„Tarabas“ gehört zu den von der Forschung auffällig wenig beachteten Werken Joseph Roths. Ein Grund hierfür mag sein, dass Roth sich gerade in seinem Spätwerk ganz entschieden zu traditionellen Erzählweisen bekannt hat und die Forschung dazu geneigt hat, Gattungszuordnungen unhinterfragt zu übernehmen. Um Roths Bekenntnis zu Erzähltraditionen soll es in dieser Arbeit gehen, genauer gesagt um Roths Verwendung einer bestimmten Gattung – die der Legende. Hierbei soll zunächst festgestellt werden, was die Legende in ihrer ursprünglichen Form ausmacht, ihre Konstituenten verortet werden um dann anhand dieser zu untersuchen, inwieweit Roth in seiner Erzählung Merkmale und Charakteristika der Gattung verwendet, neu anordnet, ihnen widerspricht und sie unterläuft. Dabei wird aufgezeigt, dass Roths “Tarabas“, der auf den ersten Blick auffallend schlicht scheint, einen ausgesprochen originären und einfallsreichen Umgang mit einer Gattung darstellt, die in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhundert mit Sicherheit nicht mehr als sonderlich zeitgemäß gelten kann.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DIE GATTUNG LEGENDE
2.1 Notwendige Beschränkungen
2.2 Inhalt und Struktur der Legende
2.3 Form und Funktion der Legende
3. „TARABAS"
3.1. Deutlich erkennbare Legendenhaftigkeit
3.2 Die Verwendung der Legendenstruktur
3.3 Tarabas – ein „nachvollziehbarer“ Heiliger
3.4 Das pe rvertierte Wunder
3.5 Die „Funktion“ von Roths „Tarabas“
4. FAZIT
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Verwendung der Gattung „Legende“ im Roman „Tarabas“ von Joseph Roth. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie Roth die Merkmale und Charakteristika dieser traditionellen literarischen Gattung aufgreift, neu anordnet, hinterfragt und für seine moderne Erzählung funktionalisiert, um über das konventionelle Schema hinaus ein respektvolles Miteinander von Juden und Christen zu thematisieren.
- Analyse der konstitutiven Merkmale der Gattung Legende.
- Untersuchung der Legendenstruktur im Roman „Tarabas“.
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Einsatz des „Wunders“.
- Deutung der Funktion von Roths literarischer Gestaltung.
- Beleuchtung der religiösen Vorurteile und deren Überwindung.
Auszug aus dem Buch
3.4 Das pervertierte Wunder
Dass Roths Erzählung nicht einfach eine schlichte Verlegung der klassischen Legende in die Moderne ist, zeigt sich wohl kaum in einem Moment deutlicher als in dem, in dem auch das „Wunder“ zu einem Element des „Tarabas“ wird. Doch Roths „Wunder“ - das Freilegen eines Marienbildes in der Schenke Kristianpollers - im „Tarabas“ ist nicht Zeugnis göttlichen Wirkens in der Welt. Der Leser hat zuvor schon erfahren, dass gerüchteweise „die ersten christlichen Missionare [...] just in diesem Hofe, eine Kapelle errichtet“ hätten und sieht im Marienbild diese Geschichte bestätigt. Ein Wunder wird dies erst in den „aufgerissenen Augen der Zuschauer“, die - vom Alkohol berauscht, von den obszönen Bildern Ramsins erregt - das „selige, süße Angesicht der Mutter Gottes“ nicht erwarten konnten.
Das „Wunder“ ist also nicht übernatürlicher Herkunft und kann auch nicht „die Verehrung eines Heiligen hervorrufen oder verbreiten“, da Roths „Heiliger“ nur sehr entfernt etwas mit dem Zustandekommen des wunderbar anmutenden Ereignisses zu tun hat. Roths „Wunder“ sorgt nicht für Bekehrung oder gottselige Empfindungen, sondern zeigt in Bildern eindrücklicher Grausamkeit, dass in den christlichen Tätern „nach einem fröhlich verbrachten Schweinemarkt und nach ein paar Gläsern Bier und beim Anblick eines lahmen Juden in jedem einzelnen ein alter Heide“ steckt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Der Einstieg beleuchtet die Rezeptionsgeschichte von Joseph Roths Werk und führt in die Absicht ein, die Verwendung der Gattung Legende in „Tarabas“ kritisch zu untersuchen.
