Seit Hegel und Marx ist 'Dialektik' zu einem Schlüsselbegriff modernen Philosophierens geworden: kaum ein Autor, der sich nicht in irgendeiner Weise zu diesem Thema äußert. Dabei polarisiert dieser Begriff oder vielmehr das methodische Vorgehen, das er bezeichnet, wie nur wenige sonst. Von den einen als Alleinherrscherin im Reich des Denkens, als einzig fähiges und gültiges Mittel zur Erklärung von Welt, Geschichte und/oder Gesellschaft angesehen und mit fast magischen, heilsrelevanten Kräften ausgestattet, sehen die Gegner der Dialektik - um nur die Extrempositionen zu nennen - in ihr ein esoterisches, auf einem Totalitätsmythos aufgebautes dogmatisches System, das sich durch seine Begriffskonstrukte und -unterschiebungen, vor allem die Flucht in den Widerspruch, gegen jede Kritik von außen immunisiere, damit der Manipulierbarkeit der Wahrheit Tür und Tor öffne und zum Mißbrauch durch totalitäre Ideologien geradezu einlade (so z.B. Topitsch oder Popper ). Seit dem Ende der totalitären 'sozialistischen' Staaten in Osteuropa zwar etwas in Mißkredit geraten, schmückt sich doch noch manches Feuilleton, mancher (populär-)intellektuelle Diskurs mit einem eingestreuten 'Dialektik/dialektisch' als Schlagwort. (Sogar Bücher wie 'Dialektik für Manager' sind auf dem Markt.)
Daß die Hegelsche oder Marxsche/marxistische Ausprägung der Dialektik, die letztendlich Karriere gemacht hat (in welch mißverstandener oder verunstalteter Form auch immer), nur eine Konzeption ist, die sich in der Geschichte dieses Begriffs erst relativ spät herausgebildet hat und mit früheren und den frühesten Ansätzen fast nichts mehr zu tun hat, soll in dieser Arbeit gezeigt werden, indem markante Positionen in der philosophiegeschichtlichen Formung dieses Terminus dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1) Platon
2) Mittelalter: Dialektik als ars liberalis
2. 1) Hintergrund: Dialektik bei Aristoteles
2.2) Überblick: Dialektik im Mittelalter
2.3) Die Dialektik als eine der septem artes liberales
3) Kant
3. 1) Der Übergang zur Neuzeit
3.2) Kants 'transzendentale Dialektik
4) Hegel
4. 1) Die Probleme in Kants Ansatz für dessen Epigonen
4.2) Die Hegelsche Dialektik
5) Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung und philosophische Ausformung des Dialektik-Begriffs. Dabei wird aufgezeigt, dass der heute dominierende, oft hegelianisch geprägte Dialektik-Begriff nur eine spezifische, spät herausgebildete Konzeption ist, die sich wesentlich von den antiken und mittelalterlichen Ansätzen unterscheidet.
- Analyse der Dialektik-Konzeption bei Platon in Abgrenzung zur Sophistik.
- Untersuchung der Dialektik als ars liberalis im Mittelalter mit Fokus auf Aristoteles.
- Kritische Aufarbeitung der Kantschen transzendentalen Dialektik und deren Bedeutung für die Autonomie des Subjekts.
- Darstellung der Hegelschen Dialektik als Prozess der Selbstbewegung der Wirklichkeit und des Geistes.
- Diskussion des Begriffs in der Moderne sowie Ausblick auf antidialektische Strömungen.
Auszug aus dem Buch
1) Platon
Platon entwirft seine Dialektik in Abgrenzung zu den Sophisten. Diese hatten, aufbauend auf dem gewöhnlichen Gespräch (διάλεκτος), eine Kunst der Gesprächsführung (διαλεκτική τέχνη bzw. επιστήμη) entwickelt, die als methodische Vorbereitung auf die spätere Praxis des Rhetors dienen sollte - Wissen, das sie gegen Honorar an Schüler weitervermittelten.
