Wertfreiheit als Methodenfrage. Kritik an Max Webers Thesen


Hausarbeit, 1984
14 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wert(urteils)freiheit als Methodenfrage
2.1. Max Webers Thesen
2.2. Kritik der Thesen
2.2.1. Stegmüller
2.2.2. Habermas
2.2.3. Hofmann
2.3. Kambartels Vorschlag einer normativen Ökonomie
2.3.1. Probleme der empirisch-analytischen Ökonomie
2.3.2. Argumente für eine normative Ökonomie

3. Schlussbemerkung

Literaturanhang:

1. Einleitung

Die an die Adresse der Methodologen gerichtete Aufforderung R.P. Harrod's "Stop talking and get on with the Job!"[1] scheint symptomatisch für die Auffassung vieler Ökonomen zu Methodenfragen zu sein; gilt doch die Äußerung Harrods nur als Beleg eines kaum verborgenen Skeptizismus gegenüber jeder Art von inner- wie außerwissenschaftlicher Methodenkritik. Dennoch gibt es (und gab es) häufige und teils lautstark ausgetragene Diskussionen zu Grundsatzfragen.[2] Deren Bedeutung für die Wissenschaftspraxis wird jedoch vielfach negativ eingeschätzt.[3] wie bedeutend Wissenschaftstheoretische Überlegungen mitunter für die Praxis sein können ver­deutlicht der methodologische Beitrag H.H. Hoppes zur logischen Unhaltbarkeit der kausal-wissenschaftlichen Sozialforschung.[4] Auch die im Folgenden diskutierte Argumentation Max Webers zur Werturteilsfreiheit[5] und ihre Problematik hatte einschneidende Folgen für die Praxis. Ihre (weitestgehende) Durchsetzung in den Sozialwissenschaften ist eine der tragenden Säulen der Anerkennung des kritischen Rationalismus.[6]

Ziel dieser Arbeit ist es, anhand von Max Webers Thesen zur Werturteilsfrage, zunächst deren Intentionen aufzuzeigen, um anschließend Ansätze der Kritik und Überwindungsversuche in kritischer Absicht aufzuzeigen.

2. Wert(urteils)freiheit als Methodenfrage

Zugunsten einer besseren Übersicht verzichte ich hier zunächst auf wörtliche Zitate Max Webers, mit deren Hilfe sich die aufzustellenden Thesen vielleicht noch genauer absichern Hessen. Stattdessen werde ich in Anlehnung an die Vorgehensweise W. Stegmüllers zunächst die Hauptpunkte aus Webers Argumentation in möglichst prägnanter Form zusammenfassen.[7]

