Was ist Kultur? Definition und Grundlagen des Kulturbegriffes


Akademische Arbeit, 2006

36 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1. Definitionen von Kultur

2. Kulturelle Programmierung

3. Werte als Kern der Kultur

4. Kultur und Sinn

5. Kultur und Kommunikation

6. Kulturgrenzen

7. Kulturelle Unterscheidbarkeit
7.1. Kulturstandards und ihre Funktion in Kulturassimilatoren
7.2. HOFSTEDEs vier Kulturdimensionen
7.3. Kritik an HOFSTEDEs Untersuchung

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Kultur ist das Ergebnis menschlicher Handlungen und wirkt sich zugleich direkt auf menschliches Handeln aus. So kann eine Situation oder Handlung aufgrund des Einflusses von Kultur von zwei Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen unterschiedlich interpretiert werden.

Um sich dieser unterschiedlichen Interpretation bewusst zu werden, gilt es aber zunächst zu verstehen, worum es sich bei einer „Kultur“ handelt. Deshalb stellt die folgende Arbeit die relevanten theoretischen Grundlagen zum Kulturbegriff vor.

1. Definitionen von Kultur

In der wissenschaftlichen Literatur findet sich keine allgemein akzeptierte Definition von Kultur[1] (BOLTEN 2003a:10; JAHODA 1996:33; MALETZKE 1996:15; STRAUB & THOMAS 2003:34; VASILACHE 2003:28). Vielmehr finden sich weite und enge Definitionen des Kulturbegriffes in großer Anzahl, die je nach wissenschaftlichem Forschungsgebiet verschiedene Schwerpunkte setzen (MALETZKE 1996:15; 18ff). Dies wurde bereits in den fünfziger Jahren von den amerikanischen Forschern KROEBER und KLUCKHOHN dokumentiert, die 1952 eine Sammlung von über 100 verschiedenen Kulturdefinitionen veröffentlichten (LAYES 2000:17). Nachdem sie diese systematisiert und analysiert hatten, schlugen sie folgende umfassende Kulturdefinition vor, die seitdem häufig zitiert wird[2] (DÜLFER 2001:231:

Culture consists of patterns, explicit and implicit, of and for behaviour acquired and transmitted by symbols, constituting the distinctive achievements of human groups, including their embodiments in artefacts; the essential core of culture consists of traditional (i.e. historical derived and selected) ideas and especially their attached values, culture systems may, on the one hand, be considered as products of action, on the other as conditioning elements of further action.

KROEBER & KLUCKHOHN (1952), zitiert nach EHNERT (2004:8)

Diese Definition unterstreicht, dass Kultur einerseits das Ergebnis menschlicher Handlungen ist und sich andererseits direkt auf menschliches Handeln auswirkt. Dieser Teil der Definition von KROEBER und KLUCKHOHN verdeutlicht, dass eine Situation oder Handlung, aufgrund des Einflusses von Kultur auf die Wahrnehmung, das Denken und Bewerten einer Person, von zwei Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen unterschiedlich interpretiert werden kann.

Dies wird auch durch das Konzept der Lebenswelt von SCHÜTZ verdeutlicht, nach dem aus soziologischer Perspektive Kultur auf einer Mikroebene als die Lebenswelt des Individuums definiert wird (SCHÜTZ & LUCKMANN 1975:23ff). Diese Lebenswelt des Alltags ist die „ ... vornehmliche und ausgezeichnete Wirklichkeit des Menschen“ (SCHÜTZ & LUCKMANN 1975:23), die sich, wird sie von einer Gruppe von Menschen geteilt, als kollektives Gedächtnis denken lässt, das routinemäßiges Handeln ermöglicht (BOLTEN 2003a:14).

Bezogen auf die oben angesprochene Möglichkeit der unterschiedlichen Interpretation derselben Handlung von zwei Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund bedeutet dies, dass diese Personen in unterschiedlichen Lebenswelten verortet sind und somit jeweils in der von ihren Gesellschaften geteilten Wirklichkeit leben.

Definitionen des Kulturbegriffes, die aus einer politischen Perspektive formuliert werden und Kulturen mit Nationen gleichsetzen haben im Rahmen dieser Arbeit keine Geltung, da Nationen häufig unterschiedliche Kulturen in ihren Grenzen vereinigen oder Kulturen durch nationale Grenzen geteilt werden. Kulturen können somit nicht mit Nationen gleichgesetzt werden. Gleiches gilt für Sprachräume oder geographische Räume. Die genannten Definitionsperspektiven unterstellen aufgrund von Übergeneralisierungen und Stereotypisierungen[3] Gemeinsamkeiten, die nicht vorhanden sind (BOLTEN 2003a:14). Nachdem diese Definition von Kultur und ihre Widerspiegelung im Konzept der Lebenswelt als Grundlage weiterer Überlegungen festgelegt wurde, soll nun in weiteren Schritten der Zusammenhang zwischen Kultur und Handeln sowie zwischen Kultur und Kommunikation dargestellt werden. Hierzu wird auf die einzelnen Bestandteile der obigen Definition von KROEBER und KLUCKHOHN zurückgegriffen.

