Altersbilder türkischstämmiger Migranten in Deutschland


Seminararbeit, 2013
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gesellschaftliche Bedingungen älterer türkischstämmiger Migranten in Deutschland
2.1 Historische Hintergründe
2.2 Demografische Fakten
2.3 Geschlechtsspezifische Unterschiede
2.4 Gesellschaftliche Integration
2.5 Rolle der Familie

3. Altersbilder türkischstämmiger Migranten in Deutschland
3.1 Soziologische Begriffsbestimmung
3.2 Einfluss der gesellschaftlichen Bedingungen
3.3 Dynamische Altersbilder
3.3.1 Wechselbeziehungen von Integration und Altersbildern
3.3.2 Selbstwahrnehmung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Immer stärker bestimmen der vielgefürchtete demografische Wandel und seine potentiellen Folgen einem Schreckgespenst gleich die mediale Berichterstattung und politische Entscheidungen. Durch eine stetig rückläufige Geburtenrate und eine steigende Lebenserwartung[1] ab Mitte der 1960er (Staudacher/Arnold 2005: 586) erfolgten unübersehbare Veränderungen in den demografischen Strukturen der Bundesrepublik (Schmitz-Scherzer 2005: 76; Backes 2002: 62). Gleichfalls hat sich der Prozess des Alterns an sich (ibid.: 63) durch die strukturellen Veränderungen gewandelt. Einer vergleichbaren Situation sahen sich Deutschland und seine Gesellschaft bislang noch nicht ausgesetzt, sodass bei der Bewältigung der Herausforderungen auch nicht auf mögliche Erfahrungen der Vergangenheit zurückgegriffen werden kann. Aus diesem Grund können die Auswirkungen auf die Zukunft der deutschen Gesellschaft nur vermutet (Schmitz-Scherzer 2005: 75) und durch neuartige Theorieentwicklungen seitens der Wissenschaft zu erfasst versucht werden. Insbesondere die wachsende Vielschichtigkeit des „Spektrum[s] der soziologischen Analyse des Verhältnisses von Alter(n) und Gesellschaft“ (Backes 2002: 69) fordern die Soziologie auf empirischer und theoretischer Ebene heraus. Die Vervielfachung und facettenreiche Nuancierung der aktuellen Altersbilder der deutschen Gesellschaft spiegeln die Heterogenität durch Alter, Wohnort, Herkunft oder Lebensstil wider.

In der Bundesrepublik Deutschland gab es im Jahr 2009 15,7 Mio. Personen mit Migrationshintergrund im engeren Sinne (BMI 2011: 47) – dies entspricht jedem fünften Bundesbürger. Der Zuwachs[2] an älteren Personen lag in dieser Gruppe in den letzten Jahren sogar „höher als in der deutschen Bevölkerungsmehrheit“ (Baykara-Krumme/Hoff 2006: 447). In der vorliegenden Arbeit sollen sowohl die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen türkischer EinwanderInnen der Ersten Generation, im Volksmund oftmals als Gastarbeiter bezeichnet, die im Rahmen der wirtschaftlichen Anwerbung ab 1955 (Tucci 2012: 12) zur Unterstützung des deutschen Wirtschaftswachstums (De Groot/Sager 2010: 3), nach Deutschland kamen, betrachtet sowie daraus resultierende Altersbilder untersucht werden. Nach mehr als einem halben Jahrhundert in Deutschland erreichen diese Personen nach und nach das Rentenalter. Die Erfahrung der Jahre zeigt, dass „freilich nicht nur Erfolgsmeldungen, sondern auch ungelöste Integrationsherausforderungen und Akzeptanzprobleme“ (Hunn 2011: 4) die Wahrnehmung dieser Bevölkerungsgruppe beeinflusst. Die Frage, die im Zuge dieser Arbeit beantwortet werden soll, bezieht sich insbesondere auf die potentiellen Altersbilder älterer türkischstämmiger MigrantInnen.

Dieses Vorhaben gliedert die Arbeit in zwei Teile. In einem ersten Schritt werden die gesellschaftlichen Bedingungen älterer türkischstämmiger MigrantInnen erläutert. Hierunter fallen ein knapper historischer Rückblick auf die Gründe und Ziele des Anwerbeabkommens, im Zuge dessen viele Türken ihr Heimatland verließen, sowie die Darlegung der wichtigsten demografischen Fakten. Zudem wird auf wesentliche geschlechtsspezifische Unterschiede eingegangen, die gesellschaftliche Integration älterer türkischer MigrantInnen beleuchtet und die Rolle der Familie zur Sprache gebracht.

