Derzeit sorgt ein kleines deutsches Unternehmen für Aufsehen: Es plant, die komplette englischsprachige Wikipedia auszudrucken und zu Demonstrationszwecken in Buchform zu veröffentlichen. Diese Printausgabe wird 1000 Bände umfassen. Jeder Band besteht aus 1200 Seiten. (www.beyond-print.de)
Vergleicht man dieses Werk mit anderen Enzyklopädien, wird das Ausmaß erst richtig deutlich. So umfasst die Brockhaus-Enzyklopädie gerade mal 30 Bände mit jeweils ca. 800 Seiten. Während Encyclopaedia Britannica ungefähr 120.000 und die Brockhaus Enzyklopädie sogar etwa 300.000 Einträge beinhalten, besteht die englischsprachige Version der Wikipedia aus ca. 4,3 Millionen Einträgen.
Die Wikipedia ist quantitativ das Maß aller Dinge. Hier findet man geballtes Wissen aus nahezu jedem Bereich, der interessant sein könnte. Noch dazu ist dieses Wissen gratis und jederzeit und überall verfügbar. Insgesamt wirkten mehr als 20 Millionen Autoren an der Entstehung dieses umfangreichen Nachschlagwerkes mit.
Und genau das ist auch der Knackpunkt der Wikipedia. Wenn so viele Autoren daran arbeiten, stellt sich die Frage, wie zuverlässig die Wikipedia eigentlich ist. Denn was bringt eine riesige Menge an Information, wenn man sich auf diese nicht verlassen kann? Im Zeitalter des „Web 2.0“ ist es enorm wichtig geworden, Schülern ein hohes Maß an Medienkompetenz zu vermitteln, denn nur so kann sichergestellt werden, dass zuverlässige Informationen für das wissenschaftliche Arbeiten herangezogen werden. Daher muss überprüft werden, ob gerade diese umfangreiche und leicht erreichbare Quelle den Ansprüchen der Wissenschaft gerecht wird.
Die Grundlagen für eine wissenschaftliche Arbeitsweise werden in hohem Maße in der gymnasialen Oberstufe gelegt. Hier lernen Schüler, sich kritisch, wissenschaftlich und selbstständig mit Themen auseinanderzusetzen, was ihnen für ein späteres Studium zu Gute kommt. Gerade hier ist es also wichtig, die Weichen so zu stellen, dass Medienkompetenz und Wissenserwerb so gefördert werden, dass später an der Universität keine Probleme entstehen.
Diese Arbeit soll aufzeigen, inwiefern die Wikipedia insbesondere im Bereich der Oberstufe für die wissenschaftliche Arbeit ein geeignetes Medium ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Bildungswissenschaftlicher Rahmen
2.1 Selbstgesteuertes Lernen im schulischen Kontext
2.2 Konstruktivismus als Grundlage selbstgesteuerten Lernens
3 Anforderungen an Schüler
3.1 Medienkompetenz im Zeitalter des Web 2.0
4 Kriterien für Quellen im Schulgebrauch
4.1 Formale Kriterien für zulässige Quellen
4.2 Inhaltliche Kriterien für die Verlässlichkeit von Quellen
5 Über die Wikipedia
5.1 So funktioniert die Wikipedia
5.2 Kritik an der Wikipedia
5.3 Vorteile der Wikipedia
6 Praktische Umsetzung im Schulalltag
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die Wikipedia als Medium für wissenschaftliches Arbeiten in der gymnasialen Oberstufe in Nordrhein-Westfalen geeignet ist, und leitet daraus Empfehlungen für den Unterricht ab.
- Verortung der Wikipedia im Konzept des selbstgesteuerten Lernens und Konstruktivismus.
- Anforderungen an die Medienkompetenz im Kontext des Web 2.0.
- Definition wissenschaftlicher Kriterien für die Quellenbewertung in der Schule.
- Analyse der Funktionsweise, Kritikpunkte und Vorteile der Wikipedia.
- Konkrete didaktische Szenarien für die Integration der Wikipedia in den Schulalltag.
Auszug aus dem Buch
5.2 Kritik an der Wikipedia
Beyersdorff (2011) nennt eine Reihe von Punkten, die Kritiker an der Wikipedia auszusetzen haben. So laufen Wissensaushandlungsprozesse nicht immer fair ab, sondern bestehende Hierarchien verhindern, dass alle Autoren gleich viel Mitspracherecht haben. Das liegt mitunter daran, dass sich einige Autoren durch ihre langjährige Partizipation in der Gestaltung des Online-Nachschlagewerks einen gewissen sozialen Status innerhalb der Wikipedia Gemeinschaft erarbeitet haben, welcher sich wie eine soziale Schließung gegenüber neuen Autoren auswirkt, welche im Wissensaushandlungsprozess kaum Gehör finden. Das führt teilweise so weit, dass Autoren, die mit der Meinung der etablierten Mehrheit nicht konform gehen, so lange ausgegrenzt und provoziert werden, bis sie ausfallend werden und damit den Grund liefern, dass man ihr Nutzerkonto sperren kann. Es hat sich also auch in der Wikipedia ein gewisses Machtgefüge gebildet, welches Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung der Diskurse nimmt.