2. Kulturelle Programmierung

Jeder Mensch verinnerlicht im Laufe seines Lebens “Kultur“. Diese Kultur, die nach der obigen Definition Muster des Denkens und Verhaltens beinhaltet, wird im Rahmen der Sozialisation[4] jedes Menschen von seinem Umfeld (seiner Familie, Nachbarschaft, Schule, Jugendgruppen usw.) übernommen (HOFSTEDE 2001:2ff; LUSTIG & KOESTER 1999:30) und bestimmt im weiteren Verlauf des Lebens die äußeren Grenzen, innerhalb derer die eigenen Handlungen vollzogen werden. Dieser Vorgang, in dem ein heranwachsendes Individuum nicht nur die Sprache, sondern auch die Denk- und Verhaltensweisen seines sozialen Umfeldes übernimmt, wird von HOFSTEDE, analog zur Programmierung eines Computers, mentale Programmierung genannt (HOFSTEDE 2001:2ff). Jeder Mensch trägt diese mentale Programmierung in sich.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass das menschliche Verhalten durch diese grundsätzlich vorherbestimmt ist:

... er [der Mensch] hat grundsätzlich die Möglichkeit, von ihnen [den mentalen Programmen] abzuweichen und auf eine neue, kreative, destruktive oder unerwartete Weise zu reagieren.

(HOFSTEDE 2001:3)

Dies sei anhand des sog. Drei-Ebenen-Modells von HOFSTEDE verdeutlicht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Drei Ebenen der mentalen Programmierung[5]

Auf der unteren Stufe des Modells befindet sich die menschliche Natur, die allen Menschen gleich ist. Sie soll verstanden werden als genetisch vererbt und beinhaltet menschliche Fähigkeiten wie das Empfinden von Angst, Zorn, Liebe, Freude oder Trauer.

Auf der mittleren Stufe befindet sich die Kultur. Sie wird von jedem Menschen erlernt und legt fest, wie die oben genannte menschliche Natur Ausdruck findet. Kultur wird von Kollektiven geteilt und beinhaltet Ausprägungen wie Sprache, allgemein akzeptierte Ziele, Religion, aber auch die Gestaltung alltäglicher Aktivitäten wie Grüßen, Essen, Hygiene usw. In diesem Sinne ist Kultur die Gesamtheit der Denk- und Verhaltensweisen einer Gesellschaft. Sie ist das von einer sozialen Gruppe verwendete Deutungs- und Handlungsmuster zur Bewältigung von Anpassungsproblemen im Umgang des Menschen mit seiner Umwelt.

Auf der Grundlage dieser allen Menschen einer Gesellschaft ähnlichen Kultur bilden Menschen durch ihre Erfahrungen im Leben eine individuelle Persönlichkeit aus (obere Modellebene). Bei der Verwendung des Kulturbegriffes ist daher darauf zu achten, dass dieser nicht als das Handeln und Denken determinierend verwendet wird. Dieses Verständnis des Kulturbegriffes, das nicht nur in Alltagsdiskussionen immer wieder auftritt, lässt sich anhand des von LEIPRECHT entwickelten sog. Marionettenmodells erläutern:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Marionettenmodell der Kultur[6]

In diesem Modell erscheinen Menschen, die der Kultur xy zugerechnet werden, als Marionetten, die wie an einem Draht an ihrer Kultur hängen und durch diese gesteuert werden. Ihre Handlungen und ihr Denken werden als durch die Kultur vollständig determiniert wahrgenommen. Ihre Lebensäußerungen werden durch den Filter der Kultur xy wahrgenommen und hierauf reduziert (LEIPRECHT 2001:31f). Die menschliche Individualität, die auf der Entwicklung unterschiedlicher Persönlichkeiten basiert, wird nicht berücksichtigt.

Das sog. Marionettenmodell stellt somit die weit verbreitete falsche Sichtweise von Kultur dar, in der Kultur als statische, homogene Größe wahrgenommen wird, die das Verhalten ihrer Angehörigen vollständig determiniert, ohne dass diese wiederum Einfluss auf ihre Kultur ausüben können.