Der zweite Teil der Arbeit widmet sich den Altersbildern türkischstämmiger MigrantInnen in Deutschland. Zunächst erfolgt eine soziologische Begriffsbestimmung und der Begriff der Altersbilder wird definiert. Anschließend wird der Einfluss der gesellschaftlichen Bedingungen analysiert. Der folgende Punkt bezieht sich auf die Dynamik der Altersbilder und untersucht die beiden Dimensionen in Form von Wechselbeziehungen zwischen Integration und Altersbildern und die Selbstwahrnehmung der türkischstämmigen MigrantInnen. In einem abschließenden Fazit werden die Ergebnisse der Arbeit zusammenfassend erläutert.

2. Gesellschaftliche Bedingungen älterer türkischstämmiger Migranten in Deutschland

Die im Rahmen dieser Arbeit untersuchte Bevölkerungsgruppe älterer türkischstämmiger MigrantInnen bezeichnet Personen, die in Deutschland leben, jedoch nicht hier geboren sind (Stanjek 2004: 8). Mehr als dreißig Jahre nach dem Erlass des Anwerbestopps „erreichen immer mehr Angehörige der ersten Generation das Rentenalter und beabsichtigen, gemeinsam mit ihren Familien auch ihren Lebensabend in Deutschland zu verbringen“ (Özcan/Seifert: 2, vgl. auch Ellerbrock/Hielen 2003: 2). So beträgt der Anteil aller Personen mit Migrationshintergrund über 65 Jahre in Deutschland 8,6% (BMI 2011: 48), und wird sich bis zum Jahr 2020 zunächst auf 2 Mio. Personen steigern. Für das Jahr 2050 wird mit einem Anteil der MigrantInnen ab 60 Jahren von 36,9% gerechnet (Stanjek 2004: 8) – dies entspricht mehr als einem Drittel der gesamten Altersgruppe. Die Gruppe der älteren MigrantInnen im Allgemeinen wie die der älteren türkischstämmigen MigrantInnen im Besonderen stellt keinesfalls eine homogene Gruppe dar (Baykara-Krumme/Hoff 2006: 452; Özcan/Seifert: 6), sondern fordert insbesondere durch ihre Vielfältig- und –schichtigkeit heraus.[3] Der folgende Abschnitt untersucht die maßgeblichen gesellschaftlichen Bedingungen – die historischen Hintergründe, grundlegende demografische Fakten, geschlechtsspezifische Unterschiede, die gesellschaftliche Integration sowie die Rolle der Familie – älterer türkischstämmiger MigrantInnen in Deutschland, um die Grundlage und Bedingungen für die Erklärung von Altersbildern zu entwickeln.

2.1 Historische Hintergründe

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die deutsche Wirtschaft zunächst am Boden. Um das Land zu stabilisieren, setzten die Alliierten auf eine rasche und nachhaltige Wiederbelebung der Industrie. Durch die wirtschaftlichen Erfolge und einem stetigen Wachstum ab etwa 1950 benötigte der bundesdeutsche Arbeitsmarkt schon bald mehr Arbeitskräfte als der heimische Markt zur Verfügung stellen konnte (Grobecker et al. 2011: 19) und Deutschland warb in der Folge gezielt ArbeitsmigrantInnen an. Es wurde somit „zu einem der beliebtesten Einwanderungsländer Europas“ (BMI 2011: 25). Insgesamt immigrierten ab dem Jahr 1955 mehr als neun Mio. ausländische Personen (Berlin-Institut 2011: 19), zumeist aus wirtschaftlichen Gründen.

Insbesondere ArbeitsmigrantInnen aus der Türkei wurden gezielt und systematisch als vergleichsweise billige Arbeitskräfte angeworben. Zwischen der Bundesrepublik und der Türkei wurde am 30.10.1961 (mit einer rückwirkenden Gültigkeit ab dem 01.09.1961) im Auswärtigen Amt in Bonn eine Anwerbevereinbarung geschlossen (Hunn 2011: 8, 15) welche beiderseitige Interessen und Motive[4] gleichermaßen befriedigte. Die in der Folge einsetzende erste große Welle an Migration ließ den Ausländeranteil spürbar steigen (Baykara-Krumme 2012: 9). Insbesondere der Familiennachzug der türkischen GastarbeiterInnen, welche die größte Gruppe der ArbeitsmigrantInnen darstellten (Stanjek 2004: 9), trug hierzu bei.

