Freiheit oder staatliche Kontrolle? Die Gestaltung des Freiheitsaspektes in "Corpus Delicti. Ein Prozess" von Juli Zeh


Hausarbeit, 2011
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. „CORPUS DELICTI. EIN PROZESS“ - DIE FREIHEIT DES INDIVIDUUMS FÜR EIN BESSERES LEBEN?

3. DIE LITERARISCHE GATTUNG DER DYSTOPIE

4. FAZIT

5. QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS
PRIMÄRQUELLEN
SEKUNDÄRQUELLEN
BUCHQUELLEN
INTERNETQUELLEN

1. Einleitung

„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ - Jean Jaques Rousseau In unserer heutigen Gesellschaft streben wir nach Freiheit und Individualität. Jeder Einzelne hat die Chance, sein Leben selbstbestimmt zu gestalten und sich in der Gesellschaft zu positionieren. Der Staat hat dabei die Funktion, die Würde der Menschen zu wahren und für ihre Grund- und Menschenrechte einzustehen. Im Artikel zwei des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland heißt es:

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsm äß ige Ordnung oder das Sittengesetz verst öß t.

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.1

Aus diesem Artikel wird ersichtlich, dass der Staat die Freiheit und Persönlichkeit jedes Individuums zu akzeptieren hat und nur im Rahmen staatlicher Gesetzmäßigkeiten auf seine Bürgerinnen und Bürger einwirken darf. Die Freiheit jedes Menschen hat oberste Priorität.

Vor dem Hintergrund des dargestellten Freiheitsverständnisses unserer Gesellschaft, möchte ich nun das Werk Corpus Delicti. Ein Prozess von Juli Zeh untersuchen. Kann ein Individuum in einem Staatssystem, wie es in dieser Dystopie dargestellt wird, überhaupt frei sein? Und inwieweit ist es gerechtfertigt, dass der Staat in das Leben der Menschen eingreift, um die bestmöglichen Lebensbedingungen für alle Individuen zu schaffen?

Um diese Fragestellungen beantworten zu können, werde ich zuerst herausarbeiten, welche verschiedenen Vorstellungen von Freiheit in dem System des Werkes existieren. Schwerpunktmäßig werde ich mich dazu auf die Hauptprotagonistin Mia Holl beziehen und anhand ihrer Entwicklung im Handlungsgeschehen analysieren, welche Freiheitsbegriffe in dieser Dystopie bestehen, wie sie ausgelebt und bewertet werden. Aufzeigen werde ich in diesem Kontext aber auch, in welcher Form staatliche Repressionen zu einer Unfreiheit der Individuen beitragen. Anschließend möchte ich charakterisieren, was eine Dystopie überhaupt auszeichnet und wie diese mit dem Begriff der Utopie verknüpft ist, um einen Zusammenhang zwischen der inhaltlichen Gestaltung des Buches und der Gattung nachweisen zu können. In einem letzten Schritt werde ich dann ein Fazit ziehen und bezüglich meiner Ausgangsfragestellung klären, wie der Freiheitsaspekt des Buches vor dem Hintergrund unseres heutigen Freiheitsverständnisses zu bewerten ist.

Doch nun zuerst: wie wird mit Freiheit und Kontrolle konkret im Buch umgegangen?

2. „Corpus Delicti. Ein Prozess“ - die Freiheit des Individuums für ein besseres Leben?

Noch bevor dem Leser des Werkes genau klar ist, was sich in Corpus Delicti. Ein Prozess ereignen wird, bildet zu Beginn eine Anklageschrift den Ausgangspunkt des Geschehens. Die Anklage richtet sich gegen die Hauptprotagonistin des Werkes, Mia Holl. Im gleichen Zug wird auch das Staatssystem als sogenannte METHODE vorgestellt. (vgl. S. 9f.)

Mia Holl ist angeklagt wegen „methodenfeindlicher Umtriebe“(S. 9). Was man darunter genau versteht, wird erst deutlich, als das Urteil gefällt wird. Dort heißt es:

Die Angeklagte ist schuldig der methodenfeindlichen Umtriebe in Tateinheit mit der Vorbereitung eines terroristischen Krieges, sachlich zusammentreffend mit einer Gefährdung des Staatsfriedens, Umgang mit toxischen Substanzen und vorsätzlicher Verweigerung obligatorischer Untersuchungen zu Lasten des allgemeinen Wohls (S.10).