2.1. Max Webers Thesen

(1) Die Bereiche des Seins (der Realität) und des Sollens (der Fiktion) sind strikt voneinander getrennt. Dementsprechend gibt es zwischen ihnen (Tatsachen und Erklärungen auf der einen Seite und Wertungen auf der anderen Seite) auch keinen Übergang. Beschreibungen und Wertungen bilden voneinander grundverschiedene (vom logischen Stellenwert her gesehen) Kategorien von Aussagen.[8]
(2) Die Wissenschaft (die sich Weber als zweckrationale Tätigkeit vorstellt) kann den Menschen nur lehren was war und was ist; und ebenfalls warum es so war und warum es so ist. Nicht hingegen kann sie ihn lehren was sein soll.[9]
(3) Moralische Werte bilden ein Teilgebiet der Werte überhaupt; zu ihnen gehören auch 'Kulturwerte', auch nichtmoralischer Art, wie z.B. ästhetische Werte. Insbesondere für das Verhältnis von moralischer Sphäre und Tatsachensphäre gilt die, schon unter (1) angeführte, Geschiedenheit.[10]
(4) Wegen These (1) existiert keine Möglichkeit, Werturteile aus Tatsachenfeststellungen abzuleiten, und wegen(2) auch keine Möglichkeit, sie aus wissenschaftlichen Aussagen herzuleiten.[11]
(5) Ethische Gebote sind deshalb unbeweisbar, da sie unlösbar an Religionen und Weltanschauungen gebunden sind. Wir können zudem den Sinn des Weltgeschehens nicht aus seiner Untersuchung herauslesen, somit können Weltanschauungen nie­mals (wissenschaftliches) Produkt fortschreitenden Erfahrungswissens sein.[12] [13]
(6) Wo Wissenschaft sich explizit auf (unterschiedliche) Wertpositionen stützt, handelt es sich nicht um alternative Wertentscheidungen, sondern um einen Kampf um Sieg oder Untergang.[14]
(7) Wertkollisionen begleiten den menschlichen Alltag, allerdings oft unterschwellig und unbemerkt. Dennoch führen diese dazu, dass der Mensch ständig zwischen Alternativen wählen, also entscheiden muss.[15] [16]
(8) Auch die Annahme des Postulats der Wertfreiheit, wonach praktische Wertungen in wissenschaftlichen Aussagen untersagt sind, ist eine Sache der Entscheidung. Dafür bilden die Thesen (1) bis (4) eine rationale Basis.[17] [18]
(9) Bestimmte Werte haben für die Wissenschaft den Charakter eines Apriori, z.B. die 'Normen korrekten Denkens' oder bestimmte (ökonomische) Beschränkungen auf Untersuchungsgegenstände. Doch weder die implizite Wertung bei der Wahl eines bestimmten Untersuchungsgegenstandes, noch die an Wertbeziehungen orientierte Begriffsbildung führt zu einer Beeinträchtigung wissenschaftlicher Wertfreiheit und Objektivität.[19]
(10) Nur durch eigene, pseudo-wissenschaftliche Wertungen wird wissenschaftliche Objektivität beeinträchtigt, nicht hingegen davon, dass die Wissenschaften vom Menschen und vom menschlichen Handeln Wertungen zum Gegenstand ihrer Untersuchungen machen. Derartige Peststellungen vorhandener Wertungen sind, aufgrund ihres empirischen Charakters, mittels geeigneter Methoden überprüfbar.[20]
(11) Trotz der strikten Trennung von Sein und Sollen, sind rationale Wertdiskussionen ohne Verletzung der Objektivität wissenschaftlicher Aussagen möglich. Für die wissen­schaftliche Arbeit können sie dann von großem Nutzen sein, wenn sie auf vier Dinge beschränkt bleiben:

(a) die Herausarbeitung der letzten Werte, von denen die Diskutanten ausgehen;
(b) die Ableitung der Konsequenzen einer wertenden Position, für den Fall ihrer praktischen Aufnahme;
(c) die Erforschung des Zusammenhangs zwischen Wertentscheidungen, Zweck, Mittel und Nebeneffekte betreffend;
(d) die Ermittlung sinnhaft oder praktisch kollidierender Wertaxiome.[21]
(12) Reine Theorie, als ein Apriori, im Sinne von These (9), ist als ein methodisches Hilfsmittel zulässig. Insbesondere in der Nationalökonomie hat sie sich als ein „für die empirische Erforschung des Seienden brauchbarer Idealtypus bewährt“[22] [23] [24]

Abschließend zu den Thesen zur Werturteilsfreiheit, seien noch Definitionen von Wert,(A) und Urteil,(B) angeführt, die Weber in Zusammenhang mit seiner Wissenschaftslehre gibt.

(A): "im Gegensatz zum bloßen 'Gefühlsinhalt' bezeichnen wir als 'Wert'das, was fähig ist, Inhalt einer Stellungnehme: eines artikuliert-bewussten positiven und negativen 'Urteils’ zu werden, etwas, was 'Geltung heischend’ an uns herantritt, und dessen `Geltung' als 'Wert' 'für' uns demgemäß nun 'von' uns anerkannt, abgelehnt oder in den mannigfachsten Verschlingungen 'wertend beurteilt' wird."[25]

(B): Urteil, d.h. das, was sich "...in 'begrifflich' geformte 'Erfahrung', durchaus im gewöhnlichen Sinne dieses Wortes, umsetzen und so kontrollieren lässt."[26]

2.2. Kritik der Thesen

Auch die Entscheidung für die Wertfreiheit ist eine Wertentscheidung. Ein Grundproblem an Webers Argumentation ist mithin, dass er zur Letztbegründung seines Wertfreiheitspostulats selbst eine Wertbegründung vornehmen muss. Dies wurde auch von den Befürwortern einer Wertfreiheit im Sinne Max Webers erkannt und über die Unterscheidung zwischen Meta- und Objektbereich zu lösen versucht.[27] Dass dies aber nicht das einzige Problem an Webers Argu­mentation ist, beweisen seine Kritiker.

[...]