Seitens der Vertragspartner, demnach der Bundesregierung und der Regierung der jeweiligen Herkunftsländer der Gastarbeiter, war der Arbeitsaufenthalt in Deutschland im Sinne eines Rotationsprinzips „explizit temporär angelegt“ (Baykara-Krumme/Hoff 2006: 501) und die Rückkehr der Arbeiter nach Beendigung des Vertragsverhältnisses wurde erwartet. 1964 wurde die vertraglich vorgesehene zeitliche Befristung des Arbeitsverhältnisses auf lediglich zwei Jahre, welche beide Vertragspartner zu Beginn noch ausdrücklich befürworteten, auf Wunsch der Arbeitgeberseite gestrichen (Hunn 2011: 8). Doch die antizipierte Rückkehrorientierung der ArbeitsmigrantInnen wurde nicht entsprechend den Erwartungen umgesetzt und entwickelte sich zu einer „Rückkehrillusion“ (Baykara-Krumme/Hoff 2006: 451). Als hierfür mögliche Gründe wurden unter anderem (neu entstandene) familiäre Bindungen durch (1) in Deutschland lebende Kinder und Enkelkinder, (2) das bessere Gesundheits- und soziale Sicherungssystem, (3) eine Entfremdung vom Herkunftskontext sowie (4) die Vertrautheit mit den sozialen Verhältnissen in Deutschland identifiziert (ibid.; Stanjek 2004: 10). Die Entscheidung gegen eine Rückkehr ins Herkunftsland kann in vielen Fällen als keine bewusste oder geplante Entscheidung bezeichnet werden, sondern als eine, die sich „aus Lebensprozess und Lebenszusammenhang ergeben“ hat (ibid.).

Die Bundesregierung bemühte sich, mit mehreren Maßnahmen die durch den Familiennachzug stetig steigenden Zuwanderungsraten zu kontrollieren und Wanderungsströme gezielter zu steuern. So erließ sie 1973 einen Anwerbestopp, 1983 das Rückkehrhilfegesetz und 1993 asylrechtliche Maßnahmen (Grobecker et al. 2011: 18). In Zeiten von Wirtschaftskrisen und anschließender Deindustrialisierung verloren Arbeitskräfte ausländischer Herkunft mit als Erste ihren Arbeitsplatz und waren in großem Maße auf staatliche Unterstützung angewiesen, da sie aufgrund oftmals mangelhafter Sprachkenntnisse, eines niedrigen Bildungsniveaus und vergleichsweise schlechterer Qualifikationen (Tucci 2012: 13) in den seltensten Fällen zeitnah eine Folgebeschäftigung finden konnten. Seit dem Erlass des Anwerbestopps lassen sich keine größeren Einwanderungswellen türkischer Staatsbürger nach Deutschland mehr beobachten. Durch das Erreichen des Rentenalters insbesondere älterer türkischer Migranten aus den Anfangszeiten des Anwerbeabkommens liegt der Fokus dieser Arbeit auf dieser Bevölkerungsgruppe und den mit ihnen verbundenen Altersbildern.

2.2 Demografische Fakten

Den aussagekräftigsten Überblick über die gesellschaftlichen Bedingungen älterer türkischstämmiger MigrantInnen liefern statistische Zahlen. Im Folgenden werden diese unter verschiedenen Stichpunkten präsentiert. An einen allgemeinen Überblick schließt sich eine kurze Bemerkung zur Fertilität, zur Gesundheit sowie zur Segregation an, gefolgt von einer Darstellung der wirtschaftlichen Lage.

Die jeweils „individuellen und kulturellen Werte sowie die Bedürfnisse des Einzelnen“ (Yılmaz-Aslan et al. 2012: 41) sowie stets einzigartige Lebensläufe bedingen ein hohes Maß an Heterogenität, welche für die Gruppe älterer Menschen mit Migrationshintergrund (Baykara-Krumme 2012: 10) festgestellt werden kann. Im Jahr 2009 betrug die Gesamtbevölkerungszahl in Deutschland etwa 82 Mio., wovon mehr als jeder Fünfte (20,7%) 65 Jahre und älter war. Von diesen 17 Mio. Älteren hatten nur 4%[5] eine ausländische Staatsangehörigkeit (Statistisches Bundesamt 2011: 7; Ellerbrock/Hielen 2003: 2; Eurostat 2012: 31, Tab. 1.6). Für das Jahr 2030 wird für die Gruppe der Personen über 65 Jahren auf fast ein Drittel (BMI 2011: 66) der Gesamtbevölkerung gerechnet. Etwa ein Fünftel der 65-jährigen Personen mit Migrationshintergrund stammt aus den ehemaligen Anwerbeländern (Baykara-Krumme 2012: 9). Mehr als jeder fünfte Ausländer mit eigener Migrationserfahrung gibt die Türkei als Herkunftsland an, bei „ausländischen Staatsangehörigen ohne eigene Migrationserfahrung“ liegt dieser Wert sogar bei 39,9%, bei Deutschen mit eigener Migrationserfahrung bei 17,9% (BMI 2011: 48). Diese Zahlen unterstreichen die Relevanz wissenschaftlicher und empirischer Studien sowie die Notwendigkeit eines generellen gesellschaftlichen Interesses an verschiedensten Aspekten der Integration, der Teilhabe und des Einflusses von MigrantInnen, insbesondere mit Blick auf ältere türkischstämmige Migranten.