Diese Anklage steht dem deutschen Staatssystem unserer Zeit gegensätzlich gegenüber, da in der Gesetzgebung weder Untersuchungen verpflichtend gemacht werden können, noch, als Urteil, „Einfrieren auf unbestimmte Zeit“ (S.10) ein mögliches Urteil darstellen könnte. Im Anschluss an die Urteilssprechung wird deutlich, dass das Geschehen des Buches selbst, die Vorbereitung zur Anklage Mia Holls bildet („Aus den folgenden Gründen...“ (S.10)).

Auf Seite 12 des Werkes wird dem Leser deutlich, dass es sich bei der Handlung um ein Zukunftsgeschehen handelt: „[...] Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts - dort beginnt unsere Geschichte“ (S.12). Im Amtsgericht des Staates (vgl. S. 12ff.) wird durch die zuständigen Staatsvertreter der Fall „Mia Holl“ behandelt (vgl. S. 17 ff.). Im Gespräch zwischen dem Staatsanwalt Bell und der zuständigen Richterin wird ihr Fall genauer analysiert:

» Was liegt vor? « fragt Sophie

» Vernachlässigung der Meldepflichten « , sagt Bell.

» Schlafbericht und Ernährungsbericht wurden im laufenden Monat nicht eingereicht. Plötzlicher Einbruch im sportlichen Leistungsprofil. Häusliche Blutdruckmessung und Urintest nicht durchgeführt. « (S. 18.)

An dieser Stelle wird deutlich, was der Staat von seinen Bürgerinnen und Bürgern fordert. Sie haben sich einer genau vorgeschriebenen Lebensweise anzupassen und müssen Berichte über den Stand ihres körperlichen Befindens einreichen. Auch die Tatsache, dass es eine „Zentrale Partnerschaftsvermittlung“ (S. 19) gibt, stellt eine starke Kontrolle des gesellschaftlichen und sozialen Lebens darf. Doch Mia Holl, hält sich offenbar nicht an die Vorschriften und Gesetzmäßigkeiten des Staates.

Ihr wird deshalb durch Richterin Sophie, ein Klärungsgespräch angeboten und sie soll Hilfestellungen bezüglich ihrer Lebensführung erhalten (vgl. S. 19).

Doch nicht nur die Gesetzmäßigkeiten selbst wirken befremdlich. Auf Seite 22 des Buches wird auch von einer „basisdemokratischen Mitwirkung am öffentlichen Leben“ gesprochen, die in unserer Gesellschaft undenkbar wäre:

In Wohnkomplexen, deren Hausgemeinschaft sich durch besondere Zuverlässigkeit auszeichnet, können Aufgaben der hygienischen Prophylaxe von den Bewohnern in Eigenregieübernommen werden. [...] Ein Haus, indem diese Form der Selbstverwaltung funktioniert, wird mit einer Plakette ausgezeichnet und erhält Rabatte auf Strom und Wasser. (S.22)

Sowohl die Gesetzmäßigkeiten zur Lebensführung, als auch die Hygienevorschriften mit der Aussicht auf Vorteile in der Gemeinschaft zeigen, dass im Staatswesen der METHODE, in besonderes Weise, Wert auf Gesundheit und Organisation gelegt wird.

Nach dem Mia Besuch von einem gewissen Herrn Kramer erhält, wird deutlich, dass sie diesen für den Tod ihres Bruders Moritz verantwortlich macht. Mias Ansicht nach wurde durch seine Berichterstattung erst eine Verurteilung erwirkt, die Moritz dazu brachte sich selbst das Leben zu nehmen. (vgl. S. 29ff.)

Doch warum Moritz sich das Leben nahm wird erst anschließend klar. Er wurde verurteilt, weil ein DNA-Test beweisen konnte, dass er ein Mädchen namens Sybille vergewaltigt und umgebracht hatte. Ungewöhnlich war jedoch, dass er kein Geständnis ablegte, sondern stattdessen seine Unschuld beteuerte. Moritz prägte dabei den Satz: „» Ihr opfert mich auf dem Altar eurer Verblendung.«“ (S.34). Doch Moritz Verhalten schien im Staat der METHODE für Aufsehen gesorgt zu haben, denn auf Seite 34 heißt es:

Kein Mörder der jüngeren Rechtsgeschichte hatte sich jemals so verhalten. Die Bürger eines gut funktionierenden Staates sind daran gewöhnt, dassöffentliches und persönliches Wohl zur Deckung gebracht werden, auch und gerade in den finstersten Winkeln menschlicher Existenz. (S. 34)

Es scheint im System der METHODE undenkbar, dass deren Ermittlungsverfahren und Rechtsprechung fehlerhaft sein könnten.