Wie die Sophisten verfolgt auch Platon bei der Konzeption seiner Dialektik ein praktisches Interesse, jedoch ein ganz anders geartetes als erstere, was ihn zu klarer, oft polemischer Distanz zu diesen nötigt. In den Dialogen mit den sophistischen Größen seiner Zeit läßt Platon Sokrates immer wieder den Unterschied seiner sachlichen Gesprächsführung (διαλέγεσθαι) von der sogenannten Redekunst (κaλoυµένη 'ρητορική) der Sophisten betonen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Problematik des Dialektik-Begriffs und dessen Polarisierung in der modernen Philosophiegeschichte.
1) Platon: Darstellung von Platons Dialektik als Methode der Erkenntnis des Wahren im Gegensatz zur eristischen Redekunst der Sophisten.
2) Mittelalter: Dialektik als ars liberalis: Analyse der aristotelischen Prägung der Dialektik und ihrer Rolle als eine der sieben freien Künste im mittelalterlichen Bildungssystem.
2. 1) Hintergrund: Dialektik bei Aristoteles: Untersuchung der aristotelischen Topik als Methode der kritischen Überprüfung wahrscheinlicher Meinungen.
2.2) Überblick: Dialektik im Mittelalter: Betrachtung der begrifflichen Verschiebungen zwischen Dialektik und Logik im mittelalterlichen Trivium.
2.3) Die Dialektik als eine der septem artes liberales: Einordnung der Dialektik in den Kanon der freien Künste und deren propädeutische Funktion.
3) Kant: Untersuchung von Kants Kritik an der traditionellen Dialektik und seiner Konzeption der transzendentalen Dialektik.
3. 1) Der Übergang zur Neuzeit: Überblick über die neuzeitliche Kritik an der scholastischen Dialektik von Bacon bis Descartes.
3.2) Kants 'transzendentale Dialektik': Analyse von Kants Projekt einer 'Kritik des dialektischen Scheins' als Grenze der reinen Vernunft.
4) Hegel: Untersuchung der Hegelschen Dialektik als spekulativer Prozess und Aufhebung der Kantschen Dualismen.
4. 1) Die Probleme in Kants Ansatz für dessen Epigonen: Diskussion der idealistischen Kritik an Kants Dualismus und dem Streben nach einem Einheitsprinzip.
4.2) Die Hegelsche Dialektik: Erläuterung der Dialektik als Selbstbewegung der Wirklichkeit und des Absoluten.
5) Ausblick: Kritische Reflexion des Dialektik-Begriffs in der Moderne und Gegenentwürfe in der Postmoderne.
Schlüsselwörter
Dialektik, Platon, Aristoteles, Kant, Hegel, transzendentale Dialektik, Vernunft, Philosophiegeschichte, ars liberalis, Widerspruch, Aufklärung, Metaphysik, Identität, Negation, Subjektivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den historischen Wandel und die unterschiedlichen theoretischen Ausprägungen des Dialektik-Begriffs von der Antike bis zur Moderne.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die platonische Dialektik, die aristotelische Topik im Mittelalter, Kants transzendentale Dialektik und Hegels spekulative Dialektik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass der heute verbreitete Dialektik-Begriff eine relativ späte, hegelianisch geprägte Entwicklung ist, die sich von ursprünglichen, methodischen Ansätzen unterscheidet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophiegeschichtliche Analyse, die markante Positionen der Dialektik kritisch gegenüberstellt und auf ihren jeweiligen Kontext prüft.
Was wird im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Transformation der Dialektik vom antiken Dialegesthai über die mittelalterliche ars liberalis bis hin zur modernen Kritik bei Kant und der Ausgestaltung bei Hegel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Dialektik, transzendentale Dialektik, Vernunft, spekulative Philosophie, Identität und Negation.
Wie unterscheidet sich Platons Dialektik von der Eristik der Sophisten?
Während die Sophisten Dialektik als rhetorisches Werkzeug zur Manipulation und zum Sieg im Streit nutzten, zielt Platon auf die Erkenntnis des Wesens (der Ideen) und die Wahrheit ab.
Warum kritisiert Kant die traditionelle Dialektik?
Kant kritisiert sie als 'Logik des Scheins', da sie Begriffe ohne Anschauung verwendet und zu unauflösbaren Widersprüchen führt, statt Erkenntnis über den Inhalt zu vermitteln.
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- Thomas Keith (Author), 1997, Der Terminus 'Dialektik' bei Kant und in der Philosophiegeschichte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28494