Das Bruttoinlandsprodukt als Indikator für Leistung und Wohlstand

Begründung und Kritik


Hausarbeit, 2013
16 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Einleitung

B) Hauptteil
1. Grundlagen des BIP
1.1 Definition
1.2 Ermittlungsarten und Beispielrechnung
1.3 Verwendungsmöglichkeiten
2. Das BIP als Indikator für Leistung und Wohlstand
2.1 Was dafür spricht
2.2 Was dagegen spricht
3. Alternativen zum BIP

C) Schlussteil / Fazit

Quellen- und Abbildungsverzeichnis

A) Einleitung

Ist das Bruttoinlandsprodukt (im Folgenden als BIP abgekürzt) der ideale Indikator für Leistung und Wohlstand einer Volkswirtschaft? Spätestens seit der Finanzkrise 2008/09 ist das BIP wieder im Kreuzfeuer der Kritik. Dabei sind die Diskussionen um das BIP als Indikator für Leistung und Wohlstand nicht neu. Bereits in den 70er Jahren kamen durch den Club of Rome und die Autoren Nordhaus und Tobin erste Zweifel auf. Zeitgleich entstand neben der Ökonomie die sogenannte Glücksforschung, die sich Gedanken darüber machte, wie Wohlstand, Glück und Zufriedenheit im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Aktivitäten stehen.

Diese Hausarbeit soll einen Überblick darüber geben, weshalb das BIP als Indikator für Leistung und Wohlstand angezweifelt wird, und welche positiven Aspekte den Kritiken gegenübergestellt werden können. Dabei ist die Arbeit folgendermaßen gegliedert: In Kapitel 1 wird erläutert, wie das BIP definiert ist, welche Ermittlungsarten es gibt und wie es als Kennzahl benutzt wird. Im zweiten Kapitel geht es um die Befürwortung und um die Kritik am BIP als Indikator für Wohlstand und Leistung. Es wird erläutert, welche zahlreichen Pro- und Kontra-Argumente in der Literatur zum BIP zu finden sind. Im dritten und letzten Kapitel werden beispielhaft einige Alternativen zum BIP als Indikator vorgestellt und ein Resümee gezogen. Als Abschluss folgen eine Zusammenfassung und ein Fazit über die Ergebnisse der vorangegangenen Kapitel.

B) Hauptteil

1. Grundlagen des BIP

1.1 Definition

Unter dem Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP, versteht man ein Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft in einem bestimmten Zeitraum, in der Regel einem Jahr. Dabei setzt sich das BIP zusammen aus der Summe aller Güter und Dienstleistungen, die von In- und Ausländern im Inland erzeugt wurden, abzüglich der Vorleistungen.1 Es sollte beachtet werden, dass nur die Werte der Endprodukte, die Wertschöpfung, in die Berechnung mit einbezogen werden. Dabei werden diese Güter und Dienstleistungen in Werteinheiten gemessen, welche den Marktpreisen entsprechen und nicht den Faktorkosten (Herstellkosten).2 Bei dem Bruttoinlandsprodukt unterscheidet man zwischen nominalen und realen BIP. Das nominale BIP ist der Wert, welcher mit den tatsächlichen Preisen des Berechnungsjahres ermittelt wird. Das nominale BIP lässt somit keinerlei Schlussfolgerungen auf die wirtschaftliche Leistung und/oder Entwicklung des Landes zu, da es aufgrund von inflationären Preiserhöhungen nicht möglich ist vergleichbare Werte zu ermitteln. Das reale BIP dagegen wird errechnet, indem bei der Berechnung konstante, bereinigte Preise herangezogen werden. Somit kann eine Aussage über die Entwicklung der Leistung eines Landes über mehrere Jahre hinweg getroffen werden.3

1.2 Ermittlungsarten und Beispielrechnung

Bei der Berechnung des BIP gibt es drei Ermittlungsarten, mit welchen man am Ende auf das exakt gleiche Ergebnis kommt. Welche Berechnungsart man dabei wählt, ist ganz davon abhängig welche Werte man gegeben hat und was man mit der Rechnung aussagen will. Nutzt man zum Beispiel die Entstehungsrechnung, erfasst das BIP die gesamte Wertschöpfung alle hergestellten Waren und Dienstleistungen für den Endverbraucher in einem bestimmten Zeitraum bzw. die Summe aller Mehrwerte in einem bestimmten Zeitraum. Dabei kann man die Anteile erkennen, die jeder Wirtschaftszweig zum BIP beigesteuert hat, wie zum Beispiel die Dienstleistungen, das produzierende Gewerbe oder auch die Land- und Forstwirtschaft. Man sieht, wo die Wertschöpfung “entstanden“ ist.4 Die Entstehungsrechnung sieht wie folgt aus5:

Eine weitere Berechnungsmethode ist die Verwendungsrechnung, die der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage entspricht, also dem Wert aller Ausgaben.6 Im Vordergrund steht hierbei, welche Sektoren Güter und Dienstleistungen konsumiert oder investiert haben und in welcher Höhe. Dabei unterscheidet man die privaten Konsumausgaben, die staatlichen Konsumausgaben, die Bruttoinvestitionen (einschließlich der Vorratsveränderungen) und den Außenbeitrag (Export minus Import).7 Das BIP nach der Verwendungsrechnung ermittelt sich wie folgt8:

Die dritte Berechnungsmethode des BIP ist die Verteilungsrechnung. Der Ansatz dieser Rechnung ist das innerhalb einer Wirtschaftsperiode entstandene Volkseinkommen in einem Land. Dabei besteht das Volkseinkommen aus Arbeitnehmerentgelten und dem Unternehmens- und Vermögenseinkommen.9 Die Berechnung des BIP mittels der Verteilungsrechnung ist in Deutschland allerdings nicht möglich, da die Daten zum Unternehmens- und Vermögenseinkommen fehlen. In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ergibt sich das Unternehmens- und Vermögenseinkommen allerdings als Restgröße.10 Der Vollständigkeit halber möchte ich auch zeigen, wie man das BIP nach der Verteilungsrechnung ermittelt11:

1.3 Verwendungsmöglichkeiten

Das BIP wird weltweit als Indikator für wirtschaftliches Wachstum genutzt und ist somit gut dafür geeignet, das Wirtschaftswachstum über mehrere Jahre vergleichend darzustellen, solange man das reale BIP für die Darstellung nutzt.12 Des Weiteren kann das BIP Aussagen über die Konjunkturschwankungen liefern und von Regierungen genutzt werden, um ihren politischen Erfolg oder Misserfolg aufzuzeigen, bezüglich der wirtschaftlichen Leistung ihrer Volkswirtschaft.13 Darüber hinaus ist das BIP in vielen Fachbeiträgen und in der Literatur als Wohlstandsindikator bekannt, der international eingesetzt wird, um einen Wohlstandsvergleich anzustellen. Ob es allerdings der geeignetste Indikator für den Vergleich von Leistung und Wohlstand ist, soll diese Hausarbeit nun klären.

2. Das BIP als Indikator für Leistung und Wohlstand

2.1 Was dafür spricht

Für das BIP als Indikator sprechen zahlreiche Faktoren und Vorteile. Das BIP ist ein international anerkannter Schlüsselindikator für die Wirtschaft, der sich insbesondere für die kurzfristige Konjunkturanalyse etabliert hat.14 Weltweit orientieren sich sowohl Politik als auch Öffentlichkeit an ihm, um jene Fragen zu beurteilen, wie erfolgreich die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes voranschreitet und ob die jeweilige Wirtschaftspolitik in die geplante Richtung geht. Auch aus dem Grund wurde das BIP 2002 als Leitindikator in die bundesdeutsche Nachhaltigkeitsstrategie übernommen und als Bezugsgröße anderer Indikatoren wie z.B. der Energie- und Ressourcenproduktivität eingesetzt.15 Für eine stabilitätsorientierte Geldpolitik ist das BIP eine wichtige Größe, die angibt, ob sich das Produktionsniveau geändert hat.16

Ein weiterer Vorteil ist, dass die Berechnung des BIP - wie schon in Punkt 1.2 erwähnt, auf drei verschiedene Arten erfolgen kann, die alle zum gleichen Ergebnis führen. In der Literatur wird zum Teil von einer „dreifachen Buchhaltung“ gesprochen, die dem BIP eine innere Konsistenz, also Einheitlichkeit, verleiht.17 Neben der gegenseitigen Kontrolle, die eine Gewähr dafür gibt, dass das Fehlerintervall des BIP möglichst gering ist18, enthält es auch wertvolle „Einsichten in den Wirtschaftskreislauf und das Zusammenwirken der verschiedenen Marktakteure.“19 Die Messung des BIP hat auch den Vorteil, dass es unschätzbare Informationen über die „echten Werte der Güter- und Dienstleistungen“ enthält, da es sich an den Marktpreisen orientiert und somit die Präferenzen der Konsumenten widerspiegelt. Denn tatsächlich gekaufte Güter- und Dienstleistungen sind bei funktionierenden Märkten aussagekräftiger als die „Schätzungen von Zahlungsbereitschaften“. 20 Es ist frei von Werturteilen. 21

Auf Grund der eindeutig definierten Messmethodik und der Wertschöpfung als einheitlicher Wertemaßstab sind zahlreiche sowohl regionale als auch internationale Vergleiche möglich. Es wäre leichtsinnig, bei der Erfassung der Leistung und des Wohlstands einer Volkswirtschaft das BIP durch einen komplett neuen Indikator auszutauschen.22 Außerdem ist es in puncto Messaufwand ein äußerst praktisches Maß.23

Des Weiteren bestehen zwischen dem BIP und anderen Größen, wie zum Beispiel der Beschäftigungszahl, zahlreiche Wechselbeziehungen. Steigt das BIP, d. h. ein Wachstum ist zu verzeichnen, dann steigt auch die Zahl der Beschäftigten.24 Das BIP kann außerdem darüber Auskunft geben, wie stark ein Land entwickelt ist und wie sehr der technische Standard und die Arbeitsteilung fortgeschritten sind.25

Alles in allem kann man sagen, dass das BIP ein aussagekräftiger Indikator ist, der sich leicht ermitteln und kommunizieren lässt.26

2.2 Was dagegen spricht

In der Literatur gibt es zahlreiche Kritikpunkte zum BIP als Indikator für Leistung und Wohlstand einer Volkswirtschaft. Sie lassen sich insgesamt in drei Teilbereiche unterteilen: ökonomische, ökologische bzw. nachhaltige und psychosoziale Kritik.

