Vergleichende Buchrezension. Cannings "Languages of Labor and Gender" und Simontons "A History of European Women's Work"


Rezension / Literaturbericht, 2012
5 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Kathleen Canning: Languages of Labor and Gender. Female Factory Work in Germany, 1850-1914, Ithaca/London: Cornell University Press 1996, 368 S., ISBN 978-0472087662, 25,99 €.

Deborah Simonton: A History of European Women’s Work. 1700 to the Present, London/New York: Routledge Chapman & Hall 1998, 352 S., ISBN 978-0415055321, 31,99 €.

Die beiden Monographien Languages of Labor and Gender und A History of European Women’s Work beschäftigen sich innerhalb des Feldes der Arbeiterinnen- und Arbeitergeschichte mit den Aspekten von Geschlechterrollen und ihren Wechselbeziehungen zur Arbeit. Die beiden Bücher unterscheiden sich bei etwa gleichem Umfang maßgeblich in ihren Frage- und Zielstellungen. Kathleen Canning schränkt ihren Untersuchungsgegenstand auf die Arbeiterinnen der Textilbranche in Deutschland ein, Deborah Simonton verfolgt eine europäische Arbeiterinnengeschichte, die sich dabei hauptsächlich auf Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Russland und die Schweiz konzentriert. Simonton umreißt hier auch den größtmöglichen Zeitraum, indem sie die Geschichte erwerbstätiger Frauen von 1700 bis in die Gegenwart untersucht, während Kathleen Canning ihren zeitlichen Rahmen auf mehrere Jahrzehnte begrenzt und ihn auf die Jahre zwischen 1850 und 1914 absteckt.

Canning beschäftigt sich hauptsächlich mit der Fragestellung, inwiefern Geschlechterideologien in den von ihr untersuchten Textilfabriken als wesentliches Element der diversen Veränderungen im Bereich sozialer Reformen und der Politik des 19. Jahrhunderts in Deutschland zu betrachten sind. Die Fabrikarbeit von Frauen repräsentiere dabei soziale Konflikte auf mehreren Ebenen. Innerhalb der deutschsprachigen Forschung zur ArbeiterInnengeschichte sieht sie die Geschlechtergeschichte – ähnlich wie die Alltagsgeschichte – eine Außenseiterrolle einnehmen. Dagegen und gegen eine Trennung von historischen und sozialwissenschaftlichen Perspektiven will Canning mit ihrer Arbeit vorgehen. Methodisch orientiert sie sich hierbei an der Diskursanalyse und nutzt dadurch eine Vielzahl an Quellen wie etwa Beiträge in zeitgenössischen Jahrbüchern, Monographien und Zeitschriften, statistische Daten aus Jahresberichten, Briefe, Lehrverträge und viele weitere.

Deborah Simonton untersucht die Wechselwirkung von Arbeit und Geschlechterbildern europäischer Frauen vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Dabei wehrt sie sich gegen einen positivistischen Blickwinkel, der mit der Modernisierung von Arbeit auch einen kontinuierlichen Fortschritt in den Umständen der Erwerbstätigkeit von Frauen erkennen will und verweist zugleich auf die Handlungsfähigkeit der Frauen in allen beschriebenen Zeiträumen. Die mit dem europäischen Rahmen und der drei Jahrhunderte umfassenden Zeiteinteilung breit angelegte Monographie soll die Vielfalt und Komplexität der Beziehung von Frauen und Arbeit wiederspiegeln. Hierbei schreibt die Autorin explizit gegen die These eines „Goldenen Zeitalters“ der Frauenarbeit im 18. und 19. Jahrhundert an, da nicht allein der bloße Zuwachs erwerbstätiger Frauen, sondern vor allem die Arbeitsbedingungen und soziale Akzeptanz im Fokus stehen würden. Eine zentrale Fragestellung des Buches ist dabei, inwiefern bei Frauen ein sozialer Statuszuwachs durch Arbeit verzeichnet werden kann.

Cannings Languages of Labor and Gender ist in sieben weitgehend chronologische Kapitel eingeteilt, wobei sich das erste und zweite Kapitel mit den strukturellen Veränderungen der Bedeutung von Frauenarbeit, das dritte, vierte und fünfte Kapitel mit sozialen Reformen und der Fabrikarbeit von Frauen und das sechste und siebte Kapitel mit Selbstbild und Identitäten beschäftigen. Simonton teilt ihr Buch A History of European Women’s Work in drei Teile auf, die jeweils die Besonderheiten des 18., 19. und 20. Jahrhunderts der Geschichte der Frauenarbeit beschreiben.

Kathleen Canning argumentiert am Beispiel der deutschen Textilbranche im Rheinland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dass eine Industrialisierung von der Manufaktur hin zur Fabrikarbeit schrittweise und mit deutlichen regionalen Unterschieden erfolgte (Vgl. S. 48). Daher könne man auch die Frage nach der weiblichen Konkurrenz für männliche Arbeitskräfte zu dieser Zeit nur äußerst differenziert betrachten, auch wenn sich mit zunehmender Industrialisierung eine eindeutige Zunahme an Arbeiterinnen beobachten lasse. Deborah Simonton erhält ganz ähnliche Ergebnisse in Europa bereits für das 18. Jahrhundert. So wurde der Zugang zur Erwerbsarbeit für Frauen zum einen durch die Unternehmen selbst, durch die Zünfte und nicht zuletzt einer patriarchalen Bürokratie stark eingeschränkt (Vgl. S. 69). Dabei war vor allem die Frage der Ausbildung klassenabhängig, aber auch der Familienstand, die Region, Zeit und die Arbeitsbranche bestimmten, wie Frauen ihre Erwerbstätigkeit erlebten.