Mia selbst, stand während des Prozesses gegen ihren Bruder verstärkt unter staatlicher Kontrolle, denn ihre Verwandtschaft zu Moritz versuchte die METHODE strikt geheim zu halten. (vgl. S. 34f.)

Genauer beschrieben wird an dieser Stelle auch Herr Kramer, der stark zur Berichterstattung gegen Mias Bruder beitrug und als ein überzeugter Anhänger der METHODE charakterisiert wird (vgl. S. 34f.).

Kramer hat eine systemtreue Einstellung, die er auch Mia gegenüber zum Ausdruck bringt:

Unsere Gesellschaft ist am Ziel.[...]Wir haben eine METHODE entwickelt, die darauf abzielt, jedem Einzelnen ein möglichst langes, störenfreies, das heiß t, gesundes und glückliches Leben zu garantieren. Frei von Schmerz und Leid. [...] Unser System ist perfekt, auf wundersame Weise lebensfähig und stark wie ein Körper - allerdings ebenso anfällig. Ein simpler Verstoß gegen eine der Grundregeln kann diesen Organismus schwer verletzen oder sogar töten.(S. 36f.)

Doch im Gegensatz zu Kramer beginnt Mia am Staatssystem der METHODE zu zweifeln. Durch den Tod ihres Bruders scheint sie zerrissen zu sein. Sie ist unsicher, denn für sie stellt sich nur die Wahl zwischen dem Verrat eines Systems und dem Verrat ihres Bruders, an dessen Unschuld sie glaubt.(vgl. S. 39)

Selbst in ihrer eigenen Wohnung fühlt sie sich nicht mehr wohl, denn alles scheint ihr fremd geworden zu sein. Selbst ihr Leben nimmt sie zu diesem Zeitpunkt mehr als eine bloße, vorgeschriebene Abfolge von verschiedenen Handlungen ohne jegliche Bedeutung wahr.(vgl. S. 47)

Als Mia zum Gespräch mit der Richterin Sophie eingeladen wird zeigt sich, dass sie beginnt sich vom System abzusondern. Ihren Schmerz und ihre Probleme durch den Tod ihres Bruders betrachtet sie als Privatangelegenheit (vgl. S. 54).

Doch die METHODE duldet kein Privatleben. Jeder Einzelne wird als Teil der Gemeinschaft gesehen, dessen persönliche Empfindungen sich dem Allgemeinwohl unterzuordnen haben. Unterstützt wird dies durch Richterin Sophie, die sich folgendermaßen an Mia richtet: „Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem persönlichen und dem allgemeinen Wohl, die in solchen Fällen keinen Raum für Privatangelegenheiten lässt.“ (S. 58). Doch Mia betont im Verlauf dieses Gespräches auch noch einmal, dass sie sich nicht gegen die METHODE wenden will, denn als Naturwissenschaftlerin erachte sie nur ein System als vertretbar das für das Wohlbefinden der Menschen eintritt und Schmerz vermeidet (vgl. S. 59). Mia scheint an dieser Stelle, trotz ihrer Verfehlungen in der vorgeschriebenen Lebensweise, immer noch auf die METHODE zu vertrauen und deren Auffassung von Leben und Gesellschaft zu akzeptieren.

[...]


1 http://www.bundestag.de/dokumente/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01.html

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Freiheit oder staatliche Kontrolle? Die Gestaltung des Freiheitsaspektes in "Corpus Delicti. Ein Prozess" von Juli Zeh
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V284705
ISBN (eBook)
9783656849650
ISBN (Buch)
9783656849667
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freiheit, Staat, Kontrolle, Juli Zeh, Corpus Delicti, Prozess
Arbeit zitieren
Master of Education Julia Walter (Autor), 2011, Freiheit oder staatliche Kontrolle? Die Gestaltung des Freiheitsaspektes in "Corpus Delicti. Ein Prozess" von Juli Zeh, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284705

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