Bei der ökonomischen Kritik geht es einerseits um den Einwand, ob wirtschaftliche oder materielle Werte den Wohlstand wirklich widerspiegeln. Andererseits gibt es eine generelle Kritik, inwiefern die materielle Seite überhaupt richtig und vollständig erfasst wird.27 Da das BIP rein auf Marktwerten basiert, werden nicht-wirtschaftliche Bereiche, die zum Wohlergehen beitragen, nicht erfasst.28 So heißt es in der Deutsche Bank-Studie „BIP allein macht nicht glücklich“, dass Indikatoren für Wohlergehen „in den meisten Ländern erheblich von den Entwicklungen des BIP abweichen.“29 Faktoren, die zur Lebensqualität beitragen, nennt beispielsweise die Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress (kurz: auch Stiglitz-Kommission genannt), die von der französischen Regierung nach der Weltwirtschaftskrise 2008/09 ins Leben gerufen wurde: Gesundheit, Bildung, persönliche Aktivitäten/Erwerbsarbeit, politische Partizipation und Rechte der Bürger, soziale Beziehungen, Umweltbedingungen und existenzielle Unsicherheit.30 Ein bedeutender Anteil der Leistungen von Gütern und Arbeit – die keinen Marktpreis haben - werden im BIP nicht erfasst, so zum Beispiel entgeltfreie Leistungen wie Erziehung, Pflege und ehrenamtliche Arbeit31, aber auch andere Bereiche des informellen Sektors wie zum Beispiel „Schattenwirtschaft“ (Schwarzhandel) und Schwarzarbeit finden im BIP keine Beachtung.

Ein weiterer großer Kritikpunkt ist, dass das BIP die Einkommensverteilung in der Bevölkerung sowie die Armut und ökonomische Sicherheit nicht berücksichtigt.32 Da wirtschaftliches Wachstum nicht gleichermaßen auf die unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten verteilt wird, kann es sowohl zu einer Verstärkung (Polarisierung) als auch zu einer Schwächung (Nivellierung) der wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede kommen.33 Für den Wohlstand ist dies ein entscheidender Faktor.

[...]


1 Vgl. Renker, Anke (2012).

2 Vgl. Widmann, Lothar (2010), S.31.

3 Vgl. Bofinger, Peter (2011), S.273.

4 Vgl. Blanchard, Olivier; Illing, Gerhard (2009), S.51.

5 Vgl. Bofinger, a.a.O., S.302.

6 Vgl. Blanchard; Illing, a.a.O., S.52.

7 Vgl. Renker, a.a.O..

8 Vgl. Statistisches Bundesamt.

9 Vgl. Bofinger, a.a.O., S.301.

10 Vgl. Statistisches Bundesamt.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. Renker, a.a.O..

14 Vgl. Braakmann, Albert (2009), S.783.

15 Vgl. Braakmann, a.a.O., S.787.

16 Vgl. Bergheim, Stefan (2006), S.9.

17 Vgl. van Suntum, Ulrich (2012), S. 21.

18 Vgl. von der Lippe, Peter Michael; Breuer, Claus Christian (2010), S.446.

19 s. Kroker, Rolf (2011), S.5.

20 Vgl. Kroker, a.a.O., S.4.

21 Vgl. von der Lippe; Breuer, a.a.O., S.449.

22 Vgl. Kroker, a.a.O., S.5.

23 Vgl. Creutzburg, Dietrich (2010), S.14.

24 Vgl. Malcher, Ingo (2012), S.103.

25 Vgl. ebd.

26 Vgl. Trares, Thomas (2011), S.5.

27 Vgl. van Suntum, a.a.O., S.20.

28 Vgl. Bergheim, a.a.O., S.2.

29 s. Bergheim, a.a.O., S.3.

30 Vgl. Braakmann, a.a.O., S.785.

31 Vgl. Pennekamp, Johannes (2011), S.15.

32 Vgl. ebd.

33 Vgl. Braakmann, a.a.O., S.784.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Bruttoinlandsprodukt als Indikator für Leistung und Wohlstand
Untertitel
Begründung und Kritik
Hochschule
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin  (Wirtschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Makroökonomie: Konjunktur und Beschäftigung
Note
1,00
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V284821
ISBN (eBook)
9783656850625
ISBN (Buch)
9783656850632
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bruttoinlandsprodukt, Wohlstandsindikator, Hausarbeit
Arbeit zitieren
Harald Wotsch (Autor), 2013, Das Bruttoinlandsprodukt als Indikator für Leistung und Wohlstand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284821

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