Ein weiterer Kritikpunkt an der Wikipedia bezieht sich auf den Selbstanspruch, eine Enzyklopädie zu sein. Dieser sei irreführend, weil mit dem Begriff ein gewisses Maß an Verantwortung für die Inhalte verbunden sei. Diese Verantwortung nehme die Wikipedia aber nicht wahr. Das liegt einerseits daran, dass die Wikipedia sich nicht als verantwortlicher Herausgeber sieht und darstellt und andererseits, dass es jedem Autoren möglich ist, sich vollkommen anonym an der Wikipedia zu beteiligen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die enorme quantitative Bedeutung der Wikipedia und wirft die zentrale Forschungsfrage nach deren Zuverlässigkeit und Eignung für das wissenschaftliche Arbeiten in der gymnasialen Oberstufe auf.
2 Bildungswissenschaftlicher Rahmen: Dieses Kapitel verortet das Thema im bildungswissenschaftlichen Kontext des selbstgesteuerten Lernens und legt dar, wie der pädagogische Konstruktivismus als theoretische Basis für individuelles Lernen dient.
3 Anforderungen an Schüler: Hier wird der Wandel der Schule hin zu einem Ort selbstständigen Lernens beschrieben und die Bedeutung der Medienkompetenz im Zeitalter des Web 2.0 für Schüler der Sekundarstufe II hervorgehoben.
4 Kriterien für Quellen im Schulgebrauch: Es werden formale und inhaltliche Qualitätsmerkmale definiert, die für eine wissenschaftliche Quellenbewertung unerlässlich sind, um Schüler auf die Anforderungen des Hochschulstudiums vorzubereiten.
5 Über die Wikipedia: Dieses Kapitel analysiert die Funktionsweise der Plattform sowie die kontroversen Debatten hinsichtlich der Vorteile und der berechtigten Kritikpunkte an der Wikipedia.
6 Praktische Umsetzung im Schulalltag: Auf Basis der vorangegangenen Analysen werden konkrete didaktische Möglichkeiten aufgezeigt, wie die Wikipedia konstruktiv und kritisch in den Unterricht integriert werden kann.
7 Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Wikipedia bei verantwortungsbewusstem Umgang eine wertvolle Ressource für den Unterricht darstellen kann, sofern die notwendige Medienkompetenz zur Quellenkritik vermittelt wird.
Schlüsselwörter
Wikipedia, Medienkompetenz, gymnasiale Oberstufe, selbstgesteuertes Lernen, Konstruktivismus, Web 2.0, Quellenkritik, Wissensaushandlung, schulisches Lernen, Unterrichtsmethodik, Informationsbeschaffung, Medienpädagogik, digitale Medien, wissenschaftliches Arbeiten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie die Wikipedia als Online-Enzyklopädie sinnvoll und fachgerecht in den Unterricht der gymnasialen Oberstufe in NRW eingebunden werden kann.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Zentrale Themen sind die Förderung von Medienkompetenz, der pädagogische Konstruktivismus, die Kriterien für wissenschaftliche Quellen und die kritische Auseinandersetzung mit user-generierten Inhalten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass die Wikipedia trotz ihrer Nachteile bei richtiger methodischer Einbettung eine wichtige Rolle beim Erwerb wissenschaftlicher Arbeitsweisen spielen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wurde gewählt?
Es handelt sich um eine bildungswissenschaftliche Analyse, die theoretische Grundlagen des Lernens mit aktuellen Anforderungen an Schüler verknüpft und diese auf die praktische Nutzbarkeit der Wikipedia anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Rahmung, die Herleitung von Bewertungskriterien für Quellen, eine kritische Analyse der Wikipedia sowie die Ableitung von praktischen Unterrichtsbeispielen.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Argumentation?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Medienkompetenz, selbstgesteuertes Lernen, Wissensaushandlungsprozesse und Quellenvalidität.
Warum ist die Wikipedia für die Oberstufe besonders relevant?
Sie bietet einen einfachen und aktuellen Einstieg in komplexe Themengebiete und kann durch ihre Literaturverzeichnisse die wissenschaftliche Recherche erleichtern.
Welche Rolle spielt die Oxford-Studie in der Argumentation?
Sie wird angeführt, um zu verdeutlichen, dass die Qualität der Wikipedia-Artikel in bestimmten Bereichen durchaus mit klassischen Enzyklopädien vergleichbar oder diesen sogar überlegen sein kann.
Was ist die Kernbotschaft für Lehrer im Umgang mit Wikipedia?
Die Arbeit empfiehlt, die Wikipedia nicht zu verbieten, sondern den konstruktiven und kritischen Umgang mit ihr als Lernziel zu begreifen, um Schüler auf die Anforderungen wissenschaftlicher Arbeit vorzubereiten.
- Quote paper
- Arne Gies (Author), 2014, Wie lässt sich die Wikipedia optimal in die gymnasiale Oberstufe in NRW integrieren?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284947