieren. In meinem Beruf als Versicherungskauffrau hat mir meine Angst auch ziemliche Nachteile gebracht. In der Teambesprechung bin ich still, unfähig über schwierige Fälle zu sprechen, geschweige denn auch mal was Positives von meiner Arbeit zu erzählen. Bei Beförderungen bin ich deshalb immer leer ausgegangen. Ich bin froh, wenn man mich in Ruhe lässt, aber ein wenig mehr Geld auf meinem Konto würde mir als Single auch gut tun. Die Angst ist auch schuld, dass ich alleine lebe. Den Tanzkurs habe ich natürlich auch nicht mitgemacht, als meine Mitschülerinnen dort waren. Und wenn mir mal jemand von meinen Kollegen ein Kompliment macht, werde ich rot, und dann ist bereits alles gelaufen. So eine Peinlichkeit, - ich versuche den Kontakt mit ihm dann in Zukunft, so gut es geht, zu vermeiden. Was soll der nur von mir denken. Ich habe mich schon damit abgefunden, eben als alte Jungfer zu sterben. (S. 168)
Das Erlebnis, dass die Patienten kein Ton herausgebracht hatte als sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, führte dazu, dass andere Menschen ihr Versagen, durch Lachen, negativ bewertet haben. Das Resultat dieses Misserfolges war, dass sie anfing auch andere Feiern zu fürchten, da sie glaubte, erneut zu versagen. So entstand ein Teufelskreis der Angst.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Symptomatik der Sozialen Phobie und definiert das Forschungsziel der Arbeit: die Untersuchung der Kognitiven Therapie nach Stangier et al. hinsichtlich ihrer Effektivität.
1 Das Krankheitsbild der Sozialen Phobie: Dieses Kapitel ergründet das historische Erscheinungsbild, die Klassifikation, Diagnostik, Subtypen sowie die Epidemiologie und den Verlauf der Sozialen Phobie.
2 Die Kognitiv-behavioralen Erklärungsmodelle: Hier werden die Entstehungsbedingungen (genetisch, neurobiologisch, psychologisch) sowie die kognitiven Erklärungsmodelle nach Beck et al. und Clark & Wells detailliert dargestellt.
3 Die Kognitive Therapie zur Sozialen Phobie: Dieser Teil behandelt die theoretischen Grundlagen, den Ablauf, die therapeutische Beziehung, Diagnostik und die fünf spezifischen Behandlungsphasen des Verfahrens.
4 Effektivität der Kognitiven Therapie: Das vierte Kapitel analysiert die Wirksamkeit des Verfahrens im Vergleich zu Exposition, Gruppentherapie, Pharmakotherapie sowie zwischen ambulanten und stationären Settings.
5 Zusammenfassung und Ausblick: Der abschließende Teil fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und identifiziert weiteren Forschungsbedarf, insbesondere in Bezug auf Subtypen und kulturvergleichende Studien.
Schlüsselwörter
Soziale Phobie, Kognitive Therapie, Sozialangst, Angststörung, Verhaltenstherapie, kognitive Umstrukturierung, Expositionstherapie, Pharmakotherapie, Psychopathologie, psychische Gesundheit, Therapieeffektivität, Einzeltherapie, Gruppentherapie, Angstbewältigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit widmet sich der systematischen Literaturanalyse zur Kognitiven Therapie bei der Sozialen Phobie. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem von Stangier, Heidenreich und Peitz entwickelten manualisierten Therapieverfahren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit beleuchtet das Krankheitsbild der Sozialen Phobie, die theoretischen Entstehungs- und Aufrechterhaltungsmodelle, die praktische Umsetzung der Kognitiven Therapie in fünf Phasen sowie die empirische Wirksamkeit dieser Therapieform.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, was unter der Kognitiven Therapie nach Stangier, Heidenreich und Peitz verstanden wird, und anhand der aktuellen Literatur zu klären, ob wissenschaftliche Studien deren Effektivität bestätigen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine ausführliche Literaturrecherche und -analyse, um den aktuellen Wissenstand zu Modellen und Behandlungseffektivität zusammenzuführen und kritisch zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Störungsbildes (Kapitel 1), die Vorstellung kognitiv-behavioraler Erklärungsmodelle (Kapitel 2), eine detaillierte Ausführung der Behandlung (Kapitel 3) und eine vergleichende Analyse der therapeutischen Effektivität (Kapitel 4).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Soziale Phobie, Kognitive Therapie, Angststörung, Verhaltenstherapie, Wirksamkeitsstudien, kognitive Umstrukturierung und Diagnostik.
Was unterscheidet das Modell von Clark und Wells von dem von Beck?
Während das Modell von Beck et al. ein allgemeineres kognitives Vulnerabilitätsmodell darstellt, das auf viele psychische Störungen angewendet werden kann, fokussiert das Modell von Clark und Wells speziell auf die aufrechterhaltenden Prozesse der Sozialen Phobie wie Selbstfokussierung und Sicherheitsverhalten.
Warum ist die therapeutische Beziehung bei Sozialer Phobie laut der Autorin so sensibel?
Die therapeutische Beziehung ist durch die Angst des Patienten vor negativer Bewertung oder Abwertung stark gefährdet, da der Klient den Therapeuten häufig in einer Expertenrolle sieht und sich selbst unterlegen fühlt, was zu Therapieabbrüchen führen kann.
Welchen Stellenwert räumt die Autorin der Pharmakotherapie ein?
Die Autorin erkennt die Wirksamkeit von Medikamenten an, betont jedoch, dass diese häufig lediglich Symptome verdecken und keine langfristigen Bewältigungsstrategien vermitteln, weshalb sie die Kognitive Therapie als überlegene Behandlungsform zur dauerhaften Veränderung des Patienten erachtet.
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- Janine Jänisch (Author), 2008, Soziale Phobie. Eine Literaturanalyse zur Kognitiven Therapie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284475