Soziologie und Ökonomie als Sozialwissenschaften benötigen anders als die Naturwissenschaften oft Letztbegründungen. Die Frage ob dabei Werte eine Rolle spielen können ist stark umstritten. Daher wird hier das Pro- und Contra der Wertfreiheitsdebatte neu aufgerollt und analysiert.
Die an die Adresse der Methodologen gerichtete Aufforderung R.P. Harrod's "Stop talking and get on with the Job!" scheint symptomatisch für die Auffassung vieler Ökonomen zu Methodenfragen zu sein; gilt doch die Äußerung Harrods nur als Beleg eines kaum verborgenen Skeptizismus gegenüber jeder Art von inner- wie außerwissenschaftlicher Methodenkritik. Dennoch gibt es (und gab es) häufige und teils lautstark ausgetragene Diskussionen zu Grundsatzfragen. Deren Bedeutung für die Wissenschaftspraxis wird jedoch vielfach negativ eingeschätzt. Wie bedeutend Wissenschaftstheoretische Überlegungen mitunter für die Praxis sein können verdeutlicht der methodologische Beitrag H.H. Hoppes zur logischen Unhaltbarkeit der kausal-wissenschaftlichen Sozialforschung. Auch die im Folgenden diskutierte Argumentation Max Webers zur Werturteilsfreiheit und ihre Problematik hatte einschneidende Folgen für die Praxis. Ihre (weitestgehende) Durchsetzung in den Sozialwissenschaften ist eine der tragenden Säulen der Anerkennung des kritischen Rationalismus.
Ziel dieser Arbeit ist es, anhand von Max Webers Thesen zur Werturteilsfrage, zunächst deren Intentionen aufzuzeigen, um anschließend Ansätze der Kritik und Überwindungsversuche in kritischer Absicht aufzuzeigen
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wert(urteils)freiheit als Methodenfrage
2.1. Max Webers Thesen
2.2. Kritik der Thesen
2.2.1. Stegmüller
2.2.2. Habermas
2.2.3. Hofmann
2.3. Kambartels Vorschlag einer normativen Ökonomie
2.3.1. Probleme der empirisch-analytischen Ökonomie
2.3.2. Argumente für eine normative Ökonomie
3. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Postulat der Werturteilsfreiheit in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Ausgehend von den grundlegenden Thesen Max Webers analysiert die Arbeit deren methodische Intentionen, beleuchtet zentrale Kritikpunkte prominenter Denker und diskutiert alternative Ansätze wie den Vorschlag einer normativen Ökonomie.
- Max Webers Postulat der Werturteilsfreiheit als methodisches Grundprinzip.
- Kritische Auseinandersetzung mit der strikten Trennung von Sein und Sollen.
- Untersuchung der Grenzen der empirisch-analytischen Ökonomie.
- Diskussion der Möglichkeit einer wissenschaftlich fundierten, normativen Ökonomie.
- Die Rolle von Bedürfnissen und Wertentscheidungen im wissenschaftlichen Diskurs.
Auszug aus dem Buch
2.1. Max Webers Thesen
(1) Die Bereiche des Seins (der Realität) und des Sollens (der Fiktion) sind strikt voneinander getrennt. Dementsprechend gibt es zwischen ihnen (Tatsachen und Erklärungen auf der einen Seite und Wertungen auf der anderen Seite) auch keinen Übergang. Beschreibungen und Wertungen bilden voneinander grundverschiedene (vom logischen Stellenwert her gesehen) Kategorien von Aussagen.
(2) Die Wissenschaft (die sich Weber als zweckrationale Tätigkeit vorstellt) kann den Menschen nur lehren was war und was ist; und ebenfalls warum es so war und warum es so ist. Nicht hingegen kann sie ihn lehren was sein soll.
(3) Moralische Werte bilden ein Teilgebiet der Werte überhaupt; zu ihnen gehören auch 'Kulturwerte', auch nichtmoralischer Art, wie z.B. ästhetische Werte. Insbesondere für das Verhältnis von moralischer Sphäre und Tatsachensphäre gilt die, schon unter (1) angeführte, Geschiedenheit.
(4) Wegen These (1) existiert keine Möglichkeit, Werturteile aus Tatsachenfeststellungen abzuleiten, und wegen(2) auch keine Möglichkeit, sie aus wissenschaftlichen Aussagen herzuleiten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert die Bedeutung wissenschaftstheoretischer Debatten für die Praxis und legt das Ziel der Arbeit fest, Max Webers Thesen zur Werturteilsfreiheit kritisch zu hinterfragen.
2. Wert(urteils)freiheit als Methodenfrage: In diesem Hauptkapitel werden Webers Thesen systematisch dargestellt, anschließend durch verschiedene Philosophen und Sozialwissenschaftler einer kritischen Prüfung unterzogen und schließlich mit dem Gegenentwurf einer normativen Ökonomie konfrontiert.
3. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung begründet kurz den Verzicht auf eine detaillierte Kritik der Kambartelschen Position aufgrund des gesetzten Rahmens der Arbeit.
Schlüsselwörter
Werturteilsfreiheit, Max Weber, Sozialwissenschaften, empirisch-analytische Ökonomie, normative Ökonomie, Wertentscheidung, Tatsachenfeststellung, Wissenschaftstheorie, Kritischer Rationalismus, Wertkollision, Methodenkritik, Bedürfnisanalyse, Objektivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der methodologischen Frage der Wertfreiheit in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, insbesondere basierend auf dem Postulat von Max Weber.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Sein und Sollen, die Grenzen der Objektivität in der Wissenschaft sowie die Möglichkeiten einer normativen ökonomischen Theorie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Intentionen hinter Webers Werturteilsfreiheit aufzuzeigen und Ansätze zu deren Kritik und Überwindung zu untersuchen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse und Literaturkritik, bei der die Argumentationen von Weber, Stegmüller, Habermas, Hofmann und Kambartel gegenübergestellt und analysiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Weberschen Thesen, die Kritik durch verschiedene Denker und die Diskussion des Kambartelschen Konzepts einer normativen Ökonomie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Werturteilsfreiheit, Wissenschaftstheorie, normative Ökonomie, Wertentscheidung und die Trennung von Tatsachen und Werten.
Warum hält Weber die Wissenschaft für unfähig, moralische Gebote zu lehren?
Weber argumentiert, dass Wissenschaft zweckrational ist und nur Tatsachen und deren Ursachen erklären kann; moralische Werte hingegen sind nach Weber an subjektive Weltanschauungen gebunden und daher wissenschaftlich unbeweisbar.
Wie unterscheidet sich Hofmanns Sicht auf Werturteile von der Webers?
Im Gegensatz zu Weber, der Werturteile als rein subjektive Entscheidungen außerhalb der Wissenschaft sieht, betrachtet Hofmann sie als Resultate individueller Erfahrung, die durch kritische Reflexion auf ihre Übereinstimmung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit hin prüfbar sind.
- Quote paper
- Diplom-Ökonom Michael Heinen-Anders (Author), 1984, Wertfreiheit als Methodenfrage. Kritik an Max Webers Thesen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284759