2. DIE GATTUNG LEGENDE: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Legende, grenzt ihn von anderen Formen ab und beschreibt deren inhaltliche sowie strukturelle Grundkonstanten.
2.1 Notwendige Beschränkungen: Hier werden die methodischen Grenzziehungen vorgenommen, um den Legendenbegriff für die vorliegende Untersuchung praktikabel einzugrenzen.
2.2 Inhalt und Struktur der Legende: Es wird dargelegt, dass Heiligenviten als frühe Biographik fungieren und zumeist einem triadischen Muster folgen.
2.3 Form und Funktion der Legende: Dieses Kapitel erläutert, dass die Legende primär als lehrhaftes Modell dient, das durch Einfachheit und Vorbildhaftigkeit zur Erbauung beitragen soll.
3. „TARABAS": Das Kapitel bildet die Schnittstelle zur Anwendung der theoretischen Erkenntnisse auf den Roman von Joseph Roth.
3.1. Deutlich erkennbare Legendenhaftigkeit: Der Abschnitt belegt die bewusste Anlehnung Roths an traditionelle Legendenformen und dessen eigenen Bezug zu Flauberts „St. Julien“.
3.2 Die Verwendung der Legendenstruktur: Hier wird analysiert, wie Roth klassische Strukturen wie die „Vorbestimmung“ aufgreift und in einen heidnischen bzw. modernen Kontext transponiert.
3.3 Tarabas – ein „nachvollziehbarer“ Heiliger: Die Analyse zeigt, dass der Protagonist psychologisch motiviert ist und sich von den stereotypen, statischen Heiligenfiguren der Tradition unterscheidet.
3.4 Das pe rvertierte Wunder: Der Text erörtert, wie das „Wunder“ im Roman entmystifiziert wird und stattdessen die Grausamkeit und den Aberglauben der Menschen offenbart.
3.5 Die „Funktion“ von Roths „Tarabas“: Dieses Kapitel diskutiert die überkonfessionelle Religiosität Roths und die zentrale Thematik der Versöhnung zwischen Juden und Christen.
4. FAZIT: Die Zusammenfassung unterstreicht, dass „Tarabas“ keine bloße Modernisierung darstellt, sondern durch die Anerkennung der Gleichwertigkeit das starre Schema der Legende aufbricht.
Schlüsselwörter
Joseph Roth, Tarabas, Legende, Heiligenvita, Gattungstheorie, Religiosität, Moderne, Judentum, Christentum, Vorurteil, Heiligkeit, Literaturanalyse, Narration, Strukturanalyse, Versöhnung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die literarische Auseinandersetzung Joseph Roths mit der Gattung der Legende in seinem Roman „Tarabas“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der formalen Struktur der Legende, der psychologischen Charakterisierung des Protagonisten und der kritischen Funktion religiöser Motive.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Roth traditionelle Legendenmerkmale nutzt und modifiziert, um eine moderne Erzählung über das Miteinander von Juden und Christen zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Gattungsanalyse angewandt, die den Romantext mit gattungstheoretischen Ansätzen und dem historischen Kontext vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der Legende und die detaillierte Analyse der spezifischen Verwendung dieser Gattungselemente im Roman.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Joseph Roth, Legende, Heiligenvita, Entmystifizierung, religiöse Toleranz und Modernität.
Inwiefern unterscheidet sich Tarabas von klassischen Heiligenfiguren?
Im Gegensatz zu den statischen und psychologisch nicht hinterfragten Heiligen der Tradition ist Tarabas eine tiefgründige, individuell motivierte Figur, deren Entwicklung psychologisch nachvollziehbar gestaltet ist.
Welche Rolle spielt das „Wunder“ in der Interpretation des Romans?
Das „Wunder“ dient Roth als Mittel, um die Abgründigkeit und den Aberglauben der Gesellschaft offenzulegen, anstatt göttliches Wirken zu bestätigen.
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- Mario Fesler (Author), 2004, Die Verwendung der Gattung Legende in Joseph Roths 'Tarabas', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28463