Diese falsche Sichtweise bedient sich einer Reduktion von Kultur und führt dazu, dass Entwicklungen, Konflikte, gegensätzliche Standpunkte sowie letztlich die Individualität jedes Menschen ausgeklammert wird. Ebenso wird verkannt, dass sich Kulturen überlagern und jeder Mensch Mitglied mehrerer (Sub-) Kulturen ist (Vgl. LEIPRECHT 2001:31; VASILACHE 2003:26ff).

3. Werte als Kern der Kultur

Wie im vorangehenden Abschnitt dargestellt, wird Kultur erlernt. Sie ermöglicht es den Menschen, Alltagssituationen routiniert zu meistern (BOLTEN 2003a:14) und macht eine erneute Definition von schon erlebten Situationen überflüssig. So ist es zum Beispiel nach einmaligem Lernen des Essens mit Messer und Gabel oder des Begrüßens per Handschlag nicht mehr nötig, diese Verhaltensweisen in zukünftigen Situationen neu zu erlernen. Kultur ist demnach kollektiv geteiltes Wissen, welches Situationen vorstrukturiert, Komplexität abbaut[7] und den Bezugsrahmen für ,,richtiges“ Denken, Fühlen und Handeln in typischen Situationen bildet (ESSER 2001:1).

Innerhalb der Kultur bestimmen die von der Gesellschaft geteilten Werte, welches Denken, Fühlen und Handeln im Bezugsrahmen der vorherrschenden Kultur richtig ist (LUSTIG & KOESTER 1999:32).

Werte bilden somit den Kern jeder Kultur und definieren in dieser die Bedeutung von böse und gut, schmutzig und sauber, hässlich und schön, unnatürlich und natürlich, anomal und normal, paradox und logisch, irrational und rational (HOFSTEDE 2001:9ff).

Sie werden im Rahmen der Sozialisation vom sozialen Umfeld übernommen. Dieser Prozess ist laut HOFSTEDE innerhalb der ersten zehn Lebensjahre eines Kindes weitgehend abgeschlossen.

Die Werte sind im weiteren Leben stabil und weitgehend unveränderlich[8] (HOFSTEDE 2001:10).

Werte sind den Menschen, die sie in sich tragen, nicht anzusehen und häufig nicht bewusst. Dennoch leiten sie das menschliche Handeln (ebd.). Ausdruck dieser Werte sind Rituale, Verhaltensvorbilder und Symbole.

Rituale sind Tätigkeiten, die von allen Mitgliedern einer Kultur ausgeübt werden. Sie selbst dienen nicht der Erreichung eines Zieles, sondern werden um ihrer selbst willen durchgeführt wie z. B. Grußformen und religiöse Zeremonien. Sie sind der beständigste Ausdruck von Werten in einer Gesellschaft (ebd.).

Helden sind die Verhaltensvorbilder einer Kultur, die die in einer Gesellschaft positiv angesehenen Eigenschaften repräsentieren und somit Werte übermitteln, indem sie zur Nachahmung anregen (ebd.).

Symbole dagegen sind der auffälligste Ausdruck von Werten. Zugleich unterliegen sie einem raschen Wandel. Symbole einer Kultur sind Sprache, Mode, Flaggen, Statussymbole, Getränke usw. (ebd.)

Die Werte einer Gesellschaft, verinnerlicht vom Individuum, finden demnach Ausdruck in Ritualen, Helden und Symbolen. Sie bestimmen, was in einer Gesellschaft als positiv bewertet wird und lassen die Mitglieder der jeweiligen Gesellschaft hiernach streben.

Die Unterscheidung zwischen den unsichtbaren Werten einer Kultur und ihren sichtbaren Ausprägungen wird häufig am sogenannten Eisbergmodell veranschaulicht (BOLTEN 2003a:17):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Eisbergmodell der Kultur[9]

Das Modell verdeutlicht, dass Kultur sowohl eine für jedermann sichtbare Komponente[10] beinhaltet (etwa Sprache, Kleidung, Essen), die oberhalb der „Wasserlinie“ liegt, als auch eine unsichtbare[11], die Wertvorstellungen, die den sichtbaren Ausprägungen der Kultur zugrunde liegen und im Modell verborgen unterhalb der „Wasserlinie“ liegen (BREDENDIECK et al. 2002:44ff).

4. Kultur und Sinn

Im obigen Abschnitt wurden die Werte, die in einer Gesellschaft vorherrschen, als Kern ihrer Kultur dargestellt. Wie aber beeinflussen diese Werte unser Handeln?

Kultur ist vom Individuum erlernt; sie ist kollektiv geteiltes Wissen und als solches lässt sie uns auf Grundlage der ihr zugrundeliegenden Werte Situationen auf eine bestimmte Weise interpretieren und mit Sinn füllen.

Das Individuum erlebt eine Situation, setzt diese mit seinem Wissen in Verbindung und nimmt daraufhin eine Bewertung der Situation vor, die dann die folgende Handlung[12] bestimmt. Die Handlung wird also geleitet vom Wissen, das aus vorherigen Situationen erworben wurde. Gleichzeitig legt dieses Wissen fest, welche Handlung oder welches Verhalten in einer bestimmten Situation sinnvoll ist. Ist das Individuum nicht alleine Träger dieses Wissens, sondern wird es von einem Kollektiv geteilt, so ist dieses Wissen die Kultur des Kollektivs. Hierzu ESSER:

Der physische „Ort“ der Kultur sind nur die Gedächtnisse der individuellen Menschen. Was denn sonst? Aber die darin gespeicherten Modelle sind erst dann „Kultur“, wenn sie von den individuellen Akteuren kollektiv geteilt werden.

ESSER (2001:5), Hervorh. im Orig.

Die Kultur einer Gesellschaft, verstanden als kollektiv geteiltes Wissen, schreibt somit speziellen Handlungen in gegebenen Situationen einen Sinn zu und lässt andere Mitglieder dieser Gesellschaft, die das gleiche Wissen teilen, diesen Sinn erkennen. Dieser Rückgriff auf das Wissen bei der Bewertung von Situationen erklärt, warum Mitglieder einer Kultur in bestimmten Situationen ähnlich handeln. Sie bewerten die Situation ähnlich und schreiben ihr den gleichen Sinn zu. Kultur hat in diesem Sinne auch die Funktion der Sinnkonstitution (ROTH 2002:91).

[...]


[1] BOLTEN (2003a:10) weist darauf hin, dass aus diesem Grund der Duden, nachdem Jahr für Jahr weitere mögliche Definitionen des Kulturbegriffes hinzugefügt wurden, inzwischen auf jedwede Definition des Kulturbegriffes verzichtet.

[2] Eine weitere häufig zitierte Kulturdefinition ist die Definition von TYLOR (1871:358): ,,Kultur - im weiten ethnographischen Sinne des Wortes [...] ist jenes komplexe Ganze, das Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Recht, Sitte, Brauch und alle anderen Fähigkeiten und Gewohnheiten umfasst, die der Mensch als Mitglied einer Gesellschaft erworben hat“ zitiert nach DÜLFER (2001: 231).

[3] Als Stereotypisierungen werden im Rahmen dieser Arbeit diejenigen Wahrnehmungsmuster definiert, die Unbekanntes durch einen bestimmten kulturellen Blickwinkel mit einem bestimmten Sinn versehen, der auf Ähnlichkeiten mit bereits Bekanntem basiert. So wird ein Zebra z. B. von einem Kind, das dieses Tier nicht kennt, als Pferd bezeichnet werden, da dies die naheliegende ähnliche Bestimmung darstellt. Vgl. BOLTEN (2003a:28).

[4] Dieser Begriff soll im Rahmen dieser Arbeit im Sinne der Definition von ROSENSTIEL gelten, nach der Sozialisation „ ... in einem weiten Sinn als Anpassung des Individuums an gesellschaftliche Normen durch einen Lernprozess bezeichnet werden [kann]. Fasst man den Begriff enger, so stellt sie sich als Prozess dar, in dem eine Person das Wertsystem, die Normen und die geforderten Verhaltensmuster von Gesellschaften, Organisationen oder Gruppen erlernt, deren Mitglied sie ist oder zu werden wünscht“ ROSENSTIEL (1987:123). Die neuere wissenschaftliche Literatur charakterisiert den Sozialisanden nicht nur als Sozialisationsempfänger, sondern als aktives, flexibles Wesen, das mit seiner Umwelt interagiert. Vgl. GOETHE (1996:83ff) Im Rahmen dieser Arbeit wird zwischen früher Sozialisation im Kindesalter und später Sozialisation im Erwachsenenalter unterschieden.

[5] Übernommen von HOFSTEDE (2001:5).

[6] Übernommen von LEIPRECHT (2001:31).

[7] Diese Komplexitätsreduktion stellt sich zwangsläufig ein, da kulturelles Wissen als Selektions- bzw. Interpretationsfilter wirkt, der aus den Möglichkeiten der Interpretation von Tatbeständen diejenigen selektiert, die im Einklang mit dem jeweiligen kulturellen Interpretationsschema stehen. Vgl. GOETHE (1996:128).