Die Frau als Fabrikarbeiterin sorgte Canning zufolge im späten 19. Jahrhundert für politische Debatten innerhalb der Arbeiterbewegung und als Teil der Sozialen Frage auch innerhalb der Politik. Die Autorin zeigt anschließend einige der verschiedenen Diskurse um Moral, Hygiene, Häuslichkeit, Familie und soziale Hierarchien rund um die neue gesellschaftliche Stellung der Frau als „Arbeiterin“ – nun auch außerhalb der eigenen vier Wände – auf. Vehemente Gegner der Frauenarbeit und Verfechter der althergebrachten Rollenordnung waren besonders christliche Vereine: „Social reform experts launched new empirical studies of household budgets, nutrition, illness, and infant mortality in order to determine the tangible impact of female factory labor on working class family life, thus furnishing opponents of women’s factory employment with “scientific” evidence to back up their heretofore idealistic appeals” (S. 149). Eine gemeinsame Kultur und Identität der Textilarbeiterinnen erwuchs laut Canning in erster Linie aus „discourses and structures of skill, wages, and factory regime and by distinctly gendered experiences of work, status, and power on the shop floor” (S. 321). Als besonders wichtig wird an dieser Stelle die Entwicklung der Produktionsprozesse vom Haushalt in die Fabriken sowie ein größtenteils von Männern gelenktes Aufsichtssystem in den Arbeitsstätten angeführt. Der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Arbeitskräften bestand demnach nicht nur in den Hierarchien und Aufgabenverteilungen innerhalb der Fabriken, auch architektonisch sorgten separate Eingänge und Aufenthaltsräume für Männer und Frauen für eine erkennbare Abgrenzung ihrer Arbeit.

Simonton kommt zu dem Ergebnis, dass in vielen Branchen die Arbeit der Frauen den männlichen Arbeitern untergeordnet gewesen sei und lediglich als Ergänzung fungierte (Vgl. S. 77). Die soziale Hierarchie innerhalb eines Betriebes gründete sich daher größtenteils auf die geschlechtsspezifisch getrennten Aufgabenbereiche der ArbeiterInnen. Darüber hinaus wurden Kompetenzen von Arbeiterinnen häufig negiert, etwa indem bestimmte Fähigkeiten als „weiblich“ und „naturgegeben“ betrachtet und verschiedene Arbeitsleistungen von Frauen, wie zum Beispiel das Spinnen, bereits im häuslichen Bereich unbezahlt geleistet wurden (Vgl. S. 83). Deborah Simonton diskutiert ebenfalls die Frage, inwiefern eine Technisierung von Arbeitsprozessen die Erwerbstätigkeit von Frauen beeinflusste. Sie kommt dabei zu dem Schluss, dass diese allein Frauen keineswegs von der Arbeit ausschloss, sondern sogar neue Arbeitsplätze erzeugte. Allerdings war die Aufgaben- und Wissensverteilung in den Unternehmen oftmals so gestaltet, dass Frauen die Maschinen zwar bedienen, sie allerdings nicht reparieren oder gar selbst bauen konnten. Die nach Geschlechtern getrennte Arbeit bewertet Simonton folgendermaßen: „These practices further associated men with skill and women with cheap labour“ (S. 144).

Die Bereitschaft der Arbeiterinnen, sich in den Textilgewerkschaften zu organisieren war laut Canning eher gering ausgeprägt, nicht allerdings ihre Neigung zum Streiken, wenn es ihren Zielen diente (Vgl. S. 316). An der bisherigen Forschung zur ArbeiterInnenidentität kritisiert die Autorin eine eher abgrenzende Betrachtung der Sphären „Familie“ und „Industriearbeit“, während sie selbst ausdrücklich für eine Berücksichtigung der vielen Schnittpunkte zwischen Fabrikarbeit, Familie, Nachbarschaft und Gemeinde eintritt (Vgl. S. 222). Weiterhin betont Canning, eine geschlechterspezifische Sicht auf die ArbeiterInnengeschichte würde diese vom bisher präferierten Untersuchungsgegenstand der Klasse befreien und das Forschungsfeld um neue Fragestellungen – etwa Körper, Sexualität, Hausarbeit und Wohltätigkeit betreffend – erweitern.

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Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Vergleichende Buchrezension. Cannings "Languages of Labor and Gender" und Simontons "A History of European Women's Work"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Literatur und Quellen zur Geschichte der Arbeit seit dem 19. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
5
Katalognummer
V284853
ISBN (eBook)
9783656851127
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichte der Arbeit, Kathleen Canning, Deborah Simonton, Gender, European Women's Work
Arbeit zitieren
Maxi Hoffmann (Autor), 2012, Vergleichende Buchrezension. Cannings "Languages of Labor and Gender" und Simontons "A History of European Women's Work", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284853

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