Bezüglich der Fertilität konnte insbesondere unter MigrantInnen der Ersten, teilweise auch der Zweiten Generation eine höhere Fertilität, verglichen mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft, festgestellt werden, doch im Laufe der Zeit sank die Kinderzahl pro Frau und näherte sich somit stetig dem deutschen Durchschnitt an (BMI 2011: 48), da die MigrantInnen ihre Lebensentwürfe in vielerlei Hinsicht anpassten, die Frauenerwerbstätigkeit stieg und auch finanzielle Gründe gegen mehrere Kinder sprachen.

Durch die vergleichsweise hohen physischen Arbeitsbelastungen, denen insbesondere ArbeitsmigrantInnen im Laufe ihres Erwerbslebens ausgesetzt waren, leiden diese heute vergleichsweise öfter und auch verstärkt unter zahlreichen chronischen (Alters-)Erkrankungen (Yılmaz-Aslan 2012: 38) als deutsche Ältere. Weitere Gründe für den schlechteren Gesundheitszustand sind ein „unterdurchschnittlicher Wohnstandard“ (Baykara-Krumme/Hoff 2006: 452) und aufgrund mangelhafter Aufklärung und sprachlicher Barrieren nicht wahrgenommene, präventive Arzt- und Vorsorgetermine. Da der Anteil älterer türkischstämmiger MigrantInnen in den kommenden Jahren ansteigen wird und deren Gesundheitszustand im Vergleich problematischer ist, kann von einer gleichfalls steigenden Zahl Pflegebedürftiger ausgegangen werden (Schmitz-Scherzer 2005: 77-78), deren Bedürfnisse und Erwartungen sich von denen deutscher Pflegebedürftiger ethnisch-kulturell bedingt unterscheiden. Die Wohnsituation vieler älterer türkischstämmiger MigrantInnen ist wiederum historisch erwachsen: Durch die Anwerbung von ArbeitsmigrantInnen in bestimmten Städten und Stadtteilen erfolgte eine gesellschaftliche Segregation.[6]

Die aussagekräftigsten statistischen Daten zu den gesellschaftlichen Bedingungen älterer türkischstämmiger MigrantInnen existieren zur wirtschaftlichen Lage im Alter. Diese wird unisono als problematisch bezeichnet (Tucci 2012: 17) und verleiht dem Eintritt ins Rentenalter aus Sicht der Betroffenen in erster Linie eine sorgenvolle Komponente (Reinprecht 2011: 40; Romeu Gordo 2012: 18), denn im Vergleich zu deutschen Älteren, aber „auch anderer nationaler und ethnischer Gruppen“ (ibid.: 37) sind sie in Bezug auf Lebensqualität und finanzielle Absicherung „deutlich schlechter gestellt“ (Özcan/Seifert: 7). Bedingt durch die niedrigen Löhne mit entsprechend geringen Einzahlungen in die Rentenkasse und oftmals auch längere Phasen der Arbeitslosigkeit (ibid.: 2) beziehen ältere türkischstämmige MigrantInnen „überwiegend unterdurchschnittliche Renteneinkommen“ (Baykara-Krumme/Hoff 2006: 451). Sie erhalten die niedrigsten Rentenbeiträge[7] und weisen auch das niedrigste Haushaltseinkommen auf (Tucci 2012: 13). Diese wirtschaftlich problematische Lage prägt nicht nur das Selbstbild der Türken, sondern auch den gesellschaftlichen Blick auf diese Bevölkerungsgruppe.