[8] Vgl. hierzu auch HILLMANN (2004:145), der der Auffassung ist, dass Menschen auch in einer veränderten Umwelt an den in ihrer Kindheit festgelegten Wertvorstellungen festhalten. Ein Wertewandel stellt für HILLMANN daher ein Generationsphänomen dar. HILLMANN bezieht sich vornehmlich auf die von INGLEHART durchgeführte empirische Weltwertestudie, in der mit Hilfe der Indikatoren Materialismus/Postmaterialismus nachgewiesen wird, dass Menschen, die in armen Ländern aufgewachsen sind und folglich überwiegend materialistischen Wertvorstellungen folgen, diese beibehalten, auch wenn sich im weiteren Verlauf ihres Lebens ihre materielle Lebenssituation wesentlich verbessert. Andere Autoren, wie auch HOFSTEDE selbst an anderer Stelle, betrachten individuelle Werte als durchaus veränderbar, sofern sich das Individuum längere Zeit in einem anderen kulturellen Umfeld aufhält. Vgl. ESSER (2001:25f); HOFSTEDE (2001:286) und ROTH (2002:343). Diesen zwei unterschiedlichen Einschätzungen der Stabilität von Werten in einer Kultur liegen zwei unterschiedliche Kulturkonzepte zugrunde. Während das klassische anthropologische Kulturkonzept, das z. B. HOFSTEDEs Untersuchung zugrunde liegt, Kultur eine relativ konstante Struktur von Werten und Normen zuschreibt, basiert das konstruktivistische Kulturkonzept auf der Annahme, dass Kultur auf kollektiv geteilten Interpretationsschemata basiert, die sich in Kommunikationsprozessen ständig reproduzieren und kontinuierlich verändern. Dieses Kulturkonzept unterstreicht somit die Relationen der Kulturinhaber untereinander sowie ihre Abgrenzung gegenüber anderen (Sub-) Kulturen. Kultur in diesem Sinne ist der permanent fortlaufende Versuch von Gruppen von Individuen die Gruppe sowie ihre Situation zu definieren. Vgl. hierzu GERTSEN & SÖDERBERG & TORP (1998:21ff). Vgl. zum Wertewandel BEERMANN & STENGEL (2003:24ff).

[9] Übernommen von BREDENDIECK et al (2002:45).

[10] Dieser Bereich wird in der wissenschaftlichen Literatur auch als Perceptas bezeichnet. Vgl. HOLZMÜLLER (1995:30). In der englischsprachigen Literatur wird dieser Bereich als objective culture bezeichnet. Vgl. CUSHNER & BRISLIN (1996:6).

[11] Dieser Bereich wird in der wissenschaftlichen Literatur auch als Konzeptas bezeichnet. Vgl. HOLZMÜLLER (1995:30). In der englischsprachigen Literatur wird dieser Bereich als subjective culture bezeichnet. Vgl. CUSHNER & BRISLIN (1996:6).

[12] THOMAS verweist in Anlehnung an STRAUB (1999) auf die Unterscheidung zwischen zielorientierten, regelgeleiteten und narrativen Handlungen, wobei zielorientierte Handlungen diejenigen Handlungen meint, die eine Person vollzieht, um einen bestimmten Zielzustand herbeizuführen. Regelgeleitete Handlungen werden dagegen durch eine Gruppe oder Gesellschaft, der eine Person angehört, normativ festgelegt. Narrative Handlungen sind solche Handlungen, die voraussetzen, ,, ... dass eine Geschichte erzählt wird, die die Handlung in einen übergeordneten Sinnzusammenhang einbettet“ THOMAS (2003c:440). Dies gilt zwar auch für zielorientierte Handlungen, jedoch sind hier die übergeordneten Sinnzusammenhänge allen Beteiligten aufgrund einer geteilten Kultur bekannt. Vgl. THOMAS (2003c:440f).

In der interkulturellen Kontaktsituation ist der Anteil der narrativen Handlungen aufgrund nicht geteilter Orientierungssysteme sehr hoch (ebd).

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Was ist Kultur? Definition und Grundlagen des Kulturbegriffes
Hochschule
Universität Hamburg  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaften)
Note
1,8
Autor
Jahr
2006
Seiten
36
Katalognummer
V284682
ISBN (eBook)
9783656842491
ISBN (Buch)
9783656864349
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kultur, definition, grundlagen, kulturbegriffes
Arbeit zitieren
Magister Artium Johannes Germ (Autor), 2006, Was ist Kultur? Definition und Grundlagen des Kulturbegriffes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284682

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