Literarischer Umgang mit Erfahrungen der Nachkriegszeit. Wolfgang Koeppens "Tauben im Gras"

Erstellen von Rollenbiographien


Unterrichtsentwurf, 2013

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einordnung der Unterrichtsstunde in die Unterrichtsreihe

2. Angestrebte Lernziele/ Kompetenzbeiträge

3. Zentrale didaktisch-methodische Begründungen

4. Literatur

5. Anhang

1. Einordnung der Unterrichtsstunde in die Unterrichtsreihe

2. Angestrebte Lernziele/ Kompetenzbeiträge

Stundenlernziel:

- Ausgehend von den einzelnen Figurenbiographien sollen die SuS erkennen, dass sich die vorgestellten Charaktere zum Figurenkreis der gescheiterten Intellektuellen zusammenfassen lassen und dieser sich von dem Figurenkreis der Gegenspieler unterscheidet.

Teilziele:

- Die SuS reaktivieren ihre Erkenntnisse aus der letzten Stunde, indem sie die entsprechenden Charaktere dem Figurenkreis der Gegenspieler zuordnen.
- Die SuS werten ihre zu Hause angefertigten Ergebnisse bzgl. der Charakterisierung bestimmter Figuren aus, indem sie in Expertengruppen Rollenbiographien zu den jeweiligen Figuren erstellen.
- Die SuS präsentieren ihre Ergebnisse, indem ein Vertreter aus jeder Gruppe die Rollenbiographie der jeweiligen Figur aus der Ich-Perspektive vorträgt.
- Die SuS stellen fest, dass die vorgestellten Figuren dem Kreis der Intellektuellen angehören, indem sie Gemeinsamkeiten und Verbindungen der jeweiligen Figuren herausarbeiten.
- Die SuS reflektieren die Methode des Verfassens einer Rollenbiographie, indem sie ihre Meinung über den Ertrag dieser Methode in Bezug auf ein besseren Verständnisses der Figuren äußern.

Kompetenzen:

Lernbereich „Umgang mit Texten und Medien“

- Die SuS können auf der Ebene des Beschreibens und Deutens von Texten ausgewählte Informationen neu anordnen und modifizieren.1
- Die SuS können Texte in eine andere Ausdrucksform bringen.2
- Die SuS können Arbeitsergebnisse und -produkte mit Hilfe von Notizen mündlich präsentieren, d.h. sach- und adressatengerecht vortragen.3

3. Zentrale didaktisch-methodische Begründungen

Die Unterrichtsreihe „Literarischer Umgang mit Erfahrungen der Nachkriegszeit – Wolfgang Koeppens Tauben im Gras“ entspricht zunächst einmal der in den Richtlinien und Lehrplänen vorgeschlagenen Sequenzbildung zum Thema „Entfremdungserfahrung im modernen Roman.“4 Im 1. Halbjahr der Jahrgangsstufe 13 soll die Zeit um 1945 näher in den Blick genommen werden und, damit zusammenhängend, ein Beispiel der Gegenwartsliteratur behandelt werden, das eine Auflösung der traditionellen Erzählmuster aufweist, sowie die Brüchigkeit der Selbst- und Fremdwahrnehmung thematisiert.5 In den „Vorgaben zu den unterrichtlichen Voraussetzungen für die schriftlichen Prüfungen im Abitur in der gymnasialen Oberstufe im Jahr 2013“6 ist daher Wolfgang Koeppens Roman Tauben im Gras (1951)7 als verpflichtende Lektüre aufgeführt.

Der vor 60 Jahren verfasste Roman irritiert den Leser bzw. die SuS zunächst nicht nur durch seine Zuordnung zur Gegenwartsliteratur, sondern vor allem durch seine außerordentliche Komplexität. In über 100 Erzählepisoden werden die Handlungen und Erlebnisse von ca. 40 Figuren innerhalb eines einzigen Tages dargestellt. Die Probleme der SuS mit der Multiperspektivität und den mehrdimensionalen Erzählstrukturen des Romans sind daher nicht verwunderlich. Um die Vielzahl von Figuren zu reduzieren und den SuS einen Überblick über die „wichtigsten“ Figuren zu ermöglichen, ist die vorliegende Unterrichtsreihe so konzipiert, dass die SuS die Figuren zunächst in zwei Figurenkreise aufteilen und diese nacheinander behandeln. In der vorangegangenen Doppelstunde wurde der Kreis der Gegenspieler erarbeitet, in der heutigen Stunde soll es um den Kreis der Intellektuellen gehen.