[1] So zitiert bei Schneider, H.K.: Methoden und Methodenfragen der Volkswirtschaftstheorie, in: W. Ehrlicher u.a.: Kompendium der Volkswirtschaftslehre Bd.I, Göttingen 1972, S.1

[2] Gemeint sind die 'Kontroverse um Marx', der sogenannte „ältere Methodenstreit“ sowie der 'Streit um Keynes'.

[3] Vgl. Jochimsen, R./Knobel, H.: Einleitung, in: dieselben (Hrsg.) Gegenstand und Methoden der Nationalökonomie, Köln 1971, S.11

[4] Hoppe, H, H.: Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung, Opladen 1983

[5] In: Weber, M.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, herausgegeben von J. Winkelmann, Tübingen 1968, S. 146 - 214, 489 - 540 und 582 - 613.

[6] Vgl. Matthiesen, Chr.: Sozialtechnologie, in: Bausteine für eine soziale Zukunft, Freiburg i.Br. 6/1983, S.7 – 11.

[7] Vgl. Stegmüller, W.: Rationale Rekonstruktion von Wissenschaft und ihrem Wandel, Stuttgart 1979, S.177 - 181

[8] Vgl. Weber, M.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hrsg. von J. Winkelmann, Tübingen 1968, S.61,90, 223, 225, 501

[9] Vgl. Weber, a.a.O., 1968, S.151,176,490,501

[10] Vgl. Weber, a.a.O., 1968, S.523

[11] Vgl. Weber, a.a.O., 1968, S.502

[12] Vgl. Weber, a.a.O., 1968, S. 154

[13] Weber lehnt hier also jeden Geschichtsdogmatismus, wie z.B. im historischen Materialismus oder im christlichen Offenbarungsglauben vorfindbar, ab.

[14] Vgl. Weber, a.a.O., 1968, S.507f.

[15] Vgl. Weber, a.a.O., 1968, S.507,508

[16] Vgl. Matthiessen, Chr.: Sozialtechnologie, in: Bausteine für eine soziale Zukunft, Freiburg i.Br. 6/1983, S.10

[17] Vgl. Weber, a.a.O., 1968, S.61,90,223,225,501,502,523

[18] Vgl. zur normativen Begründung der Wertfreiheit, die von ihren Anhängern offen eingestanden wird, Albert's Unterscheidung zwischen Objekt- und Metasprache: Albert,H.: Wertfreiheit als methodisches Prinzip, in: E.Topitsch(Hrsg.) Logik der Sozialwissenschaften, Köln 1972, S.186f.

[19] Weber, a.a.O., 1968, S. 60,159,166,499,511,599

[20] Vgl. Weber, a.a.O., 1968, S.500, 502

[21] Vgl. Weber, a.a.O., 1968, S.510ff

[22] Zitiert bei E. Topitsch: Max Weber und die Soziologie heute, in: Verhandlungen des 15. deutschen Soziologentages: Titel wie oben, herausgegeben im Auftrag der Deutschen Ge­sellschaft für Soziologie von 0.Stammer, Tübingen 1965, S.23.

[23] Vgl. Weber, a.a.O., 1968, S.166, 396f

[24] Vgl. auch Hoppe, H. H.: Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung, Opladen 1983, S.41 ff. Nach Hoppe ist Ökonomie eine 'aprioristische Handlungswissenschaft', der allerdings ebenso wie der Soziologie keinerlei prognosti­scher Geltungsanspruch zukommt.

[25] Weber, a.a.O., 1968, S.123.

[26] Weber, a.a.O., 1968, S.119.

[27] Vgl. hierzu Albert,H.: Wertfreiheit als methodisches Prinzip, in: E. Topitsch: Logik der Sozialwissenschaften, Köln 1972, S.186f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Wertfreiheit als Methodenfrage. Kritik an Max Webers Thesen
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Grundstudium)
Veranstaltung
Volkswirtschaftslehre - Interdisziplinäre Veranstaltung
Note
2,7
Autor
Jahr
1984
Seiten
14
Katalognummer
V284759
ISBN (eBook)
9783656849957
ISBN (Buch)
9783656849964
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ökonomie, Volkswirtschaftslehre, Wissenschaftstheorie, Max Weber, Soziologie, Werturteilsfrage, Werturteilsfreiheit, Normative Ökonomie
Arbeit zitieren
Diplom-Ökonom Michael Heinen-Anders (Autor), 1984, Wertfreiheit als Methodenfrage. Kritik an Max Webers Thesen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284759

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