2.3 Geschlechtsspezifische Unterschiede

Insbesondere ältere türkischstämmige MigrantInnen pflegen das kulturell-patriarchalisch geprägte Familienbild ihres Herkunftslandes, gemäß dem der Mann als Familienoberhaupt den Seinen vorsteht und wesentliche Entscheidungen meist ohne Anhörung seiner Frau alleine trifft. Unter der Gruppe der MigrantInnen aus Anwerbeländern lässt sich aus wirtschaftlichen wie sozialen Gründen bis dato ein Männerüberschuss feststellen (Baykara-Krumme 2012: 23). Der durch Akkord- und Schichtarbeit, Monotonie und schlechte Arbeitsbedingungen beeinträchtigte physische wie psychische Gesundheitszustand (Ellerbrock/Hielen 2003: 3) zeigt sich bei den Männern deutlicher als bei den Frauen. Doch aufgrund ihrer prozentual höheren Erwerbstätigkeit verfügen die männlichen Älteren in den meisten Fällen über bessere Kenntnisse der deutschen Sprache (Stanjek 2004: 11), da sie sich diese zur Kommunikation mit Arbeitgebern, Behörden und der Bewältigung des Alltagslebens aneignen mussten. Durch diese qualitative Überlegenheit wurde ihre Stellung als Entscheidungen treffendes Familienoberhaupt manifestiert und führte zu einer höheren Beteiligung der Männer an Aufgaben mit familiärem Charakter (BMFSFJ 2010: 19) wie das Wahrnehmen erziehungsverbundener Termine in der Schule, Einkäufe, Verhandlungen über Geld oder generelle Behördengänge. Zur Wahrung ihrer Überlegenheit untersagten zahlreiche ältere türkischstämmige Migranten ihren Ehefrauen den Umgang mit Nicht-Türken, kontrollierten sie (Ellerbrock/Yilmaz 2003: 12) und hinderten sie so daran, eine für patriarchalische Gesellschaftssysteme unerwünschte Unabhängigkeit und Selbstständigkeit jenseits der Haushaltsführung zu erlangen oder auszubauen. Zugleich wurde durch dieses Handeln eine weitere Segregation gefördert.

[...]


[1] So leben Deutsche u.a. durch die gestiegene und verbesserte medizinische Versorgung und die geringere körperliche Arbeitsbelastung im Schnitt heute „über 30 Jahre länger als noch vor 100 Jahren“ (Statistisches Bundesamt 2011: 4).

[2] Die Zahl älterer Ausländer über 60 Jahre verdreifachte sich annähernd zwischen den Jahren 1991 bis 2003 und stieg auf 759.200 Personen bei einem gleichzeitigen Rückgang der Gesamtzahl des Anteils der ausländischen Bevölkerung (Baykara-Krumme/Hoff 2006: 447).

[3] Insbesondere das jeweilige Zusammenspiel der unterschiedlichen Grade an Integration(swillen), Sprachkenntnissen, Bildung, gesellschaftlichen Engagements oder „kulturellen Potenzial[s]“ prägen die individuellen Altersbilder (Rosenmayr 2005: 88).

[4] Für detaillierte Ausführungen zu den Motiven der BRD, der Türkei, der deutschen Wirtschaft und den ArbeitsmigrantInnen siehe Hunn 2011: 8, 18. Die maßgeblichen Motive waren nicht lediglich wirtschaftlicher, sondern auch sozial-, innen-, außen- und weltpolitischer Natur.

[5] Von den 2009 gezählten 486.039 MigrantInnen über 65 Jahren in Deutschland waren 211.856 weiblich (Zwecker 2009: 5). 2012 ist bereits die Rede von 615.000 AusländerInnen über 65 Jahren in Deutschland (Baykara-Krumme 2012: 9), womit ein Anstieg der der Anzahl dieser Gruppe zugehörigen Personen deutlich wird.

[6] De Groot/Sager (2010: 5) sprechen von Segregation, „wenn der Anteil der Haushaltsvorstände mit demselben Migrationshintergrund in der Nachbarschaft drastisch höher ist, als es bei vollständiger Integration zu erwarten wäre“. Insbesondere die türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland zeigt hier eine eindeutige Tendenz zu Segregation. So ist „ein türkischstämmiger Migrant von 213 Prozent mehr türkischen Haushalten umgeben als eine Durchschnittsperson“.

[7] Im Durchschnitt erhalten MigrantInnen aus der Türkei 633 Euro (Tucci 2012: 13), wobei Frauen brutto 348 Euro und Männer 851 Euro beziehen (ibid.: 14, Tab. 1). Dies stellt den niedrigstmöglichen Vergleichswert dar.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Altersbilder türkischstämmiger Migranten in Deutschland
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
25
Katalognummer
V284612
ISBN (eBook)
9783656842668
ISBN (Buch)
9783656842675
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
altersbilder, migranten, deutschland
Arbeit zitieren
Stephanie Theresa Trapp (Autor), 2013, Altersbilder türkischstämmiger Migranten in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284612

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