Um den Inhalt der heutigen Stunde besser nachzuvollziehen, sollen im Folgenden die zu behandelnden Figuren kurz vorgestellt werden.

Hier wäre zunächst die Figur des Phillip zu nennen. Philipp ist eigentlich ein Schriftsteller, der derzeit aber unter einer Schreibblockade leidet. Mögliche Gründe für seine Schreibblockade könnten die unbewältigte Vergangenheit, die trostlose Gegenwart und die perspektivlose Zukunft sein. Die Neigung, sich durch Flucht einer Situation zu entziehen, die verantwortliches und entschiedenes Handeln erfordert, ist ein wesentliches Merkmal seines Charakters.8

Emilia, Philipps Ehefrau, ursprünglich vom guten Stande, hat während des Krieges ihr gesamtes Erbe verloren. Um aus dieser Realität zu fliehen, verliert sie sich regelmäßig in Alkoholexzessen. Außerdem wirft sie Philipp vor, nicht genügend Geld zu verdienen, um ihr ein angemessenes Leben zu ermöglichen.9

Das erfolgreiche Gegenstück zu Philipp stellt der aus den USA stammende, aber sich dem europäischen Abendland zugehörig fühlende Schriftsteller Edwin dar. In den Abendstunden hält Edwin einen Vortrag über die Unvergänglichkeit des europäischen Geistes, obwohl er eigentlich weiß, dass er keine Botschaft für die vom Krieg traumatisierten Menschen hat.10

Ein weiteres Mitglied der Gruppe der Intellektuellen ist Alexander. Dieser kann als egozentrischer Schauspieler bezeichnet werden, der sehr erfolgreich in der Rolle als österreichischer Erzherzog ist, als Familienvater jedoch gänzlich versagt.11 Des Weiteren steht sein Ruhm als Schauspieler in einem engen Kontrast zu seinem wahren Naturell, das eher müde und abgekämpft ist.

Alexanders Ehefrau Messalina, scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, exzessive Feiern zu organisieren. Ihre freizügige Redensart und ihre sexuellen Anspielungen charakterisieren sie als oberflächliche, grenzüberschreitende Person, die in ihrer Kindheit jedoch ein sehr schüchternes Mädchen war.12

Da es sich bei dem zu zeigenden Deutschkurs um einen Grundkurs handelt und daher nur drei Unterrichtsstunden pro Woche zur Verfügung stehen, werden die vorgestellten Figuren aus Gründen der Zeitersparnis und der Effizienz arbeitsteilig erarbeitet. Bereits in der letzten Doppelstunde hatte sich gezeigt, dass die SuS durch die arbeitsteilige Erarbeitungsphase umso aufmerksamer in der Präsentationsphase waren, da die Ergebnisse der anderen Expertengruppen für ihr eigenes Verständnis des Romans von großer Bedeutung waren. Zusätzlich zeigte sich, dass die häusliche Vorbereitung der SuS bezüglich Ihrer Figur den Erarbeitungsprozess sowohl erleichterte als auch beschleunigte, da die Analyse schon zu Hause geschehen war und sich die SuS nun ganz auf die Auswertung konzentrieren konnten. Aus diesen Gründen geht auch die heutige Stunde von der häuslichen Vorarbeit der SuS aus und hat die Auswertung der Ergebnisse in den Expertengruppen und anschließend im ganzen Plenum zum Ziel.

Ein besonderes Merkmal der heutigen Stunde ist zudem die Aufgabe des Erstellens einer Rollenbiographie. Diese Schreibaufgabe, auch wenn sie nur in Stichpunkten anzufertigen ist, entspricht dem Konzept des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts. Letzterer ist als ein offener, schülerorientierter und ganzheitlicher Unterricht zu verstehen, der die SuS zur selbstständigen Mitarbeit auffordert.13 Durch das handelnde Agieren und das produktive Agieren soll der Schüler bzw. die Schülerin in einen engen und intensiven Kontakt mit dem Text treten und dazu angeregt werden, sich eine eigene, lebendige Vorstellung des literarischen Werkes zu machen.14

Das Verfassen einer Rollenbiographie, mit deren Hilfe sich die SuS intensiv in eine literarische Figur hineinversetzen und ihre Gefühle, Gedanken und Sichtweisen nachvollziehen können, stellt eine Form des textbezogenen, gestaltenden Schreibens dar. Diese gestaltende Erschließung des Textes betont laut Gisela Beste die aktive und schöpferische Rolle des Lesers, der sich mit Hilfe seiner Vorstellungskraft in eine fremde Perspektive hineinversetzt und dadurch zu einem besseren Verständnis des literarischen Textes insgesamt gelangt.15 Dabei ist es wichtig zu betonen, dass dem gestaltenden Schreiben unbedingt eine Phase der Textuntersuchung vorausgeht, um den literarischen Text als zentralen Gegenstand nicht aus den Augen zu verlieren und der Gefahr zu entgehen, die produktionsorientierte Methode zu verabsolutieren.16

Für die heutige Stunde hat diese genaue Untersuchung des Textes bereits in häuslicher Arbeit stattgefunden. Am Ende der Stunde wird außerdem der Ertrag dieser Methode zur Diskussion gestellt, sodass den SuS klar wird, warum gerade in dieser Situation das Verfassen einer Rollenbiographie einen Erkenntniswert hat. Eine Verabsolutierung des Methodischen dürfte somit verhindert werden.

[...]


1 Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Sekundarstufe II. Gymnasium/Gesamtschule. Deutsch. Richtlinien und Lehrpläne. Frechen: Ritterbachverlag 1999. S. 20.

2 Ebd.

3 Vgl. Richtlinien und Lehrpläne. S. 29.

4 Vgl. Richtlinien und Lehrpläne. S. 62.

5 Ebd.

6 Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): „Vorgaben zu den unterrichtlichen Voraussetzungen für die schriftlichen Prüfungen im Abitur in der gymnasialen Oberstufe im Jahr 2013“. In ders.: Abitur Gymnasiale Oberstufe. Deutsch. http://www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/abitur-gost/fach.php?fach=1 (zuletzt abgerufen am 23.11.12).

7 Zur vorliegenden Ausgabe des Romans Vgl. Koeppen, Wolfgang: Tauben im Gras. 38. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2012.

8 Vgl. Reisner, Hanns-Peter: Wolfgang Koeppen. Tauben im Gras. Stuttgart: Klett 2009. S. 57.

9 Tholen, Carmen: AbiBox. Wolfgang Koeppen. Tauben im Gras. Lehrermappe. Hannover: Brinkmann Meyhöfer 2011. S. 9.

10 Vgl. Reisner. Wolfgang Koeppen. S. 85.

11 Vgl. Diekhans, Johannes (Hrsg.): Einfach Deutsch. Wolfgang Koeppen. Tauben im Gras. Paderborn: Schöningh 2009. S. 10.

12 Vgl. Reisner. Wolfgang Koeppen. S. 64.

13 Vgl. Spinner, Kaspar H: Handlungs- und produktionsorientierte Verfahren im Literaturunterricht. In: Kämper-van den Boogart, Michael (Hrsg.): Deutsch Didaktik. Leitfaden für die Sekundarstufe I und II. 2. korr. u. erw. Aufl. Berlin: Cornelsen Scriptor 2003. S. 178.

14 Vgl. Haas, Gerhard: Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht. Theorie und Praxis eine „anderen“ Literaturunterrichts für die Primar- und die Sekundarstufe. 9. Aufl. Seelze: Klett und Kallmeyer 2011. S. 44.

15 Vgl. Beste, Gisela: „Lesen als Erschließung literarischer und pragmatischer Texte.“ In: Beste, Gisela (Hrsg.): Deutsch Methodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II. 4. Aufl. Berlin: Cornelsen 2011. S. 51.

16 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Literarischer Umgang mit Erfahrungen der Nachkriegszeit. Wolfgang Koeppens "Tauben im Gras"
Untertitel
Erstellen von Rollenbiographien
Hochschule
Studienseminar für Lehrämter an Schulen Detmold
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
10
Katalognummer
V284862
ISBN (eBook)
9783656847632
ISBN (Buch)
9783656847649
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
literarischer, umgang, erfahrungen, nachkriegszeit, wolfgang, koeppens, tauben, gras, erstellen, rollenbiographien
Arbeit zitieren
I. Meyer (Autor:in), 2013, Literarischer Umgang mit Erfahrungen der Nachkriegszeit. Wolfgang Koeppens "Tauben im Gras", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284862

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Literarischer Umgang mit Erfahrungen der Nachkriegszeit. Wolfgang Koeppens "Tauben im Gras"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden